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Geschichte des dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Schiller: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, dritter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte des dreißigjährigen Kriegs
pages461-745
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Der Entschluß, welchen Ferdinand jetzt faßte, gab dem Krieg eine ganz andere Richtung, einen andern Schauplatz und andere Spieler. Aus einer Rebellion in Böhmen und einem Executionszug gegen Rebellen ward ein deutscher und bald ein europäischer Krieg. Jetzt also ist es Zeit, einen Blick auf Deutschland und das übrige Europa zu werfen.

So ungleich der Grund und Boden des deutschen Reichs und die Vorrechte seiner Glieder unter Katholiken und Protestanten vertheilt waren, so durfte jede Partei nur ihre eigentümlichen Vortheile nutzen, nur in staatskluger Eintracht zusammenhalten, um ihrer Gegenpartei hinlänglich gewachsen zu bleiben. Wenn die katholische die überlegene Zahl für sich hatte und von der Reichsconstitution mehr begünstigt war, so besaß die protestantische eine zusammenhängende Strecke volkreicher Länder, streitbare Fürsten, einen kriegerischen Adel, zahlreiche Armeen, wohlhabende Reichsstädte, die Herrschaft des Meers und auf den schlimmsten Fall einen zuverlässigen Anhang in den Ländern katholischer Fürsten. Wenn die katholische Spanien und Italien zu ihrem Beistand bewaffnen konnte, so öffneten die Republiken Venedig, Holland und England der protestantischen ihre Schätze, so fand sie die Staaten des Nordens und die furchtbare türkische Macht zu schneller Hilfe bereit. Brandenburg, Sachsen und Pfalz setzten den drei geistlichen Stimmen im Kurfürstenrathe drei bedeutende protestantische Stimmen entgegen, und für den Kurfürsten von Böhmen, wie für den Erzherzog von Oesterreich, war die Kaiserwürde eine Fessel, wenn die protestantischen Reichsstände ihre Wichtigkeit zu benutzen verstanden. Das Schwert der Union konnte das Schwert der Ligue in der Scheide halten, oder doch den Ausschlag des Krieges, wenn es wirklich dazu kam, zweifelhaft machen. Aber Privatverhältnisse zerrissen leider das allgemeine politische Band, welches die protestantischen Reichsglieder zusammenhalten sollte. Der große Zeitpunkt fand nur mittelmäßige Geister auf der Bühne, und unbenutzt blieb der entscheidende Moment, weil es den Muthigen an Macht, den Mächtigen an Einsicht, Muth und Entschlossenheit fehlte.

Das Verdienst seines Ahnherrn Moriz, der Umfang seiner Länder und das Gewicht seiner Stimme stellten den Kurfürsten von Sachsen an die Spitze des protestantischen Deutschlands. Von dem Entschlusse, den dieser Prinz faßte, hing es ab, welche von beiden streitenden Parteien den Sieg behalten sollte; auch war Johann Georg nicht unempfindlich gegen die Vortheile, welche ihm dieses wichtige Verhältniß verschaffte. Eine gleich bedeutende Eroberung für den Kaiser und für den protestantischen Bund, vermied er sorgfältig sich an einen von beiden ganz zu verschenken und durch eine unwiderrufliche Erklärung sich entweder der Dankbarkeit des Kaisers anzuvertrauen, oder die Vortheile aufzugeben, welche von der Furcht dieses Fürsten zu gewinnen waren. Unangesteckt von dem Schwindel ritterlicher oder religiöser Begeisterung, welcher einen Souverän nach dem andern dahinriß, Krone und Leben an das Glücksspiel des Kriegs zu wagen, strebte Johann Georg dem solidern Ruhme nach, das Seinige zu Rath zu halten und zu verbessern. Wenn seine Zeitgenossen ihn anklagten, daß er mitten im Sturme die protestantische Sache verlassen; daß er der Vergrößerung seines Hauses die Errettung des Vaterlands nachgesetzt; daß er die ganze evangelische Kirche in Deutschland dem Untergange bloßgestellt habe, um nur für die reformierte den Arm nicht zu erheben; wenn sie ihn anklagten, daß er der gemeinen Sache als ein unzuverlässig er Freund nicht viel weniger geschadet habe, als ihre erklärtesten Feinde: so war es die Schuld dieser Fürsten, welche sich Johann Georgs weise Politik nicht zum Muster nahmen. Wenn, dieser weisen Politik ungeachtet, der sächsische Landmann, wie jeder andere, über die Gräuel der kaiserlichen Durchzüge seufzte, wenn ganz Deutschland Zeuge war, wie Ferdinand seinen Bundesgenossen täuschte und seiner Versprechungen spottete – wenn Johann Georg dieses endlich selbst zu bemerken glaubte – desto mehr Schande für den Kaiser, der ein so redliches Vertrauen so grausam hinterging.

Wenn übertriebenes Vertrauen auf Oesterreich und Hoffnung, seine Länder zu vermehren, dem Kurfürsten von Sachsen die Hände banden, so hielten Furcht vor Oesterreich und Angst, seine Länder zu verlieren, den schwachen Georg Wilhelm von Brandenburg in weit schimpflicheren Fesseln. Was man diesen beiden Fürsten zum Vorwurf machte, hätte dem Kurfürsten von der Pfalz seinen Ruhm und seine Länder gerettet. Rasches Vertrauen auf ungeprüfte Kräfte, der Einfluß französischer Rathschläge und der verführerische Glanz einer Krone hatten diesen unglücklichen Fürsten zu einem Wagestück hingerissen, dem weder sein Genie noch seine politische Verfassung gewachsen war. Durch Zertheilung seiner Lande und die schlechte Harmonie seiner Beherrscher wurde die Macht des pfälzischen Hauses geschwächt, welche, in einer einzigen Hand versammelt, den Ausschlag des Kriegs noch lange Zeit hätte zweifelhaft machen können.

