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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Sisinnius Papst 707. Constantinus Papst im Jahre 708. Bestrafung Ravennas. Der Papst reist nach dem Orient. Hinrichtungen in Rom. Aufstand Ravennas unter Georg. Erste Städtekonföderation Italiens. Philippicus Bardanes Kaiser 711. Die Römer verwerfen ihn. Der Dukat und Dux von Rom. Bürgerkrieg in Rom. Der Cäsarenpalast. Anastasius II. Kaiser 713. Tod Constantins 715.

Sisinnius, ein Syrer, folgte auf Johann im Pontifikat, doch nur für 20 Tage. Der Tod verhinderte ihn an der Ausführung des rühmlichen Plans, die Stadtmauern herzustellen, welche in tiefem Verfalle waren.

Sein Nachfolger Constantin, gleichfalls von syrischer Nation, ein gewandter und kräftiger Mann, wurde am 25. März 708 ordiniert. Wichtige Ereignisse zeichneten seinen siebenjährigen Pontifikat aus. Zunächst brach im Jahre 709 ein schreckliches Verhängnis über Ravenna herein. Denn der Kaiser führte jetzt seinen Racheplan gegen diese Stadt aus, die zu züchtigen er geschworen hatte. Der Patricius Theodor erschien mit einer Flotte von Sizilien her im Hafen; der ravennatische Adel und die vornehmste Geistlichkeit wurden alsbald auf die Schiffe gelockt und in Ketten gelegt, worauf die Griechen landeten, Ravenna plünderten und verbrannten und einen großen Teil der Bürger niedermetzelten. Die Angesehensten führte der Patricius gefangen vor des Kaisers Thron, und Justinian befahl ihre Hinrichtung. Unter diesen Opfern seiner Rache befand sich auch Johannitius. Zur Einmauerung verurteilt, wurde der gefeierte Ravennate durch die Straßen Konstantinopels geführt, während der Henker vor ihm ausrief, welche grausame Strafe er erleiden solle. Sein Mitgefangener, der Erzbischof Felix, wurde geblendet und nach Pontus verbannt.

Diese furchtbare Katastrophe erschütterte die italienischen Provinzen und steigerte den Haß gegen die Byzantiner. Schon damals hätten sich die Städte von der Herrschaft der Griechen befreien können, wenn sie untereinander einig und nicht durch die Furcht vor den Langobarden gelähmt gewesen wären. Sogar Rom trauerte um den Ruin der Nebenbuhlerin, aber der Papst zog daraus einigen Vorteil, denn der Kaiser selbst sah sich gezwungen, ihn durch Freundlichkeit zu gewinnen. Justinian forderte ihn auf, in Person nach Konstantinopel zu kommen, um die noch schwebenden Streitigkeiten über die Artikel der Trullanischen Synode beizulegen, und das Oberhaupt der römischen Kirche gehorchte dem kaiserlichen Befehl noch unter dem Schrecken des ravennatischen Strafgerichts. Constantin schiffte sich am 5. Oktober 710 in Portus ein, mit einigen der höchsten Würdenträger der Kirche, den Bischöfen Nicetas von Silva Candida, Georg von Portus, mehreren Kardinälen und Beamten des päpstlichen Palasts. Es ist der Mühe wert, seine Reise zu verfolgen, um zu wissen, welchen Weg man damals von Rom nach Konstantinopel nahm. Die Fahrt ging über Neapel nach Sizilien, sodann nach Rhegium, Cortona und Gallipolis. In Hydruntum ward überwintert und dann im Frühling die Reise längs den Küsten Griechenlands fortgesetzt. Man legte an der Insel Caea bei und fuhr von dort nach Konstantinopel. An allen jenen Orten waren die Behörden angewiesen, den römischen Bischof mit Ehren zu empfangen; vor der Hauptstadt selbst bewillkommnete ihn Tiberius, der Sohn des Kaisers, an der Spitze des Senats, und der Patriarch Cyrus an der Spitze der Geistlichkeit. Der letzte Papst, welcher Konstantinopel gesehen hat, hielt seinen Einzug zu Roß, die Mitra auf dem Haupt, und wurde im Palast der Placidia beherbergt.

