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Gutenberg > Friedrich Schiller >

Geschichte des dreißigjährigen Kriegs

Friedrich Schiller: Geschichte des dreißigjährigen Kriegs - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, dritter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte des dreißigjährigen Kriegs
pages461-745
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gegen diese hatte sich das österreichische Hauptheer, welches den großen Sieg bei Nördlingen erfochten hatte, nach Unterwerfung Schwabens und Frankens unter der Anführung des Gallas gewendet und sie auch glücklich bis Metz zurückgescheucht, den Rheinstrom befreit und die von den Schweden besetzten Städte Mainz und Frankenthal erobert. Aber die Hauptabsicht dieses Generals, die Winterquartiere in Frankreich zu beziehen, wurde durch den thätigen Widerstand der Franzosen vereitelt, und er sah sich genöthigt, seine Truppen in das erschöpfte Elsaß und Schwaben zurückzuführen. Bei Eröffnung des Feldzugs im folgenden Jahre passierte er zwar bei Breisach den Rhein und rüstete sich, den Krieg in das innre Frankreich zu spielen. Er fiel wirklich in die Grafschaft Burgund ein, während daß die Spanier von den Niederlanden aus in der Picardie glückliche Fortschritte machten und Johann von Werth, ein gefürchteter General der Ligue und berühmter Parteigänger, tief in Champagne streifte und Paris selbst mit seiner drohenden Ankunft erschreckte. Aber die Tapferkeit der Kaiserlichen scheiterte vor einer einzigen unbeträchtlichen Festung in Franche Comté, und zum zweiten Mal mußten sie ihre Entwürfe aufgeben.

Dem thätigen Geiste Herzog Bernhards hatte die Abhängigkeit von einem französischen General, der seinem Priesterrock mehr als seinem Commandostab Ehre machte, bisher zu enge Fesseln angelegt, und ob er gleich in Verbindung mit demselben Elsaß-Zabern eroberte, so hatte er sich doch in den Jahren 1636 und 37 am Rhein nicht behaupten können. Der schlechte Fortgang der französischen Waffen in den Niederlanden hatte die Thätigkeit der Operationen im Elsaß und Breisgau gehemmt; aber im Jahr 1638 nahm der Krieg in diesen Gegenden eine desto glänzendere Wendung. Seiner bisherigen Fesseln entledigt und jetzt vollkommener Herr seiner Truppen, verließ Herzog Bernhard schon am Anfang des Februars die Ruhe der Winterquartiere, die er im Bisthum Basel genommen hatte, und erschien gegen alle Erwartung am Rhein, wo man in dieser rauhen Jahreszeit nichts weniger als einen Angriff vermuthete. Die Waldstädte Laufenburg, Waldshut und Seckingen werden durch Ueberfall weggenommen und Rheinfelden belagert. Der dort commandierende kaiserliche General, Herzog von Savelli, eilt mit beschleunigten Märschen diesem wichtigen Ort zu Hilfe, entsetzt ihn auch wirklich und treibt den Herzog von Weimar nicht ohne großen Verlust zurück. Aber gegen aller Menschen Vermuthen erscheint dieser am dritten Tage (den 21sten Februar 1638) wieder im Gesicht der Kaiserlichen, die in voller Sicherheit über den erhaltenen Sieg bei Rheinfelden ausruhen, und schlägt sie in einer großen Schlacht, worin die vier kaiserlichen Generale Savelli, Johann von Werth, Enkeford und Speereuter nebst zweitausend Mann zu Gefangenen gemacht werden. Zwei derselben, von Werth und von Enkeford, ließ Richelieu in der Folge nach Frankreich abführen, um der Eitelkeit des französischen Volks durch den Anblick so berühmter Gefangenen zu schmeicheln und das öffentliche Elend durch das Schaugepränge der erfochtenen Siege zu hintergehen. Auch die eroberten Standarten und Fahnen wurden in dieser Absicht unter einer feierlichen Procession in die Kirche de notre Dame gebracht, dreimal vor dem Altar geschwungen und dem Heiligthum in Verwaltung gegeben.

Die Einnahme von Rheinfelden, Röteln und Freiburg war die nächste Folge des durch Bernhard erfochtenen Sieges. Sein Heer wuchs beträchtlich, und so wie das Glück sich für ihn erklärte, erweiterten sich seine Entwürfe. Die Festung Breisach am Oberrhein wurde als die Beherrscherin dieses Stromes und als der Schlüssel zum Elsaß betrachtet. Kein Ort war dem Kaiser in diesen Gegenden wichtiger, auf keinen hatte man so große Sorgfalt verwendet. Breisach zu behaupten, war die vornehmste Bestimmung der italienischen Armee unter Feria gewesen; die Festigkeit seiner Werke und der Vortheil seiner Lage boten jedem gewaltsamen Angriffe Trotz, und die kaiserlichen Generale, welche in diesen Gegenden commandierten, hatten Befehl, alles für die Rettung dieses Platzes zu wagen. Aber Bernhard vertraute seinem Glück und beschloß den Angriff auf diese Festung. Unbezwingbar durch Gewalt, konnte sie nur durch Hunger besiegt werden; und die Sorglosigkeit ihres Commandanten, der, keines Angriffs gewärtig, seinen aufgehäuften Getreidevorrath zu Gelde gemacht hatte, beschleunigte dieses Schicksal. Da sie unter diesen Umständen nicht vermögend war, eine lange Belagerung auszuhalten, so mußte man eilen, sie zu entsetzen oder mit Proviant zu versorgen. Der kaiserliche General von Götz näherte sich daher aufs eilfertigste an der Spitze von zwölftausend Mann, von dreitausend Proviantwagen begleitet, die er in die Stadt werfen wollte. Aber von Herzog Bernhard bei Wittenweier angegriffen, verlor er sein ganzes Corps, bis auf dreitausend Mann, und die ganze Fracht, die er mit sich führte. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auf dem Ochsenfeld bei Thann dem Herzog von Lothringen, der mit fünf- bis sechstausend Mann zum Entsatz der Festung heranrückte. Nachdem auch ein dritter Versuch des Generals von Götz zu Breisachs Rettung mißlungen war, ergab sich diese Festung, von der schrecklichsten Hungersnoth geängstigt, nach einer viermonatlichen Belagerung, am 7ten December 1638 ihrem eben so menschlichen als beharrlichen Sieger.