Eben diese Zerstückelung der Lande entkräftete auch das Fürstenhaus Hessen, und die Verschiedenheit der Religion unterhielt zwischen Darmstadt und Kassel eine verderbliche Trennung. Die Linie Darmstadt, der Augsburgischen Confession zugethan, hatte sich unter die Flügel des Kaisers geflüchtet, der sie auf Unkosten der reformierten Linie Kassel begünstigte. Während daß seine Religionsverwandten für Glauben und Freiheit ihr Blut verspritzten, zog Landgraf Georg von Darmstadt Sold von dem Kaiser. Aber ganz seines Ahnherrn werth, der hundert Jahre früher unternommen hatte, Deutschlands Freiheit gegen den furchtbaren Karl zu vertheidigen, erwählte Wilhelm von Kassel die Partei der Gefahr und der Ehre. Ueber den Kleinmuth erhaben, der ungleich mächtigere Fürsten unter Ferdinands Allgewalt beugte, war Landgraf Wilhelm der Erste, der seinen Heldenarm freiwillig dem schwedischen Helden brachte und Deutschlands Fürsten ein Beispiel gab, mit welchem keiner den Anfang machen wollte. So viel Muth sein Entschluß verrieth, so viel Standhaftigkeit zeigte seine Beharrung, so viel Tapferkeit seine Thaten. Mit kühner Entschlossenheit stellte er sich vor sein blutendes Land und empfing einen Feind mit Spott, dessen Hände noch von dem Mordbrande zu Magdeburg rauchten.

Landgraf Wilhelm ist es werth, neben dem heldenreichen Stamme der Ernestinen zur Unsterblichkeit zu gehen. Langsam erschien dir der Tag der Rache, unglücklicher Johann Friedrich, edler, unvergeßlicher Fürst! Langsam, aber glorreich ging er auf. Deine Zeiten kamen wieder, und auf deine Enkel stieg dein Heldengeist herab. Ein tapferes Geschlecht von Fürsten geht hervor aus Thüringens Wäldern, durch unsterbliche Thaten das Urtheil zu beschämen, das den Kurhut von deinem Haupte stieß, durch aufgehäufte blutige Todtenopfer deinen zürnenden Schatten zu versöhnen. Deine Länder konnte der Spruch des Siegers ihnen rauben; aber nicht die patriotische Tugend, wodurch du sie verwirktest, nicht den ritterlichen Muth, der, ein Jahrhundert später, den Thron seines Enkels wanken machen wird. Deine und Deutschlands Rache schliff ihnen gegen Habsburgs Geschlecht einen heiligen Degen, und von einer Heldenhand zur andern erbt sich der unbesiegte Stahl. Als Männer vollführen sie, was sie als Herrscher nicht vermögen, und sterben einen glorreichen Tod – als die tapfersten Soldaten der Freiheit. Zu schwach an Ländern, um mit eigenen Heeren ihren Feind anzufallen, richten sie fremde Donner gegen ihn und führen fremde Fahnen zum Siege.

Deutschlands Freiheit, aufgegeben von den mächtigen Ständen, auf welche doch allein ihre Wohlthat zurück floß, wurde von einer kleinen Anzahl Prinzen vertheidigt, für welche sie kaum einen Werth besaß. Der Besitz von Ländern und Würden ertödtete den Muth; Mangel an beiden machte Helden. Wenn Sachsen, Brandenburg u. a. m. sich schüchtern zurückzogen, so sah man die Anhalt, die Mannsfeld, die Prinzen von Weimar u. a. ihr Blut in mörderischen Schlachten verschwenden. Die Herzoge von Pommern, von Mecklenburg, von Lüneburg, von Wirtenberg, die Reichsstädte in Oberdeutschland, denen das Reichsoberhaupt von jeher ein gefürchteter Name war, entzogen sich furchtsam dem Kampf mit dem Kaiser und beugten sich murrend unter seine zermalmende Hand.

Oesterreich und das katholische Deutschland hatten an dem Herzog Maximilian von Bayern einen ebenso mächtigen als staatsklugen und tapfern Beschützer. Im ganzen Laufe dieses Krieges einem einzigen überlegten Plane getreu, nie ungewiß zwischen seinem Staatsvortheil und seiner Religion, nie Sklave Oesterreichs, das für seine Größe arbeitete und vor seinem rettenden Arme zitterte, hätte Maximilian es verdient, die Würden und Länder, welche ihn belohnten, von einer bessern Hand, als der Willkür, zu empfangen. Die übrigen katholischen Stände, größtenteils geistliche Fürsten, zu unkriegerisch, um den Schwärmen zu widerstehen, die der Wohlstand ihrer Länder anlockte, wurden nach einander Opfer des Kriegs und begnügten sich, im Kabinet und auf ihren Kanzeln einen Feind zu verfolgen, vor welchem sie sich im Felde nicht zu stellen wagten. Alle, entweder Sklaven Oesterreichs oder Bayerns, wichen neben Maximilian in Schatten zurück; erst in den Händen dieses Fürsten wurde ihre versammelte Macht von Bedeutung.

Die furchtbare Monarchie, welche Karl der Fünfte und sein Sohn aus den Niederlanden, aus Mailand und beiden Sizilien, aus den weitläufigen ost- und westindischen Ländern unnatürlich zusammen zwangen, neigte sich schon unter Philipp dem Dritten und Vierten zu ihrem Falle. Von unfruchtbarem Golde zu einer schnellen Größe gebläht, sah man diese Monarchie an einer langsamen Zehrung schwinden, weil ihr die Milch der Staaten, der Feldbau, entzogen wurde. Die westindischen Eroberungen hatten Spanien in Armuth gestürzt, um alle Märkte Europens zu bereichern, und Wechsler zu Antwerpen, Venedig und Genua wucherten längst mit dem Golde, das noch in den Schachten von Peru schlief. Indiens wegen hatte man die spanischen Länder entvölkert, Indiens Schätze an die Wiedereroberung Hollands, an das chimärische Projekt, die französische Thronfolge umzustoßen, an einen verunglückten Angriff auf England verschwendet. Aber der Stolz dieses Hofes hatte den Zeitpunkt seiner Größe, der Haß seiner Feinde seine Furchtbarkeit überlebt, und der Schrecken schien noch um die verlassene Höhle des Löwen zu schweben. Das Mißtrauen der Protestanten lieh dem Ministerium Philipps des Dritten die gefährliche Staatskunst seines Vaters, und bei den deutschen Katholiken bestand noch immer das Vertrauen auf spanische Hilfe, wie der Wunderglaube an die Knochen der Märtyrer. Aeußerliches Gepränge verbarg die Wunden, an denen diese Monarchie sich verblutete, und die Meinung von ihren Kräften blieb, weil sie den hohen Ton ihrer goldnen Tage fortführte. Sklaven zu Hause und Fremdlinge auf ihrem eigenen Thron, gaben die spanischen Schattenkönige ihren deutschen Verwandten Gesetze; und es ist erlaubt, zu zweifeln, ob der Beistand, den sie leisteten, die schimpfliche Abhängigkeit werth war, womit die deutschen Kaiser denselben erkaufen mußten. Hinter den Pyrenäen wurde von unwissenden Mönchen und ränkevollen Günstlingen Europens Schicksal gesponnen. Aber auch in ihrem tiefsten Verfalle mußte eine Macht furchtbar bleiben, die den ersten an Umfang nicht wich, die, wo nicht aus standhafter Politik, doch aus Gewohnheit demselben Staatssystem unverändert getreu blieb, die geübte Armeen und treffliche Generale besaß, die, wo der Krieg nicht zureichte, zu dem Dolche der Banditen griff und ihre öffentlichen Gesandten als Mordbrenner zu gebrauchen wußte. Was sie gegen drei Weltgegenden einbüßte, suchte sie gegen Osten wieder zu gewinnen, und Europa lag in ihrer Schlinge, wenn ihr der lang vorbereitete Anschlag gelang, zwischen den Alpen und dem adriatischen Meere mit den Erblanden Oesterreichs zusammenzufließen.

