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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Zweites Kapitel

1. Zustand der Monumente im V. Jahrhundert. Übertreibungen der Kirchenväter vom Umsturz der Bildsäulen. Die Schilderung Roms von Claudian. Die schützenden Edikte der Kaiser. Versuche Julians zur Wiederherstellung des alten Kultus und ihre Folgen.

Die Regionenverzeichnisse geben einen Begriff von der Gestalt Roms am Anfange des V. Jahrhunderts, aber sie sagen nichts von dem Zustande aller jener Prachtgebäude, welche dem heidnischen Kultus so lange Zeit als Stätte und Szene gedient hatten. Waren die Tempel Roms nur verödet und ihre Götter hinter verschlossenen Türen in die Einsamkeit der Zellen verbannt? oder hatte der triumphierende Haß der so lange verfolgten Christen diese zerschlagen, jene entstellt und zertrümmert? Oder war endlich die neue Religion, der praktischen Klugheit und dem Bedürfnisse nachgebend, bereits in diese und jene Tempel eingezogen, um nach vollendeter Reinigung durch Weihwasser und Gebet von ihnen Besitz zu ergreifen und sie zur Wohnung des Kreuzes umzugestalten?

Die Kirchenväter entlehnten von den Juden den Haß gegen Rom, welches sie Babylon und Sodom nannten, sooft sie von den Heiden der Stadt sprachen, aber mit dem heiligen Jerusalem verglichen, sobald sie von der Menge ihrer Nonnen und Mönche redeten: wollte man nun einige ihrer Auslassungen wörtlich nehmen, so müßte man glauben, daß die Tempel und die Götterbilder schon vor dem Einbruche Alarichs umgestürzt waren. Nach dem Falle Roms schrieb der heilige Augustin: alle Götter der Stadt seien bereits vorher niedergeworfen worden. Er hielt eine Predigt über das Evangelium Lukas und wies in ihr die Vorwürfe der Heiden zurück, welche behaupteten, daß nicht der barbarische Feind, sondern Christus Rom zerstört habe, weil die alten, ehrwürdigen Götter durch ihn vertilgt worden seien. »Es ist nicht wahr«, so rief er aus, »daß gleich nach dem Untergange der Götter Rom erobert und ins Elend gestürzt wurde; denn schon vorher waren die Idole umgeworfen, und dennoch wurden die Goten unter Radagaisus besiegt. Erinnert euch dessen, o Brüder, es ist nicht lange her, es sind nur wenige Jahre. Nachdem in Rom alle Bildsäulen umgestürzt waren, kam der Gotenkönig Radagaisus mit einem viel gewaltigeren Heer, als es Alarich führte, und dennoch und obgleich er dem Zeus opferte, wurde er geschlagen und vernichtet.«

Um dieselbe Zeit frohlockte Hieronymus, indem er eine Apostrophe an Rom richtete: »Mächtige Stadt, Gebieterin des Erdkreises, Stadt, mit der Stimme des Apostels gelobt, deinen Namen Roma übersetzt der Grieche mit ›Kraft‹, aber mit ›Hoheit‹ der Hebräer. Weil du Sklavin genannt wirst, soll sich die Tugend erheben, nicht die Lust erniedrigen. Dem Fluche, welchen dir der Erlöser in der Apokalypse gedroht hat, kannst du durch Buße entrinnen, des Beispieles Ninives eingedenk. Höre dich vor Jovinians Namen, der von einem Götzenbilde stammt. Es starrt das Kapitol von Schmutz, die Tempel des Zeus und die Zeremonien sind gefallen.« In einer anderen Schrift vom Jahre 403 sagte derselbe Kirchenvater: »Das goldene Capitolium starrt in Schmutz. Alle Tempel Roms sind mit Ruß und dem Gewebe der Spinnen umzogen. Die Stadt erhebt sich von ihren Sitzen, und das Volk eilt, den halbzerstörten Tempeln vorüberströmend, zu den Gräbern der Märtyrer. Wen nicht die Vernunft zum Glauben treibt, den zwingt dazu die Scham.« Er gedachte dabei mit Stolz des Gracchus, eines Vetters der frommen Laeta, an die er jenen Brief schrieb, wie derselbe als Präfekt der Stadt die Höhle des Mithras und alle Götzenbilder, die den Sternen Korax, Nymphe, Miles, Leo, Perses, Helios, Dromo und Pater geweiht waren, umstürzte und zerbrach, um sich sodann taufen zu lassen, und er rief voll Freude aus: »Das Heidentum der Stadt ist in die Einsamkeit verstoßen; die einst die Götter der Nationen waren, sind mit Fledermäusen und Eulen auf den öden Dachgiebeln zurückgeblieben. Die Fahnen der Krieger bezeichnet das Kreuz, den Purpur der Könige und die edelsteinprangenden Diademe schmückt das Abbild des erlösenden Galgens.«

