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Geschichte des dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Schiller: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, dritter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte des dreißigjährigen Kriegs
pages461-745
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alle kaiserlichen Staaten waren jetzt endlich von Feinden gereinigt, die Union aufgelöst, der Markgraf von Baden, Graf Mannsfeld und Herzog Christian aus dem Felde geschlagen und die pfälzischen Lande von den Truppen der Reichsexecution überschwemmt. Mannheim und Heidelberg hatten die Bayern im Besitze, und bald wurde auch Frankenthal den Spaniern geräumt. In einem Winkel von Holland harrte der Pfalzgraf auf die schimpfliche Erlaubniß, durch einen Fußfall den Zorn des Kaisers versöhnen zu dürfen; und ein sogenannter Kurfürstentag zu Regensburg sollte endlich sein Schicksal bestimmen. Längst war dieses am Hofe des Kaisers entschieden; aber jetzt erst waren die Umstände günstig genug, mit dieser ganzen Entscheidung an das Licht hervorzutreten. Nach allem dem, was bis jetzt von dem Kaiser gegen den Kurfürsten geschehen war, glaubte Ferdinand keine aufrichtige Versöhnung mehr hoffen zu können. Nur indem man die Gewalttätigkeit vollendete, glaubte man sie unschädlich zu machen. Verloren mußte also bleiben, was verloren war; Friedrich durfte seine Länder nicht wieder sehen, und ein Fürst ohne Land und Volk konnte den Kurhut nicht mehr tragen. So schwer sich der Pfalzgraf gegen das Haus Oesterreich verschuldet hatte, so ein herrliches Verdienst hatte sich der Herzog von Bayern um dasselbe erworben. So viel das Haus Oesterreich und die katholische Kirche von der Rachbegierde und dem Religionshaß des pfälzischen Hauses zu fürchten haben mochten, so viel hatten beide von der Dankbarkeit und dem Religionseifer des bayerischen zu hoffen. Endlich wurde, durch Uebertragung der pfälzischen Kurwürde an Bayern, der katholischen Religion das entschiedenste Uebergewicht im Kurfürstenrathe und ein bleibender Sieg in Deutschland versichert.

Dieses Letzte war genug. die drei geistlichen Kurfürsten dieser Neuerung günstig zu machen; unter den protestantischen war nur die einzige Stimme Kursachsens wichtig. Konnte aber Johann Georg dem Kaiser ein Recht streitig machen, ohne welches er sein eigenes an den Kurhut dem Zweifel aussetzte? Einem Fürsten zwar, den seine Abkunft, seine Würde und seine Macht an die Spitze der protestantischen Kirche in Deutschland stellten, hätte, wie es schien, nichts heiliger sein sollen, als die Rechte dieser Kirche gegen alle Angriffe der katholischen zu behaupten; aber die Frage war jetzt nicht sowohl, wie man das Interesse der protestantischen Religion gegen die Katholiken wahrnehmen, sondern welcher von zwei gleich gehaßten Religionen, der calvinischen oder der päpstlichen, man den Sieg über die andere gönnen, welchem von zwei gleich schlimmen Feinden man die pfälzische Kur zusprechen sollte; und im Gedränge zwischen zwei entgegengesetzten Pflichten war es ja wohl natürlich – dem Privathaß und dem Privatnutzen den Ausschlag heimzustellen. Der geborne Beschützer der deutschen Freiheit und der protestantischen Religion ermunterte den Kaiser, über die pfälzische Kur nach kaiserlicher Machtvollkommenheit zu verfügen und sich im geringsten nicht irren zu lassen, wenn man von Seiten Kursachsens, der Form wegen, sich seinen Maßregeln entgegensetzen sollte. Wenn Johann Georg in der Folge mit seiner Einwilligung zurückhielt, so hatte Ferdinand selbst durch Vertreibung der evangelischen Prediger aus Böhmen zu dieser Sinnesänderung Anlaß gegeben; und die Belehnung Bayerns mit der pfälzischen Kur hörte auf, eine gesetzwidrige Handlung zu sein, sobald der Kaiser sich dazu verstand, dem Kurfürsten von Sachsen für eine Rechnung von sechs Millionen Thaler Kriegskosten die Lausitz einzuräumen.

Ferdinand belehnte also, mit Widerspruch des ganzen protestantischen Deutschlands, mit Verspottung der Reichsgrundgesetze, die er in der Wahlkapitulation beschworen, den Herzog von Bayern zu Regensburg feierlich mit der pfälzischen Kur, doch, wie es hieß, uubeschadet der Ansprüche, welche die Agnaten und Nachkommen Friedrichs darauf geltend machen möchten. Dieser unglückliche Fürst sah sich jetzt unwiderruflich aus dem Besitz seiner Staaten vertrieben, ohne vor dem Gerichte, das ihn verdammte, zuvor gehört worden zu sein, eine Gerechtigkeit, welche die Gesetze auch dem geringsten Unterthan, auch dem schwärzesten Verbrecher vergönnen.

Dieser gewaltsame Schritt öffnete endlich dem König von England die Augen, und da um eben diese Zeit die Unterhandlungen zerrissen wurden, welche wegen einer Heirath seines Sohnes mit einer spanischen Tochter angesponnen waren, so nahm endlich Jakob mit Lebhaftigkeit die Partei seines Eidams. Eine Revolution im französischen Ministerium hatte den Cardinal Richelieu zum Herrn der Geschäfte gemacht, und dieses tiefgesunkene Königreich fing bald an zu fühlen, daß ein Mann an seinem Ruder saß. Die Bewegungen des spanischen Statthalters in Mailand, sich des Veltlins zu bemächtigen, um von hier aus einen Vereinigungspunkt mit den Erbstaaten Oesterreichs zu finden, erweckten wieder die alte Furcht vor dieser Macht und mit ihr die Staatsmaximen Heinrichs des Großen. Eine Heirath des Prinzen von Wallis mit Henrietten von Frankreich stiftete zwischen diesen beiden Kronen eine engere Vereinigung, zu welcher auch Holland, Dänemark und einige Staaten Italiens traten. Der Entwurf wurde gemacht, Spanien mit gewaffneter Hand zur Herausgabe des Veltlins, und Oesterreich zur Wiederherstellung Friedrichs zu zwingen; aber nur für das Erste wurde einige Thätigkeit gezeigt. Jakob der Erste starb, und Karl der Erste, im Streit mit seinem Parlamente, konnte den Angelegenheiten Deutschlands keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Savoyen und Venedig hielten ihren Beistand zurück, und der französische Minister glaubte die Hugenotten in seinem Vaterlande erst unterwerfen zu müssen, ehe er es wagen dürfte, die Protestanten in Deutschland gegen den Kaiser zu beschützen. So große Hoffnungen man von dieser Allianz geschöpft hatte, so wenig entsprach ihnen der Erfolg.