Zu großer Beunruhigung der dortigen Staaten hatte sich diese beschwerliche Macht in Italien eingedrungen, wo ihr fortgesetztes Streben nach Vergrößerung alle benachbarten Souveräns für ihre Besitzungen zittern machte. In der gefährlichsten Lage befand sich der Papst, den die spanischen Vicekönige zwischen Neapel und Mailand in die Mitte nahmen. Die Republik Venedig sah sich zwischen dem österreichischen Tirol und dem spanischen Mailand gepreßt; Savoyen kam zwischen eben diesem Lande und Frankreich ins Gedränge. Daher die wandelbare und zweideutige Politik, welche seit Karls des Fünften Tagen von den Staaten Italiens beobachtet wurde. Die doppelte Person, welche die Päpste vorstellten, erhielt sie schwankend zwischen zwei ganz widersprechenden Staatssystemen. Wenn der Nachfolger Petri in den spanischen Prinzen seine folgsamsten Söhne, die standhaftesten Vertheidiger seines Stuhls verehrte, so hatte der Fürst des Kirchenstaats in eben diesen Prinzen seine schlimmsten Nachbarn, seine gefährlichsten Gegner zu fürchten. Wenn dem Erstern keine Angelegenheit näher ging, als die Protestanten vertilgt und die österreichischen Waffen siegreich zu sehen, so hatte der Letztere Ursache, die Waffen der Protestanten zu segnen, die seinen Nachbar außer Stand setzten, ihm gefährlich zu werden. Das Eine oder das Andere behielt die Oberhand, je nachdem die Päpste mehr um ihre weltliche Macht oder um ihre geistliche Herrschaft bekümmert waren – im Ganzen aber richtete sich die römische Staatskunst nach der dringenderen Gefahr – und es ist bekannt, wie viel mächtiger die Furcht, ein gegenwärtiges Gut zu verlieren, das Gemüth zu bestimmen pflegt, als die Begierde, ein längst verlorenes wieder zu gewinnen. So wird es begreiflich, wie sich der Statthalter Christi mit dem österreichischen Hause zum Untergang der Ketzer, und wie sich eben dieser Statthalter Christi mit eben diesen Ketzern zum Untergang des österreichischen Hauses verschwören konnte. Bewundernswürdig verflochten ist der Faden der Weltgeschichte! Was möchte wohl aus der Reformation – was aus der Freiheit der deutschen Fürsten geworden sein, wenn der Bischof zu Rom und der Fürst zu Rom beständig ein Interesse gehabt hätten?

Frankreich hatte mit seinem vortrefflichen Heinrich seine ganze Größe und sein ganzes Gewicht auf der politischen Wage Europens verloren. Eine stürmische Minderjährigkeit zernichtete alle Wohlthaten der vorhergehenden kraftvollen Regierung. Unfähige Minister, Geschöpfe der Gunst und Intrigue, zerstreuten in wenigen Jahren die Schätze, welche Sullys Oekonomie und Heinrichs Sparsamkeit aufgehäuft hatten. Kaum vermögend, ihre erschlichene Gewalt gegen innere Faktionen zu behaupten, mußten sie es aufgeben, das große Steuer Europens zu lenken. Der nämliche Bürgerkrieg, welcher Deutschland gegen Deutschland bewaffnete, brachte auch Frankreich gegen Frankreich in Aufruhr, und Ludwig der Dreizehnte tritt seine Volljährigkeit nur an, um seine eigene Mutter und seine protestantischen Unterthanen zu bekriegen. Diese, durch Heinrichs erleuchtete Politik in Fesseln gehalten, greifen jetzt, durch die Gelegenheit aufgeweckt und von einigen unternehmenden Führern ermuntert, zum Gewehr, ziehen sich im Staat zu einem eignen Staat zusammen und bestimmen die feste und mächtige Stadt Rochelle zum Mittelpunkt ihres werdenden Reichs. Zu wenig Staatsmann, um durch eine weise Toleranz diesen Bürgerkrieg in der Geburt zu ersticken, und doch viel zu wenig Herr über die Kräfte seines Staats, um ihn mit Nachdruck zu führen, sieht sich Ludwig der Dreizehnte bald zu dem erniedrigenden Schritt gebracht, die Unterwerfung der Rebellen durch große Geldsummen zu erkaufen. So sehr ihm auch die Staatsklugheit rathen mochte, die Rebellen in Böhmen gegen Oesterreich zu unterstützen, so unthätig mußte Heinrichs des Vierten Sohn für jetzt noch ihrem Untergange zusehen, glücklich genug, wenn sich die Calvinisten in seinem Reiche ihrer Glaubensgenossen jenseits des Rheins nicht zur Unzeit erinnerten. Ein großer Geist am Ruder des Staats würde die Protestanten in Frankreich zum Gehorsam gebracht und ihren Brüdern in Deutschland die Freiheit erfochten haben; aber Heinrich der Vierte war nicht mehr, und erst Richelieu sollte seine Staatskunst wieder hervorrufen.

