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Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen.

Friedrich Schiller: Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen. - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, vierter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen.
pages316-383
created20030113
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So erheblich die Vortheile schienen, welche der Vergleich von Amboise den Reformierten verschaffte, so hatte Coligny dennoch vollkommen recht, ihn als ein Werk der Uebereilung von Seiten des Prinzen, und von Seiten der Königin als ein Werk des Betrugs zu verwünschen. Dahin waren mit diesem unzeitigen Frieden alle glänzenden Hoffnungen seiner Partei, die im ganzen Laufe dieses Bürgerkriegs vielleicht noch nie so gegründet gewesen waren. Der Herzog von Guise, die Seele der katholischen Partei, der Marschall von St. André, der König von Navarra im Grabe, der Connetable gefangen, die Armee ohne Anführer und schwierig wegen des ausbleibenden Soldes, die Finanzen erschöpft; auf der andern Seite eine blühende Armee, Englands mächtige Hilfe, Freunde in Deutschland, und in dem Religionseifer der französischen Protestanten Hilfsquellen genug, den Krieg fortzusetzen. Die wichtigen Waffenplätze Lyon und Orleans, mit so vielem Blute erworben und vertheidigt, gingen nunmehr durch einen Federzug verloren; die Armee mußte auseinander, die Deutschen nach Hause gehen. Und für alle diese Aufopferungen hatte man, weit entfernt, einen Schritt vorwärts zu der bürgerlichen Gleichheit der Religionen zu thun, nicht einmal die vorigen Rechte zurück erhalten.

Die Auswechselung der gefangenen Anführer und die Verjagung der Engländer aus Havre de Grace, welche Montmorency durch die Ueberreste des abgedankten protestantischen Heeres bewerkstelligte, waren die erste Frucht dieses Friedens, und der gleiche Wetteifer beider Parteien, diese Unternehmung zu beschleunigen, bewies nicht sowohl den wiederauflebenden Gemeingeist der Franzosen, als die unvertilgbare Gewalt des Nationalhasses, den weder die Pflicht der Dankbarkeit noch das stärkste Interesse der Leidenschaft überwinden konnte. Nicht sobald war der gemeinschaftliche Feind von dem vaterländischen Boden vertrieben, als alle Leidenschaften, welche der Sektengeist entflammt, in ihrer vorigen Stärke zurückkehrten und die traurigen Scenen der Zwietracht erneuerten. So gering der Gewinn auch war, den die Calvinisten aus dem neu errichteten Vergleiche schöpften, so wurde ihnen auch dieses Wenige mißgönnt, und unter dem Vorwand, die Vergleichspunkte zur Vollziehung zu bringen, maßte man sich an, ihnen durch eine willkürliche Auslegung die engsten Grenzen zu setzen. Montmorencys herrschbegieriger Geist war geschäftig, den Frieden zu untergraben, wozu er doch selbst das Werkzeug gewesen war; denn nur der Krieg konnte ihn der Königin unentbehrlich machen. Der unduldsame Glaubenseifer, welcher ihn selbst beseelte, theilte sich mehreren Befehlshabern in den Provinzen mit, und wehe den Protestanten in denjenigen Distrikten, wo sie die Mehrheit nicht auf ihrer Seite hatten! Umsonst reklamierten sie die Rechte, welche der ausdrückliche Buchstabe des Vertrages ihnen zugestand; der Prinz von Condé, ihr Beschützer, von dem Netze der Königin umstrickt und der undankbaren Rolle eines Parteiführers müde, entschädigte sich in der wollüstigen Ruhe des Hoflebens für die langen Entbehrungen, welche der Krieg seiner herrschenden Neigung auferlegt hatte. Er begnügte sich mit schriftlichen Gegenvorstellungen, welche, von keiner Armee unterstützt, natürlicher Weise ohne Folgen blieben, während daß ein Edikt auf das andre erschien, die geringen Freiheiten seiner Partei noch mehr zu beschränken.

Mittlerweile führte Katharina den jungen König, der im Jahr 1563 für volljährig erklärt ward, in ganz Frankreich umher, um den Unterthanen ihren Monarchen zu zeigen, die Empörungssucht der Faktionen durch die königliche Gegenwart niederzuschlagen und ihrem Sohne die Liebe der Nation zu erwerben. Der Anblick so vieler zerstörten Klöster und Kirchen, welche von der fanatischen Wuth des protestantischen Pöbels furchtbare Zeugen abgaben, konnte schwerlich dazu dienen, diesem jungen Fürsten einen günstigen Begriff von der neuen Religion einzuflößen, und es ist wahrscheinlich genug, daß sich bei dieser Gelegenheit ein glühender Haß gegen die Anhänger Calvins in seine Seele prägte.

Indem sich unter den mißvergnügten Parteien der Zunder zu einem neuen Kriegsfeuer sammelte, zeigte sich Katharina am Hofe geschäftig, zwischen den nicht minder erbitterten Anführern ein Gaukelspiel verstellter Versöhnung aufzuführen. Ein schwerer Verdacht befleckte schon seit lange die Ehre des Admirals von Coligny. Franz von Guise war durch die Hände des Meuchelmords gefallen, und der Untergang eines solchen Feindes war für den Admiral eine zu glückliche Begebenheit, als daß die Erbitterung seiner Gegner sich hätte enthalten können, ihn eines Antheils daran zu beschuldigen. Die Aussagen des Mörders, der sich, um seine eigene Schuld zu verringern, hinter den Schirm eines großen Namens flüchtete, gaben diesem Verdacht einen Schein von Gerechtigkeit. Nicht genug, daß die bekannte Ehrliebe des Admirals diese Verleumdung widerlegte – es gibt Zeitumstände, wo man an keine Tugend glaubt. Der verwilderte Geist des Jahrhunderts duldete keine Stärke des Gemüths, die sich über ihn hinweg schwingen wollte. Antoinette von Bourbon, die Wittwe des Ermordeten, klagte den Admiral laut und öffentlich als den Mörder an, und sein Sohn, Heinrich von Guise, in dessen jugendlicher Brust schon die künftige Größe pochte, hatte schon den furchtbaren Vorsatz der Rache gefaßt. Diesen gefährlichen Zunder neuer Feindseligkeiten erstickte Katharinens geschäftige Politik; denn so sehr die Zwietracht der Parteien ihren Trieb nach Herrschaft begünstigte, so sorgfältig unterdrückte sie jeden offenbaren Ausbruch derselben, der sie in die Nothwendigkeit setzte, zwischen den streitenden Faktionen Partei zu ergreifen und ihrer Unabhängigkeit verlustig zu werden. Ihrem unermüdeten Bestreben gelang es, von der Wittwe und dem Bruder des Entleibten eine Ehrenerklärung gegen den Admiral zu erhalten, welche diesen von der angeschuldigten Mordthat reinigte und zwischen beiden Häusern eine verstellte Versöhnung bewirkte.

