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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Wirksamkeit Gregors in der Kirche. Er sucht das germanische Abendland mit Rom zu verbinden. Er bekehrt England. Sein Tod im Jahre 604. Denkmäler von Gregor in Rom.

Wir haben es hier nur mit dem Einfluß zu tun, welchen der große Bischof auf die Stadt Rom ausgeübt hat, denn der Geschichte der Kirche im allgemeinen gehört die Darstellung der Bedeutung Gregors in dieser selbst. Als er Papst wurde, waren jene jahrhundertelangen Kämpfe, die das kirchliche Lehrgebäude feststellten, ausgekämpft und die Grunddogmen des katholischen Glaubens von der Dreieinigkeit und der Natur Christi für immer festgesetzt. Die Periode der Kirchenväter war geschlossen; eine neue Zeit begann, worin sich der Orient vom Abendlande sonderte und in diesem selbst die absolute Gewalt des römischen Papsts sich ausbildete. Es war Gregor, welcher diese Epoche einleitete und die Fundamente der Papstherrschaft legte, nachdem sein Vorgänger Leo I. dem Primat des Apostolischen Stuhls die Anerkennung im Prinzip errungen hatte. Diesen Primat bestritten fortdauernd die orientalischen Diözesen Antiochia und Alexandria und vor allem Konstantinopel. Der dortige Patriarch Johannes Jejunator legte sich den Titel des ökumenischen oder allgemeinen Bischofs bei, Gregor aber trat dieser Anmaßung mit Festigkeit entgegen, indem er sich zugleich voll kluger Demut zuerst unter den Päpsten den Titel »Knecht der Knechte Gottes« gab.

Die tiefe Spannung zwischen dem Papsttum und dem Orient wurde mit der Zeit eine unausfüllbare Kluft; sie verhalf dem Abendlande zu einer selbständigen Gestalt, welche wesentlich durch die Verbindung der römischen Kirche mit den Germanen geschaffen wurde, während die Macht der griechischen Kirche sich minderte, da ihre Patriarchate, die ältesten Stiftungen des Christentums, größtenteils vom Islam verschlungen wurden.

Es war auch Gregor, welcher den Römischen Stuhl weit über die Grenzen seines Patriarchats im Abendlande selbst zur Geltung brachte. Nach dem Umfange der constantinischen Diözese Rom besaß nämlich der römische Bischof als ihr Metropolit die geistliche Jurisdiktion über die zehn dem Vicarius Romae untergebenen suburbikaren Provinzen Italiens; doch die Metropolitane in Ravenna für die Aemilia und Flaminia, in Mailand für Ligurien, die Cottischen Alpen und beide Rätien, und in Aquileja für Venetien und Italien bestritten die apostolische Gewalt des römischen Bischofs in ihren eigenen Gebieten. Gregor aber behauptete gegen ihre Ansprüche den Primat der Nachfolger St. Peters; er machte sich eigentlich zum Patriarchen des Abendlandes. Er war es zugleich, welcher die germanischen Kirchen in Gallien und Spanien, wo der Westgotenkönig Reccared mit seinem Volke zum katholischen Glauben übertrat, in engere Beziehung zum Römischen Stuhl brachte, während die fortschreitende Bekehrung der meist noch arianischen Langobarden, welche man dem frommen Eifer der Königin Theodelinde verdankte, die Glaubenseinheit in Italien sicherte.