Indem Frankreich von der Höhe seines Ruhms wieder heruntersank, vollendete das freigewordene Holland den Bau seiner Größe. Noch war der begeisterte Muth nicht verraucht, der, von dem Geschlecht der Oranier entzündet, diese kaufmännische Nation in ein Heldenvolk verwandelt und sie fähig gemacht hatte, ihre Unabhängigkeit in einem mörderischen Kriege gegen das spanische Haus zu behaupten. Eingedenk, wie viel sie selbst bei ihrer Befreiung fremdem Beistande schuldig wären, brannten diese Republikaner von Begierde, ihren deutschen Brüdern zu einem ähnlichen Schicksal zu verhelfen, und dies um so mehr, da beide gegen den nämlichen Feind stritten und Deutschlands Freiheit der Freiheit Hollands zur besten Brustwehr diente. Aber eine Republik, die noch um ihr eigenes Dasein kämpfte, die mit den bewundernswürdigsten Anstrengungen einem überlegenen Feinde in ihrem eigenen Gebiete kaum gewachsen blieb, durfte ihre Kräfte der notwendigen Selbstvertheidigung nicht entziehen, um sie mit großmüthiger Politik für fremde Staaten zu verschwenden.

Auch England, obgleich unterdessen durch Schottland vergrößert, hatte unter seinem schwachen Jakob in Europa das Gewicht nicht mehr, welches ihm der Herrschergeist seiner Elisabeth zu verschaffen gewußt hatte. Ueberzeugt, daß die Wohlfahrt ihrer Insel an der Sicherheit der Protestanten befestigt sei, hatte sich diese staatskluge Königin nie von dem Grundsatz entfernt, jede Unternehmung zu befördern, die auf Verringerung der österreichischen Macht abzielte. Ihrem Nachfolger fehlte es sowohl an Geist, diesen Grundsatz zu fassen, als an Macht, ihn in Ausübung zu bringen. Wenn die sparsame Elisabeth ihre Schätze nicht schonte, um den Niederlanden gegen Spanien, Heinrich dem Vierten gegen die Wuth der Ligue beizuspringen, so überließ Jakob – Tochter, Enkel und Eidam der Willkür eines unversöhnlichen Siegers. Während daß dieser König seine Gelehrsamkeit erschöpfte, um den Ursprung der königlichen Majestät im Himmel aufzusuchen, ließ er die seinige auf Erden verfallen. Indem er seine Beredsamkeit anstrengte, um das unumschränkte Recht der Könige zu erweisen, erinnerte er die englische Nation an das ihrige und verscherzte durch eine unnütze Geldverschwendung sein wichtigstes Regal, das Parlament zu entbehren und der Freiheit ihre Stimme zu nehmen. Ein angebornes Grauen vor jeder bloßen Klinge schreckte ihn auch von dem gerechtesten Kriege zurück; sein Liebling Buckingham spielte mit seinen Schwächen, und seine selbstgefällige Eitelkeit machte es der spanischen Arglist leicht, ihn zu betrügen. Während daß man seinen Eidam in Deutschland zu Grunde richtete und das Erbtheil seiner Enkel an Andere verschenkte, zog dieser blödsinnige Fürst mit glückseligem Wohlgefallen den Weihrauch ein, den ihm Oesterreich und Spanien streuten. Um seine Aufmerksamkeit von dem deutschen Kriege abzulenken, zeigte man ihm eine Schwiegertochter in Madrid, und der spaßhafte Vater rüstete seinen abenteuerlichen Sohn selbst zu dem Gaukelspiel aus, mit welchem dieser seine spanische Braut überraschte. Die spanische Braut verschwand seinem Sohne, wie die böhmische Krone und der pfälzische Kurhut seinem Eidam, und nur der Tod entriß ihn der Gefahr, seine friedfertige Regierung mit einem Kriege zu beschließen, bloß weil er den Muth nicht gehabt hatte, ihn von weitem zu zeigen.

Die bürgerlichen Stürme, durch sein ungeschicktes Regiment vorbereitet, erwachten unter seinem unglücklichen Sohn und nöthigten diesen bald, nach einigen unerheblichen Versuchen, jedem Antheil an dem deutschen Kriege zu entsagen, um die Wuth der Faktionen in seinem eigenen Reiche zu löschen, von denen er endlich ein beklagenswertes Opfer ward.

Zwei verdienstvolle Könige, an persönlichem Ruhm einander zwar bei weitem nicht gleich, aber gleich an Macht und an Ruhmbegierde, setzten damals den europäischen Norden in Achtung. Unter der langen und thätigen Regierung Christians des Vierten wuchs Dänemark zu einer bedeutenden Macht empor. Die persönlichen Eigenschaften dieses Fürsten, eine vortreffliche Marine, auserlesene Truppen, wohlbestellte Finanzen und staatskluge Bündnisse vereinigten sich, diesem Staate einen blühenden Wohlstand von innen und Ansehen von außen zu verschaffen. Schweden hatte Gustav Wasa aus der Knechtschaft gerissen, durch eine weise Gesetzgebung umgestaltet und den neugeschaffene Staat zuerst an den Tag der Weltgeschichte hervorgezogen. Was dieser große Prinz nur im rohen Grundrisse andeutete, wurde durch seinen größern Enkel, Gustav Adolph, vollendet.

Beide Reiche, vormals in eine einzige Monarchie unnatürlich zusammengezwungen und kraftlos in dieser Vereinigung, hatten sich zu den Zeiten der Reformation gewaltsam von einander getrennt, und diese Trennung war die Epoche ihres Gedeihens. So schädlich sich jene gezwungene Vereinigung für beide Reiche erwiesen, so nothwendig war den getrennten Staaten nachbarliche Freundschaft und Harmonie. Auf beide stützte sich die evangelische Kirche, beide hatten dieselben Meere zu bewachen; ein Interesse hätte sie gegen denselben Feind vereinigen sollen. Aber der Haß. welcher die Verbindung beider Monarchien aufgelöst hatte, fuhr fort, die längst getrennten Nationen feindselig zu entzweien. Noch immer konnten die dänischen Könige ihren Ansprüchen auf das schwedische Reich nicht entsagen, Schweden das Andenken der vormaligen dänischen Tyrannei nicht verbannen. Die zusammenfließenden Grenzen beider Reiche boten der Nationalfeindschaft einen ewigen Zunder dar; die wachsame Eifersucht beider Könige und unvermeidliche Handelscollisionen in den nordischen Meeren ließen die Quelle des Streits nie versiegen.

