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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 74
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Siebentes Kapitel

1. St. Petrus. Pilgerzüge nach Rom. Der König Kadwalla empfängt die Taufe 689. Die Könige Konrad und Offa nehmen die Kutte. Sergius schmückt die Kirchen mit Weihgeschenken. Grabmal Leos I. im Innern des St. Peter.

Das Ansehen Roms als des Haupts der Kirche und die Verehrung des Apostels Petrus wie seiner Nachfolger auf dem Römischen Stuhl wuchs unterdes im Abendlande. Das mythische Grab des armen Fischers aus Galiläa in der goldschimmernden Basilika war allmählich das Heiligtum des Okzidents geworden. Zur Zeit des Prudentius wanderten noch keine Barbaren zu den Gräbern Roms über Alpen und Meer, aber seit der Mitte des VII. Jahrhunderts wurde die Stadt von Tausenden fernwohnender Wallfahrer aus Gallien, Spanien und Britannien besucht. Rom war wieder der Mittelpunkt der Sehnsucht der Völker geworden, nur aus andern Bedürfnissen als im Altertum, wo Seneca die dämonische Anziehungskraft, welche die ewige Stadt auf die Menschheit ausübte, so beredt geschildert hatte. Überreste von heilig verehrten Toten waren jetzt die Magnete, welche zahllose Fremde von den fernsten Ländern unter unsagbaren Mühen herbeizogen. ihr Ziel ein Grab, ihr Lohn ein Gebet vor ihm, eine Reliquie und die Hoffnung auf ein künftiges Paradies. Wenn diese Pilger Rom erblickten, warfen sie sich auf die Knie nieder wie vor einem Eden alles Glücks, und sie stiegen unter Hymnen nach der ersehnten Stadt hinab, die Pilgerhäuser aufzusuchen, wo sie ein Obdach und Landsleute fanden, die ihre Sprache redeten und ihnen als Führer beim Besuch der Kirchen und Katakomben dienen konnten. In ihr Vaterland heimgekehrt, wurden sie ebenso viele Missionare Roms; sie verbreiteten wunderhafte Erzählungen von der Schönheit der heiligen Stadt, entflammten das Verlangen nach ihr, vermittelten die Verbindung des Westens und Nordens mit ihr und dienten nachdrücklicher als politische Beziehungen dazu, die Völker an »die Mutter der Menschheit« zu ketten.

Namentlich waren es die eben erst bekehrten Angeln, welche Glaubenseifer nach Rom trieb. Im Jahre 689 erregte hier die höchste Verwunderung Kadwalla, der König der Westsachsen. Nach blutigen Kämpfen mit den Schotten steckte dieser junge Held sein Schwert ein und schiffte nach dem fernen Rom, um von der eigenen Hand des Papsts die Taufe zu empfangen. Die Römer waren einst gewohnt, Könige aus fernen Ländern entweder im Triumph als Gefangene oder als flehende Vasallen vor den Tribunalen erscheinen zu sehen; ihre Enkel sahen jetzt zum erstenmal wieder einen Barbarenkönig in ihrer Stadt, und diesen führte der Papst nach der Taufkapelle des Lateran. Dort stand der langhaarige Kadwalla am Ostersonnabend im weißen Gewande, die brennende Kerze in der Hand, und er empfing aus dem sagenhaften Porphyrbecken Constantins die Taufe und den Namen Petrus. Der gezähmte Sachsenheld wurde entweder durch diese ungewohnte Zeremonie oder durch das Klima so tief angegriffen, daß er schon am 20. April, am Sonntag, in Albis starb. Die Römer begruben ihn im Atrium St. Peters und setzten ihm eine pomphafte Grabschrift, die uns erhalten ist. Sie sagt, daß Kadwalla von dem letzten Ende Britanniens über Meer, durch Völker und Länder nach der Romulischen Stadt und zu Petri ehrwürdigem Tempel gekommen war, ihm mystische Gaben darzubringen; daß er Reichtümer und Thron, sein mächtiges Königreich, seine Kinder, seine Triumphe und Beute, seine Ahnen, Städte, Kastelle und Laren aus Liebe zu Gott verlassen habe, um als königlicher Gast Petri Sitz zu schauen, und daß er endlich das irdische mit dem himmlischen Reich vertauscht habe.

