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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Teja letzter Gotenkönig. Narses nimmt Rom mit Sturm. Das Grab Hadrians kapituliert. Ruin des römischen Senats. Die gotischen Landkastelle werden genommen. Narses rückt nach Kampanien. Heldentod des Teja im Frühling 553. Kapitulation der Goten auf dem Schlachtgefilde des Vesuv. Abzug der tausend Goten unter Indulf. Rückblick auf die Gotenherrschaft in Italien. Unwissenheit der Römer über die Goten wie über die Geschichte der Ruinen Roms.

Sechstausend erschlagene Goten bedeckten das Feld bei Taginas, die übrigen waren zerstreut. Die meisten Flüchtlinge eilten nach dem Po; sie wählten in Pavia Teja, den tapfersten der Krieger, zu ihrem Könige. Narses war unterdes vom Schlachtfelde nach Tuszien herabgezogen, nachdem er die unbezähmbar wilden Hilfstruppen der Langobarden reich beschenkt entlassen hatte. Er nahm im Sturm Perugia, Spoleto und Narni und erschien hierauf vor Rom.

Hier rüstete sich die kleine gotische Besatzung zwar zum kräftigsten Widerstande, aber sie mußte es aufgeben, den ganzen Umfang der Mauern zu verteidigen. Sie stützte sich hauptsächlich auf das Grabmal Hadrians; denn diese Burg hatte Totila zum Kern einer neuen Befestigung gemacht, indem er den umliegenden Raum mit einer kleinen Mauer umschloß und auch diese mit der Stadtmauer vermittels der Hadrianischen Brücke verband. Hier nun hatten die Goten ihre köstliche Habe niedergelegt. Narses erkannte nicht minder die Unmöglichkeit, ganz Rom zu umschließen; er verteilte seine Heerhaufen an verschiedene Stellen und ließ die Mauern, wo es ihm gutdünkte, stürmen, während die Goten, auf den bedrohten Punkten sich sammelnd, die übrigen außer acht zu lassen genötigt waren. Nach mehreren abgeschlagenen Stürmen, welche Narses, Johannes und der Heruler Philemut geleitet hatten, erstiegen endlich die Griechen unter der Führung des Dagisthaeus die Mauer an einer unbedeckten Stelle und sprangen in die Stadt hinab. Den hereinbrechenden Feind abzuhalten, war zu spät. Die Goten flohen, einige eilten nach Portus, andere stürzten sich in das Grabmal Hadrians. Narses ließ ihnen hier nicht lange Zeit, sie kapitulierten unter Gewähr ihres Lebens und ihrer Freiheit.

So fiel Rom in die Gewalt der Byzantiner im Jahre 552, im sechsundzwanzigsten Regierungsjahre Justinians, zu dessen Zeit die Stadt, wie Procopius mit Staunen bemerkt hat, nicht weniger als fünfmal war erobert worden. Der Sieger sandte die Schlüssel Roms an den Kaiser nach Konstantinopel, der sie mit gleicher Freude annahm, wie er kurz vorher das blutige Gewand und den Helm Totilas empfangen hatte.

Der griechische Geschichtschreiber erzählt bei dieser Gelegenheit mit nüchternen Worten den Untergang der berühmtesten Körperschaft Roms, ohne für deren große Vergangenheit auch nur eine teilnehmende Erinnerung zu verraten. Dem römischen Volk, so sagt Procopius, wie dem Senat sollte dieser Sieg noch zu einem größeren Unheil Ursache werden. Denn die fliehenden Goten, an der ferneren Behauptung Italiens verzweifelnd, ermordeten aus Rache erbarmungslos alle Römer, auf welche sie stießen, und ihrem Beispiele folgten selbst die Barbaren, die unter der Fahne des Narses dienten. Von sehnsüchtiger Liebe zu Rom getrieben, eilten viele Römer auf die Kunde, die Stadt sei befreit, in sie zurück. Manche jener Senatoren, welche einst Totila nach Kampanien exiliert hatte, waren noch dort: denn nur wenige hatte der General Johannes mit sich geführt und nach Sizilien gebracht. Auch sie eilten jetzt nach Rom; aber die Goten erfuhren nicht so bald von ihrer Flucht oder ihrem Vorhaben, als sie alle diejenigen, welche in den Kastellen Kampaniens gefangensaßen, ums Leben brachten. Unter ihnen nennt Procopius nur den Anicier Maximus mit Namen. Zu dem Untergange der römischen Patrizierfamilien gesellte sich in derselben Zeit noch die Ermordung von dreihundert edlen Jünglingen Italiens. Denn ehe Totila dem Narses entgegenzog, hatte er aus verschiedenen Städten soviel Söhne der angesehensten Häuser als Geiseln auserwählt und sie jenseits des Po abführen lassen. Dort ließ Teja sie alle hinrichten.

