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Geschichte des dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Schiller: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, dritter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte des dreißigjährigen Kriegs
pages461-745
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die französische Armee, durch die Expedition in einer so rauhen Jahreszeit merklich vermindert, hatte sich nach der Einnahme von Rottweil in die Gegend von Tuttlingen gezogen, wo sie, ohne alle Ahnung eines feindlichen Besuchs, in tiefer Sicherheit rastet. Unterdessen versammelt der Feind eine große Macht, die bedenkliche Festsetzung der Franzosen jenseits des Rheins und in einer so großen Nähe von Bayern zu hindern und diese Gegend von ihren Erpressungen zu befreien. Die Kaiserlichen, von Hatzfeld angeführt, verbinden sich mit der bayerischen Macht, welche Mercy befehligt, und auch der Herzog von Lothringen, den man in diesem ganzen Krieg überall, nur nicht in seinem Herzogthum findet, stößt mit seinen Truppen zu ihren vereinigten Fahnen. Der Anschlag wird gefaßt, die Quartiere der Franzosen in Tuttlingen und den angrenzenden Dörfern aufzuschlagen, d. i. sie unvermuthet zu überfallen; eine in diesem Kriege sehr beliebte Art von Expeditionen, die, weil sie immer und nothwendig mit Verwirrung verknüpft war, gewöhnlich mehr Blut kostete, als geordnete Schlachten. Hier war sie um so mehr an ihrem Platze, da der französische Soldat, in dergleichen Unternehmungen unerfahren, von einem deutschen Winter ganz andere Begriffe hegte und durch die Strenge der Jahrszeit sich gegen jede Ueberraschung für hinlänglich gesichert hielt. Johann von Werth, ein Meister in dieser Art, Krieg zu führen, der seit einiger Zeit gegen Gustav Horn war ausgewechselt worden, führte die Unternehmung an und brachte sie auch über alle Erwartung glücklich zu Stande.

Man that den Angriff von einer Seite, wo er der vielen engen Pässe und Waldungen wegen am wenigsten erwartet werden konnte, und ein starker Schnee, der an eben diesem Tage (den 24sten des Novembers 1643) fiel, verbarg die Annäherung des Vortrabs, bis er im Angesichte von Tuttlingen Halt machte. Die ganze außerhalb des Orts verlassen stehende Artillerie wird, so wie das nahe liegende Schloß Honburg, ohne Widerstand erobert, ganz Tuttlingen von der nach und nach eintreffenden Armee umzingelt und aller Zusammenhang der in den Dörfern umher zerstreuten feindlichen Quartiere still und plötzlich gehemmt. Die Franzosen waren also schon besiegt, ehe man eine Kanone abbrannte. Die Reiterei dankte ihre Rettung der Schnelligkeit ihrer Pferde und den wenigen Minuten, welche sie vor dem nachsetzenden Feinde voraus hatte. Das Fußvolk ward zusammengehauen oder streckte freiwillig das Gewehr. Gegen zweitausend bleiben, siebentausend geben sich mit fünfundzwanzig Stabsofficieren und neunzig Capitäns gefangen. Dies war wohl in diesem ganzen Kriege die einzige Schlacht, welche auf die verlierende und die gewinnende Partei ohngefähr den nämlichen Eindruck machte; beide waren Deutsche, und die Franzosen hatten sich beschimpft. Das Andenken dieses unholden Tages, der hundert Jahre später bei Roßbach erneuert ward, wurde in der Folge zwar durch die Heldenthaten eines Turenne und Condé wieder ausgelöscht, aber es war den Deutschen zu gönnen, wenn sie sich für das Elend, das die französische Politik über sie häufte, mit einem Gassenhauer auf die französische Tapferkeit bezahlt machten.

Diese Niederlage der Franzosen hätte indessen den Schweden sehr verderblich werden können, da nunmehr die ganze ungetheilte Macht des Kaisers gegen sie losgelassen wurde und die Zahl ihrer Feinde in dieser Zeit noch um einen vermehrt worden war. Torstenson hatte Mähren im September 1643 plötzlich verlassen und sich nach Schlesien gezogen. Niemand wußte die Ursache seines Aufbruchs, und die oft veränderte Richtung seines Marsches trug dazu bei, die Ungewißheit zu vermehren. Von Schlesien aus näherte er sich unter mancherlei Krümmungen der Elbe, und die Kaiserlichen folgten ihm bis in die Lausitz nach. Er ließ bei Torgau eine Brücke über die Elbe schlagen und sprengte aus, daß er durch Meißen in die obere Pfalz und in Bayern dringen würde. Auch bei Barby stellte er sich an, als wollte er diesen Strom passieren, zog sich aber immer weiter die Elbe hinab, bis Havelberg, wo er seiner erstaunten Armee bekannt machte, daß er sie nach Holstein gegen die Dänen führe.

