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Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen.

Friedrich Schiller: Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen. - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, vierter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleGeschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen.
pages316-383
created20030113
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Indem die Verschwörung ein so unglückliches Ende nahm und so viele unwissende Werkzeuge derselben der Rache der Guisen aufgeopfert wurden, spielte der Prinz von Condé, der Schuldigste von allen und der unsichtbare Lenker des Ganzen, seine Rolle mit beispielloser Verstellungskunst und wagte es, dem Verdacht Trotz zu bieten, der ihn allgemein anklagte. Auf die Undurchdringlichkeit seines Geheimnisses sich stützend und überzeugt, daß die Tortur selbst seinen Anhängern nicht entreißen könnte, was sie nicht wußten, verlangte er Gehör bei dem König und drang darauf, sich förmlich und öffentlich rechtfertigen zu dürfen. Er that dieses in Gegenwart des ganzen Hofes und der auswärtigen Gesandten, welche ausdrücklich dazu geladen waren, mit dem edlen Unwillen eines unschuldig Angeklagten, mit der ganzen Festigkeit und Würde, welche sonst nur das Bewußtsein einer gerechten Sache einzuflößen pflegt. »Sollte,« schloß er, »sollte Jemand verwegen genug sein, mich als den Urheber der Verschwörung anzuklagen, zu behaupten, daß ich damit umgegangen, die Franzosen gegen die geheiligte Person ihres Königs aufzuwiegeln, so entsage ich hiermit dem Vorrechte meines Ranges und bin bereit, ihm mit diesem Degen zu beweisen, daß er lügt.« – »Und ich,« nahm Franz von Guise das Wort, »ich werde es nimmermehr zugeben, daß ein so schwarzer Verdacht einen so großen Prinzen entehre. Erlauben Sie mir also, Ihnen in diesem Zweikampf zu secondieren.« Und mit diesem Possenspiele ward eine der blutigsten Verschwörungen geendigt, welche die Geschichte kennt, eben so merkwürdig durch ihren Zweck und durch das große Schicksal, welches dabei auf dem Spiele stand, als durch ihre Verborgenheit und List, mit der sie geleitet wurde.

Noch lange nachher blieben die Meinungen über die wahren Triebfedern und den eigentlichen Zweck dieser Verschwörung getheilt; der Privatvortheil beider Parteien verleitete sie, den richtigen Gesichtspunkt zu verfälschen. Wenn die Reformierten in ihren öffentlichen Schriften ausbreiteten, daß einzig und allein der Verdruß über die unerträgliche Tyrannei der Guisen sie bewaffnet habe und der Gedanke ferne von ihnen gewesen sei, durch gewaltsame Mittel die Religionsfreiheit durchzusetzen, so wurde im Gegentheil die Verschwörung in den königlichen Briefen als gegen die Person des Monarchen selbst und gegen das ganze königliche Haus gerichtet vorgestellt, welche nichts Geringeres erzielt haben solle, als die Monarchie zugleich mit der katholischen Religion umzustürzen und Frankreich in einen der Schweiz ähnlichen Republikenbund zu verwandeln. Es scheint, daß der bessere Theil der Nation anders davon geurtheilt und nur die Verlegenheit der Guisen sich hinter diesen Vorwand geflüchtet habe, um dem allgemein gegen sie erwachenden Unwillen eine andre Richtung zu geben. Das Mitleid mit den Unglücklichen, die ihre Rachsucht so grausam dahin geopfert hatte, machte auch sogar eifrige Katholiken geneigt, die Schuld derselben zu verringern, und die Protestanten kühn genug, ihren Antheil an dem Complot laut zu bekennen. Diese ungünstige Stimmung der Gemüther erinnerte die Minister nachdrücklicher, als offenbare Gewalt es nimmermehr gekonnt hätte, daß es Zeit sei, sich zu mäßigen; und so verschaffte selbst der Fehlschlag des Complots von Amboise den Calvinisten im Königreich, auf eine Zeit lang wenigstens, eine gelindere Behandlung.

Um, wie man vorgab, den Samen der Unruhen zu ersticken und auf einem friedlichen Weg das Königreich zu beruhigen, verfiel man darauf, mit den Vornehmsten des Reichs eine Berathschlagung anzustellen. Zu diesem Ende beriefen die Minister die Prinzen des Geblüts, den hohen Adel, die Ordensritter und die vornehmsten Magistratspersonen nach Fontainebleau, wo jene wichtigen Materien verhandelt werden sollten. Diese Versammlung erfüllte aber weder die Erwartung der Nation, noch die Wünsche der Guisen, weil das Mißtrauen der Bourbons ihnen nicht erlaubte, darauf zu erscheinen, und die übrigen Anführer der mißvergnügten Partei, die den Ruf nicht wohl ausschlagen konnten, den Krieg auf die Versammlung mitbrachten und durch ein zahlreiches, gewaffnetes Gefolge die Gegenpartei in Verlegenheit setzten. Aus den nachherigen Schritten der Minister möchte man den Argwohn der Prinzen nicht ganz für so ungegründet halten, welche diese ganze Versammlung nur als einen Staatsstreich der Guisen betrachteten, um die Häupter der Mißvergnügten ohne Blutvergießen in Einer Schlinge zu fangen. Da die gute Verfassung ihrer Gegner diesen Anschlag vereitelte, so ging die Versammlung selbst in unnützen Formalitäten und leeren Gezänken vorüber, und zuletzt wurden die streitigen Punkte bis zu einem allgemeinen Reichstag zurückgelegt, welcher mit nächstem in der Stadt Orleans eröffnet werden sollte.

