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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Siebentes Kapitel

1. Einfall der Horden des Buccelin und Leuthar in Italien und ihre Vernichtung. Triumph des Narses in Rom. Die Goten kapitulieren in Compsa. Zustand Roms und Italiens nach dem Kriege. Die Pragmatische Sanktion Justinians. Erhöhte Stellung des römischen Bischofs. Der Senat. Die öffentlichen Anstalten. Der Papst Vigilius stirbt. Pelagius Papst 555. Sein Reinigungseid.

Der Sieg des Narses war nicht vollständig, denn eine furchtbare Barbarenüberschwemmung ergoß sich plötzlich über das unglückliche Italien und drohte Rom in Trümmern zu begraben. Schon Teja hatte durch Versprechungen von Beutelohn und durch die Schätze Totilas die Franken zum Einbruch in dieses Land zu bewegen gesucht, und dringender hatten sie die Goten Oberitaliens herbeigerufen. Der Untergang des wohlgeordneten gotischen Reichs brachte die erst durch Theoderich gehemmte Völkerwanderung wieder in Fluß. Italien, durch so langen Krieg und tausendfache Plagen zerrissen, schien für Eroberer eine wehrlose Beute. So stiegen mehr als 70 000 Alemannen und Franken unter der Führung zweier Brüder, Leuthar und Buccelin, die Alpen herab und durchzogen mit unbeschreiblichem Verheeren die oberen Provinzen. Die schwachen griechischen Heerhaufen leisteten nur geringen Widerstand. Der Feldherr selbst war von Ravenna nach Rom geeilt, wo er den Winter von 553 auf 554 zubrachte, und der drohenden Haltung, die er dort einnahm, war es zu verdanken, daß die Barbaren sich nicht auf die Stadt warfen. Sie mieden selbst ihr Gebiet und brachen in Samnium ein, wo sie sich in zwei Züge teilten. Leuthar zog längs des Adriatischen Meeres bis nach Otranto, Buccelin verwüstete Kampanien, Lukanien und Bruttien bis zur sizilischen Meerenge.

Diese gierigen Raubschwärme durchwanderten das südliche Italien mit der Schnelligkeit und der Vernichtungswut entfesselter Elemente; ihr Anblick erschreckt den Geschichtschreiber, indem er den Begriff von der Menschheit erniedrigt: denn dieses Ereignis, eines der trostlosesten in der Geschichte Italiens, gleicht zu genau schrecklichen Naturerscheinungen. Leuthar war gegen Ende des Sommers 554 mit seinen beutebeladenen Scharen bereits nach dem Po zurückgekehrt, als die Pest ihn und seine Horden verschlang. Buccelin dagegen, bei Reggio umgekehrt, hatte das Gebiet Capuas erreicht. Hier bei Tannetus, am Flusse Casilinus oder Vulturnus, fand er Narses vor sich, welcher von Rom herabgezogen war. Nach einer so mörderischen Schlacht, wie es die des Marius gegen die Kimbern und Teutonen gewesen war, erlag die dichte Menge halbnackter Barbaren der Kriegskunst der griechischen Veteranen; sie wurden wie das Vieh niedergehauen, so daß sich kaum fünf durch die Flucht retteten.

Narses war der Befreier Italiens geworden; die Vernichtung jener Horden gab ihm mehr Ansprüche auf die Dankbarkeit der Mitwelt als sein Sieg über die Goten. Mit der unermeßlichen Beute der Getöteten, dem Gute Italiens, beladen, zog das griechische Heer frohlockend in das gerettete Rom ein; die Straßen der öden Stadt erglänzten von dem allerletzten Siegesgepränge, welches die Römer sahen. Der Triumphzug des Narses galt der Bezwingung der germanischen Völker in Italien, von denen dieses Land wieder frei geworden war; er galt der Wiederherstellung der Einheit des Römischen Reichs unter dem Zepter des byzantinischen Kaisers und auch jener der katholischen Kirche, welche den Arianismus besiegt hatte. Narses konnte für würdig erachtet werden, auf den Spuren alter römischer Triumphatoren zum Kapitel emporzuziehen; aber dieses ehrwürdige Kapitol war nur noch eine trümmervolle Stätte großer Erinnerungen. Ihm entsprach das Aussehen des Senats, einer kleinen Schar von Edlen in der purpurverbrämten Toga, welche als Schatten der Vergangenheit den Sieger vor dem Stadttore begrüßten. Der Triumphator, ein frommer Eunuch, zog nach der Basilika des St. Peter, auf deren Stufen ihn die Geistlichkeit mit Hymnen empfing, und er warf sich betend am Apostelgrabe nieder. Seine Krieger, reich beschenkt und mit Beute überladen, gaben sich jetzt schwelgerischen Genüssen hin: »sie vertauschten Eisenhelm und Schild mit Becher und Lyra.« Aber Narses, welcher, wie wenigstens die Priester ihm nachrühmten, gewohnt war, alle seine Siege dem Gebete zuzuschreiben, rief seine Truppen zusammen, ermahnte sie zur Mäßigung und Frömmigkeit und forderte sie auf, den Trieb zur Schwelgerei durch unausgesetzte Waffenübung zu bezähmen. Noch wartete ihrer ein letzter Kampf; denn 7000 Goten, Begleiter jener Alemannen, hatten sich in das Kastell Compsa oder Campsa geworfen und leisteten daselbst unter der Führung des Hunnen Ragnaris hartnäckigen Widerstand, bis sie sich endlich im Jahre 555 dem Narses ergaben.