Unter den Hilfsmitteln, wodurch Gustav Wasa, der Stifter des schwedischen Reichs, seiner neuen Schöpfung Festigkeit zu geben gesucht hatte, war die Kirchenreformation eines der wirksamsten gewesen. Ein Reichsgrundgesetz schloß die Anhänger des Papstthums von allen Staatsämtern aus und verbot jedem künftigen Beherrscher Schwedens, den Religionszustand des Reichs abzuändern. Aber schon Gustavs zweiter Sohn und zweiter Nachfolger, Johann, trat zu dem Papstthum zurück, und dessen Sohn Sigismund, zugleich König von Polen, erlaubte sich Schritte, welche zum Untergang der Verfassung und der herrschenden Kirche abzielten. Karln, Herzog von Südermannland, Gustavs dritten Sohn, an ihrer Spitze, thaten die Stände einen herzhaften Widerstand, woraus zuletzt ein offenbarer Bürgerkrieg zwischen dem Oheim und Neffen, zwischen dem König und der Nation sich entzündete. Herzog Karl, während der Abwesenheit des Königs Verweser des Reichs, benutzte Sigismunds lange Residenz in Polen und den gerechten Unwillen der Stände, die Nation sich aufs engste zu verbinden und seinem eigenen Hause unvermerkt den Weg zum Throne zu bahnen. Die schlechten Maßregeln Sigismunds beförderten seine Absicht nicht wenig. Eine allgemeine Reichsversammlung erlaubte sich, zum Vortheil des Reichsverwesers von dem Recht der Erstgeburt abzuweichen, welches Gustav Wasa in der schwedischen Thronfolge eingeführt hatte, und setzte den Herzog von Südermannland auf den Thron, von welchem Sigismund mit seiner ganzen Nachkommenschaft feierlich ausgeschlossen wurde. Der Sohn des neuen Königs, der unter dem Namen Karls des Neunten regierte, war Gustav Adolph, dem aus eben diesem Grunde die Anhänger Sigismunds, als dem Sohn eines Thronräubers, die Anerkennung versagten. Aber wenn die Verbindlichkeit zwischen König und Volk gegenseitig ist, wenn sich Staaten nicht wie eine todte Waare von einer Hand zur andern forterben, so muß es einer ganzen, einstimmig handelnden Nation erlaubt sein, einem eidbrüchigen Beherrscher ihre Pflicht aufzukündigen und seinen Platz durch einen Würdigern zu besetzen.

Gustav Adolph hatte das siebzehnte Jahr noch nicht vollendet, als der schwedische Thron durch den Tod seines Vaters erledigt wurde; aber die frühe Reife seines Geistes vermochte die Stände, den gesetzmäßigen Zeitraum der Minderjährigkeit zu seinem Vortheil zu verkürzen. Mit einem glorreichen Siege über sich selbst eröffnete er eine Regierung, die den Sieg zum beständigen Begleiter haben und siegend endigen sollte. Die junge Gräfin von Brahe, eine Tochter seines Unterthans, hatte die Erstlinge seines großen Herzens, und sein Entschluß war aufrichtig, den schwedischen Thron mit ihr zu theilen. Aber von Zeit und Umständen bezwungen, unterwarf sich seine Neigung der höhern Regentenpflicht, und die Heldentugend gewann wieder ausschließend ein Herz, das nicht bestimmt war, sich auf das stille häusliche Glück einzuschränken.

Christian der Vierte von Dänemark, König schon, ehe Gustav das Licht der Welt erblickte, hatte die schwedischen Grenzen angefallen und über den Vater dieses Helden wichtige Vortheile errungen. Gustav Adolph eilte, diesen verderblichen Krieg zu endigen, und erkaufte durch weise Aufopferungen den Frieden, um seine Waffen gegen den Czar von Moskau zu kehren. Nie versuchte ihn der zweideutige Ruhm eines Eroberers, das Blut seiner Völker in ungerechten Kriegen zu verspritzen; aber ein gerechter wurde nie von ihm verschmäht. Seine Waffen waren glücklich gegen Rußland, und das schwedische Reich sah sich mit wichtigen Provinzen gegen Osten vergrößert.

Unterdessen setzte König Sigismund von Polen gegen den Sohn die feindseligen Gesinnungen fort, wozu der Vater ihn berechtigt hatte, und ließ keinen Kunstgriff unversucht, die Unterthanen Gustav Adolphs in ihrer Treue wankend, seine Freunde kaltsinnig, seine Feinde unversöhnlich zu machen. Weder die großen Eigenschaften seines Gegners, noch die gehäuftesten Merkmale von Ergebenheit, welche Schweden seinem angebeteten Könige gab, konnten jenen verblendeten Fürsten von der thörichten Hoffnung heilen, den verloren Thron wieder zu besteigen. Alle Friedensvorschläge Gustavs wurden mit Uebermuth verschmäht. Unwillkürlich sah sich dieser friedliebende Held in einen langwierigen Krieg mit Polen verwickelt, in welchem nach und nach ganz Livland und Polnisch-Preußen der schwedischen Herrschaft unterworfen wurden. Immer Sieger, war Gustav Adolph immer der Erste bereit, die Hand zum Frieden zu bieten.

