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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Sechstes Kapitel

1. Adeodatus Papst im Jahre 672. Erneuerung des Klosters St. Erasmus. Donus Papst 676. Agathon Papst 678. Der Erzbischof von Ravenna unterwirft sich dem Primat von Rom. Das VI. ökumenische Konzil. Die Pest von 680. St. Sebastian. St. Georg. Die Basilika in Velo Aureo.

Vitalianus starb am Ende des Januar 672, und am 11. April wurde Papst der Römer Adeodatus, Sohn Jovinians. Sein vierjähriges Pontifikat ist für die Geschichte Roms inhaltsleer. Er war Mönch in St. Erasmus gewesen und restaurierte dies berühmte Kloster auf dem Coelius, welches im VI. Jahrhundert aus dem Hause der Valerii entstanden sein soll. Es wurde später mit der Abtei Subiaco vereinigt und ging in ungewisser Zeit unter; noch am Ende des XVI. Jahrhunderts sah man nahe bei S. Stefano seine Ruinen mit Resten alter Malereien.

Donus oder Domnus, Sohn des Römers Mauritius, folgte auf Adeodatus am 2. November 676 und regierte nur wenig mehr als ein Jahr. Das Buch der Päpste berichtet, daß er das Atrium des St. Peter mit großen, weißen Marmorsteinen gepflastert habe; da er diesen kostbaren Luxus schwerlich aus Marmorbrüchen kommen ließ, so gaben ihn geplünderte Monumente her. Im Mittelalter wollte man wissen, daß dazu der Marmor vom sogenannten Grabmal des Scipio (oder auch später des Romulus genannt) verwandt wurde, einer antiken Grabpyramide in der Nähe der Engelsburg.

So dunkel und ereignisleer war die Geschichte Roms in jener Zeit, daß ihre Chronik kaum mehr enthält als das Verzeichnis der Päpste, ihrer Regierungsjahre und der Bauten, welche sie hinterließen. Donus starb im April 678, und der Sizilianer Agathon aus Palermo wurde sein Nachfolger. Dieser Papst hatte das Glück, den Primat und die orthodoxen Glaubenssätze Roms im Abendlande wie im Orient zur Anerkennung zu bringen. Jener war schon zur Zeit Vitalians durch den Erzbischof Maurus von Ravenna wieder bestritten worden, denn die Spannung zwischen Rom und Konstantinopel ermutigte ihn, dem römischen Papst den Gehorsam zu versagen. Ein Schisma war ausgesprochen, welches Constans, damals noch in Syrakus, unterstützte; Maurus, von diesem mit dem Privilegium vollkommener Unabhängigkeit von dem Patriarchen Roms ausgestattet, und sein Nachfolger Reparatus trotzten daher den Bannflüchen des Papsts. Ravenna war die Hauptstadt des byzantinischen Italiens, der Sitz des kaiserlichen Statthalters; dies erhöhte das Selbstbewußtsein der dortigen Metropoliten, welche wie der Papst ihre eigenen Apokrisiare am Hofe zu Byzanz unterhielten. Auch unterstützten die Kaiser ihre Ansprüche, um die Macht des römischen Papsts selbst dadurch zu schwächen. Indes dieser ging doch aus dem Kampf mit seinem Nebenbuhler siegreich hervor. Schon zur Zeit des Donus hatte sich der Erzbischof Ravennas beugen müssen, weil der neue Kaiser Constantin Pogonatus dem römischen Katholizismus günstig war. Theodor, des Reparatus Nachfolger, verzichtete sogar auf die von der ravennatischen Kirche beanspruchte Autokephalie oder Selbständigkeit und ließ sich von Agathon weihen. Der Sieg über die mächtigste Metropole Italiens nächst Rom war für die ganze Stellung des Papsts von großer Wichtigkeit. Sein wachsendes Ansehen mehrte außerdem die Überwindung der monothelitischen Lehre. Constantin Pogonatus hatte zur Beendigung des langen Streits darüber ein ökumenisches Konzil nach Konstantinopel ausgeschrieben, und Agathon versammelte zuvor am 27. März 680 eine italienische Synode; diese wählte zu Abgesandten die Bischöfe von Portus, Rhegium und Paterno, denen der Papst drei Kardinallegaten beigab. In seinem Begleitungsschreiben entschuldigte sich Agathon, daß er Boten schicke, die weder beredt noch gelehrt seien, sondern Männer, welche in bösen Zeiten, mitten unter Barbaren, mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot sich erwerben müßten. Dies ehrenvolle Geständnis läßt den damaligen Zustand der Wissenschaften in Rom ahnen, aber die ungelehrten Presbyter reichten hin, die orthodoxe Lehre in Konstantinopel siegreich zu verfechten.