Aber unter dem Schleier dieser erkünstelten Eintracht entwickelten sich die Keime zu einem neuen und wüthendern Bürgerkrieg. Jeder noch so geringe, den Reformierten bewilligte Vortheil dünkte den eifrigern Katholiken ein nie zu verzeihender Eingriff in die Hoheit ihrer Religion, eine Entweihung des Heiligthums, ein Raub, an der Kirche begangen, die auch das kleinste von ihren Rechten sich nicht vergeben dürfe. Kein noch so feierlicher Vertrag, der diese unverletzbaren Rechte kränkte, konnte nach ihrem Systeme Anspruch auf Gültigkeit haben; und Pflicht war es jedem Rechtgläubigen, dieser fremden fluchwürdigen Religionspartei diese Vorrechte, gleich einem gestohlnen Gut, wieder zu entreißen. Indem man von Rom aus geschäftig war, diese widrigen Gesinnungen zu nähren und noch mehr zu erhitzen, indem die Anführer der Katholischen diesen fanatischen Eifer durch das Ansehen ihres Beispiels bewaffneten, versäumte unglücklicherweise die Gegenpartei nichts, den Haß der Papisten durch immer kühnere Forderungen noch mehr gegen sich zu reizen und ihre Ansprüche in eben dem Verhältniß, als sie jenen unerträglicher fielen, weiter auszudehnen. »Vor kurzem,« erklärte sich Karl IX. gegen Coligny, »begnügtet ihr euch damit, von uns geduldet zu werden; jetzt wollt ihr gleiche Rechte mit uns haben; bald will ich erleben, daß ihr uns aus dem Königreich treibt, um das Feld allein zu behaupten.«

Bei dieser widrigen Stimmung der Gemüther konnte ein Friede nicht bestehen, der beide Parteien gleich wenig befriedigt hatte. Katharina selbst, durch die Drohungen der Calvinisten aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt, dachte ernstlich auf einen öffentlichen Bruch, und die Frage war bloß, wie die nöthige Kriegsmacht in Bewegung zu setzen sei, um einen argwöhnischen und wachsamen Feind nicht zu frühzeitig von seiner Gefahr zu belehren. Der Marsch einer spanischen Armee nach den Niederlanden, unter der Anführung des Herzogs von Alba, welche bei ihrem Vorüberzug die französische Grenze berührte, gab den erwünschten Vorwand zu der Kriegsrüstung her, welche man gegen die innern Feinde des Königreichs machte. Es schien der Klugheit gemäß, eine so gefährliche Macht, als der spanische Generalissimus commandirte, nicht unbeachtet und unbewacht an den Pforten des Reichs vorüberziehen zu lassen, und selbst der argwöhnische Geist der protestantischen Anführer begriff die Nothwendigkeit, eine Observationsarmee aufzustellen, welche diese gefährlichen Gäste im Zaum halten und die bedrohten Provinzen gegen einen Ueberfall decken könnte. Um auch ihrerseits von diesem Umstande Vortheil zu ziehen, erboten sie sich voll Arglist, ihre eigne Partei zum Beistand des Königreichs zu bewaffnen; ein Stratagem, wodurch sie, wenn es gelungen wäre, das Nämliche gegen den Hof zu erreichen hofften, was dieser gegen sie selbst beabsichtet hatte. In aller Eile ließ nun Katharina Soldaten werben und ein Heer von sechstausend Schweizern bewaffnen, über welche sie, mit Uebergehung der Calvinisten, lauter katholische Befehlshaber setzte. Diese Kriegsmacht blieb, so lange sein Zug dauerte, dem Herzog von Alba zur Seite, dem es nie in den Sinn gekommen war, etwas Feindliches gegen Frankreich zu unternehmen. Anstatt aber nun nach Entfernung der Gefahr auseinander zu gehen, richteten die Schweizer ihren Marsch nach dem Herzen des Königreichs, wo man die vornehmsten Anführer der Hugenotten unvorbereitet zu überfallen hoffte. Dieser verräterische Anschlag wurde noch zu rechter Zeit laut, und mit Schrecken erkannten die Letztern die Nähe des Abgrunds, in welchen man sie stürzen wollte. Ihr Entschluß mußte schnell sein. Man hielt Rath bei Coligny, in wenig Tagen sah man die ganze Partei in Bewegung. Der Plan war, dem Hofe den Vorsprung abzugewinnen und den König auf seinem Landsitz zu Monceaux aufzuheben, wo er sich bei geringer Bedeckung in tiefer Sicherheit glaubte. Das Gerücht von diesen Bewegungen verscheuchte ihn zwar nach Meaux, wohin man die Schweizer aufs eilfertigste beorderte. Diese fanden sich zwar noch frühzeitig genug ein; aber die Reiterei des Prinzen von Condé rückte immer näher und näher, immer zahlreicher ward das Heer der Verbundenen und drohte, den König in seinem Zufluchtsort zu belagern. Die Entschlossenheit der Schweizer riß den König aus dieser dringenden Gefahr. Sie erboten sich, ihn mitten durch den Feind nach Paris zu führen, und Katharina bedachte sich nicht, die Person des Königs ihrer Tapferkeit anzuvertrauen. Der Aufbruch geschah gegen Mitternacht; den Monarchen nebst seiner Mutter in ihrer Mitte, den sie in einem gedrängten Viereck umschloß, wandelte diese bewegliche Festung fort und bildete mit vorgestreckten Piken eine stachlichte Mauer, welche die feindliche Reiterei nicht durchbrechen konnte. Der herausfordernde Muth, mit dem die Schweizer einherschritten, angefeuert durch das heilige Palladium der Majestät, das ihre Mitte beherbergte, schlug die Herzhaftigkeit des Feindes darnieder, und die Ehrfurcht vor der Person des Königs, welche die Brust der Franzosen so spät verläßt, erlaubte dem Prinzen von Condé nicht, etwas mehr als einige unbedeutende Scharmützel zu wagen. Und so erreichte der König noch an demselben Abende Paris und glaubte, dem Degen der Schweizer nichts Geringeres als Leben und Freiheit zu verdanken.