Nachdem wir die Geschichte dieses langen und fürchterlichen Krieges um den Besitz Italiens vollendet haben, können wir daraus Folgerungen für den damaligen Zustand der Stadt Rom ziehen. Sie war fünfmal in einem kurzen Zeitraum durch Krieg verheert und fünfmal erobert worden. Hunger, Schwert und Pest hatten ihre Bewohner zu Tausenden hingerafft; samt und sonders zu einer Zeit von den Goten ausgetrieben, waren sie darauf wieder, doch nicht mehr in gleicher Anzahl, zurückgekehrt, um neuen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt zu sein. Wir können ihre Zahl nach Beendigung desselben nicht mit Bestimmtheit angeben, aber nach allen Voraussetzungen dürfte sie mit 30 000 bis 40 000 Seelen eher zu hoch als zu niedrig berechnet werden. Denn die Erschöpfung und das Elend Roms konnte zu keiner Zeit, selbst nicht in der Periode des sogenannten Exils der Päpste zu Avignon, größer sein als nach der Beendigung des Gotenkriegs. Alle bürgerlichen Verhältnisse waren bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden. Der Privatbesitz mit seinen Resten von solchen Kostbarkeiten des Altertums, welche den Vandalen und Goten entgangen sein mochten, war durch die Not der Belagerungen und durch die Erpressung der Griechen verschwunden. Die übriggebliebenen, an den Bettelstab gekommenen Römer erbten von ihren Vorfahren kaum mehr als die nackten und verwüsteten Wohnungen oder die Eigentumsrechte auf entfernte Besitzungen und nahe Äcker der Campagna, welche, schon seit dem III. Jahrhundert öde, jetzt in eine menschenleere Wüste verwandelt war. Aller Landbau mußte auf ihr verschwunden, jede Ansiedlung zerstört sein, während um die zerbrochenen Wasserleitungen sich weite Sümpfe bildeten.

Der damalige Zustand Roms spiegelt sich in dem allgemeinen Italiens ab, und ihn zu schildern, verzagen wir und bestätigen, was ein Geschichtschreiber über jene Epoche gesagt hat, daß die menschliche Seele in sich nicht die Kraft zu finden vermöge, soviel Wechselfälle des Glücks, Vernichtung von Städten, Flucht von Menschen, Mord von Völkern nur mit dem Gedanken zu umfassen, geschweige denn mit Worten auszudrücken. Italien war mit Leichen und Trümmern bestreut von den Alpen bis nach Tarent; Hunger und Pest, den Spuren des Krieges folgend, hatten ganze Landschaften zu Einöden gemacht. Procopius unternahm es, die Zahl der durch die griechischen Kriege Umgekommenen zu berechnen, aber er verzweifelte, den Sand am Meer zu zählen. Für Afrika rechnete er fünf Millionen, und weil Italien dreimal größer war als jene ehemals vandalische Provinz, so meinte er, daß der Verlust hier im Verhältnis beträchtlicher gewesen sei. Ist dies gleich Übertreibung, da das damalige Italien schwerlich mehr als fünf Millionen Einwohner zählen konnte, so mußte doch dieses Land mindestens den dritten Teil davon verloren haben. Unter den furchtbaren Stürmen des Gotenkrieges ging eigentlich erst die antike Gestalt des Lebens sowohl in Rom als in ganz Italien für immer unter. In den verbrannten, verödeten Städten blieben als Zeugnisse der alten Herrlichkeit nur Ruinen zurück. Die Weissagung der Sibyllen war erfüllt. Eine tiefe Nacht der Barbarei senkte sich auf die verschüttete lateinische Welt, worin kein anderes Licht mehr sichtbar war als der Kerzenschein in der Kirche und die einsame Studienlampe des grübelnden Mönchs im Kloster.

