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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Die Dialoge Gregors. Legende vom Kaiser Trajan. Das Forum Traianum. Zustand der wissenschaftlichen Kultur. Anklagen gegen Gregor. Immer tieferer Verfall der Stadt. Gregor bemüht sich, die Wasserleitungen herzustellen.

Das bisher Erzählte mag hinreichen, unsere Ansicht über Gregor und die Römer seiner Zeit zu bestätigen, und es waren nur einige Züge aus dem Glauben und Wähnen der damaligen Menschheit. Wer dies vollständiger kennenlernen will, möge die Dialoge Gregors lesen, vier Bücher Wundergeschichten, welche er seinem getreuen Diaconus Petrus erzählt, während dieser hie und da ein Wort einfallen läßt, um die Form des Zwiegesprächs zu erhalten. Er schrieb sie im vierten Jahre seines Pontifikats. Wenige Bücher wurden so eifrig gelesen; sie verbreiteten sich im Morgen- und Abendlande in Abschriften und Übersetzungen, worunter am Ende des VIII. Jahrhunderts auch eine arabische erschien; noch nach längerem Zeitraum übersetzte sie der König Alfred von England in die sächsische Sprache. Die Herausgeber der Werke Gregors von der Kongregation des St. Maurus haben diesen Dialogen die Bekehrung der Langobarden zugeschrieben, und der Geschichtschreiber der Literatur Italiens behauptet, daß ihr Inhalt geeignet war, das kindliche Gemüt roher Völker zu überzeugen. Aber wer diese Erzählungen liest, muß dennoch wünschen, daß es der Kritik gelungen wäre, Gregor von ihrer Autorschaft zu befreien, denn er wird bekennen, daß sie dem Aberglauben gerade durch den Namen eines berühmten Papstes Autorität verleihen mußten. Ihr Nutzen in bezug auf Bekehrung war zweifelhaft oder vorübergehend, ihre Schädlichkeit bleibend. Eine Bedeutung jedoch haben die Dialoge, die man nicht übersehen darf: ihre Wundergeschichten waren nationalitalienisch und römisch. Denn Gregor erzählte nur solche Legenden, welche den Ruhm italienischer Heiliger seiner eigenen Zeit vermehrten und die sich durch den Beweis, daß die römische Kirche noch im Besitz der Wunderkräfte sei, gegen den Arianismus der Langobarden als Waffen gebrauchen ließen. Das ganze zweite Buch ist den Taten Benedikts geweiht, und so sendete Gregor seine Dialoge als stille Missionare der römischen Kirche in die Provinzen aus.

Für so viele wunderbare Geschichten, welche der große Papst erzählt hat, verdiente er selbst zum Gegenstand einer Legende zu werden. Eines Tags, so wurde im VIII. Jahrhundert geglaubt, ging Gregor über das Forum Trajans. Er betrachtete mit Erstaunen dies Wunderwerk römischer Größe, und sein Blick wurde von einem Bildwerke angezogen. Dasselbe stellte den in den Krieg ziehenden Trajan vor, wie er vom Pferde zu steigen im Begriff war, um einer flehenden Witwe Gehör zu geben. Die Matrone beweinte einen erschlagenen Sohn und forderte vom Kaiser Gerechtigkeit. Trajan versprach, ihre Sache zu richten, sobald er aus dem Kriege zurückgekehrt sei. »Wenn du aber fällst«, rief das arme Weib, »wer wird mir dann Recht geben?« und mit der Antwort, daß es der Nachfolger tun werde, sich nicht begnügend, machte sie auf Trajan solchen Eindruck, daß er vom Pferde stieg und ihr auf der Stelle das Recht erteilte. Diese Begebenheit sah Gregor dort dargestellt; tiefe Traurigkeit überkam ihn, daß ein so gerechter Herrscher der ewigen Verdammnis anheimgefallen sei. Er weinte darüber, bis er zum St. Peter kam, wo er in Verzückung fiel und eine himmlische Stimme rufen hörte: sein Gebet um Trajan sei erhört, die Seele des heidnischen Kaisers erlöst, aber er solle sich nie mehr beikommen lassen, für Heiden zu beten. Die Sage setzte später hinzu, daß Gregor den Staub des Kaisers wirklich auferweckt habe, um die Seele zu taufen, worauf jener wieder zerfallen, diese aber in den Himmel eingegangen sei.