Längst schon hatte die Parteilichkeit, welche König Christian der Vierte bei dem von ihm übernommenen Mittleramte gegen die Schweden blicken ließ, die Eifersucht, womit er dem Fortgang ihrer Waffen entgegenarbeitete, die Hindernisse, die er der schwedischen Schifffahrt im Sund entgegensetzte, und die Lasten, mit denen er ihren aufblühenden Handel beschwerte, den Unwillen dieser Krone gereizt und endlich, da der Kränkungen immer mehrere wurden, ihre Rache aufgefordert. Wie gewagt es auch schien, sich in einen neuen Krieg zu verwickeln, während daß man unter der Last des alten, mitten unter gewonnenen Siegen, beinahe zu Boden sank, so erhob doch die Rachbegierde und ein verjährter Nationalhaß den Muth der Schweden über alle diese Bedenklichkeiten, und die Verlegenheiten selbst, in welche man sich durch den Krieg in Deutschland verwickelt sah, waren ein Beweggrund mehr, sein Glück gegen Dänemark zu versuchen. Es war endlich so weit gekommen, daß man den Krieg nur fortsetzte, um den Truppen Arbeit und Brod zu verschaffen, daß man fast bloß um den Vortheil der Winterquartiere stritt und, die Armee gut untergebracht zu haben, höher als eine gewonnene Hauptschlacht schätzte. Aber fast alle Provinzen des deutschen Reichs waren verödet und ausgezehrt; es fehlte an Proviant, an Pferden und Menschen, und an allem diesem hatte Holstein Ueberfluß. Gewann man auch weiter nichts, als daß man die Armee in dieser Provinz rekrutierte, Pferde und Soldaten sättigte und die Reiterei besser beritten machte – so war der Erfolg schon der Mühe und Gefahr des Versuches werth. Auch kam jetzt bei Eröffnung des Friedensgeschäftes alles darauf an, den nachtheiligen dänischen Einfluß auf die Friedensunterhandlungen zu hemmen, den Frieden selbst, der die schwedische Krone nicht sehr zu begünstigen schien, durch Verwirrung der Interessen möglichst zu verzögern und, da es auf Bestimmung einer Genugtuung ankam, die Zahl seiner Eroberungen zu vermehren, um die einzige, welche man zu behalten wünschte, desto gewisser zu erlangen. Die schlechte Verfassung des dänischen Reichs berechtigte zu noch größeren Hoffnungen, wenn man nur den Anschlag schnell und verschwiegen ausführte. Wirklich beobachtete man in Stockholm das Geheimniß so gut, daß die dänischen Minister nicht das Geringste davon argwohnten, und weder Frankreich noch Holland wurde in das Geheimniß gezogen. Der Krieg selbst war die Kriegserklärung, und Torstenson stand in Holstein, ehe man eine Feindseligkeit ahnete. Durch keinen Widerstand aufgehalten, ergießen sich die schwedischen Trnppen wie eine Ueberschwemmung durch dieses Herzogthum und bemächtigen sich aller festen Plätze desselben, Rendsburg und Glückstadt ausgenommen. Eine andere Armee bricht in Schonen ein, welches gleich wenig Widerstand leistet, und nur die stürmische Jahrszeit verhindert die Anführer, den kleinen Belt zu passieren und den Krieg selbst nach Fühnen und Seeland zu wälzen. Die dänische Flotte verunglückt bei Femern, und Christian selbst, der sich auf derselben befindet, verliert durch einen Splitter sein rechtes Auge. Abgeschnitten von der weit entlegenen Macht des Kaisers, seines Bundesgenossen, steht dieser König auf dem Punkte, sein ganzes Reich von der schwedischen Macht überschwemmt zu sehen, und es ließ sich in allem Ernst zu Erfüllung der Wahrsagung an, die man sich von dem berühmten Tycho Brahe erzählte, daß Christian der Vierte im Jahre 1644 mit einem bloßen Stecken aus seinem Reiche würde wandern müssen.

Aber der Kaiser durfte nicht gleichgültig zusehen, daß Dänemark den Schweden zum Opfer wurde und der Raub dieses Königsreichs ihre Macht vermehrte. Wie groß auch die Schwierigkeiten waren, die sich einem so weiten Marsch durch lauter ausgehungerte Länder entgegensetzten, so säumte er doch nicht, den Grafen von Gallas, dem nach dem Austritt des Piccolomini das Obercommando über die Truppen aufs neue war anvertraut worden, mit einer Armee nach Holstein zu senden. Gallas erschien auch wirklich in diesem Herzogthum, eroberte Kiel und hoffte, nach der Vereinigung mit den Dänen, die schwedische Armee in Jütland einzuschließen. Zugleich wurden die Hessen und der schwedische General von Königsmark durch Hatzfeld und durch den Erzbischof von Bremen, den Sohn Christians des Vierten, beschäftigt und der Letztere durch einen Angriff auf Meißen nach Sachsen gezogen. Aber Torstenson drang durch den unbesetzten Paß zwischen Schleswig und Stapelholm, ging mit seiner neugestärkten Armee dem Gallas entgegen und drückte ihn den ganzen Elbstrom hinauf bis Bernburg, wo die Kaiserlichen ein festes Lager bezogen. Torstenson passierte die Saale und nahm eine solche Stellung, daß er den Feinden in den Rücken kam und sie von Sachsen und Böhmen abschnitt. Da riß der Hunger in ihrem Lager ein und richtete den größten Theil der Armee zu Grunde; der Rückzug nach Magdeburg verbesserte nichts an dieser verzweifelten Lage. Die Cavallerie, welche nach Schlesien zu entkommen suchte, wird von Torstenson bei Jüterbock eingeholt und zerstreut, die übrige Armee, nach einem vergeblichen Versuch, sich mit dem Schwert in der Hand durchzuschlagen, bei Magdeburg fast ganz aufgerieben. Von seiner großen Macht brachte Gallas bloß einige tausend Mann und den Ruhm zurück, daß kein größerer Meister zu finden sei, eine Armee zu ruinieren. Nach diesem verunglückten Versuch zu seiner Befreiung suchte der König von Dänemark den Frieden und erhielt ihn zu Brömsebro im Jahre 1645 unter harten Bedingungen.

Torstenson verfolgte seinen Sieg. Während daß einer seiner Untergenerale, Axel Lilienstern, Kursachsen ängstigte und Königsmark ganz Bremen sich unterwürfig machte, brach er selbst an der Spitze von sechzehntausend Mann und mit achtzig Kanonen in Böhmen ein und suchte nun den Krieg aufs neue in die Erbstaaten Oesterreichs zu verpflanzen. Ferdinand eilte auf diese Nachricht selbst nach Prag, um durch seine Gegenwart den Muth seiner Völker zu entflammen und, da es so sehr an einem tüchtigen General und den vielen Befehlshabern an Übereinstimmung fehlte, in der Nähe der Kriegsscenen desto schneller und nachdrücklicher wirken zu können. Auf seinen Befehl versammelte Hatzfeld die ganze österreichische und bayerische Macht und stellte sie – das letzte Heer des Kaisers und der letzte Wall seiner Staaten – wider seinen Rath und Willen, dem eindringenden Feinde bei Jankau oder Jankowitz am 24sten Februar 1645 entgegen. Ferdinand verließ sich auf seine Reiterei, welche dreitausend Pferde mehr als die feindliche zählte, und auf die Zusage der Jungfrau Maria, die ihm im Traum erschienen und einen gewissen Sieg versprochen hatte.