Die senatorischen Familien waren demnach ausgerottet bis auf wenige ihrer Abkommen, die nach Konstantinopel oder Sizilien hatten entrinnen können oder die sich in Rom befanden. Solche und andere Flüchtlinge kehrten vielleicht nach dem Ende des Krieges nach der Stadt zurück, und aus den elenden Überresten des römischen Adels fuhr ein Schattenbild noch einige Zeit fort, den Senat vorzustellen, bis auch dieses um den Anfang des VII. Jahrhunderts erlosch und der einst glorwürdige Name Senator und Konsul später als ein Titel von Reichen und Vornehmen überhaupt geführt wurde.

Narses hatte unterdes den Goten Portus entrissen und mit dem Falle Nepis und der Pietra Pertusa auch die letzten Kastelle in der tuszischen Landschaft genommen, bis auf Centumcellae, welches er belagern ließ. Er selbst verweilte noch in Rom, mit der Ordnung der städtischen Dinge beschäftigt; er schiffte einen Teil seines Heers nach dem festen Cumae in Kampanien, wo Aligern, der heldenmütige Bruder des Teja, die gotischen Schätze bewachte; einen anderen Heerhaufen ließ er unter der Führung des Johannes nach Etrurien marschieren, um dem Teja den Weg zu verlegen. Denn der letzte König der Goten richtete, in seiner Hoffnung, von den Franken Hilfe zu erhalten, getäuscht, seinen Marsch nach Kampanien, um das wichtige Cumae zu retten. Auf beschwerlichen Wegen zog er kühn am Adriatischen Meer hinunter und erschien plötzlich in Kampanien. Auf diese Nachricht nahm Narses alle Truppen zusammen und rückte von Rom die Appische oder Lateinische Straße nach Neapel hinab.

Zwei Monate lang standen sich Griechen und Goten in den paradiesischen Gefilden des untern Vesuv gegenüber, getrennt durch den Fluß Drako oder Sarnus, wo er bei Nocera ins Meer strömt; aber die verräterische Übergabe seiner gesamten Flotte zwang Teja, sein Lager abzubrechen. Die Goten wichen bestürzt auf die Abhänge des Laktarischen Berges, dann trieb sie Hunger wieder herab, und sie beschlossen endlich, mit Heldenehren unterzugehen. Der ruhmvolle Kampf der letzten Goten, auf dem schönsten Schauplatz der Welt, zu den Füßen des Vesuv, über dem Grabe versunkener Städte des Altertums, im Anblick des strahlenden Golfes von Neapolis, beschließt die Geschichte dieses deutschen Heldenstammes durch einen Untergang, der noch heute mit Schmerz erfüllt, aber durch seine wahrhaft tragische Größe reichlich versöhnt. Die gotischen Männer kämpften mit beispiellosem Mut; Procopius selbst ruft aus, daß kein antiker Held Teja an Tapferkeit übertroffen habe. An Zahl gering, stritten sie in geschlossenen Reihen vom Morgendämmer bis zur Nacht, den König, welchen eine auserwählte Heldenschar umringte, an ihrer Spitze. Teja stand vom Schlachtgewühl umdrängt, mit seinem breiten Schilde gedeckt, fing den Hagel der Pfeile und Speere auf und stieß die Feinde grimmig nieder. Sooft sein Schild von daranhaftenden Geschossen voll war, nahm er aus den Händen seines Waffenträgers einen andern und focht dann rastlos weiter. Er hatte so bis zur Nachmittagssonne gekämpft, als er die Last seines von zwölf Lanzen starrenden Schildes nicht mehr tragen konnte; da rief er mit hallender Stimme nach dem Waffenträger, nicht einen Fuß breit weichend noch vom Kampfe ablassend. Als er nun den Schild vertauschte, stürzte er, von einem Speer durchbohrt, rücklings nieder.