Der Krieg war nun erklärt, und zwar unter der gewöhnlichen Förmlichkeit, daß man nicht gegen den König, sondern gegen seine und des Staats Feinde die Waffen ergriffen habe. Unter diesen war der Cardinal von Lothringen der Verhaßteste, und überzeugt, daß er der protestantischen Sache die schlimmsten Dienste zu leisten pflege, hatte man auf den Untergang dieses Mannes ein vorzügliches Absehen gerichtet. Glücklicher Weise entfloh er noch zu rechter Zeit dem Streich, welcher gegen ihn geführt werden sollte, indem er seinen Hausrath der Wuth des Feindes überließ.

Die Cavallerie des Prinzen stand zwar im Felde, aber durch die Zurüstungen des Königs übereilt, hatte sie nicht Zeit gehabt, sich mit dem erwarteten deutschen Fußvolk zu vereinigen und eine ordentliche Armee zu formieren. So muthig der französische Adel war, der die Reiterei des Prinzen größtenteils ausmachte, so wenig taugte er zu Belagerungen, auf welche es doch bei diesem Kriege vorzüglich ankam. Nichtsdestoweniger unternahm dieser kleine Haufe, Paris zu berennen, drang eilfertig gegen diese Hauptstadt vor und machte Anstalten, sie durch Hunger zu überwältigen. Die Verheerung, welche die Feinde in der ganzen Nachbarschaft von Paris anrichteten, erschöpfte die Geduld der Bürger, welche den Ruin ihres Eigenthums nicht länger müßig ansehen konnten. Einstimmig drangen sie darauf, gegen den Feind geführt zu werden, der sich mit jedem Tag an ihren Thoren verstärkte. Man mußte eilen, etwas Entscheidendes zu thun, ehe es ihm gelang, die deutschen Truppen an sich zu ziehen und durch diesen Zuwachs das Uebergewicht zu erlangen. So kam es am 10. November des Jahrs 1567 zu dem Treffen bei St. Denis, in welchem die Calvinisten nach einem hartnäckigen Widerstand zwar den Kürzern zogen, aber durch den Tod des Connetable, der in dieser Schlacht seine merkwürdige Laufbahn beschloß, reichlich entschädigt wurden. Die Tapferkeit der Seinigen entriß diesen sterbenden General den Händen des Feindes und verschaffte ihm noch den Trost, in Paris unter den Augen seines Herrn den Geist aufzugeben. Er war es, der seinen Beichtvater mit diesen lakonischen Worten von seinem Sterbebette wegschickte: »Laßt es gut sein, Herr Pater; es wäre Schande, wenn ich in achtzig Jahren nicht gelernt hätte, eine Viertelstunde lang zu sterben.«

Die Calvinisten zogen sich nach ihrer Niederlage bei St. Denis eilfertig gegen die lothringischen Grenzen des Königreichs, um die deutschen Hilfsvölker an sich zu ziehen, und die königliche Armee setzte ihnen unter dem jungen Herzog von Anjou nach. Sie litten Mangel an dem Nothwendigsten, indem es den Königlichen an keiner Bequemlichkeit fehlte, und die feindselige Jahreszeit erschwerte ihnen ihre Flucht und ihren Unterhalt noch mehr. Nachdem sie endlich unter einem unausgesetzten Kampf mit Hunger und rauher Witterung das jenseitige Ufer der Maas erreicht hatten, zeigte sich keine Spur eines deutschen Heeres, und man war nach einem so langwierigen, beschwerdenvollen Marsche nicht weiter als man im Angesicht von Paris gewesen war. Die Geduld war erschöpft, der gemeine Mann wie der Adel murrte; kaum vermochte der Ernst des Admirals und die Jovialität des Prinzen von Condé eine gefährliche Trennung zu verhindern. Der Prinz bestand darauf, daß kein Heil sei, als in der Vereinigung mit den deutschen Völkern, und daß man sie schlechterdings bis zum bezeichneten Ort der Zusammenkunft aufsuchen müsse. »Aber,« fragte man ihn nachher, »wenn sie nun auch dort nicht wären zu finden gewesen, was würden die Hugenotten alsdann vorgenommen haben?« – »In die Hände gehaucht und die Finger gerieben, vermuthe ich,« erwiderte der Prinz, denn es war eine schneidende Kälte.