Die Erscheinung Kadwallas deutete eine ganze Zukunft an: nämlich die Unterwerfung des germanischen Abendlandes unter die geistliche Gewalt des Papsts. Das fromme Beispiel wurde nachgeahmt; denn nur zwanzig Jahre später erschienen zwei andere angelsächsische Könige in Rom, Konrad von Mercia und Offa von Essex. Die Ehren und Reichtümer der Welt hinter sich werfend, wie die ersten Bekenner Christi getan hatten, kamen diese jungen Fürsten, nicht um sich taufen zu lassen, denn sie waren schon Christen, sondern um den Purpur mit dem Mönchsgewande zu vertauschen. Zum erstenmal sah Rom Könige zu den Füßen St. Peters um eine Kutte flehen. Ihr lang wallendes Haar ward abgeschnitten und dem Apostel geweiht, ihre königliche Jugend in dem weißen Mönchskleide für immer begraben; und die Fürsten vom Heldeneiland Arthurs waren beglückt, mitten unter dem Schwarm gemeiner Mönche in einem der Klöster beim St. Peter zu verschwinden und endlich ein Grab im Atrium der Basilika und im Himmel einen Sitz unter den Seligen zu finden. So nahm die Kirche die frische Leidenschaft des Nordens in sich auf; sie stellte die Entsagung von Königen als Beispiel vor anderen Fürsten hin, und Rom versammelte nach und nach eine Sachsenkolonie in der Nähe des Vatikan.

Solche bußfertigen Könige kamen nicht mit leeren Händen: sie brachten vielmehr außer ihrer Seele auch Gold genug St. Peter dar; die Geschenke von Pilgern, Büßern und Gläubigen des Abendlandes flossen überhaupt mit jedem Jahr reichlicher nach Rom und dienten den Päpsten, ihre Kirchen immer prachtvoller auszuschmücken. Sergius war eifrig um die Erhaltung der Basiliken Roms bemüht. Er stiftete in den meisten köstliche Geräte. Die Kunst, wenigstens der Musivbildner und Metallarbeiter, blieb in beständiger Übung, und der peinliche Fleiß dieser römischen Künstler wetteiferte mit denen Konstantinopels. Selbst die goldnen Weihrauchfässer ( thymiamateria) schmückte man mit Säulen, und die Ziborien und Tabernakelaufsätze über den Altären, worin der Kelch stand, erhielten die Form kleiner Tempel von Porphyr, die eine mit Gold und Edelsteinen bedeckte Kuppel trugen.

Sergius war Kardinal der Kirche S. Susanna auf dem Quirinal gewesen, und deshalb stattete er dieselbe mit manchen Gütern aus. Davon gibt noch sein auf Marmor geschriebenes Schenkungsdiplom an Johannes, den Kardinalpresbyter jener Kirche, Zeugnis. Er errichtete dem Papst Leo I. ein neues Grabmal, dessen Inschrift erhalten ist, und dies war das erste im Innern des St. Peter. Denn vor dieser Zeit wurden die Päpste entweder in den Zömeterien vor den Toren oder auch im Atrium der Vatikanischen Basilika begraben. Aber seitdem Sergius im Jahre 688 Leo den Großen in dem Schiff derselben hatte beisetzen und über seiner Gruft einen Altar errichten lassen, erhielten die verehrtesten Päpste Gräber und Kultus im St. Peter selbst, während auch das ursprüngliche, dem Christentum angemessene Prinzip, nur einen Altar in den Kirchen zu haben, aufgegeben ward.

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