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Geschichte des dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Schiller: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, dritter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte des dreißigjährigen Kriegs
pages461-745
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Gerücht von Magdeburgs grausenvollem Schicksal verbreitete Frohlocken durch das katholische, Entsetzen und Furcht durch das ganze protestantische Deutschland. Aber Schmerz und Unwillen klagten allgemein den König von Schweden an, der, so nahe und so mächtig, diese bundesverwandte Stadt hilflos gelassen hatte. Auch der Billigste fand diese Unthätigkeit des Königs unerklärbar, und Gustav Adolph, um nicht unwiederbringlich die Herzen des Volks zu verlieren, zu dessen Befreiung er erschienen war, sah sich gezwungen, in einer eigenen Schutzschrift die Gründe seines Betragens der Welt vorzulegen.

Er hatte eben Landsberg angegriffen und am 16ten April erobert, als er die Gefahr vernahm, in welcher Magdeburg schwebte. Sogleich ward sein Entschluß gefaßt, diese bedrängte Stadt zu befreien, und er setzte sich deswegen mit seiner ganzen Reiterei und zehn Regimentern Fußvolk nach der Spree in Bewegung. Die Situation, in welcher sich dieser König auf deutschem Boden befand, machte ihm zum unverbrüchlichen Klugheitsgesetze, keinen Schritt vorwärts zu thun, ohne den Rücken frei zu haben. Mit der mißtrauischsten Behutsamkeit mußte er ein Land durchziehen, wo er von zweideutigen Freunden und mächtigen offenbaren Feinden umgeben war, wo ein einziger übereilter Schritt ihn von seinem Königreich abschneiden konnte. Der Kurfürst von Brandenburg hatte vormals schon seine Festung Küstrin den flüchtigen Kaiserlichen aufgethan und den nacheilenden Schweden verschlossen. Sollte Gustav jetzt gegen Tilly verunglücken, so konnte eben dieser Kurfürst den Kaiserlichen seine Festungen öffnen, und dann war der König, Feinde vor sich und hinter sich, ohne Rettung verloren. Diesem Zufall bei gegenwärtiger Unternehmung nicht ausgesetzt zu sein, verlangte er, ehe er sich zu der Befreiung Magdeburgs aufmachte, daß ihm von dem Kurfürsten die beiden Festungen Küstrin und Spandau eingeräumt würden, bis er Magdeburg in Freiheit gesetzt hätte.

Nichts schien gerechter zu sein, als diese Forderung. Der große Dienst, welchen Gustav Adolph dem Kurfürsten kürzlich erst durch Vertreibung der Kaiserlichen aus den brandenburgischen Landen geleistet, schien ihm ein Recht an seine Dankbarkeit, das bisherige Betragen der Schweden in Deutschland einen Anspruch auf sein Vertrauen zu geben. Aber durch Uebergabe seiner Festungen machte der Kurfürst den König von Schweden gewissermaßen zum Herrn seines Landes, nicht zu gedenken, daß er eben dadurch zugleich mit dem Kaiser brach und seine Staaten der ganzen künftigen Rache der kaiserlichen Heere bloßstellte. Georg Wilhelm kämpfte lange Zeit einen grausamen Kampf mit sich selbst, aber Kleinmuth und Eigennutz schienen endlich die Oberhand zu gewinnen. Ungerührt von Magdeburgs Schicksal, kalt gegen Religion und deutsche Freiheit, sah er nichts, als seine eigene Gefahr, und diese Besorglichkeit wurde durch seinen Minister von Schwarzenberg, der einen heimlichen Sold von dem Kaiser zog, aufs Höchste getrieben. Unterdessen näherten sich die schwedischen Truppen Berlin, und der König nahm bei dem Kurfürsten seine Wohnung. Als er die furchtsame Bedenklichkeit dieses Prinzen wahrnahm, konnte er sich des Unwillens nicht enthalten. »Mein Weg geht auf Magdeburg,« sagte er, »nicht mir, sondern den Evangelischen zum Besten. Will Niemand mir beistehen, so nehme ich sogleich meinen Rückweg, biete dem Kaiser einen Vergleich an und ziehe wieder nach Stockholm. Ich bin gewiß, der Kaiser soll einen Frieden mit mir eingehen, wie ich ihn immer nur verlangen kann – aber geht Magdeburg verloren und ist der Kaiser der Furcht vor mir erst entledigt, so sehet zu, wie es euch ergehen wird.« Diese zu rechter Zeit hingeworfene Drohung, vielleicht auch der Blick auf die schwedische Armee, welche mächtig genug war, dem Könige durch Gewalt zu verschaffen, was man ihm auf dem Wege der Güte verweigerte, brachte endlich den Kurfürsten zum Entschluß, Spandau in seine Hände zu übergeben.

Nun standen dem König zwei Wege nach Magdeburg offen, wovon der eine gegen Abend durch ein erschöpftes Land und mitten durch feindliche Truppen führte, die ihm den Uebergang über die Elbe streitig machen konnten. Der andere, gegen Mittag, ging über Dessau oder Wittenberg, wo er Brücken fand, die Elbe zu passieren, und aus Sachsen Lebensmittel ziehen konnte. Aber dies konnte ohne Einwilligung des Kurfürsten von Sachsen nicht geschehen, in welchen Gustav ein gegründetes Mißtrauen setzte. Ehe er sich also in Marsch setzte, ließ er diesen Prinzen um einen freien Durchzug und um das Nöthige für seine Truppen gegen baare Bezahlung ersuchen. Sein Verlangen wurde ihm abgeschlagen, und keine Vorstellung konnte den Kurfürsten bewegen, seinem Neutralitätssystem zu entsagen. Indem man noch im Streit darüber begriffen war, kam die Nachricht von Magdeburgs entsetzlichem Schicksal.

