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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 61
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Gregor schließt mit Agilulf Frieden. Phokas besteigt den Thron von Byzanz und wird von Gregor beglückwünscht. Die Phokassäule auf dem Römischen Forum.

Gregor übte in der Tat fast die Gewalt eines Herrschers aus, da die Fäden der weltlichen Regierung von selbst in seine Hände kamen. Dies betrifft nicht allein die Stadt Rom, sondern auch andere Orte; denn es findet sich einmal, daß er nach dem tuszischen Kastell Nepe einen Dux Leontius abschickt, indem er Klerus, Ordo und Volk ermahnt, demselben zu gehorchen, ja daß er sogar nach Neapel einen Tribun sendet, diese von den Langobarden bedrängte Stadt zu schützen, und den darinliegenden Truppen Gehorsam gegen dessen Anordnungen befiehlt. Früher hatte er dem Bischof Januarius von Cagliari in Sardinien aufgetragen, in allen Orten Wachen bereit zu halten. Weil die Sorge um Rom ihm um so viel näher lag, kann es nicht befremden, wenn er dort wie ein weltliches Oberhaupt mit militärischen Maßregeln sich beschäftigt und an die Truppenführer schreibt, daß er es nicht für gut gehalten habe, das Kriegsvolk aus Rom zu ihnen stoßen zu lassen, und wenn er ihnen in betreff der Unternehmungen gegen den Feind Ratschläge erteilt.

Die heillose Lage Italiens und die unmittelbare Bedrängnis Roms machten Gregor zum Vermittler des Friedens, den er endlich seiner eigenen Kraft verdankte. Er fühlte seine Macht so sehr, daß er dem Kaiser durch seinen Nuntius sagen ließ, wenn er, sein Diener, es auf den Untergang der Langobarden abgesehen hätte, so würde heute dieses Volk weder einen König, noch einen Herzog oder Grafen mehr haben. Er wollte jedoch mit ihnen, deren Bekehrung er voraussah oder deren Rache an den vielen katholischen Kirchen und Gütern in ihrem Gebiet er fürchtete, einen gütlichen Frieden, und er mühte sich jahrelang, ihn zu erhalten, während die Ränke des Exarchen ihn daran hinderten. Er kam endlich durch die Vermittlung seines Abgesandten, des Abts Probus, im Jahre 599 zustande. Es scheint indes, daß ihm der Kaiser Mauritius dazu Vollmacht erteilt hatte. Die beiden unterhandelnden Parteien waren auf der einen Seite Agilulf und seine Herzöge, unter ihnen der für Rom gefährlichste Ariulf in Spoleto, auf der andern der zum Frieden geneigte Exarch Kallinikus, des Romanus Nachfolger. So groß war das Ansehen Gregors, daß der Langobardenkönig ihn wie eine selbständige Macht betrachtete; er schickte seine Boten nach Rom und verlangte, der Papst solle die Friedensurkunde unterzeichnen. Aber Gregor wich diesem Ansinnen aus; er wollte durch seine Unterschrift nicht eine Verantwortung auf sich laden; und außerdem: ein Papst jener Tage erkannte sich selbst nur als einen Priester, der nach dem Gebot des Evangelium weltlichen Händeln und politischen Dingen fern bleiben müsse. Der Begriff der königlichen, mit dem Priestertum verbundenen Gewalt war noch unbekannt, die Theorie von den beiden Schwertern noch nicht erfunden worden. Der Waffenstillstand wurde bis zum März des Jahres 601 ausgedehnt und dann wahrscheinlich verlängert, da sich spätere Briefe finden, in denen Gregor den Magister Militum Maurentius und den Herzog Arichis von Benevent bittet, ihm die aus Bruttien besorgten Balken für die Basiliken St. Peter und St. Paul ans Meer schaffen zu lassen.