Die kühne Vorstellung, daß ein heidnischer Kaiser, welcher durch sein Edikt an Plinius das Christentum als eine religio illicita den Verfolgungen des Staates überliefert hatte, von einem der heiligsten Päpste unter die Seligen des Himmels versetzt worden sei, widersprach den Dogmen der Kirche. Der Kardinal Baronius hat daher mit feierlichem Ernst über dieses schöne Märchen aus dem verwilderten Rom ein strenges Gericht gehalten, vom heiligen Gregor die unschuldigste Poesie mit einem breiten Schwamm abgewaschen und bewiesen, daß er weder Erbarmen um Trajan gefühlt, noch je für einen Heiden gebetet habe. Er konnte mit Recht zweifeln, ob zur Zeit Gregors noch Erzstatuen auf jenem Forum standen, aber sein Eifer erhitzte sich bei dieser Gelegenheit so sehr, daß er auf die Seele Trajans Berge von Verbrechen wälzte, nur um sie wieder in die Hölle hinabzustoßen. Wir wollen weder ihm noch dem Kardinal Bellarmin, welcher die Legende ohne Fanatismus widerlegt hat, weiter zuhören, sondern wir haben diese Sage als eine der merkwürdigsten Erinnerungen des versinkenden Rom aufgenommen. Sie zeigt uns die Römer des VIII. Jahrhunderts, wie sie mit schwächerem Gedächtnis die Säule Trajans bestaunten und sich wunderbare Geschichten von den Taten dieses edlen Kaisers erzählten; so wuchs jene Legende wie ein Schlinggewächs auf den Trümmern des Trajanischen Forum.

Der damalige Zustand dieses Forum ist uns unbekannt. Zur Zeit des Paul Diaconus, welcher jene Legende erzählt, also im VIII. Jahrhundert, scheint es noch nicht ganz zerstört gewesen zu sein. Noch nach der gotischen Zeit fuhren die Römer fort, in ihm sich zu versammeln, um den Homer oder Virgil und andere Poeten vorlesen zu hören, wie dies aus zwei Bemerkungen des Bischofs von Poitiers Venantius Fortunatus hervorgeht, welcher Gregors Zeitgenosse war. Er sagt:

Also geglätteten Stil pomphafter Poeme vornimmt wohl
    Rom, die erhabene, kaum dort im Forum Trajans.
Hättest du solches Gedicht vor dem Ohr des Senates gelesen,
    Goldene Teppiche dann legten zu Füßen sie dir.

Der Geschichtschreiber des römischen Senats im Mittelalter hätte diese Distichen benützen können, um die Fortdauer desselben zu beweisen, wenngleich sie sich mit gleicher Sicherheit ebensowohl auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart beziehen lassen. Ein moderner Forscher über die Literatur des italienischen Mittelalters hat sich indes durch jene Verse zu der Behauptung verführen lassen: »Am Ende des VI. Jahrhunderts las man feierlich den Virgil auf dem Forum des Trajan. Die gleichzeitigen Dichter deklamierten daselbst ihre Werke, und der Senat bestimmte einen Teppich von Goldtuch für den Sieger in diesen literarischen Kämpfen.« Wir wollen Redeblumen nicht für goldgewirkte Teppiche halten, aber auch wir glauben, daß man noch zur Zeit Gregors Verse im Trajanischen Forum deklamierte, und dies veranlaßt uns, nach dem damaligen Zustand der Wissenschaften zu fragen.