Dieser schwedisch-polnische Krieg fällt in den Anfang des dreißigjährigen in Deutschland, mit welchem er in Verbindung steht. Es war genug, daß König Sigismund, ein Katholik, die schwedische Krone einem protestantischen Prinzen streitig machte, um sich der thätigsten Freundschaft Spaniens und Oesterreichs versichert halten zu können; eine doppelte Verwandtschaft mit dem Kaiser gab ihm noch ein näheres Recht an seinen Schutz. Das Vertrauen auf eine so mächtige Stütze war es auch vorzüglich, was den König von Polen zur Fortsetzung eines Krieges aufmunterte, der sich so sehr zu seinem Nachtheil erklärte; und die Höfe zu Madrid und Wien unterließen nicht, ihn durch prahlerische Versprechungen bei gutem Muthe zu erhalten. Indem Sigismund in Livland, Kurland und Preußen einen Platz nach dem andern verlor, sah er seinen Bundesgenossen in Deutschland zu der nämlichen Zeit von Sieg zu Sieg der unumschränkten Herrschaft entgegeneilen – kein Wunder, wenn seine Abneigung gegen den Frieden in gleichem Verhältniß mit seinen Niederlagen stieg. Die Heftigkeit, mit der er seine chimärische Hoffnung verfolgte, verblendete ihm die Augen gegen die arglistige Politik seines Bundesgenossen, der auf seine Unkosten nur den schwedischen Helden beschäftigte, um desto ungestörter die Freiheit des deutschen Reichs umzustürzen und alsdann den erschöpften Norden als eine leichte Eroberung an sich zu reißen. Ein Umstand, auf den man allein nicht gerechnet hatte – Gustavs Heldengröße, zerriß das Gewebe dieser betrügerischen Staatskunst. Dieser achtjährige polnische Krieg, weit entfernt, die schwedische Macht zu erschöpfen, hatte bloß dazu gedient, das Feldherrngenie Gustav Adolphs zu zeitigen, in einer langen Fechtübung die schwedischen Heere zu stählen und unvermerkt die neue Kriegskunst in Gang zu bringen, durch welche sie nachher auf deutschem Boden Wunder thun sollten.

Nach dieser notwendigen Digression über den damaligen Zustand der europäischen Staaten sei mir erlaubt, den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen.

Seine Staaten hatte Ferdinand wieder, aber noch nicht den Aufwand, den ihre Wiedereroberung ihm gekostet hatte. Eine Summe von vierzig Millionen Gulden, welche die Confiscationen in Böhmen und Mähren in seine Hände brachten, würde hinreichend gewesen sein, ihm und seinen Alliierten alle Unkosten zu vergüten; aber diese unermeßliche Summe war bald in den Händen der Jesuiten und seiner Günstlinge zerronnen. Herzog Maximilian von Bayern, dessen siegreichem Arme der Kaiser fast allein den Besitz seiner Staaten verdankte, der, um seiner Religion und seinem Kaiser zu dienen, einen nahen Verwandten aufgeopfert hatte, Maximilian hatte die gegründetsten Ansprüche auf seine Dankbarkeit; und in einem Vertrage, den der Herzog noch vor dem Ausbruch des Kriegs mit dem Kaiser schloß, hatte er sich ausdrücklich den Ersatz aller Unkosten ausbedungen. Ferdinand fühlte die ganze Verbindlichkeit, welche dieser Vertrag und jene Dienste ihm auflegten; aber er hatte nicht Lust, sie mit eigenem Verlust zu erfüllen. Seine Absicht war, den Herzog auf das glänzendste zu belohnen, aber ohne sich selbst zu berauben. Wie konnte dieses besser geschehen, als auf Unkosten desjenigen Fürsten, gegen welchen ihm der Krieg dieses Recht zu geben schien, dessen Vergehungen schwer genug abgeschildert werden konnten, um jede Gewalttätigkeit durch das Ansehen der Gesetze zu rechtfertigen? Friedrich mußte also weiter verfolgt, Friedrich zu Grunde gerichtet werden, damit Maximilian belohnt werden könnte, und ein neuer Krieg ward eröffnet, um den alten zu bezahlen.

Aber ein ungleich wichtigerer Beweggrund kam hinzu, das Gewicht dieses erstern zu verstärken. Bis hieher hatte Ferdinand bloß für seine Existenz gefochten und keine andern Pflichten, als die der Selbstvertheidigung, erfüllt. Jetzt aber, da der Sieg ihm Freiheit zu handeln gab, gedachte er seiner vermeintlich höheren Pflichten und erinnerte sich an das Gelübde, das er zu Loretto und Rom seiner Generalissima, der heiligen Jungfrau, gethan, mit Gefahr seiner Kronen und seines Lebens ihre Verehrung auszubreiten. Die Unterdrückung der Protestanten war mit diesem Gelübde unzertrennlich verknüpft. Günstigere Umstände konnten sich zu Erfüllung desselben nicht vereinigen, als sich jetzt nach Endigung des böhmischen Kriegs beisammen fanden. Die pfälzischen Lande in katholische Hände zu bringen, fehlte es ihm weder an Macht noch an einem Schein des Rechts, und unübersehlich wichtig waren die Folgen dieser Veränderung für das ganze katholische Deutschland. Indem er den Herzog von Bayern mit dem Raube seines Verwandten belohnte, befriedigte er zugleich seine niedrigsten Begierden und erfüllte seine erhabenste Pflicht: er zermalmte einen Feind, den er haßte; er ersparte seinem Eigennutz ein schmerzhaftes Opfer, indem er sich die himmlische Krone verdiente.

Friedrichs Untergang war längst im Cabinet des Kaisers beschlossen, ehe das Schicksal sich gegen ihn erklärte; aber erst, nachdem dieses Letzte geschehen war, wagte man es, diesen Donner der willkürlichen Gewalt gegen ihn zu schleudern. Ein Schluß des Kaisers, dem alle Formalitäten fehlten, welche die Reichsgesetze in einem solchen Falle nothwendig machen, erklärte den Kurfürsten und drei andere Prinzen, welche in Schlesien und Böhmen für ihn die Waffen geführt hatten, als Beleidiger der kaiserlichen Majestät und Störer des Landfriedens in die Reichsacht und aller ihrer Würden und Länder verlustig. Die Vollstreckung dieser Sentenz gegen Friedrich, nämlich die Eroberung seiner Länder, wurde, mit einer ähnlichen Verspottung der Reichsgesetze, der Krone Spanien, als Besitzerin des burgundischen Kreises, dem Herzog von Bayern und der Ligue aufgetragen. Wäre die evangelische Union des Namens werth gewesen, den sie trug, und der Sache, die sie vertheidigte, so würde man bei Vollstreckung der Reichsacht unüberwindliche Hindernisse gefunden haben; aber eine so verächtliche Macht, die den spanischen Truppen in der Unterpfalz kaum gewachsen war, mußte es aufgeben, gegen die vereinigte Macht des Kaisers, Bayerns und der Ligue zu streiten. Das Urtheil der Reichsacht, welches über den Kurfürsten ausgesprochen war, scheuchte sogleich alle Reichsstädte von dem Bündniß hinweg, und die Fürsten folgen bald ihrem Beispiele. Glücklich genug, ihre eigenen Länder zu retten, überließen sie den Kurfürsten, ihr ehemaliges Oberhaupt, der Willkür des Kaisers, schwuren die Union ab und gelobten, sie nie wieder zu erneuern.