Die Ueberlegenheit der Kaiserlichen schreckte Torstenson nicht ab, der nie gewohnt war, seine Feinde zu zählen. Gleich beim ersten Angriff wurde der linke Flügel, den der liguistische General von Götz in eine sehr unvorteilhafte Gegend zwischen Teichen und Wäldern verwickelt hatte, völlig in Unordnung gebracht, der Anführer selbst mit dem größten Theil seiner Völker erschlagen und beinahe die ganze Kriegsmunition der Armee erbeutet. Dieser unglückliche Anfang entschied das Schicksal des ganzen Treffens. Die Schweden bemächtigten sich, immer vorwärts dringend, der wichtigsten Anhöhen, und nach einem achtstündigen blutigen Gefechte, nach einem wüthenden Anlauf der kaiserlichen Reiterei und dem tapfersten Widerstand des Fußvolks waren sie Meister vom Schlachtfelde. Zweitausend Oesterreicher blieben auf dem Platze, und Hatzfeld selbst mußte sich mit dreitausend gefangen geben. Und so war denn an einem Tage der beste General und das letzte Heer des Kaisers verloren.

Dieser entscheidende Sieg bei Jankowitz öffnete auf einmal dem Feind alle österreichischen Lande. Ferdinand entfloh eilig nach Wien, um für die Vertheidigung dieser Stadt zu sorgen und sich selbst, seine Schätze und seine Familie in Sicherheit zu bringen. Auch währte es nicht lange, so brachen die siegenden Schweden in Mähren und Oesterreich wie eine Wasserfluth herein. Nachdem sie beinahe das ganze Mähren erobert, Brünn eingeschlossen, von allen festen Schlössern und Städten bis an die Donau Besitz genommen und endlich selbst die Schanze an der Wolfsbrücke, unfern von Wien, erstiegen, stehen sie endlich im Gesicht dieser Kaiserstadt, und die Sorgfalt, mit der sie die eroberten Plätze befestigen, scheint keinen kurzen Besuch anzudeuten. Nach einem langen verderblichen Umweg durch alle Provinzen des deutschen Reiches krümmt sich endlich der Kriegsstrom rückwärts zu seinem Anfang, und der Knall des schwedischen Geschützes erinnert die Einwohner Wiens an jene Kugeln, welche die böhmischen Rebellen vor siebenundzwanzig Jahren in die Kaiserburg warfen. Dieselbe Kriegsbühne führt auch dieselben Werkzeuge des Angriffs zurück. Wie Bethlen Gabor von den rebellischen Böhmen, so wird jetzt sein Nachfolger Ragotzy von Torstenson zum Beistand herbei gerufen; schon ist Ober-Ungarn von seinen Truppen überschwemmt, und täglich fürchtet man seine Vereinigung mit den Schweden. Johann Georg von Sachsen, durch die schwedischen Einquartierungen in seinem Lande aufs Aeußerste gebracht, hilflos gelassen von dem Kaiser, der sich nach dem Jankauischen Treffen selbst nicht beschützen kann, ergreift endlich das letzte und einzige Rettungsmittel, einen Stillstand mit den Schweden zu schließen, der von Jahr zu Jahr bis zum allgemeinen Frieden verlängert wird. Der Kaiser verliert einen Freund, indem an den Thoren seines Reichs ein neuer Feind gegen ihn aufsteht, indem seine Kriegsheere schmelzen und seine Bundesgenossen an andern Enden Deutschlands geschlagen werden. Denn auch die französische Armee hatte den Schimpf der Tuttlinger Niederlage durch einen glänzenden Feldzug wieder ausgelöscht und die ganze Macht Bayerns am Rhein und in Schwaben beschäftigt. Mit neuen Truppen aus Frankreich verstärkt, die der große und jetzt schon durch seine Siege in Italien verherrlichte Turenne dem Herzog von Enghien zuführte, erschienen sie am 3ten August 1644 vor Freiburg, welches Mercy kurz vorher erobert hatte und mit seiner ganzen, aufs beste verschanzten Armee bedeckte. Das Ungestüm der französischen Tapferkeit scheiterte zwar an der Standhaftigkeit der Bayern, und der Herzog von Enghien mußte sich zum Rückzug entschließen, nachdem er bei sechstausend seiner Leute umsonst hingeschlachtet hatte. Mazarin vergoß Thränen über diesen großen Verlust, den aber der herzlose, für den Ruhm allein empfindliche Condé nicht achtete. »Eine einzige Nacht in Paris,« hörte man ihn sagen, »gibt mehr Menschen das Leben, als diese Aktion getödtet hat.« Indessen hatte doch diese mörderische Schlacht die Bayern so sehr entkräftet, daß sie, weit entfernt, das bedrängte Oesterreich zu entsetzen, nicht einmal die Rheinufer vertheidigen konnten. Speyer, Worms, Mannheim ergeben sich, das feste Philippsburg wird durch Mangel bezwungen, und Mainz selbst eilt, durch eine zeitige Unterwerfung den Sieger zu entwaffnen.

Was Oesterreich und Mähren am Anfang des Krieges gegen die Böhmen gerettet hatte, rettete es auch jetzt gegen Torstenson. Ragotzy war zwar mit seinen Völkern, fünfundzwanzigtausend an der Zahl, bis an die Donau in die Nähe des schwedischen Lagers gedrungen; aber diese undisciplinirten und rohen Schaaren verwüsteten nur das Land und vermehrten den Mangel im Lager der Schweden, anstatt daß sie die Unternehmungen Torstensons durch eine zweckmäßige Wirksamkeit hätten befördern sollen. Dem Kaiser Tribut, dem Unterthan Geld und Gut abzuängstigen, war der Zweck, der den Ragotzy wie Bethlen Gaborn ins Feld rief, und beide gingen heim, sobald sie diese Absicht erreicht hatten. Ferdinand, um seiner los zu werden, bewilligte dem Barbaren, was er nur immer forderte, und befreite durch ein geringes Opfer seine Staaten von diesem furchtbaren Feinde.