Graf Mannsfeld, von aller Hilfe entblößt, stand unthätig am Unterrhein, und Herzog Christian von Braunschweig sah sich nach einem verunglückten Feldzug aufs neue vom deutschen Boden vertrieben. Ein abermaliger Einfall Bethlen Gabors in Mähren hatte sich, weil er von Deutschland aus nicht unterstützt wurde, fruchtlos, wie alle vorigen, in einen förmlichen Frieden mit dem Kaiser geendigt. Die Union war nicht mehr, kein protestantischer Fürst mehr unter den Waffen, und an den Grenzen von Niederdeutschland stand der bayerische General Tilly mit einem sieggewohnten Heer auf protestantischem Boden. Die Bewegungen Herzog Christians von Braunschweig hatten ihn nach dieser Gegend und einmal schon in den niedersächsischen Kreis gezogen, wo er Lippstadt, den Waffenplatz des Administrators, überwältigte. Die Notwendigkeit, diesen Feind zu beobachten und von neuen Einfällen abzuhalten, sollte auch noch jetzt seinen Aufenthalt auf diesem Boden rechtfertigen. Aber Mannsfeld und Christian hatten aus Geldmangel ihre Heere entlassen, und die Armee des Grafen Tilly sah weit und breit keinen Feind mehr. Warum belästigte sie noch das Land, in dem sie stand?

Schwer ist es, aus dem Geschrei erhitzter Parteien die Stimme der Wahrheit zu unterscheiden – aber bedenklich war es, daß die Ligue sich nicht entwaffnete. Das voreilige Frohlocken der Katholiken mußte die Bestürzung vermehren. Der Kaiser und die Ligue standen gewaffnet und siegreich in Deutschland, und nirgends eine Macht, die ihnen Widerstand leisten konnte, wenn sie einen Versuch wagen sollten, die protestantischen Stände anzufallen, oder gar den Religionsfrieden umzustürzen. Wenn Kaiser Ferdinand auch wirklich von dem Gedanken weit entfernt war, seine Siege zu mißbrauchen, so mußte die Wehrlosigkeit der Protestanten den ersten Gedanken in ihm aufwecken. Veraltete Verträge konnten kein Zügel für einen Fürsten sein, der seiner Religion alles schuldig zu sein glaubte und jede Gewalttätigkeit durch die religiöse Absicht für geheiligt hielt. Oberdeutschland war überwältigt, und Niederdeutschland allein konnte seiner Alleingewalt noch im Wege stehen. Hier waren die Protestanten die herrschende Macht, hier waren der katholischen Kirche die meisten Stifter entrissen worden, und der Zeitpunkt schien jetzt gekommen zu sein, diese verlornen Besitzungen wieder an die Kirche zurückzubringen. In diesen von den niederdeutschen Fürsten eingezogenen Stiftern bestand zugleich ein nicht geringer Theil ihrer Macht, und der Kirche zu dem Ihrigen zu verhelfen, gab zugleich einen trefflichen Vorwand her, diese Fürsten zu schwächen.

Unverzeihliche Sorglosigkeit würde es gewesen sein, in dieser gefahrvollen Lage sich müßig zu verhalten. Das Andenken an die Gewaltthätigkeiten, die das Tilly'sche Heer in Niedersachsen ausgeübt hatte, war noch zu neu, um die Stände nicht zu ihrer Selbstvertheidigung zu ermuntern. In möglichster Eilfertigkeit bewaffnete sich der niedersächsische Kreis. Außerordentliche Kriegssteuern wurden gehoben, Truppen geworben und Magazine angefüllt. Man unterhandelte mit Venedig, mit Holland, mit England wegen Subsidien. Man berathschlagte, welche Macht man an die Spitze des Bundes stellen sollte. Die Könige des Sundes und des baltischen Meers, natürliche Bundesgenossen dieses Kreises, konnten nicht gleichgültig zusehen, wenn ihn der Kaiser als Eroberer betreten und an den Küsten der nordischen Meere ihr Nachbar werden sollte. Das doppelte Interesse der Religion und der Staatsklugheit forderte sie auf, die Fortschritte dieses Monarchen in Niederdeutschland zu begrenzen. Christian der Vierte, König von Dänemark, zählte sich als Herzog von Holstein selbst zu den Ständen dieses Kreises; durch gleich starke Gründe wurde Gustav Adolph von Schweden zu einem Antheil an diesem Bündniß bewogen.

Beide Könige bewarben sich wetteifernd um die Ehre, den niedersächsischen Kreis zu vertheidigen und die furchtbare österreichische Macht zu bekriegen. Jeder bot sich an, eine wohlgerüstete Armee anzustellen und in eigener Person anzuführen. Siegreiche Feldzüge gegen Moskau und Polen gaben dem Versprechen des schwedischen Königs Nachdruck; die ganze Küste des Belt war von dem Namen Gustav Adolphs erfüllt. Aber der Ruhm dieses Nebenbuhlers nagte am Herzen des dänischen Königs, und je mehr Lorbeern er sich selbst in diesem Feldzuge versprach, desto weniger konnte Christian der Vierte es von sich erhalten, sie seinem beneideten Nachbar zu gönnen. Beide brachten ihre Vorschläge und Bedingungen vor das englische Ministerium, wo es endlich Christian dem Vierten gelang, seinen Mitwerber zu überbieten. Gustav Adolph forderte zu seiner Sicherheit die Einräumung einiger festen Plätze in Deutschland, wo er selbst keinen Fuß breit Landes besaß, um seinen Truppen im Fall eines Unglücks die nöthige Zuflucht zu gewähren. Christian der Vierte hatte Holstein und Jütland, durch welche Länder er sich nach einer verlornen Schlacht sicher zurückziehen konnte.

Um seinem Nebenbuhler den Rang abzulaufen, eilte der König von Dänemark, sich im Felde zu zeigen. Zum Obersten des niedersächsischen Kreises ernannt, hatte er in kurzem ein sechstausend Mann starkes Heer auf den Beinen; der Administrator von Magdeburg, die Herzoge von Braunschweig, die Herzoge von Mecklenburg traten mit ihm in Verbindung. Der Beistand, zu welchem England Hoffnung gemacht hatte, erhöhte seinen Muth, und mit einer solchen Macht ausgerüstet, schmeichelte er sich, diesen Krieg in einem Feldzuge zu endigen. Nach Wien berichtete man, daß die Bewaffnung nur zur Absicht habe, den Kreis zu vertheidigen und die Ruhe in dieser Gegend aufrecht zu erhalten. Aber die Unterhandlungen mit Holland, mit England, selbst mit Frankreich, die außerordentlichen Anstrengungen des Kreises und die furchtbare Armee, welche man aufstellte, schienen etwas mehr als bloße Verteidigung, schienen die gänzliche Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz und die Demüthigung des zu mächtig gewordenen Kaisers zum Endzweck zu haben.