Jeder Theil, voll Mißtrauen gegen den andern, benutzte die Zwischenzeit, sich in Vertheidigungsstand zu setzen und an dem Untergang seiner Gegner zu arbeiten. Der Fehlschlag des Complots von Amboise hatte den Intriguen des Prinzen von Condé kein Ziel setzen können. In Dauphiné, Provence und andern Gegenden brachte er durch seine geheimen Unterhändler die Calvinisten in Bewegung und ließ seine Anhänger zu den Waffen greifen. Seinerseits ließ der Herzog von Guise die ihm verdächtigen Plätze mit Truppen besetzen, veränderte die Befehlshaber der Festungen und sparte weder Geld noch Mühe, von jedem Schritt der Bourbons Wissenschaft zu erhalten. Mehrere ihrer Unterhändler wurden wirklich entdeckt und in Fesseln geworfen; verschiedne wichtige Papiere, welche über die Machinationen des Prinzen Licht gaben, geriethen in seine Hände. Dadurch gelang es ihm, den verderblichen Anschlägen auf die Spur zu kommen, welche Condé gegen ihn schmiedete und auf dem Reichstag zu Orleans Willens war zur Ausführung zu bringen. Eben dieser Reichstag beunruhigte die Bourbons nicht wenig, welche gleichviel dabei zu wagen schienen, sie mochten sich davon ausschließen, oder auf demselben erscheinen. Weigerten sie sich, den wiederholten Mahnungen des Königs zu gehorchen, so hatten sie alles für ihre Besitzungen, überlieferten sie sich ihren Feinden, so hatten sie nicht minder für ihre persönliche Sicherheit zu fürchten. Nach langen Berathschlagungen blieb es endlich bei dem Letzten, und beide Bourbons entschlossen sich zu diesem unglücklichen Gang.

Unter traurigen Vorbedeutungen näherte sich dieser Reichstag, und statt des wechselseitigen Vertrauens, welches so nöthig war, Haupt und Glieder zu Einem Zweck zu vereinigen und durch gegenseitige Nachgiebigkeit den Grund zu einer dauerhaften Versöhnung zu legen, erfüllten Argwohn und Erbitterung die Gemüther. Anstatt der erwarteten Gesinnungen des Friedens brachte jeder Theil ein unversöhnliches Herz und schwarze Anschläge auf die Versammlung mit, und das Heiligthum der öffentlichen Sicherheit und Ruhe war zu einem blutigen Schauplatz des Verraths und der Rache erkoren. Furcht vor Nachstellungen, welche die Guisen unaufhörlich ihm vorspiegelten, vergiftete die Ruhe des Königs, der in der Blüthe seiner Jahre sichtbar dahin welkte, von seinen nächsten Verwandten den Dolch gegen sich gezogen und, unter allen Vorzeichen des öffentlichen Elends, unter seinen Füßen das Grab sich schon öffnen sah. Melancholisch und Unglück weissagend war sein Einzug in die Stadt Orleans, und das dumpfe Getöse von Gewaffneten erstickte jeden Ausbruch der Freude. Die ganze Stadt wurde sogleich mit Soldaten angefüllt, welche jedes Thor, jede Straße besetzten. So ungewöhnliche Anstalten verbreiteten überall Unruhe und Angst und ließen einen finstern Anschlag im Hinterhalt befürchten.

Das Gerücht davon drang bis zu den Bourbons, noch ehe sie Orleans erreicht hatten, und machte sie eine Zeit lang unschlüssig, ob sie die Reise dahin fortsetzen sollten.

Aber hätten sie auch ihren Vorsatz geändert, so kam die Reue jetzt zu spät; denn ein Observationscorps des Königs, welches von allen Seiten sie umringte, hatte ihnen bereits jeden Rückweg abgeschnitten. So erschienen sie am 30. October 1560 zu Orleans, begleitet von dem Cardinal von Bourbon, ihrem Bruder, den ihnen der König mit den heiligsten Versicherungen seiner aufrichtigen Absichten entgegen gesandt hatte.

Der Empfang, den sie erhielten, widersprach diesen Versicherungen sehr. Schon von weitem verkündigte ihnen die frostige Miene der Minister und die Verlegenheit der Hofleute ihren Fall. Finstrer Ernst malte sich auf dem Gesichte des Monarchen, als sie vor ihn traten, ihn zu begrüßen, welcher bald gegen den Prinzen in die heftigsten Anklagen ausbrach. Alle Verbrechen, deren man Letztern bezichtigte, wurden ihm der Reihe nach vorgeworfen, und der Befehl zu seiner Verhaftung ist ausgesprochen, ehe er Zeit hat, auf diese überraschenden Beschuldigungen zu antworten.

Ein so rascher Schritt durfte nicht bloß zur Hälfte gethan werden. Papiere, die wider den Gefangenen zeugten, waren schon in Bereitschaft und alle Aussagen gesammelt, welche ihn zum Verbrecher machten; nichts fehlte als die Form des Gerichts. Zu diesem Ende setzte man eine außerordentliche Commission nieder, welche aus dem Pariser Parlament gezogen war und den Kanzler von Hopital an ihrer Spitze hatte. Vergebens berief sich der Angeklagte auf das Vorrecht seiner Geburt, nach welcher er nur von dem Könige selbst, den Pairs und dem Parlamente bei voller Sitzung gerichtet werden konnte. Man zwang ihn, zu antworten, und gebrauchte dabei noch die Arglist, über einen Privataufsatz, der nur für seinen Advokaten bestimmt, aber unglücklicherweise von des Prinzen Hand unterzeichnet war, als über eine förmliche gerichtliche Vertheidigung zu erkennen. Fruchtlos blieben die Verwendungen seiner Freunde, seiner Familie; vergeblich der Fußfall seiner Gemahlin vor dem König, der in dem Prinzen nur den Räuber seiner Krone, seinen Mörder erblickte. Vergeblich erniedrigte sich der König von Navarra vor den Guisen selbst, die ihn mit Verachtung und Härte zurückwiesen. Indem er für das Leben eines Bruders flehte, hing der Dolch der Verräther an einem dünnen Haare über seinem eignen Haupte. In den eignen Zimmern des Monarchen erwartete ihn eine Rotte von Meuchelmördern, welche, der genommnen Abrede gemäß, über ihn herfallen sollten, sobald der König durch einen heftigen Zank mit demselben ihnen das Zeichen dazu gäbe. Das Zeichen kam nicht, und Anton von Navarra ging unbeschädigt aus dem Kabinet des Monarchen, der zwar unedel genug, einen Meuchelmord zu beschließen, doch zu verzagt war, denselben in seinem Beisein vollstrecken zu lassen.