Endlich näherte sich der Pfalzgraf Casimir mit der sehnlich erwarteten deutschen Reiterei; aber nun befand man sich in einer neuen und größern Verlegenheit. Die Deutschen standen in dem Ruf, daß sie nicht eher zu fechten pflegten, als bis sie Geld sähen; und anstatt der hunderttausend Thaler, worauf sie sich Rechnung machten, hatte man ihnen kaum einige Tausend anzubieten. Man lief Gefahr, im Augenblick der Vereinigung aufs schimpflichste von ihnen verlassen zu werden und alle auf diesen Succurs gegründete Hoffnungen auf einmal scheitern zu sehen. Hier in diesem kritischen Moment nahm der Anführer der Franzosen seine Zuflucht zu der Eitelkeit seiner Landsleute und ihrer zarten Empfindlichkeit für die Nationalehre; und seine Hoffnung täuschte ihn nicht. Er gestand den Officieren sein Unvermögen, die Forderungen der Deutschen zu befriedigen, und sprach sie um Unterstützung an. Diese beriefen die Gemeinen zusammen, entdeckten denselben die Noth des Generals und strengten alle ihre Beredsamkeit an, sie zu einer Beisteuer zu ermuntern. Sie wurden dabei aufs nachdrücklichste von den Predigern unterstützt, die mit dreister Stirn zu beweisen suchten, daß es die Sache Gottes sei, die sie durch ihre Mildthätigkeit beförderten. Der Versuch glückte, der geschmeichelte Soldat beraubte sich freiwillig seines Putzes, seiner Ringe und aller seiner Kostbarkeiten; ein allgemeiner Wetteifer stellte sich ein, und es brachte Schande, von seinen Kameraden an Großmuth übertroffen zu werden. Man verwandelte alles in Geld und brachte eine Summe von fast hunderttausend Livres zusammen, mit der sich die Deutschen einstweilen abfinden ließen. Gewiß das einzige Beispiel seiner Art in der Geschichte, daß eine Armee die andere besoldete! Aber der Hauptzweck war doch nun erreicht, und beide vereinigten Heere erschienen nunmehr am Anfang des Jahrs 1568 wieder auf französischem Boden.

Ihre Macht war jetzt beträchtlich und wuchs noch mehr durch die Verstärkungen an, welche sie aus allen Enden des Königreichs an sich zogen. Sie belagerten Chartres und ängstigten die Hauptstadt selbst durch ihre angedrohte Erscheinung. Aber Condé zeigte bloß die Stärke seiner Partei, um dem Hof einen desto günstigern Vergleich abzulocken. Mit Widerwillen hatte er sich den Lasten des Kriegs unterzogen und wünschte sehnlich den Frieden, der seinem Hang zum Vergnügen weit mehr Befriedigung versprach. Er ließ sich deßwegen auch zu den Unterhandlungen bereitwillig finden, welche Katharina von Medicis, um Zeit zu gewinnen, eingeleitet hatte. Wie viel Ursache auch die Reformierten hatten, ein Mißtrauen in die Anerbietungen dieser Fürstin zu setzen, und wie wenig sie durch die bisherigen Verträge gebessert waren, so begaben sie sich doch zum zweitenmal ihres Vortheils und ließen unter fruchtlosen Negociationen die kostbare Zeit zu kriegerischen Unternehmungen verstreichen. Das zu rechter Zeit ausgestreute Geld der Königin verminderte mit jedem Tage die Armee; und die Unzufriedenheit der Truppen, welche Katharina geschickt zu nähren wußte, nöthigte die Anführer am 10. März 1568 zu einem unreifen Frieden. Der König versprach eine allgemeine Amnestie und bestätigte das Edikt des Jänners 1562, das die Reformierten begünstigte. Zugleich machte er sich anheischig, die deutschen Völker zu befriedigen, die noch beträchtliche Rückstände zu fordern hatten; aber bald entdeckte sich, daß er mehr versprochen hatte, als er halten konnte. Man glaubte, sich dieser fremden Gäste nicht schnell genug entledigen zu können, und doch wollten sie ohne Geld nicht von dannen ziehen. Ja, sie drohten, alles mit Feuer und Schwert zu verheeren, wenn man ihnen den schuldigen Sold nicht entrichtete. Endlich, nachdem man ihnen einen Theil der verlangten Summe auf Abschlag bezahlt und den Ueberrest noch während ihres Marsches nachzuliefern versprochen hatte, traten sie ihren Rückzug an, und der Hof schöpfte Muth, je mehr sie sich von dem Centrum des Reichs entfernten. Kaum aber fanden sie, daß die versprochenen Zahlungen unterblieben, so erwachte ihre Wuth aufs neue, und alle Landstriche, durch welche sie kamen, mußten die Wortbrüchigkeit des Hofes entgelten. Die Gewalttätigkeiten, die sie sich bei diesem Durchzug erlaubten, zwangen die Königin, sich mit ihnen abzufinden, und mit schwerer Beute beladen, räumten sie endlich das Reich. Auch die Anführer der Reformierten zerstreuten sich nach abgeschloßnem Frieden jeder in seine Provinz auf seine Schlösser, und gerade diese Trennung, welche man als gefährlich und unklug beurtheilte, rettete sie vom Verderben. Bei allen noch so schlimmen Anschlägen, die man gegen sie gefaßt hatte, durfte man sich an keinem Einzigen unter ihnen vergreifen, wenn man nicht alle zugleich zu Grund richten konnte. Um aber alle zugleich aufzuheben, hätte man, wie Laboureur sagt, das Netz über ganz Frankreich ausbreiten müssen.