Triumphierend trugen die Griechen das blutige Haupt des letzten Gotenkönigs auf einer Lanze zwischen beiden Schlachtordnungen einher, aber obwohl die Tapferen durch diesen Anblick erschüttert wurden, faßten sie sich wieder, und sie fuhren fort, mit Löwengrimm zu streiten, bis die Nacht sie und den Feind umhüllte. Nach einer kurzen Rast erhoben sich diese Männer wieder in der hohen Morgenfrühe, und sie kämpften mit ungebrochener Stärke den ganzen Tag, ohne zu wanken, bis auch die zweite Nacht gekommen war. Nachdem sie nun, zum Tode ermattet, ihre zusammengeschwundenen Reihen gezählt hatten, hielten sie Kriegsrat und beschlossen, mit dem Feinde zu unterhandeln. Nachts erschienen einige ihrer Hauptleute vor Narses und sagten ihm: die gotischen Männer sähen ein, daß gegen den Willen Gottes fürder zu streiten nutzlos sei, sie verschmähten die Flucht, sie verlangten freien Abzug aus Italien, um nicht als Knechte des Kaisers, sondern als freie Männer in irgendeinem fremden Lande zu leben. Endlich solle es ihnen gestattet sein, ihre Habe mit sich zu nehmen, welche sie in verschiedenen Städten niedergelegt hätten. Narses schwankte, aber der General Johannes, welcher die Festigkeit der Goten aus hundert Schlachten kannte, riet ihm, das Anerbieten todesentschlossener Helden anzunehmen. Während man den Vertrag abschloß, rückten tausend Goten, jede Bedingung als unehrenvoll verschmähend, aus dem Lager, und die ihrer Verzweiflung ausweichenden Griechen gaben ihrem Abzuge Raum. Der tapfere Indulf führte sie, bis sie glücklich nach Pavia gelangten. Die übrigen gelobten durch feierlichen Schwur, den Vertrag erfüllen und Italien verlassen zu wollen. Dies geschah im März 553, am Ende des achtzehnten Jahrs des furchtbaren Gotenkriegs.

Wohin die letzten Goten vom Schlachtfelde des Vesuv sich endlich wandten, wissen wir nicht. Ihr trauriger Rückzug aus dem schönen Lande, welches ihre Väter erkämpft hatten und wo sie unzählige Orte an die ruhmvollsten Taten mahnten, ist mit einem Geheimnis bedeckt.

Das große Reich Theoderichs dauerte nur sechzig Jahre, und das war die Periode des Überganges Italiens aus dem Altertum in das Mittelalter. Die Goten stehen auf der Grenze der beiden Zeitalter; ihr unsterblicher Ruhm in der Geschichte ist dieser, daß sie die Beschützer der antiken Kultur Europas in den letzten Stunden der Römerwelt gewesen sind. Sie selbst blieben Fremdlinge in Italien und gingen an dem Widerspruch zur Nationalität und Religion der Lateiner zugrunde, weil sie nicht zahlreich und stark genug waren, das von ihnen eroberte Land mit neuer Lebenskraft ganz zu durchdringen. Den Tatsachen der Geschichte gegenüber ist es nur eine müßige Phantasie, sich vorzustellen, welche Gestalt Italien und das Abendland angenommen hätten, wenn es den Goten vergönnt gewesen wäre, dort sich ruhig zu entwickeln und mit den Italienern zu verschmelzen. Ihr frühzeitiger Untergang zerstörte die nationale Einheit Italiens, denn unter ihrem Zepter war dieses Land zum letzten Male einig gewesen.

Die Goten stellten in Gestalt, Sitte und Sprache jenes unverfälschte Urvolk des Zamolxis und des Ulfilas dar, von dem nach dem Bericht des Jordanes einst Dio in seiner verlorenen Geschichte der Goten gesagt hatte, daß sie weiser als alle Barbaren und an Genie den Griechen fast ähnlich seien. Mit dieser Bildungsfähigkeit, welche ihr kurzes Dasein in Italien nicht entfalten konnte, verbanden sie die Milde und auch die Männlichkeit des germanischen Stammes, und vergleicht man überhaupt die gotische Periode Italiens mit den späteren Fremdherrschaften dieses Landes, so wird jede Rede zu ihrem Ruhme überflüssig.