Entschloßner gingen die Guisen gegen Condé zu Werke, um so mehr, da die hinsinkende Gesundheit des Monarchen sie eilen hieß. Das Todesurtheil war gegen ihn gesprochen, die Sentenz von einem Theile der Richter schon unterzeichnet, als man den König auf einmal rettungslos darnieder liegen sah. Dieser entscheidende Umstand machte die Gegner des Prinzen stutzig und erweckte den Muth seiner Freunde; bald erfuhr der Verurtheilte selbst die Wirkungen davon in seinem Gefängniß. Mit bewundernswürdigem Gleichmuth und unbewölkter Heiterkeit des Geistes erwartete er hier, von der ganzen Welt abgesondert und von lauernden, feindselig gesinnten Wächtern umringt, den Ausschlag seines Schicksals, als ihm unerwartet Vorschläge zu einem Vergleich mit den Guisen gethan wurden. »Kein Vergleich,« erwiederte er, »als mit der Degenspitze.« Der zur rechten Zeit einfallende Tod des Monarchen ersparte es ihm, dieses unglückliche Wort mit seinem Kopf zu bezahlen.

Franz II. hatte den Thron in so zarter Jugend bestiegen, unter so wenig günstigen Umständen und bei so wankender Gesundheit besessen und so schnell wieder geräumt, daß man Anstand nehmen muß, ihn wegen der Unruhen anzuklagen, die seine kurze Regierung so stürmisch machten und sich auf seinen Nachfolger vererbten. Ein willenloses Organ der Königin, seiner Mutter, und der Guisen, seiner Oheime, zeigte er sich auf der politischen Bühne nur, um mechanisch die Rolle herzusagen, welche man ihn einlernen ließ, und zu viel war es wohl von seinen mittelmäßigen Gaben gefordert, das lügnerische Gewebe zu durchreißen, worin die Arglist der Guisen ihm die Wahrheit verhüllte. Nur ein einzigmal schien es, als ob sein natürlicher Verstand und seine Gutmüthigkeit die betrügerischen Künste seiner Minister zu nichte machen wollte. Die allgemeine und heftige Erbitterung, welche bei dem Complot von Amboise sichtbar wurde, konnte, wie sehr auch die Guisen ihn hüteten, dem jungen Monarchen kein Geheimniß bleiben. Sein Herz sagte ihm, daß dieser Ausbruch des Unwillens nimmermehr ihm selbst gelten konnte, der noch zu wenig gehandelt hatte, um Jemandes Zorn zu verdienen. »Was hab' ich denn gegen mein Volk verbrochen,« fragte er seine Oheime voll Erstaunen, »daß es so sehr gegen mich wüthet? Ich will seine Beschwerden vernehmen und ihm Recht verschaffen. – Mir däucht,« fuhr er fort, »es liegt am Tage, daß ihr dabei gemeint seid. Es wäre mir wirklich lieb, ihr entferntet euch eine Zeit lang aus meiner Gegenwart, damit es sich aufkläre, wem von uns Beiden es eigentlich gilt.« – Aber zu einer solchen Probe bezeigten die Guisen keine Lust, und es blieb bei dieser flüchtigen Regung.

Franz II. war ohne Nachkommenschaft gestorben, und das Scepter kam an den zweiten von Heinrichs Söhnen, einen Prinzen von nicht mehr als zehen Jahren, jenen unglücklichen Jüngling, dessen Namen das Blutbad der Bartholomäusnacht einer schrecklichen Unsterblichkeit weiht. Unter unglücksvollen Zeichen begann diese finstre Regierung. Ein naher Verwandter des Monarchen an der Schwelle des Blutgerüstes, ein andrer aus den Händen der Meuchelmörder nur eben durch einen Zufall entronnen; beide Hälften der Nation gegen einander im Aufruhr begriffen, und ein Theil derselben schon die Hand am Schwert; die Fackel des Fanatismus geschwungen; von ferne schon das hohle Donnern eines bürgerlichen Kriegs; der ganze Staat auf dem Wege zu seiner Zertrümmerung. Verrätherei im Innern des Hofes, im Innern der königlichen Familie Zwiespalt und Argwohn. Im Charakter der Nation eine widersprechende schreckliche Mischung von blindem Aberglauben, von lächerlicher Mystik und von Freigeisterei; von Rohigkeit der Gefühle und verfeinerter Sinnlichkeit; hier die Köpfe durch eine fanatische Mönchsreligion verfinstert, dort durch einen noch schlimmern Unglauben der Charakter verwildert; beide Extreme des Wahnsinns in fürchterlichem Bunde gepaart. Unter den Großen selbst mordgewohnte Hände, truggewohnte Lippen, naturwidrige empörende Laster, die bald genug alle Klassen des Volks mit ihrem Gifte durchdringen werden. Auf dem Throne ein Unmündiger in macchiavellischen Künsten aufgesäugt, heranwachsend unter bürgerlichen Stürmen, durch Fanatiker und Schmeichler erzogen, unterrichtet im Betruge, unbekannt mit dem Gehorsam eines glücklichen Volks, ungeübt im Verzeihen, nur durch das schreckliche Recht des Strafens seines Herrscheramtes sich bewußt, durch Krieg und Henker vertraut gemacht mit dem Blut seiner Unterthanen! – Von den Drangsalen eines offenbaren Kriegs stürzt der unglücksvolle Staat in die schreckliche Schlinge einer verborgen lauernden Verschwörung; von der Anarchie einer vormundschaftlichen Regierung befreit ihn nur eine kurze fürchterliche Ruhe, während welcher der Meuchelmord seine Dolche schleift. Frankreichs traurigster Zeitraum beginnt mit der Thronbesteigung Karls IX., um über ein Menschenalter lang zu dauern und nicht eher als in der glorreichen Regierung Heinrichs von Navarra zu endigen.