Gregor eroberte als »Konsul Gottes« auch das ferne britische Eiland für Rom. Es wird erzählt, daß er eines Tags, ehe er noch Papst war, auf dem Forum, wo man damals Sklavenmärkte hielt, drei schöne fremde Knaben zum Verkauf ausstellen sah, und, über ihre Herkunft belehrt, gerufen habe: »Angler, gleich wie Engel sind sie.« Er erlöste die Heimatlosen; von »apostolischem Geist« ergriffen, wollte er selbst als Missionar nach jenem Lande gehen, aber das römische Volk hielt ihn fest, und erst im Jahre 596 sandte er aus seinem Kloster eine Schar Mönche unter des Augustinus Führung nach der fernen, einst von den Römern beherrschten Insel ab. Ihr Erfolg war groß: Britannien, welches zwei Jahrhunderte früher vom Römischen Reich aufgegeben und dann von dem kraftvollen Volk der Angelsachsen erobert worden war, wurde durch ein einsames Kloster am Colosseum als neue, von Glaubenseifer glühende Provinz der orthodoxen römischen Kirche einverleibt. Gregor rief alte Erinnerungen herbei und nannte den König Adelbert und seine Gemahlin Adelberga den neuen Constantin und die neue Helena.

So durchdrang der mächtige Geist dieses einen Mannes, des größten Menschen seines Jahrhunderts, weite Länder und Völker, denen er Rom ehrwürdig und furchtbar machte. Mit hoher Würde trat er dem Kaiser und den Königen gegenüber und ermahnte sie zur Gerechtigkeit gegen die Untertanen und zum milden Regiment. Er schützte die einzelnen und auch die Provinzen gegen die Bedrückung der kaiserlichen Beamten; sein scharfes Ohr vernahm sogar die Klagen des Volks im wilden Korsika und im fernen Afrika. Niemals hat ein Papst seine Stellung so hoch erfaßt, noch so glücklich durchgeführt: seine Sorgen und Korrespondenzen umfaßten die Länder der Christenheit. Kein Papst ließ so viele Schriften zurück wie er, den man den letzten Kirchenvater genannt hat. Ein größerer und edlerer Geist saß nie auf dem Stuhle Petri. Nach einer wahrhaft ruhmvollen Regierung, in welcher er für die Dauer eines Jahrtausends die Obergewalt des römischen Bischofs über die abendländische Kirche begründet hatte, starb Gregor I. in Rom am 12. März 604.

Es gibt heute nur wenig Denkmäler von ihm in Rom; die Not der Zeit hatte ihm nicht erlaubt, seine Vaterstadt mit Bauten zu zieren, oder sein nur auf das Seelenheil der Menschen bedachter Sinn verschmähte es, nach dem Ausdruck des Mönchs Beda, sich um die äußere Pracht in Gold und Silber strahlender Kirchen zu mühen, wie andere Bischöfe dies taten. Das Buch der Päpste, so reich an Katalogen der Bauwerke und Weihgeschenke seiner Vorgänger, erwähnt in der auffallend kurzen Lebensgeschichte Gregors nur dies, daß er dem Apostel Petrus ein Ciborium mit vier Säulen aus Silber gestiftet habe, das heißt einen Baldachin über dem Hauptaltar, was man auch Fastigium nannte. Wir lasen in seinen Briefen, daß er sich Balken aus Kalabrien verschrieb, um Wiederherstellungen an den Basiliken St. Peters und Pauls vorzunehmen, aber es ist fraglich, ob das wirklich geschehen ist. Die Stiftung seines Klosters auf dem Clivus Scauri ist schon erwähnt worden. Es würde für die Geschichte der Malerei von Wichtigkeit sein, hätten sich die Gemälde erhalten, welche Gregor dort im Atrium malen ließ; Johannes Diaconus, der sie noch sah, hat sie ausführlich beschrieben. Sie waren Fresken und zeigen daher, daß in jener Zeit auch die Farbenmalerei noch in Schulen geübt wurde. Man sah dort Petrus auf einem Thron und vor ihm den Vater Gregors, der seine Rechte gefaßt hielt. Gordian trug das Diakonengewand, eine kastanienbraune Planeta über der Dalmatika und kleine Stiefel an den Füßen. Sein Antlitz war lang und gravitätisch, mit mäßigem Bart, seine Haare dicht, die Augen lebhaft. Ein anderes Bild würde uns in der Gestalt der frommen Mutter Gregors das Porträt einer edlen römischen Matrone jener Zeit vorstellen. Silvia war in ein weißes schleierartiges Gewand verhüllt, dessen Faltenwurf sich von der rechten Schulter über die linke nach altrömischem Stil hinaufzog; eine weiße Tunika schloß sich bis zum Halse an und floß mit großer Faltung zu den Füßen nieder, mit zwei Streifen nach Weise der Dalmatika geziert. Ihr Haupt schmückte eine weiße Mitra oder Haube; mit den Fingern der rechten Hand schien sie das Zeichen des Kreuzes zu machen, während die linke ein Gebetbuch hielt, worauf man geschrieben las: »Meine Seele lebt und wird dich loben, und deine Winke werden mir hilfreich sein.« Vivit anima mea, et laudabit te, et indicia tua adiuvabunt me. Johannes Diaconus betrachtete das Bild dieser Matrone mit Ehrfurcht; er fand, daß selbst das Greisenalter die ursprünglichen Züge ihrer Schönheit nicht hatte verwischen können. Ihr rundes bleiches Antlitz war von Runzeln durchfurcht, aber ihre großen blauen Augen unter sanften Brauen, ihre anmutigen Lippen und die Heiterkeit der Miene bezeugten dem Betrachter die Glückseligkeit, die ihr Herz empfand, der Welt einen solchen Sohn geschenkt zu haben.