Unterdessen hatte sich die Hauptmacht der Schweden in einem langwierigen Lager vor Brünn aufs äußerste geschwächt. Torstenson, der selbst dabei kommandierte, erschöpfte vier Monate lang umsonst seine ganze Belagerungskunst; der Widerstand war dem Angriff gleich, und Verzweiflung erhöhte den Muth des Commandanten de Souches, eines schwedischen Ueberläufers, der keinen Pardon zu hoffen hatte. Die Wuth der Seuchen. welche Mangel, Unreinlichkeit und der Genuß unreifer Früchte in seinem langwierigen verpesteten Lager erzeugte, und der schnelle Abzug des Siebenbürgers nöthigte endlich den schwedischen Befehlshaber, die Belagerung aufzuheben. Da alle Pässe an der Donau besetzt, seine Armee aber durch Krankheit und Hunger schon sehr geschmolzen war, so entsagte er seiner Unternehmung auf Oesterreich und Mähren, begnügte sich, durch Zurücklassung schwedischer Besatzungen in den eroberten Schlössern einen Schlüssel zu beiden Provinzen zu behalten, und nahm seinen Weg nach Böhmen, wohin ihm die Kaiserlichen unter dem Erzherzog Leopold folgten. Welche der verlorenen Plätze von dem Letztern noch nicht wieder erobert waren, wurden nach seinem Abzuge von dem kaiserlichen General Bucheim bezwungen, daß die österreichische Grenze in dem folgenden Jahr wieder völlig von Feinden gereinigt war und das zitternde Wien mit dem bloßen Schrecken davon kam. Auch in Böhmen und Schlesien behaupteten sich die Schweden nur mit sehr abwechselndem Glück und durchirrten beide Länder, ohne sich darin behaupten zu können. Aber wenn auch der Erfolg der Torstensonischen Unternehmung ihrem vielversprechenden Anfang nicht ganz gemäß war, so hatte sie doch für die schwedische Partei die entscheidensten Folgen. Dänemark wurde dadurch zum Frieden, Sachsen zum Stillstand genöthigt, der Kaiser bei dem Friedenscongresse nachgiebiger, Frankreich gefälliger und Schweden selbst in seinem Betragen gegen die Kronen zuversichtlicher und kühner gemacht. Seiner großen Pflicht so glänzend entledigt, trat der Urheber dieser Vortheile, mit Lorbeern geschmückt, in die Stille des Privatstandes zurück, um gegen die Qualen seiner Krankheit Linderung zu suchen.

Von der böhmischen Seite zwar sah sich der Kaiser nach Torstensons Abzug vor einem feindlichen Einbruch gesichert; aber bald näherte sich von Schwaben und Bayern her eine neue Gefahr den österreichischen Grenzen. Turenne, der sich von Condé getrennt und nach Schwaben gewendet hatte, war im Jahr 1645 unweit Mergentheim von Mercy aufs Haupt geschlagen worden, und die siegenden Bayern drangen unter ihrem tapfern Anführer in Hessen ein. Aber der Herzog von Enghien eilte sogleich mit einem beträchtlichen Succurs aus dem Elsaß, Königsmark aus Mähren, die Hessen von dem Rheinstrom herbei, das geschlagene Heer zu verstärken, und die Bayern wurden bis an das äußerste Schwaben zurück gedrückt. Bei dem Dorf Allersheim unweit Nördlingen hielten sie endlich Stand, die Grenze von Bayern zu vertheidigen. Aber der ungestüme Muth des Herzogs von Enghien ließ sich durch kein Hinderniß schrecken. Er führte seine Völker gegen die feindlichen Schanzen, und eine große Schlacht geschah, die der heldenmüthige Widerstand der Bayern zu einer der hartnäckigsten und blutigsten machte und endlich der Tod des vortrefflichen Mercy, Turenne's Besonnenheit und die felsenfeste Standhaftigkeit der Hessen zum Vortheil der Alliierten entschied. Aber auch diese zweite barbarische Hinopferung von Menschen hatte auf den Gang des Kriegs und der Friedensunterhandlungen wenig Einfluß. Das französische Heer, durch diesen blutigen Sieg entkräftet, verminderte sich noch mehr durch den Abzug der Hessen, und den Bayern führte Leopold kaiserliche Hilfsvölker zu, daß Turenne aufs eilfertigste nach dem Rhein zurückfliehen mußte.

Der Rückzug der Franzosen erlaubte dem Feind, seine ganze Macht jetzt nach Böhmen gegen die Schweden zu kehren. Gustav Wrangel, kein unwürdiger Nachfolger Banners und Torstensons, hatte im Jahre 1646 das Oberkommando über die schwedische Macht erhalten, die außer Königsmarks fliegendem Corps und den vielen im Reiche zerstreuten Besatzungen ungefähr noch achttausend Pferde und fünfzehntausend Mann Fußvolk zählte. Nachdem der Erzherzog Leopold seine vierundzwanzigtausend Mann starke Macht durch zwölf bayerische Cavallerie- und achtzehn Infanterie-Regimenter verstärkt hatte, ging er auf Wrangeln los und hoffte ihn, ehe Königsmark zu ihm stieße oder die Franzosen eine Diversion machten, mit seiner überlegenen Macht zu erdrücken. Aber dieser erwartete ihn nicht, sondern eilte durch Obersachsen an die Weser, wo er Höxter und Paderborn wegnahm. Von da wendete er sich nach Hessen, um sich mit Turenne zu vereinigen, und zog in seinem Lager zu Wetzlar die fliegende Armee des Königsmark an sich. Aber Turenne, gefesselt durch Mazarins Befehle, der dem Kriegsglück und dem immer wachsenden Uebermuth Schwedens gern eine Grenze gesetzt sah, entschuldigte sich mit dem dringendern Bedürfniß, die niederländischen Grenzen des französischen Reichs zu vertheidigen, weil die Holländer ihre versprochene Diversion in diesem Jahr unterlassen hätten. Da aber Wrangel fortfuhr, auf seiner gerechten Forderung mit Nachdruck zu bestehen, da eine längere Widersetzlichkeit bei den Schweden Verdacht erwecken, ja sie vielleicht gar zu einem Privatfrieden mit Oesterreich geneigt machen konnte, so erhielt endlich Turenne die gewünschte Erlaubniß, das schwedische Heer zu verstärken.