Der Tod ihres Erstgebornen und Karls IX. zartes Alter führte die Königin Mutter, Katharina von Medicis, auf den politischen Schauplatz, eine neue Staatskunst und neue Scenen des Elends mit ihr. Diese Fürstin, geizig nach Herrschaft, zur Intrigue geboren, ausgelernt im Betrug, Meisterin in allen Künsten der Verstellung, hatte mit Ungeduld die Fesseln ertragen, welche der alles verdrängende Despotismus der Guisen ihrer herrschenden Leidenschaft anlegte. Unterwürfig und einschmeichelnd gegen sie, so lange sie des Beistands der Königin wider Montmorency und die Prinzen von Bourbon bedurften, vernachlässigten sie dieselbe, sobald sie sich nur in ihrer usurpierten Würde befestigt sahen. Durch Fremdlinge sich aus dem Vertrauen ihres Sohnes verdrängt und die wichtigsten Staatsgeschäfte ohne sie verhandelt zu sehen, war eine zu empfindliche Kränkung ihrer Herrschbegierde, um mit Gelassenheit ertragen zu werden. Wichtig zu sein, war ihre herrschende Neigung; ihre Glückseligkeit, jeder Partei nothwendig sich zu wissen. Nichts gab es, was sie nicht dieser Neigung aufopferte, aber alle ihre Thätigkeit war auf das Feld der Intrigue eingeschränkt, wo sie ihre Talente glänzend entwickeln konnte. Die Intrigue allein war ihr wichtig, gleichgültig die Menschen. Als Regentin des Reichs und Mutter von drei Königen mit der mißlichen Pflicht beladen, die angefochtene Autorität ihres Hauses gegen wüthende Parteien zu behaupten, hatte sie dem Trotz der Großen nur Verschlagenheit, der Gewalt nur List entgegen zu setzen. In der Mitte zwischen den streitenden Faktionen der Guisen und der Prinzen von Bourbon beobachtete sie lange Zeit eine unsichere Staatskunst, unfähig, nach einem festen und unwiderruflichen Plane zu handeln. Heute, wenn der Verdruß über die Guisen ihr Gemüth beherrschte, der reformierten Partei hingegeben, erröthete sie morgen nicht, wenn ihr Vortheil es heischte, sich eben diesen Guisen, die ihrer Neigung zu schmeicheln gewußt hatten, zu einem Werkzeug dazu zu borgen. Dann stand sie keinen Augenblick an, alle Geheimnisse preiszugeben, die ein unvorsichtiges Vertrauen bei ihr niedergelegt hatte. Nur ein einziges Laster beherrschte sie, aber welches die Mutter ist von allen: zwischen Bös und Gut keinen Unterschied zu kennen. Die Zeitumstände spielten mit ihrer Moralität, und der Augenblick fand sie gleich geneigt zur Unmenschlichkeit und zur Milde, zur Demuth und zum Stolz, zur Wahrheit und zur Lüge. Unter der Herrschaft ihres Eigennutzes stand jede andre Leidenschaft, und selbst die Rachsucht, wenn das Interesse es forderte, mußte schweigen. Ein fürchterlicher Charakter, nicht weniger empörend, als jene verrufenen Scheusale der Geschichte, welche ein plumper Pinsel ins Ungeheure malt.