Tilly verkündigte sie mit dem Tone eines Siegers allen protestantischen Fürsten und verlor keinen Augenblick, den allgemeinen Schrecken aufs beste zu benutzen. Das Ansehen des Kaisers, durch die bisherigen Progressen Gustavs merklich heruntergebracht, erhob sich furchtbarer als je nach diesem entscheidenden Vorgang, und schnell offenbarte sich diese Veränderung in der gebieterischen Sprache, welche er gegen die protestantischen Reichsstände führte. Die Schlüsse des Leipziger Bundes wurden durch einen Machtspruch vernichtet, der Bund selbst durch ein kaiserliches Dekret aufgehoben, allen widersetzlichen Ständen Magdeburgs Schicksal angedroht. Als Vollzieher dieses kaiserlichen Schlusses ließ Tilly sogleich Truppen gegen den Bischof von Bremen marschieren, der ein Mitglied des Leipziger Bundes war und Soldaten geworben hatte. Der in Furcht gesetzte Bischof übergab die letzteren sogleich in die Hände des Tilly und unterzeichnete die Cassation der Leipziger Schlüsse. Eine kaiserliche Armee, welche unter dem Commando des Grafen von Fürstenberg zu eben der Zeit ans Italien zurückkam, verfuhr auf gleiche Art gegen den Administrator von Wirtenberg. Der Herzog mußte sich dem Restitutionsedikt und allen Dekreten des Kaisers unterwerfen, ja noch außerdem zu Unterhaltung der kaiserlichen Truppen einen monatlichen Geldbeitrag von hunderttausend Thalern erlegen. Aehnliche Lasten wurden der Stadt Ulm und Nürnberg, dem ganzen fränkischen und schwäbischen Kreise auferlegt. Schrecklich war die Hand des Kaisers über Deutschland. Die schnelle Uebermacht, welche er durch diesen Vorfall erlangte, mehr scheinbar als in der Wirklichkeit gegründet, führte ihn über die Grenzen der bisherigen Mäßigung hinweg und verleitete ihn zu einem gewaltsamen übereilten Verfahren, welches endlich die Unentschlossenheit der deutschen Fürsten zum Vortheil Gustav Adolphs besiegte. So unglücklich also die nächsten Folgen von Magdeburgs Untergang für die Protestanten auch sein mochten, so wohlthätig waren die spätern. Die erste Ueberraschung machte bald einem thätigen Unwillen Platz; die Verzweiflung gab Kräfte, und die deutsche Freiheit erhob sich aus Magdeburgs Asche.

Unter den Fürsten des Leipziger Bundes waren der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen bei weitem am meisten zu fürchten, und die Herrschaft des Kaisers war in diesen Gegenden nicht befestigt, so lange er diese Beiden nicht entwaffnet sah. Gegen den Landgrafen richtete Tilly seine Waffen zuerst und brach unmittelbar von Magdeburg nach Thüringen auf. Die sächsisch-ernestinischen und schwarzburgischen Lande wurden auf diesem Zuge äußerst gemißhandelt, Frankenhausen, selbst unter den Augen des Tilly, von seinen Soldaten ungestraft geplündert und in die Asche gelegt; schrecklich mußte der unglückliche Landmann dafür büßen, daß sein Landesherr die Schweden begünstigte. Erfurt, der Schlüssel zwischen Sachsen und Franken, wurde mit einer Belagerung bedroht, wovon es sich aber durch eine freiwillige Lieferung von Proviant und eine Geldsumme loskaufte. Von da schickte Tilly seinen Abgesandten an den Landgrafen von Kassel, mit der Forderung, ungesäumt seine Truppen zu entlassen, dem Leipziger Bund zu entsagen, kaiserliche Regimenter in sein Land und seine Festungen aufzunehmen, Contributionen zu entrichten und sich entweder als Freund oder Feind zu erklären. So mußte sich ein deutscher Reichsfürst von einem kaiserlichen Diener behandelt sehen. Aber diese ausschweifende Forderung bekam ein furchtbares Gewicht durch die Heeresmacht, von der sie begleitet wurde, und das noch frische Andenken von Magdeburgs schauderhaftem Schicksal mußte den Nachdruck desselben vergrößern. Um so mehr Lob verdient die Unerschrockenheit, mit welcher der Landgraf diesen Antrag beantwortete: »Fremde Soldaten in seine Festungen und in seine Residenz aufzunehmen, sei er ganz und gar nicht gesonnen – Seine Truppen brauche er selbst – Gegen einen Angriff würde er sich zu vertheidigen wissen. Fehlte es dem General Tilly an Geld und an Lebensmitteln, so möchte er nur nach München aufbrechen, wo Vorrath an beidem sei.« Der Einbruch zweier kaiserlichen Schaaren in Hessen war die nächste Folge dieser herausfordernden Antwort; aber der Landgraf wußte ihnen so gut zu begegnen, daß nichts Erhebliches ausgerichtet wurde. Nachdem aber Tilly selbst im Begriff stand, ihnen mit seiner ganzen Macht nachzufolgen, so würde das unglückliche Land für die Sündhaftigkeit seines Fürsten theuer genug haben büßen müssen, wenn nicht die Bewegungen des Königs von Schweden diesen General noch zu rechter Zeit zurückgerufen hätten.

Gustav Adolph hatte den Untergang Magdeburgs mit dem empfindlichsten Schmerz erfahren, der dadurch vergrößert wurde, daß Georg Wilhelm nun, dem Vertrage gemäß, die Festung Spandau zurück verlangte. Der Verlust von Magdeburg hatte die Gründe, um derentwillen dem König der Besitz dieser Festung so wichtig war, eher vermehrt, als vermindert; und je näher die Notwendigkeit einer entscheidenden Schlacht zwischen ihm und Tilly heranrückte, desto schwerer ward es ihm, der einzigen Zuflucht zu entsagen, welche nach einem unglücklichen Ausgange für ihn übrig war. Nachdem er Vorstellungen und Bitten bei dem Kurfürsten von Brandenburg fruchtlos erschöpft hatte und die Kaltsinnigkeit desselben vielmehr mit jedem Tage stieg, so schickte er endlich seinem Commandanten den Befehl zu, Spandau zu räumen, erklärte aber zugleich, daß von demselben Tage an der Kurfürst als Feind behandelt werden sollte.