Die Waffen ruhten jetzt auf eine Zeit lang, aber nicht so die Leidenschaften; es war bloß die bedenkliche Stille vor dem heranziehenden Sturme. Die Königin, von dem Joch eines mürrischen Montmorency und eines gebieterischen Herzogs von Guise befreit, regierte mit dem überlegenen Ansehen der Mutter und Staatsverständigen beinahe unumschränkt unter ihrem zwar mündigen, aber der Führung noch so bedürftigen Sohn, und sie selbst wurde von den verderblichen Rathschlägen des Cardinals von Lothringen geleitet. Der überwiegende Einfluß dieses unduldsamen Priesters unterdrückte bei ihr allen Geist der Mäßigung, nach dem sie bisher gehandelt hatte. Zugleich mit den Umständen hatte sich auch ihre ganze Staatskunst verändert. Voll Schonung gegen die Reformierten, so lange sie noch ihrer Hilfe bedurfte, um dem Ehrgeize eines Guise und Montmorency ein Gegengewicht zu geben, überließ sie sich nunmehr ganz ihrem natürlichen Abscheu gegen diese aufstrebende Sekte, sobald ihre Herrschaft befestigt war. Sie gab sich keine Mühe, diese Gesinnungen zu verbergen, und die Instruktionen, die sie den Gouverneurs der Provinzen ertheilte, athmeten diesen Geist. Sie selbst verfolgte jetzt diejenige Partei unter den katholischen, die für Duldung und Frieden gestimmt, und deren Grundsätze sie in den vorhergehenden Jahren selbst zu den ihrigen gemacht hatte. Der Kanzler wurde von dem Antheil an der Regierung entfernt und endlich gar auf seine Güter verwiesen. Man bezeichnete seine Anhänger mit dem zweideutigen Namen der Politiker, der auf ihre Gleichgültigkeit gegen das Interesse der Kirche anspielte und den Vorwurf enthielt, als ob sie die Sache Gottes bloß weltlichen Rücksichten aufopferten. Dem Fanatismus der Geistlichkeit wurde vollkommene Freiheit gegeben, von Kanzeln, Beichtstühlen und Altären auf die Sektierer loszustürmen; und jedem tollkühnen Schwärmer aus der katholischen Klerisei war erlaubt, in öffentlichen Reden den Frieden anzugreifen und die verabscheuungswürdige Maxime zu predigen, daß man Hetzern keine Treue noch Glauben schuldig sei. Es konnte nicht fehlen, daß bei solchen Aufforderungen der blutdürstige Geist des Fanatismus bei dem so leicht entzündbaren Volk der Franzosen nur allzu schnell Feuer fing und in die wildesten Bewegungen ausbrach. Mißtrauen und Argwohn zerrissen die heiligsten Bande; der Menchelmord schliff seinen Dolch im Innern der Häuser, und auf dem Lande, wie in den Städten, in den Provinzen, wie in Paris, wurde die Fackel der Empörung geschwungen.

Die Calvinisten ließen es ihrerseits nicht an den bittersten Repressalien fehlen; doch, an Anzahl zu schwach, hatten sie dem Dolch der Katholischen bloß ihre Federn entgegen zu setzen. Vor allem sahen sie sich nach festen Zufluchtsörtern um, wenn der Kriegssturm aufs neue ausbrechen sollte. Zu diesem Zweck war ihnen die Stadt Rochelle am westlichen Ocean sehr gelegen; eine mächtige Seestadt, welche sich seit ihrer freiwilligen Unterwerfung unter französische Herrschaft der wichtigsten Privilegien erfreute und, beseelt mit republikanischem Geiste, durch einen ausgebreiteten Handel bereichert, durch eine gute Flotte vertheidigt, durch das Meer mit England und Holland verbunden, ganz vorzüglich dazu gemacht war, der Sitz eines Freistaats zu sein und der verfolgten Partei der Hugenotten zum Mittelpunkt zu dienen. Hieher verpflanzten sie die Hauptstärke ihrer Macht, und es gelang ihnen viele Jahre lang, hinter den Wällen dieser Festung der ganzen Macht Frankreichs zu trotzen.

Nicht lange stand es an, so mußte der Prinz von Condé selbst seine Zuflucht in Rochelles Mauern suchen. Katharina, um demselben alle Mittel zum Krieg zu rauben, forderte von ihm die Wiedererstattung der beträchtlichen Geldsummen, die sie in seinem Namen den deutschen Hilfsvölkern vorgestreckt hatte, und für die er mit den übrigen Anführern Bürge geworden war. Der Prinz konnte nicht Wort halten, ohne zum Bettler zu werden, und Katharina, die ihn aufs Aeußerste bringen wollte, bestand auf der Zahlung. Das Unvermögen des Prinzen, diese Schuld zu entrichten, berechtigte sie zu einem Bruch der Traktaten, und der Marschall von Tavannes erhielt Befehl, den Prinzen auf seinem Schloß Noyers in Burgund aufzuheben. Schon war die ganze Provinz von den Soldaten der Königin erfüllt, alle Zugänge zu dem Landsitz des Prinzen versperrt, alle Wege zur Flucht abgeschnitten, als Tavannes selbst, der zu dem Untergang des Prinzen nicht gern die Hand bieten wollte, Mittel fand, ihn von der nahen Gefahr zu belehren und seine Flucht zu befördern. Condé entwischte durch die offen gelassenen Pässe glücklich mit dem Admiral Coligny und seiner ganzen Familie und erreichte Rochelle am 18. September 1568. Auch die verwittwete Königin von Navarra, Mutter Heinrichs IV., welche Montluc hatte aufheben sollen, rettete sich mit ihrem Sohn, ihren Truppen und ihren Schätzen in diese Stadt, welche sich in kurzer Zeit mit einer kriegerischen und zahlreichen Mannschaft anfüllte. Der Cardinal von Chatillon entfloh in Matrosenkleidern nach England, wo er seiner Partei durch Unterhandlungen nützlich wurde, und die übrigen Häupter derselben säumten nicht, ihre Anhänger zu bewaffnen und die Deutschen aufs eilfertigste zurück zu berufen. Beide Theile greifen zum Gewehre, und der Krieg kehrt in seiner ganzen Furchtbarkeit zurück. Das Edikt des Jänners wird förmlich widerrufen, die Verfolgungen mit größerer Wuth gegen die Reformierten erneuert, jede Ausübung der neuen Religion bei Todesstrafe untersagt. Alle Schonung, alle Mäßigung hört auf, und Katharina, ihrer wahren Stärke vergessend, wagt an die ungewissen Entscheidungen der blinden Gewalt die gewissen Vortheile, welche ihr die Intrigue verschaffte.