Gregor selbst war in einer kleinen Apsis auf einem Kreise von Stuck gemalt; eine gefällige Gestalt mit mildem Antlitz, von bräunlichem Bart. Seine Stirn war kahl, hoch und breit, von wenigem schwarzem Haar umfaßt, sein Gesichtsausdruck sanft; seine schönen Hände zeigten seinem Lebensbeschreiber rundliche Finger, denen er Fertigkeit im Schreiben ansah. Eine kastanienbraune Planeta fiel über der Dalmatika herab, und das mit dem Kreuz bezeichnete Pallium hing über Schultern, Brust und zur Seite nieder. Um sein Haupt trug er keine Glorie, sondern eine viereckige Umrahmung bewies, daß er noch lebte, als dies Gemälde gefertigt wurde; denn erst den Abgeschiedenen wurde als Zeichen ihrer Heiligkeit ein Nimbus ums Haupt gegeben.

Das Kloster St. Andreas ist untergegangen. Schon hundert Jahre nach Gregor von den Mönchen verlassen, war es von Gregor II. wiederhergestellt worden und verfiel darauf in ungewisser Zeit. Man behauptet, daß seinen Platz die Kirche St. Gregors einnehme, deren Erbauungszeit nicht bekannt ist. Sowohl hier als in den Nebenkapellen hat man die Geschichte des preiswürdigsten aller Päpste durch Denkmale verherrlicht. Unter ihnen sieht man in der Kapelle Salviati ein kunstvolles Ciborium, die Stiftung eines Abts vorn Jahre 1469, worauf die Prozession und der über dem Mausoleum Hadrians schwebende Engel in Relief dargestellt ist. In der Kapelle Gregors zeigt auf der Vorderseite des Altars ein sehr feines Relief, wahrscheinlich aus derselben Zeit, den Papst im Gebet um die Erlösung der Seelen aus dem Fegefeuer; die auf Trajan bezügliche Legende hat der Künstler nicht dargestellt.

Baronius, ehemals Komtur des Kamaldulenserklosters bei S. Gregorio, war der Gründer von drei Kapellen neben dieser Kirche, welche St. Andreas, Santa Silvia und Santa Barbara geweiht sind. Die erste soll auf der Stelle aufgeführt sein, wo Gregor selbst jenem Apostel eine Kirche errichtet hatte. Ihre Wände schmücken Bilder Domenichinos und Guido Renis. Aber der verblaßte Ruhm dieser Fresken, welche keine Szene aus dem Leben Gregors vorstellen, zieht den Blick weniger an als das schlechte Gemälde eines unberühmten Künstlers in der Kapelle S. Barbara, welches der Bekehrung Englands gewidmet ist.

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