Dieser Erklärung Nachdruck zu geben, erschien er mit seiner ganzen Armee vor Berlin. »Ich will nicht schlechter behandelt sein, als die Generale des Kaisers,« antwortete er den Abgesandten, die der bestürzte Kurfürst in sein Lager schickte. »Euer Herr hat sie in seine Staaten aufgenommen, mit allen Bedürfnissen versorgt, ihnen alle Plätze, welche sie nur wollten, übergeben und durch alle diese Gefälligkeiten nicht erhalten können, daß sie menschlicher mit seinem Volke verfahren wären. Alles, was ich von ihm verlange, ist Sicherheit, eine mäßige Geldsumme und Brod für meine Truppen; dagegen verspreche ich ihm, seine Staaten zu beschützen und den Krieg von ihm zu entfernen. Auf diesen Punkten aber muß ich bestehen, und mein Bruder, der Kurfürst, entschließe sich eilends, ob er mich zum Freunde haben oder seine Hauptstadt geplündert sehen will.« Dieser entschlossene Ton machte Eindruck, und die Richtung der Kanonen gegen die Stadt besiegte alle Zweifel Georg Wilhelms. In wenigen Tagen ward eine Allianz unterzeichnet, in welcher sich der Kurfürst zu einer monatlichen Zahlung von dreißigtausend Thalern verstand, Spandau in den Händen des Königs ließ und sich anheischig machte, auch Küstrin seinen Truppen zu allen Zeiten zu öffnen. Diese nunmehr entschiedene Verbindung des Kurfürsten von Brandenburg mit den Schweden fand in Wien keine bessere Aufnahme, als der ähnliche Entschluß des Herzogs von Pommern vormals gefunden hatte; aber der ungünstige Wechsel des Glücks, den seine Waffen bald nachher erfuhren, erlaubte dem Kaiser nicht, seine Empfindlichkeit anders als durch Worte zu zeigen.

Das Vergnügen des Königs über diese glückliche Begebenheit wurde bald durch die angenehme Botschaft vergrößert, daß Greifswalde, der einzige feste Platz, den die kaiserlichen noch in Pommern besaßen, übergegangen und nunmehr das ganze Land von diesen schlimmen Feinden gereinigt sei. Er erschien selbst wieder in diesem Herzogthum und genoß das entzückende Schauspiel der allgemeinen Volksfreude, deren Schöpfer er war. Ein Jahr war jetzt verstrichen, daß Gustav Deutschland betreten hatte, und diese Begebenheit wurde in dem ganzen Herzogthume Pommern durch ein allgemeines Dankfest gefeiert. Kurz vorher hatte ihn der Czar von Moskau durch Gesandte begrüßen, seine Freundschaft erneuern und sogar Hilfstruppen antragen lassen. Zu diesen friedfertigen Gesinnungen der Russen durfte er sich um so mehr Glück wünschen, je wichtiger es ihm war, bei dem gefahrvollen Kriege, dem er entgegenging, durch keinen feindseligen Nachbar beunruhigt zu werden. Nicht lange darauf landete die Königin Maria Eleonora, seine Gemahlin, mit einer Verstärkung von achttausend Schweden in Pommern; und die Ankunft von sechstausend Engländern unter der Anführung des Marquis von Hamilton darf um so weniger übergangen werden, da ihre Ankunft alles ist, was die Geschichte von den Thaten der Engländer in dem dreißigjährigen Kriege zu berichten hat.

Pappenheim behauptete während des thüringischen Zugs des Tilly das Magdeburgische Gebiet, hatte aber nicht verhindern können, daß die Schweden nicht mehrmalen die Elbe passierten, einige kaiserliche Detachements niederhieben und mehrere Plätze in Besitz nahmen. Er selbst, von der Annäherung des Königs geängstigt, rief den Grafen Tilly auf das dringendste zurück und bewog ihn auch wirklich, in schnellen Märschen nach Magdeburg umzukehren. Tilly nahm sein Lager diesseits des Flusses zu Wolmirstädt; Gustav Adolph hatte das seinige auf eben dieser Seite bei Werben, unweit dem Einfluß der Havel in die Elbe, bezogen. Gleich seine Ankunft in diesen Gegenden verkündigte dem Tilly nichts Gutes. Die Schweden zerstreuten drei seiner Regimenter, welche entfernt von der Hauptarmee in Dörfern postiert standen, nahmen die eine Hälfte ihrer Bagage hinweg und verbrannten die übrige. Umsonst näherte sich Tilly mit seiner Armee auf einen Kanonenschuß weit dem Lager des Königs, um ihm eine Schlacht anzubieten; Gustav, um die Hälfte schwächer als Tilly, vermied sie mit Weisheit; sein Lager war zu fest, um dem Feind einen gewaltsamen Angriff zu erlauben. Es blieb bei einer bloßen Kanonade und einigen Scharmützeln, in welchen allen die Schweden die Oberhand behielten. Auf seinem Rückzuge nach Wolmirstädt verminderte sich die Armee des Tilly durch häufige Desertionen. Seit dem Blutbade zu Magdeburg floh ihn das Glück.

Desto ununterbrochener begleitete es von nun an den König von Schweden. Während er zu Werben im Lager stand, wurde das ganze Mecklenburg, bis auf wenige Plätze, durch seinen General Tott und den Herzog Adolph Friedrich erobert, und er genoß die königliche Lust, beide Herzoge in ihre Staaten wieder einzusetzen. Er reiste selbst nach Güstrow, wo die Einsetzung vor sich ging, um durch seine Gegenwart den Glanz dieser Handlung zu erheben. Von beiden Herzogen wurde, ihren Erretter in der Mitte und ein glänzendes Gefolge von Fürsten um sich her, ein festlicher Einzug gehalten, den die Freude der Unterthanen zu dem rührendsten Feste machte. Bald nach seiner Zurückkunft nach Werben erschien der Landgraf von Hessen-Kassel in seinem Lager, um ein enges Bündniß aus Verteidigung und Angriff mit ihm zu schließen: der erste regierende Fürst in Deutschland, der sich von freien Stücken und öffentlich gegen den Kaiser erklärte, aber auch durch die triftigsten Gründe dazu aufgefordert war. Landgraf Wilhelm machte sich verbindlich, den Feinden des Königs als seinen eigenen zu begegnen, ihm seine Städte und sein ganzes Land aufzuthun, Proviant und alles Nothwendige zu liefern. Dagegen erklärte sich der König zu seinem Freunde und Beschützer und versprach, keinen Frieden einzugehen, ohne dem Landgrafen völlige Genugthuung von dem Kaiser verschafft zu haben. Beide Theile hielten redlich Wort. Hessen-Kassel beharrte in diesem langen Kriege bei der schwedischen Allianz bis ans Ende, und es hatte Ursache, sich im westphälischen Frieden der schwedischen Freundschaft zu rühmen.