Breisachs Eroberung eröffnete dem Ehrgeiz des Herzogs von Weimar ein grenzenloses Feld, und jetzt fängt der Roman seiner Hoffnungen an, sich der Wahrheit zu nähern. Weit entfernt, sich der Früchte seines Schwerts zu Frankreichs Vortheil zu begeben, bestimmt er Breisach für sich selbst und kündigt diesen Entschluß schon in der Huldigung an, die er, ohne einer andern Macht zu erwähnen, in seinem eigenen Namen von den Ueberwundenen fordert. Durch die bisherigen glänzenden Erfolge berauscht und zu den stolzesten Hoffnungen hingerissen, glaubt er von jetzt an sich selbst genug zu sein und die gemachten Eroberungen, selbst gegen Frankreichs Willen, behaupten zu können. Zu einer Zeit, wo alles um Tapferkeit feil war, wo persönliche Kraft noch etwas galt und Heere und Heerführer höher als Länder geachtet wurden, war es einem Helden, wie Bernhard, erlaubt, sich selbst etwas zuzutrauen und an der Spitze einer trefflichen Armee, die sich unter seiner Anführung unüberwindlich fühlte, an keiner Unternehmung zu verzagen. Um sich unter der Menge von Feinden, denen er jetzt entgegen ging, an einen Freund anzuschließen, warf er seine Augen auf die Landgräfin Amalie von Hessen, die Wittwe des kürzlich verstorbenen Landgrafen Wilhelms, eine Dame von eben so viel Geist als Entschlossenheit, die eine streitbare Armee, schöne Eroberungen und ein beträchtliches Fürstentum mit ihrer Hand zu verschenken hatte. Die Eroberungen der Hessen mit seinen eigenen am Rhein in einen einzigen Staat und ihre beiderseitigen Armeen in eine militärische Macht verbunden, konnten eine bedeutende Macht und vielleicht gar eine dritte Partei in Deutschland bilden, die den Ausschlag des Krieges in ihren Händen hielt. Aber diesem vielversprechenden Entwurf machte der Tod ein frühzeitiges Ende.

»Herz gefaßt, Pater Joseph! Breisach ist unser!« schrie Richelieu dem Capuciner in die Ohren, der sich schon zur Reise in jene Welt anschickte, so sehr hatte ihn diese Freudenpost berauscht. Schon verschlang er in Gedanken das Elsaß, das Breisgau und alle österreichischen Vorlande, ohne sich der Zusage zu erinnern, die er dem Herzog Bernhard gethan hatte. Der ernstliche Entschluß des Letztern, Breisach für sich zu behalten, den er auf eine sehr unzweideutige Art zu erkennen gab, stürzte den Cardinal in nicht geringe Verlegenheit, und alles wurde hervorgesucht, den siegreichen Bernhard im französischen Interesse zu erhalten. Man lud ihn nach Hof, um Zeuge der Ehre zu sein, womit man dort das Andenken seiner Triumphe beginge; Bernhard erkannte und floh die Schlinge der Verführung. Man that ihm die Ehre an, ihm eine Nichte des Cardinals zur Gemahlin anzubieten; der edle Reichsfürst schlug sie aus, um das sächsische Blut durch keine Mißheirath zu entehren. Jetzt fing man an, ihn als einen gefährlichen Feind zu betrachten und auch als solchen zu behandeln. Man entzog ihm die Subsidiengelder; man bestach den Gouverneur von Breisach und seine vornehmsten Officiere, um wenigstens nach dem Tode des Herzogs sich in den Besitz seiner Eroberungen und seiner Truppen zu setzen. Dem Letztern blieben diese Ränke kein Geheimniß, und die Vorkehrungen, die er in den eroberten Plätzen traf, bewiesen sein Mißtrauen gegen Frankreich. Aber diese Irrungen mit dem französischen Hofe hatten den nachtheiligsten Einfluß auf seine folgenden Unternehmungen. Die Anstalten, welche er machen mußte, um seine Eroberungen gegen einen Angriff von französischer Seite zu behaupten, nöthigten ihn, seine Kriegsmacht zu theilen, und das Ausbleiben der Subsidiengelder verzögerte seine Erscheinung im Felde. Seine Absicht war gewesen, über den Rhein zu gehen, den Schweden Luft zu machen und an den Ufern der Donau gegen den Kaiser und Bayern zu agieren. Schon hatte er Bannern, der im Begriff war, den Krieg in die österreichischen Lande zu wälzen, seinen Operationsplan entdeckt und versprochen, ihn abzulösen – als der Tod ihn zu Neuburg am Rhein (im Julius 1639) im sechsunddreißigsten Jahre seines Alters, mitten in seinem Heldenlauf überraschte.

Er starb an einer pestartigen Krankheit, welche binnen zwei Tagen gegen vierhundert Menschen im Lager dahin gerafft hatte. Die schwarzen Flecken, die an seinem Leichnam hervorbrachen, die eignen Aeußerungen des Sterbenden und die Vortheile, welche Frankreich von seinem plötzlichen Hintritt erntete, erweckten den Verdacht, daß er durch französisches Gift sei hingerafft worden, der aber durch die Art seiner Krankheit hinlänglich widerlegt wird. In ihm verloren die Alliierten den größten Feldherrn, den sie nach Gustav Adolph besaßen, Frankreich einen gefürchteten Nebenbuhler um das Elsaß, der Kaiser seinen gefährlichsten Feind. In der Schule Gustav Adolphs zum Helden und Feldherrn gebildet, ahmte er diesem erhabenen Muster nach, und nur ein längeres Leben fehlte ihm, um es zu erreichen, wo nicht gar zu übertreffen. Mit der Tapferkeit des Soldaten verband er den kalten und ruhigen Blick des Feldherrn, mit dem ausdauernden Muth des Mannes die rasche Entschlossenheit des Jünglings, mit dem wilden Feuer des Kriegers die Würde des Fürsten, die Mäßigung des Weisen und die Gewissenhaftigkeit des Mannes von Ehre. Von keinem Unfall gebeugt, erhob er sich schnell und kraftvoll nach dem härtesten Schlage, kein Hinderniß konnte seine Kühnheit beschränken, kein Fehlschlag seinen unbezwinglichen Muth besiegen. Sein Geist strebte nach einem großen, vielleicht nie erreichbaren Ziele; aber Männer seiner Art stehen unter andern Klugheitsgesetzen, als diejenigen sind, wornach wir den großen Haufen zu messen pflegen; fähig, mehr als andere zu vollbringen, durfte er auch verwegenere Plane entwerfen. Bernhard steht in der neuern Geschichte als ein schönes Bild jener kraftvollen Zeiten da, wo persönliche Größe noch etwas ausrichtete, Tapferkeit Länder errang und Heldentugend einen deutschen Ritter selbst auf den Kaiserthron führte.