Aber indem ihr alle sittlichen Tugenden fehlten, vereinigte sie alle Talente ihres Standes, alle Tugenden der Verhältnisse, alle Vorzüge des Geistes, welche sich mit einem solchen Charakter vertragen; aber sie entweihte alle, indem sie sie zu Werkzeugen dieses Charakters erniedrigte. Majestät und königlicher Anstand sprach aus ihr; glänzend und geschmackvoll war alles, was sie anordnete; hingerissen jeder Blick, der nur nicht in ihre Seele fiel; alles, was sich ihr nahte, von der Anmuth ihres Umgangs, von dem geistreichen Inhalt ihres Gesprächs, von ihrer zuvorkommenden Güte bezaubert. Nie war der französische Hof so glanzvoll gewesen, als seitdem Katharina Königin dieses Hofes war. Alle verfeinerten Sitten Italiens verpflanzte sie auf französischen Boden, und ein fröhlicher Leichtsinn herrschte an ihrem Hofe, selbst unter den Schrecknissen des Fanatismus und mitten im Jammer des bürgerlichen Kriegs. Jede Kunst fand Aufmunterung bei ihr, jedes andre Verdienst, als um die gute Sache, Bewunderung. Aber im Gefolge der Wohlthaten, die sie ihrem neuen Vaterland brachte, verbargen sich gefährliche Gifte, welche die Sitten der Nation ansteckten und in den Köpfen einen unglücklichen Schwindel erregten. Die Jugend des Hofes, durch sie von dem Zwange der alten Sitte befreit und zur Ungebundenheit eingeweiht, überließ sich bald ohne Rückhalt ihrem Hange zum Vergnügen; mit dem Putze der Ahnen lernte man nur zu bald ihre Schamhaftigkeit und Tugend ablegen. Betrug und Falschheit verdrängten aus dem gesellschaftlichen Umgang die edle Wahrheit der Ritterzeiten, und das kostbarste Palladium des Staats, Treu und Glauben, verlor sich, wie aus dem Innern der Familien, so aus dem öffentlichen Leben. Durch den Geschmack an astrologischen Träumereien, welchen sie mit sich aus ihrem Vaterlande brachte, führte sie dem Aberglauben eine mächtige Verstärkung zu; diese Thorheit des Hofes stieg schnell zu den untersten Klassen herab, um zuletzt ein verderbliches Instrument in der Hand des Fanatismus zu werden. Aber das traurigste Geschenk, was sie Frankreich machte, waren drei Könige, ihre Söhne, die sie in ihrem Geiste erzog und mit ihren Grundsätzen auf den Thron setzte.

Die Gesetze der Natur und des Staates riefen die Königin Katharina, während der Minderjährigkeit ihres Sohns, zur Regentschaft, aber die Umstände, unter welchen sie davon Besitz nehmen sollte, schlugen ihren Muth sehr darnieder. Die Stände waren in Orleans versammelt, der Geist der Unabhängigkeit erwacht und zwei mächtige Parteien gegen einander zum Kampfe gerüstet. Nach Herrschaft strebten die Häupter beider Faktionen; keine königliche Gewalt war da, um dazwischen zu treten und ihren Ehrgeiz zu beschränken; und die Anordnung der vormundschaftlichen Regierung, die jenen Mangel ersetzen sollte, konnte nun das Werk ihrer beiderseitigen Uebereinstimmung werden. Der König war noch nicht todt, als sich Katharina von beiden Theilen heftig angegangen und zu den entgegengesetztesten Maßregeln angefordert sah. Die Guisen und ihr Anhang, pochend auf die Hilfe der Stände, deren größter Theil von ihnen gewonnen war, gestützt auf den Beistand der ganzen katholischen Partei, lagen ihr dringend an, die Sentenz gegen den Prinzen von Condé vollstrecken zu lassen und mit diesem einzigen Streiche das Bourbonische Haus zu zerschmettern, dessen furchtbares Aufstreben ihr eignes bedrohte. Auf der andern Seite bestürmte sie Anton von Navarra, die ihr zufallende Macht zur Rettung seines Bruders anzuwenden und sich dadurch der Unterwürfigkeit seiner ganzen Partei zu versichern. Keinem von beiden Theilen fiel es ein, die Ansprüche der Königin auf die Regentschaft anzufechten. Das nachtheilige Verhältniß, in welchem der Tod des Königs die Prinzen von Bourbon überraschte, mochte sie abschrecken, für sich selbst, wie sie sonst wohl gethan hätten, nach diesem Ziele zu streben; deßwegen verhielten sie sich lieber stumm, um nicht durch die Zweifel, die sie gegen die Rechte Katharinens erregt haben würden, dem Ehrgeiz der Guisen eine Ermunterung zu geben. Auch die Guisen wollten durch ihren Widerspruch nicht gern Gefahr laufen, der Nation die nähern Rechte der Bourbons in Erinnerung zu bringen. Durch schweigende Anerkennung der Rechte Katharinens schlossen beide Parteien einander gegenseitig von der Competenz aus, und jede hoffte, unter dem Namen der Königin ihre ehrgeizigen Absichten leichter erreichen zu können.

Katharina, durch die weisen Rathschläge des Kanzlers von Hopital geleitet, erwählte den staatsklugen Ausweg, sich keiner von beiden Parteien zum Werkzeuge gegen die andre herzugeben und durch ein wohlgewähltes Mittel zwischen beiden den Meister über sie zu spielen. Indem sie den Prinzen von Condé der ungestümen Rachsucht seiner Gegner entriß, machte sie diesen wichtigen Dienst bei dem König von Navarra geltend und versicherte die lothringischen Prinzen ihres mächtigsten Beistands, wenn sich die Bourbons unter der neuen Regierung an die Mißhandlungen, welche sie unter der vorigen erlitten, thätlich erinnern sollten. Mit Hilfe dieser Staatskunst sah sie sich, unmittelbar nach dem Absterben des Monarchen, ohne Jemands Widerspruch und selbst ohne Zuthun der in Orleans versammelten Stände, die unthätig dieser wichtigen Begebenheit zusahen, im Besitz der Regentschaft, und der erste Gebrauch, den sie davon machte, war, durch Emporhebung der Bourbons das Gleichgewicht zwischen beiden Parteien wieder herzustellen. Condé verließ unter ehrenvollen Bedingungen sein Gefängniß, um auf den Gütern seines Bruders die Zeit seiner Rechtfertigung abzuwarten; dem König von Navarra wurde mit dem Posten eines Generallieutenants des Königreichs ein wichtiger Zweig der höchsten Gewalt übergeben. Die Guisen retteten wenigstens ihre künftigen Hoffnungen, indem sie sich bei Hofe behaupteten, und konnten der Königin wider den Ehrgeiz der Bourbons zu einer mächtigen Stütze dienen.

