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Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band

Wilhelm Zimmermann: Geschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorWilhelm Zimmermann
titleGeschichte des großen Bauernkriegs. Zweiter Band
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunNeue ganz umgearbeitete Auflage
year1856
firstpub1843
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180125
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148

Neuntes Kapitel.

Anfang der Bewegung im Württembergischen.

Es war jener Knecht Dietrich Weilers, Marx Hengstein, der die erste Kunde von den Scenen zu Weinsberg nach Backnang brachte; er hatte sich, wie ein anderer Knecht, der dem Probst von Backnang zugehörte, so abgelaufen, daß er nicht weiter kommen konnte; des Probsts Vikar brachte die Schreckensbotschaft weiter nach Stuttgart, wo gerade die Landschaft versammelt war. Die Landschaft schickte unmittelbar darauf an die Bundesräthe nach Ulm, um Anzeige der neueren Vorfälle zu machen, und um Hülfe zu bitten. Die Bundesräthe erwiderten, sie tragen großes Mitleid über das Unglück, welches das Land betroffen habe, aber an Allem sei der Erzherzog, die Regierung und die Landschaft selbst Schuld; es sei unverantwortlich, wie nachlässig, langsam und unvorsichtig bisher von ihnen gehandelt worden sei. Nach der Bundeseinung habe jeder Bundesstand seine Festungen und Städte selbst gehörig zu besetzen, in Württemberg aber sei kein einziges Schloß zur Gegenwehr besetzt. Man habe schon seit langer Zeit gewußt, daß die hohenlohischen Bauern im Aufstand seien, und daß dieser Bauernhaufe seinen Kopf nach dem Fürstenthum wende, man habe aber nicht einen Mann bestellt, die Grenzen zu decken, selbst das Schloß Weinsberg sei weder im Gebäu noch mit Besatzung in wehrhaftem Zustand gewesen. Nun verlange man eilige Hülfe von dem Bunde, der aber könne ohne eigene große Gefahr sein Kriegsvolk in Oberschwaben nicht trennen und schwächen. Oesterreich habe bisher nichts gethan, was ihm als Bundesstand obgelegen wäre. Selbst das beim Bundesheer stehende erzherzogliche Kriegsvolk habe noch bei 6000 Gulden Sold zu fordern, und könne von der Durchlaucht kein Geld bekommen. Wenn der Erzherzog nicht mehr dazu thue, so werde man zuletzt mit Spott, Schimpf und Schanden aus dem Felde ziehen müssen. Was der Bund für das verlassene und bedrängte Fürstenthum thun könne, sei allein, daß Jörg Truchseß, sobald er vorerst mit Oberschwaben fertig sei, alsdann auch Württemberg zuziehen werde. Stuttgarter Staatsarchiv.

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Es war ganz wahr, das Fürstenthum Württemberg befand sich im hülflosesten Zustand, die wenigen Anordnungen zur Gegenwehr waren über alle Begriffe unzulänglich. Der Erzherzog selbst war nicht im Lande; was er an Kriegsvolk auftreiben konnte, hatte er seinem Bruder nach Italien schicken müssen. Die Landeskassen waren alle erschöpft, besonders auch durch die Anstalten, die man gegen Herzog Ulrich aufrecht halten mußte; die Unterthanen selbst waren größtentheils so unzufrieden, daß man ihnen nicht viel trauen konnte. Im Februar und später ergingen zwar von Stuttgart aus die geschärftesten Befehle an alle Grenzbeamte, dem bedrohlichen Eindringen der Hegauer, sowie den schenkischen und gmündischen Bauern standhaft zu begegnen; alle Prälaten und Klosterämter wurden angewiesen, bei den gefährlichen Läufen, die sich nicht nur gegen den heiligen Glauben, sondern auch sonst gegen alle Obrigkeit zeigen, Gebete und göttliche Aemter anzustellen, damit Gott die heilige christliche Kirche und alle Obrigkeit erhalte, und Frieden schenke. Zugleich erhielten die Obervögte nebst den im Dienst stehenden Rittern und Provisionern die gemessensten Befehle, sich den Empörern entgegenzustellen und alle Verbindung der Unterthanen mit den fremden Aufrührern zu verhüten. Daß aber Kriegsvolk ins Fürstenthum komme, dafür sorgte man nicht, es war ganz entblöst; selbst während man kaum die nöthige Mannschaft zu dem anbefohlenen Zug des schwäbischen Bundes auftreiben konnte, sollten dem Erzherzog in der Schnelle 30 ausgerüstete Reisige aus dem Württembergischen zugeschickt werden, um sie nach Mailand abzugeben, und voll Unmuth schrieb Herr Georg Truchseß an seinen Vetter, den Statthalter, es wäre wohl nöthiger, Pferde nach Württemberg hereinzuschicken. Die Landschaft stellte wiederholtes dringendes Gesuch an Ferdinand, sich des Landes anzunehmen, da man von allen Seiten her von aufrührerischen Bauern überzogen zu werden fürchten müsse, eine hinreichende Anzahl Kriegsvolk zu schicken, und in eigener Person nur nach Ulm wenigstens herauszukommen, er sei ja der Gubernator des Reichs, und ohne fremdes Kriegsvolk könne den unverschämten Reden der Leute nicht begegnet werden; mit Herzog Ulrich möchte er sich auf irgend eine Art vertragen, damit man der großen Sorgen und Kosten frei werde; auch rathen sie, den Doktor Mantel frei zu lassen, denn das Anhalten um ihn könnte leicht so 150groß werden, daß man ihn doch frei geben müßte; man könne ihn ja Urfehde schwören lassen, das Fürstenthum zu meiden. Schreiben vom 30. März und 2. April.

Aber die Landschaft konnte nichts erhalten als wiederholte Vertröstungen, daß bereits alle Anordnungen getroffen seien, um dem Fürstenthum mit Kriegsvolk zu Hülfe zu kommen; sie möchten sich indeß nur standhaft und wie fromme Leute halten. Er selbst möge jetzt mit keinem Fuß aus Tyrol hinaus kommen, aber er sei in Handlung mit etlichen Fürsten, zu Sicherung des Landes Württemberg.

Es hatte dies seine Richtigkeit. Von der österreichischen Regierung wurde wegen eines gemeinschaftlichen kräftigen Widerstandes gegen die aufgestandenen Bauern mit Kurpfalz, Baden, Hessen und Trier ein kleiner Congreß zu Moosbach eingeleitet, wobei vorzüglich der Kurfürst Ludwig von der Pfalz der Regierung in Stuttgart die nachdrücklichste Hülfe zusagte, aber die in seinem eigenen Lande ausbrechenden Unruhen machten ihm vorerst die Erfüllung unmöglich.

Und schon fing sich das Württemberger Land selbst an zu bewegen, und zwar auf eine Weise, die der österreichischen Regierung besonders unheimlich sein mußte, wegen des Manns von Twiel, des vertriebenen Herzogs.