Tilly, dem dieser kühne Schritt des Landgrafen nicht lange verborgen blieb, schickte den Grafen Fugger mit einigen Regimentern gegen ihn; zugleich versuchte er, die hessischen Untertanen durch aufrührerische Briefe gegen ihren Herrn zu empören. Seine Briefe fruchteten eben so wenig, als seine Regimenter, welche ihm nachher in der Breitenfelder Schlacht sehr zur Unzeit fehlten – und die hessischen Landstände konnten keinen Augenblick zweifelhaft sein, ob sie den Beschützer ihres Eigenthums dem Räuber desselben vorziehen sollten.

Aber weit mehr als Hessen-Kassel beunruhigte den kaiserlichen General die zweideutige Gesinnung des Kurfürsten von Sachsen, der, des kaiserlichen Verbots ungeachtet, seine Rüstungen fortsetzte und den Leipziger Bund aufrecht hielt. Jetzt, in dieser Nähe des Königs von Schweden, da es in kurzer Zeit zu einer entscheidenden Schlacht kommen mußte, schien es ihm äußerst bedenklich, Kursachsen in Waffen stehen zu lassen, jeden Augenblick bereit, sich für den Feind zu erklären. Eben hatte sich Tilly mit fünfundzwanzigtausend Mann alter Truppen verstärkt, welche ihm Fürstenberg zuführte, und voll Zuversicht auf seine Macht glaubte er, den Kurfürsten entweder durch das bloße Schrecken seiner Ankunft entwaffnen, oder doch ohne Mühe überwinden zu können. Ehe er aber sein Lager bei Wolmirstädt verließ, forderte er ihn durch eine eigene Gesandtschaft auf, sein Land den kaiserlichen Truppen zu öffnen, seine eigenen zu entlassen oder mit der kaiserlichen Armee zu vereinigen und in Gemeinschaft mit ihr den König von Schweden aus Deutschland zu verjagen. Er brachte ihm in Erinnerung, daß Kursachsen bisher unter allen deutschen Ländern am meisten geschont worden sei, und bedrohte ihn im Weigerungsfalle mit der schrecklichsten Verheerung.

Tilly hatte zu diesem gebieterischen Antrag den ungünstigsten Zeitpunkt gewählt. Die Mißhandlung seiner Religions- und Bundesverwandten, Magdeburgs Zerstörung, die Ausschweifungen der Kaiserlichen in der Lausitz, alles kam zusammen, den Kurfürsten gegen den Kaiser zu entrüsten. Gustav Adolphs Nähe, wie wenig Recht er auch an den Schutz dieses Fürsten haben mochte, belebte ihn mit Muth. Er verbat sich die kaiserlichen Einquartierungen und erklärte seinen standhaften Entschluß, in Rüstung zu bleiben. »So sehr es ihm auch auffallen müsse (setzte er hinzu), die kaiserliche Armee zu einer Zeit gegen seine Lande im Anmarsch zu sehen, wo diese Armee genug zu thun hätte, den König von Schweden zu verfolgen, so erwarte er dennoch nicht, anstatt der versprochenen und wohlverdienten Belohnungen mit Undank und mit dem Ruin seines Landes bezahlt zu werden.« Den Abgesandten des Tilly, welche prächtig bewirthet wurden, gab er eine noch verständlichere Antwort auf den Weg. »Meine Herren,« sagte er, »ich sehe wohl, daß man gesonnen ist, das lange gesparte sächsische Confekt endlich auch auf die Tafel zu setzen. Aber man pflegt dabei allerlei Nüsse und Schauessen aufzutragen, die hart zu beißen sind, und sehen Sie sich wohl vor, daß Sie sich die Zähne nicht daran ausbeißen.«

Jetzt brach Tilly aus seinem Lager auf, rückte vor bis nach Halle unter fürchterlichen Verheerungen und ließ von hier aus seinen Antrag an den Kurfürsten in noch dringenderm und drohenderm Tone erneuern. Erinnert man sich der ganzen bisherigen Denkungsart dieses Fürsten, der durch eigene Neigung und durch die Eingebungen seiner bestochenen Minister dem Interesse des Kaisers, selbst auf Unkosten seiner heiligsten Pflichten, ergeben war, den man bisher mit so geringem Aufwand von Kunst in Unthätigkeit erhalten, so muß man über die Verblendung des Kaisers oder seiner Minister erstaunen, ihrer bisherigen Politik gerade in dem bedenklichsten Zeitpunkte zu entsagen und durch ein gewaltthätiges Verfahren diesen so leicht zu lenkenden Fürsten aufs Aeußerste zu bringen. Oder war eben dieses die Absicht des Tilly? War es ihm darum zu thun, einen zweideutigen Freund in einen offenbaren Feind zu verwandeln, um dadurch der Schonung überhoben zu sein, welche der geheime Befehl des Kaisers ihm bisher gegen die Länder dieses Fürsten aufgelegt hatte? War es vielleicht gar die Absicht des Kaisers, den Kurfürsten zu einem feindseligen Schritt zu reizen, um seiner Verbindlichkeit dadurch quitt zu sein und eine beschwerliche Rechnung mit guter Art zerreißen zu können? so müßte man nicht weniger über den verwegenen Uebermuth des Tilly erstaunen, der kein Bedenken trug, im Angesicht eines furchtbaren Feindes sich einen neuen zu machen, und über die Sorglosigkeit eben dieses Feldherrn, die Vereinigung beider ohne Widerstand zu gestatten.

Johann Georg, durch den Eintritt des Tilly in seine Staaten zur Verzweiflung gebracht, warf sich, nicht ohne großes Widerstreben, dem König von Schweden in die Arme.