Während der Herrschaft Theoderichs und Amalasunthas haben wir in Rom die Schulen und ihre vom Staat besoldeten Lehrer noch wohlgepflegt gesehen, und die gotische Periode zieren noch die letzten Namen lateinischer Literatur von Bedeutung: Boëthius und Cassiodorus, die Bischöfe Ennodius, Venantius Fortunatus und Jordanes. Ihre Schriften lehren, daß Poesie, Geschichtschreibung, Philosophie und Beredsamkeit noch miteinander geübt wurden. Die klassische Verskunst der Alten war selbst aus der Kirche noch nicht verdrängt worden; zu derselben Zeit, als man im Forum Trajans den Virgil las, konnte man (im Jahre 544) in der Basilika St. Petri ad Vincula den Excomes und Subdiaconus Arator vor dem beifallklatschenden Publikum wiederholt sein Gedicht vorlesen hören, worin er die Apostelgeschichte in noch keineswegs barbarische Hexameter gebracht hatte. In der Zuschrift an den Papst Vigilius, welchem er dies Gedicht überreichte, entschuldigte er sich, indem er sagte, daß die Metrik der Heiligen Schrift nicht fremd sei, wie dies die Psalmen beweisen, und er war der Ansicht, daß auch das Hohelied, Jeremias und Hiob im Original in Hexametern geschrieben seien. Die Muse Virgils, die einen Subdiaconus des VI. Jahrhunderts besuchte, riß ihn zu einigen verschämten Erinnerungen hin, und wirklich klingt bei ihm das Heidentum bisweilen an; er gebraucht den Olymp für den christlichen Himmel und nennt Gott arglos noch mit dem Namen des Tonans, des alten Donnergotts. Vigilius nahm an diesen heidnischen Begriffen im Jahre 544 ebensowenig Anstoß, als es im XVI. Jahrhundert Leo X. tat, nachdem die Formen und Ideen des Altertums das Christentum wieder künstlich durchdrungen hatten. Und so erscheint das Heidentum mit antiker Metrik und mit der vollen Freude an der Kenntnis alter Poesie bei dem Zeitgenossen Gregors, dem berühmten irischen Mönch Columban, der als Stifter des Klosters Bobbio im Jahre 615 starb. Christus ist bei ihm in der naivsten Weise mit Pygmalion und Danae, mit Hektor und Achilles in Verbindung gebracht.

Aber die byzantinischen Kriege und der Sturz des gotischen Reichs mußten mit den öffentlichen Anstalten auch die humanen Wissenschaften begraben haben. Wir hören nichts mehr von Schulen der Rhetorik, Dialektik und Jurisprudenz in Rom; nur die Arzneikunst, welche Theoderich eifrig gepflegt hatte, mag dort noch in einiger Blüte gewesen sein; die römischen Ärzte scheinen sogar die Mediziner Ravennas an Ruf übertroffen zu haben, denn Marianus, der brustkranke Erzbischof dieser Stadt, wurde von Gregor nach Rom zur Kur eingeladen.

Der Unterricht der Jugend wurde wohl aus den kümmerlichsten Mitteln bestritten, die eher privater als öffentlicher Einrichtung waren; aufhören konnte er nicht, und es wird immer Lehrer und Schüler der humanen Wissenschaften gegeben haben. Wenn man den pomphaften Ausdrücken des Johannes Diaconus Glauben schenken will, so war freilich Rom unter der Regierung Gregors »ein Tempel der Weisheit, welchen die sieben Künste wie Säulen stützten«, und es gab in der Umgebung des Papsts keinen Mann, dessen Sprache oder Art barbarisch gewesen wäre, sondern ein jeder war in der lateinischen Literatur gebildet. Die Studien aller freien Künste blühten wieder auf, die Gelehrten hatten um ihr Leben nicht zu sorgen; ja der Papst umgab sich eher mit den gebildetsten als mit den höchstgestellten Personen. Kurz, Johannes Diaconus entwarf in der Barbarei seines eigenen IX. Jahrhunderts von dem Hofe Gregors ein Bild, als hätte er bereits den viel späteren Nikolaus' V. gesehen. Nur einen Mangel mußte der gelehrte Mönch bedauern: man konnte an der Kurie Gregors nicht Griechisch reden. Der Papst selbst bekannte, daß er nicht Griechisch verstand, und dies ist auffallend, da er doch so viele Jahre als Nuntius in Konstantinopel gelebt hatte; denn dort konnte er täglich Griechisch reden, wenn auch die höfische und offizielle Sprache noch immer die lateinische war. In Byzanz wiederum gab es niemand, der lateinische Schriften gut zu erklären wußte, und so sehen wir, wie vollständig die Entfremdung beider Städte voneinander und Roms von der klassischen Literatur der Griechen geworden war. Johannes Diaconus schreibt freilich seinem Gregor eine gründliche Schule in allen freien Disziplinen zu; er nennt ihn in der Grammatik, Rhetorik und Dialektik seit seiner Kindheit so sehr unterrichtet, daß er, obwohl noch zu jener Zeit (wie er sich ausdrückt) die literarischen Studien in Rom blühten, doch in der Stadt selbst niemand darin nachstand. Aber er verwischt sein eigenes Gemälde von dem Glanz der römischen Wissenschaft wieder, indem er mit klaren Worten sagt, Gregor habe den Geistlichen das Lesen der heidnischen Schriftsteller verboten; er selbst führt die berüchtigt gewordene Stelle in einem Briefe des Papsts an, aus der Gregors feindseliges Verhältnis zu den humanen Wissenschaften hervorgeht. Dieser schrieb an den gallischen Bischof Desiderius, er schäme sich, gehört zu haben, daß er einigen Personen die Grammatik lehre, und indem er von der alten Literatur als von Albernheiten redet und sie anzupreisen für gottlos erklärt, sagt er, es könne das Lob Christi und das Lob des Zeus nicht in einem und demselben Munde Raum haben. An einer anderen Stelle bekennt er, daß er die Barbarismen des Ausdrucks nicht vermeide und Syntax und Konstruktion zu beachten verschmähe, weil er es für unwürdig halte, das Wort Gottes in die Regeln des Donatus zu zwängen.

