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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 69
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Martinus I. Papst im Jahre 649. Römische Synode wegen der Monotheleten. Anschlag des Exarchen Olympius auf Martins Leben. Theodorus Calliopa führt den Papst gewaltsam hinweg im Jahre 653. Martin stirbt im Exil. Eugenius Papst im Jahre 654.

Theodor hatte den monotheletischen Streit in vollen Flammen verlassen, und dem Haß des byzantinischen Patriarchen sollte sein Nachfolger zum Opfer fallen.

Martin I., aus dem umbrischen Tudertum, dem heutigen Todi, ehedem Nuntius in Konstantinopel, bestieg den Stuhl Petri schon im Juni oder Juli 649. Die Geistlichkeit Roms ordinierte ihn, ehe er noch die kaiserliche Bestätigung erhalten hatte, da zu jener Zeit das Amt des Exarchen vakant war. Ein sehr entschlossener Papst trat jetzt der griechischen Kirche entgegen. Er rief die Bischöfe zum Konzil: 150 Kirchenfürsten aus Städten und Inseln Italiens vereinigten sich am 5. Oktober im Lateran. Es galt über den »Typus« oder das Edikt Constans' II. vom Jahre 648 zu beraten, wodurch der gesamten Christenheit über den Streit um den einen oder die zwei Willen ein vernünftiges Stillschweigen geboten wurde. Der Kaiser hatte von Martin die Anerkennung dieses Edikts verlangt, welche ihm mehr am Herzen lag als die Wiedereroberung seiner ihm von den Arabern entrissenen Provinzen. Er hatte deshalb den neuen Exarchen Olympius nach Italien gesandt und ihm befohlen, dafür zu sorgen, daß die Bischöfe, die Possessoren, die Landbewohner, ja selbst die Fremden diese Formel unterzeichneten. Er sollte sich des Papsts bemächtigen, die Bischöfe zur Annahme des Ediktes zwingen, aber mit Vorsicht die Stimmung des römischen Heeres untersuchen, und wenn er dieses feindlich fände, die Sache auf sich beruhen lassen, bis er sowohl in Rom als in Ravenna eines ihm ergebenen Heers sich versichert habe. Hier fällt ein Licht auf das Verhältnis Roms zum Exarchen: dieser kaiserliche Beamte durfte die Stadt nicht mehr willkürlich zu behandeln hoffen, und zum erstenmal entdecken wir klar und deutlich ein Heer, welches sich aus den angesehenen Bürgern und Possessoren als Miliz gebildet hatte. Es empfing die zweifelhafte Löhnung von Konstantinopel, aber es war national-römisch. Ohne seine Zustimmung erschien der Plan des Exarchen nicht ausführbar.

Olympius kam nach Rom: er fand das Konzil im Lateran in voller Tätigkeit und bereits feierlich verdammt Ekthesis und Typus, Cyrus von Alexandrien und die drei Patriarchen Sergius, Pyrrhus und Paulus. Der Exarch suchte die Befehle des Kaisers auszuführen, indem er mit Hilfe der eigenen Söldner oder derer, die er im römischen Heer durch Bestechung gewinnen mochte, und durch andere Ränke das Konzil zu spalten unternahm. Die Stadt war in großer Aufregung; der Exarch blieb hier längere Zeit, sicherlich im alten Cäsarenpalast wohnend. Seine Pläne schlugen jedoch fehl, wie auch der Mordanschlag auf das Leben des Papsts, den ihm wenigstens das Papstbuch zuschreibt. Sich stellend, als habe er sich mit Martin versöhnt, trat er in der Kirche S. Maria Maggiore an den Altar, um aus den Händen des Papsts das Abendmahl zu empfangen; während er es nahm, erwartete er den verabredeten Dolchstoß seines Leibtrabanten. Aber Gott, so sagt der Chronist, welcher gewöhnt ist, seine Knechte zu beschützen, schlug die Augen des Spathars mit Blindheit, so daß er den Papst nicht zu sehen vermochte. Er erzählt zugleich, daß sich Olympius mit diesem versöhnte. Aus dem späteren Prozeß der byzantinischen Regierung gegen Martin geht übrigens hervor, daß der Exarch in Rom die Sache des Kaisers verriet und vom Papste, wenn auch nicht unterstützt, so doch nicht gehindert, an der Spitze seiner Truppen sich zum Usurpator aufwarf. Er zog dann nach Sizilien herab, wo sich die Sarazenen bereits festgesetzt hatten, erlitt dort eine Niederlage und wurde durch Krankheit hinweggerafft.