Nachdem der Kaiser Unterhandlungen, Ermahnungen, Drohungen und Befehle fruchtlos erschöpft hatte, den König von Dänemark und den niedersächsischen Kreis zu Niederlegung der Waffen zu vermögen, fingen die Feindseligkeiten an, und Niederdeutschland wurde nun der Schauplatz des Krieges. Graf Tilly folgte dem linken Ufer des Weserstroms und bemächtigte sich aller Pässe bis Minden; nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf Nienburg und seinem Uebergange über den Strom, überschwemmte er das Fürstentum Calemberg und ließ es durch seine Truppen besetzen. Am rechten Ufer der Weser agierte der König und verbreitete sich in den braunschweigischen Landen. Aber durch zu starke Detachements hatte er sein Hauptheer geschwächt, daß er mit dem Ueberrest nichts Erhebliches ausrichten konnte. Der Ueberlegenheit seines Gegners bewußt, vermied er eben so sorgfältig eine entscheidende Schlacht, als der liguistische Feldherr sie suchte.

Bisher hatte der Kaiser bloß mit den Waffen Bayerns und der Ligue in Deutschland gestritten, wenn man die spanisch-niederländischen Hilfsvölker ausnimmt, welche die Unterpfalz überfielen. Maximilian führte den Krieg als Oberster der Reichsexecution, und Tilly, der sie befehligte, war ein bayerischer Diener. Alle seine Ueberlegenheit im Felde hatte der Kaiser den Waffen Bayerns und der Ligue zu danken; diese hatten also sein ganzes Glück und Ansehen in Händen. Diese Abhängigkeit von dem guten Willen Bayerns und der Ligue vertrug sich nicht mit den weit aussehenden Entwürfen, denen man nach einem so glänzenden Anfang am kaiserlichen Hofe Raum zu geben begann.

So bereitwillig die Ligue sich gezeigt hatte, die Verteidigung des Kaisers zu übernehmen, an welcher ihre eigene Wohlfahrt befestigt war, so wenig war zu erwarten, daß sie diese Bereitwilligkeit auch auf die kaiserlichen Eroberungsplane erstrecken würde. Oder wenn sie auch ihre Armeen künftig zu Eroberungen hergab, so war zu fürchten, daß sie mit dem Kaiser nichts als den allgemeinen Haß theilen würde, um für sich allein alle Vortheile davon zu ernten. Nur eine ansehnliche Heeresmacht, von ihm selbst aufgestellt, konnte ihn dieser drückenden Abhängigkeit von Bayern überheben und ihm seine bisherige Ueberlegenheit in Deutschland behaupten helfen. Aber der Krieg hatte die kaiserlichen Lande viel zu sehr erschöpft, um die unermeßlichen Kosten einer solchen Kriegsrüstung bestreiten zu können. Unter diesen Umständen konnte dem Kaiser nichts willkommner sein, als der Antrag, womit einer seiner Officiere ihn überraschte.

Graf Wallenstein war es, ein verdienter Officier, der reichste Edelmann in Böhmen. Er hatte dem kaiserlichen Hause von früher Jugend an gedient und sich in mehreren Feldzügen gegen Türken, Venetianer, Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen auf das rühmlichste ausgezeichnet. Der Prager Schlacht hatte er als Oberster beigewohnt und nachher als Generalmajor eine ungarische Armee in Mähren geschlagen. Die Dankbarkeit des Kaisers kam diesen Diensten gleich, und ein beträchtlicher Theil der nach dem böhmischen Aufruhr confiscierten Güter war seine Belohnung. Im Besitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuversicht auf seine glücklichen Sterne und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumstände, erbot er sich, für den Kaiser, auf eigene und seiner Freunde Kosten, eine Armee auszurüsten und völlig zu bekleiden, ja selbst die Sorge für ihren Unterhalt dem Kaiser zu ersparen, wenn ihm gestattet würde, sie bis auf fünfzigtausend Mann zu vergrößern. Niemand war, der diesen Vorschlag nicht als die chimärische Geburt eines brausenden Kopfes verlachte – aber der Versuch war noch immer reichlich belohnt, wenn auch nur ein Theil des Versprechens erfüllt würde. Man überließ ihm einige Kreise in Böhmen zu Musterplätzen und fügte die Erlaubniß hinzu, Officiersstellen zu vergeben. Wenige Monate, so standen zwanzigtausend Mann unter den Waffen, mit welchen er die österreichischen Grenzen verließ; bald darauf erschien er schon mit dreißigtausend an der Grenze von Niedersachsen. Der Kaiser hatte zu der ganzen Ausrüstung nichts gegeben, als seinen Namen. Der Ruf des Feldherrn, Aussicht auf glänzende Beförderung und Hoffnung der Beute lockte aus allen Gegenden Deutschlands Abenteurer unter seine Fahnen, und sogar regierende Fürsten, von Ruhmbegierde oder Gewinnsucht gereizt, erboten sich jetzt, Regimenter für Oesterreich aufzustellen.

Jetzt also – zum erstenmal in diesem Kriege – erschien eine kaiserliche Armee in Deutschland; eine schreckenvolle Erscheinung für die Protestanten, eine nicht viel erfreulichere für die Katholischen. Wallenstein hatte Befehl, seine Armee mit den Truppen der Ligue zu vereinigen und in Gemeinschaft mit dem bayerischen General den König von Dänemark anzugreifen. Aber längst schon eifersüchtig auf Tillys Kriegsruhm, bezeigte er keine Lust, die Lorbeern dieses Feldzugs mit ihm zu theilen und im Schimmer von Tillys Thaten den Ruhm der seinigen zu verlieren. Sein Kriegsplan unterstützte zwar die Operationen des Letztern, aber ganz unabhängig von denselben führte er ihn aus. Da ihm die Quellen fehlten, aus welchen Tilly die Bedürfnisse seines Heeres bestritt, so mußte er das seinige in wohlhabende Länder führen, die von dem Kriege noch nicht gelitten hatten. Ohne also, wie ihm befohlen war, zu dem liguistischen Feldherrn zu stoßen, rückte er in das Halberstädtische und Magdeburgische Gebiet und bemächtigte sich bei Dessau der Elbe. Alle Länder an beiden Ufern dieses Stroms lagen nun seinen Erpressungen offen; er konnte von da dem Könige von Dänemark in den Rücken fallen, ja, wenn es nöthig war, in die eigenen Länder desselben einen Weg sich bahnen.