Ein kriegerischer Eifer beseelt die ganze reformierte Partei, und die Wortbrüchigkeit des Hofs, die unerwartete Aufhebung aller ihnen günstigen Verordnungen ruft mehr Soldaten ins Feld, als alle Ermahnungen ihrer Anführer und alle Predigten ihrer Geistlichkeit nicht vermocht haben würden. Alles wird Bewegung und Leben, sobald die Trommel ertönt. Fahnen wehen auf allen Straßen; aus allen Enden des Königreichs sieht man bewaffnete Schaaren gegen den Mittelpunkt zusammen strömen. Mit der Menge der erlittnen und erwiesenen Kränkungen ist die Wuth der Streiter gestiegen; so viele zerrissene Verträge, so viele getäuschte Erwartungen hatten die Gemüther unversöhnlich gemacht, und längst schon war der Charakter der Nation in der langen Anarchie des bürgerlichen Krieges verwildert. Daher keine Mäßigung, keine Menschlichkeit, keine Achtung gegen das Völkerrecht, wenn man einen Vortheil über den Feind erlangte; noch Stand noch Alter wird gescheut und der Marsch der Truppen überall durch verwüstete Felder und eingeäscherte Dörfer bezeichnet. Schrecklich empfindet die katholische Geistlichkeit die Rache des Hugenottenpöbels, und nur das Blut dieser unglücklichen Schlachtopfer kann die finstre Grausamkeit dieser rohen Schaaren ersättigen. An Klöstern und Kirchen rächen sie die Unterdrückungen, welche sie von der herrschenden Kirche erlitten hatten. Das Ehrwürdige ist ihrer blinden Wuth nicht ehrwürdig, das Heilige nicht heilig; mit barbarischer Schadenfreude entkleiden sie die Altäre ihres Schmuckes, zerbrechen und entweihen sie die heiligen Gefäße, zerschmettern sie die Bildsäulen der Apostel und Heiligen und stürzen die herrlichsten Tempel in Trümmer. Ihre Mordgier öffnet sich die Zellen der Mönche und Nonnen, und ihre Schwerter werden mit dem Blut dieser Unschuldigen befleckt. Mit erfinderischer Wuth schärften sie durch den bittersten Hohn noch die Qualen des Todes, und oft konnte der Tod selbst ihre thierische Lust nicht stillen. Sie verstümmelten selbst noch die Leichname, und einer unter ihnen hatte den rasenden Geschmack, sich aus den Ohren der Mönche, die er niedergemacht hatte, ein Halsband zu verfertigen und es öffentlich als ein Ehrenzeichen zu tragen. Ein andrer ließ eine Hydra auf seine Fahnen malen, deren Köpfe mit Cardinalshüten, Bischofsmützen und Mönchskaputzen auf das seltsamste ausstaffiert waren. Er selbst war darneben als ein Herkules abgebildet, der alle diese Köpfe mit starken Fäusten herunterschlug. Kein Wunder, wenn so handgreifliche Symbole die Leidenschaften eines fanatischen rohen Haufens noch heftiger entflammten und dem Geist der Grausamkeit eine immerwährende Nahrung gaben. Die Ausschweifungen der Hugenotten wurden von den Papisten durch schreckliche Repressalien erwiedert, und wehe dem Unglücklichen, der lebendig in ihre Hände fiel. Sein Urtheil war einmal für immer gesprochen, und eine freiwillige Unterwerfung konnte sein Verderben höchstens nur wenige Stunden verzögern.

Mitten im Winter brachen beide Armeen, die königliche unter dem jungen Herzog von Anjou, dem der kriegserfahrene Tavannes an die Seite gegeben war, und die protestantische unter Condé und Coligny auf und stießen bei Loudun so nahe an einander, daß weder Fluß noch Graben ihre Schlachtordnungen trennte. Vier Tage blieben sie in dieser Stellung einander gegenüber stehen, ohne etwas Entscheidendes zu wagen, weil die Kälte zu streng war. Der zunehmende Frost zwang endlich die Königlichen zuerst zum Aufbruch; die Hugenotten folgten ihrem Beispiel, und der ganze Feldzug endigte sich ohne Entscheidung.

Unterdessen versäumten die Letztern nicht, in der Ruhe der Winterquartiere neue Kräfte zu dem folgenden Feldzug zu sammeln. Sie hatten die eroberten Provinzen glücklich behauptet, und viele andere Städte des Königreichs erwarteten bloß einen günstigen Augenblick, um sich laut für sie zu erklären. Ansehnliche Summen wurden aus dem Verkauf der Kirchengüter und den Confiscationen gezogen und von den Provinzen beträchtliche Steuern erhoben. Mit Hilfe derselben sahe sich der Prinz von Condé in den Stand gesetzt, seine Armee zu verstärken und in eine blühende Verfassung zu setzen. Fähige Generale commandierten unter ihm, und ein tapfrer Adel hatte sich unter seinen Fahnen versammelt. Zugleich waren seine Agenten in England sowohl als in Deutschland geschäftig, seine dortigen Bundsgenossen zu bewaffnen und seine Gegner neutral zu erhalten. Es gelang ihm, Truppen, Geld und Geschütz aus England zu ziehen, und aus Deutschland führten ihm der Markgraf von Baden und der Herzog von Zweibrücken beträchtliche Hilfsvölker zu, so daß er sich mit dem Antritt des Jahres 1569 an der Spitze einer furchtbaren Macht erblickte, die einen merkwürdigen Feldzug versprach.