Das beste Stück aus der Hinterlassenschaft des Herzogs war seine Armee, die er, nebst dem Elsaß, seinem Bruder Wilhelm vermachte. Aber an eben diese Armee glaubten Schweden und Frankreich gegründete Rechte zu haben; jenes, weil sie im Namen dieser Krone geworben war und ihr gehuldigt hatte; dieses, weil sie von seinem Geld unterhalten worden. Auch der Kurprinz von der Pfalz trachtete nach dem Besitz derselben, um sich ihrer zu Wiedereroberung seiner Staaten zu bedienen, und versuchte anfangs durch seine Agenten und endlich in eigner Person, sie in sein Interesse zu ziehen. Selbst von kaiserlicher Seite geschah ein Versuch, diese Armee zu gewinnen; und dies darf uns zu einer Zeit nicht wundern, wo nicht die Gerechtigkeit der Sache, nur der Preis der geleisteten Dienste in Betrachtung kam und die Tapferkeit, wie jede andere Waare, dem Meistbietenden feil war. Aber Frankreich, vermögender und entschlossener, überbot alle Mitbewerber. Es erkaufte den General von Erlach, den Befehlshaber Breisachs, und die übrigen Oberhäupter, die ihm Breisach und die ganze Armee in die Hände spielten. Der junge Pfalzgraf Karl Ludwig, der schon in den vorhergehenden Jahren einen unglücklichen Feldzug gegen den Kaiser gethan hatte, sah auch hier seinen Anschlag scheitern. Im Begriff, Frankreich einen so schlimmen Dienst zu erzeigen, nahm er unbesonnener Weise seinen Weg durch dieses Reich und hatte den unglücklichen Einfall, seinen Namen zu verschweigen. Dem Cardinal, der die gerechte Sache des Pfalzgrafen fürchtete, war jeder Vorwand willkommen, seinen Anschlag zu vereiteln. Er ließ ihn also zu Moulins gegen alles Völkerrecht anhalten und gab ihm seine Freiheit nicht eher wieder, als bis der Ankauf der Weimarischen Trnppen berichtigt war. So sah sich Frankreich nun im Besitz einer beträchtlichen und wohlgeübten Kriegsmacht in Deutschland, und jetzt fing es eigentlich erst an, den Kaiser unter seinem eigenen Namen zu bekriegen.

Aber es war nicht mehr Ferdinand der Zweite, gegen den es jetzt als ein offenbarer Feind aufstand; diesen hatte schon im Februar 1637, im neunundfünfzigsten Jahre seines Alters, der Tod von dem Schauplatz abgerufen. Der Krieg, den seine Herrschsucht entzündet hatte, überlebte ihn; nie hatte er während seiner achtzehnjährigen Regierung das Schwert aus der Hand gelegt, nie, so lang er das Reichsscepter führte, die Wohlthat des Friedens geschmeckt. Mit den Talenten des guten Herrschers geboren, mit vielen Tugenden geschmückt, die das Glück der Völker begründen, sanft und menschlich von Natur, sehen wir ihn, aus einem übel verstandenen Begriff von Monarchenpflicht, das Werkzeug zugleich und das Opfer fremder Leidenschaften, seine wohlthätige Bestimmung verfehlen und den Freund der Gerechtigkeit in einen Unterdrücker der Menschheit, in einen Feind des Friedens, in eine Geißel seiner Völker ausarten. In seinem Privatleben liebenswürdig, in seinem Regentenamt achtungswerth, nur in seiner Politik schlimm berichtet, vereinigte er auf seinem Haupte den Segen seiner katholischen Unterthanen und die Flüche der protestantischen Welt. Die Geschichte stellt mehr und schlimmere Despoten auf, als Ferdinand der Zweite gewesen, und doch hat nur Einer einen dreißigjährigen Krieg entzündet; aber der Ehrgeiz dieses Einzigen mußte unglücklicherweise gerade mit einem solchen Jahrhundert, mit solchen Vorbereitungen, mit solchen Keimen der Zwietracht zusammentreten, wenn er von so verderblichen Folgen begleitet sein sollte. In einer friedlichen Zeitepoche hätte dieser Funke keine Nahrung gefunden, und die Ruhe des Jahrhunderts hätte den Ehrgeiz des Einzelnen erstickt; jetzt fiel der unglückliche Strahl in ein hoch aufgethürmtes, lange gesammeltes Brenngeräthe, und Europa entzündete sich.

Sein Sohn, Ferdinand der Dritte, wenige Monate vor seines Vaters Hintritt zur Würde eines römischen Königs erhoben, erbte seine Throne, seine Grundsätze und seinen Krieg. Aber Ferdinand der Dritte hatte den Jammer der Völker und die Verwüstung der Länder in der Nähe gesehen und das Bedürfniß des Friedens näher und feuriger gefühlt. Weniger abhängig von den Jesuiten und Spaniern und billiger gegen fremde Religionen, konnte er leichter als sein Vater die Stimme der Mäßigung hören. Er hörte sie und schenkte Europa den Frieden; aber erst nach einem einjährigen Kampfe mit dem Schwert und der Feder, und nicht eher, als bis aller Widerstand fruchtlos war und die zwingende Noth ihm ihr hartes Gesetz diktierte.