Doch ist es passend, hier das Urteil des größten Geschichtsforschers der Italiener selbst über die Ostgoten zu hören. »Wenn man heute den Namen der Goten in Italien nennt«, so sagt Muratori, »schaudern manche aus dem Volk und auch die Halbgebildeten, als ob man von unmenschlichen Barbaren spräche, die der Gesetze und des Geschmackes ganz bar gewesen sind. So nennt man die alten schlechten Bauwerke gotische Architektur und gotisch die rohen Charaktere vieler Drucke vom Ende des XV. Jahrhunderts oder aus dem Anfange des folgenden. Das alles sind Urteile der Unwissenheit. Theoderich und Totila, beide Könige jener Nation, waren sicherlich nicht von vielen Fehlern frei; indes waren in ihnen die Liebe zur Gerechtigkeit, die Mäßigung, die Weisheit in der Wahl der Beamten, die Enthaltsamkeit, die Treue in den Verträgen und andere Tugenden immerhin so groß, daß sie auch heute noch zum Muster für eine gute Regierung der Völker dienen können. Es genügt, die Briefe Cassiodors und endlich die Geschichten des Procopius zu lesen, der überdies Feind der Goten war. Auch veränderten jene Herrscher in nichts die Magistrate, die Gesetze oder Gebräuche der Römer, und was mancher von ihrem schlechten Geschmack fabelt, ist eine kindische Albernheit. Der Kaiser Justinian selbst hatte mehr Glück als die gotischen Könige, aber wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was uns Procopius in seinen Schriften erzählt, so wurde er an Tugenden von eben diesen Goten bei weitem übertroffen.«  »Die Römer«, so sagt Muratori weiter, »sehnten sich nach einer Änderung ihres Herrn; sie änderten ihn wirklich, aber sie bezahlten die Erfüllung ihrer Wünsche durch die unermeßlichen Verluste, welche ein so langer Krieg mit sich brachte: und was schlimmer ist, diese Veränderung zog den gänzlichen Verfall Italiens in wenigen Jahren nach sich, indem sie dasselbe in einen Abgrund von Elend stürzte.« Die beste Apologie der Gotenherrschaft ist in Wahrheit das lange, grenzenlose Elend, in welches Italien versank, nachdem das Reich Theoderichs gefallen war und das wilde Volk der Langobarden sich auf dessen Trümmern niedergelassen hatte.

Das ganze Mittelalter hindurch, sodann in der Epoche des Humanismus und bis in die neuesten Zeiten herab erhielt sich in Rom der unsinnige Volksglaube, daß die Goten die Stadt zerstört hätten. Welche wunderlichen Fabeln darüber im Umlauf waren, lehren noch die Aufzeichnungen des römischen Bildhauers Flaminius Vacca aus dem Jahre 1594, und die Geschichte der Stadt muß einige davon als Zeugnisse der Unwissenheit der Römer über die Schicksale ihrer Monumente verzeichnen. Indem sie nicht mehr wußten, daß noch mehr als die Zeit die rohen Barone des Mittelalters, ja einige Päpste die antiken Denkmäler ihrer Stadt zerstört hatten, erinnerten sie sich nur aus der Überlieferung, daß Rom von den Goten lange beherrscht, mehrmals gestürmt, erobert und geplündert worden war. Sie sahen die meisten alten Bauwerke, die Triumphbogen, zumal die ungeheuren Mauern des Colosseum, wie wir es noch heute sehen, mit zahllosen Löchern übersät, und indem sie sich dieselben nicht erklären konnten, meinten sie, diese Löcher hätten die Goten gemacht, entweder um mit Hebebäumen die Steine auszubrechen, oder, was doch verständiger war, die bronzenen Klammern abzureißen. Man zeigte sogar in Rom zu Vaccas Zeit sogenannte Beile der Goten, womit sie die Statuen sollten zerschlagen haben; denn der naive Bildhauer erzählt, es seien eines Tags in dem Weinberge, wo der sogenannte Tempel des Caius und Lucius, vom Volk Galluzi genannt, liegt, zwei Beile gefunden worden: »auf der einen Seite hatten sie einen Kopf, auf der andern eine Hellebardenschneide, und ich glaube, es waren dies Waffen der Goten; die Schneide diente ihnen, im Kampf die Schilde zu spalten, der Kopf aber, die Altertümer zu zerstören.«