Die Vereinigung geschah bei Gießen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem Feinde die Stirn zu bieten. Er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt, wo er ihnen die Lebensmittel abschneiden und die Vereinigung mit Turenne verhindern wollte. Beides mißlang, und die Kaiserlichen sahen sich nun selbst von dem Main abgeschnitten und nach dem Verlust ihrer Magazine dem größten Mangel ausgesetzt. Wrangel benutzte ihre Schwäche, um eine Unternehmung auszuführen, die dem Krieg eine ganz andere Wendung geben sollte. Auch er hatte die Maxime seines Vorgängers adoptiert, den Krieg in die österreichischen Staaten zu spielen; aber von dem schlechten Fortgange der Torstensonischen Unternehmung abgeschreckt, hoffte er denselben Zweck auf einem andern Wege sicherer und gründlicher zu erreichen. Er entschloß sich, dem Laufe der Donau zu folgen und mitten durch Bayern gegen die österreichischen Grenzen hereinzubrechen. Einen ähnlichen Plan hatte schon Gustav Adolph entworfen, aber nicht zur Ausführung bringen können, weil ihn die Wallensteinische Macht und Sachsens Gefahr von seiner Siegesbahn zu frühzeitig abriefen. In seine Fußstapfen war Herzog Bernhard getreten, und glücklicher als Gustav Adolph hatte er schon zwischen der Isar und dem Inn seine siegreichen Fahnen ausgebreitet; aber auch ihn zwang die Menge und die Nähe der feindlichen Armeen, in seinem Heldenlaufe still zu stehen und seine Völker zurückzuführen. Was diesen Beiden mißlungen war, hoffte Wrangel jetzt um so mehr zu einem glücklichen Ende zu führen, da die kaiserlich-bayerischen Völker weit hinter ihm an der Lahn standen und erst nach einem sehr weiten Marsch durch Franken und die Oberpfalz in Bayern eintreffen konnten. Eilfertig zog er sich an die Donau, schlug ein Corps Bayern bei Donauwörth und passierte diesen Strom, so wie den Lech, ohne Widerstand. Aber durch die fruchtlose Belagerung von Augsburg verschaffte er den Kaiserlichen Zeit, sowohl diese Stadt zu entsetzen, als ihn selbst bis Lauingen zurückzutreiben. Nachdem sie sich aber aufs neue, um den Krieg von den bayerischen Grenzen zu entfernen, gegen Schwaben gewendet hatten, ersah er die Gelegenheit, den unbesetzt gelassenen Lech zu passieren, den er nunmehr den Kaiserlichen selbst versperrte. Und jetzt lag Bayern offen und unvertheidigt vor ihm da; Franzosen und Schweden überschwemmten es wie eine reißende Fluth, und der Soldat belohnte sich durch die schrecklichsten Gewalttaten, Räubereien und Erpressungen für die überstandnen Gefahren. Die Ankunft der kaiserlich-bayerischen Völker, welche endlich bei Thierhaupten den Uebergang über den Lechstrom vollbrachten, vermehrte bloß das Elend des Landes, welches Freund und Feind ohne Unterschied plünderten.

Jetzt endlich – jetzt, in diesem ganzen Kriege zum ersten Mal, wankte der standhafte Muth Maximilians, der achtundzwanzig Jahre lang bei den härtesten Proben unerschüttert geblieben. Ferdinand der Zweite, sein Gespiele zu Ingolstadt und der Freund seiner Jugend, war nicht mehr; mit dem Tode dieses Freundes und Wohlthäters war eins der stärksten Bande zerrissen, die den Kurfürsten an Oesterreichs Interesse gefesselt hatten. An den Vater hatte ihn Gewohnheit, Neigung und Dankbarkeit gekettet; der Sohn war seinem Herzen fremd, und nur das Staatsinteresse konnte ihn in der Treue gegen diesen Fürsten erhalten.

Und eben dieses Letztere war es, was die französische Arglist jetzt wirken ließ, um ihn von der österreichischen Allianz abzulocken und zu Niederlegung der Waffen zu bewegen. Nicht ohne eine große Absicht hatte Mazarin seiner Eifersucht gegen die wachsende Macht Schwedens Stillschweigen auferlegt und den französischen Völkern gestattet, die Schweden nach Bayern zu begleiten. Bayern sollte alle Schrecknisse des Krieges erleiden, damit endlich Noth und Verzweiflung die Standhaftigkeit Maximilians besiegten und der Kaiser den ersten und letzten seiner Alliierten verlöre. Brandenburg hatte unter seinem großen Regenten die Neutralität erwählt, Sachsen aus Noth ergreifen müssen, den Spaniern untersagte der französische Krieg jeden Antheil an dem deutschen; Dänemark hatte der Friede mit Schweden von der Kriegsbühne abgerufen, Polen ein langer Stillstand entwaffnet. Gelang es auch noch, den Kurfürsten von Bayern von dem österreichischen Bündniß loszureißen, so hatte der Kaiser im ganzen Deutschland keinen Verfechter mehr, und schutzlos stand er da, der Willkür der Kronen preisgegeben.

Ferdinand der Dritte erkannte die Gefahr, worin er schwebte, und ließ kein Mittel unversucht, sie abzuwenden. Aber man hatte dem Kurfürsten von Bayern die nachtheilige Meinung beigebracht, daß nur die Spanier dem Frieden entgegen ständen, und daß bloß spanischer Einfluß den Kaiser vermöge, sich gegen den Stillstand der Waffen zu erklären; Maximilian aber haßte die Spanier und hatte es ihnen nie vergeben, daß sie ihm bei seiner Bewerbung um die pfälzische Kur entgegen gewesen waren. Und dieser feindseligen Macht zu Gefallen sollte er jetzt sein Volk aufgeopfert, seine Lande verwüstet, sich selbst zu Grunde gerichtet sehen, da er sich durch einen Stillstand aus allen Bedrängnissen reißen, seinem Volke die so nöthige Erholung verschaffen und durch dieses Mittel zugleich den allgemeinen Frieden vielleicht beschleunigen konnte? Jede Bedenklichkeit verschwand, und von der Notwendigkeit dieses Schrittes überzeugt, glaubte er seinen Pflichten gegen den Kaiser genug zu thun, wenn er auch ihn der Wohlthat des Waffenstillstandes theilhaftig machte.