Der Kaiser befand sich zu Nicaea in Bithynien; Constantin mußte daher die Hauptstadt wieder verlassen, um sich in Nikomedia einzufinden, wo er jenen traf. Das bluttriefende Ungeheuer Rhinotmetus reinigte sich in den Augen der Menge von seinen Verbrechen durch die päpstliche Umarmung, Beichte und Kommunion, aber was in der Zusammenkunft sonst verhandelt wurde, wird nicht erzählt. Es scheint, daß man sich verständigte; denn der kluge Constantin kehrte mit der Bestätigung aller Privilegien der römischen Kirche im Herbst 711 aus dem Orient zurück. Als er in Cajeta anlangte, fand er dort viele römische Geistliche und Große, die zu seiner Begrüßung herbeigeeilt waren. Sie führten ihn frohlockend nach Rom, wo er nach einjähriger Abwesenheit am 24. Oktober seinen Einzug hielt.

Man berichtete ihm, was Schreckliches hier in seiner Abwesenheit geschehen war. Denn gleich nach seiner Abreise war der Exarch Johannes Rizokopus nach Rom gekommen und hatte hier einige der höchsten Beamten der Kirche ergreifen und ohne Prozeß hinrichten lassen. Die Veranlassung dazu ist dunkel; weil aber der Exarch gleich nach dieser Exekution nach Ravenna abging, wo er ums Leben kam, so erscheint sie mit der Rebellion des ravennatischen Volkes im Zusammenhang.

Diese unglückliche Stadt hatte sich nämlich in Verzweiflung erhoben und das Joch der Byzantiner abgeworfen. Sie war das Haupt der reichen Provinz Romagna und Sitz eines mächtigen Metropoliten. Das römische Kaisertum wie das gotische Königtum war in ihren Mauern bestattet worden. Der byzantinische Vizekönig Italiens residierte in ihr. Neben Rom war sie die größte Stadt des damaligen Italiens, und sie überbot jene weit durch Reichtum infolge ihrer Handelsverbindungen mit dem Orient. Da die Langobarden die Romagna nicht erobert hatten, dauerten daselbst die römischen Gesetze fort, und dies erleichterte gerade in Ravenna und den andern Städten des Exarchats das Wiedererwachen des lateinischen Nationalbewußtseins. Ein unbezähmbarer Unabhängigkeitssinn hat die heißblütigen Romagnolen zu allen Zeiten ausgezeichnet. Die Ravennaten zumal waren ein Volk von leidenschaftlicher Natur und fanatischen Sitten. Was ihr Chronist Agnellus erzählt, ist ein Beweis dafür. An jedem Sonntage pflegten Edle und Volk, Männer wie Frauen, vor die Tore zu gehen, um miteinander zu kämpfen. Sie hatten sich in zwei Faktionen geteilt, die von der Porta Tiguriensis und die von der Posterula oder vom Summus vicus; sie stritten mit Schleudern, die Kinder spielten mit Scheiben. Aus diesen Volksspielen erwuchs Streit auf Leben und Tod. Als die besiegten Posterulenser eines Sonntags mit ihren Toten und Verwundeten das Feld bedeckten, sannen sie einen teuflischen Racheplan aus. Unter der Maske feierlicher Versöhnung luden sie die Tigurienser in der Basilica Ursiana zum Frieden ein. Ein jeder nahm seinen Gast nach Hause, ein jeder erdolchte ihn hier und schaffte den Toten heimlich fort. Niemand wußte, wo so viele Männer geblieben seien; die Bäder, die Schauspiele, die Kaufläden wurden geschlossen, die Witwen und Waisen jammerten in den Straßen. Eine ganze Woche wurde so hingebracht, dann befahl der Bischof Damianus eine Prozession des gesamten Volks in Sack und Asche; der ravennatische Geschichtschreiber erzählt, daß sich hierauf die Erde geöffnet und die Toten den Blicken offenbart habe. Die Mörder wurden umgebracht; selbst ihre Weiber und Kinder traf die Blutrache; das Viertel Posterula zerstörte man und belegte es hinfort mit dem Schandnamen des Räuberquartiers.

Diese Vorfälle trugen sich am Ende des VII. Jahrhunderts zu, und wir haben sie nur erzählt, um an diesem Beispiele zu zeigen, daß der dem italienischen Mittelalter eigene Charakter städtischer Parteiwut bereits in jener Zeit entwickelt war.