Gleich nach Abfertigung der ersten Gesandtschaft des Tilly hatte er seinen Feldmarschall von Arnheim aufs eilfertigste in Gustavs Lager gesendet, diesen lange vernachlässigten Monarchen um schleunige Hilfe anzugehen. Der König verbarg die innere Zufriedenheit, welche ihm diese sehnlich gewünschte Entwicklung gewährte. »Mir thut es leid um den Kurfürsten,« gab er dem Abgesandten mit verstelltem Kaltsinn zur Antwort. »Hätte er meine wiederholten Vorstellungen geachtet, so würde sein Land keinen Feind gesehen haben, und auch Magdeburg würde noch stehen. Jetzt, da die höchste Noth ihm keinen andern Ausweg mehr übrig läßt, jetzt wendet man sich an den König von Schweden. Aber melden Sie ihm, daß ich weit entfernt sei, um des Kurfürsten von Sachsen willen mich und meine Bundesgenossen ins Verderben zu stürzen. Und wer leistet mir für die Treue eines Prinzen Gewähr, dessen Minister in österreichischem Solde stehen, und der mich verlassen wird, sobald ihm der Kaiser schmeichelt und seine Armee von den Grenzen zurückzieht? Tilly hat seitdem durch eine ansehnliche Verstärkung sein Heer vergrößert, welches mich aber nicht hindern soll, ihm herzhaft entgegen zu gehen, sobald ich nur meinen Rücken gedeckt weiß.«

Der sächsische Minister wußte auf diese Vorwürfe nichts zu antworten, als daß es am besten gethan sei, geschehene Dinge in Vergessenheit zu begraben. Er drang in den König, sich über die Bedingungen zu erklären, unter welchen er Sachsen zu Hilfe kommen wolle, und verbürgte sich im Voraus für die Gewährung derselben. »Ich verlange,« erwiderte Gustav, »daß mir der Kurfürst die Festung Wittenberg einräume, mir seinen ältesten Prinzen als Geißel übergebe, meinen Truppen einen dreimonatlichen Sold auszahle und mir die Verräther in seinem Ministerium ausliefere. Unter diesen Bedingungen bin ich bereit, ihm Beistand zu leisten.«

»Nicht nur Wittenberg,« rief der Kurfürst, als ihm diese Antwort hinterbracht wurde, und trieb seinen Minister in das schwedische Lager zurück; »nicht bloß Wittenberg, auch Torgau, ganz Sachsen soll ihm offen stehen; meine ganze Familie will ich ihm als Geißel übergeben; und wenn ihm das noch nicht genug ist, so will ich mich selbst ihm darbieten. Eilen Sie zurück und sagen ihm, daß ich bereit sei, ihm die Verräther, die er mir nennen wird, anzuliefern, seiner Armee den verlangten Sold zu bezahlen und Leben und Vermögen an die gute Sache zu setzen.«

Der König hatte die neuen Gesinnungen Johann Georgs nur auf die Probe stellen wollen; von dieser Aufrichtigkeit gerührt, nahm er seine harten Forderungen zurück. »Das Mißtrauen,« sagte er, »welches man in mich setzte, als ich Magdeburg zu Hilfe kommen wollte, hat das meinige erweckt; das jetzige Vertrauen des Kurfürsten verdient, daß ich es erwiedre. Ich bin zufrieden, wenn er meiner Armee einen monatlichen Sold entrichtet, und ich hoffe, ihn auch für diese Ausgabe schadlos zu halten.«

Gleich nach geschlossener Allianz ging der König über die Elbe und vereinigte sich schon am folgenden Tage mit den Sachsen. Anstatt diese Vereinigung zu hindern, war Tilly gegen Leipzig vorgerückt, welches er aufforderte, kaiserliche Besatzung einzunehmen. In Hoffnung eines schleunigen Entsatzes machte der Commandant, Hans von der Pforta, Anstalt, sich zu vertheidigen, und ließ zu dem Ende die hallische Vorstadt in die Asche legen. Aber der schlechte Zustand der Festungswerke machte den Widerstand vergeblich, und schon am zweiten Tage wurden die Thore geöffnet. Im Hause eines Todtengräbers, dem einzigen, welches in der hallischen Vorstadt stehen geblieben war, hatte Tilly sein Quartier genommen; hier unterzeichnete er die Capitulation, und hier wurde auch der Angriff des Königs von Schweden beschlossen. Beim Anblick der abgemalten Schädel und Gebeine, mit denen der Besitzer sein Haus geschmückt hatte, entfärbte sich Tilly, Leipzig erfuhr eine über alle Erwartung gnädige Behandlung.

Unterdessen wurde zu Torgau von dem König von Schweden und dem Kurfürsten von Sachsen, im Beisein des Kurfürsten von Brandenburg, großer Kriegsrath gehalten. Eine Entschließung sollte jetzt gefaßt werden, welche das Schicksal Deutschlands und der evangelischen Religion, das Glück vieler Völker und das Loos ihrer Fürsten unwiderruflich bestimmte. Die Bangigkeit der Erwartung, die auch die Brust des Helden vor jeder großen Entscheidung beklemmt, schien jetzt die Seele Gustav Adolphs in einem Augenblick zu umwölken. »Wenn wir uns jetzt zu einer Schlacht entschließen,« sagte er, »so steht nicht weniger als eine Krone und zwei Kurhüte auf dem Spiele. Das Glück ist wandelbar, und der unerforschliche Rathschluß des Himmels kann, unsrer Sünden wegen, dem Feinde den Sieg verleihen. Zwar möchte meine Krone, wenn sie meine Armee und mich selbst auch verlöre, noch eine Schanze zum Besten haben. Weit entlegen, durch eine ansehnliche Flotte beschützt, in ihren Grenzen wohl verwahrt und durch ein streitbares Volk vertheidigt, würde sie wenigstens vor dem Aergsten gesichert sein. Wo aber Rettung für euch, denen der Feind auf dem Nacken liegt, wenn das Treffen verunglücken sollte?«

Gustav Adolph zeigte das bescheidene Mißtrauen eines Helden, den das Bewußtsein seiner Stärke gegen die Größe der Gefahr nicht verblendet; Johann Georg die Zuversicht eines Schwachen, der einen Helden an seiner Seite weiß. Voll Ungeduld, seine Lande von zwei beschwerlichen Armeen baldmöglichst befreit zu sehen, brannte er nach einer Schlacht, in welcher keine alten Lorbeern für ihn zu verlieren waren. Er wollte mit seinen Sachsen allein gegen Leipzig vorrücken und mit Tilly schlagen. Endlich trat Gustav Adolph seiner Meinung bei, und beschlossen war es, ohne Aufschub den Feind anzugreifen, ehe er die Verstärkungen, welche die Generale Altringer und Tiefenbach ihm zuführten, an sich gezogen hätte. Die vereinigte schwedisch-sächsische Armee setzte über die Mulde; der Kurfürst von Brandenburg reiste wieder in sein Land.