Um solche Gemälde der Verwüstung Roms als Übertreibungen zu erkennen, reicht schon eine einzige Stelle Claudians hin. Es ist jene, wo der Dichter im Jahre 403 auf den Kaiserpalästen steht und dem in die Stadt eingezogenen Honorius dieselben Tempel und Götter zeigt, welche ihm als Knaben sein Vater Theodosius zum erstenmal gezeigt hatte:

Über die Rostra erhebet den Gipfel die Regia hoch auf,
Schaut so viele der Tempel umher: und der Götter so viele
Stehn als Wächter um sie. Schön unter dem Dache des Tonans
Sind ob Tarpejischem Felsen zu schaun hochschwebende Riesen,
Schön gebildete Türen, und Statuen mitten in Wolken
Fliegend, und dient vom Gedränge der Tempel und dichter der Äther.
Auf den geschnäbelten Säulen so viel auch erzener Bilder,
Und die Gebäude sodann ob riesigem Grundbau ruhend,
Wo die Natur aufhäufete Kunst; und unzählige Bogen
Spolien-schimmernd; es starrt das Auge von Flammen des Erzes,
Und den geblendeten Blick macht ringsum strömendes Gold stumpf.

Aber der erbitterte Kampf des Christentums gegen die heidnische Gestalt Roms hatte hier bereits manche Veränderungen hervorgebracht. In den orientalischen Provinzen waren viele Tempel gewaltsam zerstört, in Rom selbst manche bei Volksaufständen verwüstet worden. Auch mußte der Haß der Christen Hunderte von Statuen zerbrochen und verstümmelt haben. Nur die völlige Zerstörung der berühmtesten Prachtwerke verhinderten die Gesetze der Kaiser, die ehrwürdige Größe der Stadt und ihre Erinnerungen und die ansehnliche Macht einer heidnischen Aristokratie, welche im Senat noch immer zahlreich vertreten war. Eifersüchtig auf die Erhaltung ihrer Denkmäler, bewahrten die Römer diese mit solcher Liebe, daß sie noch das Lob des griechischen Geschichtschreibers Procopius dafür belohnte, welcher hundertundfünfzig Jahre nach Honorius schrieb: »Obwohl die Römer lange die Herrschaft der Barbaren ertragen hatten, haben sie doch die Gebäude der Stadt und die meisten ihrer Zierden, soviel es möglich war, bewahrt, und der Zeit wie der Vernachlässigung widerstehen diese Werke durch ihre Größe und Tüchtigkeit.« Christliche Römer konnten kaum die Zerstörungslust solcher Fremdlinge teilen, wie Augustinus oder Hieronymus waren, sondern zur Ehre ihrer Vaterlandsliebe darf man annehmen, daß die wenigsten ihren Abscheu gegen den Kultus der Idole soweit steigerten, Rom der Wunder zu berauben, welche ihre großen Väter errichtet und die Ereignisse von Jahrhunderten geheiligt hatten.