Christian der Vierte fühlte die ganze Gefahr seiner Lage zwischen zwei so furchtbaren Heeren. Er hatte schon vorher den Administrator von Halberstadt, der kürzlich aus Holland zurückgekehrt war, an sich gezogen; jetzt erklärte er sich auch öffentlich für den Grafen Mannsfeld, den er bisher verleugnet hatte, und unterstützte ihn nach Vermögen. Reichlich erstattete ihm Mannsfeld diesen Dienst. Er ganz allein beschäftigte die Wallensteinische Macht an der Elbe und verhinderte sie, in Gemeinschaft mit Tilly den König aufzureiben. Dieser muthige General näherte sich sogar, der feindlichen Ueberlegenheit ungeachtet, der Dessauer Brücke und wagte es, den kaiserlichen Schanzen gegenüber, sich gleichfalls zu verschanzen. Aber von der ganzen feindlichen Macht im Rücken angefallen, mußte er der überlegenen Anzahl weichen und mit einem Verlust von dreitausend Todten seinen Posten verlassen. Nach dieser Niederlage zog sich Mannsfeld in die Mark Brandenburg, wo er sich nach einer kurzen Erholung mit neuen Truppen verstärkte und dann plötzlich nach Schlesien drehte, um von dort aus in Ungarn einzudringen und in Verbindung mit Bethlen Gaborn den Krieg in das Herz der österreichischen Staaten zu versetzen. Da die kaiserlichen Erblande gegen einen solchen Feind unvertheidigt waren, so erhielt Wallenstein schleunigen Befehl, den König von Dänemark für jetzt ganz aus den Augen zu lassen, um Mannsfelden, wo möglich, den Weg durch Schlesien zu verlegen.

Die Diversion, welche den Wallensteinischen Truppen durch Mannsfeld gemacht wurde, erlaubte dem König, einen Theil seines Heeres in das Westphälische zu schicken, um dort die Bisthümer Münster und Osnabrück zu besetzen. Dies zu verhindern, verließ Tilly eilig den Weserstrom; aber die Bewegungen Herzog Christians, welcher Miene machte, durch Hessen in die liguistischen Länder einzudringen und dahin den Krieg zu versetzen, riefen ihn aufs schnellste wieder aus Westphalen zurück. Um nicht von diesen Ländern abgeschnitten zu werden und eine gefährliche Vereinigung des Landgrafen von Hessen mit dem Feinde zu verhüten, bemächtigte sich Tilly eiligst aller haltbaren Plätze an der Werra und Fulda und versicherte sich der Stadt Münden am Eingange der hessischen Gebirge, wo beide Ströme in die Weser zusammenfließen. Er eroberte kurz darauf Göttingen, den Schlüssel zu Braunschweig und Hessen, und hatte Nordheim dasselbe Schicksal zugedacht, welches aber zu verhindern der König mit seiner ganzen Armee herbeieilte. Nachdem er diesen Ort mit allem Nöthigen versehen, um eine lange Belagerung auszuhalten, suchte er sich durch das Eichsfeld und Thüringen einen neuen Weg in die liguistischen Länder zu eröffnen. Schon war er Duderstadt vorbei; aber durch schnelle Märsche hatte ihm Graf Tilly den Vorsprung abgewonnen. Da die Armee des Letzten, durch einige Wallensteinische Regimenter verstärkt, der seinigen an Zahl weit überlegen war, so wendete sich der König in das Braunschweigische zurück, um eine Schlacht zu vermeiden. Aber auf eben diesem Rückzuge verfolgte ihn Tilly ohne Unterlaß, und nach einem dreitägigen Scharmützel mußte er endlich bei dem Dorfe Lutter, am Barenberg, dem Feinde stehen. Die Dänen thaten den Angriff mit vieler Tapferkeit, und dreimal führte sie der muthvolle König gegen den Feind; endlich aber mußte der schwächere Theil der überlegenen Anzahl und bessern Kriegsübung des Feindes weichen, und ein vollkommener Sieg wurde von dem liguistischen Feldherrn erfochten. Sechzig Fahnen und die ganze Artillerie, Bagage und Munition ging verloren; viele edle Officiere blieben todt auf dem Platze, gegen viertausend von den Gemeinen; mehrere Compagnieen Fußvolk, die sich auf der Flucht in das Amthaus zu Lutter geworfen, streckten das Gewehr und ergaben sich dem Sieger.

Der König entfloh mit seiner Reiterei und sammelte sich nach diesem empfindlichen Schlage bald wieder. Tilly verfolgte seinen Sieg, bemächtigte sich der Weser und der braunschweigischen Lande und trieb den König bis in das Bremische zurück. Durch seine Niederlage schüchtern gemacht, wollte dieser nur vertheidigungsweise verfahren, besonders aber dem Feinde den Uebergang über die Elbe verwehren. Aber indem er in alle haltbaren Plätze Besatzungen warf, blieb er unthätig mit einer getheilten Macht; die zerstreuten Corps wurden nach einander von dem Feinde zerstreut oder aufgerieben. Die liguistischen Truppen, des ganzen Weserstroms mächtig, verbreiteten sich über die Elbe und Havel, und die dänischen sahen sich aus einem Posten nach dem andern verjagt. Tilly selbst war über die Elbe gegangen und hatte bis weit in das Brandenburgische seine siegreichen Waffen verbreitet, indem Wallenstein von der andern Seite in Holstein eindrang, den Krieg in die eigenen Länder des Königs zu spielen.

Dieser General kam eben aus Ungarn zurück, bis wohin er dem Grafen Mannsfeld gefolgt war, ohne seinen Marsch aufhalten oder seine Vereinigung mit Bethlen Gaborn verhindern zu können. Immer von dem Schicksal verfolgt, und immer größer als sein Schicksal, hatte sich dieser unter unendlichen Schwierigkeiten glücklich durch Schlesien und Ungarn zu dem Fürsten von Siebenbürgen hindurchgeschlagen, wo er aber nicht sehr willkommen war. Im Vertrauen auf englischen Beistand und auf eine mächtige Diversion in Niedersachsen, hatte Gabor aufs neue den Waffenstillstand mit dem Kaiser gebrochen, und anstatt dieser gehofften Diversion brachte ihm jetzt Mannsfeld die ganze Wallensteinische Macht mit und forderte Geld von ihm, anstatt es zu bringen. Diese wenige Uebereinstimmung unter den protestantischen Fürsten erkältete Gabors Eifer, und er eilte, wie gewöhnlich, sich der überlegenen Macht des Kaisers durch einen geschwinden Frieden zu entledigen. Fest entschlossen, denselben bei dem ersten Strahl von Hoffnung wieder zu brechen, wies er den Grafen von Mannsfeld an die Republik Venedig, um dort vor allem andern Geld aufzubringen.