Früh Morgens am 7ten September 1631 bekamen die feindlichen Armeen einander zu Gesichte. Tilly, entschlossen, die herbeieilenden Hilfstruppen zu erwarten, nachdem er versäumt hatte, die sächsische Armee vor ihrer Vereinigung mit den Schweden niederzuwerfen, hatte unweit Leipzig ein festes und vorteilhaftes Lager bezogen, wo er hoffen konnte, zu keiner Schlacht gezwungen zu werden. Das ungestüme Anhalten Pappenheims vermochte ihn endlich doch, sobald die feindlichen Armeen im Anzug begriffen waren, seine Stellung zu verändern und sich linker Hand gegen die Hügel hin zu ziehen, welche sich vom Dorfe Wahren bis nach Lindenthal erheben. Am Fuß dieser Anhöhen war seine Armee in einer einzigen Linie ausgebreitet; seine Artillerie, auf den Hügeln vertheilt, konnte die ganze große Ebene von Breitenfeld bestreichen. Von daher näherte sich in zwei Colonnen die schwedisch-sächsische Armee und hatte bei Podelwitz, einem vor der Tilly'schen Fronte liegenden Dorfe, die Lober zu passieren. Um ihr den Uebergang über diesen Bach zu erschweren, wurde Pappenheim mit zweitausend Kürassieren gegen sie beordert, doch erst nach langem Widerstreben des Tilly und mit dem ausdrücklichen Befehl, ja keine Schlacht anzufangen. Dieses Verbots ungeachtet wurde Pappenheim mit dem schwedischen Vortrabe handgemein, aber nach einem kurzen Widerstand zum Rückzuge genöthigt. Um den Feind aufzuhalten, steckte er Podelwitz in Brand, welches jedoch die beiden Armeen nicht hinderte, vorzurücken und ihre Schlachtordnung zu machen.

Zur Rechten sollten sich die Schweden, in zwei Treffen abgetheilt, das Fußvolk in der Mitte, in kleine Bataillons zerstückelt, welche leicht zu bewegen und, ohne die Ordnung zu stören, der schnellsten Wendungen fähig waren; die Reiterei auf den Flügeln, auf ähnliche Art in kleine Schwadronen abgesondert und durch mehrere Haufen Musketiere unterbrochen, welche ihre schwache Anzahl verbergen und die feindlichen Reiter herunter schießen sollten. In der Mitte commandierte der Oberste Teufel, auf dem linken Flügel Gustav Horn, der König selbst auf dem rechten, dem Grafen Pappenheim gegenüber.

Die Sachsen standen durch einen breiten Zwischenraum von den Schweden getrennt; eine Veranstaltung Gustavs, welche der Ausgang rechtfertigte. Den Plan der Schlachtordnung hatte der Kurfürst selbst mit seinem Feldmarschall entworfen und der König sich bloß begnügt, ihn zu genehmigen. Sorgfältig, schien es, wollte er die schwedische Tapferkeit von der sächsischen absondern, und das Glück vermengte sie nicht.

Unter den Anhöhen gegen Abend breitete sich der Feind aus in einer langen unübersehbaren Linie, welche weit genug reichte, das schwedische Heer zu überflügeln; das Fußvolk in große Bataillons abgetheilt, die Reiterei in eben so große unbehilfliche Schwadronen. Sein Geschütz hatte er hinter sich auf den Anhöhen, und so stand er unter dem Gebiet seiner eigenen Kugeln, die über ihn hinweg ihren Bogen machten. Aus dieser Stellung des Geschützes, wenn anders dieser ganzen Nachricht zu trauen ist, sollte man beinahe schließen, daß Tillys Absicht vielmehr gewesen sei, den Feind zu erwarten, als anzugreifen, da diese Anordnung es ihm unmöglich machte, in die feindlichen Glieder einzubrechen, ohne sich in das Feuer seiner eigenen Kanonen zu stürzen. Tilly selbst befehligte das Mittel, Pappenheim den linken Flügel, den rechten der Graf von Fürstenberg. Sämmtliche Truppen des Kaisers und der Ligue betrugen an diesem Tage nicht über vierunddreißig bis fünfunddreißigtausend Mann; von gleicher Stärke war die vereinigte Armee der Schweden und Sachsen.

Aber wäre auch eine Million der andern gegenüber gestanden – es hätte diesen Tag blutiger, nicht wichtiger, nicht entscheidender machen können. – Dieser Tag war es, um dessentwillen Gustav das baltische Meer durchschiffte, auf entlegener Erde der Gefahr nachjagte, Krone und Leben dem untreuen Glück anvertraute. Die zwei größten Heerführer ihrer Zeit, beide bis hieher unüberwunden, sollen jetzt in einem lange vermiedenen Kampfe mit einander ihre letzte Probe bestehen; einer von beiden muß seinen Ruhm auf dem Schlachtfelde zurücklassen. Beide Hälften von Deutschland haben mit Furcht und Zittern diesen Tag herannahen sehen; bang erwartet die ganze Mitwelt den Ausschlag desselben, und die späte Nachwelt wird ihn segnen oder beweinen.

Die Entschlossenheit, welche den Grafen Tilly sonst nie verließ, fehlte ihm an diesem Tage. Kein fester Vorsatz, mit dem Könige zu schlagen, eben so wenig Standhaftigkeit, es zu vermeiden. Wider seinen Willen riß ihn Pappenheim dahin. Nie gefühlte Zweifel kämpften in seiner Brust, schwarze Ahnungen umwölkten seine immer freie Stirne. Der Geist von Magdeburg schien über ihm zu schweben.

Ein zweistündiges Kanonenfeuer eröffnete die Schlacht. Der Wind wehte von Abend und trieb aus dem frisch beackerten, ausgedörrten Gefilde dicke Wolken von Staub und Pulverrauch den Schweden entgegen. Dies bewog den König, sich unvermerkt gegen Norden zu schwenken, und die Schnelligkeit, mit der solches ausgeführt war, ließ dem Feinde nicht Zeit, es zu verhindern.