Ravenna erhob sich im Jahre 710 oder 711. Die empörte Stadt machte Georg, den kühnen Sohn des hingerichteten Johannes, zu ihrem Haupt, man darf schon in der Sprache des Mittelalters sagen zum capitano del popolo. Er teilte ganz Ravenna in zwölf Bannerschaften nach den Abteilungsfahnen der Stadtmiliz: Ravenna, Bandus I., Bandus II., Neues Banner, Unbesiegtes, Konstantinopolitanisches, Festes, Frohes, Mailändisches, Veronesisches Banner, das Banner von Classe und die Abteilung des Erzbischofs mit dem Klerus und den Knechten der Kirche. Diese militische Einteilung bestand dort noch im IX. Jahrhundert fort, und ihr entsprach ohne Zweifel eine ähnliche in Rom, wo sie nach den Regionen entworfen sein mußte. Georg brachte zugleich die erste Konföderation von Städten zusammen, von der wir Kunde haben; denn Sarxena (Sarsina), Cervia, Cesena, Forum Pompilii (Forlimpopoli), Forum Livii (Forli), Faventia (Faenza), Forum Cornelii (Imola) und Bononia (Bologna), also fast das ganze Land des Exarchats, traten mit Ravenna in Eidgenossenschaft. Diese merkwürdige Tatsache eines Bundes lateinischer Städte, lange bevor Mailand und Florenz namhaft und mächtig wurden, leitete das italienische Mittelalter ein. Es war der erste Schritt zur kommunalen Selbständigkeit der Republiken. Leider versagen gerade hier die zeitgenössischen Kunden; die verstümmelte Geschichte des Agnellus bemerkt nichts mehr von diesem romagnolischen Städtebunde und seinem Kriege gegen die Griechen. Selbst das Jahr der Rebellion, welche eine ganze Periode abschließt, ist ungewiß, vielleicht erhoben sich die Ravennaten erst auf die Nachricht vom Tode des Kaisers; und diese gelangte, wie das Buch der Päpste sagt, drei Monate nach der Rückkehr des Papsts nach Rom. Philippicus Bardanes hatte nämlich am Ende des Jahres 711 den byzantinischen Thron eingenommen, worauf er den abgehauenen Kopf des Tyrannen Justinian nach dem Abendlande sandte, die Augen der Römer zu erfreuen. Das römische Volk stürmte ihm wahrscheinlich mit derselben stumpfen Neugier entgegen, mit der es zuvor das lorbeerbekränzte Bild desselben Kopfs empfangen hatte. So wanderte in jenen schrecklichen Zeiten das blutige Haupt eines Kaisers durch die gemißhandelten Provinzen, während für das seines Mörders und Nachfolgers vielleicht schon das Beil geschliffen ward.

Der Ausgang der Revolution Ravennas ist mit tiefem Dunkel bedeckt, nur dies ist gewiß, daß dieselbe von den Byzantinern, wahrscheinlich unter Philippicus, besiegt wurde und daß die Städte des Exarchats sich dem Kaiser wieder unterwarfen. Bardanes, Monothelet und Ketzer, hatte kaum den Purpur angelegt, als er die Beschlüsse des sechsten Konzils für nichtig erklärte und das Gemälde, welches dasselbe im kaiserlichen Palast darstellte, von der Wand abreißen ließ. In jenem Zeitalter war die dogmatische Theologie von einer alle Verhältnisse so tief durchdringenden Wichtigkeit, daß selbst jeder Kaiser nach seinem Regierungsantritt seine Glaubensformel oder Sacra den höchsten Bischöfen des Reichs zu übersenden pflegte; Bardanes schickte die seinige nach Rom, aber Papst und Klerus verwarfen sie als ketzerisch. Man ließ hier im St. Peter ein großes Wandgemälde malen, worauf alle sechs ökumenischen Konzile dargestellt wurden. Solche ausdrucksvolle Art politischer Demonstration wurde unter anderen Verhältnissen noch im späteren Mittelalter in Rom wiederholt. Das gesamte Volk war jetzt im vollen Aufstande gegen einen Kaiser, der es gewagt hatte, die zwei Willen oder Naturen in Christo zu leugnen; es trat wieder als Populus Romanus auf und beschloß, dem Kaiser die Anerkennung zu versagen, weder sein Bildnis, noch seine Reskripte aufzunehmen, selbst die Solidi mit seinem Gepräge vom Verkehr auszuschließen und beim Gebet seinen Namen zu verschweigen. Die theologische Aufregung gab Rom eine neue Physiognomie. Wenn dies Volk bisher nur bei der Papstwahl handelnd erschien, so tauchte es jetzt als Bürgerschaft auf, die in politischen Dingen Beschlüsse erließ. Adel, Heer und die in Zünfte geteilten Bürger erklärten einmütig den Widerstand gegen das Oberhaupt des Reichs. Selbst dem Buch der Päpste entschlüpft hier zum erstenmal der Ausdruck: »Dukat der römischen Stadt«; wir haben demnach das ganze Stadtgebiet rechts und links des Tiber im Umfange des römischen Tusziens und der Campagna vor uns. Zum erstenmal wird mit diesem Dukat auch der Dux genannt, der ihn verwaltete.