Unrühmlich hatten die deutschen Fürsten den unglücklichen Friedrich verlassen, Böhmen, Schlesien und Mähren der furchtbaren Macht des Kaisers gehuldigt; ein einziger Mann, ein Glücksritter, dessen ganzer Reichthum sein Degen war, Ernst Graf von Mannsfeld, wagte es, in der böhmischen Stadt Pilsen der ganzen Macht des Kaisers zu trotzen. Von dem Kurfürsten, dem er seine Dienste gewidmet hatte, nach der Prager Schlacht ohne alle Hilfe gelassen, unwissend sogar, ob ihm Friedrich seine Beharrlichkeit dankte, hielt er noch eine Zeitlang allein gegen die Kaiserlichen Stand, bis seine Truppen, von der Geldnoth getrieben, die Stadt Pilsen an den Kaiser verkauften; von diesem Schlage nicht erschüttert, sah man ihn bald darauf in der Oberpfalz neue Werbeplätze anlegen, um die Truppen an sich zu ziehen, welche die Union verabschiedet hatte. Ein neues, zwanzigtausend Mann starkes Heer entstand in kurzem unter seinen Fahnen, um so furchtbarer für alle Provinzen, auf die es sich warf, weil es durch Raub allein sich erhalten konnte. Unwissend, wohin dieser Schwarm stürzen würde, zitterten schon alle benachbarten Bisthümer, deren Reichthum ihn anlocken konnte. Aber ins Gedränge gebracht von dem Herzog von Bayern, der als Vollstrecker der Reichsacht in die Oberpfalz eindrang, mußte Mannsfeld aus dieser Gegend entweichen. Durch einen glücklichen Betrug dem nacheilenden bayerischen General Tilly entsprungen, erschien er auf einmal in der Unterpfalz und übte dort an den rheinischen Bisthümern die Mißhandlungen aus, die er den fränkischen zugedacht hatte. Während daß die kaiserlich-bayerische Armee Böhmen überschwemmte, war der spanische General Ambros Spinola von den Niederlanden aus mit einem ansehnlichen Heer in die Unterpfalz eingefallen, welche der Ulmer Vergleich der Union zu vertheidigen erlaubte. Aber die Maßregeln waren so schlecht genommen, daß ein Platz nach dem andern in spanische Hände fiel und endlich, als die Union auseinander gegangen war, der größte Theil des Landes von spanischen Truppen besetzt blieb. Der spanische General Corduba, welcher diese Truppen nach dem Abzug des Spinola befehligte, hob eiligst die Belagerung Frankenthals auf, als Mannsfeld in die Unterpfalz eintrat. Aber anstatt die Spanier aus dieser Provinz zu vertreiben, eilte dieser über den Rhein, um seinen bedürftigen Truppen in dem Elsaß ein Fest zu bereiten. Zur fürchterlichsten Einöde wurden alle offnen Länder, über welche sich dieser Räuberschwarm ergoß, und nur durch ungeheure Summen konnten sich die Städte von der Plünderung loskaufen. Gestärkt von diesem Zuge, zeigte sich Mannsfeld wieder am Rhein, die Unterpfalz zu decken.

So lange ein solcher Arm für ihn stritt, war Kurfürst Friedrich nicht unrettbar verloren. Neue Aussichten fingen an, sich ihm zu zeigen, und das Unglück weckte ihm Freunde auf, die ihm in seinem Glücke geschwiegen hatten. König Jakob von England, der gleichgültig zugesehen hatte, wie sein Eidam die böhmische Krone verlor, erwachte aus seiner Fühllosigkeit, da es die ganze Existenz seiner Tochter und seiner Enkel galt und der siegreiche Feind einen Angriff auf die Kurlande wagte. Spät genug öffnete er jetzt seine Schätze und eilte, die Union, die damals die Unterpfalz noch vertheidigte, und, als diese dahin war, den Grafen von Mannsfeld mit Geld und Truppen zu unterstützen. Durch ihn wurde auch sein naher Anverwandter, König Christian von Dänemark, zu thätiger Hilfe aufgefordert. Der ablaufende Stillstand zwischen Spanien und Holland beraubte zugleich den Kaiser alles Beistandes, den er von den Niederlanden aus zu erwarten gehabt hätte. Wichtiger als alles dieses war die Hilfe, die dem Pfalzgrafen von Siebenbürgen und Ungarn aus erschien. Der Stillstand Gabors mit dem Kaiser war kaum zu Ende, als dieser furchtbare alte Feind Oesterreichs Ungarn aufs neue überschwemmte und sich in Preßburg zum König krönen ließ. Reißend schnell waren seine Fortschritte, daß Boucquoi Böhmen verlassen mußte, um Ungarn und Oesterreich gegen Gaborn zu vertheidigen. Dieser tapfere General fand bei der Belagerung von Neuhäusel seinen Tod; schon vorher war der eben so tapfere Dampierre vor Preßburg geblieben. Unaufgehalten drang Gabor an die österreichische Grenze vor; der alte Graf von Thurn und mehrere geächtete Böhmen hatten ihren Haß und ihren Arm mit diesem Feind ihres Feindes vereinigt. Ein nachdrücklicher Angriff von deutscher Seite, während daß Gabor den Kaiser von Ungarn aus bedrängte, hätte Friedrichs Glück schnell wiederherstellen können; aber immer hatten die Böhmen und die Deutschen die Waffen aus den Händen gelegt, wenn Gabor ins Feld rückte; immer hatte sich dieser Letztere erschöpft, wenn jene anfingen, sich zu erholen.

