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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Umwandlung Roms durch das Christentum. Die sieben kirchlichen Regionen. Älteste Kirchen vor Constantin. Die architektonische Form der Kirchen.

Während das Christentum seine Wurzeln immer tiefer in das kaiserliche Rom trieb und dieses mit seinen Mysterien umspann, um an ihm eine Metamorphose zu vollziehen, welche zu den außerordentlichsten Erscheinungen der Weltgeschichte gehört, wirkte es mit dreifacher Kraft auf die Gestalt der Stadt: zerstörend, schaffend und umbildend. Alle drei Wirkungen können im allgemeinen nebeneinander tätig gedacht werden. Aber sobald ein neues Prinzip in ein altes System als Keim hineingepflanzt wird, verlangt das Gesetz des Lebens, daß jenes erst seine eigenen Formen erzeuge, ehe das alte zerstört oder verwandelt wird. Es ist eine wichtige Tatsache, daß die christliche Kirche schon in der ersten Periode ihres Bestehens die Stadt Rom gleichsam in Besitz genommen hat, indem sie dieselbe, unabhängig von den vierzehn bürgerlichen Regionen, in ihr eigenes Verwaltungssystem von sieben geistlichen Regionen einteilte. Dies sollen die Sprengel für die Notare oder Aufschreiber der Märtyrergeschichten und die sieben Diakonen oder Wächter der Kirchenlehre oder Kirchenzucht gewesen sein. Diese Anordnung wird schon Clemens, dem vierten römischen Bischof unter Domitian, zugeschrieben: die Zuweisung der Sprengel an die Diakonen soll zur Zeit Trajans der sechste Bischof Evaristus gemacht und auch die Titel, d. h. die Pfarrkirchen der Stadt, den Presbytern verteilt haben.

Die Zahl jener geistlichen Regionen hat man entweder mit den kaiserlichen als Zusammenfassung von je zweien derselben oder mit der gleichen Anzahl der Wächterkohorten in Verbindung gebracht und ihre Grenzen vergebens wieder herzustellen versucht. Nach den neuesten Forschungen ergibt sich folgendes: die I. geistliche Region umfaßte die I., XII. und XIII. bürgerliche (Porta Capena, Piscina Publica und Aventinus); die II. begriff ungefähr die II. und VIII. bürgerliche (Coelimontium und Forum Romanum); die III. die bürgerlichen Regionen III. und V. (Isis und Serapis und Esquiliae); die IV. umfaßte die VI. und vielleicht die IV. bürgerliche (Alta Semita und Templum Pacis); die V. entsprach etwa der VII. bürgerlichen (Via Lata) und einem Teile der IX. (Circus Flaminius); die VI. umfaßte diese IX. Region bis zum Vatikan hin; die VII. endlich war gleich der XIV. bürgerlichen (Trastevere). Diese alte geistliche Einteilung Roms erhielt sich zu kirchlichem Gebrauch neben der bürgerlichen bis ins XI. Jahrhundert.

Nicht minder unvollständig sind wir über die ältesten Kirchen Roms aufgeklärt, welche jene Regionen des Bischofs Clemens voraussetzen. Zur Zeit des Honorius, am Anfange des V. Jahrhunderts, gab es hier schon viele ansehnliche Kirchen. Einige waren schon vor Constantin eingerichtet, andere während der Regierung dieses Kaisers gegründet, nicht wenige von den Bischöfen unter seinen Nachfolgern mit völliger Freiheit in der Wahl des Ortes aufgebaut worden. Denn die ältesten Christentempel hatte man zuerst und selbst noch zur Zeit Constantins nur an den Endpunkten Roms errichtet, weil sie fast durchaus Grab- oder Katakombenkirchen gewesen waren. In dem eigentlichen Zentrum Roms, wo die Regionen IV. Templum Pacis, VIII. Forum Romanum, X. Palatinus und XI. Circus Maximus lagen, wurden zuerst keine Kirchen errichtet. Erst nach und nach drang der neue Kultus auch ins Herz der heidnischen Stadt; christliche Kirchen entstanden neben den Tempeln der alten Götter und bald auch in ihnen selbst.