Von Deutschland abgeschnitten und ganz außer Stande, den schwachen Ueberrest seiner Truppen in Ungarn zu ernähren, verkaufte Mannsfeld Geschütz und Heergeräthe und ließ seine Soldaten auseinander gehen. Er selbst nahm mit einem kleinen Gefolge den Weg durch Bosnien und Dalmatien nach Venedig. neue Entwürfe schwellten seinen Muth; aber sein Lauf war vollendet. Das Schicksal, das ihn im Leben so unstät herumwarf, hatte ihm ein Grab in Dalmatien bereitet. Nicht weit von Zara übereilte ihn der Tod (1626). Kurz vorher war sein treuer Schicksalsgenosse, Herzog Christian von Braunschweig, gestorben – zwei Männer, der Unsterblichkeit werth, hätten sie sich eben so über ihr Zeitalter als über ihr Schicksal erhoben.

Der König von Dänemark hatte mit einer vollzähligen Macht dem einzigen Tilly nicht Stand halten können; wie viel weniger jetzt beiden kaiserlichen Generalen mit einer geschwächten! Die Dänen wichen aus allen ihren Posten an der Weser, Elbe und Havel, und die Armee Wallensteins ergoß sich über Brandenburg, Mecklenburg, Holstein und Schleswig wie ein reißender Strom. Dieser General, allzu übermüthig, um mit einem Andern gemeinschaftlich zu agieren, hatte den liguistischen Feldherrn über die Elbe geschickt, um dort die Holländer zu beobachten; eigentlich aber, damit er selbst den Krieg gegen den König endigen und die Früchte der von Tilly erfochtenen Siege für sich allein ernten möchte. Alle festen Plätze in seinen deutschen Staaten, Glückstadt allein ausgenommen, hatte Christian verloren, seine Heere waren geschlagen oder zerstreut, von Deutschland aus keine Hilfe, von England wenig Trost, seine Bundesgenossen in Niedersachsen der Wuth des Siegers preisgegeben. Den Landgrafen von Hessen-Kassel hatte Tilly gleich nach dem Siege bei Lutter gezwungen, der dänischen Allianz zu entsagen. Wallensteins furchtbare Erscheinung vor Berlin brachte den Kurfürsten von Brandenburg zur Unterwerfung und zwang ihn, Maximilian von Bayern als rechtmäßigen Kurfürsten anzuerkennen. Der größte Theil Mecklenburgs ward jetzt von den kaiserlichen Truppen überschwemmt, beide Herzoge, als Anhänger des Königs von Dänemark, in die Reichsacht erklärt und aus ihren Staaten vertrieben. Die deutsche Freiheit gegen widerrechtliche Eingriffe vertheidigt zu haben, wurde als ein Verbrechen behandelt, das den Verlust aller Würden und Länder nach sich zog. Und doch war alles dies nur das Vorspiel schreienderer Gewaltthätigkeiten, welche bald darauf folgen sollten.

Jetzt kam das Geheimniß an den Tag, auf welche Art Wallenstein seine ausschweifenden Versprechungen zu erfüllen meinte. Dem Grafen Mannsfeld war es abgelernt; aber der Schüler übertraf seinen Meister. Dem Grundsatze gemäß, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse, hatten Mannsfeld und Herzog Christian mit den Brandschatzungen, die sie von Freund und Feind ohne Unterschied erpreßten, die Bedürfnisse ihrer Truppen bestritten; aber diese räuberische Lebensart war auch von allem Ungemach und aller Unsicherheit des Räuberlebens begleitet. Gleich flüchtigen Dieben mußten sie sich durch wachsame und erbitterte Feinde stehlen, von einem Ende Deutschlands zum andern fliehen, ängstlich auf die Gelegenheit lauern und gerade die wohlhabendsten Länder meiden, weil eine stärkere Macht diese verteidigte. Hatten Mannsfeld und Herzog Christian, im Kampfe mit so furchtbaren Hindernissen, doch so erstaunlich viel gethan, was mußte sich dann nicht ausrichten lassen, wenn man aller dieser Hindernisse überhoben war, – wenn die Armee, die man aufstellte, zahlreich genug war, auch den mächtigsten einzelnen Reichsstand in Furcht zu setzen, – wenn der Name des Kaisers allen Gewalttätigkeiten die Straflosigkeit versicherte, – kurz – wenn man, unter der höchsten Autorität im Reiche und an der Spitze eines überlegenen Heeres, denselben Kriegsplan befolgte, welchen jene beiden Abenteurer auf eigne Gefahr und mit einer zusammengelaufenen Bande in Ausübung gebracht hatten!

Dies hatte Wallenstein im Auge, da er dem Kaiser sein kühnes Anerbieten that, und jetzt wird es Niemand mehr übertrieben finden. Je mehr man das Heer verstärkte, desto weniger durfte man um den Unterhalt desselben bekümmert sein, denn desto mehr brachte es die widersetzlichen Stände zum Zittern; je schreiender die Gewalttätigkeiten, desto ungestrafter konnte man sie verüben. Gegen feindlich gesinnte Reichsstände hatten sie einen Schein des Rechts; gegen getreue konnte die vorgeschützte Notwendigkeit sie entschuldigen. Die ungleiche Vertheilung dieses Druckes verhinderte eine gefährliche Einigkeit unter den Ständen; die Erschöpfung ihrer Länder entzog ihnen zugleich die Mittel, sie zu rügen. Ganz Deutschland wurde auf diese Art ein Proviantmagazin für die Heere des Kaisers, und er konnte mit allen Territorien wie mit seinen Erblanden schalten. Allgemein war das Geschrei um Gerechtigkeit am Throne des Kaisers; aber man war vor der Selbstrache der gemißhandelten Fürsten sicher, so lange sie um Gerechtigkeit riefen. Der allgemeine Unwille zertheilte sich zwischen dem Kaiser, der seinen Namen zu diesen Gräueln gab, und dem Feldherrn, der seine Vollmacht überschritt und offenbar die Autorität seines Herrn mißbrauchte. Durch den Kaiser nahm man den Weg, um gegen seinen Feldherrn Schutz zu erhalten; aber sobald er sich durch seine Trnppen allmächtig wußte, hatte Wallenstein auch den Gehorsam gegen den Kaiser abgeworfen.