Die Uracher, Münsinger und Blaubeurer Alp waren unter den ersten, die in Bewegung kamen; zu gleicher Zeit regte sich das Balinger Amt und die Rosenfelder. Die Letztern waren auch im Dezember vorigen Jahrs und im letzten Februar und März die unruhigsten gewesen, mit den Tuttlingern und allen Dörfern um Schwenningen. Wie man hier reden hörte, es thu kein Gut, die Herren werden dann zu todt geschlagen, so hatten sich auch heimliche Verbrüderungen gebildet, die durch des Vogtes Abmahnung »sie seien zu ring, gegen gemeine Landschaft kaum ein Flederwisch« sich nicht abthätigen ließen. Die Bauern im Balinger Amt vereinigten sich zur selben Zeit, als die Haufen von Baltringen, vom See und im Hegau wieder in Bewegung kamen, mit den Rosenfeldern, bedrohten die Amtsstadt Balingen, »und weberten ringsweis wider und für.« Ihre Hauptleute waren der Pfarrer von Digisheim und der Frühmesser von Dürrwangen. Hug Werner von Ehingen, der Obervogt, hatte es schwer, die Stadt zu halten, da er seinen eigenen 151Leuten nicht ganz traute. »Ich habe keine Gewalt mehr, ich darf keine mehr fahen, ich muß besorgen sie laufen zusammen,« schrieb er. Auf der Uracher Alp, wo es seit dem armen Conrad nicht geheuer war, waren schon zu Anfang Februars gegen 400 Bauern zusammen getreten und hatten beschlossen, keinen kleinen Zehnten mehr zu geben, Niemand eigen zu sein, keinen Herrendienst mehr zu leisten, jeden gegen die Gewaltthaten der Herren zu schützen, und Schlösser und Klöster abzuthun. Man habe, sagten sie, viele Bundes- und andere Tage gehalten, und nie einen Bauern dazu berufen; nun sei's an ihnen, sie wollen tagen und rathschlagen, aber keinen Herrn noch Edelmann dazu nehmen. So berichtete Leonhard von Stain an die Regierung unterm 5. Februar 1525. In der Mitte des März waren die Bauern von Ebingen und Münsingen in Bewegung, die Uracher Alp schloß sich daran, und die Bewegung setzte sich bis in das Lenninger Thal hinab fort. Bericht des Stadtschreibers von Urach, vom 19. März. Als die Leipheimer an der Donau auf waren, zogen ihnen an Mariä Verkündigung Blaubeurer mit einem fliegenden Fähnlein zu, und als der Leipheimer Haufen am 4. April zersprengt wurde, und Tausende über die Donaubrücke sich zurückzogen, wandten sich die Flüchtigen ins Württembergische, verstärkten sich mit Andern auf dem Rückzug und zogen über die Alp hinab vor Pfullingen, und lagerten sich daselbst. Schreiben des Wilhelm Truchseß an die Stadt Eßlingen. Eßlinger Archiv. Rudolph von Ehingen, der Obervogt von Tübingen, sammelte ein Aufgebot gegen sie, aber wer im Land von Weib und Kind hinweg aufgemahnt wurde, beschwerte sich. Stuttgarter Staatsarchiv. Die Bauern um Weilheim, Nürtingen und im Ermsthal kamen selbst in Aufregung. Die Aufrührer laufen schon überall in Stadt und Amt herum, und beginnen allerlei Praktiken, schrieb Reinhard Spät, der in Stadt Urach befehligte, an die Regierung. Viele liefen bei Pfullingen zusammen, in die tausend Bauern aus der Nähe und Ferne. Die Stadt Pfullingen öffnete sich ihnen am 6. April, und sie forderten nun auch die freie Reichsstadt Reutlingen auf, sich ihnen anzuschließen als evangelischen Brüdern; sie rechneten um so mehr darauf, da Reutlingen wegen ihres Reformators Alber und wegen des Evangeliums in Bann und 152Acht war. Aber Alber und der Rath der Stadt hielten die Gemeinde fest, daß sie die Bauern zurückwies und die bündischen Fähnlein zu Fuß und zu Roß einließ, die der schwäbische Bund und der württembergische Statthalter gegen die Bauern abordnete. Gailer, Reutlingen. 271. Auf dieses gingen die Bauern von Pfullingen wieder zurück, als von Ulm herab, von Stuttgart und Tübingen herauf, von Urach herüber unter Dietrich Spät, der auf Hohenurach, der Burg, als Obervogt saß, die Reisigen und das Landaufgebot heranzogen. Was besonders auffiel und zu reden machte, das waren ihre Fahnen und ihre geheimnißvollen Reden von ihrem Anführer. Sie hatten zwei Fähnlein von weißer Seide, oben die Figur Gottes mit ausgespannten Armen, darunter die Mutter Gottes und an jedem Eck ein Hirschhorn. Man werde in kurzen Tagen hören, wer ihr Hauptmann sei, sagten sie: dies und das Hirschhorn reimte man zusammen auf den vertriebenen Herzog Ulrich. Stuttgarter Staatsarchiv. Am 2. April drangen auch Rotten von dem Gaildorfischen Haufen ins Göppingeramt ein, um Württembergische Hintersassen in ihren Bund zu bringen. Schon von Flein aus hatte Jäcklein das Brackenheimer Amt an sich zu ziehen einen Versuch gemacht.

So lag für das Fürstenthum Württemberg der Feuerbrand schon hart an allen Ecken und Enden, und doch blieben mit Ausnahme von Tübingen und Tuttlingen alle Schlösser und festen Plätze des Landes im schlechtesten Zustande, so viele klägliche Berichte auch von den Beamten einliefen. Die Verlegenheit stieg, als die beiden ersten Mitglieder des Regimentsraths, Wilhelm Truchseß von Waldburg der Statthalter, und Doktor Winkelhofer der Kanzler, am 11. April von Tübingen aus nach Stuttgart schrieben: »Sie seien beide mit herber und schwerer Krankheit beladen, und müssen ihrer Leibesblödigkeit halb wünschen, von allen Geschäften und Anfragen verschont zu bleiben.« In Urach klagte Dietrich Spät, Schloß und Stadt sei ganz übel versehen, er habe es schon so oft angezeigt, und auf alle seine Schreiben keine Hülfe erhalten. Schreiben vom 20. April im Stuttgarter Staatsarchiv. Von der starken weitläufigen Festung Neuffen meldete der Burgvogt, er sei von Lieferungen, Wein und Geld ganz entblößt, die ganze Besatzung zähle 1536 Knechte, und er könne nicht einmal diesen ihren Sold auszahlen: er bitte um Geld und mehr Knechte und mache den Vorschlag, daß ihm einstweilen die drei beherzten Pfaffen, die sich unten in der Stadt Neuffen aufhalten, und zu Vertheidigung des Schlosses wohl zu brauchen wären, zugeschickt werden möchten. Schreiben von eben demselben Datum. Hans von Baldeck zu Hertenek, der als Hauptmann nach Maulbronn beordert war, bat, ihn wieder zu entlassen, die Leute seien schwierig, er habe kein Geld seine Knechte zu bezahlen, kein Pulver und keine Kugeln, überdies keine Schützen, die schießen können, und er sei darum durchaus keinen Nutzen zu schaffen im Stande. Schreiben vom 21. April. Am bittersten beklagte sich der Burgvogt, Bastian Emhart von Hohenasperg, man habe nach Marbach, Besigheim und anders wohin Landsknechte geschickt, den Asperg aber, wie es scheine, ganz vergessen; auf alle Schreiben an den Statthalter bekomme er nicht einmal Antwort, und noch weniger Mannschaft und Geld. Wenn es daher schlimm gehen sollte, wolle er keine Verantwortung haben. Bei ihm da oben auf dem Asperg sei keine Frankfurter Messe, wo er Alles haben könne; sich selbst habe doch die Regierung in Tübingen mit Allem reichlich versehen, so daß es scheine, sie kümmere sich nichts darum, ob Städte und Schlösser verloren gehen, wenn nur sie in Sicherheit sei. Schreiben vom 24. April.

Der Schlag von Weinsberg warf die Regierung vollends nieder, verwirrend, betäubend. Vögte klagen, nicht bloß, daß sie keine Antwort erhalten, sondern, daß man sie selbst darüber im Ungewissen lasse, wo die Regierung sich befinde; manche Leute seien von Stuttgart mit der Meldung wieder nach Hause gekommen, es habe ihnen Niemand ihre Briefe abnehmen wollen. Dem Beispiele der Regimentsräthe folgten manche Beamte, sie entfernten sich von ihren Posten, solche, die entweder als erklärte Feinde Herzog Ulrichs bekannt, oder durch harte Behandlung ihrer Untergebenen verhaßt waren, und bei einem Aufstand von diesen oder jenen für sich fürchten mußten. So flüchtete sich Burkard Fürderer, der Vogt zu Stuttgart, ein Todfeind Ulrichs, auf den Asperg; sein Bruder Jakob, der Vogt zu Kirchheim, auf das Schloß Neuffen; er habe, berichtete er an 154die Regierung, sich wegen des Herzogs Ulrich mit manchen bösen Buben verfeindet, die es jetzt mit den Bauern halten und gegen den Adel und die Obrigkeit böse Reden führen; er sei von allen Seiten her gewarnt worden, nicht in Kirchheim zu bleiben. Seit der gemeine Mann zu Weinsberg den Herren so furchtbar vergolten hatte, war es keinem aristokratischen Beamten in seinem Amtskreis mehr geheuer, und alles Oesterreichische floh von Stuttgart nach Hohentübingen, als der Bauernaufstand sich von Amt zu Amt fortpflanzte.

So triftige Einwendungen auch die Landschaft gegen die Zweckmäßigkeit eines Landaufgebots unter gegenwärtigen Verhältnissen erhoben hatte, die Regierung wußte sich gegen die nahen Odenwälder und Böckinger durch Nichts zu helfen, als durch ein Landaufgebot. Laufen, das Städtchen am Neckar, das zunächst bedroht war, wurde zum Sammelplatz der einzelnen Fähnlein des Aufgebots bestimmt.

Auch in dem unmittelbar an das Heilbronner Gebiet stoßenden Bottwarthal warin der Woche vor dem Palmtag die Auswahl des Volkes vor sich gegangen, und Dietrich von Weiler, der Obervogt, hatte sich nun beruhigter nach Weinsberg begeben, als Stadt und Amt Bottwar ihm antwortete, treulich an der Herrschaft hangen und Herzog Ulrich zu keinem Herrn haben zu wollen. Der Morgen des Osterfestes (16. April) war zum Auszug nach Laufen bestimmt. Der ausgewählten Mannschaft war gerade auf dem Rathhaus der Trunk gereicht, den man vor dem Abmarsch zu geben pflegte. Da entstand ein Gemurmel, ein Theil der Mannschaft weigerte sich zu ziehen. Dietrich von Weiler hatte sich sehr getäuscht, als er jene Erklärung, welche Einzelne im Namen Aller gegeben hatten, auch für die allgemeine Gesinnung und Meinung nahm. Das Feuer hatte auch schon hier gezündet. Jäcklein hatte es hereingetragen, als er am Sonntag Judica auf seinem Streifzug, auf welchem er Sontheim und Gartach zur Verbündung zwang, auch auf Beilstein und Bottwar gezogen war: er war damals durch den Vogt und die Ehrbarkeit zurückgewiesen worden; daß es ihm aber nicht ganz mißlungen war, das zeigte sich jetzt. Die Botschaften, die vom hellen Haufen von Neckarsulm aus ausgegangen waren, hatten neuen Zündstoff hinzugetragen.