Die Überlieferung bezeichnet als die erste Kirche Roms die Basilika der Pudentiana. Der Apostel Petrus soll, wie die Legende erzählt, auf dem Esquilin am Vicus Patricius, im Palast des Senators Pudens und seines Weibes Priscilla gewohnt und dort ein Bethaus errichtet haben. Novatus und Timotheus, die Söhne jenes Pudens, welchen St. Paul in seinen Briefen mit Namen genannt hat, besaßen daselbst Bäder; und hier soll der Bischof Pius I. (um 143) auf Bitten der Jungfrau Praxedis eine Kirche gegründet haben. In der vorconstantinischen Zeit, während der Verfolgungen, hatten die Christen keine öffentlichen Kirchen gehabt, sondern nur Versammlungslokale in Häusern, welche Privatpersonen, ihre Besitzer, dazu hergaben. Seit dem constantinischen Edikt der Kultusfreiheit wurden diese alten Bethäuser Kirchen: sie behielten dann den Namen des frommen Eigentümers, der sie gestiftet hatte, und manche tragen ihn noch heute. Die St. Pudentiana ist die erste aller Kirchen Roms, die der Liber Pontificalis verzeichnet hat. Ihre Tribune bewahrt noch alte Mosaiken, welche Christus zwischen den zwölf Aposteln und den beiden Töchtern des Pudens, Praxedis und Pudentiana, darstellen. Diese zweifellos trefflichsten aller Mosaiken Roms von wahrhaft schönem und reinem Stil wurden unter dem Papste Siricius (384 bis 389) begonnen und von Innocentius I. (402–417) vollendet; aber sie haben eine mehrmalige Überarbeitung erlitten und dadurch ihre Ursprünglichkeit eingebüßt. Mit dieser Kirche vereinigte sich die des heiligen Pastor, eines Bruders Pius' I.

Dem Bischof Calixt I. (217–222), von welchem die berühmten Katakomben den Namen führen, wird die erste Anlage der Basilika S. Maria in Trastevere, doch ohne Grund, zugeschrieben; seinem Nachfolger der Bau der Kirche S. Cecilia. Im Anfange des IV. Jahrhunderts sollen die ältesten aventinischen Kirchen St. Alexius und St. Prisca erbaut worden sein. Doch alle diese vorconstantinischen Basiliken sind zweifelhaft.

Erst nachdem Constantin den Christen die völlige Freiheit des Kultus gegeben hatte, erhoben sich in Rom größere und zum Teil prächtige Basiliken. Ihre architektonische Form, lange vorher, wie der Kultus der Kirche, in den Katakomben ausgebildet, erschien als ein wesentlich Fertiges und blieb auch für die folgenden Jahrhunderte Grundgesetz. Der Römer, der in seinen prachtvollen Säulentempeln noch den Göttern Opfer brachte, konnte mit spöttischer Verachtung jene Tempel des Christengotts betrachten, welche ihre Säulen gleich einem Raube innerhalb des Gebäudes verbargen und die Tempelfront selbst hinter einem ummauerten Vorhof versteckten, in dessen Mitte sich ein Cantharus oder Wasserbrunnen befand. Zu jener Zeit erlosch die Kraft der bildenden Kunst wie die Poesie und Wissenschaft des Altertums. Ihren Untergang beweist noch in Rom der Grenzstein zweier Kulturepochen, der Triumphbogen Constantins, welchen der römische Senat mit Skulpturen schmücken ließ, die er einem dem Trajan geweihten Ehrenbogen raubte. Weil aber diese nicht ausreichten, wurden die lebenden Künstler, denen man die selbständige Ausführung einiger Reliefs überlassen mußte, zu dem Geständnis verurteilt, daß die Ideale der Vorfahren schon hingeschwunden und die Zeiten der Barbarei angebrochen seien. Der Triumphbogen Constantins wurde der Leichenstein der Künste Griechenlands und Roms.