Die Erschöpfung des Feindes ließ einen nahen Frieden mit Wahrscheinlichkeit erwarten; dennoch fuhr Wallenstein fort, die kaiserlichen Heere immer mehr, zuletzt bis auf hunderttausend Mann, zu verstärken. Obersten- und Officierspatente ohne Zahl, ein königlicher Staat des Generals, unmäßige Verschwendungen an seine Creaturen (nie schenkte er unter tausend Gulden), unglaubliche Summen für Bestechungen am Hofe des Kaisers, um dort seinen Einfluß zu erhalten – alles dieses ohne den Kaiser zu beschweren. Aus den Brandschatzungen der niederdeutschen Provinzen wurden alle diese unermeßlichen Summen gezogen; kein Unterschied zwischen Freund und Feind, gleich eigenmächtige Durchzüge und Einquartierungen in aller Herren Ländern, gleiche Erpressungen und Gewalttätigkeiten. Dürfte man einer ausschweifenden Angabe aus jenen Zeiten trauen, so hätte Wallenstein in einem siebenjährigen Commando sechstausend Millionen Thaler aus einer Hälfte Deutschlands an Contributionen erhoben. Je ungeheurer die Erpressung, desto mehr Vorrath für seine Heere, desto stärker also der Zulauf zu seinen Fahnen; alle Welt fliegt nach dem Glücke. Seine Armeen schwollen an, indem alle Länder welkten, durch die sie zogen. Was kümmerte ihn nun der Fluch der Provinzen und das Klaggeschrei der Fürsten? Sein Heer betete ihn an, und das Verbrechen selbst setzte ihn in den Stand alle Folgen desselben zu verlachen.

Man würde dem Kaiser unrecht thun, wenn man alle die Ausschweifungen seiner Armeen auf seine Rechnung setzen wollte. Wußte es Ferdinand vorher, daß er seinem Feldherrn alle deutschen Staaten zum Raube gab, so hätte ihm nicht verborgen bleiben können, wie viel er selbst bei einem so unumschränkten Feldherrn Gefahr lief. Je enger sich das Band zwischen der Armee und ihrem Anführer zusammenzog, von dem allein alles Glück, alle Beförderung ausfloß, desto mehr mußte es zwischen Beiden und dem Kaiser erschlaffen. Zwar geschah alles im Namen des Letztern; aber die Majestät des Reichsoberhaupts wurde von Wallenstein nur gebraucht, um jede andere Autorität in Deutschland zu zermalmen. Daher der überlegte Grundsatz dieses Mannes, die deutschen Reichsfürsten sichtbar zu erniedrigen, alle Stufen und Ordnungen zwischen diesen Fürsten und dem Reichsoberhaupte zu zerbrechen und das Ansehen des Letztern über alle Vergleichung zu erhöhen. War der Kaiser die einzige gesetzgebende Macht in Deutschland, wer reichte alsdann hinauf an den Vezier, den er zum Vollzieher seines Willens gemacht hatte? Die Höhe, auf welche Wallenstein ihn stellte, überraschte sogar den Kaiser; aber eben weil diese Größe des Herrn das Werk seines Dieners war, so sollte diese Wallensteinische Schöpfung wieder in ihr Nichts zurücksinken, sobald ihr die Hand ihres Schöpfers fehlte. Nicht umsonst empörte er alle Reichsfürsten Deutschlands gegen den Kaiser – je heftiger ihr Haß gegen Ferdinand, desto nothwendiger mußte ihm derjenige Mann bleiben, der allein ihren schlimmen Willen unschädlich machte. Seine Absicht ging unverkennbar dahin, daß sein Oberherr in ganz Deutschland keinen Menschen mehr zu fürchten haben sollte, als – den einzigen, dem er diese Allmacht verdankte.

Ein Schritt zu diesem Ziele war, daß Wallenstein das eben eroberte Mecklenburg zum einstweiligen Unterpfand für sich verlangte, bis die Geldvorschüsse, welche er dem Kaiser in dem bisherigen Feldzug gethan, erstattet sein würden. Schon vorher hatte ihn Ferdinand, wahrscheinlich, um seinem General einen Vorzug mehr vor dem bayerischen zu geben, zum Herzog von Friedland erhoben; aber eine gewöhnliche Belohnung konnte den Ehrgeiz eines Wallenstein nicht ersättigen. Vergebens erhoben sich selbst in dem kaiserlichen Rath unwillige Stimmen gegen diese neue Beförderung, die auf Unkosten zweier Reichsfürsten geschehen sollte; umsonst widersetzten sich selbst die Spanier, welche längst schon sein Stolz beleidigt hatte, seiner Erhebung. Der mächtige Anhang, welchen sich Wallenstein unter den Rathgebern des Kaisers erkauft hatte, behielt die Oberhand; Ferdinand wollte sich, auf welche Art es auch sein möchte, diesen unentbehrlichen Diener verpflichten. Man stieß eines leichten Vergehens wegen die Nachkömmlinge eines der ältesten deutschen Fürstenhäuser aus ihrem Erbtheil, um eine Creatur der kaiserlichen Gnade mit ihrem Raube zu bekleiden (1628).

Bald darauf fing Wallenstein an, sich einen Generalissimus des Kaisers zu Wasser und zu Lande zu nennen. Die Stadt Wismar wurde erobert und fester Fuß an der Ostsee gewonnen. Von Polen und den Hansestädten wurden Schiffe gefordert, um den Krieg jenseit des baltischen Meeres zu spielen, die Dänen in das Innerste ihres Reichs zu verfolgen und einen Frieden zu erzwingen, der zu größern Eroberungen den Weg bahnen sollte. Der Zusammenhang der niederdeutschen Stände mit den nordischen Reichen war zerrissen, wenn es dem Kaiser gelang, sich in die Mitte zwischen beiden zu lagern und von dem adriatischen Meere bis an den Sund (das dazwischen liegende Polen stand in seiner Abhängigkeit) Deutschland mit einer fortlaufenden Länderkette zu umgeben. Wenn dies die Absicht des Kaisers war, so hatte Wallenstein seine besondere, den nämlichen Plan zu befolgen. Besitzungen an der Ostsee sollten den Grundstein zu einer Macht abgeben, womit sich schon längst seine Ehrsucht trug, und welche ihn in den Stand setzen sollte, seinen Herrn zu entbehren.