Das berühmte sechste Ökumenische Konzil wurde am 7. November 680 im Trullus oder Kuppelsaal des byzantinischen Palatium eröffnet: die Beschlüsse Roms wurden als kanonisch erfunden, die toten und lebenden Monotheleten streckten die Waffen oder wurden nach einem hartnäckigen Widerstande von vielen Sitzungen (dies theologische Drama zählte achtzehn Akte oder Actiones, wie der offizielle Stil sagt, bis zum 16. September 681) für besiegt erklärt. Der Patriarch Georg von Konstantinopel bekannte reuig seinen Irrtum, aber der trotzige Makarius von Antiochia wurde abgesetzt und verbannt; die toten Bekenner eines Willens in dem einen Christus, Cyrus von Alexandria, Sergius und Pyrrhus von Byzanz, wurden feierlich verdammt und ihre musivischen Abbilder in den Kirchen ausgelöscht. Selbst der römische Papst Honorius büßte seine Nachgiebigkeit gegen die Monotheleten noch im Grabe durch Verdammung. Eine Unzahl von schwarzen Spinngeweben fiel sodann auf das Volk, zum Zeichen, daß die Ketzerei vertrieben sei. Die Christenheit war jetzt über die zwei Willen aufgeklärt oder beruhigt und die römische Kirche als ihr dogmatisches Haupt anerkannt.

Die Stadt Rom wurde im Sommer 680 von der Pest geradezu entvölkert, und sie wütete auch im übrigen Italien, denn Paul Diaconus erzählt, daß Pavia durch sie fast ausstarb. Er berichtet, daß man dort den guten und bösen Engel durch die Straßen einhergehen sah; wo jener ein Zeichen machte, stieß der andere mit einer Lanze an die Türe des Hauses, und so viele Stöße er tat, so viele Menschen starben darin. Endlich sei eine Offenbarung laut geworden, daß die Pest aufhören werde, sobald in der Kirche St. Petrus ad Vincula dem heiligen Sebastian ein Altar errichtet worden sei. Man habe sodann Reliquien dieses Märtyrers von Rom kommen lassen, und die Pest sei verschwunden. Paul Diaconus spricht offenbar von einer Kirche St. Petri ad Vincula in Pavia, aber die Römer bezogen in späterer Zeit diese Legende auf ihre eigene Kirche dieses Namens, wo sie auch in einem Gemälde des XV. Jahrhunderts dargestellt ist.

Im linken Seitenschiff derselben Basilika sieht man noch ein altes rohes Mosaikbild byzantinischen Stils, welches von Agathon gestiftet sein soll. Es stellt St. Sebastian bekleidet und als Greis dar. Erst viel später wurde dieser Heilige als nackter Jüngling abgebildet, der, an einen Baum gebunden, von Todespfeilen durchbohrt ist.

Sebastian, schon längst in Rom verehrt, hatte eine Kirche über den Katakomben des Calixtus, die bereits zur Zeit Gregors des Großen bestand und später eine der sieben Hauptkirchen Roms wurde. Der Heilige war aus Narbonne, ein junger Militärtribun; im kaiserlichen Palast soll er als Bekenner Christi Bogenschützen zur Zielscheibe ausgesetzt worden sein. Eine fromme Matrone Lucina bestattete ihn in jenen Katakomben.

Neben ihm hatte ein anderer Militärtribun Altäre in Rom, nämlich der Kappadozier Georg, Märtyrer unter Diokletian. Er war, so erzählt die Legende, Comes der Reiterei; mit kühnem Freimut ermahnte er den Kaiser Diokletian, von der Christenverfolgung abzustehen, und erlitt sodann als ein Heros die furchtbarsten Qualen. Eine Nacht hindurch ertrug er das Gewicht eines schweren Steins auf seiner Brust, dann wurde er von einem eisengezahnten Rade langsam zerfleischt. Während er standhaft duldend dalag, flammte ein Blitz vom Himmel herab, und eine Stimme rief: »Georg, fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir«; eine weißgekleidete Gestalt stand an dem Marterrade, welche den Unglücklichen sanft in ihre Arme schloß. Dies Wunder entzündete die Seele der Kaiserin Alexandra, so daß sie das Christentum bekannte. Drei Tage lang litt Georg in einer brennenden Kalkgrube; doch weder diese Marter, noch glühende Schuhe, noch ein magischer Gifttrank vermochten ihn zu töten, vielmehr erweckte er selbst vor den Augen des Kaisers einen Toten, und im Tempel des Apollo reichte sein bloßes Wort hin, alle Marmorbilder von den Sockeln springen zu machen. Endlich fiel sein Haupt unter dem verhängnisvollen Henkerschwert.