Man hat allen Grund, namentlich aus der ersten jener Stellen zu beweisen, daß Gregor sich gegen die humanen Wissenschaften feindlich verhalten hat, aber keinen zu behaupten, daß er selbst barbarisch oder unwissend gewesen sei. Seine Gelehrsamkeit war theologischer Natur. Wenn er Kenntnisse in der Dialektik der Alten besaß, was seine von der Philosophie nie berührten Schriften nicht erkennen lassen, so wies er sie von sich. Seine Werke tragen die Spuren seiner Zeit, aber Gregors Sprache erhebt sich manchmal zu einem rhetorischen Schwunge, und sein Latein ist nicht barbarisch. Seine eigene Stellung zwang ihn, auf das katholische Leben allein zu wirken, und indem er mit unglaublicher Geistestätigkeit den Sorgen seines Amts und seiner beständigen Kränklichkeit noch die Muße zu umfangreichen theologischen Schriften abgewann, ist es unnütz, von ihm und in seiner Zeit die Pflege der profanen Literatur oder nur die Einsicht in die Notwendigkeit derselben zur Bildung des Menschengeschlechts zu verlangen. Der Bekehrer Englands sah auch noch Italien vom süßen Heidentum hie und da berauscht; er konnte daher den Dichtern des Altertums nicht zugetan sein, und überhaupt muß der Bischof Gregor aus einem anderen Gesichtspunkt betrachtet werden als der klassisch gebildete Staatsmann Cassiodor, welcher die Mönche seines Klosters zum Studium der Grammatik und Dialektik ermunterte. Er selbst war der Gesetzgeber und Ordner des pomphaften römischen Kultus. Sein Lebensbeschreiber rühmt ihm nach, daß er die Sängerschule im St. Peter und Lateran gestiftet habe. Die Schule der gregorianischen Musik wurde die Lehrerin des Abendlandes; die älteste päpstliche Kapelle nahm die musikalischen Traditionen des Heidentums in sich auf, und wenn Gregor der Mythologie der alten Dichter den Krieg erklärte, duldete er ihre Rhythmen in der heiligen Messe.

In späteren Jahrhunderten, selbst noch in neuerer Zeit hat man gegen Gregor manche schweren Anklagen gerichtet, die sich jedoch nicht begründen lassen. Man hat ihm nachgesagt, daß er das Studium der mathematischen Wissenschaft unterdrückt habe, aber dieser Vorwurf gründet sich nur auf eine falsch ausgelegte Bemerkung eines englischen Schriftstellers vom Ende des XII. Jahrhunderts. Gewichtiger ist die Anklage desselben Antors, daß Gregor die Palatinische Bibliothek verbrannt habe, oder es ist merkwürdig zu wissen, daß im Mittelalter die Sage ging, der so eifrige Beförderer des Katholizismus habe die alte Bibliothek des Apollo zerstört. Allein das Schicksal der berühmten Büchersammlung, die einst Augustus im Porticus jenes Apollotempels aufgestellt hatte, ist völlig dunkel; vielleicht ließen sie die griechischen Kaiser nach Byzanz bringen, vielleicht fand sie in der Bedrängnis Roms ihren Untergang, oder sie bestand noch, von Staub und Würmern zerfressen, zur Zeit Gregors. In dem Sturz der Wissenschaften wurde die Augusteische wie die Ulpische Bibliothek mitbegraben, und an die Stelle der Schätze griechischer und lateinischer Weisheit, deren Untergang die Menschheit mehr beklagen muß als den Verlust aller steinernen Prachtwerke Roms und Athens, traten nach und nach die Akten der Märtyrer, die Schriften der Kirchenväter, die Dekrete und Briefe der Päpste in ihren eigenen Bibliotheken. Die erste Anlage im Lateran wird dem Papst Hilarus zugeschrieben; auch Gregor spricht von Bibliotheken in Rom, wie von dem Archiv der römischen Kirche, dem Vorgänger des heutigen Geheimen Archivs im Vatikan.