Zum Hauptmann der Auswahl des Bottwarthals war der 155Rathsherr Matern Feuerbacher gewählt. Als er die Stimmung seiner Mannschaft sah, nahm er Urlaub. Man hatte Kunde im Thal von dem Zug des hellen Haufens auf Weinsberg, das ganze Osterfest über herrschte in Bottwar Besorgniß und Aufregung. Es konnte hier nicht an rührigen Umtrieblern fehlen, denn das Amt Großbottwar war schon im armen Conrad unter den ersten Feuerherden des Aufstandes gewesen. Und jetzt, nach einem Jahrzehend, lebten noch Viele, die damals thätig gewesen waren; Manche, bisher verbannt, mochten jetzt wieder in die Heimath einzukommen versuchen, jener Ludwig Dietrich, jener Michael Kranzer, jener Barthlen Ulbacher. Nicht weit davon hatten im armen Conz die Kirchberger ein eigenes Fähnlein des armen Conrad, eine eigentliche Bundschuhfahne, fliegen lassen, und in dem nur eine Stunde entfernten Beilstein lebte wohl auch noch Meister Eberhard, der Apotheker, der in der Einberufung eines Landtags nichts mehr sehen wollte, als daß die Regierung die guten Leute mit Affenschmalz bestreichen wolle. Stuttgartet Staatsarchiv. Es zeigte sich auch gleich, daß im Thal Leute waren, die es wußten, wie man es bei einem Aufstande zu machen habe.

Zwischen Beilstein und Bottwar, über dem Dorfe Winzerhausen, erhebt sich der wald- und weinreiche Wunnenstein, damals ein vom Volk viel besuchter Berg, wegen seines Kirchleins, das dem Erzengel Michael geweiht war, und wohin weit und breit, als einem berühmten uralten Heiligthum, viele Tausende wallfahrteten. Denn an dieses knüpfte der Glaube des Volkes einen besondern Segen: wenn die Anne Susanne, wie die großes geweihte Glocke darin getauft war, ihr schönes Geläut anschlug, so gingen ihr die Wetter von fern aus dem Wege, und mancher Hagelschlag, der sich über die benachbarten Gebiete warf, galt dem Volke, als von der wegläutenden Glocke ihnen zugeschickt. Man vergleiche den Wegweiser zum Wunnenstein, Besigheim 1842, ein feines Schriftchen.

Auch diesmal nahm ein Gewitter vom Wunnenstein her, an dem es ohne Schaden vorüber ging, seinen Zug über ganz Württemberg. Denn auf dem Wunnenstein liefen Bürger und Bauern jetzt zusammen.

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Der Zulauf auf den Berg hatte schon den Tag über Statt. Abends erscholl die Sturmglocke, und jetzt sah man aus den Häusern, aus den Gassen der Stadt hervor Junge und Alte in Harnisch und Wehr kommen, um dem Berg zuzulaufen. Der Vogt Hans Heinrich Schertlin und der Bürgermeister verschwendeten die besten Worte, um sie zu bewegen, wenigstens heute daheim zu bleiben; sie versprachen ihnen eine freie Zeche, zwei Eimer Wein und zehn Gulden Geld zu ihrem Ergötzen, wenn sie blieben; aber sie liefen dem Berge zu; Melchior Ulbacher führte sie.

Jetzt wandte sich der Stadtschreiber an den Pfarrherrn, Meister Peter, mit der Bitte, ihnen nachzugehen und sie zur Rückkehr zu bewegen. War dieser Meister Peter wohl derselbe, der vor zehn Jahren die Pfarre versah, jener Peter Gscheitlin vom armen Conrad her? Die Schilderung paßte auf ihn; denn der Stadtschreiber meinte, »der Pfarrherr vermöge viel beim gemeinen Mann; wäre wohl gar dessen eine Ursach, daß sie hinausgelaufen; denn er sei lutherisch.« Aber das Laufen kam nur mit jeder Viertelstunde mehr in Zug. Man mußte ihnen Trommeln und Fahnen herausgeben, und so ging's dem Wunnenstein zu.

Sie lagern auf dem Berge. Man kann sie weit umher wahrnehmen, ihre Wachtfeuer, beim Einbrechen der Nacht, hinter Beilstein auf den Höhen des Weinsbergerthals und auf dem Schlosse von Löwenstein, auf dem Edelsitz des Lichtenbergs und im Stifte Oberstenfeld, von der Höhe von Buch und von den Trümmern des württembergischen Stammschlosses, auf dem Asperg und auf dem Stromberg, auf der Burg Hohenstein und auf dem Deutschordenschloß Stockheim, auf den Thürmen des Schlosses Weiler zum Stein, auf dem Edelsitz Stettenfels und den Ritterburgen Helfenberg und Wildeck – von all' diesen Höhen und festen Häusern des Adels und von mehr als 40 Ortschaften umher kann man drei Nächte nach einander den Himmel erleuchtet sehen von den Wachtfeuern des schnell zu Tausenden wachsenden Bauernhaufens auf dem Wunnenstein, eine für viele unheimliche Helle, als Weinsbergs Geschichten bekannt wurden.

Aber auch vom Wunnenstein aus sehen sie gleich in der ersten Nacht viele hundert Fackeln und Feuerzeichen durch den Dunstkreis zittern drüben aus dem Zabergäu herüber. Es ist nicht vom 157Stromberg, was so hell leuchtet, es ist hinter demselben vom Heuchelberg herüber, dessen mächtige schwarze Wand die trotzigen Felsen und Mauern deutschherrischen Eigenthums trägt. Es sind ihre Brüder, die den Artikelbrief vom Schwarzwald vollziehen.

In dem wiesen- und menschenreichen, fruchtbaren Zabergäu, das zwischen dem Stromberg und dem Heuchelberg hinläuft, war der arme Conrad schon besonders rührig gewesen, wie im Bottwarthal. Da war Pfaffenhofen, wo vor 10 Jahren der arme Conrad sich auf die Brücke bei der Kirche stellte und rief: »Hier steht der arm Conrad, und ich bin der arm Conrad, wer mir geloben will, tret her zu mir!« Da war Güglingen, wo zur gleichen Zeit Caspar Summenhard, Paul Kolb und der roth Enderle mit Sturmgeläut die freie Gemeinde proklamirten und vor des Vogts Haus schrieen: »Hier steht der arm Conrad mit Grund und Boden und sonst kein Herr.« Da war Brackenheim die Amtsstadt, wo sie einst die Leute mit Spießen zum armen Conrad tragen wollten, und mit den Reichen zu theilen, für die beste Sach' erklärten, die je erdacht worden. Stuttgarter Staatsarchiv. Der Sturm des Jahres 1525 hatte hier bloß die noch unter der Asche glimmenden Kohlen von 1514 wieder in Flamme zu blasen.

Hans Wunderer von Pfaffenhofen war es, um den sich hier der Haufe sammelte, zuerst aus den Gemeinden Brackenheim, Meimsheim, Hausen, Haberschlacht, Kleebronn und Kirchheim am Neckar. Heinrich Rueff von Kirchheim sagte zu Ritter Peter von Liebenstein: »Ich will dir die Sporn abziehn, daß dir das Blut muß über die Fersen ablaufen.« In der Nacht vom Osterfest auf den Ostermontag griffen sie das deutschherrische Schloß Stocksberg an. Das feste Haus war schnell genommen. Sie fanden darin schöne Vorräthe, die sie wie das Geschütz an sich nahmen: das letztere bestand in 6 Hakenbüchsen, 15 Handbüchsen, 2 Falconetlein und 1 Pöller. Dann warfen sie Feuerbrände hinein, und in die Morgendämmerung des Ostermontags schlugen die Flammen auf, welche den trotzigen und prächtigen Deutschherrensitz ausbrannten.

Brackenheim selbst hielt sich noch gegen den Haufen; er wandte sich an der württembergischen Gränze hin nach Derdingen, bekannt aus dem Bundschuh des Joß Fritz, und ergoß sich von da über die 158Güter des Klosters Maulbronn, ließ die Bauern desselben zu sich geloben und griff dann das Kloster selbst an. Abt und Convent hatten sich bei Annäherung der Bauern entfernt, da sie ihre eigenen Leute schwierig sahen und wenig Knechte im Kloster lagen. Doch wurde das Kloster selbst von diesen wenigen so geschützt, daß der schöne Bau von den Bauern keinen Schaden litt. Unterhalb Maulbronn schlossen sie sich mit den Bruchrainer Bauern zusammen; war doch der Bruchrain die erste Wiege des Bundschuhs gewesen, und unter den Hauptleuten Friedrich Wurm und Johann von Hall, zwei Bürgern aus Bruchsal, hatte sich ja schon in den ersten Tagen der Charwoche ein Haufe gebildet. Zum Theil mit diesen verstärkt kehrte Hans Wunderer auf die Botschaft vom Aufstand im Bottwarthal ins Württembergische zurück, forderte die Städte Brackenheim am 18. und Bietigheim am 19. April zum Eintritt in die evangelische Verbrüderung auf, plünderte am gleichen Tage das Kloster Rechentshofen, und verbrannte einen Theil desselben. Das Aufforderungsschreiben an Bietigheim lautete: »Weil Gott der Allmächtige uns erleuchtet hat mit seinem Wort, und erklärt, wie ganz und gar wir beraubt gewesen des täglichen Brods nicht allein, sondern auch des ewigen, und weil er uns jetzt Kraft und Macht verleiht, und wie wir festiglich glauben, verleihen wird, so begehren wir, daß ihr zu uns kommet und uns treulich helfet, oder es wird so kommen, daß ihr nicht lachen werdet.« Stuttgarter Staatsarchiv. In Bönnigheim verbrannte der Haufen das Schloß der Ganerben. Von Rechentshofen aus näherte er sich sowohl dem Weinsberger- als dem Bottwarthal, da Boten von diesem wie von jenem ihm den Vorschlag einer Vereinigung brachten, die zu Laufen am Neckar geschehen sollte.