Ein Schein von Ruhe kehrte jetzt zwar zurück, aber viel fehlte noch, ein aufrichtiges Vertrauen zwischen so schwer verwundeten Gemüthern zu begründen. Um dies zu bewerkstelligen, warf man die Augen auf den Connetable von Montmorency, den der Despotismus der Guisen unter der vorigen Regierung entfernt gehalten hatte und die Thronveränderung jetzt auf seinen alten Schauplatz zurückführte. Voll redlichen Eifers für das Beste des Vaterlands, seinem König treu wie seinem Glauben. war Montmorency just der Mann, der zwischen die Regentin und ihren Minister in die Mitte treten, ihre Aussöhnung verbürgen und die Privatzwecke Beider dem Besten des Staats unterwerfen konnte. Die Stadt Orleans, von Soldaten angefüllt, wodurch die Guisen ihre Gegner geschreckt und den Reichstag beherrscht hatten, zeigte überall noch Spuren des Kriegs, als der Connetable davor anlangte und sogleich die Wache an den Thoren verabschiedete. »Mein Herr und König,« sagte er, »wird fortan in voller Sicherheit und ohne Leibwache in seinem ganzen Königreich hin- und herwandeln.« – »Fürchten Sie nichts, Sire!« redete er den jungen Monarchen an, ein Knie vor ihm beugend und seine Hand küssend, auf die er Thränen fallen ließ. »Lassen Sie sich von den gegenwärtigen Unruhen nicht in Schrecken setzen. Mein Leben geb' ich hin und alle Ihre guten Unterthanen mit mir, Ihnen die Krone zu erhalten.« – Auch hielt er insofern unverzüglich Wort, daß er die künftige Reichsverwaltung auf einen gesetzmäßigen Fuß setzte und die Grenzen der Gewalt zwischen der Königin Mutter und dem König von Navarra bestimmen half. Der Reichstag von Orleans, in keiner andern Absicht zusammenberufen, als um die Prinzen von Bourbon in die Falle zu locken, und müßig, sobald jene Absicht vereitelt war, wurde jetzt nach dem theatralischen Gepräng einiger unnützen Beratschlagungen aufgehoben, um sich im Mai desselben Jahrs aufs neue zu versammeln. Gerechtfertigt und im vollen Glanze seines vorigen Ansehens erschien der Prinz von Condé wieder am Hof, um über seine Feinde zu triumphieren. Seine Partei erhielt an dem Connetable eine mächtige Verstärkung. Jede Gelegenheit wurde nunmehr hervorgesucht, um die alten Minister zu kränken, und alles schien sich zu ihrem Untergang vereinigen zu wollen. Ja, wenig fehlte, daß die nun herrschende Partei die Regentin nicht in die Nothwendigkeit gesetzt hätte, zwischen Vertreibung der Lothringer und dem Verlust ihrer Regentschaft zu wählen.