Zu Ulm versammelten sich die Deputierten der drei Kronen und Bayerns, um die Bedingungen des Stillstandes in Richtigkeit zu bringen. Aus der Instruktion der österreichischen Abgesandten ergab sich aber bald, daß der Kaiser den Congreß nicht beschickt hatte, um die Abschließung desselben zu befördern, sondern vielmehr, um sie rückgängig zu machen. Es kam darauf an, die Schweden, die im Vortheile waren und von der Fortsetzung des Krieges mehr zu hoffen als zu fürchten hatten, für den Stillstand zu gewinnen, nicht ihnen denselben durch harte Bedingungen zu erschweren. Sie waren ja die Sieger; und doch maßte der Kaiser sich an, ihnen Gesetze vorzuschreiben. Auch fehlte wenig, daß ihre Gesandten nicht im ersten Zorn den Congreß verließen, und um sie zurückzuhalten, mußten die Franzosen zu Drohungen ihre Zuflucht nehmen.

Nachdem es dem guten Willen des Kurfürsten von Bayern auf diese Weise mißlungen war, den Kaiser mit in den Stillstand einzuschließen, so hielt er sich nunmehr für berechtigt, für sich selbst zu sorgen. So theuer auch der Preis war, um welchen man ihn den Stillstand erkaufen ließ, so bedachte er sich doch nicht lange, denselben einzugehen. Er überließ den Schweden, ihre Quartiere in Schwaben und Franken auszubreiten, und war zufrieden, die seinigen auf Bayern und auf die pfälzischen Lande einzuschränken. Was er in Schwaben erobert hatte, mußte den Alliierten geräumt werden, die ihm ihrerseits, was sie von Bayern inne hatten, wieder auslieferten. In den Stillstand war auch Köln und Hessen-Kassel eingeschlossen. Nach Abschließung dieses Traktats, am 14. März 1647, verließen die Franzosen und Schweden Bayern und wählten sich, um sich selbst nicht im Wege zu stehen, verschiedene Quartiere, jene im Herzogtum Wirtenberg, diese in Oberschwaben, in der Nähe des Bodensees. An dem äußersten nördlichen Ende dieses Sees und Schwabens südlichster Spitze trotzte die österreichische Stadt Bregenz durch ihren engen und steilen Paß jedem feindlichen Anfall, und aus der ganzen umliegenden Gegend hatte man seine Güter und Personen in diese natürliche Festung geflüchtet. Die reiche Beute, die der aufgehäufte Vorrath darin erwarten ließ, und der Vortheil, einen Paß gegen Tirol, die Schweiz und Italien zu besitzen, reizte den schwedischen General, einen Angriff auf diese für unüberwindlich gehaltene Klause und die Stadt selbst zu versuchen. Beides gelang ihm, des Widerstands der Landleute ungeachtet, die, sechstausend an der Zahl, den Paß zu vertheidigen strebten. Unterdeß hatte sich Turenne, der getroffenen Uebereinkunft gemäß, nach dem Wirtenbergischen gewendet, von wo aus er den Landgrafen von Darmstadt und den Kurfürsten von Mainz durch die Gewalt seiner Waffen zwang, nach dem Beispiel Bayerns die Neutralität zu ergreifen.

Und jetzt endlich schien das große Ziel der französischen Staatskunst erreicht zu sein, den Kaiser, alles Beistands der Ligue und seiner protestantischen Alliierten beraubt, den vereinigten Waffen der beiden Kronen ohne Vertheidigung bloß zu stellen und ihm mit dem Schwert in der Hand den Frieden zu diktieren. Eine Armee von höchstens zwölftausend Mann war alles, was ihm von seiner Furchtbarkeit übrig war, und über diese mußte er, weil der Krieg alle seine fähigen Generale dahin gerafft hatte, einen Calvinisten, den hessischen Ueberläufer Melander, zum Befehlshaber setzen. Aber wie dieser Krieg mehrmals die überraschendsten Glückswechsel aufstellte und oft durch einen plötzlichen Zwischenfall alle Berechnungen der Staatskunst zu Schanden machte, so strafte auch hier der Erfolg die Erwartungen Lügen, und die tief gesunkene Macht Oesterreichs arbeitete sich nach einer kurzen Krise aufs neue zu einer drohenden Ueberlegenheit empor. Frankreichs Eifersucht gegen die Schweden erlaubte dieser Krone nicht, den Kaiser zu Grunde zu richten und die schwedische Macht in Deutschland dadurch zu einem Grade zu erheben, der für Frankreich selbst zuletzt verderblich werden konnte. Oesterreichs hilflose Lage wurde daher von dem französischen Minister nicht benutzt, die Armee des Turenne von Wrangeln getrennt und an die niederländischen Grenzen gezogen. Zwar versuchte Wrangel, nachdem er sich von Schwaben nach Franken gewendet, Schweinfurt erobert und die dortige kaiserliche Besatzung unter seine Armee gesteckt hatte, für sich selbst in Böhmen einzudringen, und belagerte Eger, den Schlüssel zu diesem Königreich. Um diese Festung zu entsetzen, ließ der Kaiser seine letzte Armee marschieren und fand sich in eigner Person bei derselben ein. Aber ein weiter Umweg, den sie nehmen mußte, um die Güter des Kriegsrathspräsidenten von Schlick nicht zu betreten, verzögerte ihren Marsch, und ehe sie anlangte, war Eger schon verloren. Beide Armeen näherten sich jetzt einander, und man erwartete mehr als einmal eine entscheidende Schlacht, da beide der Mangel drückte, die Kaiserlichen die größere Zahl für sich hatten und beide Lager und Schlachtordnungen oft nur durch die aufgeworfnen Werke von einander geschieden waren. Aber die Kaiserlichen begnügten sich, dem Feind zur Seite zu bleibe und ihn durch kleine Angriffe, Hunger und schlimme Märsche zu ermüden, bis die mit Bayern eröffneten Unterhandlungen das gewünschte Ziel erreicht haben würden.