Die Angelegenheiten Italiens ordnete Justinian durch die Pragmatische Sanktion vom 13. August 554, ein berühmtes Edikt in 27 Artikeln, welches er auf Bitten des Papstes Vigilius erließ. Italien mit dem östlichen Reiche vereinigend, bestätigte er alle Erlasse des Königs Athalarich und seiner Mutter Amalasuntha, selbst die Verordnungen Theodahads; er anerkannte also die Dynastie der Amaler, die Akte Totilas aber erklärte er für nichtig. Die in Rom und sonstwo eingetretene Verwirrung der Besitzverhältnisse wurde zu ordnen gesucht, indem das Eigentum der Flüchtlinge gegen die Ansprüche der Besitzergreifer geschützt und die Verbindlichkeit der Kontrakte aus der Zeit der Belagerung festgestellt ward. Im 19. Kapitel der Sanktion wurde die Bestimmung des Maßes und Gewichts für alle Provinzen Italiens dem Papst und Senat überwiesen, und dies belehrt uns sowohl über die erhöhte munizipale Gewalt des Bischofs als darüber, daß der Senat in Rom noch fortbestand. Seit dieser Zeit begann der Papst den Einfluß auf die Verwaltung und Jurisdiktion Roms auszuüben, welchen die Gesetzgebung Justinians den Bischöfen in den Städten überhaupt einräumte. Sie besaßen fortan nicht allein die eximierte Gerichtsbarkeit über die Geistlichen, sondern beaufsichtigten auch alle kaiserlichen Beamten, selbst den Judex der Provinz, und sie griffen in die städtische Regierung ein, indem die Wahl der Defensoren und der Patres Civitatis mehr von ihnen als von den Primaten der Städte selber abhing. Justinian machte die Bischöfe zu gesetzlichen Autoritäten in den italienischen Orten, und aus solchem Einfluß auf alle Zweige weltlicher Verwaltung ging allmählich auch die Herrschaft der Päpste in der Stadt Rom hervor.

Was den Senat betrifft, so wissen wir nichts von seiner Form; am wenigsten kann bewiesen werden, daß der Kaiser diese Körperschaft wiederherstellte, indem er den Verlust ihrer erlauchtesten Mitglieder durch neue Wahlen aus plebejischen Familien ergänzte, wie das diejenigen Schriftsteller annehmen, welche das Fortbestehen des römischen Senats durch die folgenden Jahrhunderte zu beweisen suchen. Unzweifelhaft war in den Gotenkriegen die römische Aristokratie und der alte Römerstamm überhaupt bis auf wenige Trümmer zugrunde gegangen; seither bildete sich durch Zuzug aus anderen Landschaften eine neue römische Bevölkerung. In der Stadt blieb freilich der Rest einer Staatsbehörde zurück, die nach dem Verfalle aller politischen Gewalt eine Zeitlang fortfuhr, die städtische Verwaltung und Jurisdiktion unter der Leitung des Praefectus Urbis zu behalten, bis sie kaiserlichen Magistraten Platz machte. Justinian gab den Senatoren volle Freiheit, zu gehen und sich aufzuhalten, wohin und wo sie wollten, mochten sie nach ihren verwüsteten Gütern in den Provinzen Italiens sich begeben oder es vorziehen, an den Hof nach Konstantinopel überzusiedeln, was natürlich viele taten.

Es finden sich in derselben Sanktion Bestimmungen zugunsten Roms, die wahrscheinlich nur als wohlwollende Wünsche zu betrachten sind. Im 22. Kapitel wird befohlen, daß die öffentlichen Austeilungen ( annona), welche Theoderich dem Volke gegeben hatte (auch Justinian rühmte dies von sich selbst, obwohl Procopius ihn des Gegenteils beschuldigt), für die Zukunft verabreicht und selbst Grammatikern und Rednern, Ärzten und Rechtsgelehrten die üblichen Gehalte fortbezahlt werden sollen, »damit die in den liberalen Künsten unterrichtete Jugend im Römischen Reich zur Blüte komme.«

