Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Rede Totilas an die Goten. Er versammelt den Senat. Er droht, Rom zu zerstören. Brief Belisars an ihn. Sinnlose Behauptungen, daß Totila Rom zerstört habe. Die Prophezeiung Benedikts über Rom. Totila gibt die Stadt auf. Ihre Verlassenheit.

Am folgenden Tage versammelte der König seine Goten; er sprach zu ihnen; er verglich ihre gegenwärtige Zahl mit ihrer vergangenen Größe; er ermutigte sie wieder, indem er ihnen zeigte, daß sie, nachdem ihr prachtvoller Heerbann von 200 000 Kriegern unter Vitiges von nur 7000 Griechen überwunden worden, auf eine Schar nackter und ungeübter Streiter herabgebracht, dennoch 20 000 Feinde vernichtet und das verlorene Reich wiedererobert hätten. Er zeigte, daß es eine geheimnisvolle Macht gebe, welche die Frevel der Könige und der Völker züchtige, und ermahnte die Seinigen, durch Gerechtigkeit gegen die Unterworfenen ihr auszuweichen.

Hierauf trat er mit königlichem Zorn vor den Rest des Senats der Römer, und vielleicht war es das letztemal, daß diese Edeln sich im Senatshause oder im Palatium versammelten. Die niedergebeugten Patrizier hörten schweigend die Strafrede des gotischen Helden an, welcher ihnen Undank gegen die Wohltaten Theoderichs und Athalarichs, Meineid, Verrat und endlich Einfältigkeit vorwarf und erklärte, sie fortan als Sklaven behandeln zu wollen. Der Diaconus Pelagius bat für die »unglücklichen Sünder«, bis der König versprach, Gnade für Recht ergehen zu lassen.

Totila fühlte keinen Haß gegen die Römer; sein Grimm richtete sich nur unversöhnlich gegen die Steine Roms, jene ehrwürdigen Mauern, an denen sein Volk zugrunde gegangen war. Es geschah gerade in dieser Zeit, daß die Goten in Lukanien einen kleinen Verlust erlitten. Auf die Nachricht davon geriet der König in den heftigsten Zorn: er schwor, Rom dem Erdboden gleichzumachen; er wollte den größten Teil seines Heeres zurücklassen, nach Lukanien eilen, den wilden Bluthund Johannes zu züchtigen. Sofort gab er Befehl, die Mauern Roms niederzureißen; dies geschah an mehreren Stellen, so daß der dritte Teil dieses Riesenwerks wirklich umgeworfen wurde. Der aufgebrachte König drohte auch, die prächtigsten Monumente der Stadt durch Feuer zerstören zu lassen; »ganz Rom«, so rief er, »will ich in einen Weideplatz für das Vieh verwandeln!«

Solche Ausbrüche des Ingrimms ließ Totila hören; aber konnte ein so großmütiger Mann wirklich den Gedanken fassen, seinen Heldennamen durch einen Frevel ohnegleichen zu schänden? Das Gerücht verbreitete sich, die Goten gingen damit um, Rom zu zerstören, und Belisar, welcher, tatenlos im nahen Tiberhafen eingeschlossen, in den Fieberträumen seines verzweifelten Schmerzes den Feind in Rom, der Stadt seines Ruhmes, schalten, rauben und brennen sah, schickte dem Gotenkönig einen abmahnenden Brief. Dieses Schreiben trägt das Gepräge einer großen Seele; es hätte verdient, von den dankbaren Römern in Erz gegraben und in ihrer Stadt aufgestellt zu werden, nicht um Barbaren, sondern um jene Barone und Päpste des Mittelalters abzuschrecken, welche so viele Monumente gewissenlos zerstörten. Belisar schrieb seinem edlen Feinde:

»Die Tat verständiger und des bürgerlichen Lebens kundiger Männer ist es, Städte mit schönen Werken, wenn sie solche nicht besitzen, zu schmücken, der Unverständigen Tat aber, ihnen die Zierden zu rauben und dies Brandmal ihrer Natur schamlos der Nachwelt zu hinterlassen. Von allen Städten, so viele die Sonne bescheint, gilt Rom als die größte und merkwürdigste. Denn weder hat sie die Macht eines einzelnen Menschen gebaut, noch ist sie in kurzer Zeit zu solcher Größe und Schönheit gediehen, sondern eine lange Reihe von Kaisern, viele Genossenschaften der trefflichsten Männer, unzählige Jahre und Reichtümer haben sowohl alles andere als auch die Künstler von der ganzen Erde dort zu versammeln vermocht. Indem sie nun diese Stadt, so wie du sie siehest, nach und nach erbauten, haben sie dieselbe als ein Monument der Tugenden der Welt den Nachkommen zurückgelassen, so daß ein Vergehen gegen so Großes mit Recht ein ungeheurer Frevel an den Menschen aller Zeitalter sein würde. Denn die Vorfahren würde es des Denkmals ihrer Kraft, die Enkel aber des Anblicks ihrer Werke berauben. Weil nun dieses also ist, so erkenne, wie von zweien Dingen eines mit Notwendigkeit geschehen muß. Entweder wirst du in diesem Kriege dem Kaiser unterliegen oder ihn überwinden, wenn es möglich ist. Bist du Sieger, so wirst du, o trefflichster Mann, Rom zerstörend, nicht eines anderen Stadt, sondern deine eigene verlieren, sie erhaltend wiederum mit dem allerherrlichsten Besitztum wie billig dich bereichern. Wenn dir aber das schlimmere Los zuteil wird, dann wird dir die Erhaltung Roms beim Sieger vollen Grund zur Gnade geben, die Zerstörung aber weder einen Anspruch auf Schonung, noch irgendwelchen Vorteil übriglassen. Den Taten angemessen wird dir das Urteil der Welt zufallen, welches dich in jedem Fall erwartet. Denn wie die Handlungen der Könige sind, also erwächst ihnen mit Notwendigkeit daraus der Name.«

Totila schickte seinem großen Gegner eine Antwort, und wir beklagen, daß sie die Geschichte nicht aufbewahrt hat.