Vom erschreckten Kaiser war nach Ravenna Theodor Calliopa geschickt worden, jetzt zum zweitenmal Exarch, mit dem gemessenen Befehle, den Widerstand Martins mit Gewalt zu brechen. Begleitet vom Kämmerer Pelarius, zog derselbe am 15. Juni 653 mit ravennatischen Truppen in Rom ein. Der Pflicht gemäß ließ ihn Martin durch den Klerus einholen, während er selbst, Podagra vorschützend, im Lateranischen Palast zurückblieb. Der Exarch empfing die Gesandten im Cäsarenpalast, wo er abgestiegen war; er stellte sich, als bedaure er die Krankheit des Papsts, und erklärte, er selbst wolle morgen am Sonntag kommen, ihm seine Ehrfurcht zu bezeugen. Argwöhnend, daß der bischöfliche Palast mit Waffen angefüllt sei, ließ er ihn erst untersuchen und umringte ihn mit seinen Truppen, ohne daß die Römer Widerstand leisteten.

Der Papst lag auf seinem Ruhebett vor dem Hauptaltar der Lateranischen Basilika, umgeben von Priestern. Der Exarch kam mit Bewaffneten; er übergab den Klerikern ein kaiserliches Dekret, welches die Absetzung Martins befahl, da dieser ohne Bestätigung des Kaisers den Heiligen Stuhl usurpiert habe: die Geistlichen antworteten mit dem Anathem. Sofort erhob sich ein Tumult; die Byzantiner hieben mit den Schwertern die Lichter von den Altären, und der wehrlose Martin wurde vom Lager aufgerafft und in den Cäsarenpalast fortgeschleppt. In der Nacht des 18. Juni setzte man ihn auf ein im Tiber bereit liegendes Schiff, welches nach Portus ruderte. Der gesamte Klerus hatte ihn in die Gefangenschaft begleiten wollen, aber der Exarch erlaubte ihm nur sechs Pagen oder Diener und ließ die Tore schließen, aus Furcht, daß die Römer ihren Bischof befreien möchten. Der Unglückliche wurde auf einer langen Reise über Meer zuerst nach der Insel Naxos gebracht, dann im September nach Konstantinopel geführt und dort als Majestätsverbrecher eingekerkert. Unter den Anschuldigungen, die man ihm machte, war auch diese, daß er mit Olympius konspiriert und die Sarazenen nach Sizilien gerufen habe.

Wir dürfen hier weder die peinvollen Leiden Martins in Konstantinopel, noch seinen langen Prozeß oder seine mutige Verteidigung erzählen, sondern begnügen uns, die Geschichte dieses heldenmütigen Bischofs, welcher den Päpsten ein erhöhtes Ansehen verliehen hat, zu beendigen. Durch kaiserliches Gebot abgesetzt und nach dem alten Cherson in der Krim verbannt, starb er dort, von Freund und Feind verlassen, im Elend als Märtyrer für den Primat Roms am 16. September 655. Seine Leiche wurde zuerst in der Kirche der Jungfrau von Blachernae in Konstantinopel beigesetzt und später nach Rom gebracht. Aber weder das Buch der Päpste noch die Martyrologien des Beda und Ado erwähnen ihre Überführung. Nach der römischen Tradition war sie in der Kirche St. Silvester und Martinus von Tours niedergelegt worden; und dieser alte Titel des Equitius wurde erst im Jahre 844 von Sergius II. den beiden Päpsten Silvester und Martin zugeschrieben. Noch heute feiert man dort am 12. November das Fest dieses Papsts, dessen Heiligkeit auch der griechische Kalender anerkannt hat.

Nach der Absetzung und Fortführung Martins ins Exil hatte der Kaiser die Wahl eines Nachfolgers anbefohlen. Der Verbannte aber hatte sich dieser unkanonischen Gewalttat schweigend unterwerfen müssen. Am 10. August 654 wurde Eugenius, Sohn des Ruffianus, ein Römer aus der ersten Aventinischen Region, zum Papst geweiht. Es zeigte sich alsbald, wie tief die kirchlichen Angelegenheiten das römische Volk durchdrungen hatten: Petrus, der wieder eingesetzte byzantinische Patriarch, beeilte sich, dem römischen Bischof seine Glaubensformel oder Synodika zu übersenden, da es Gebrauch war, daß die neuernannten Patriarchen nach Rom, die Päpste aber nach Konstantinopel ihre Formeln schickten. Dies Bekenntnis war in so zweideutigen Ausdrücken abgefaßt, daß es die Römer, das Volk sowohl als der Klerus, verwarfen. Sie zwangen Eugenius, die Formel zu verdammen, und zeigten, daß die Gewalt, welche die ketzerischen Griechen dem Papst Martin angetan hatten, von ihnen als nationale Beschimpfung gefühlt wurde.

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