Endlich verließ Tilly seine Hügel und wagte den ersten Angriff auf die Schweden; aber von der Heftigkeit ihres Feuers wendete er sich zur Rechten und fiel in die Sachsen mit solchem Ungestüm, daß ihre Glieder sich trennten und Verwirrung das ganze Heer ergriff. Der Kurfürst selbst besann sich erst in Eilenburg wieder; wenige Regimenter hielten noch eine Zeit lang auf dem Schlachtfelde Stand und retteten durch ihren männlichen Widerstand die Ehre der Sachsen. Kaum sah man diese in Unordnung gerathen, so stürzten die Kroaten zur Plünderung, und Eilboten wurden schon abgefertigt, die Zeitung des Siegs zu München und Wien zu verkündigen.

Auf den rechten Flügel der Schweden stürzte sich Graf Pappenheim mit der ganzen Stärke seiner Reiterei, aber ohne ihn zum Wanken zu bringen. Hier commandierte der König selbst, und unter ihm der General Banner. Siebenmal erneuerte Pappenheim seinen Angriff, und siebenmal schlug man ihn zurück. Er entfloh mit einem großen Verlust und überließ das Schlachtfeld dem Sieger.

Unterdessen hatte Tilly den Ueberrest der Sachsen niedergeworfen und brach nunmehr in den linken Flügel der Schweden mit seinen siegenden Truppen. Diesem Flügel hatte der König, sobald sich die Verwirrung unter dem sächsischen Heere entdeckte, mit schneller Besonnenheit drei Regimenter zur Verstärkung gesendet, um die Flanke zu decken, welche die Flucht der Sachsen entblößte. Gustav Horn, der hier das Commando führte, leistete den feindlichen Kürassieren einen herzhaften Widerstand, den die Vertheilung des Fußvolks zwischen den Schwadronen nicht wenig unterstützte. Schon fing der Feind an, zu ermatten, als Gustav Adolph erschien, dem Treffen den Ausschlag zu geben. Der linke Flügel der Kaiserlichen war geschlagen, und seine Truppen, die jetzt keinen Feind mehr hatten, konnten anderswo besser gebraucht werden. Er schwenkte sich also mit seinem rechten Flügel und dem Hauptcorps zur Linken und griff die Hügel an, auf welche das feindliche Geschütz gepflanzt war. In kurzer Zeit war es in seinen Händen, und der Feind mußte jetzt das Feuer seiner eigenen Kanonen erfahren. Auf seiner Flanke das Feuer des Geschützes, von vorne den fürchterlichen Andrang der Schweden, trennte sich das nie überwundene Heer. Schneller Rückzug war alles, was dem Tilly nun übrig blieb; aber der Rückzug selbst mußte mitten durch den Feind genommen werden. Verwirrung ergriff jetzt die ganze Armee, vier Regimenter ausgenommen, grauer versuchter Soldaten, welche nie von einem Schlachtfelde geflohen waren und es auch jetzt nicht wollten. In geschlossenen Gliedern drangen sie mitten durch die siegende Armee und erreichten fechtend ein kleines Gehölz, wo sie aufs neue Front gegen die Schweden machten und bis zu einbrechender Nacht, bis sie auf sechshundert geschmolzen waren, Widerstand leisteten. Mit ihnen entfloh der ganze Ueberrest des Tilly'schen Heers, und die Schlacht war entschieden.

Mitten unter Verwundeten und Todten warf Gustav Adolph sich nieder, und die erste feurigste Siegesfreude ergoß sich in einem glühenden Gebete. Den flüchtigen Feind ließ er, so weit das tiefe Dunkel der Nacht es verstattete, durch seine Reiterei verfolgen. Das Geläute der Sturmglocken brachte in allen umliegenden Dörfern das Landvolk in Bewegung. und verloren war der Unglückliche, der dem ergrimmten Bauer in die Hände fiel. Mit dem übrigen Heere lagerte sich der König zwischen dem Schlachtfeld und Leipzig, da es nicht möglich war, die Stadt noch in derselben Nacht anzugreifen. Siebentausend waren von den Feinden auf dem Platze geblieben, über fünftausend theils gefangen, theils verwundet. Ihre ganze Artillerie, ihr ganzes Lager war erobert, über hundert Fahnen und Standarten erbeutet. Von den Sachsen wurden zweitausend, von den Schweden nicht über siebenhundert vermißt. Die Niederlage der Kaiserlichen war so groß, daß Tilly auf seiner Flucht nach Halle und Halberstadt nicht über sechshundert Mann, Pappenheim nicht über vierzehnhundert zusammenbringen konnte. So schnell war dieses furchtbare Heer zergangen, welches noch kürzlich ganz Italien und Deutschland in Schrecken gesetzt hatte.

Tilly selbst dankte seine Rettung nur dem Ungefähr. Obgleich von vielen Wunden ermattet, wollte er sich einem schwedischen Rittmeister, der ihn einholte, nicht gefangen geben, und schon war dieser im Begriff, ihn zu tödten, als ein Pistolenschuß ihn noch zu rechter Zeit zu Boden streckte. Aber schrecklicher als Todesgefahr und Wunden war ihm der Schmerz, seinen Ruhm zu überleben und an einem einzigen Tage die Arbeit eines ganzen langen Lebens zu verlieren. Nichts waren jetzt alle seine vergangenen Siege, da ihm der einzige entging, der jenen allen erst die Krone aufsetzen sollte. Nichts blieb ihm übrig von seinen glänzenden Kriegsthaten, als die Flüche der Menschheit, von denen sie begleitet waren. Von diesem Tage an gewann Tilly seine Heiterkeit nicht wieder, und das Glück kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Selbst seinen letzten Trost, die Rache, entzog ihm das ausdrückliche Verbot seines Herrn, kein entscheidendes Treffen mehr zu wagen. – Drei Fehler sind es vorzüglich, denen das Unglück dieses Tages beigemessen wird: daß er sein Geschütz hinter der Armee auf die Hügel pflanzte, daß er sich nachher von diesen Hügeln entfernte, und daß er den Feind ungehindert sich in Schlachtordnung stellen ließ. Aber wie bald waren diese Fehler, ohne die kaltblütige Besonnenheit, ohne das überlegene Genie seines Gegners verbessert! – Tilly entfloh eilig von Halle nach Halberstadt, wo er sich kaum Zeit nahm, die Heilung von seinen Wunden abzuwarten, und gegen die Weser eilte, sich mit den kaiserlichen Besatzungen in Niedersachsen zu verstärken.