Wir dürfen uns den Versuch, Gregor von der Anschuldigung einer so unerhörten Barbarei zu reinigen, ersparen, da sie allein schon vor der Vorstellung nicht bestehen kann, daß die öffentlichen Werke nicht Eigentum des Papsts, sondern des Kaisers waren und daß dieser die Erlaubnis einer solennen Verbrennung der größten Bibliothek Roms niemals würde gegeben haben. Und wenn es mehr als eine Fabel wäre, daß Gregor mit besonderem Ingrimm den Schriften des Cicero und des Livius den Tod geschworen hatte und sie vernichtete, wo immer er ihre Codices auftrieb, so kann es einigermaßen trösten, daß ein glücklicher Zufall dem Kardinal Mai erlaubte, die Bücher Ciceros von der Republik aus dem Grab des römischen Mittelalters hervorzuziehen.

Die Verteidiger des großen Papsts wurden noch mehr in Eifer versetzt, denn zu jenem Verdacht gesellte sich ein kaum minder schwarzer: Gregor habe aus katholischem Eifer die antiken Denkmäler Roms zerstören lassen, sowohl um die letzten Reste des Heidentums zu vertilgen, als um zu verhindern, daß die Augen der Pilger von den Kirchen und Gräbern der Heiligen zu den schönen Werken des Altertums abgezogen würden. Zwei ungebildete Chronikenschreiber des XIV. Jahrhunderts erzählen dies; ein Dominikaner und ein Augustinermönch stellten sich mit Genugtuung den Papst vor, wie er den Götzenbildern der Alten die Köpfe herunterschlagen und die Glieder verstümmeln ließ. Ein Geschichtschreiber der Päpste ferner aus dem Ende des XV. Säkulum erzählt, daß Sabinianus, der Nachfolger Gregors, während einer Hungersnot das Volk gegen das Andenken jenes großen Papsts erbitterte, weil derselbe die antiken Standbilder überall in der Stadt zertrümmert habe; man behauptete sogar, daß er Statuen massenweise in den Tiber werfen ließ. Aber auch diese Beschuldigung, welche nicht nur bei Protestanten, sondern auch bei vielen Katholiken Glauben fand, läßt sich nicht erweisen. Gregor mußte allerdings gegen die schöne bildende Kunst der Alten gleichgültig sein, doch wir stimmen gern mit denen überein, welche auf seine Liebe zu Rom, auf das Eigentumsrecht des Kaisers an allen öffentlichen Werken, endlich auf die vielen den Papst überlebenden Monumente der Stadt hingewiesen haben. Nur erkennen wir in den Behauptungen des Mittelalters eine gewisse Gerechtigkeit des Urteils im allgemeinen: denn den Vorwurf des Vandalismus müssen einige Päpste mit den Barbaren teilen; der Untergang mancher schönen Statue ist sicherlich der frommen Aufwallung dieses oder jenes Bischofs zuzuschreiben.

Die Stadt selbst ging unrettbar mit jedem Tage mehr und mehr in Ruinen. Gregor, welcher die Tempel Roms mit Gleichgültigkeit zerfallen sah, betrachtete voll Kummer die zerbrochenen Wasserleitungen, die bald gänzlich untergehen mußten, wenn der Staat nicht für ihre Restauration sorgte. Er schrieb wiederholt an den Subdiaconus Johannes, seinen Nuntius in Ravenna, den Präfekten Italiens dringend um die Herstellung der Aquädukte anzugehen; er bat ihn, den Vicecomes Augustus mit der Sorge dafür zu beauftragen. Dieser Beamte scheint auch wirklich mit dem alten Titel eines Grafen der Wasserleitungen von Ravenna aus bekleidet gewesen zu sein. Aber nichts weiter geschah; die Aquädukte blieben dem Verfalle preisgegeben; vielleicht mit Ausnahme geringer Versuche wurde kein einziger wieder instandgesetzt.

Im allgemeinen ist es nur bei Gelegenheit von Kirchen und Klöstern, daß alte Namen Roms auch zur Zeit Gregors flüchtig wieder erscheinen; denn schon bedeckte immer tiefere Nacht die Monumente des Altertums.

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