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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Constantinische Kirchen. Die Lateranische Basilika. Die älteste Kirche des St. Petrus

Dem Kaiser Constantin schreibt die Tradition die Gründung folgender Basiliken in Rom zu: St. Johann im Lateran, St. Peter im Vatikan. St. Paul vor den Mauern, Santa Croce in Jerusalem, St. Agnes vor dem Nomentanischen Tor, St. Laurentius vor den Mauern und St. Marcellinus und Petrus vor der Porta Maggiore; aber geschichtlich läßt sich über seine Bauten nichts ermitteln, und vielleicht verdankt ihm nur die Basilika St. Johann wirklich ihre Entstehung.

Seine Gemahlin Fausta besaß die Häuser der Familie Lateranus, eines alten römischen Geschlechts, dessen Name nicht durch Taten, sondern durch den Besitz eines umfangreichen Palasts unsterblich geworden ist. Die Aedes Laterani waren, ungewiß in welcher Zeit, ein Eigentum der Kaiser geworden. Constantin soll denjenigen Teil derselben, welcher Domus Faustae hieß, dem römischen Bischof zur Wohnung gegeben haben, und die Nachfolger des Papsts Silvester residierten darin fast tausend Jahre lang. Neben diesen Lateranischen Palästen stand die alte Basilika, welche Constantin erbauen ließ; wohl schon deshalb ein nicht großes Gebäude, eher mit drei als mit fünf Schiffen, deren Säulen heidnischen Tempeln entrissen waren. Doch von dem constantinischen Bau haben wir keine Anschauung mehr; nur vom Neubau unter Sergius III. im Anfange des X. Jahrhunderts ist eine einigermaßen deutliche Schilderung auf uns gekommen. Die Basilika war Christus unter dem Titel Salvator geweiht, und erst nach dem VI. Jahrhundert erhielt sie den Namen St. Johannis des Täufers. Man nannte sie auch die »Constantinische Basilika« von ihrem Gründer, und Basilica aurea von dem reichen Schmuck, der sie verzierte. Das Buch der Päpste führt die zahlreichen Geschenke auf, welche Constantin dort gestiftet haben soll: goldene und silberne Gebilde von schwerem Gewicht, Schalen, Vasen, Kandelaber und anderes, mit Prasinen und Hyazinthen geziertes Geschirr; doch offenbar trug der Schreiber des Lebens Silvesters alles in das Verzeichnis ein, was sich an Schätzen in folgenden Jahrhunderten dort aufgehäuft hatte. Die Basilika Constantins behauptete als Mutterkirche der Christenheit, Omnium Urbis et Orbis Ecclesiarum Mater et Caput, ihren Rang vor allen übrigen Kirchen der Welt, ja sie erhob den Anspruch, daß die Heiligkeit des Tempels in Jerusalem auf sie selbst übergegangen sei, weil die Bundeslade der Juden unter ihrem Altar verwahrt werde. Aber diese bischöfliche Kirche, mit deren feierlicher Besitznahme jeder Papst seine Regierung einleitet, wurde von dem Dom des Apostelfürsten Petrus in Schatten gestellt.

Es ist völlig unbekannt, unter welchem Papst und Kaiser die Basilika des heiligen Petrus gegründet worden ist; nur die übereinstimmende Tradition und alle in den Akten der Kirche und sonst bei den ältesten Schriftstellern niedergelegten Nachrichten nötigen zur Annahme, daß sie zur Zeit Constantins entstanden ist. Das Buch der Päpste sagt, dieser Kaiser habe sie auf Bitten des Bischofs Silvester im Tempel des Apollo errichtet und die Leiche des Apostels in einen unbeweglichen Sarg von zyprischem Erz eingeschlossen. Der vatikanische Apollotempel ist freilich nur der Legende bekannt; doch haben Ausgrabungen dargetan, daß die Kirche St. Peters in den ehemaligen Gärten der Agrippina neben einem Heiligtum der Kybele gegründet wurde, deren Kultus sich am längsten in Rom erhielt und noch fortdauerte, nachdem der Kaiser Theoderich bereits am Grab des Apostels gebetet hatte. Die Legende erzählt, daß Constantin selbst den Spaten in die Hand genommen, um den ersten Stich beim Graben der Fundamente zu tun, und daß er zu Ehren der zwölf Apostel zwölf Körbe voll Erde herbeigetragen habe. Ob der Circus des Caligula schon vorher zerstört war oder erst während des Baues zerstört wurde, wissen wir nicht. Die Basilika wurde auf einer Seite desselben und aus seinem Material errichtet. Man wählte dieses Lokal für die Kirche des Apostelfürsten, weil derselbe der Tradition nach in jenem Circus gekreuzigt worden war; auch heiligten den Ort für die Christen die Martern der Bekenner zur Zeit Neros.