Durch diese Bestimmung wurde ein Edikt Athalarichs erneuert, welches den Professoren der Grammatik, der Beredsamkeit und des Rechts ihre Honorare aus der Staatskasse wieder zu zahlen geboten hatte. Denn diese seit dem Kaiser Hadrian eingeführte Besoldung hatte aufgehört, als das Reich zusammenfiel. Aber wir zweifeln mit Grund, daß der gute Wille Justinians je in Ausführung gekommen ist. In dem Zusammensturz aller öffentlichen und privaten Verhältnisse waren die noch unter Theoderich blühenden Schulen untergegangen, und schwerlich vernahm man mehr einen Rhetor und Grammatiker im alten Athenäum oder in den Hörsälen des Kapitols. Die lateinische Wissenschaft erlosch. Die römische Aristokratie, welche sie noch zur Zeit der letzten namhaften Kaiser, endlich noch unter den ersten Gotenkönigen eifrig, wenn auch ohne viel Gewinn für die Literatur, gepflegt hatte, war vernichtet worden. Die Träger der klassischen Bildung, die letzten Mäzene des Römertums, waren umgekommen oder sie verschwanden ohne Spur. Mit Trauer blicken wir auf den blutigen oder dunklen Untergang der letzten gebildeten Römer aus erlauchten Geschlechtern, mit denen der Zusammenhang und die Tradition der lateinischen Kultur ein Ende nahmen; so auf Faustus und Avienus, Festus, Probus und Cethegus, Agapitus und Turcius Rufius, auf Symmachus, Boëthius und Cassiodorus. Dieser große Mann ging bald in ein Kloster, zum Zeugnis dessen, daß fortan nur die Kirche das Asyl war, wohin sich die Reste der heidnischen Literatur zu retten vermochten. Wie der Sturz des Gotenreichs die Lehrer, die Schulen und die Wissenschaften begrub, so gingen in ihm auch die Bibliotheken unter. Denn in den furchtbaren Katastrophen, die Rom betroffen hatten, konnten jene zahlreichen Büchersammlungen, welche noch die Notitia Urbis hier aufzählte, konnten die Palatina und Ulpia oder die privaten Bibliotheken fürstlicher Paläste nimmer verschont geblieben sein. Und wie in Rom, so verschlang der Vernichtungskrieg der Goten und Byzantiner auch in ganz Italien die kostbaren Schätze der alten Literatur bis auf solche Überbleibsel, welche die glücklicherweise bald entstehenden Klöster des Benediktinerordens zu sammeln und zu retten vermochten.

Die öffentlichen Gebäude Roms endlich wurden von Justinian gleichfalls mit einem Paragraphen bedacht. »Wir befehlen«, so heißt es darin, »daß die gewohnten Leistungen und Privilegien der Stadt Rom, sei es zur Wiederherstellung der öffentlichen Gebäude, oder für das Flußbett des Tiber, oder für den Markt, oder für den Hafen Roms, oder für die Herstellung der Wasserleitungen bestehen bleiben, so zwar, daß sie nur aus denjenigen Titeln, aus denen sie delegiert gewesen, zu bestreiten sind.«