In der zweifelvollen Ruhe, deren die Stadt jetzt genoß, überraschte sie die Nachricht von einer blutigen Umwälzung in Konstantinopel. Der mannhafte Kaiser Mauritius, der das Reich gegen die Avaren mit Glück verteidigt hatte, war einem Militäraufstande zum Opfer gefallen, und eins der verruchtesten Ungeheuer, welche die byzantinische Geschichte kennt, hatte den Thron bestiegen. Der Empörer Phokas, ein gemeiner Centurio, bedeckt mit dem Blute des Kaisers und seiner fünf Söhne, die er vor dem Angesicht des Vaters mit unglaublicher Barbarei hatte schlachten lassen, herrschte seit dem 23. November 602 im Palast Justinians. Der neue Kaiser eilte, sein und seines Weibes Leontia Bildnisse nach Rom zu senden, wo sie am 25. April 603 anlangten. Es war nämlich ein schon alter Gebrauch, daß der jedesmalige Kaiser gleich nach der Thronbesteigung sein und seiner Gemahlin Bild unter einem Geleite von Soldaten und Flötenspielern an die Magistrate der Provinzen schickte. Man nannte diese Bilder »Laurata«, wahrscheinlich, weil sie mit einem Lorbeerkranz um das Haupt geschmückt waren; sie vertraten die Stelle der Kaiser, und die knechtischen Völker erröteten nicht, ihnen, wenn sie in den Städten anlangten, feierlich mit angezündeten Kerzen entgegenzuziehen, wie lebendigen und göttlichen Wesen zu huldigen und sie dann an einem geweihten Orte aufzustellen, Als nun die Bildnisse in Rom eingetroffen waren, versammelten sich Geistlichkeit und Adel in der Basilica Iulii im Lateran, und mit dem Zuruf: »Erhöre Christus! Dem Phokas Augustus und der Leontia Augusta Leben!« riefen sie den Tyrannen zum Kaiser aus. Dann befahl der Papst, das Doppelbildnis im Oratorium des Märtyrers Caesarius im bischöflichen Palast aufzustellen. Unter jener Basilica Iulii ist nicht eine Kirche zu verstehen. sondern irgendein Teil des Lateranischen Palastes. Der für diese Huldigungsfeier gewählte Ort war also keineswegs der alte Cäsarenpalast, sondern eine Halle im Patriarchium des Lateran. Von der Anwesenheit eines kaiserlichen Beamten vernehmen wir nichts, noch geschieht des Senats bei einer so wichtigen Handlung, als es die Anerkennung des neuen Oberhaupts des Reiches war, irgend Erwähnung. Vielmehr ist es wiederum der Papst, welcher auch den Befehl gibt, das kaiserliche Bildnis in dem Oratorium eines Märtyrers aufzustellen, und auch dies haben wir im Lateran zu suchen.

Gregor mußte im Grund seiner Seele einen Kaiser verabscheuen, der unter Blutströmen sieh der Herrschaft bemächtigt hatte; aber die Politik zwang ihn, unterwürfige Glückwünsche an Phokas und Leontia zu schreiben. Er ließ Himmel und Erde frohlocken, als ob mit dem Tode des gerechten, ihm einst persönlich befreundeten Mauritius (er hatte das wachsende Ansehen des römischen Bischofs durch den Patriarchen Konstantinopels zu verkürzen getrachtet) ein unerträgliches Joch von Rom genommen und mit der neuen Regierung die Freiheit und das Glück wiedergekehrt seien. Diese Briefe kann man nur mit Scham lesen; sie sind die einzige dunkle Stelle im Leben des großen Mannes und haben sich zu seinem eigenen Nachteil erhalten, wie sich zur Unehre Roms die Ehrensäule des Phokas auf dem Forum erhalten hat.

Gregor hatte keinen Anteil mehr an ihrer Errichtung, denn sie wurde erst vier Jahre nach seinem Tode aufgestellt. Die unglücklichen Römer, über deren Häuptern sich die majestätischen Säulen des Trajan und der Antonine erhoben, auf ihren Gipfeln vielleicht noch die Standbilder jener ruhmgekrönten Kaiser tragend, wurden durch den Exarchen gezwungen, sich von Phokas die Ehre seiner Standsäule für die Stadt zu erbitten, und Smaragdus stellte sie auf dem Forum seitwärts gegenüber dem Triumphbogen des Septimius Severus auf. Weder Rom noch die Kunst besaßen mehr die Mittel, eine neue Säule zu schaffen; man entnahm eine antike korinthischer Ordnung von 78 Palm Höhe irgendeinem alten Gebäude und ließ sie auf ein großes Postament von vierfacher pyramidenartiger Treppenaufstufung setzen. Über dem erhöhten Kapitell wurde das vergoldete Bronzebild des Kaisers aufgestellt, und wenn der Künstler nicht zu schmeicheln verstand, so konnten die Römer besser als in S. Cesario die struppige Mißgestalt des byzantinischen Herrschers betrachten. Wir hegen indes leisen Zweifel, daß diese Bildsäule eine wirkliche Porträtfigur und das Werk eines damals lebenden Künstlers gewesen ist; wahrscheinlich wurde irgendeine alte römische Kaiserstatue nur auf den Namen des Phokas umgetauft; und dies konnte um so leichter geschehen, sowohl weil ein solches Verfahren traditionell römisch war, als weil kein Römer diesen byzantinischen Tyrannen mit Augen gesehen hatte. Der letzte öffentliche Schmuck im Sinne der Alten, der in Rom schon unter Ruinen aufgerichtet wurde, war demnach dies Standbild des Phokas, das Denkmal der byzantinischen Knechtung Roms.

Der Zufall hat diese eine Säule erhalten, während ringsum die Statuen und Säulen des Forum spurlos untergingen; sie stand alle Jahrhunderte hindurch, obwohl in Schutt, aufrecht und reizte die Wißbegierde der Forscher, bis am 23. März 1813 ihr Fußgestell befreit und die Inschrift enthüllt ward. Den Namen des Kaisers hatte der gerechte Haß der Römer samt einigen seiner schmeichlerischen Prädikate bereits ausgelöscht. Die Säule des Phokas steht noch heute an ihrem Ort; indem sie zwischen namenlosen Postamenten, von denen die Standbilder längst verschwunden sind, mitten unter einem Chaos von hingestürzten Marmortrümmern selber kopflos, bildlos und einsam aufragt, stellt sie das Lebensbild eines Despoten ausdrucksvoller dar, als es die beste Rede eines Tacitus zu tun vermochte.

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