Friedrich hatte indessen nicht gesäumt, sich seinem neuen Beschützer Mannsfeld in die Arme zu werfen. Verkleidet erschien er in der Unterpfalz, um welche Mannsfeld und der bayerische General Tilly sich rissen; die Oberpfalz hatte man längst überwältigt. Ein Strahl von Hoffnung ging ihm auf, als aus den Trümmern der Union neue Freunde für ihn erstanden. Markgraf Georg Friedrich von Baden, ein ehemaliges Mitglied derselben, fing seit einiger Zeit an, eine Kriegsmacht zusammenzuziehen, welche sich bald zu einem ansehnlichen Heere vermehrte. Niemand wußte, wem es galt, als er unversehens ins Feld rückte und sich mit dem Grafen Mannsfeld vereinigte. Seine Markgrafschaft hatte er, ehe er in den Krieg zog, seinem Sohne abgetreten, um sie durch diesen Kunstgriff der Rache des Kaisers zu entziehen, wenn das Glück etwas Menschliches über ihn verhängen sollte. Auch der benachbarte Herzog von Wirtenberg fing an, seine Kriegsmacht zu verstärken. Dem Pfalzgrafen wuchs dadurch der Muth, und er arbeitete mit allem Ernste daran, die Union wieder ins Leben zu rufen. Jetzt war die Reihe an Tilly, auf seine Sicherheit zu denken. In größter Eile zog er die Truppen des spanischen Generals Corduba an sich. Aber indem der Feind seine Macht vereinigte, trennten sich Mannsfeld und der Markgraf von Baden, und der Letztere wurde von dem bayerischen General bei Wimpfen geschlagen (1622).

Ein Aventurier ohne Geld, dem man selbst die rechtmäßige Geburt streitig machte, hatte sich zum Vertheidiger eines Königs aufgestellt, den einer seiner nächsten Verwandten zu Grunde richtete und der Vater seiner Gemahlin im Stich ließ. Ein regierender Prinz begab sich seiner Länder, die er ruhig beherrschte, um für einen andern, der ihm fremd war, das ungewisse Glück des Krieges zu versuchen. Ein neuer Glücksritter, an Staaten arm, desto reicher an glorreichen Ahnen, übernimmt nach ihm die Verteidigung einer Sache, welche jener auszuführen verzweifelte. Herzog Christian von Braunschweig, Administrator von Halberstadt, glaubte dem Grafen von Mannsfeld das Geheimniß abgelernt zu haben, eine Armee von zwanzigtausend Mann ohne Geld auf den Beinen zu erhalten. Von jugendlichem Uebermuthe getrieben und voll Begierde, sich auf Kosten der katholischen Geistlichkeit, die er ritterlich haßte, einen Namen zu machen und Beute zu erwerben, versammelte er in Niedersachsen ein beträchtliches Heer, welchem die Verteidigung Friedrichs und der deutschen Freiheit den Namen leihen mußte. Gottes Freund und der Pfaffen Feind war der Wahlspruch, den er auf seinen Münzen von eingeschmolzenem Kirchensilber führte, und dem er durch seine Thaten keine Schande machte.

Der Weg, den diese Räuberbande nahm, war wie gewöhnlich mit der schrecklichsten Verheerung bezeichnet. Durch Plünderung der niedersächsischen und westphälischen Stifter sammelte sie Kräfte, die Bisthümer am Oberrhein zu plündern. Von Freund und Feind dort vertrieben, näherte sich der Administrator bei der Mainzischen Stadt Höchst dem Mainstrome, den er nach einem mörderischen Gefechte mit Tilly, der ihm den Uebergang streitig machen wollte, passierte. Mit Verlust seines halben Heers erreichte er das jenseitige Ufer, wo er den Ueberrest seiner Treppen schnell wieder sammelte und mit demselben zu dem Grafen von Mannsfeld stieß. Verfolgt von Tilly, stürzte sich dieser vereinigte Schwarm zum zweitenmal über das Elsaß, um die Verwüstungen nachzuholen, die bei dem ersten Einfall unterblieben waren. Während daß der Kurfürst Friedrich, nicht viel anders als ein flüchtiger Bettler, mit dem Heere herumzog, das ihn als seinen Herrn erkannte und mit seinem Namen sich schmückte, waren seine Freunde geschäftig, ihn mit dem Kaiser zu versöhnen. Ferdinand wollte diesen noch nicht alle Hoffnung benehmen, den Pfalzgrafen wieder eingesetzt zu sehen. Voll Arglist und Verstellung, zeigte er sich bereitwillig zu Unterhandlungen, wodurch er ihren Eifer im Felde zu erkälten und das Aeußerste zu verhindern hoffte. König Jakob, das Spiel der österreichischen Arglist, wie immer, [verkennend,] trug durch seine thörichte Geschäftigkeit nicht wenig dazu bei, die Maßregeln des Kaisers zu unterstützen. Vor allem verlangte Ferdinand, daß Friedrich die Waffen von sich legte, wenn er an die Gnade des Kaisers appelliere, und Jakob fand diese Forderung äußerst billig. Auf sein Geheiß ertheilte der Pfalzgraf seinen einzigen wahren Beschützern, dem Grafen von Mannsfeld und dem Administrator, den Abschied und erwartete in Holland sein Schicksal von der Barmherzigkeit des Kaisers.

Mannsfeld und Herzog Christian waren bloß eines neuen Namens wegen verlegen; die Sache des Pfalzgrafen hatte sie nicht in Rüstung gesetzt, also konnte sein Abschied sie nicht entwaffnen. Der Krieg war ihr Zweck, gleich viel, für wessen Sache sie kriegten. Nach einem vergeblichen Versuch des Grafen Mannsfeld, in die Dienste des Kaisers zu treten, zogen sich Beide nach Lothringen, wo die Ausschweifungen ihrer Truppen bis in das innerste Frankreich Schrecken verbreiteten. Eine Zeit lang harrten sie hier vergebens auf einen Herrn, der sie dingen sollte, als die Holländer, von dem spanischen General Spinola bedrängt, ihnen Dienste anboten. Nach einem mörderischen Gefechte bei Fleurus mit den Spaniern, die ihnen den Weg verlegen wollten, erreichten sie Holland, wo ihre Erscheinung den spanischen General sogleich vermochte, die Belagerung von Bergen op Zoom aufzuheben. Aber auch Holland war dieser schlimmen Gäste bald müde und benutzte den ersten Augenblick von Erholung, sich ihres gefährlichen Beistandes zu entledigen. Mannsfeld ließ seine Truppen in der fetten Provinz Ostfriesland zu neuen Thaten sich stärken. Herzog Christian, voll Leidenschaft für die Pfalzgräfin, die er in Holland hatte kennen lernen, und kriegslustiger als je, führte die seinigen nach Niedersachsen zurück, den Handschuh dieser Prinzessin auf seinem Hut, und die Devise: Alles für Gott und sie! auf seinen Fahnen. Beide hatten ihre Rolle in diesem Kriege noch lange nicht geendigt.

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