Das Glück begünstigte den Antritt seiner Regierung, und seine Waffen waren siegreich gegen die Schweden. Diese hatten unter Banners kraftvoller Anführung nach dem Siege bei Wittstock Sachsen mit Winterquartieren belastet und den Feldzug des 1637sten Jahrs mit der Belagerung Leipzigs eröffnet. Der tapfere Widerstand der Besatzung und die Annäherung der kurfürstlich-kaiserlichen Völker retteten diese Stadt, und Banner, um nicht von der Elbe abgeschnitten zu werden, mußte sich nach Torgau zurückziehen. Aber die Ueberlegenheit der Kaiserlichen verscheuchte ihn auch von hier, und umringt von feindlichen Schwärmen, aufgehalten von Strömen und vom Hunger verfolgt, mußte er einen höchst gefährlichen Rückzug nach Pommern nehmen, dessen Kühnheit und glücklicher Erfolg ans Romanhafte grenzt. Die ganze Armee durchwatete an einer seichten Stelle die Oder bei Fürstenberg, und der Soldat, dem das Wasser bis an den Hals trat, schleppte selbst die Kanonen fort, weil die Pferde nicht mehr ziehen wollten. Banner hatte darauf gerechnet, jenseits der Oder seinen in Pommern stehenden Untergeneral Wrangel zu finden und, durch diesen Zuwachs verstärkt, dem Feind alsdann die Spitze zu bieten. Wrangel erschien nicht, und an seiner Statt hatte sich ein kaiserliches Heer bei Landsberg postiert, den fliehenden Schweden den Weg zu verlegen. Banner entdeckte nun, daß er in eine verderbliche Schlinge gefallen, woraus kein Entkommen war. Hinter sich ein ausgehungertes Land, die Kaiserlichen und die Oder; die Oder zur Linken, die, von einem kaiserlichen General Bucheim bewacht, keinen Uebergang gestattete, vor sich Landsberg, Küstrin, die Warthe und ein feindliches Heer, zur Rechten Polen, dem man, des Stillstandes ungeachtet, nicht wohl vertrauen konnte, sah er sich ohne ein Wunder verloren, und schon triumphierten die Kaiserlichen über seinen unvermeidlichen Fall. Banners gerechte Empfindlichkeit klagte die Franzosen als die Urheber dieses Unglücks an. Sie hatten die versprochene Diversion am Rhein unterlassen, und ihre Unthätigkeit erlaubte dem Kaiser, seine ganze Macht gegen die Schweden zu gebrauchen. »Sollten wir einst,« brach der aufgebrachte General gegen den französischen Residenten aus, der dem schwedischen Lager folgte, »sollten wir und die Deutschen einmal in Gesellschaft gegen Frankreich fechten, so werden wir nicht so viel Umstände machen, ehe wir den Rheinstrom passieren.« Aber Vorwürfe waren jetzt vergeblich verschwendet. Entschluß und That forderte die dringende Noth. Um den Feind vielleicht durch eine falsche Spur von der Oder hinweg zu locken, stellte sich Banner, als ob er durch Polen entkommen wollte, schickte auch wirklich den größten Theil der Bagage auf diesem Wege voran und ließ seine Gemahlin sammt den übrigen Officiersfrauen dieser Marschroute folgen. Sogleich brechen die Kaiserlichen gegen die polnische Grenze auf, ihm diesen Paß zu versperren, auch Bucheim verläßt seinen Standort, und die Oder wird entblößt. Rasch wendet sich Banner in der Dunkelheit der Nacht gegen diesen Strom zurück und setzt seine Truppen, sammt Bagage und Geschütz, eine Meile oberhalb Küstrin, ohne Brücken, ohne Schiffe, wie vorher bei Fürstenberg, über. Ohne Verlust erreichte er Pommern, in dessen Vertheidigung er und Hermann Wrangel sich theilen.

Aber die Kaiserlichen, von Gallas angeführt, dringen bei Tribsees in dieses Herzogthum und überschwemmen es mit ihrer überlegenen Macht. Usedom und Wolgast werden mit Sturm, Demmin mit Accord erobert und die Schweden bis tief in Hinterpommern zurückgedrückt. Und jetzt gerade kam es mehr als jemals darauf an, sich in diesem Lande zu behaupten, da Herzog Bogisla der Vierzehnte in eben diesem Jahre stirbt und das schwedische Reich seine Ansprüche auf Pommern geltend machen soll. Um den Kurfürsten von Brandenburg zu verhindern, seine auf eine Erbverbrüderung und auf den Pragischen Frieden gegründeten Rechte an dieses Herzogthum geltend zu machen, strengt es jetzt alle seine Kräfte an und unterstützt seine Generale aufs nachdrücklichste mit Geld und Soldaten. Auch in andern Gegenden des Reichs gewinnen die Angelegenheiten Schwedens ein günstigeres Ansehen, und sie fangen an, sich von dem tiefen Verfalle zu erheben, worein sie durch die Unthätigkeit Frankreichs und durch den Abfall ihrer Alliierten versunken waren. Denn nach ihrem eilfertigen Rückzuge nach Pommern hatten sie einen Platz nach dem andern in Obersachsen verloren; die mecklenburgischen Fürsten, von den kaiserlichen Waffen bedrängt, fingen an, sich auf die österreichische Seite zu neigen, und selbst Herzog Georg von Lüneburg erklärte sich feindlich gegen sie. Ehrenbreitstein, durch Hunger besiegt, öffnete dem bayerischen General von Werth seine Thore, und die Oesterreicher bemächtigten sich aller am Rheinstrom aufgeworfenen Schanzen. Frankreich hatte gegen die Spanier eingebüßt, und der Erfolg entsprach den prahlerischen Anstalten nicht, womit man den Krieg gegen diese Krone eröffnet hatte. Verloren war alles, was die Schweden im innern Deutschland besaßen, und nur die Hauptplätze in Pommern behaupteten sich noch. Ein einziger Feldzug reißt sie aus dieser tiefen Erniedrigung, und durch die mächtige Diversion, welche der siegende Bernhard den kaiserlichen Waffen an den Ufern des Rheins macht, wird der ganzen Lage des Kriegs ein schneller Umschwung gegeben.

Die Irrungen zwischen Frankreich und Schweden waren endlich beigelegt und der alte Traktat zwischen beiden Kronen zu Hamburg mit neuen Vortheilen für die Schweden bestätigt worden. In Hessen übernahm die staatskluge Landgräfin Amalia mit Bewilligung der Stände, nach dem Absterben Wilhelms, ihres Gemahls, die Regierung und behauptete mit vieler Entschlossenheit gegen den Widerspruch des Kaisers und der Darmstädtischen Linie ihre Rechte. Der schwedisch-protestantischen Partei schon allein aus Religionsgrundsätzen eifrig ergeben, erwartete sie bloß die Gunst der Gelegenheit, um sich laut und thätig dafür zu erklären. Unterdessen gelang es ihr, durch eine kluge Zurückhaltung und listig angesponnene Traktate den Kaiser in Unthätigkeit zu erhalten, bis ihr geheimes Bündniß mit Frankreich geschlossen war und Bernhards Siege den Angelegenheiten der Protestanten eine günstige Wendung gaben. Da warf sie auf einmal die Maske ab und erneuerte die alte Freundschaft mit der schwedischen Krone. Auch den Kurprinzen von der Pfalz ermunterten Herzog Bernhards Triumphe, sein Glück gegen den gemeinschaftlichen Feind zu versuchen. Mit englischem Gelde warb er Völker in Holland, errichtete zu Meppen ein Magazin und vereinigte sich in Westphalen mit schwedischen Truppen. Sein Magazin ging zwar verloren, seine Armee wurde von dem Grafen Hatzfeld bei Vlotho geschlagen; aber seine Unternehmung hatte doch den Feind eine Zeitlang beschäftigt und den Schweden in andern Gegenden ihre Operationen erleichtert. Noch manche ihrer andern Freunde lebten auf, wie das Glück sich zu ihrem Vortheile erklärte, und es war schon Gewinn genug für sie, daß die niedersächsischen Stände die Neutralität ergriffen.