Er hatte sich eben aus den Winterquartieren hervorgemacht, um den deutschen Truppen den Eintritt in das Königreich zu öffnen, als ihn die königliche Armee am 13. März d. J. unweit Jarnac an der Grenze von Limousin unter sehr nachtheiligen Umständen zum Treffen nöthigte. Abgeschnitten von dem Ueberrest seiner Armee, wurde er von der ganzen königlichen Macht angegriffen und sein kleiner Haufe, des tapfersten Widerstandes ungeachtet, von der überlegenen Zahl überwältigt. Er selbst, ob ihm gleich der Schlag eines Pferdes einige Augenblicke vor der Schlacht das Bein zerschmetterte, kämpfte mit der heldenmütigsten Tapferkeit, und von seinem Pferde herabgerissen, setzte er noch eine Zeit lang auf der Erde knieend das Gefecht fort, bis ihn endlich der Verlust seiner Kräfte zwang, sich zu ergeben. Aber in diesem Augenblick nähert sich ihm Montesquion, ein Capitän von der Garde des Herzogs von Anjou, von hinten und tödtet ihn meuchelmörderisch mit einer Pistole.

Und so hatte auch Condé mit allen damaligen Häuptern der Parteien das Schicksal gemein, daß ein gewaltsamer Tod ihn dahinraffte. Franz von Guise war durch Meuchelmörders Hände vor Orleans gefallen, Anton von Navarra bei der Belagerung von Rouen, der Marschall von St. André in der Schlacht bei Dreux und der Connetable bei St. Denis geblieben. Den Admiral erwartete ein schrecklicheres Loos in der Bartholomäusnacht, und Heinrich von Guise sank wie sein Vater unter dem Dolch der Verrätherei.

Der Tod ihres Anführers war ein empfindlicher Schlag für die protestantische Partei, aber bald zeigte sich's, daß die katholische zu früh triumphiert hatte. Condé hatte seiner Partei große Dienste geleistet, aber sein Verlust war nicht unersetzlich. Noch lebte das heldenreiche Geschlecht der Chatillons, und der standhafte, unternehmende, an Hilfsquellen unerschöpfliche Geist des Admirals von Coligny riß sie bald wieder aus ihrer Erniedrigung empor. Es war mehr ein Name als ein Oberhaupt, was die Hugenotten durch den Tod des Prinzen Ludwig von Condé verloren; aber auch schon ein Name war ihnen wichtig und unentbehrlich, um den Muth der Partei zu beleben und sich ein Ansehen in dem Königreich zu erwerben. Der nach Unabhängigkeit strebende Geist des Adels ertrug mit Widerwillen das Joch eines Führers, der nur seines Gleichen war, und schwer, ja unmöglich ward es einem Privatmann, diese stolze Soldateske im Zaum zu erhalten. Dazu gehörte ein Fürst, den seine Geburt schon über jede Concurrenz hinwegrückte, und der eine erbliche und unbestrittene Gewalt über die Gemüther ausübte. Und auch dieser fand sich nun in der Person des jungen Heinrichs von Bourbon, des Helden dieses Werks, den wir jetzt zum erstenmal auf die politische Schaubühne führen.

Heinrich der Vierte, der Sohn Antons von Navarra und Johannens von Albret, war im Jahr 1553 zu Pau in der Provinz Bearn geboren. Schon von den frühesten Jahren einer harten Lebensart unterworfen, stählte sich sein Körper zu seinen künftigen Kriegesthaten. Eine einfache Erziehung und ein zweckmäßiger Unterricht entwickelten schnell die Keime seines lebhaften Geistes. Sein junges Herz sog schon mit der Muttermilch den Haß gegen das Papstthum und gegen den spanischen Despotismus ein; der Zwang der Umstände machte ihn schon in den Jahren der Unschuld zum Anführer von Rebellen. Ein früher Gebrauch der Waffen bildete ihn zum künftigen Held, und frühes Unglück zum vortrefflichen König. Das Haus Valois, welches Jahrhunderte lang über Frankreich geherrscht hatte, neigte sich unter den schwächlichen Söhnen Heinrichs II. zum Untergang, und wenn diese drei Brüder dem Reich keinen Erben gaben, so rief die Verwandtschaft mit dem regierenden Hause, ob sie gleich nur im 21sten Grade statt hatte, das Haus von Navarra auf den Thron. Die Aussicht auf den glänzendsten Thron Europens umschimmerte schon Heinrichs IV. Wiege, aber sie war es auch, die ihn schon in der frühesten Jugend den Nachstellungen mächtiger Feinde bloßstellte. Philipp II., König von Spanien, der unversöhnlichste aller Feinde des protestantischen Glaubens, konnte nicht mit Gelassenheit zusehen, daß die verhaßte Sekte der Neuerer von dem herrlichsten aller christlichen Throne Besitz nahm und durch denselben ein entscheidendes Uebergewicht der Macht in Europa erlangte. Und er war um so weniger geneigt, die französische Krone dem ketzerischen Geschlecht von Navarra zu gönnen, da ihm selbst nach dieser kostbaren Erwerbung gelüstete. Der junge Heinrich stand seinen ehrgeizigen Hoffnungen im Wege, und seine Beichtväter überzeugten ihn, daß es verdienstlich sei, einen Ketzer zu berauben, um ein so großes Königreich im Gehorsam gegen den apostolischen Stuhl zu erhalten. Ein schwarzes Complot ward nun mit Zuziehung des berüchtigten Herzogs von Alba und des Cardinals von Lothringen geschmiedet, den jungen Heinrich mit seiner Mutter aus ihren Staaten zu entführen und in spanische Hände zu liefern. Ein schreckliches Schicksal erwartete diese Unglücklichen in den Händen dieses blutgierigen Feindes, und schon jauchzte die spanische Inquisition diesem wichtigen Schlachtopfer entgegen. Aber Johanna ward noch zu rechter Zeit, und zwar, wie man behauptet, durch Philipps eigne Gemahlin, Elisabeth, gewarnt und der Anschlag noch in der Entstehung vereitelt. Eine so schwere Gefahr umschwebte das Haupt des Knaben und weihte ihn schon frühe zu den harten Kämpfen und Leiden ein, die er in der Folge bestehen sollte.