Die Staatsklugheit der Königin hielt in diesem Sturme zwar die Guisen noch aufrecht, weil für sie selbst, für die Monarchie, vielleicht auch für die Religion alles zu fürchten war, sobald sie jene durch die Bourbonische Faktion unterdrücken ließ. Aber eine so schwache und wandelbare Stütze konnte die Guisen nicht beruhigen, und noch weniger konnte die untergeordnete Rolle, mit welcher sie jetzt vorlieb nehmen mußten, ihre Ehrsucht befriedigen. Auch hatten sie es nicht an Thätigkeit fehlen lassen, die Protektion der Königin sich künftig entbehrlich zu machen, und der voreilige Triumph ihrer Gegner mußte ihnen selbst dazu helfen, ihre Partei zu verstärken. Der Haß ihrer Feinde, nicht zufrieden, sie vom Ruder der Regierung verdrängt zu haben, streckte nun auch die Hand nach ihren Reichthümern aus und forderte Rechenschaft von den Geschenken und Gnadengeldern, welche die lothringischen Prinzen und ihre Anhänger unter den vorhergehenden Regierungen zu erpressen gewußt hatten. Durch diese Forderung war außer den Guisen noch die Herzogin von Valentinois, der Marschall von St. André, ein Günstling Heinrichs II., und zum Unglück der Connetable selbst angegriffen, welcher sich die Freigebigkeit Heinrichs aufs beste zu Nutze gemacht hatte und noch außerdem durch seinen Sohn mit dem Hause der Herzogin in Verwandtschaft stand. Religionseifer war die einzige Schwäche, und Habsucht das einzige Laster, welches die Tugenden des Montmorency befleckte und wodurch er den hinterlistigen Intriguen der Guisen eine Blöße gab. Die Guisen, mit dem Marschall und der Herzogin durch gemeinschaftliches Interesse verknüpft, benutzten diesen Umstand, um den Connetable zu ihrer Partei zu ziehen, und es gelang ihnen nach Wunsch, indem sie die doppelte Triebfeder des Geizes und des Religionseifers bei ihm in Bewegung setzten. Mit arglistiger Kunst schilderten sie ihm den Angriff der Calvinisten auf ihre Besitzungen als einen Schritt ab, der zum Untergang des katholischen Glaubens abziele, und der bethörte Greis ging um so leichter in diese Schlinge, je mehr ihm die Begünstigungen schon mißfallen hatten, welche die Regentin seit einiger Zeit den Calvinisten öffentlich angedeihen ließ. Zu diesem Betragen der Königin, welches so wenig mit ihrer übrigen Denkungsart übereinstimmte, hatten die Guisen selbst durch ihr verdächtiges Einverständniß mit Philipp II., König von Spanien, die Veranlassung gegeben. Dieser furchtbare Nachbar Frankreichs, dessen unersättliche Herrschsucht und Vergrößerungsbegierde fremde Staaten mit lüsternem Auge verschlang, indem er seine eignen Besitzungen nicht zu behaupten wußte, hatte auf die innern Angelegenheiten dieses Reichs schon längst seine Blicke geheftet, mit Wohlgefallen den Stürmen zugesehen, die es erschütterten, und durch die erkauften Werkzeuge seiner Absichten den Haß der Faktionen voll Arglist unterhalten. Unter dem Titel eines Beschützers despotisierte er Frankreich. Ein spanischer Ambassadeur schrieb in den Mauern von Paris den Katholiken das Betragen vor, welches sie in Absicht ihrer Gegner zu beobachten hatten, verwarf oder billigte ihre Maßregeln, je nachdem sie mit dem Vortheile seines Herrn übereinstimmten, und spielte öffentlich und ohne Scheu den Minister. Die Prinzen von Lothringen hielten sich aufs engste an denselben angeschlossen, und keine wichtige Entschließung wurde von ihnen gefaßt, an welcher der spanische Hof nicht Theil genommen hätte. Sobald die Verbindung der Guisen und des Marschalls von St. André mit Montmorency, welche unter dem Namen des Triumvirats bekannt ist, zu Stande gekommen war, so erkannten sie, wie man ihnen Schuld gibt, den König von Spanien als ihr Oberhaupt, der sie im Nothfall mit einer Armee unterstützen sollte. So erhub sich aus dem Zusammenflusse zweier sonst streitenden Faktionen eine neue furchtbare Macht in dem Königreich, die, von dem ganzen katholischen Theil der Nation unterstützt, das Gleichgewicht in Gefahr setzte, welches zwischen beiden Religionsparteien hervorzubringen Katharina so bemüht gewesen war. Sie nahm daher auch jetzt zu ihrem gewöhnlichen Mittel, zu Unterhandlungen, ihre Zuflucht, um die getrennten Gemüther wenigstens in der Abhängigkeit von ihr selbst zu erhalten. Zu allen Streitigkeiten der Parteien mußte die Religion gewöhnlich den Namen geben, weil diese allein es war, was die Katholiken des Königreichs an die Guisen und die Reformierten an die Bourbons fesselte. Die Ueberlegenheit, welche das Triumvirat zu erlangen schien, bedrohte den reformierten Theil mit einer neuen Unterdrückung, die Widersetzlichkeit des letztern das ganze Königreich mit einem innerlichen Krieg, und einzelne kleine Gefechte zwischen beiden Religionsparteien, einzelne Empörungen in der Hauptstadt, wie in mehrern Provinzen, waren schon Vorläufer desselben. Katharina that alles, um die ausbrechende Flamme zu ersticken, und es gelang endlich ihren fortgesetzten Bemühungen, ein Edikt zu Stande zu bringen, welches die Reformierten zwar von der Furcht befreite, ihre Ueberzeugungen mit dem Tode zu büßen, aber ihnen nichtsdestoweniger jede Ausübung ihres Gottesdienstes und besonders die Versammlungen untersagte, um welche sie so dringend gebeten hatten. Dadurch ward freilich für die reformierte Partei nur sehr wenig gewonnen, aber doch fürs erste der gefährliche Ausbruch ihrer Verzweiflung gehemmt und zwischen den Häuptern der Parteien am Hofe eine scheinbare Versöhnung vorbereitet, welche freilich bewies, wie wenig das Schicksal ihrer Glaubensgenossen, welches sie doch beständig im Munde führten, den Anführern der Hugenotten wirklich zu Herzen ging. Die meiste Mühe kostete die Ausgleichung, welche zwischen dem Prinzen von Condé und dem Herzog von Guise unternommen ward, und der König selbst wurde angewiesen, sich ins Mittel zu schlagen. Nachdem man zuvor über Worte, Geberden und Handlungen übereingekommen war, wurde diese Komödie im Beisein des Monarchen eröffnet. »Erzählt uns,« sagte dieser zum Herzog von Guise, »wie es in Orleans eigentlich zugegangen ist?« Und nun machte der Herzog von dem damaligen Verfahren gegen den Prinzen eine solche künstliche Schilderung, welche ihn selbst von jedem Antheil daran reinigte und alle Schuld auf den verstorbnen König wälzte. –»Wer es auch sei, der mir diese Beschimpfung zufügte,« antwortete Condé, gegen den Herzog gewendet, »so erkläre ich ihn für einen Frevler und einen Niederträchtigen.« – »Ich auch,« erwiederte der Herzog; »aber mich trifft das nicht.«

Die Regentschaft der Königin Katharina war die Periode der Unterhandlungen. Was diese nicht ausrichteten, sollte der Reichstag zu Pontoise und das Colloquium zu Poissy zu Stande bringen, beide in der Absicht gehalten, um sowohl die politischen Beschwerden der Nation beizulegen, als eine wechselseitige Annäherung der Religionen zu versuchen. Der Reichstag zu Pontoise war nur die Fortsetzung dessen, der zu Orleans ohne Wirkung gewesen und auf den Mai dieses Jahrs 1561 ausgesetzt worden war. Auch dieser Reichstag ist bloß durch einen heftigen Angriff der Stände auf die Geistlichkeit merkwürdig, welche sich zu einem freiwilligen Geschenke ( don gratuit) entschloß, um nicht zwei Drittheile ihrer Güter zu verlieren.