Dies war Christophorus, welchen noch die vorige Regierung ernannt hatte; derselbe wurde jedoch vom Exarchen oder Kaiser seines Amts enthoben, und im Sinne des neuen Regiments ward Petrus von Ravenna nach Rom geschickt. Hier erklärte die Mehrzahl des Volks, den Dux des häretischen Kaisers nicht annehmen zu wollen. Die Stadt spaltete sich in zwei Parteien; die eine hielt zu Christophorus unter dem Namen der »Christlichen«, die kleinere bildete unter Anführung Agathons den Anhang des Petrus. In dem tiefen Dunkel jener Zeit verfolgen wir diesen Tumult (das Buch der Päpste gibt ihm den hochtönenden alten Namen eines Bürgerkriegs, bellum civile) mit Spannung wie ein wichtiges Ereignis, welches eine neue Zeit ankündigte. Auch erwachen hier Erinnerungen an das schon vergessene Altertum. Die Parteien stießen auf der Via Sacra vor dem Cäsarenpalast zusammen, und das alte Straßenpflaster wurde mit dem Blut von Erschlagenen gerötet. Demnach bestanden die Via Sacra und das Palatium noch am Anfange des VIII. Jahrhunderts, ja wir dürfen aus dem Ort des Kampfs mit vollem Grunde schließen, daß der Kaiserpalast vom Dux selbst bewohnt wurde. Ohne Zweifel bestürmte die Partei des Petrus den Dux Christophorus dort, in dem Regierungsgebäude Roms, um ihn daraus zu vertreiben. Der Cäsarenpalast hatte übrigens noch wenige Jahre zuvor eine Wiederherstellung erfahren; es gab noch gegen das Ende des VII. Jahrhunderts eine Cura Palatii Urbis Romae oder Beamte, die für die Erhaltung desselben zu sorgen hatten. Dies von Cassiodor gepriesene Amt hatte Platon, der Vater Johanns VII., bekleidet; denn auf ihn und sein Weib Blatta müssen zwei Inschriften aus den Jahren 686 und 688 bezogen werden, welche Johann, damals Rector des Patrimonium Appiae, seinen Eltern in der Kirche S. Anastasia gesetzt hat. Die erste sagt, daß Platon, nachdem er als Vorstand des alten Palasts in Rom dessen lange Treppe wiederhergestellt hatte, in den himmlischen Palast des ewigen Königs eingegangen sei. Der Herrschersitz so vieler Kaiser, der Mittelpunkt der Weltgeschicke, von wo aus die Menschheit einige Jahrhunderte lang weise regiert oder schmachvoll mißhandelt worden war, sank nun bald in völlige Vergessenheit, und schon zur Zeit Karls des Großen flatterten in den nicht mehr bewohnten Gemächern des Augustus, Tiberius und Domitian die Eulen umher oder pflanzte der Mönch auf dem Schutt Olivenbäume, wie noch am heutigen Tage.

Die Kämpfenden trennte eine herbeiziehende Prozession von Priestern, mit den Evangelien und Kruzifixen in den Händen. Die kluge Politik der Päpste hielt den Grundsatz fest, sich nie in eine Partei hineinziehen zu lassen, und der Papst vermittelte auch jetzt die Ruhe. Obwohl die Faktion der »Christlichen« die Gegner ohne Mühe hätte erdrücken können, gebot er ihnen dennoch, sich zurückzuziehen; so schloß man schweigend Waffenstillstand, bis nach wenigen Tagen von Sizilien her die Kunde kam, Bardanes sei gestürzt und geblendet worden.

Anastasius II., Geheimschreiber im Palast, hatte am 4. Juni 713 diese Revolution glücklich ausgeführt und sich zum Kaiser proklamieren lassen. Es ergibt sich daraus, daß die Unruhen in Rom fast ein und ein halbes Jahr dauerten. Sie wurden jetzt beigelegt: der neue Kaiser sandte nach einiger Zeit den Patricius Scholasticus als Exarchen nach Italien und gab ihm seine orthodoxe Glaubensformel für den römischen Bischof mit. Die Römer anerkannten Petrus als Dux, nachdem ihnen derselbe vollkommene Amnestie zugesichert hatte.

Hier schließt im Buch der Päpste das Leben Constantins. Er starb am 8. April 715: ein würdiger Vorgänger größerer Nachfolger, unter denen sich Rom vom Joch der Byzantiner wirklich befreite.

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