Von diesen wichtigen Vortheilen begünstigt und durch vierzehntausend Mann frischer Truppen aus Schweden und Livland verstärkt, eröffnete Banner voll guter Hoffnungen im Jahr 1638 den Feldzug. Die Kaiserlichen, welche Vorpommern und Mecklenburg inne hatten, verließen größtenteils ihren Posten oder liefen schaarenweise den schwedischen Fahnen zu, um dem Hunger, ihrem grimmigsten Feind in diesen ausgeplünderten und verarmten Gegenden, zu entfliehen. So schrecklich hatten die bisherigen Durchzüge und Quartiere das ganze Land zwischen der Elbe und Oder verödet, daß Banner, um in Sachsen und Böhmen einbrechen zu können und auf dem Wege dahin nicht mit seiner ganzen Armee zu verhungern, von Hinterpommern aus einen Umweg nach Niedersachsen nahm und dann erst durch das Halberstädtische Gebiet in Kursachsen einrückte. Die Ungeduld der niedersächsischen Staaten, einen so hungrigen Gast wieder los zu werden, versorgte ihn mit dem nöthigen Proviant, daß er für seine Armee in Magdeburg Brod hatte, – in einem Lande, wo der Hunger schon den Abscheu an Menschenfleisch überwunden hatte. Er erschreckte Sachsen mit seiner verwüstenden Ankunft; aber nicht auf dieses erschöpfte Land, auf die kaiserlichen Erbländer war seine Absicht gerichtet. Bernhards Siege erhoben seinen Muth, und die wohlhabenden Provinzen des Hauses Oesterreich lockten seine Raubsucht. Nachdem er den kaiserlichen General von Salis bei Elsterberg geschlagen, die sächsische Armee bei Chemnitz zu Grunde gerichtet und Pirna erobert hatte, drang er in Böhmen mit unwiderstehlicher Macht ein, setzte über die Elbe, bedrohte Prag, eroberte Brandeis und Leitmeritz, schlug den General von Hofkirchen mit zehn Regimentern und verbreitete Schrecken und Verwüstung durch das ganze unvertheidigte Königreich. Beute ward alles, was sich fortschaffen ließ, und zerstört wurde, was nicht genossen und geraubt werden konnte. Um desto mehr Korn fortzuschleppen, schnitt man die Aehren von den Halmen und verderbte den Ueberrest. Ueber tausend Schlösser, Flecken und Dörfer wurden in die Asche gelegt, und oft sah man ihrer hundert in einer einzigen Nacht auflodern. Von Böhmen aus that er Streifzüge nach Schlesien, und selbst Mähren und Oesterreich sollten seine Raubsucht empfinden. Dies zu verhindern, mußte Graf Hatzfeld aus Westphalen und Piccolomini aus den Niederlanden herbeieilen. Erzherzog Leopold, ein Bruder des Kaisers, erhält den Commandostab, um die Ungeschicklichkeit seines Vorgängers Gallas wieder gut zu machen und die Armee aus ihrem tiefen Verfalle zu erheben.

Der Ausgang rechtfertigte die getroffene Veränderung, und der Feldzug des 1640sten Jahres schien für die Schweden eine sehr nachtheilige Wendung zu nehmen. Sie werden aus einem Quartier nach dem andern in Böhmen vertrieben, und nur bemüht, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ziehen sie sich eilfertig über das meißnische Gebirge. Aber auch durch Sachsen von dem nacheilenden Feinde verfolgt und bei Plauen geschlagen, müssen sie nach Thüringen ihre Zuflucht nehmen. Durch einen einzigen Sommer zu Meistern des Feldes gemacht, stürzen sie eben so schnell wieder zu der tiefsten Schwäche herab, um sich aufs neue zu erheben und so mit beständigem raschem Wechsel von einem Aeußersten zum andern zu eilen. Banners geschwächte Macht, im Lager bei Erfurt ihrem gänzlichen Untergang nahe, erhebt sich auf einmal wieder. Die Herzoge von Lüneburg verlassen den Pragischen Frieden und führen ihm jetzt die nämlichen Truppen zu, die sie wenige Jahre vorher gegen ihn fechten ließen. Hessen schickt Hilfe. und der Herzog von Longueville stößt mit der nachgelassenen Armee Herzog Bernhards zu seinen Fahnen. Den Kaiserlichen aufs neue an Macht überlegen, bietet ihnen Banner bei Saalfeld ein Treffen an; aber ihr Anführer Piccolomini vermeidet es klüglich und hat eine zu gute Stellung gewählt, um dazu gezwungen zu werden. Als endlich die Bayern sich von den Kaiserlichen trennen und ihren Marsch gegen Franken richten, versucht Banner auf dieses getrennte Corps einen Angriff, den aber die Klugheit des bayerischen Anführers von Mercy und die schnelle Annäherung der kaiserlichen Hauptmacht vereitelt. Beide Armeen ziehen sich nunmehr in das ausgehungerte Hessen, wo sie sich, nicht weit von einander, in ein festes Lager einschließen, bis endlich Mangel und rauhe Jahreszeit sie aus diesem verarmten Landstrich verscheuchen. Piccolomini erwählt sich die fetten Ufer der Weser zu Winterquartieren; aber überflügelt von Bannern, muß er sie den Schweden einräumen und die fränkischen Bisthümer mit seinem Besuche belästigen.

Um eben diese Zeit wurde zu Regensburg ein Reichstag gehalten, wo die Klagen der Stände gehört, an der Beruhigung des Reiches gearbeitet und über Krieg und Frieden ein Schluß gefaßt werden sollte. Die Gegenwart des Kaisers, der im Fürstencollegium präsidierte, die Mehrheit der katholischen Stimmen im Kurfürstenrathe, die überlegene Anzahl der Bischöfe und der Abgang von mehrern evangelischen Stimmen leitete die Verhandlungen zum Vortheil des Kaisers, und es fehlte viel, daß auf diesem Reichstage das Reich repräsentiert worden wäre. Nicht ganz mit Unrecht betrachteten ihn die Protestanten als eine Zusammenverschwörung Oesterreichs und seiner Kreaturen gegen den protestantischen Theil, und in ihren Augen konnte es Verdienst scheinen, diesen Reichstag zu stören oder auseinander zu scheuchen.