Die Malerei teilte das Schicksal der Bildhauerkunst im allgemeinen, doch im besondern war sie glücklicher. Erschöpft in ihren Motiven, die sich ausgelebt hatten, schien sie dem Kaiser Constantin nach Byzanz zu folgen und fügsam in den Dienst des Christentums zu treten. Sie verließ in Rom seit dem V. Jahrhundert das heitere Ideal der Alten, welches noch in den Katakomben als anmutige Ornamentik wieder erschienen war, und unterstützt durch eine aus der Kaiserzeit ererbte Technik, wandte sie sich dem Musive zu. Die Mosaik ist wesentlich die Kunst des Verfalls, die goldprangende Blume der Barbarei; ihr Charakter stimmt zu der Zeit hierarchischer Despotie, wo nach dem Verlust der freien Institutionen ein in Goldbrokat gehülltes Beamtentum Staat und Kirche durchdrang. Jedoch nicht minder den tiefen, mystischen Ernst, die schauerliche Einsamkeit religiöser Leidenschaften und ihre fanatische Energie mitten in Jahrhunderten, wo das Licht der Wissenschaft erstorben war, drückt die Mosaik überraschend kräftig aus.

Auf gleiche Weise hatte sich die Architektur der Alten ausgelebt. In dieser Kunst vermochte sich einst das große Wesen der Römer am originellsten auszusprechen, bis mit dem Falle des politischen Lebens auch ihre Tätigkeit erstarb. Ihre letzten bedeutenden Werke in Rom waren die Sonnentempel und die Mauern Aurelians, die Bäder des Diokletian, der Circus des Maxentius, die Basilica Nova und die Thermen Constantins. Seither wurde in Rom nichts mehr im römischen Sinne gebaut. Mit den innern idealen Trieben, welche der Architektur Schwung und Stärke verleihen, verlor auch das Handwerk oder die Technik die alte Gediegenheit. Indem nun die Baukunst, an der Grenze der antiken Kultur angelangt, deren Ideen zu verlassen hatte und gezwungen war, statt Tempel Kirchen zu errichten, fand sie sich in einer seltsamen Verlegenheit. Alles Heidnische mußte sie verabscheuen, die vollkommenen Formen der Alten mußte sie unterwerfen, und so entlehnte sie die Gestalt der Kirchen mit gutem Instinkt von den durchaus bürgerlichen Gerichtshallen oder Basiliken, welche der Gliederung und dem liturgischen Bedürfnisse der Christengemeinde entsprachen; zugleich aber wurde die architektonische Anlage der Grabkapellen in den Katakomben auf diese Kirchen übertragen. So schuf man Bauten, für welche das rohe wie das durchbildete Material von heidnischen Monumenten geraubt wurde; man nahm wesentlich antike Grundzüge wie das Säulenhaus auf, aber durchdrang sie mit dem primitiven Geist des neuen Glaubens. Der Reiz dieses architektonischen Charakters bestand in der anspruchslosen, doch feierlichen Einfachheit eines harmonisch zusammengedachten Ganzen, welchem musivischer Schmuck und die Anwendung der antiken Säule Anmut gaben. Die Kirchen erfuhren indes immerfort Zusätze und Veränderungen, was die mathematische Vollendung bei den alten Tempeln nicht gestattet hatte. Sie erweiterten sich mit dem Kultus; sie wurden durch einen religiösen Anbau von Kapellen und Oratorien und durch die wachsende Menge von Altären und selbst von Gräbern so sehr entstellt, daß man sie gleichsam wieder in Katakomben verwandelte. Wir werden im Verlauf dieser Geschichte keine Basilika in Rom finden, die nicht mehrmals verwandelt worden wäre.

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