Jetzt, als die Nachricht von dem Tode des Prinzen von Condé die Anführer der Protestanten in Bestürzung und Verlegenheit setzte, die ganze Partei sich ohne Oberhaupt, die Armee ohne Führer sah, erschien die heldenmütige Johanna mit dem sechzehnjährigen Heinrich und dem ältesten Sohn des ermordeten Condé, der um einige Jahre jünger war, zu Cognac in Angoumois, wo die Armee und die Anführer versammelt waren. Beide Knaben an den Händen führend, trat sie vor die Truppen und machte schnell ihrer Unentschlossenheit ein Ende: »Die gute Sache,« hub sie an, »hat an dem Prinzen von Condé einen trefflichen Beschützer verloren, aber sie ist nicht mit ihm untergegangen Gott wacht über seine Verehrer. Er gab dem Prinzen von Condé tapfere Streitgefährten an die Seite, da er noch lebend unter uns wandelte; er gibt ihm heldenmütige Officiere zu Nachfolgern, die seinen Verlust uns vergessen machen werden. Hier ist der junge Bearner, mein Sohn. Ich biete ihn euch an zum Fürsten; hier ist der Sohn des Mannes, dessen Verlust ihr betrauert. Euch übergebe ich Beide. Möchten sie ihrer Ahnherrn werth sein durch ihre künftigen Thaten! Möchte der Anblick dieser heiligen Pfänder euch Einigkeit lehren und begeistern zum Kampf für die Religion!«

Ein lautes Geschrei des Beifalls antwortete der königlichen Rednerin, worauf der junge Heinrich mit edlem Anstand das Wort nahm: »Freunde!« rief er aus, »ich gelobe euch an, für die Religion und die gemeine Sache zu streiten, bis uns Sieg oder Tod die Freiheit verschafft haben, um die es uns allen zu thun ist.« Sogleich wurde er zum Oberhaupt der Partei und zum Führer der Armee ausgerufen und empfing als solcher die Huldigung. Die Eifersucht der übrigen Anführer verstummte, und bereitwillig unterwarf man sich jetzt der Führung des Admirals von Coligny, der dem jungen Helden seine Erfahrung lieh und unter dem Namen seines Pupillen das Ganze beherrschte.

Die deutschen Protestanten, immer die vornehmste Stütze und die letzte Zuflucht ihrer Glaubensbrüder in Frankreich, waren es auch jetzt, die nach dem unglücklichen Tage bei Jarnac das Gleichgewicht der Waffen zwischen den Hugenotten und Katholischen wieder herstellen halfen. Der Herzog Wolfgang von Zweibrücken brach mit einem dreizehntausend Mann starken Heere in das Königreich ein, durchzog mitten unter Feinden, nicht ohne große Hindernisse, fast den ganzen Strich zwischen dem Rhein und dem Weltmeer und hatte die Armee der Reformierten beinahe erreicht, als der Tod ihn dahinraffte. Wenige Tage nachher vereinigte sich der Graf von Mansfeld, sein Nachfolger im Commando (im Junius 1569), in der Provinz Guienne mit dem Admiral von Coligny, der sich nach einer so beträchtlichen Verstärkung wieder im Stande sah, den Königlichen die Spitze zu bieten. Aber mißtrauisch gegen das Glück, dessen Unbeständigkeit er so oft erfahren hatte, und seines Unvermögens sich bewußt, bei so geringen Hilfsmitteln einen erschöpfenden Krieg auszuhalten, versuchte er noch vorher, auf einem friedlichen Weg zu erhalten, was er allzu mißlich fand mit den Waffen in der Hand zu erzwingen. Der Admiral liebte aufrichtig den Frieden, ganz gegen die Sinnesart der Anführer von Parteien, die die Ruhe als das Grab ihrer Macht betrachten und in der allgemeinen Verwirrung ihre Vortheile finden. Mit Widerwillen übte er die Bedrückungen aus, die sein Posten, die Noth und die Pflicht der Selbstverteidigung erheischten, und gern hätte er sich überhoben gesehen, mit dem Degen in der Faust eine Sache zu verfechten, die ihm gerecht genug schien, um durch Vernunftgründe vertheidigt zu werden. Er machte jetzt dem Hofe die dringendsten Vorstellungen, sich des allgemeinen Elendes zu erbarmen und den Reformierten, die nichts als die Bestätigung der ehmaligen, ihnen günstigen Edikte verlangten, ein so billiges Gesuch zu gewähren. Diesen Vorschlägen glaubte er um so eher eine günstige Aufnahme versprechen zu können, da sie nicht Werk der Verlegenheit waren, sondern durch eine ansehnliche Macht unterstützt wurden. Aber das Selbstvertrauen der Katholiken war mit ihrem Glücke gestiegen. Man forderte eine unbedingte Unterwerfung, und so blieb es denn bei der Entscheidung des Schwerts.

Um die Stadt Rochelle und die Besitzungen der Protestanten längs der dortigen Seeküste vor einem Angriffe sicher zu stellen, rückte der Admiral mit seiner ganzen Macht vor Poitiers, welche Stadt er ihres großen Umfanges wegen keines langen Widerstandes fähig glaubte. Aber auf die erste Nachricht der sie bedrohenden Gefahr hatten sich die Herzoge von Guise und von Mayenne, würdige Söhne des verstorbenen Franz von Guise, nebst einem zahlreichen Adel in diese Stadt geworfen, entschlossen, sie bis aufs äußerste zu vertheidigen. Fanatismus und Erbitterung machten diese Belagerung zu einer der blutigsten Handlungen im ganzen Laufe des Krieges, und die Hartnäckigkeit des Angriffs konnte gegen den beharrlichen Widerstand der Besatzung nichts ausrichten.

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