Banner entwarf diesen verwegenen Anschlag. Der Ruhm seiner Waffen hatte bei dem letzten Rückzug aus Böhmen gelitten, und es bedurfte einer unternehmenden That, um seinen vorigen Glanz wieder herzustellen. Ohne Jemand zum Vertrauten seines Anschlags zu machen, verließ er in der strengsten Kälte des Winters im Jahr 1641 seine Quartiere in Lüneburg, sobald die Wege und Ströme gefroren waren. Begleitet von dem Marschall von Guebriant, der die französische und weimarische Armee commandierte, richtete er durch Thüringen und das Vogtland seinen Marsch nach der Donau und stand Regensburg gegenüber, ehe der Reichstag vor seiner Ankunft gewarnt werden konnte. Unbeschreiblich groß war die Bestürzung der versammelten Stände, und in der ersten Angst schickten sich alle Gesandten zur Flucht an. Nur der Kaiser erklärte, daß er die Stadt nicht verlassen würde, und stärkte durch sein Beispiel die Andern. Zum Unglück der Schweden fiel Thauwetter ein, daß die Donau aufgieng und weder trocknen Fußes, noch wegen des starken Eisgangs zu Schiffe passiert werden konnte. Um doch etwas gethan zu haben und den Stolz des deutschen Kaisers zu kränken, beging Banner die Unhöflichkeit, die Stadt mit fünfhundert Kanonenschüssen zu begrüßen, die aber wenig Schaden anrichteten. In dieser Unternehmung getäuscht, beschloß er nunmehr, tiefer in Bayern und in das unvertheidigte Mähren zu dringen, wo eine reiche Beute und bequemere Quartiere seine bedürftigen Truppen erwarteten. Aber nichts konnte den französischen General bewegen, ihm bis dahin zu folgen. Guebriant fürchtete, daß die Absicht der Schweden sei, die weimarische Armee immer weiter vom Rhein zu entfernen und von aller Gemeinschaft mit Frankreich abzuschneiden, bis man sie entweder gänzlich auf seine Seite gebracht oder doch außer Stand gesetzt habe, etwas Eigenes zu unternehmen. Er trennte sich also von Bannern, um nach dem Mainstrom zurückzukehren, und dieser sah sich auf einmal der ganzen kaiserlichen Macht bloßgestellt, die, zwischen Regensburg und Ingolstadt in aller Stille versammelt, gegen ihn anrückte. Jetzt galt es, auf einen schnellen Rückzug zu denken, der im Angesicht eines an Reiterei überlegenen Heeres, zwischen Strömen und Wäldern, in einem weit und breit feindlichen Lande, kaum anders als durch ein Wunder möglich schien. Eilfertig zog er sich nach dem Wald, um durch Böhmen nach Sachsen zu entkommen; aber drei Regimenter mußte er bei Neuburg im Stiche lassen. Diese hielten durch eine spartanische Gegenwehr hinter einer schlechten Mauer die feindliche Macht vier ganze Tage auf, daß Banner den Vorsprung gewinnen konnte. Er entkam über Eger nach Annaberg; Piccolomini setzte ihm auf einem nähern Weg über Schlackenwald nach, und es kam bloß auf den Vortheil einer kleinen halben Stunde an, daß ihm der kaiserliche General nicht bei dem Passe zu Priesnitz zuvor kam und die ganze schwedische Macht vertilgte. Zu Zwickau vereinigte sich Guebriant wieder mit dem Bannerischen Heer, und beide richteten ihren Marsch nach Halberstadt, nachdem sie umsonst versucht hatten, die Saale zu vertheidigen und den Oesterreichern den Uebergang zu verwehren.

Zu Halberstadt fand endlich Banner (im Mai 1641) das Ziel seiner Thaten, durch kein andres als das Gift der Unmäßigkeit und des Verdrusses getödtet. Mit großem Ruhme, obgleich mit abwechselndem Glück, behauptete er das Ansehen der schwedischen Waffen in Deutschland und zeigte sich durch eine Kette von Siegesthaten seines großen Lehrers in der Kriegskunst werth. Er war reich an Anschlägen, die er geheimnisvoll bewahrte und rasch vollstreckte, besonnen in Gefahren, in der Widerwärtigkeit größer als im Glück und nie mehr furchtbar, als wenn man ihn am Rande des Verderbens glaubte. Aber die Tugenden des Kriegshelden waren in ihm mit allen Unarten und Lastern gepaart, die das Waffenhandwerk erzeugt oder doch in Schutz nimmt. Eben so gebieterisch im Umgang als vor der Fronte seines Heers, rauh wie sein Gewerbe und stolz wie ein Eroberer, drückte er die deutschen Fürsten nicht weniger durch seinen Uebermuth als durch seine Erpressungen ihre Länder. Für die Beschwerden des Kriegs entschädigte er sich durch die Freuden der Tafel und in den Armen der Wollust, die er bis zum Uebermaße trieb und endlich mit einem frühen Tod büßen mußte. Aber üppig, wie ein Alexander und Mahomed der Zweite, stürzte er sich mit gleicher Leichtigkeit aus den Armen der Wollust in die härteste Arbeit des Kriegs, und in seiner ganzen Feldherrngröße stand er da, als die Armee über den Weichling murrte. Gegen achtzigtausend Mann fielen in den zahlreichen Schlachten, die er lieferte, und gegen sechshundert feindliche Standarten und Fahnen, die er nach Stockholm sandte, beurkundeten seine Siege. Der Verlust dieses großen Führers wurde von den Schweden bald aufs empfindlichste gefühlt, und man fürchtete, daß er nicht zu ersetzen sein würde. Der Geist der Empörung und Zügellosigkeit, durch das überwiegende Ansehen dieses gefürchteten Generals in Schranken gehalten, erwachte, sobald er dahin war. Die Officiere fordern mit furchtbarer Einstimmigkeit ihre Rückstände, und keiner der vier Generale, die sich nach Bannern in das Commando theilen, besitzt Ansehen genug, diesen ungestümen Mahnern Genüge zu leisten oder Stillschweigen zu gebieten. Die Kriegszucht erschlafft, der zunehmende Mangel und die kaiserlichen Abrufungsschreiben vermindern mit jedem Tage die Armee; die französisch-weimarischen Völker beweisen wenig Eifer; die Lüneburger verlassen die schwedischen Fahnen, da die Fürsten des Hauses Braunschweig nach dem Tode Herzogs Georg sich mit dem Kaiser vergleichen; und endlich sondern sich auch die Hessen von ihnen ab, um in Westphalen bessere Quartiere zu suchen. Der Feind benutzt dieses verderbliche Zwischenreich, und obgleich in zwei Aktionen aufs Haupt geschlagen, gelingt es ihm, beträchtliche Fortschritte in Niedersachsen zu machen.