Die auf dem Wunnenstein beschlossen, Matern Feuerbacher zu ihrem obersten Hauptmann zu wählen, und »müßten sie ihn dazu zwingen.« In Großbottwar war die Ehrbarkeit und der Vogt, Hans Heinrich Schertlin, in großen Bängnissen. Noch immer wußte man nichts Sicheres, wie es zu Weinsberg ergangen wäre, und schon war es spät Abends am Osterfest, der Vogt hatte einen eilenden Boten um Nachricht ausgeschickt, und um Rath an seinen Obervogt Dietrich von Weiler. Der Bote war noch immer nicht 159zurück, und es dunkelte schon. Schertlins des Vogtes Frau weinte in Matern Feuerbachers Haus, so bange war ihr: sie hatte vor zehen Jahren zu Schorndorf den armen Conrad durchgemacht, und dort schon ihren Mann in Lebensgefahr durch die Bauern gesehen. Feuerbacher sprach ihr ermuthigend zu, aber ihre Thränen und ihre Aengsten steckten ihn selbst an, daß ihm die Augen überliefen. Matern war bei aller Kräftigkeit eine weiche gutmüthige Natur, dabei persönlich bekannt mit den meisten adeligen Herren der Umgegend; denn er hatte ein Wirthshaus, und der Adel sprach gerne und fleißig bei ihm ein. Während er die Frau des Vogts tröstete, und dabei sich selbst ängstlicher Besorgnisse und Ahnungen nicht erwehren konnte, rief sein kleines Töchterchen am Fenster: »O weh, Vater, flieh, sie laufen daher!« »Nun, sagte Feuerbacher, das muß Gott's Mutter erbarmen, daß ich in meinem eigenen Haus nicht soll sicher sein.« Seine Hausfrau bat und drang in ihn, bis er sich verbarg; sie schloß ihn selbst in eine Kammer ein und ging wieder hinab in die Wirthschaftsstube. »Betet, Kinder, betet,« sagte sie, aber sie weinten alle zusammen wie die Vögtin. Plötzlich wurde die Thüre aufgestoßen, und Viere drangen herein, einer mit einer Zimmeraxt, ein anderer mit einer Hellebarde, zwei mit Büchsen. »Wo ist der Feuerbacher?« schrieen sie. Die Hausfrau versicherte sie, er sei ausgegangen. Sie glaubten ihr nicht. Sie stießen unten eine Thüre nach der andern auf; als sie ihn hier nicht fanden, suchten sie nicht weiter. Drohend schrien sie die Feuerbacherin an: »Er muß her, er muß zu uns auf den Berg; sagt ihm das, oder er soll seines Leibs und Lebens nicht sicher sein, wir wollen ihm einen Pfahl vors Haus schlagen, und ihn preismachen aller Welt.«

Feuerbacher rührte sich nicht, bis sie fort waren, dann ging er zum Vogt auf den Markt und gab ihm den Rath, die Thore schließen zu lassen; immer stärkere Gerüchte waren herein gekommen, daß Weinsberg erstürmt, der Adel daselbst theils erschlagen, theils gefangen sei. Auf Schertlins Bitte ritt Feuerbacher mit dem Bürgermeister in der Nacht nach dem nahen Höpfigheim, zu Herrn Ludwig Spät dem Aeltern, aus dessen Hause auch einer bei dem Adel zu Weinsberg war; man hoffte von ihm etwas Gewisses zu erfahren. Mit diesem Rittersmann und dessen Vetter besprach sich Feuerbacher 160eine halbe Stunde in der Nacht, was zu thun sei, auch was er thun solle, da die Bauern ihn durchaus zum Hauptmann haben wollen, sie geben ihm gute und böse Worte; wenn er nicht komme, drohen sie ihm mit dem Tod; wenn er komme, wollen sie einen großen Herrn und Grafen aus ihm machen. O des armen Grafen, sagte Herr Spät, ihm auf die Achsel klopfend. Feuerbacher ging hinaus und kam nach einer Weile wieder herein. »Junker, sprach er, ich habe mich da eines bedacht. Nachdem als es jetzt zu Weinsberg gegangen ist, möcht es auch hier über Adel und Geistlichkeit hergehen. Wenn ich bei ihnen wäre, so acht' ich, ich wollt etwas bei ihnen vermögen; aber Junker, Ihr müßtet mich hernach über das, wie es gemeint ist, verantworten.« Herr Spät ging darauf ein und gab ihm sein Wort, besonders empfahl er ihm, die Seinigen abzuhalten, daß sie sich nicht zu dem Weinsberger Haufen schlugen.

So ritt Feuerbacher von dem achtundsechzigjährigen Herrn mit dessen gutem Rath hinweg, und noch eine Meile weiter, auch den Vogt zu Marbach zu fragen. Auch dieser billigte es, und wie er heim kam, war sein Vogt mit der Ansicht der Andern ganz einverstanden. So ging er in aller Frühe am Ostermontag auf den Wunnenstein, in Begleitung des Bürgermeisters, er fand mehrere Hunderte schon im Lager. Er versuchte es, sie zur Heimkehr zu ihrem Herde zu bereden. Nichts davon! schrien sie ihm entgegen; nach Weinsberg zum hellen Haufen wollen sie ziehen. Feuerbacher stellte sich an die Kirche, sie traten in einem Ring um ihn her. Hört ein Wort und thut das nicht, rief er; kommt der Weinsberger Haufen ins Land, dann geht es Reichen und Armen übel; denn er wird nur das Land auszehren, brandschatzen und verderben. Bleibet im Land, wir sind stark genug mit den andern Aemtern, für uns selbst unserer Beschwerden los zu werden, und brauchen dazu des fremden Haufens nicht.

Die Versammelten fanden den Vorschlag vernünftig, aber sie meinten, dazu müsse Feuerbacher bei ihnen bleiben, und sie ließen ihn nicht, bis er einwilligte, ihr Hauptmann zu werden.

Der Adel hatte es nicht zu bereuen, daß Matern Feuerbacher an die Spitze der württembergischen Volksbewegung trat. Als gewisse Botschaft von Weinsbergs Fall kam, und von der Hinrichtung der Edeln, darunter auch vom Tod der beiden von Weiler, Vaters 161und Sohns, schickte er sogleich einen Bürger von Bottwar auf das Weilersche Schloß Lichtenberg, »daß nicht ein Schreier zum Schloß reite und die Frauen beleidige und sie mit der Nachricht vom Tode ihres Gatten, Vaters und Sohns kränke.« Die Frau des jungen Weiler schrieb ihm Briefe, »die einen Stein hätten erbarmen mögen;« er bewirkte sogleich von seinem Haufen einen Schirmbrief für sie. Die junge Frau hatte befürchtet, die Wunnensteiner werden jetzt sogleich auf den Lichtenberg losgehen, und ihn verbrennen; auch Andere hatten das gefürchtet. Die Hausfrau des Ritters Wolf Ruch von Winnenden hatte ihre Kostbarkeiten auf den Lichtenberg geflüchtet; auf die Nachricht vom Tode der beiden Weiler holte sie dieselben wieder herab, sie hielt sie auf dem Schloß nicht mehr für sicher. Unterwegs wurde sie von herumschweifenden Bauern rein ausgeplündert. Noch am Abend des Ostermontags sah man einen Rittersmann den Wunnenstein heraufsteigen, einen Schweinsspieß auf der Achsel, in schlechtem Rock. Es war der Ritter Wolf Ruch. Er ging zu Fuß, er wollte nicht durch ritterliches Erscheinen die Bauern reizen, sondern wie einer der Ihrigen kommen. Feuerbacher lächelte, als er den Junker in solchem Aufzug sah, und wie er von ihm das Geschehene vernahm, gebot er sogleich die Herausgabe des Geraubten. Einige Bauern murrten und weigerten sich dessen.