Es war außerdem die Pflicht des Stadtpräfekten, über die monumentalen Gebäude, die Statuen und Triumphbogen und über alles dasjenige zu wachen, was Rom zur öffentlichen Zierde gereichte. Aus den ihm angewiesenen Einkünften hatte er die Wiederherstellung verfallener Bauten zu bestreiten, und noch im Jahre 331 oder 332 ließ der römische Senat den Tempel der Concordia auf dem Kapitol restaurieren. Weder Constantin noch seine Söhne waren erbitterte Feinde der alten Götter, welche sie aus Staatsklugheit abgeschworen hatten, und die Reihenfolge der Edikte aller folgenden Imperatoren lehrt, daß ihre Fürsorge sich auf die Prachtwerke Roms ohne Unterschied erstreckte, mochten sie dem heidnischen Kultus oder dem bürgerlichen Bedürfnis angehören. Gesetze verboten den Präfekten und andern Beamten, neue Gebäude in Rom aufzuführen, statt ihre Sorgfalt auf die Erhaltung der alten zu lenken. Sie untersagten, die alternden Monumente ihrer Steine zu berauben, ihre Fundamente zu zerstören, ihre Marmorbekleidung abzubrechen, um sich dieses Materials zu Neubauten zu bedienen. Was die Tempel im besondern betraf, so fielen auch sie in dieselbe Kategorie der öffentlichen, die Stadt zierenden Denkmäler. Den Kaisern lag der Gedanke fern, ihre Zerstörung zu gebieten; sie befahlen nur, sie zu schließen, und setzten die Strafe des Gesetzes auf das Betreten oder Umgehen derselben, wie auf die heidnischen Opfer. Sobald aber die Christen sich an Tempeln vergriffen, was sie vor den Mauern der Stadt und auf dem Lande sicherer wagen konnten, so sahen Edikte dem Wiederkehren solcher Fälle vor. »Wiewohl«, so gebot der Kaiser Constans im Jahre 343, »jeder Aberglaube völlig zu vertilgen ist, so wollen wir doch, daß die Tempelgebäude, welche außerhalb der Mauern liegen, unberührt und unverderbt bestehen bleiben. Denn da aus einigen der Ursprung von Spielen oder von zirzensischen und agonalischen Vergnügungen hervorgegangen ist, so ziemt es nicht, dasjenige zu zerstören, aus welchem dem römischen Volk die Festlichkeit alter Spiele erwächst.«

Julianus, ein verspäteter hellenischer Philosoph, jung und feurig, von den großen Gestalten des Altertums begeistert, voll Abscheu gegen die fanatischen Priester, die ihm durch pedantischen Zwang das Christentum verleidet hatten, und von einer idealen Sehnsucht nach der alten Griechenwelt getrieben, versuchte es sogar, den Kultus der antiken Götter wieder einzuführen. Die Altgläubigen waren jetzt die Verfolgten und Unterdrückten, für deren Rechte er sich erhob. In der Umwälzung des gesamten Lebens, welche die neue Lehre erzeugte, sah er mit den Göttern Griechenlands auch die Wissenschaft, die Kunst und Literatur untergehen, die den höchsten Schatz der Menschheit bildeten. Von den heidnischen Philosophen Athens und Asiens hatte er die aristokratischen Lehren der alten Weisheit in sich aufgenommen, aber sie blieben ein totes Wissen ohne lebenzeugende Kraft. Weder die homerischen Helden noch die Philosophen konnten auf dieses Kaisers Ruf mehr auferstehen. Auf sein Gebot öffneten oder erhoben sich zwar die alten Tempel wieder, und die ergrauten Priester, denen er Privilegien und Immunitäten zurückgab, opferten wieder dem Mithras, der Pallas und dem Jupiter; doch diese Reaktion konnte nur einen flüchtigen Fanatismus erzeugen. Vergebens wandte sich der abtrünnige Kaiser von der neuen, schon hoch emporgestiegenen Sonne der Menschheit hinweg, um mit bizarrem Trotz den untergehenden Helios der Griechen anzubeten. Julian starb, wie man behauptet, mit dem Ausruf: »Du hast gesiegt, o Galiläer!« Sein eigensinniger Kampf gegen die große christliche Revolution der Welt konnte diese nicht mehr hemmen. Seine Restaurationspläne fielen als unberechtigt und unvernünftig mit ihm selbst, und die neue Lehre Christi gewann durch sie eine um so größere Kraft. Rachevoll erhoben sich jetzt die Christen im ganzen Reich. Sie unternahmen, von fanatischen Mönchen angeführt, Kreuzzüge gegen die Tempel und Statuen der Heiden. In wenigen Dezennien fielen die prachtvollen Heiligtümer in Damaskus und Ephesus, in Karthago und Alexandria, wo das Wunder des Morgenlandes, das Serapeum, mit allen seinen Kunstschätzen im Jahre 391 verbrannt wurde, ohne daß die Welt, wie die Ägypter erwartet hatten, deshalb unterging. Die Heiden waren in Verzweiflung. Die Behörden, zum Teil selbst noch altgläubig, nahmen anfangs zu einem seltsamen Schutzmittel ihre Zuflucht, indem sie christliche Soldaten als Wache vor den bedrohten Tempeln aufstellten. Doch Valentinian verbot dies als Mißbrauch der christlichen Religion durch sein Edikt aus Mailand vom Jahre 365 an Symmachus, den Präfekten der Stadt, nicht sowohl aus Feindschaft gegen das Heidentum, als aus Gefälligkeit gegen die christlichen Bischöfe, denn sowohl er als Valens hielten noch an den römischen Grundsätzen der religiösen Toleranz fest.

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