Endlich erschien der neu ernannte schwedische Generalissimus mit frischem Geld und Soldaten. Bernhard Torstenson war es, ein Zögling Gustav Adolphs und der glücklichste Nachfolger dieses Helden, dem er schon in dem polnischen Kriege als Page zur Seite stand. Von dem Podagra gelähmt und an die Sänfte geschmiedet, besiegte er alle seine Gegner durch Schnelligkeit, und seine Unternehmungen hatten Flügel, während daß sein Körper die schrecklichste aller Fesseln trug. Unter ihm verändert sich der Schauplatz des Krieges, und neue Maximen herrschen, die die Noth gebietet und der Erfolg rechtfertigt. Erschöpft sind alle Länder, um die man bisher gestritten hatte, und in seinen hintersten Landen unangefochten, fühlt das Haus Oesterreich den Jammer des Krieges nicht, unter welchem ganz Deutschland blutet. Torstenson verschafft ihm zuerst diese bittre Erfahrung, sättigt seine Schweden an dem fetten Tisch Oesterreichs und wirft den Feuerbrand bis an den Thron des Kaisers.

In Schlesien hatte der Feind beträchtliche Vortheile über den schwedischen Anführer Stalhantsch erfochten und ihn nach der Neumark gejagt. Torstenson, der sich im Lüneburgischen mit der schwedischen Hauptmacht vereinigt hatte, zog ihn an sich und brach im Jahr 1642 durch Brandenburg, das unter dem großen Kurfürsten angefangen hatte, eine gewaffnete Neutralität zu beobachten, plötzlich in Schlesien ein. Glogau wird ohne Approche, ohne Bresche, mit dem Degen in der Faust erstiegen, der Herzog Franz Albrecht von Lauenburg bei Schweidnitz geschlagen und selbst erschossen, Schweidnitz, wie fast das ganze diesseits der Oder gelegene Schlesien, erobert. Nun drang er mit unaufhaltsamer Gewalt bis in das Innerste von Mähren, wohin noch kein Feind des Hauses Oesterreich gekommen war, bemeisterte sich der Stadt Olmütz und machte selbst die Kaiserstadt beben. Unterdessen hatten Piccolomini und Erzherzog Leopold eine überlegene Macht versammelt, die den schwedischen Eroberer aus Mähren und bald auch, nach einem vergeblichen Versuch auf Brieg, aus Schlesien verscheuchte. Durch Wrangeln verstärkt, wagte er sich zwar aufs neue dem überlegnen Feind entgegen und entsetzte Großglogau; aber er konnte weder den Feind zum Schlagen bringen, noch seine Absicht auf Böhmen ausführen. Er überschwemmte nun die Lausitz, wo er im Angesichte des Feindes Zittau wegnahm und nach einem kurzen Aufenthalt seinen Marsch durch Meißen an die Elbe richtete, die er bei Torgau passierte. Jetzt bedrohte er Leipzig mit einer Belagerung und machte sich Hoffnung, in dieser wohlhabenden, seit zehn Jahren verschont gebliebenen Stadt einen reichlichen Vorrath an Lebensmitteln und starke Brandschatzungen zu erheben.

Sogleich eilen die Kaiserlichen unter Leopold und Piccolomini über Dresden zum Entsatz herbei, und Torstenson, um nicht zwischen der Armee und der Stadt eingeschlossen zu werden, rückt ihnen beherzt und in voller Schlachtordnung entgegen. Durch einen wunderbaren Kreislauf der Dinge traf man jetzt wieder auf dem nämlichen Boden zusammen, den Gustav Adolph eilf Jahre vorher durch einen entscheidenden Sieg merkwürdig gemacht hatte, und der Vorfahren Heldentugend erhitzte ihre Nachfolger zu einem edeln Wettstreit auf dieser heiligen Erde. Die schwedischen Generale Stalhantsch und Willenberg werfen sich auf den noch nicht ganz in Ordnung gestellten linken Flügel der Oesterreicher mit solchem Ungestüm, daß die ganze ihn bedeckende Reiterei über den Haufen gerannt und zum Treffen unbrauchbar gemacht wird. Aber auch dem linken der Schweden drohte schon ein ähnliches Schicksal, als ihm der siegende rechte zu Hilfe kam, dem Feind in den Rücken und in die Flanken fiel und seine Linien trennte. Die Infanterie beider Theile stand einer Mauer gleich und wehrte sich, nachdem alles Pulver verschossen war, mit umgekehrten Muskete, bis endlich die Kaiserlichen, von allen Seiten umringt, nach einem dreistündigen Gefechte das Feld räumen mußten. Die Anführer beider Armeen hatten ihr Aeußerstes gethan, ihre fliehenden Völker aufzuhalten, und Erzherzog Leopold war mit seinem Regimente der erste beim Angriff und der Letzte auf der Flucht. Ueber dreitausend Mann und zwei ihrer besten Generale, Schlangen und Lilienhoek, kostete den Schweden dieser blutige Sieg. Von den Kaiserlichen blieben fünftausend auf dem Platze, und beinahe eben so viele wurden zu Gefangenen gemacht. Ihre ganze Artillerie von sechsundvierzig Kanonen, das Silbergeschirr und die Kanzlei des Erzherzogs, die ganze Bagage der Armee fiel in der Sieger Hände. Torstenson, zu sehr geschwächt durch seinen Sieg, um den Feind verfolgen zu können, rückte vor Leipzig, die geschlagene Armee nach Böhmen, wo die flüchtigen Regimenter sich wieder sammelten. Erzherzog Leopold konnte diese verlorne Schlacht nicht verschmerzen, und das Cavallerieregiment, das durch seine frühe Flucht dazu Anlaß gegeben, erfuhr die Wirkungen seines Grimms. Zu Rakonitz in Böhmen erklärte er es im Angesicht der übrigen Truppen für ehrlos, beraubte es aller seiner Pferde, Waffen und Insignien, ließ seine Standarten zerreißen, mehrere seiner Officiere und von den Gemeinen den zehenten Mann zum Tode verurtheilen.