»Gesellen, rief Feuerbacher, wann es die Meinung hat, so hättet ihr mich können zu Haus lassen, und hättet mich nicht sollen dringen, euer Hauptmann zu sein. Ich bin nicht ausgegangen, einen Edelmann oder sonst wen zu beleidigen, sondern allein zu verhindern, daß der Weinsbergische Haufe nicht herüber komm', brenn' oder mord'. Plündern ist nicht evangelisch noch göttlich.« Der Ritter zog mit seinen Kleinodien dankbar heim, und spät noch pries er es, wie Matern ihm Gutes gethan habe, und wünschte ihm, daß es ihm wohl gehen möge. Die Regierung zu Stuttgart schickte Abgeordnete an den Haufen Feuerbachers, um ihn durch Unterhandlung hinzuhalten. Die Abgeordneten kamen Dienstags den 18. April um Mittag auf den Wunnenstein. Sie wollten die Bauern zum Auseinandergehen bewegen, richteten aber nichts aus. Die Bauern sagten ihnen, sie haben eine gute Sache; von nun an müsse Recht und Gerechtigkeit gehandhabt und das heilige Evangelium und Gotteswort schlicht und lauter verkündet 162und demselben gemäß gelebt werden, nicht mehr der Dimperle damperle, oder daß der eine auf der Kanzel vom Weissen, der andere vom Schwarzen, der dritte vom Blauen sage. Die besondern Beschwerden, die ein Ort habe, müssen abgestellt, und im Allgemeinen die zwölf Artikel angenommen werden, die von der Donau ausgegangen seien. Auseinandergehen werden sie nicht eher, als bis ihnen dieses alles erfüllt sei. Die Abgeordneten sagten, die Landschaft wolle auch nichts Anderes als eine christliche Ordnung, die Gerechtigkeit und die lautere Lehre des Evangeliums. Ueber die einzelnen Beschwerden und über die zwölf Artikel könne ein Landtag am Besten entscheiden, sie sollen ihre Beschwerden schriftlich aufsetzen. »Nichts davon, nichts davon,« unterbrach sie ein Geschrei. »Ja, riefen einige, wenn der Landtag jetzt im Augenblick und im freien Feld gehalten würde.« Auf die Ermahnung, sich wenigstens der Gewaltthätigkeiten zu enthalten, sagten sie, sie wollen Niemand beleidigen, aber Essen und Trinken werden sie suchen, jedoch nicht bei den armen Leuten, sondern in den Klöstern und bei den Edelherren.

Dann ließen sie den Rathsschreiber von Großbottwar auf den Berg holen; er mußte ihnen ihre Artikel zu Papier bringen, um sie am andern Tage den Abgeordneten vorlegen zu können. Diese gingen indessen nach Stuttgart zurück, um zu berichten und Verhaltungsbefehle einzuholen.

Es ist nicht zu übersehen, daß die Bauern, während sie auf dem Wunnenstein lagerten, täglich die Messe hörten. In dem uralten Michaeliskirchlein las ihnen der Pfarrer von Winzerhausen auf ihr Verlangen die Messe, und sie versicherten ihn dafür Leibs und Guts; auch blieb Matern Feuerbacher, obwohl er noch lange lebte, katholisch bis an seinen Tod.

Die Regierung schickte die Abgeordneten mit dem Vorschlag eines augenblicklich zu Marbach abzuhaltenden Landtags zurück. Sie trafen den Haufen nicht mehr auf dem Wunnenstein Die Bauern waren nach Gemrigheim gezogen, sie zählten schon gegen 3000. Der Pfarrherr zu Gemrigheim war bei ihnen schlecht angeschrieben, sie wollten ihm durch das Haus laufen. Um ihn zu schützen, verlegte Feuerbacher sein Hauptquartier in das Pfarrhaus. Darüber murrten die Bauern so, daß sie den Hauptmann absetzen wollten. Feuerbacher 163war gerade im Affekt, als die Abgeordneten der Regierung zu ihm kamen. Zuerst versuchten sie nochmals, die Bauern zu bewegen, daß sie zu ihrem Herde zurückgehen; besonders Pfeffer von Beilstein machte ihnen die eindringlichsten Vorstellungen. »Liebe Gesellen, sagte er, was soll euer Zug? ihr werdet etwa weit das Land aushin ziehen, den Pfaffen die Fenster ausschlagen, Thüren abbrechen, Ziegel auf den Dächern verschlagen und was derlei mehr ist. Luget, was Nutz werdet ihr davon empfahen?« Als sie Alles erfolglos sahen, blieben sie bei dem Vorschlag eines Landtags stehen. Feuerbacher antwortete heftig: »Wir wollen schlechthin keinen Landtag haben; denn man hat viele Landtage gehabt, und wenn man heimgekommen ist und gefragt hat, was man bringe, so mußte man die Antwort hören: »»ich weiß nichts, wir müssen eben Geld geben!«« – Wir wollen auch kein Geld mehr geben, darum ziehet zu uns; kommet ihr, so sehet ihr uns; kommet ihr nicht, so müsset ihr uns dennoch sehen.«

Feuerbacher war früher selbst auf Landtagen gewesen; er wußte aus Erfahrung, was davon zu halten und zu erwarten war; es verdroß ihn, daß man die gerechten Beschwerden der Bauern so mit gar nichts abspeisen wollte, und auf seine Anträge gar nicht achtete. Im Gefühl seiner Wichtigkeit rief er: Man sollte ja auf den Knieen ganze Straßen weit zu ihnen rutschen, und wenn sie auch voller Koth wären; denn wenn er und sein Haufe nicht gewesen wären, so wäre der helle Haufen Odenwalds und Neckarthals, welcher all' das Uebel und Morden angestellt habe, in das Land gezogen, und hätte dasselbe mit Morden und Brennen angefüllt; er und sein Haufe haben es allein verhütet.

Er erklärte, nur auf die Grundlage ihrer Artikel lasse sich mit ihnen unterhandeln; er verlas diese, und bat die Abgeordneten, morgen im Lager zu Laufen wieder zu ihnen zu kommen, dann könne er sie ihnen einhändigen; jetzt seien sie im Begriff, aufzubrechen, um sich mit dem Haufen aus dem Zabergäu zu vereinigen. Damit brachen sie auf.

Die Bauern hatten schon früher wirklich Lust gezeigt, das Schloß Lichterberg, wo die Weiler'schen Wittwen in Trauer saßen, zu zerstören; jetzt auf ihrem Zuge zeigten sie das gleiche Gelüste gegen die beiden Schlösser Liebenstein, das auf der rechten, und Hohenstein, 164das auf der linken Seite des Neckars ihnen auf ihrem Zuge ins Gesicht kam: Matern Feuerbacher widersetzte sich mit Erfolg, der Zug ging ohne Schaden an beiden vorüber; aber viele murrten darum so sehr, daß sie es zu Kaltenwesten durchsetzten, daß Matern, weil er zu weich sei und es mit dem Adel habe, seiner Hauptmannschaft entsetzt wurde. Am 20. April war das Lager zu Laufen.

Die Bürger von Laufen hatten bei Zeiten nach Stuttgart um Hülfe geschrieben, aber keine bis zum Anzug der Bauern erhalten. So schlossen auch sie sich ihnen an. Als später die Hülfe unter Führung des Stuttgarters Ludwig Ziegler ankam, erklärten sie, jetzt sei es zu spät, sie fragen nun nicht mehr viel nach den Stuttgartern.

Vor der Stadt an der hohen Mauer, im freien Felde traten die Abgeordneten zum letztenmal mit Feuerbacher zusammen. Feuerbacher erklärte ihnen, daß es nun nicht mehr in seiner Macht sei, die Artikel ihnen zu übergeben; es hing dies wohl mit seiner Absetzung zusammen. Einer der Abgeordneten machte das Erbieten, sie wollen Alle zusammenziehen, man solle dann im freien Felde einen Landtag halten, wo nach Art der alten Volksgemeinden getagt würde, und dem Erzherzog die Artikel zuschicken. Die Bauern in Feuerbachers Begleitung sahen aber in allem Erbieten mit Recht leere Vorspiegelungen. »Wir wollen keinen Landtag ha'n, schrieen sie; wenn wir einen Landtag ha'n, so landtaget man nienz, denn daß man Geld muß geben.« Feuerbacher brach endlich ab: »Wüßten die drinnen, daß ich so lange mit euch Herren rathschlage, sie schlügen mich zu todt.«

So gingen die Abgeordneten nach Stuttgart zurück, Feuerbacher nach Laufen hinein, wo sie ihm auf's Neue die Hauptmannschaft übertrugen. Es war ihm nicht wohl dabei, er hatte sich glücklicher gefühlt in seinem schönen wohlhäbigen Wirthshaus, wo die edeln Herren und Frauen seine Gäste waren, und er sie mit dem kühlen Bottwarwein bediente. Zwar kamen sie auch jetzt zu ihm, viele der alten, edeln Bekannten, aber in anderer Absicht, theils zu Laufen, theils schon zu Gemrigheim, theils auf dem Weiterzuge. Man sah die Herren Hans und Peter von Liebenstein, Herrn Wilhelm Valey, der auf Hohenstein saß, die Lämmlin von Bönnigheim, Caspar von Weiler; man sah die edle Frau von Nippenburg, die Herren von Sachsenheim, Philipp von Kaltenthal bei Feuerbacher erscheinen, im 165Lager der Bauern; sie erbaten sich und erhielten Schirmbriefe. »Lieber Junker, sprach Feuerbacher zu Ritter Valey unter vier Augen, ich schäme mich, daß ich unter dem elenden Volk sein, und also vor euch stehen soll.« Ein Rücktritt aber von der Sache der Bauern wäre jetzt schon lebensgefährlich für ihn gewesen.