Diese Zwecke zu erreichen, war es von äußerster Wichtigkeit, die Stadt Stralsund am baltischen Meere in Besitz zu bekommen. Ihr vortrefflicher Hafen, die leichte Ueberfahrt von da nach den schwedischen und dänischen Küsten machte sie vorzüglich geschickt, in einem Kriege mit beiden Kronen einen Waffenplatz abzugeben. Diese Stadt, die sechste des Hanseatischen Bundes, genoß unter dem Schutze des Herzogs von Pommern die wichtigsten Privilegien, und völlig außer aller Verbindung mit Dänemark, hatte sie an dem bisherigen Kriege auch nicht den entferntesten Antheil genommen. Aber weder diese Neutralität noch ihre Privilegien konnten sie vor den Anmaßungen Wallensteins schützen, der seine Absicht auf sie gerichtet hatte.

Einen Antrag dieses Generals, kaiserliche Besatzungen anzunehmen, hatte der Magistrat von Stralsund mit rühmlicher Standhaftigkeit verworfen, auch seinen Truppen den arglistig verlangten Durchmarsch verweigert. Jetzt schickte Wallenstein sich an, die Stadt zu belagern.

Für beide nordische Könige war es von gleicher Wichtigkeit, Stralsund bei seiner Unabhängigkeit zu schützen, ohne welche die freie Schifffahrt auf dem Belte nicht behauptet werden konnte. Die gemeinschaftliche Gefahr besiegte endlich die Privateifersucht, welche schon längst beide Könige entzweite. In einem Vertrage zu Kopenhagen (1628) versprachen sie einander, Stralsund mit vereinigten Kräften aufrecht zu erhalten und gemeinschaftlich jede fremde Macht abzuwehren, welche in feindlicher Absicht in der Ostsee erscheinen würde. Christian der Vierte warf sogleich eine hinreichende Besatzung in Stralsund und stärkte durch seinen persönlichen Besuch den Muth der Bürger. Einige Kriegsschiffe, welche König Sigismund von Polen dem kaiserlichen Feldherrn zu Hilfe schickte, wurden von der dänischen Flotte in Grund gebohrt, und da ihm nun auch die Stadt Lübeck die ihrigen abschlug, so hatte der kaiserliche Generalissimus zur See nicht einmal Schiffe genug, den Hafen einer einzigen Stadt einzuschließen.

Nichts scheint abenteuerlicher zu sein, als einen Seeplatz, der aufs vortrefflichste befestigt war, erobern zu wollen, ohne seinen Hafen einzuschließen. Wallenstein, der noch nie einen Widerstand erfahren, wollte nun auch die Natur überwinden und das Unmögliche besiegen. Stralsund, von der Seeseite frei, fuhr ungehindert fort, sich mit Lebensmitteln zu versehen und mit neuen Truppen zu verstärken; nichts destoweniger umzingelte es Wallenstein zu Lande und suchte durch prahlerische Drohungen den Mangel gründlicherer Mittel zu ersetzen. »Ich will,« sagte er, »diese Stadt wegnehmen, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden.« Der Kaiser selbst, welcher eine Unternehmung bereuen mochte, wovon er sich keinen rühmlichen Ausgang versprach, ergriff mit Begierde die scheinbare Unterwürfigkeit und einige annehmliche Erbietungen der Stralsunder, seinem General den Abzug von der Stadt zu befehlen. Wallenstein verachtete diesen Befehl und fuhr fort, den Belagerten durch unablässige Stürme zuzusetzen. Da die dänische Besatzung schon stark geschmolzen, der Ueberrest der rastlosen Arbeit nicht gewachsen war und der König sich außer Stand befand, eine größere Anzahl von Truppen an diese Stadt zu wagen, so warf sich Stralsund, mit Christians Genehmigung, dem König von Schweden in die Arme. Der dänische Commandant verließ die Festung, um einem schwedischen Platz zu machen, der sie mit dem glücklichsten Erfolge vertheidigte. Wallensteins Glück scheiterte vor dieser Stadt, und zum erstenmal erlebte sein Stolz die empfindliche Kränkung, nach mehreren verlornen Monaten, nach einem Verlust von zwölftausend Todten, seinem Vorhaben zu entsagen. Aber die Nothwendigkeit, in welche er diese Stadt gesetzt hatte, den schwedischen Schutz anzurufen, veranlaßte ein enges Bündniß zwischen Gustav Adolph und Stralsund, welches in der Folge den Eintritt der Schweden in Deutschland nicht wenig erleichterte.

Bis hierher hatte das Glück die Waffen der Ligue und des Kaisers begleitet, und Christian der Vierte, in Deutschland überwunden, mußte sich in seinen Inseln verbergen; aber die Ostsee setzte diesen Eroberungen eine Grenze. Der Abgang der Schiffe hinderte nicht nur, den König weiter zu verfolgen, sondern setzte auch den Sieger noch in Gefahr, die gemachten Eroberungen zu verlieren. Am meisten hatte man von der Vereinigung beider nordischen Monarchen zu fürchten, welche es, wenn sie Bestand hatte, dem Kaiser und seinem Feldherrn unmöglich machte, auf der Ostsee eine Rolle zu spielen, oder gar eine Landung in Schweden zu thun. Gelang es aber, die Sache dieser beiden Fürsten zu trennen und sich der Freundschaft des dänischen Königs insbesondere zu versichern, so konnte man die einzelne schwedische Macht desto leichter zu überwältigen hoffen. Furcht vor Einmischung fremder Mächte, aufrührerische Bewegungen der Protestanten in seinen eigenen Staaten, die ungeheuren Kosten des bisher geführten Kriegs und noch mehr der Sturm, den man im ganzen protestantischen Deutschland im Begriff war zu erregen, stimmten das Gemüth des Kaisers zum Frieden, und aus ganz entgegengesetzten Gründen beeiferte sich sein Feldherr, diesen Wunsch zu erfüllen. Weit entfernt, einen Frieden zu wünschen, der ihn aus dem Mittagsglanze der Größe und Gewalt in die Dunkelheit des Privatstandes herunterstürzte, wollte er nur den Schauplatz des Kriegs verändern und durch diesen einseitigen Frieden die Verwirrung verlängern. Die Freundschaft Dänemarks, dessen Nachbar er als Herzog von Mecklenburg geworden, war ihm für seine weit aussehenden Entwürfe sehr wichtig, und er beschloß, selbst mit Hintansetzung der Vortheile seines Herrn, sich diesen Monarchen zu verpachten.