Bayerns Neutralität war eine Wunde, die der kaiserliche Hof nicht verschmerzen konnte, und nachdem man umsonst versucht hatte, sie zu hindern, ward beschlossen, den einzig möglichen Vortheil davon zu ziehen. Mehrere Officiere der bayerischen Armee waren über diesen Schritt ihres Herrn entrüstet, der sie auf einmal in Unthätigkeit versetzte und ihrem Hange zur Ungebundenheit eine lästige Fessel anlegte. Selbst der tapfere Johann von Werth stand an der Spitze der Mißvergnügten, und aufgemuntert von dem Kaiser, entwarf er das Complot, die ganze Armee von dem Kurfürsten abtrünnig zu machen und dem Kaiser zuzuführen. Ferdinand erröthete nicht, diese Verrätherei gegen den treuesten Alliierten seines Vaters heimlich in Schutz zu nehmen. Er ließ an die kurfürstlichen Völker förmliche Abrufungsbriefe ergehen, worin er sie erinnerte, daß sie Reichstruppen seien, die der Kurfürst bloß in kaiserlichem Namen befehligt habe. Zum Glück entdeckte Maximilian das angesponnene Complot noch zeitig genug. um durch schnelle und zweckmäßige Anstalten der Ausführung desselben zuvor zu kommen.

Der unwürdige Schritt des Kaisers hatte ihn zu Repressalien berechtigt; aber Maximilian war ein zu grauer Staatsmann, um, wo die Klugheit allein sprechen durfte, die Leidenschaft zu hören. Er hatte von dem Waffenstillstand die Vorteile nicht geerntet, die er sich davon versprochen hatte. Weit entfernt, zu der Beschleunigung des allgemeinen Friedens beizutragen, hatte dieser einseitige Stillstand vielmehr den Negociationen zu Münster und Osnabrück eine schädliche Wendung gegeben und die Alliierten in ihren Forderungen dreister gemacht. Die Franzosen und Schweden waren aus Bayern entfernt worden; aber durch den Verlust der Quartiere im schwäbischen Kreise sah er sich nun selbst dahin gebracht, mit seinen Truppen sein eigenes Land auszusaugen, wenn er sich nicht entschließen wollte, sie ganz und gar abzudanken und in dieser Zeit des Faustrechts unbesonnen Schwert und Schild wegzulegen. Ehe er eins dieser beiden gewissen Uebel erwählte, entschloß er sich lieber zu einem dritten, das zum wenigsten noch ungewiß war, den Stillstand aufzukündigen und aufs neue zu den Waffen zu greifen.

Sein Entschluß und die schnelle Hilfe, die er dem Kaiser nach Böhmen schickte, drohte den Schweden höchst verderblich zu werden, und Wrangel mußte sich aufs eilfertigste aus Böhmen zurückziehen. Er ging durch Thüringen nach Westphalen und Lüneburg, um die französische Armee unter Turenne an sich zu ziehen, und unter Melander und Gronsfeld folgte ihm die kaiserlich-bayerische Armee bis an den Weserstrom. Sein Untergang war unvermeidlich, wenn der Feind ihn erreichte, ehe Turenne zu ihm stieß; aber was den Kaiser zuvor gerettet hatte, erhielt jetzt auch die Schweden. Mitten unter der Wuth des Kampfes leitete kalte Klugheit den Lauf des Krieges, und die Wachsamkeit der Höfe vermehrte sich, je näher der Friede herbeirückte. Der Kurfürst von Bayern durfte es nicht geschehen lassen, daß sich das Uebergewicht der Macht so entscheidend auf die Seite des Kaisers neigte und durch diesem plötzlichen Umschwung der Dinge der Friede verzögert würde. So nahe an Abschließung der Traktate war jede einseitige Glücksveränderung äußerst wichtig, und die Aufhebung des Gleichgewichts unter den traktierenden Kronen konnte auf einmal das Werk vieler Jahre, die theure Frucht der schwierigsten Unterhandlungen zerstören und die Ruhe des ganzen Europa verzögern. Wenn Frankreich seine Alliierte, die Krone Schweden, in heilsamen Fesseln hielt und ihr, nach Maßgabe ihrer Vortheile und Verluste, seine Hilfe zuzählte, so übernahm der Kurfürst von Bayern stillschweigend dieses Geschäft bei seinem Alliierten, dem Kaiser, und suchte durch eine weise Abwägung seines Beistandes Meister von Oesterreichs Größe zu bleiben. Jetzt droht die Macht des Kaisers auf einmal zu einer gefährlichen Höhe zu steigen, und Maximilian hält plötzlich inne, die schwedische Armee zu verfolgen. Auch fürchtete er die Repressalien Frankreichs, welches schon gedroht hatte, die ganze Macht Turennes gegen ihn zu senden, wenn er seinen Truppen erlauben würde, über die Weser zu setzen.

Melander, durch die Bayern gehindert, Wrangeln weiter zu verfolgen, wendete sich über Jena und Erfurt gegen Hessen und erscheint jetzt als ein furchtbarer Feind in demselben Lande, das er ehemals vertheidigt hatte. Wenn es wirklich Rachbegierde gegen seine ehemalige Gebieterin war, was ihn antrieb, Hessen zum Schauplatz seiner Verwüstung zu erwählen, so befriedigte er diese Lust auf das schrecklichste. Hessen blutete unter seiner Geißel, und das Elend dieses so hart mitgenommenen Landes wurde durch ihn aufs Aeußerste getrieben. Aber bald hatte er Ursache, zu bereuen, daß ihn bei der Wahl der Quartiere die Rachgier statt der Klugheit geleitet hatte. In dem verarmten Hessen drückte der äußerste Mangel die Armee, während daß Wrangel in Lüneburg frische Kräfte sammelte und seine Regimenter beritten machte. Viel zu schwach, seine schlechten Quartiere zu behaupten, als der schwedische General im Winter des 1648sten Jahres den Feldzug eröffnete und gegen Hessen anrückte, mußte er mit Schanden entweichen und an den Ufern der Donau seine Rettung suchen.