Die ursprüngliche Gestalt der Basilika hat sich lange erhalten. Sie wurde im Mittelalter zwar durch Neubauten erweitert, doch nicht von Grund aus umgebaut; denn erst Julius II. tat dies im Anfange des XVI. Jahrhunderts. Die alte Kirche war über 500 Palm lang und 170 Palm hoch; sie hatte fünf Schiffe und ein Querschiff und endete in einer halbrunden Tribune oder Apsis. Vor ihrem Eingange lag ein 255 Palm langes und gegen 250 Palm breites Atrium oder Paradisus, welches innen von Säulenhallen umgeben war. Eine breite Marmortreppe führte zum Atrium empor. Auf ihrer Plattform war es, wo die späten Nachfolger St. Peters die Nachfolger Constantins empfingen, wenn sie am Grabe des Apostels zu beten oder aus den Händen des Papstes die Kaiserkrone zu nehmen kamen.

Die große Kirche war in Eile aufgeführt worden und die Technik des Baues schlecht und schon barbarisch. Die rohe Fassade, die Apsis, die Außenmauern wurden aus zusammengerafftem Material errichtet, die Architrave, welche im Innern auf den Säulen lagen, aus alten Fragmenten zusammengesetzt; die antiken Säulen selbst, 96 an Zahl, aus Marmor oder Granit, hatten ungleiche Kapitelle und Basen. Zu Schwellen mußten Marmorplatten aus dem Circus dienen, worauf man noch Reste ursprünglicher Inschriften oder heidnische Skulpturen sah. Man muß erstaunen, schon in der ältesten Basilika des St. Peter denselben Charakter ausgedrückt zu finden, der noch heute so vielen Kirchen Roms eigen ist, in denen das Heidentum in vielen Fragmenten und Flickwerken antiken Marmors als Raub wieder erscheint. Der innere Raum, wohin man durch fünf Türen in die fünf Schiffe trat, war groß und von mächtigen Verhältnissen. Aus nicht großen Bogenfenstern fiel das Licht in das erhöhte, säulenreiche Hauptschiff, dessen Dach ein rohes Sparrenwerk zeigte; der Fußboden war aus antiken Marmorstücken zusammengesetzt; die hohen, nackten Wände verzierte anfangs kein musivischer Schmuck. Ein Bogen von mächtiger Spannung schloß das Hauptschiff und erinnerte durch Mosaiken daran, daß an die Stelle der Triumphbogen der Kaiser jene der Heiligen getreten seien, welche die blutigen Schlachten des Glaubens geschlagen hatten. Hier ruhte der andachtsvolle Blick des Christen auf dem Hauptaltar über der Konfession oder dem Apostelgrabe. Die Leiche selbst lag in einer Gruftkammer zwischen ewigen Lampen in jenem vergoldeten Bronzesarge, in welchen sie Constantin sollte eingeschlossen haben. Der Lebensbeschreiber Silvesters im Buch der Päpste macht die für den Bau wichtige Mitteilung, daß über dem Sarge ein massives Kreuz von Gold, so lang wie dieser selbst, aufgerichtet war, worauf die in Niello eingelegten Worte standen:

»Constantinus der Kaiser, und Helena die Kaiserin.«
»Dieses königliche Haus umgibt eine Halle, die von gleichem Glanze funkelt.«

Der Prospekt des Hauptschiffes endigte mit der Apsis oder halbrunden Tribune, einer Nachahmung jener Nische in den bürgerlichen Basiliken Roms, worin sich der Stuhl des Prätors und die Sitze der Richter befanden. Die Tribune der Peterskirche zierten symbolische Mosaiken, Constantin darstellend, welcher dem Heiland und St. Petrus das Abbild der Kirche zeigte. Es waren uralte Verse, die man darunter noch am Ende des Mittelalters las:

Quod duce te mundus surrexit in astra triumphans,
    Hanc Constantinus Victor tibi condidit aulam.