Christian der Vierte hatte sich in dem Vertrag von Kopenhagen verbindlich gemacht, ohne Zuziehung Schwedens keinen einseitigen Frieden mit dem Kaiser zu schließen. Dessen ungeachtet wurde der Antrag, den ihm Wallenstein that, mit Bereitwilligkeit angenommen. Auf einem Congreß zu Lübeck (1629), von welchem Wallenstein die schwedischen Gesandten, die für Mecklenburg zu intercedieren kamen, mit ausstudierter Geringschätzung abwies, wurden von kaiserlicher Seite alle den Dänen weggenommenen Länder zurückgegeben. Man legte dem König auf, sich in die Angelegenheiten Deutschlands fernerhin nicht weiter einzumengen, als ihm der Name eines Herzogs von Holstein gestattete, sich der niederdeutschen Stifter unter keinem Namen mehr anzumaßen und die mecklenburgischen Herzoge ihrem Schicksal zu überlassen. Christian selbst hatte diese beiden Fürsten in den Krieg mit dem Kaiser verwickelt; jetzt opferte er sie auf, um sich den Räuber ihrer Staaten zu verpflichten. Unter den Beweggründen, welche ihn zum Krieg gegen den Kaiser veranlaßten, war die Wiederherstellung des Kurfürsten von der Pfalz, seines Verwandten. nicht der unerheblichste gewesen – auch diesem Fürsten wurde in dem Lübecker Frieden mit keiner Sylbe gedacht und in einem Artikel desselben sogar die Rechtmäßigkeit der bayerischen Kurwürde eingestanden. Mit so wenig Ruhm trat Christian der Vierte vom Schauplatze.

Zum zweitenmal hatte Ferdinand jetzt die Ruhe Deutschlands in Händen, und es stand nur bei ihm, den Frieden mit Dänemark in einen allgemeinen zu verwandeln. Aus allen Gegenden Deutschlands schallte ihm das Jammern der Unglücklichen entgegen, die um das Ende ihrer Drangsale flehten; die Gräuel seiner Soldaten, die Habsucht seiner Feldherren hatten alle Grenzen überstiegen. Deutschland – von den verwüstenden Schwärmen Mannsfelds und Christians von Braunschweig, von den schrecklichen Heerschaaren Tillys und Wallensteins durchzogen, lag erschöpft, blutend, verödet und seufzte nach Erholung. Mächtig war der Wunsch des Friedens bei allen Ständen des Reichs, mächtig selbst bei dem Kaiser, der, in Oberitalien mit Frankreich in Krieg verwickelt, durch den bisherigen in Deutschland entkräftet und vor den Rechnungen bange war, die seiner warteten. Aber unglücklicherweise widersprachen sich die Bedingungen, unter welchen beide Religionsparteien das Schwert in die Scheide stecken wollten. Die Katholischen wollten mit Vortheil aus diesem Kriege gehen; die Protestanten wollten nicht schlimmer daraus gehen – der Kaiser, anstatt beide Theile mit kluger Mäßigung zu vereinigen, nahm Partei; und so stürzte Deutschland aufs neue in die Schrecken eines entsetzlichen Krieges.

Schon seit Endigung der böhmischen Unruhen hatte Ferdinand die Gegenreformation in seinen Erbstaaten angefangen; wobei jedoch aus Rücksicht gegen einige evangelische Stände mit Mäßigung verfahren wurde. Aber die Siege, welche seine Feldherren in Niederdeutschland erfochten, machten ihm Muth, allen bisherigen Zwang abzuwerfen. Allen Protestanten in seinen Erbländern wurde, diesem Entschluß gemäß, angekündigt, entweder ihrer Religion oder ihrem Vaterlande zu entsagen – eine bittere, schreckliche Wahl, welche die fürchterlichsten Empörungen unter den Landleuten in Oesterreich erregte. In den pfälzischen Landen wurde gleich nach Vertreibung Friedrichs des Fünften der reformierte Gottesdienst aufgehoben, und die Lehrer dieser Religion von der hohen Schule zu Heidelberg vertrieben.

Diese Neuerungen waren nur das Vorspiel zu größern. Auf einem Kurfürstenconvent zu Mühlhausen forderten die Katholiken den Kaiser auf, alle seit dem Religionsfrieden zu Augsburg von den Protestanten eingezogenen Erzbisthümer, Bisthümer, mittelbare und unmittelbare Abteien und Klöster wieder an die katholische Kirche zurückzubringen und dadurch die katholischen Stände für die Verluste und Bedrückungen zu entschädigen, welche sie in dem bisherigen Kriege erlitten hätten. Bei einem so streng katholischen Fürsten, wie es Ferdinand war, konnte ein solcher Wink nicht zur Erde fallen; aber noch schien es ihm zu früh, das ganze protestantische Deutschland durch einen so entscheidenden Schritt zu empören. Kein einziger protestantischer Fürst war, dem diese Zurückforderung der geistlichen Stifter nicht einen Theil seiner Lande nahm. Wo man die Einkünfte derselben auch nicht ganz zu weltlichen Zwecken bestimmt hatte, hatte man sie zum Nutzen der protestantischen Kirche verwendet. Mehrere Fürsten dankten diesen Erwerbungen einen großen Theil ihrer Einkünfte und Macht. Alle ohne Unterschied mußten durch die Zurückforderung derselben in Aufruhr gebracht werden. Der Religionsfriede sprach ihnen das Recht an diese Stifter nicht ab – obgleich er es eben so wenig außer Zweifel setzte. Aber ein langer, bei vielen fast ein Jahrhundert langer Besitz, das Stillschweigen von vier bisherigen Kaisern, das Gesetz der Billigkeit, welches ihnen an den Stiftungen ihrer Voreltern einen gleichen Antheil mit den Katholischen zusprach, konnte als ein vollgültiger Grund des Rechts von ihnen angeführt werden. Außer dem wirklichen Verlust, den sie durch Zurückgabe dieser Stifter an ihrer Macht und Gerichtsbarkeit erlitten, außer den unübersehlichen Verwirrungen, welche die Folge davon sein mußten, war dies kein geringer Nachtheil für sie, daß die wiedereingesetzten katholischen Bischöfe die katholische Partei auf dem Reichstage mit eben so viel neuen Stimmen verstärken sollten. So empfindliche Verluste auf Seiten der Evangelischen ließen den Kaiser die heftigste Widersetzung befürchten, und ehe das Kriegsfeuer in Deutschland gedämpft war, wollte er eine ganze, in ihrer Vereinigung furchtbare Partei, welche an dem Kurfürsten von Sachsen eine mächtige Stütze hatte, nicht zur Unzeit gegen sich reizen. Er versuchte es also vorerst im Kleinen, um zu erfahren, wie man es im Großen aufnehmen würde. Einige Reichsstädte in Oberdeutschland und der Herzog von Wirtenberg erhielten Mandate, verschiedene solcher eingezogenen Stifter herauszugeben.

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