Seit dem Lager von Laufen hatte sich im Haufen gar Manches verändert. Es waren Zuflüsse in den Haufen gekommen, unreinster und blutiger Art. Zuerst waren die Zabergäuer und Hans Wunderer selbst von viel heftigerem Sinne; das zweite Element, das hinzu kam, war aber noch verderblicher: es war Jäcklein Rohrbach, der Hauptmann der Böckinger. Auf eine Botschaft, die von Heilbronn kam, daß sich »die Schwaben« auch sammeln, war Herr Jäcklein gleich auf und zog mit 200 der Seinigen, darunter die berufensten Schreckensmänner, zum Württembergischen Haufen. Urgicht des Dionysius Schmid. Jäcklein besprach sich nicht nur mit ihnen, er blieb bei ihnen, und zog mit ihnen vorwärts ins Württemberger Land. Sie setzten Feuerbachern einen Ausschuß von 32 Bauern zur Seite. Sie nannten sich: »der helle christliche Haufen.«

Ueber eine jede Sache von Wichtigkeit entschied der ganze Haufe durch Stimmenmehrheit, und Feuerbacher mußte Manches, was er nicht wollte, ausführen, weil es der Haufen wollte. Doch hielt er darauf, so lang und so viel es ging, daß sein Haufe die Hände vom Raub sauber ließ. Es war gerade Herr Reinhard von Sachsenheim im Lager, als einer vom Haufen vor die Hauptleute gebracht wurde, der auf der That ergriffen worden war, wie er einem einen Beutel abschnitt. In einem Ring von mehr als 80 Bauern sagte Feuerbacher zu dem Beutelschneider: »Böswicht, Er muß durch die Spieß, und wenn Er voll Teufel wär! ich meinte, wir wären des Evangeliums, der Ehrbarkeit und Gerechtigkeit wegen da; so sehe ich wohl, wir sind da Seckelabschneidens wegen. Wenn es gilt, den Edelleuten, Pfaffen und der Ehrbarkeit durch die Häuser zu laufen, so wären wir gute Kriegsleut. Welcher reich ist, der muß reich bleiben; und welcher arm ist, der muß arm bleiben!«

Der Haufe rückte nun schnell vor, aufs Herz des Landes; sie wollten alle streitbaren Arme der Städter und Bauern im ganzen Fürstenthum an sich ziehen, und alle Städte und Aemter mit Güte 166oder Gewalt dazu bringen, »zu ihnen in ihre christliche Versammlung zu kommen und zu helfen, daß der arme Mann fortan unbeschwert sei, und das heilige Evangelium nach dem Worte Gottes verkündigt werde.« In diesem Sinne ergingen Aufforderungen nach allen Seiten hin. Schon am 20. April hatten sie an Christoph Gaisberg, den Forstmeister auf dem Reichenberg, die Aufforderung geschickt, sich zu ihnen zu begeben, und den Karsthans, der bei ihm gefangen sitze, mitzubringen Der Forstmeister saß weit genug von ihnen weg, meilenweit seitwärts auf seinem Berge, und eilte vorerst nicht, den bekannten Volksprediger Karsthans ihnen zuzuführen, da ihr Zug in anderer Richtung sich bewegte, und am 22. April sie schon zu Bietigheim sich lagerten, fünf Stunden von Stuttgart.

In dieser Hauptstadt war die Verwirrung ohne Gränzen. Die Bauern waren auf 6000 angewachsen, und der Stadt schon so nahe. Es galt, es weder mit den Bauern, noch mit der österreichischen Regierung oder dem schwäbischen Bunde zu verderben. Die Verlegenheit der Rathsherren war groß, um so größer, da sich unter der Bürgerschaft immer auch ein Anhang des vertriebenen Herzogs fand, der im Stillen nur auf eine günstige Aenderung der Dinge wartete, und da es sehr ungewiß war, wer obsiege. Fast alles verfügbare Kriegsvolk war in die Ferne abgegeben, und das Landaufgebot zeigte sich überall schwierig. Die Regierung hatte, da Laufen zu den Bauern überging, die Aufgebote nach Marbach gewiesen, und die Auswahl der Vogteien Bietigheim und Gröningen hätten Besigheim besetzen sollen. Aber der Hauptmann Ludwig Ziegler berichtete, es seien eitel reiche Gesellen, und unwillig, sich in solcher Gefährlichkeit in eine Besatzung zu geben. Zu Marbach waren wohl in die 1200 Mann beisammen, theils fremde Söldner, meist Landeskinder; aber auch sie wurden meuterisch, wie der christliche Haufen sich vorwärts bewegte. Ihre Hauptleute versuchten umsonst, sie in Ordnung zu halten, und als sie von Rathhausabwerfen, von Todtschlagen hörten, flohen sie davon: nur eine kleine Zahl des aufgebotenen Landvolks wurde vermocht, als Besatzung in der Stadt zu bleiben; der größte Theil zerstreute sich in seine Heimath, am 21. April.

Die letzten Mitglieder der österreichischen Regierung zu Stuttgart hielten sich nicht mehr sicher, und flüchteten sich nach 167Hohen-Tübingen; selbst ein Theil der städtischen Rathsherren verließ seinen Posten, nur wenige blieben zurück. Diese wählten für den geflüchteten Vogt einen Amtsverweser in Paul Wenzelhäuser, und ein Dekret der Regierung von Tübingen aus gab ihm in Lorenz Ackermann einen Gehülfen zur Seite. Beide beriefen die Bürgerschaft an den Markt, ermahnten sie bei der herannahenden Gefahr zur Ruhe und Ordnung, und forderten sie auf, einen Ausschuß von 27 vertrauten Bürgern zu wählen, damit man sich mit denselben über die zu ergreifenden Maßregeln berathen könne. Die Bürger traten in drei Rotten zusammen, auf dem Leonhardsplatz, auf dem Markt und auf dem Turnieracker, dem jetzigen Spitalplatz. Sie überließen einstimmig die Wahl des Ausschusses den Herren. Diese wählten ihn, und Rath und Ausschuß faßten sogleich den Beschluß, mit den nächsten Aemtern Cannstadt, Waiblingen, Schorndorf, Leonberg, Göppingen, Kirchheim und Nürtingen schleunigst zusammenzutreten, und mit bewehrter Mannschaft einen eigenen Haufen aufzustellen, um die Unterländer-Bauern von weiterem Vorrücken in das Land lange abzuhalten, bis Jörg Truchseß mit der verheißenen Hülfe ankäme. Die Abgeordneten an die genannten Städte gingen ab, andere begaben sich in das Lager der Bauern nach Bietigheim, um Kundschaft einzuziehen, und durch neue Unterhandlungen Zeit zu gewinnen; sie hatten darum den Auftrag, einen gemeinen Landtag auf freiem Felde, wo nur Bürger und Bauern tagen sollten, anzubieten, um auf diesem die Beschwerden aller Städte und Dörfer vorzunehmen. Die Abgeordneten an die Bauern waren lauter Mitglieder des Bürgerausschusses: Mattheus Müller, Lorenz Könlen, Leonhard Messerschmid und Theus (Mattheus) Gerber. Dieser machte den Sprecher. Vormals Trabant Herzog Ulrichs, ein rüstiger und beredter Bürger von Stuttgart, hatte er nach der Schilderung des Raths bei mehreren bürgerlichen Angelegenheiten den Sprecher gemacht. Theus Gerber sicherte den Bauern im Namen der Stuttgarter deren Bereitwilligkeit zu, zu Abstellung ihrer Beschwerden bei der Landschaft das Beste thun und für Alles besorgt sein zu wollen; sie möchten daher nur ihnen ihre Wünsche vorlegen, einstweilen aber nicht weiter vorrücken, oder wenigstens Stuttgart umgehen und das alte Lager im Neckarthal beziehen, wo man ihnen von Stuttgart aus ihre Bedürfnisse beiführen werde.

168

Feuerbacher verwarf das Erbieten. Das Evangelium, sagte er, Recht und Gerechtigkeit, der Weinsbergische Handel, die Erhebung der ganzen deutschen Nation, die Verwüstungen und Beraubungen, die daraus entstanden seien, zwingen sie zu diesem ihrem Treiben; sie wollen das Fürstenthum in ihre Gewalt bringen, und dann erst, wenn dies geschehen sei, nicht aber jetzt auf einem Landtag, eine christliche Reformation machen. Und wie soll diese endlich gemacht werden? fragten die Abgeordneten. Feuerbacher verwies sie abermals auf die zwölf Artikel von der Donau als Grundlage, und forderte die Stuttgarter auf, »auch mit unter das Joch Christi zu ziehen.« Er werde Stuttgart schonen, sagte er. Die obengenannten Aemter, an die sich auch Winnenden schloß, meinten aber, es sei besser, selbst einen Haufen zu bilden2026 als sich mit dem Zubergäu-Bottwar-Haufen zu vereinigen und unter dessen Befehl sich zu stellen.