Die Phantasie der Römer fand selbst noch die Graburnen jener Goten auf, die während der Belagerung unter Vitiges gefallen waren. Als eines Tags am Tor S. Lorenzo viele Sarkophage von Granit und Marmor gefunden wurden, hielt man sie wegen ihrer schlechten Arbeit für gotisch: »Ich denke«, so sagt derselbe Bildhauer, »sie sind aus der Zeit, als das arme Italien von den Goten beherrscht war, und ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß sie an dem genannten Tor eine große Niederlage erlitten. Vielleicht waren sie von jenen Hauptleuten, die in jenem Sturme umkamen, und sie wollten an demselben Ort, wo sie starben, auch begraben sein.«

Ergötzlich ist der in Rom bei so später Zeit verbreitete Glaube, nicht allein, daß die Goten viele Schätze in der Stadt vergraben, sondern daß sie die Orte bezeichnet hätten und ihre Nachkommen darum wußten. So groß war die Unwissenheit, daß man noch am Ende des XVI. Jahrhunderts glaubte, Goten lebten noch irgendwo in der Welt, und sie kämen heimlich nach Rom, um nach den Schätzen ihrer Vorfahren eifriger zu graben, als es ohnedies schon manche Kardinäle taten. Hievon erzählt Flaminio Vacca mit köstlicher Einfalt dies:

»Es sind viele Jahre her, daß ich einmal die Altertümer besehen ging. Ich fand mich vor dem Tor San Bastian an Capo di Bove (das Grabmal der Caecilia Metella); weil es regnete, trat ich in einer kleinen Osterie unter, und wie ich so wartete und mit dem Wirt redete, so sagte er mir, daß vor wenigen Monaten hier ein Mensch nach etwas Feuer gekommen sei, und des Abends kehrte er mit drei Begleitern zum Abendessen wieder, und darauf gingen sie weg, aber die drei Begleiter sprachen kein Wort; dasselbe geschah drei Abende hintereinander. Der Gastwirt schöpfte Verdacht, daß diese etwas Böses vorhätten, und beschloß, sie anzuklagen; wie sie nun einen Abend wie gewöhnlich gegessen hatten, so folgte er ihnen mit Hilfe des Mondscheins so weit, daß er sie in gewisse Grotten im Circus des Caracalla (Maxentius) eintreten sah. Am folgenden Morgen gab er das dem Gericht zu wissen, welches gleich hinging, und indem sie in den besagten Grotten suchten, fanden sie viele Erde ausgegraben und eine tiefe Grube gemacht, in welcher viele Scherben von tönernen Vasen lagen, eben erst gebrochen, und in der besagten Erde herumstöbernd, fanden sie die versteckten Eisen, mit welchen sie gegraben hatten. Da ich mich von dieser Sache überzeugen wollte und ich nahe war, so ging ich hin, und ich sah die ausgegrabene Erde und die Scherben der Vasen, die wie Röhren waren. Es waren, so meint man, Goten, welche mit gewissen alten Zeichen diesen Schatz gefunden hatten.«

Eine andere Erzählung ist diese:

»Ich erinnere mich, daß zur Zeit Pius' IV. nach Rom ein Gote kam mit einem sehr alten Buch, welches von einem Schatz handelte mit einer Schlange und einer Figur in Basrelief, und von der einen Seite hatte sie ein Füllhorn, und von der andern zeigte sie zur Erde. Der besagte Gote suchte so lange, bis er das Zeichen auf einer Seite des Bogens fand; er ging zum Papst und bat um die Erlaubnis, den Schatz zu graben, welcher, wie er sagte, den Römern gehöre. Nachdem er zum Volk gegangen war, erhielt er die Erlaubnis, ihn zu graben, und indem er an jener Seite des Bogens anfing, mit dem Meißel zu arbeiten, drang er unten hinein und machte dort wie eine Türe; und wie er weiter fortfahren wollte, so fürchteten die Römer, er möchte den Bogen umstürzen, aus Argwohn wegen der Bosheit des Goten; denn sie glaubten, daß in diesem Volk noch die Wut herrsche, die römischen Denkmäler zu zerstören; und sie erhoben sich gegen ihn, so daß er Gott dankte, fortzukommen, und so unterblieb das Vorhaben.«

Dies und ähnliche Fabeln waren alles, was die Römer von der rühmlichen Herrschaft der Goten und von ihrer Pflege der Altertümer Roms in der Erinnerung bewahrten; aber wir werden sehen, daß die barbarische Unwissenheit der Stadt während des Mittelalters zu einem solchen Grade stieg, daß selbst Caesar und Augustus und Virgil ihren Enkeln in einem fabelhaften Dunkel verschwanden.

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