Leipzig selbst, welches drei Wochen nach dem Treffen bezwungen wurde, war die schönste Beute des Siegers. Die Stadt mußte das ganze schwedische Heer neu bekleiden und sich mit drei Tonnen Goldes, wozu auch die fremden Handlungshäuser, die ihre Warenlager darin hatten, mit Taxen beschwert wurden, von der Plünderung loskaufen. Torstenson rückte noch im Winter vor Freiberg, trotzte vor dieser Stadt mehrere Wochen lang dem Grimm der Witterung und hoffte durch seine Beharrlichkeit den Muth der Belagerten zu ermüden. Aber er opferte nur seine Truppen auf, und die Annäherung des kaiserlichen Generals Piccolomini nöthigte ihn endlich, mit seiner geschwächten Armee sich zurückzuziehen. Doch achtete er es schon für Gewinn, daß auch der Feind die Ruhe der Winterquartiere, deren er sich freiwillig beraubte, zu entbehren genöthigt ward und in diesem ungünstigen Winterfeldzug über dreitausend Pferde einbüßte. Er machte nun eine Bewegung gegen die Oder, um sich durch die Garnisonen aus Pommern und Schlesien zu verstärken; aber mit Blitzesschnelligkeit stand er wieder an der böhmischen Grenze, durchzog dieses Königreich und – entsetzte Olmütz in Mähren, das von den Kaiserlichen hart geängstigt wurde. Aus seinem Lager bei Tobitschau, zwei Meilen von Olmütz, beherrschte er ganz Mähren, drückte es mit schweren Erpressungen und ließ bis an die Brücken von Wien seine Schaaren streifen. Umsonst bemühte sich der Kaiser, zu Vertheidigung dieser Provinz den ungarischen Adel zu bewaffnen; dieser berief sich auf seine Privilegien und wollte außerhalb seinem Vaterlande nicht dienen. Ueber dieser fruchtlosen Unterhandlung verlor man die Zeit für einen thätigen Widerstand und ließ die ganze Provinz Mähren den Schweden zum Raube werden.

Während daß Bernhard Torstenson durch seine Märsche und Siege Freund und Feind in Erstaunen setzte, hatten sich die Armeen der Alliierten in andern Theilen des Reichs nicht unthätig verhalten. Die Hessen und Weimarischen unter dem Grafen von Eberstein und dem Marschall von Guebriant waren in das Erzstift Köln eingefallen, um dort ihre Winterquartiere zu beziehen. Um sich dieser räuberischen Gäste zu erwehren, rief der Kurfürst den kaiserlichen General von Hatzfeld herbei und versammelte seine eignen Truppen unter dem General Lamboy. Diesen griffen die Alliierten (im Jänner 1642) bei Kempen an und schlugen ihn in einer großen Schlacht, daß zweitausend blieben und noch einmal so viel zu Gefangenen gemacht wurden. Dieser wichtige Sieg öffnete ihnen das ganze Kurfürstenthum und die angrenzenden Lande, daß sie nicht nur ihre Quartiere darin behaupteten, sondern auch große Verstärkungen an Soldaten und Pferden daraus zogen.

Guebriant überließ den hessischen Völkern, ihre Eroberungen am Niederrhein gegen den Grafen von Hatzfeld zu vertheidigen. und näherte sich Thüringen, um Torstensons Unternehmungen in Sachsen zu unterstützen. Aber anstatt seine Macht mit der schwedischen zu vereinigen, eilte er zurück nach dem Main- und Rheinstrom, von dem er sich schon weiter, als er sollte, entfernt hatte. Da ihm die Bayern unter Mercy und Johann von Werth in der Markgrafschaft Baden zuvorgekommen waren, so irrte er viele Wochen lang, dem Grimm der Witterung preisgegeben, ohne Obdach umher und mußte gewöhnlich auf dem Schnee kampieren, bis er im Breisgau endlich ein kümmerliches Unterkommen fand. Zwar zeigte er sich im folgenden Sommer wieder im Felde und beschäftigte in Schwaben das bayerische Heer, daß es die Stadt Thionville in den Niederlanden, welche Condé belagerte, nicht entsetzen sollte. Aber bald ward er von dem überlegenen Feind in das Elsaß zurückgedrückt, wo er eine Verstärkung erwartete.

Der Tod des Cardinals Richelieu, der im November des Jahrs 1642 erfolgt war, und der Thron- und Ministerwechsel, den das Absterben Ludwigs des Dreizehnten im Mai 1643 nach sich zog, hatte die Aufmerksamkeit Frankreichs eine Zeit lang von dem deutschen Krieg abgezogen und diese Unthätigkeit im Felde bewirkt. Aber Mazarin, der Erbe von Richelieus Macht, Grundsätzen und Entwürfen, verfolgte den Plan seines Vorgängers mit erneuertem Eifer, wie theuer auch der französische Unterthan diese politische Größe Frankreichs bezahlte. Wenn Richelieu die Hauptstärke der Armeen gegen Spanien gebrauchte, so kehrte sie Mazarin gegen den Kaiser und machte durch die Sorgfalt, die er dem Kriege in Deutschland widmete, seinen Ausspruch wahr, daß die deutsche Armee der rechte Arm seines Königs und der Wall der französischen Staaten sei. Er schickte dem Feldmarschall von Guebriant, gleich nach der Einnahme von Thionville, eine beträchtliche Verstärkung ins Elsaß; und damit die Truppen sich den Mühseligkeiten des deutschen Kriegs desto williger unterziehen möchten, mußte der berühmte Sieger bei Rocroy, Herzog von Enghien, nachherige Prinz von Condé, sie in eigner Person dahin führen. Jetzt fühlte sich Guebriant stark genug, um in Deutschland wieder mit Ehren auftreten zu können. Er eilte über den Rhein zurück, um sich in Schwaben bessere Winterquartiere zu suchen, und machte sich auch wirklich Meister von Rottweil, wo ihm ein bayerisches Magazin in die Hände fiel. Aber dieser Platz wurde theurer bezahlt, als er werth war, und schneller, als er gewonnen worden, wieder verloren. Guebriant erhielt eine Wunde im Arm, welche die ungeschickte Hand seines Wundarztes tödtlich machte, und die Größe seines Verlustes wurde noch selbst an dem Tage seines Todes kund.

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