Des andern Tages, Sonntags den 23. April, erließen die Bauern ein Aufforderungsschreiben an die Hauptstadt, worin ihr längstens noch 36 Stunden Bedenkzeit gestattet wurden. »Wir haben uns, schrieben sie, aus göttlicher Ordnung und christlicher Liebe, zu Aufgang, Nährung und Erhöhung göttlichen Worts und des Evangeliums, daraus wir seine göttliche Ordnung verstehen, und Gott zu Lob, christlicher Ordnung zu Aufgang, uns Allen zu Schutz, Schirm und Befriedigung, mit Hülfe Gottes des Allmächtigen ein recht christlich und friedlich Regiment zu machen vorgenommen, und werden es mit eurer Hülfe und mit Rath gemeiner Landschaft ernstlich vollstrecken. Also erfordern wir euch mit der Stadt, dem ganzen Amt und der Gemeinde von Stund an oder zulängst auf nächsten Montag zu Nacht euch in unsere Brüderschaft und in unsern Schutz und Schirm zu ergeben. Wo ihr euch dawider sehet, werdet ihr uns Ursache geben, gegen und wider euch mit hellem christlichen Haufen zu ziehen, euch mit der Hülfe Gottes zu zwingen, und mit solchem Ernst zu handeln, daß ihr und eure ganze Gemeinde darüber Schaden und Unrath leiden müsset.«

Noch zu Bietigheim zeigten sie den Ernst. Der Vogtsamtsverweser dieser Stadt weigerte sich, für Stadt und Amt den Befehl zum Zuzug zu dem Haufen auszufertigen: er wurde, auf Hans 169Wunderers Befehl, in Eisen gelegt, in den Thurm geworfen und man sprach davon, ihn durch die Spieße zu jagen. Der Führer des Fähnleins vom Besigheimer Amt trat hervor und sagte, wo man das thäte, würden er und alle Besigheimer vom Haufen abziehen. »Es muß sein!« fuhr Hans Wunderer auf. »Ihr wollet,« erwiderte der Besigheimer, »Gotts Wort handhaben. Gotts Wort will nicht, daß man im Blute wade.« Das und Feuerbachers Entscheid rettete den Gefangenen. Wir wollen ihn, entschied dieser, des Lebens sichern, wenn er sich verschreibt, daß er kein Vogt mehr sein will.

Ohne alle Furcht, wegen der Festigkeit seines Hauses, war der Vogt auf dem Asperg rührig auf gegen die Bauern. Herr Georg Truchseß, einer der besten Feldherrn seiner Zeit, pflegte die Ausschweifungen seiner Kriegsleute im Rauben und Brennen mit den Worten zu entschuldigen: »Man muß bedenken, daß ein solch Volk in einem solchen Zug nicht ins Bockshorn zu zwingen ist.« Nach diesem Wort des in seinem Heere so mächtigen und gefürchteten Feldherrn wäre es von dem wackern Rathsverwandten und Wirth zu Bottwar, Matern Feuerbacher, zu viel verlangt, wenn man ihm aufrechnen wollte, daß, trotz seines Befehls und seiner Strenge, von seinen Bauern doch manche auf Plünderung liefen: manche Raubgesellen mögen auch nicht zum Haufen gehört, sondern die Nähe desselben bloß zu ihren Privatunternehmungen benützt haben. Auf solche Marodeurs, wie sie zu zehn, zwölf, zwanzig herumliefen und plünderten, machte der Asperger mit seinen hundert Knechten, die er oben hatte, fleißig Jagd. »Würde man ihm,« schrieb er an die Regierung, »nur noch etliche Reiter und Geld schicken, so wollt er den Bauern viel zu schaffen machen; damit könnt er so viel ausmachen, als der halbe Bund.« Wegen dieser Rührigkeit des Vogts und der Nähe des Aspergs wurde auch den Markgröningern, die eine Botschaft ins Bauernlager nach Bietigheim schickten und sich der Verbrüderung anschloßen, von den Hauptleuten der Zuzug zum Haufen erlassen, gegen drei Eimer Wein und einen Wagen Brod, was sie diesem zuführen mußten.

Von Bietigheim zog der Haufen noch am Abend des 22. nach Sachsenheim; sie wollen mit Reinhard von Sachsenheim zu Nacht 170essen, sagten sie; von da weiter über Horrheim, um aus dem Zabergäu, dem Maulbronneramt und dem Kraichgau Verstärkungen an sich zu ziehen. Wahrscheinlich vereinigte sich hier der Hauptmann Anton Eisenhut, Pfarrer zu Eppingen im Kraichgau mit ihnen, der bald darauf neben Feuerbacher genannt wird. Darauf wandten sie sich wieder zurück nach Vaihingen an der Enz, wo sie am 23sten und 24sten ihr Lager hatten.

Auch der Vogt von Vaihingen war unter den zu Weinsberg um gekommenen Edeln. Schon am 18ten hatten die Vaihinger an die österreichische Regierung geschrieben, am Neckar habe sich ein Haufen zusammengethan, dem noch immer mehr zuziehen; sie fürchten, es möcht' ihnen gelten, wie sie auch Warnung erhalten haben. Sie seien zu Besetzung von Schloß und Stadt zu schwach, erbieten sich aber zu aller Treu. Doch weil ihr Vogt Hans Conrad Schenk von Winterstetten in Weinsberg gefallen, sie aber arme schaffende Leut ohne Verstand der Handlung seien, bitten sie um Hülfe.

Hülfe war ihnen keine gekommen, wohl aber am 21sten eine Aufforderung der Bauern, ihnen 60 Mann sammt Feldgeräth zuzuschicken. Die Gemeinde war nicht einig; man befürchtete, die Ehrbarkeit möchte von dem gemeinen Mann, der sich zu den Bauern neigte, gezwungen werden, seinen Willen zu thun. Der Rath hatte durch eine Botschaft ins Bauernlager mit der Entschuldigung, seine Leute seien alle im Felde beschäftigt, um Aufschub gebeten. Jetzt hatte die Stadt die Bauern vor ihren Mauern, und sie mußte sich an sie anschließen. Das Schloß griffen sie nicht an, da eine Botschaft von Stuttgart sie zu schnellem Vorrücken auf diese Stadt bestimmte.

Georg Rathgeb, ein Stuttgarter Bürger, verrieth den Bauern, wie der Rath mit den andern Städten sich ihnen feindlich entgegen stellen und sie hinhalten wolle, bis das im Anzug begriffene Bundesheer Stuttgart erreicht hätte. Auf diese Botschaft hieß es: Vorwärts Stuttgart zu! Am Morgen des 25. meldeten die Hauptleute von Schwieberdingen aus der Stadt, daß sie sich auf den Abend in Stuttgart einfinden und sich mit ihnen berathen werden. Die Stadt solle sich darum mit Lebensmitteln versehen, damit kein Mangel entstehe. Um der Hauptstadt die Ausflucht abzuschneiden, als wäre es 171gegen ihre Ehre, unter die Befehle der Bauern sich zu stellen, wurde bemerkt, die Bauern haben mit der Besetzung ihres Feldregiments bisher gewartet, weil sie es mit dem Rathe der Residenz besetzen wollen.

In Schwieberdingen hatte sich der Haufe schon genöthigt gesehen, von dem Herrn von Nippenburg etwas Wein, Vieh und Anderes zu entlehnen, mit der Erklärung, solches mit der Zeit heimzahlen zu wollen. Die Vorräthe Stuttgarts thaten ihnen Noth.

Theus Gerber wurde mit Andern in Eile zum zweiten Male den Bauern entgegen geschickt, mit der Bitte, Stuttgart doch gewiß mit Einquartirung zu verschonen. Die Hauptleute sagten es zu, und schon gingen Wagen mit Fleisch, Brod und Wein in »das alte Lager im Neckarthal,« auf die Wiesen gegen Berg für die Bauern ab, und diese schlugen sich linkwärts von der Schwieberdingerstraße Cannstatt zu. Da brach ein furchtbares Gewitter mit Strömen von Hagel und Regen aus und durchnäßte die Bauern. Auf das suchten sie warm Quartier und näherten sich dennoch der Stadt. Sie erklärten, sie wollen nichts gegen kaiserliche Majestät vornehmen, Niemand von derselben abtrünnig machen, Niemand sich huldigen lassen. Wolf König, ein Stuttgarter Bürger, öffnete ihnen ohne allen Auftrag das verschlossene Siechenthor. So zogen die Hauptleute mit dem Bauernheer ein, Vielen zur Freude, Vielen zum Schrecken, der sich noch sehr steigerte, als man neben den Hauptleuten und unter ihnen so Manchen sah, der nur zu gut bekannt war. Da ritten die Weinsberger Schreckensmänner mit ein, vor Allen ausgezeichnet Andreas Remy von Zimmern, der des Grafen von Helfenstein Pferd ritt und dessen Gugelhut mit der wallenden Feder auf hatte, und Jäcklein Rohrbach, der des Gerichteten damastene Schaupe trug. Aber auch ein anderer Anblick brachte theils Freude theils Furcht. Da sah man nämlich unter den Hauptleuten auch Ramey Harnascher einreiten, einen reichen Stuttgarter Bürger und Wirth, Herzog Ulrichs Freund, der schon im Jahre 1519 dem Herzog wieder ins Land zu helfen gesucht, und darüber selbst das Land hatte verlassen müssen. Herzog Ulrich hatte ihn von Mömpelgard aus ins Zabergäu geschickt, »Acht zu haben, was es für ein Wesen sei,« und die Hauptleute hatten ihn in ihren Rath aufgenommen. 172Manche, selbst vom Ausschuß und aus dem Rath, hatten die Ankunft der Bauern kaum erwarten können.