Das gütliche Religionsgespräch, welches zu Poissy, einem kleinen Städtchen ohnweit St. Germain, zwischen den Lehrern der drei Kirchen gehalten wurde, erregte eben so vergebliche Erwartungen. In Frankreich sowohl als in Deutschland hatte man schon längst, um die Spaltungen in der Kirche beizulegen, ein allgemeines Concilium gefordert, welches sich mit Abstellung der Mißbräuche, mit der Sittenverbesserung des Klerus und mit Festsetzung der bestrittenen Dogmen beschäftigen sollte. Diese Kirchenversammlung war auch wirklich im Jahr 1542 nach Trient zusammenberufen und mehrere Jahre fortgesetzt, aber, ohne die Hoffnung, welche man von ihr geschöpft hatte, zu erfüllen, durch die Kriegsunruhen in Deutschland im Jahre 1552 auseinander gescheucht worden. Seit dieser Zeit war kein Papst mehr zu bewegen gewesen, sie, dem allgemeinen Wunsch gemäß, zu erneuern, bis endlich das Uebermaß des Elendes, welches die fortdauernden Irrungen in der Religion auf die Völker Europens häuften, Frankreich besonders vermochte, nachdrücklich darauf zu dringen und die Wiederherstellung desselben dem Papst Pius IV. durch Drohungen abzunöthigen. Die Zögerungen des Papstes hatten indessen dem französischen Ministerium den Gedanken eingegeben, durch eine gütliche Besprechung zwischen den Lehrern der drei Religionen über die bestrittenen Punkte die Gemüther einander näher zubringen und in Widerlegung der ketzerischen Behauptungen die Kraft der Wahrheit zu zeigen. Eine Hauptabsicht dabei war, die große Verschiedenheit bei dieser Gelegenheit an den Tag zu bringen, welche zwischen dem Lutherthum und Calvinismus obwaltete, und dadurch den Anhängern des letztern den Schutz der deutschen Lutheraner zu entreißen, durch den sie so furchtbar waren. Diesem Beweggrunde vorzüglich schreibt man es zu, daß sich der Cardinal von Lothringen mit dem größten Nachdruck des Colloquiums annahm, bei welchem er zugleich durch seine theologische Wissenschaft und seine Beredsamkeit schimmern wollte. Um den Triumph der wahren Kirche über die falsche desto glänzender zu machen, sollten die Sitzungen öffentlich vor sich gehen. Die Regentin erschien selbst mit ihrem Sohne, mit den Prinzen des Geblüts, den Staatsministern und allen großen Bedienten der Krone, um die Sitzung zu eröffnen. Fünf Cardinäle, vierzig Bischöfe, mehrere Doktoren, unter welchen Claude D. Espensa durch seine Gelehrsamkeit und Scharfsinn hervorragte, stellten sich für die römische Kirche; zwölf auserlesene Theologen führten das Wort für die protestantische. Der ausgezeichnetste unter diesen war Theodor Beza, Prediger aus Genf, ein eben so feiner als feuriger Kopf, ein mächtiger Redner, furchtbarer Dialektiker und der geschickteste Kämpfer in diesem Streite.

Aufgefordert, die Lehrsätze seiner Partei zuerst vorzutragen, erhub sich Beza in der Mitte des Saals, kniete hier nieder und sprach mit aufgehobnen Händen ein Gebet. Auf dieses ließ er sein Glaubensbekenntniß folgen, mit allen Gründen unterstützt, welche die Kürze der Zeit ihm erlaubte, und endigte mit einem rührenden Blick auf die strenge Begegnung, welche man seinen Glaubensbrüdern bis jetzt in dem Königreich widerfahren ließ. Schweigend hörte man ihm zu; nur als er auf die Gegenwart des Leibes Christ im Abendmahl zu reden kam, entstand ein unwilliges Gemurmel in der Versammlung. Nachdem Beza geendigt, fragte man bei einander erst herum, ob man ihn einer Antwort würdigen sollte, und es kostete dem Cardinal von Lothringen nicht wenig Mühe, die Einwilligung der Bischöfe dazu zu erlangen. Endlich trat er auf und widerlegte in einer Rede voll Kunst und Beredsamkeit die wichtigsten Lehrsätze seines Gegners, diejenigen besonders, wodurch die Autorität der Kirche und die katholische Lehre vom Abendmahl angegriffen war. Man hatte es schon bereut, den jungen König zum Zeugen einer Unterredung gemacht zu haben, wobei die heiligsten Artikel der Kirche mit so viel Freiheit behandelt wurden. Sobald daher der Cardinal seinen Vortrag geendigt hatte, standen alle Bischöfe auf, umringten den König und riefen: »Sire, das ist der wahre Glaube! das ist die reine Lehre der Kirche! Diese sind wir bereit mit unserm Blute zu versiegeln.«

In den darauf folgenden Sitzungen, von denen man aber rathsamer gefunden den König wegzulassen, wurden die übrigen Streitpunkte der Reihe nach vorgenommen und die Artikel vom Abendmahl besonders in Bewegung gebracht, um dem Genfischen Prediger seine eigentliche und positive Meinung davon zu entreißen. Da das Dogma der Lutheraner über diesen Punkt sich von dem der Reformierten bekanntlich noch weiter als von der Lehrmeinung der katholischen Kirche entfernt, so hoffte man, jene beiden Kirchen dadurch mit einander in Streit zu bringen. Aber nun wurde aus einem ernsthaften Gespräche, welches Ueberzeugung zum Zweck haben sollte, ein spitzfindiges Wortgefechte, wobei man sich mehr der Schlingen und Fechterkünste als der Waffen der Vernunft bediente. Ein engerer Ausschuß von fünf Doktoren auf jeder Seite, dem man zuletzt die Vollendung der ganzen Streitigkeit übergab, ließ sie eben so unentschieden, und jeder Theil erklärte sich, als man auseinander ging, für den Sieger.

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