Die Wunderwerke Roms wurden verschont; nur manche Häuser waren bei der Plünderung vom Feuer zerstört worden; dieses Schicksal hatte namentlich die transtiberinische Region getroffen, wo sich glücklicherweise wenig schöne Bauwerke befanden. Vielleicht hatte dort Totila selbst einige Häuser anzünden lassen, als wollte er seine Drohung wirklich ausführen, und dieser Brand, dessen Widerschein am Horizont in Portus gesehen werden konnte, mochte dem Gerücht von seinem frevelhaften Vorhaben bei Belisar Wahrscheinlichkeit geben. Dessen Brief an den Gotenkönig, die mißverstandenen oder absichtlich verdrehten Stellen im Procopius und Jordanes veranlaßten die Meinung, Totila habe Rom wirklich zerstört. Geschichtschreiber des Mittelalters und selbst neuerer Zeiten haben das mit feierlichem Ernst behauptet, und indem sie Alarich, Geiserich und Ricimer von dem ungeheuren Frevel freisprechen mußten, haben sie den Untergang Roms von Totila hergeleitet. Leonardo Aretino erfand sogar eine schauerliche Beschreibung des Brandes der Stadt auf Totilas Anstiften im Charakter des Virgil: »Er riß«, so sagte er, »zuerst die Mauern nieder, dann steckte er das Kapitol an; um das Forum, die Suburra und die Via Sacra setzte er alles in Flammen; es qualmte der Quirinalische Berg, der Aventin spie Feuerflammen; das Krachen der niederstürzenden Häuser erfüllte die Luft.« Andere italienische Rhetoren folgten ihm in diesen Poesien, und nicht genug, daß sie die Goten »wie einen Schwarm wütender Wespen« auf das Colosseum sich stürzen ließen, um es von oben bis unten mit Löchern zu entstellen, sie wußten sogar, daß sie es besonders auf die Obelisken abgesehen hatten. Denn da sie auch in ihrem Vaterlande solche aufgerichtete Steine von zwanzig bis dreißig Fuß Höhe gehabt, so seien sie von Neid über die schöneren Obelisken Roms erbittert worden und hätten sie alle mit Feuer, Brechstangen und Stricken zu Boden geworfen, bis auf jenen einen, der am St. Peter stehenblieb. Solche sinnlose Fabeln verbreitete man noch im XVIII. Jahrhundert.

Im übrigen erfüllte sich die Prophezeiung des heiligen Benedikt, von welcher der große Papst Gregor in seinen Dialogen nur siebenundvierzig Jahre später erzählte. Als nämlich Totila in Rom eingerückt war, scheint die Furcht allgemein verbreitet gewesen zu sein, die Goten würden aus Rache ob des Untergangs ihrer Brüder die ehrwürdige Stadt gänzlich zerstören – und dieser Glaube beweist, daß sie niemals aufgehört hatte, Gegenstand der Liebe des Menschengeschlechts zu sein. Der Bischof von Canusium in Apulien war eines Tages nach Monte Cassino zu Benedikt gekommen und sprach ihm diese Befürchtung aus; aber der Mann Gottes tröstete ihn mit der Versicherung: »Rom wird nicht von den Barbaren zerstört werden, sondern von Wettern und Blitzen, von Wirbelwinden und Erdbeben gegeißelt, wird die Stadt in sich selbst vermodern.«

Nachdem Totila den dritten Teil der Mauern niedergeworfen hatte, gab er Rom freiwillig auf, um nach Lukanien zu ziehen. Er ließ keine Besatzung zurück, sondern verlegte nur ein Lager, 120 Stadien von der Stadt entfernt, nach Algidus, um Belisar am Ausrücken aus Portus zu verhindern. Er konnte mit Grund Rom als strategisch und politisch wertlos betrachten, aber es war doch auffallend, daß er sich nicht mit allen Kräften auf Portus warf, um dort den Krieg zu beendigen. Er nahm sämtliche Senatoren als Gefangene mit sich und befahl zugleich allem Volk, samt und sonders Rom zu verlassen und sich in der Campagna zu zerstreuen. Unsere Einbildungskraft sträubt sich, die unermeßliche Hauptstadt der Welt, welche wir uns gewöhnt haben, gleichsam von Nationen bevölkert zu denken, auch nur einen Augenblick lang wie eine Stätte des Fluchs verlassen und völlig menschenleer zu sehen. Aber die Worte des Procopius sind klar und deutlich, und sie werden durch die bestimmte Erklärung eines andern Schriftstellers bestätigt, welcher sagt: Totila habe die Römer gefangen in die Campagna entführt, und nach dieser Verödung sei Rom mehr als vierzig Jahre lang so verlassen gewesen, daß nur Tiere zu sehen sein mochten, aber keine menschliche Seele darin verweilte.

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.