Im Atrium des St. Peter befand sich der Taufbrunnen oder Cantharus; das Wasser floß aus einem ehernen Pinienzapfen in das Becken nieder; ein eherner Baldachin, auf Säulen ruhend, mit Pfauen von vergoldetem Erz geschmückt, erhob sich über dem Brunnen.

St. Paulinus hat das Aussehen der Basilika zur Zeit des Honorius mit einigen Strichen gezeichnet. Der berühmte Bischof von Nola aus dem Geschlecht der Anicier, ein talentvoller Dichter wie Prudentius, opferte den heidnischen Kunstgeschmack, in welchem er noch erzogen worden war, der aufrichtigen Begeisterung des Christen. Er war bei der Armenspeisung zugegen, mit welcher der reiche Senator Alethius im Paradies der Basilika die Leichenfeier seines Weibes Rufina nach der etwas geräuschvollen Sitte jener Zeit beging, und schilderte hierauf diesem den Eindruck, den die Kirche bei jener Gelegenheit auf ihn gemacht hatte, mit folgenden Worten: »Mit welcher Freude hast du den Apostel selbst erfüllt, als du seine ganze Basilika mit dichten Scharen von Armen erfülltest, sei es dort, wo sie sich unter der hohen Decke des Mittelschiffs weit und lang ausdehnt und aus der Ferne vom Apostolischen Stuhl her die Augen der Eintretenden mit ihrem Glanze blendet und ihre Herzen erfreut, oder dort, wo sie unter derselben Last der Dächer von beiden Seiten in doppelten Säulenhallen die Arme ausbreitet; oder wo sie vom vorliegenden Atrium prachtvoll in eine Vorhalle übergeht, und der Brunnen, welcher Hand und Mund dienstbares Wasser spendet, mit einer Kuppel aus gediegenem Erz geziert und beschattet wird, während sie nicht ohne mystische Bedeutung den springenden Quell mit vier Säulen umschließt. Denn dem Eingang in die Kirche ziemt ein solcher Schmuck, damit dasjenige, was drinnen mit heilsamem Mysterium vollzogen wird, schon vor den Pforten durch ein in die Augen fallendes Werk bezeichnet werde.«

Der Bischof Damasus schmückte den Cantharus aus und erbaute in der Basilika ein Baptisterium; an diesem stellte er die Cathedra auf, welche eine alte Tradition schon seit dem II. Jahrhundert für den wirklichen Stuhl und Sitz Petri erklärt hat. Dieser merkwürdige Sessel, der älteste Thron der Welt, auf dem erst unscheinbare Bischöfe, dann mächtige, Länder und Völker beherrschende Päpste gesessen haben, dauert noch fort. Alexander VII. ließ ihn im XVII. Jahrhundert in den bronzenen Stuhl einschließen, welchen die ehernen Gestalten der vier Doktoren der Kirche in der Tribune des Domes tragen. Beim Zentenarium des Apostels im Juni 1867 wurde er zum erstenmal nach zweihundert Jahren aus seiner Umhüllung befreit und in einer Kapelle öffentlich ausgestellt. Er ist in Wirklichkeit ein uralter Tragsessel ( sella gestatoria) aus jetzt morsch gewordenem Eichenholz, woran später Ergänzungen aus Akazienholz gemacht worden sind. Seine vordere Seite verzieren elfenbeinerne Leisten mit arabeskenartigen kleinen Figuren, Kämpfe von Tieren, Zentauren und Menschen darstellend, und eine Reihe von Elfenbeintafeln, welche die eingravierten Arbeiten des Herkules zeigen – ein passendes Symbol für die herkulische Arbeit des älteren Papsttums in der Weltgeschichte. Diese antiken Tafeln gehörten nicht ursprünglich zum Stuhle, sondern wurden daran offenbar später als Verzierung angebracht; einige sind sogar verkehrt aufgeheftet. Ohne Zweifel stammt diese berühmte Cathedra, wenn auch nicht aus der apostolischen Zeit, so doch aus einem sehr hohen Altertum. Daß sie die sella curulis des Senators Pudens gewesen sei, ist nur eine müßige Fabel.

Im Mittelalter umgab man den St. Peter mit einem Kranz von Kapellen, Kirchen und Klöstern, von Wohnungen des Klerus und Pilgerhäusern, so daß der Vatikan zu einer heiligen Stadt der Christenheit anwuchs; doch zur Zeit des Honorius sah man nur wenige Nebengebäude an der Basilika. Das älteste war das an die Tribune gebaute Templum Probi, die Grabkapelle des berühmten anicischen Senatorengeschlechts, welches in Rom früher als andere das Christentum angenommen hatte.