Frankreich hatte die Erwartungen der Schweden aufs neue getäuscht und die Armee des Turenne, aller Aufforderungen Wrangels ungeachtet, am Rheinstrom zurückgehalten. Der schwedische Heerführer hatte sich dadurch gerächt, daß er die weimarische Reiterei an sich zog, die dem französischen Dienst entsagte, durch eben diesen Schritt aber der Eifersucht Frankreichs neue Nahrung gegeben. Endlich erhielt Turenne die Erlaubniß, zu den Schweden zu stoßen, und nun wurde von beiden vereinigten Armeen der letzte Feldzug in diesem Kriege eröffnet. Sie trieben Melandern bis an die Donau vor sich her, warfen Lebensmittel in Eger, das von den Kaiserlichen belagert war, und schlugen jenseits der Donau das kaiserlich-bayerische Heer, das bei Zusmarshausen sich ihnen entgegen stellte. Melander erhielt in dieser Aktion eine tödtliche Wunde, und der bayerische General von Gronsfeld postierte sich mit der übrigen Armee jenseits des Lechstroms, um Bayern vor einem feindlichen Einbruche zu schützen.

Aber Gronsfeld war nicht glücklicher als Tilly, der an eben diesem Posten für Bayerns Rettung sein Leben hingeopfert hatte. Wrangel und Turenne wählten dieselbe Stelle zum Uebergang, welche durch den Sieg Gustav Adolphs bezeichnet war, und vollendeten ihn mit Hilfe desselben Vortheils, welcher jenen begünstigt hatte. Jetzt wurde Bayern aufs Neue überschwemmt und der Bruch des Stillstandes durch die grausamste Behandlung des bayerischen Unterthans geahndet. Maximilian verkroch sich in Salzburg, indem die Schweden über die Isar setzten und bis an den Inn vordrangen. Ein anhaltender starker Regen, der diesen nicht sehr beträchtlichen Fluß in wenigen Tagen in einen reißenden Strom verwandelte, rettete Oesterreich noch einmal aus der drohenden Gefahr. Zehnmal versuchte der Feind, eine Schiffbrücke über den Inn zu schlagen, und zehnmal vernichtete sie der Strom. Nie im ganzen Kriege war das Schrecken der Katholischen so groß gewesen als jetzt, da die Feinde mitten in Bayern standen und kein General mehr vorhanden war, den man einem Turenne, Wrangel und Königsmark gegenüber stellen durfte. Endlich erschien der tapfere Held Piccolomini aus den Niederlanden, den schwachen Rest der kaiserlichen Heere anzuführen. Die Alliierten hatten durch ihre Verwüstungen in Bayern sich selbst den längeren Aufenthalt in diesem Lande erschwert, und der Mangel nöthigt sie, ihren Rückzug nach der Oberpfalz zu nehmen, wo die Friedenspost ihre Thätigkeit endigt.

Mit seinem fliegenden Corps hatte sich Königsmark nach Böhmen gewendet, wo Ernst Odowalsky, ein abgedankter Rittmeister, der im kaiserlichen Dienst zum Krüppel geschossen und dann ohne Genugthuung verabschiedet ward, ihm einen Plan angab, die kleine Seite von Prag zu überrumpeln. Königsmark vollführte ihn glücklich und erwarb sich dadurch den Ruhm, den dreißigjährigen Krieg durch die letzte glänzende Aktion beschlossen zu haben. Nicht mehr als Einen Todten kostete den Schweden dieser entscheidende Streich, der endlich die Unentschlossenheit des Kaisers besiegte. Die Altstadt aber, Prags größere Hälfte, die durch die Moldau davon getrennt war, ermüdete durch ihren lebhaften Widerstand auch den Pfalzgrafen Karl Gustav, den Thronfolger der Christina, der mit frischen Völkern aus Schweden angelangt war und die ganze schwedische Macht aus Böhmen und Schlesien vor ihren Mauern versammelte. Der eintretende Winter nöthigte endlich die Belagerer in die Winterquartiere, und in diesen erreichte sie die Botschaft des zu Osnabrück und Münster am vierundzwanzigsten October unterzeichneten Friedens.

Was für ein Riesenwerk es war, diesen unter dem Namen des Westphälischen berühmten, unverletzlichen und heiligen Frieden zu schließen, welche unendlich scheinende Hindernisse zu bekämpfen, welche streitende Interessen zu vereinigen waren, welche Reihe von Zufällen zusammen wirken mußte, dieses mühsame, theure und dauernde Werk der Staatskunst zu Stande zu bringen, was es kostete, die Unterhandlungen auch nur zu eröffnen, was es kostete, die schon eröffneten unter den wechselnden Spielen des immer fortgesetzten Krieges im Gange zu erhalten, was es kostete, dem wirklich vollendeten das Siegel aufzudrücken und den feierlich abgekündigten zur wirklichen Vollziehung zu bringen – was endlich der Inhalt dieses Friedens war, was durch dreißigjährige Anstrengungen und Leiden von jedem einzelnen Kämpfer gewonnen oder verloren worden ist, und welchen Vortheil oder Nachtheil die europäische Gesellschaft im Großen und im Ganzen dabei mag geerntet haben – muß einer andern Feder vorbehalten bleiben. So ein großes Ganze die Kriegsgeschichte war, so ein großes und eignes Ganze ist auch die Geschichte des Westfälischen Friedens. Ein Abriß davon würde das interessanteste und charaktervolleste Werk der menschlichen Weisheit und Leidenschaft zum Skelet entstellen und ihr gerade Dasjenige rauben, wodurch sie die Aufmerksamkeit desjenigen Publikums fesseln könnte, für das ich schrieb und von dem ich hier Abschied nehme.

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