Justinian dachte daran, auch die kirchlichen Zustände in Rom dauernd zu ordnen. Sie wurden fortan die wichtigsten Angelegenheiten in betreff des Verhältnisses vom Osten zum Westen oder von Byzanz zu Rom. Der römische Bischof hatte aus dem Sturze der gotischen Herrschaft manchen Gewinn gezogen: die arianische Ketzerei war überwunden, das selbständige Königreich in Italien aufgehoben worden; sein eigenes Ansehen in der Stadt hatten die Verordnungen Justinians vermehrt, und endlich gab der Untergang des altrömischen Adels ihm und dem Priestertum freies Feld in Rom. Der Verfall aller politischen Tugend und Männlichkeit, der Untergang auch der Wissenschaften war die Bedingung, welche dem Priestertum zur Macht verhalf, und immer nur in Zeiten der Erschöpfung des Denkens und der Verwilderung der Literatur können Priester die Herrschaft in der Welt erlangen. Die Kirche stand jetzt mitten im Schutte des alten Staats allein aufrecht, allein lebenskräftig und eines Zieles bewußt da, denn um sie her war Wüste. Nur als augenblicklichen Verlust konnte sie jene Unabhängigkeit beklagen, welche sie unter der unsicheren Herrschaft der arianischen Fremdlinge genossen hatte. Sie war unter den Goten frei gewesen. Aber schon während des Kriegs hatte sie erfahren, welche Stellung der Kaiser ihr gegenüber einzunehmen beschloß, und als die Waffen ruhten und Rom als eine Provinzstadt unter das militärische Joch der Byzantiner sank, ging sie einer zweifelhaften Zukunft voll von Kämpfen entgegen. Die einen waren theologischer Natur, weil der unruhige Geist des Ostens, in welchem die griechische Philosophie noch nicht ganz erloschen war, nicht müde ward, gegen die bestehenden Dogmen zu streiten und neue Philosopheme zu erzeugen; die andern galten dem Verhältnis zur Reichsgewalt. Denn die byzantinischen Kaiser ergriffen die theologischen Händel nicht sowohl aus Neigung für solche Kontroverse, als weil die Einmischung darin ihnen Gelegenheit bot, die Kirche sich unterworfen zu halten. In Justinian, dessen einzige Größe darin besteht, daß er durch seine Juristen dem römischen Gesetzbuch die Vollendung geben ließ, erhob sich die Kaiserdespotie wieder zu einer furchtbaren Höhe; und seit ihm bieten die folgenden Jahrhunderte das merkwürdige Schauspiel des Kampfs der Kirche des Abendlandes, welche Rom repräsentierte, gegen die heidnische absolute Staatsidee, die sich in Byzanz darstellte.

Der Papst Vigilius war unterdes in Konstantinopel geblieben und in einem heftigen dogmatischen Kampf mit dem Kaiser wegen des Drei-Kapitel-Streits. Nach vielen Bedrängnissen und selbst Mißhandlungen willfahrte er dem Kaiser durch schmählichen Widerruf seines früheren Bekenntnisses und durch die Annahme der Beschlüsse des fünften in Konstantinopel abgehaltenen Konzils. Justinian gab jetzt den Bitten des römischen Klerus nach, der sich bei Narses um die Befreiung seines Bischofs verwandt hatte. Er ließ Vigilius und die ihn begleitenden Presbyter oder Kardinäle nach Rom heimkehren. Doch auf der Rückkehr wurde der Papst krank; er starb zu Syrakus im Juni 555. Der Pontifikat dieses Römers, welcher durch Ränke und Verbrechen den Heiligen Stuhl erlangt hatte, ist ewig denkwürdig, weil zu seiner Zeit das alte Rom zusammenbrach. Nichts erinnert in der Stadt mehr an Vigilius als eine metrische Inschrift, welche die Verwüstung von Kirchen und Zömeterien durch die Goten beklagt.

Einige Monate später bestieg den Stuhl Petri der Archidiaconus Pelagius, ein Römer von edler Geburt, der einflußreichste Mann unter der römischen Geistlichkeit seit den furchtbaren Zeiten Totilas. Er war wieder nach Konstantinopel gekommen und der Begleiter des Vigilius gewesen, dem Kaiser zu Willen und angenehm. Justinian, welcher seit der Unterwerfung des Vigilius unter die byzantinischen Dogmen auch der Gebieter der abendländischen Kirche war, befahl jetzt die Wahl des Pelagius, und dieser eilte nach Rom. Aber ein großer Teil des Klerus und Adels (den Senat nennt das Buch der Päpste nicht mehr) weigerte sich, mit ihm zu kommunizieren, weil man argwöhnte, daß er an dem plötzlichen Tode des Vigilius mitschuldig sei. Um sich von diesem Verdacht zu reinigen, veranstaltete der Neugewählte eine feierliche Prozession; er ging zur Seite seines Beschützers, des Patricius Narses, unter dem Gesange von Hymnen von der Kirche St. Pancratius nach St. Peter, wo er auf die Kanzel stieg und, das Evangelium in der Hand, das Kreuz Christi auf sein Haupt gelegt, vor allem Volk durch einen Reinigungseid seine Unschuld beteuerte.

In einer schrecklichen Zeit übernahm Pelagius das Papsttum und die Sorge für das unglückliche, fast ausgestorbene Rom. Die Not war hier so groß, daß er sich an Sapaudus, den Bischof von Arles, mit der Bitte wandte, ihm Geld und Kleider zu schicken; »denn die nackte Armut in der Stadt ist so gestiegen, daß wir nicht ohne Schmerz und Kummer des Herzens die Männer ansehen können, welche wir einst als edelgeboren und wohlhabend gekannt haben«.

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