Der Kurfürst von Sachsen hatte nicht gesäumt, sogleich nach überstandener Gefahr im Lager des Königs zu erscheinen. Der König dankte ihm, daß er zur Schlacht gerathen hätte, und Johann Georg, überrascht von diesem gütigen Empfang, versprach ihm in der ersten Freude – die römische Königskrone. Gleich den folgenden Tag rückte Gustav gegen Merseburg, nachdem er es dem Kurfürsten überlassen hatte, Leipzig wieder zu erobern. Fünftausend Kaiserliche, welche sich wieder zusammengezogen hatten und ihm unterwegs in die Hände fielen, wurden theils niedergehauen, theils gefangen, und die meisten von diesen traten in seinen Dienst. Merseburg ergab sich sogleich, bald darauf wurde Halle erobert, wo sich der Kurfürst von Sachsen nach der Einnahme von Leipzig bei dem Könige einfand, um über den künftigen Operationsplan das Weitere zu beratschlagen.

Erfochten war der Sieg, aber nur eine weise Benutzung konnte ihn entscheidend machen. Die kaiserliche Armee war aufgerieben, Sachsen sah keinen Feind mehr, und der flüchtige Tilly hatte sich nach Braunschweig gezogen. Ihn bis dahin zu verfolgen, hätte den Krieg in Niedersachsen erneuert, welches von den Drangsalen des vorhergehenden Kriegs kaum erstanden war. Es wurde also beschlossen, den Krieg in die feindlichen Lande zu wälzen, welche, unvertheidigt und offen bis nach Wien, den Sieger einluden. Man konnte zur Rechten in die Länder der katholischen Fürsten fallen, man konnte zur Linken in die kaiserlichen Erbstaaten dringen und den Kaiser selbst in seiner Residenz zittern machen. Beides wurde erwählt, und jetzt war die Frage, wie die Rollen vertheilt werden sollten. Gustav Adolph, an der Spitze einer siegenden Armee, hätte von Leipzig bis Prag, Wien und Preßburg wenig Widerstand gefunden. Böhmen, Mähren, Oesterreich, Ungarn waren von Verteidigern entblößt, die unterdrückten Protestanten dieser Länder nach einer Veränderung lüstern; der Kaiser selbst nicht mehr sicher in seiner Burg; in dem Schrecken des ersten Ueberfalls hätte Wien seine Thore geöffnet. Mit den Staaten, die er dem Feind entzog, vertrockneten diesem auch die Quellen, aus denen der Krieg bestritten werden sollte, und bereitwillig hätte sich Ferdinand zu einem Frieden verstanden, der einen furchtbaren Feind aus dem Herzen seiner Staaten entfernte. Einem Eroberer hätte dieser kühne Kriegsplan geschmeichelt und vielleicht auch ein glücklicher Erfolg ihn gerechtfertigt. Gustav Adolph, eben so vorsichtig als kühn, und mehr Staatsmann als Eroberer, verwarf ihn, weil er einen höheren Zweck zu verfolgen fand, weil er dem Glück und der Tapferkeit allein den Ausschlag nicht anvertrauen wollte.

Erwählte Gustav den Weg nach Böhmen, so mußte Franken und der Oberrhein dem Kurfürsten von Sachsen überlassen werden. Aber schon fing Tilly an, aus den Trümmern seiner geschlagenen Armee, aus den Besatzungen in Niedersachsen und den Verstärkungen, die ihm zugeführt wurden, ein neues Heer an der Weser zusammen zu ziehen, an dessen Spitze er wohl schwerlich lange säumen konnte, den Feind aufzusuchen. Einem so erfahrnen General durfte kein Arnheim entgegengestellt werden, von dessen Fähigkeiten die Leipziger Schlacht ein sehr zweideutiges Zeugniß ablegte. Was halfen aber dem König noch so rasche und glänzende Fortschritte in Böhmen und Oesterreich, wenn Tilly in den Reichslanden wieder mächtig wurde, wenn er den Muth der katholischen durch neue Siege belebte und die Bundesgenossen des Königs entwaffnete? Wozu diente es ihm, den Kaiser aus seinen Erbstaaten vertrieben zu haben, wenn Tilly eben diesem Kaiser Deutschland eroberte? Konnte er hoffen, den Kaiser mehr zu bedrängen, als vor zwölf Jahren der böhmische Aufruhr gethan hatte, der doch die Standhaftigkeit dieses Prinzen nicht erschütterte, der seine Hilfsquellen nicht erschöpfte, aus dem er nur desto furchtbarer erstand?

Weniger glänzend, aber weit gründlicher waren die Vortheile, welche er von einem persönlichen Einfall in die liguistischen Länder zu erwarten hatte. Entscheidend war hier seine gewaffnete Ankunft. Eben waren die Fürsten, des Restitutionsediktes wegen, auf einem Reichstage zu Frankfurt versammelt, wo Ferdinand alle Künste seiner arglistigen Politik in Bewegung setzte, die in Furcht gesetzten Protestanten zu einem schnellen und nachtheiligen Vergleich zu bereden. Nur die Annäherung ihres Beschützers konnte sie zu einem standhaften Widerstand ermuntern und die Anschläge des Kaisers zernichten. Gustav Adolph konnte hoffen, alle diese mißvergnügten Fürsten durch seine siegreiche Gegenwart zu vereinigen, die übrigen durch das Schrecken seiner Waffen von dem Kaiser zu trennen. Hier, im Mittelpunkte Deutschlands, zerschnitt er die Nerven der kaiserlichen Macht, die sich ohne den Beistand der Ligue nicht behaupten konnte. Hier konnte er Frankreich, einen zweideutigen Bundesgenossen, in der Nähe bewachen; und wenn ihm zu Erreichung eines geheimen Wunsches die Freundschaft der katholischen Kurfürsten wichtig war, so mußte er sich vor allen Dingen zum Herrn ihres Schicksals machen, um durch eine großmüthige Schonung sich einen Anspruch auf ihre Dankbarkeit zu erwerben.

Er erwählte also für sich selbst den Weg nach Franken und dem Rhein und überließ dem Kurfürsten von Sachsen die Eroberung Böhmens.

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