Der Ausschuß und die Rathsherren waren auf dem Rathhaus versammelt, alle Bauernhauptleute begaben sich sogleich dahin. Matern Feuerbacher wiederholte die vorige Erklärung, daß sie nichts gegen die Regierung vorzunehmen und nur eine christliche Ordnung einzuführen gesonnen seien, daß aber das ganze Land zu diesem Zwecke mit ihnen gemeine Sache machen und auch Stuttgart ihnen eine wohlgerüstete Mannschaft mit einem Hauptmann abgeben müsse. Sogleich wurde der Stadtschreiber Elias Meichner berufen, er mußte sich mit seinen Schreibern setzen und bei vierzig Schreiben ausfertigen, an Städte und Edelleute, daß sie mit ihren Unterthanen dem hellen christlichen Haufen wohlgerüstet zuziehen und den göttlichen Handel und Gerechtigkeit zu befördern suchen sollen. Darauf quartirten sich die Bauern ein. Der Rathsherr Heinrich Gabler, ein exaltirter Freund der Volkssache, gab elf seidene Fähnlein vom Rathhaus an die Bauern ab, führte den Hauptmann Andreas Remy selbst in sein Haus, und überließ ihm seinen Sohn als Trabanten.

In der Stadt war Alles sicher vor den Bauern. Nur die Bebenhäuser-Pflege, der reichversehene Hof des reichversehenen Klosters Bebenhausen wurde von ihnen heimgesucht. Sie durchstachen sieben oder acht Weinfässer mit ihren Spießen, daß es wie aus vielen Röhren lief, und Alles schnell Wein genug zu trinken hatte; viel lief aber auch dabei in den Keller. Der Pfleger hatte sich auf das Gerücht, wie übel die Bauern mit den Geistlichen verfuhren, geflüchtet, und bat aus seinem sichern Versteck die Rathsherren von Stuttgart, sie sollten den Hof für ihr Eigenthum ausgeben. Da überdies trunkene Bauern sich hören ließen, man müsse das ganze Gebäu zertrümmern, so wurden, um allem Unfug zu begegnen, die Bürger Lorenz Ackermann, Paul Wenzelhäuser und Peter Trautwein in den Hof gesetzt, um die Abgabe von Früchten und Wein zu besorgen. Die Hauptleute ließen die Bauern durch ihre Profosen abtreiben, und durch Trommelschlag verkünden, daß Niemand aus dem Hof etwas holen solle. Die nicht unbedeutenden Vorräthe des Hofs, in Ordnung abgereicht, kamen dem Ausschuß für den Haufen gar sehr zu statten. Der Abt aber berechnete nachher 162 Eimer 173Wein, 220 Scheffel Dinkel und 800 Scheffel Haber, und verlangte dafür von den Stuttgartern 1790 Gulden Schadenersatz, weil sie seine Vorräthe »muthwillig in ihren Nutzen gebraucht hätten.« Davon, daß die Stuttgarter ihm den Hof vor der Zerstörung bewahrt hatten, wollte er nichts wissen; man achtete aber seine Forderung wider alle Billigkeit.

Die Stuttgarter Priesterschaft wurde von den Hauptleuten schonend behandelt; es wurde von allen Stifts- und Pfründherren im Ganzen nur ein Hülfsgeld von 400 Gulden gefordert. Einem andern geistlichen Herrn, dem Prediger an St. Leonhard, Dr. Johannes Mantel, verschafften sie die Freiheit. Er wurde zu Nagold gefangen gehalten, und als er durch die Hauptleute des christlichen Haufens erlöst wurde, war er »fast blöd von der großen schweren Gefängniß,« so daß er damit in einem Briefe an Matern Feuerbacher sich dafür entschuldigt, daß er nicht persönlich vor ihnen erscheine.

Nur zwei Tage blieb das Bauernheer in den Mauern Stuttgarts. In denselben besetzten sie ihr Feldregiment im Einzelnen, es wurden besonders Schatz-, Sekel-, Straf- und Beutemeister aufgestellt. Solche Beutemeister waren namentlich neben Andern: Paul Merk und Conrad Plyß. Sie hatten die Hülfs- und Strafgelder, zunächst der Geistlichkeit, zu bestimmen und einzuziehen, während andere für die Proviantlieferungen, für Aufzeichnung, Aufbewahrung und Vertheilung der Vorräthe zu sorgen hatten. Als Paul Merk seine Wahl kund gethan wurde, trat er vor den Haufen, zog sein Hütlein ab, bedankte sich höflich für das Zutrauen und sprach: »Ich will der recht Bischof werden. Wer hätt' gedacht, daß ich die Pfaffen weihen sollt'!« So fröhlichen Muth und besonderes Gefallen brachte er zu seinem Schatzmeisteramt, ihn nannte man vorzugsweise den Pfaffenschätzer. Unter den Profosen wird Hans Mezger von Besigheim genannt. Auch einen Schultheiß des Haufens hatten sie, wie die andern Haufen sie hatten: es war Wilhelm Scheerer von Marbach. Ihr oberster Schreiber war Meister Joachim von Nordheim.

Unter den vielen Aufforderungen zum Zuzug oder zu einer Erklärung erging auch eine an die freie Reichsstadt Eßlingen, unterm 17426. April. Diese für die damalige Zeit bedeutende und sehr feste Stadt war seit der Bewegung zu Weinsberg nicht ohne Sorgen für sich. Am 21. April schrieb der Rath an den schwäbischen Bund, da die Bauern immer näher rücken, so bitten sie um den Zusatz des Bundes. Ihre Stadt habe eine weitläufige Zarg, die sie nicht besetzen können, und doch dürfen sie auf Beistand als Bundesglied und auch darum rechnen, weil das Reichsregiment und das Reichskammergericht ihren Sitz bei ihnen haben. Der Bote brachte folgenden Tags eine abschlägige Antwort, »weil jeder Stand seine Plätze selbst zu besetzen habe. Sie sollen auch beim Reichsregiment um Hülfe ansuchen.« Statt eines Beistands schickte vielmehr der Bund, da der Aufstand immer weiter um sich greife, eine neue Geldanlage und die Forderung des alten Restes. Das Reichsregiment hielt sich in Eßlingen nicht mehr sicher und begab sich nach Geißlingen, an demselben Tage, als die Aufforderung der Bauern nach Eßlingen kam. Der Rath der Stadt gab dem Boten der Bauern als Antwort die mündliche Frage mit, wer sie ermächtigt habe, eine kaiserliche freie Reichsstadt aufzufordern? Die Bauern schickten ein zweites Schreiben: »Ihre Meinung sei bloß, zu wissen, wessen sie sich zu ihnen zu versehen haben, und ob sie sich auch der christlichen Ordnung gemäß halten wollen. Es geschehe ihnen Unrecht, wenn man sage, daß sie die Stadt vom Kaiser abbringen und keine Herrschaft haben wollen. Sie müssen sich wegen der fremden Nationen zusammen thun, von denen sie, so wie man mit Weinsberg erbärmlich umgegangen sei, Uebels zu besorgen haben. Sie als ein Glied des Reiches begehren bloß einen Verstand mit ihnen, um sich gemeinschaftlich vor fernerer Beschädigung fremder Nationen zu hüten.«

Der Rath antwortete, man habe ihnen vorhergesagt, sie sollen hinreiten, wo sie hergekommen seien; diese Antwort gebe man ihnen wieder.

Der Rath konnte wohl so sprechen, Alles in Eßlingen war einhellig, und um den gemeinen Mann bei gutem Willen auch fort zu erhalten, gab man ihm recht zu essen und zu trinken; die Höfe der Geistlichen in der Stadt wurden auch mit angelegt, und das Reichsregiment verwilligte ihr 200 Knechte: »die 175Eßlinger sollen sie einstweilen besolden, es werde wieder vergütet werden.« Acht Schreiben und Berichte des Eßlinger Archivs.

Auf das fiel eine Schaar Bauern in das hart vor Eßlingen gelegene Kloster Weil ein, das in württembergischem Schirme stand, und plünderte es, da es die Schatzung nicht zahlte. Durch tapferes Schießen derer von Eßlingen wurden sie wieder vertrieben und zogen über die Brücke bei Türkheim ab. Auch das Eßlinger Kloster Sirnau auf der andern Seite der Stadt plünderten und zerstörten sie. Eßlinger Archiv.

Es war den Bauern Ernst mit dem, was sie über »die fremden Nationen« gegen die Eßlinger erklärten. Ihre Hauptmacht erhob sich von Stuttgart geradewegs dem Rems- und Filsthale zu, um dem Gaildorfer Raubhaufen abzuwehren, der in diese beiden Thäler hereingedrungen war. Für den Aufstand im Württembergischen sind die Hauptquellen: 1) Theus Gerber's, das Stuttgarter Hauptmanns, Prozeßakten, ein in 2 Foliobänden vorhandenes Zeugenverhör. 2) Matern Feuerbachers, des Bauernhauptmanns von Bottwar, peinliche Prozeßakten, ein Verhör von fast 100 Zeugen. 3) Eine Reihe Schreiben und amtlicher Berichte. Alles im Stuttgarter Staatsarchiv. Ebendaselbst befindet sich auch über diese Partie ein handschriftlicher guter Aufsatz des Regierungsraths Günzler.


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