Sebastian und Georg wurden die Lieblingsheiligen des Rittertums, gleichsam die kriegerischen Dioskuren der christlichen Mythologie. Der letzte erinnert auch an den heidnischen Perseus; man bildete ihn ab zu Roß, mit Schild und Speer, einen Drachen bekämpfend, von dem er eine schöne flehende Jungfrau befreit. Seine Kirche in Rom soll der Papst Leo II. im Jahre 682 im Velabrum erbaut haben. Doch wird schon zur Zeit Gregors I. eine Basilika des St. Georg mit dem Zusatz Ad Sedem erwähnt.

Die Bezeichnung Velum auri war statt des alten »Velabrum« in Gebrauch gekommen. So wurde nämlich das Tal zwischen Kapitol und Palatin genannt, welches in alten Zeiten ein Sumpf, später trockengelegt ward. Es lag eben dort das Forum Boarium, wie die Inschrift am Bogen der Goldschmiede lehrt. Das Lokal ist eins der merkwürdigsten Roms überhaupt; denn dort stehen in tiefer Einsamkeit verborgen einige wohlerhaltene Monumente: der mächtige Janus Quadrifrons, ihm gegenüber die Ehrenpforte, welche römische Goldschmiede dem Kaiser Septimius Severus, seinen verruchten Söhnen Caracalla und Geta und der unglücklichsten der Mütter, Julia Pia, gesetzt haben; auch die Cloaca Maxima liegt nahe; noch sprudelt dort die alte Quelle Juturna, aber sie trägt jetzt den christlich Namen des St. Georg.

Wenn die Inschrift über der Eingangstüre der altertümlichen Kirche die Wahrheit sagt, so ist sie ursprünglich auf der Stelle erbaut worden, wo die Basilika des Tiberius Sempronius stand. Doch das ist eine archäologische Erfindung später Zeit. In die Basilika wurde die Ehrenpforte des Kaisers Septimius Severus hineingezogen oder vielmehr der Turm der Kirche an dieses Denkmal angelehnt.

Der Bau Leos II. (die Vorhalle ist spätern Ursprungs) hat sich noch im Grundplan erhalten und zeigt eine kleine Basilika von drei Schiffen mit sechzehn antiken Säulen teils aus Granit, teils aus Marmor. Kaum eine andere Kirche Roms ist so ganz vom Hauch uralten Christentums durchweht wie diese. Ihre ursprüngliche Basilikengestalt, ihre Anspruchslosigkeit, Bildwerke und Inschriften frühester Jahrhunderte, worunter auch griechische sich befinden, und ihre fast nie gestörte träumerische Stille in dem von altrömischen Erinnerungen erfüllten Tale zwischen Kapitol und Palatin wirken zaubervoll auf den Besucher, der sie betritt. S. Georg in Velabro ist unter den römischen Basiliken das Seitenstück zu den kleinen antiken Tempeln der Vesta und der Fortuna Virilis. Die Tribune der Kirche enthielt wahrscheinlich Musive, welche später durch Farben ersetzt wurden; Christus auf der Weltkugel zwischen Peter und Paul; zur linken Sebastian, zur rechten Georg, ein Banner in der Hand, das Roß neben sich. – St. Georg war eine der Kirchen, welche der griechischen Kolonie in Rom zugewiesen wurden, und diese hatte seit langer Zeit ihren Sitz unter dem Aventin, wo die Namen scola graeca und ripa graeca sich das ganze Mittelalter hindurch erhielten.

Der christliche Stellvertreter des alten Mars war griechisch wie so manche andre Heilige, welche während der byzantinischen Epoche in den Stadtkultus eindrangen. Die griechischen Kaiser begünstigten diese Durchsetzung der römischen Kirche mit griechischen Elementen, da sie ihre Herrschaft in Italien förderte. Die Päpste, welche den Kultus St. Georgs in Rom mit der Zeit gründeten und pflegten, waren nicht Römer, sondern Griechen. Die Kirchen, die man Georg in der Stadt gebaut hatte, gingen freilich bis auf jene im Velabrum unter. Dagegen wurde der Heilige der Schutzpatron der Ritterschaften in Genua und Venedig, in Spanien, in England und im ritterlichen Frankenlande.

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