Diese Familie glänzte seit Constantin und erfüllte vor allen anderen senatorischen Geschlechtern gerade die letzten Zeiten des römischen Kaiserreichs so sehr mit ihrem Ruhm, daß selbst noch im späten Mittelalter der Name der Anicier einen legendären Kultus in der Stadt behauptete. Sie waren es ganz besonders, welche auf die christliche Metamorphose Roms den größten Einfluß ausübten. Im Besitz der ausgedehntesten Latifundien in Italien und vielen andern Provinzen des Reichs, bekleideten die Anicier mehr als zwei Jahrhunderte lang die höchsten Staatsämter. Sie verzweigten sich in vielen Familien, wie der Amnii, Auchenii, Pincii, Petronii. Die Maximi, Fausti, Boëthii, die Probi, Bassi und Olybrii waren alle Anicier. Im IV. Jahrhundert war das Haupt dieser Familiendynastie Sextus Anicius Petronius Probus, ein Mann von unermeßlichem Reichtum und mit öffentlichen Ehren überhäuft, im Jahre 371 Konsul neben dem Kaiser Gratian und viermal Präfekt, der letzte große Mäzen Roms. Sowohl er als seine geistvolle Gemahlin Faltonia Proba bekannten sich zum Christentum, welches Probus, ein Freund des Bischofs Ambrosius, kurz vor seinem Tode durch die Taufe annahm.

Seine Familie setzte den Leichnam des großen Senators in jener zuvor von ihm selbst erbauten Kapelle, dem Templum Probi, bei, in einem Sarkophag, welcher noch heute erhalten ist, wie sich auch der ältere und schönere Sarkophag des Junius Bassus vom Jahre 358 erhalten hat.

Auch die kaiserliche Familie errichtete sich ihr Mausoleum neben dem St. Peter. Wahrscheinlich baute es Honorius selbst; er ließ dort seine beiden Frauen, Maria und Thermantia, die Töchter Stilichos, bestatten, Das Mausoleum verschwand; aber in später Zeit entdeckte man noch den Sarkophag und die Reste der Kaiserin Maria.

Dies ist im allgemeinen das Bild der alten Basilika St. Peters zur Zeit des Honorius: ein großes, langgestrecktes Gebäude von Ziegelmauern, mit einem das Kreuz tragenden Giebel über dem klosterartigen, auf Säulen ruhenden Vorhof. Die heidnischen Römer, welche diesen unschönen Bau betrachteten, mochten seiner spotten, weil dort in einem goldenen Gemach die Leiche eines jüdischen Fischers verehrt wurde; sie blickten dann auf das nahe Mausoleum des Kaisers Hadrian, welches als eine prachtvolle Rotunde von zwei Säulenaufsätzen über einem mit Statuen geschmückten Würfel von Marmor ruhte und auf diese fremdartige Grabkirche verächtlich herabzusehen schien. Der Circus daneben war zerstört; seine Trümmer boten den Anblick eines wüsten Steinbruches dar; und noch ragte von der zerbrochenen Spina neben der christlichen Kirche der große Obelisk Caligulas empor. Das Aussehen des Aposteldoms mußte daher befremdend genug sein: doch er wird dem Christen als Symbol des Sieges seiner Religion erschienen sein, welche sich auf den Trümmern des zerstörten Heidentums triumphierend hatte niederlassen dürfen. Und schon zur Zeit des älteren Theodosius wallfahrteten zum St. Peter Scharen von Pilgern, zumal am Feste des Apostels im Juni, welches auch das Fest St. Pauls war; wie noch heute, nahmen sie ihren Weg über die Brücke Hadrians, die mehr als andere Brücken der Welt Wanderzüge von Völkern getragen hat. Kaum aber ging ein Jahrhundert vorüber, so sanken die Prachtgebäude des heidnischen Rom in Vergessenheit, und die Enkel jener Römer, welche mit Haß und Verachtung die entstehende Basilika betrachtet hatten, klommen auf Knien ihre Stufen empor, um sich am goldschimmernden Grabe jenes galiläischen Fischers niederzuwerfen, welcher in dem neuen Kapitole Roms, dem Vatikan, gewaltiger als der antike Jupiter über die Welt zu herrschen begann.

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