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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Fortsetzung der Belagerung. Prophezeiungen über den Ausgang des Krieges. Heidnische Reminiszenzen. Der Janustempel. Die Tria Fata. Zwei lateinische Lieder jener Epoche. Belisars Sorgfalt in der Bewachung Roms.

Das Fehlschlagen des Sturms veränderte die Lage der Dinge: es lähmte die Goten, machte die Römer mutiger und Belisar siegesgewiß. Jene hielten sich in den Lagern und wagten sich aus Furcht vor Ausfällen weder zu nahe an die Mauern heran, noch streiften sie sorglos wie bisher in der Landschaft, weil die leichten numidischen Reiter sie Tag und Nacht beunruhigten. Die Campagna Roms ist das herrlichste Reitergefilde der Welt; weite Ebenen, mit verhängtem Zügel durchjagbar, dehnten sich überall aus, von Bächen durchschnitten und von Hügeln durchbrochen, welche der Reiter in kaum gehemmtem Fluge hinauf und hinunter eilt. Die pfeilschießenden Numidier tummelten sich in dieser klassischen Wüste wie in ihren heimatlichen Gefilden am Fuße des Atlas; die Hunnen vom Ister und die Sarmaten vom Tanais fanden hier ihre grasbewachsenen Steppen wieder; und kühnere Reiterkämpfe sah kaum irgendeine Zeit, als damals um Rom während dieser ewig denkwürdigen Belagerung gefochten wurden.

Da die Goten nicht die ganze Stadt hatten umschließen können, war deren Verbindung mit dem Lande auf der Seite Neapels und gegen das Meer frei, zumal Vitiges so wenig Einsicht besaß, daß er weder Albanum noch Portus gleich anfangs in Besitz genommen hatte. Die Römer wiederum hörten auf, Belisars Tollkühnheit anzuklagen; sie setzten unbegrenztes Vertrauen in sein Genie und verrichteten die geringeren Wachtdienste eifrig und gewissenhaft. Prophezeiungen hielten ihre Hoffnungen aufrecht; denn trotz der Apostel und Märtyrer hatten sie noch nicht verlernt, an heidnische Vorzeichen zu glauben. Procopius hat einige dieser Anekdoten aufbewahrt. Hirtenknaben hatten ein Ringerspiel gespielt, wobei zwei von ihnen Belisar und Vitiges vorstellten. Der Knabe Vitiges erlag und wurde zur Strafe von der Partei Belisar an die Zweige eines Baumes gehängt; aber ein Wolf verjagte die Spielenden, und der arme Vitiges, in seiner peinvollen Lage im Stich gelassen, ward tot gefunden. Die Hirten erklärten den tragischen Ausgang des Spiels als Omen vom Siege Belisars, und sie bestraften die Knaben nicht. Dies war im Samnitischen Gebirge geschehen; in Neapel ereignete sich ein noch deutlicheres Zeichen: es befand sich dort auf dem Forum ein Musivbild, welches den großen Theoderich vorstellte; noch beim Leben des Gotenkönigs bröckelte das Haupt der Figur herunter, und bald darauf starb er selbst; acht Jahre später zerfiel der mittlere Teil der Gestalt, und es starb Athalarich; bald darauf zertrümmerten die Lenden, und es starb Amalasuntha; endlich während der Belagerung Roms stürzten auch die Füße des Bildes herab, woher die Römer sagten, daß Belisar als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen werde. Ein gleiches hatte schon ein witziger Jude dem Könige Theodahad prophezeit, da er dreimal zehn Schweine, Goten, Griechen und Römer vorstellend, eingesperrt hungern ließ; denn die gotischen Schweine fand man alle tot, von den Griechen fehlten kaum zwei, die Hälfte der Römer war tot, die andere am Leben, aber borstenlos.

Indes verbreiteten auch Patrizier in der Stadt ein altes Orakel der Sibyllinischen Bücher, welches sagte: im Monat Quinctilis, das ist im Juli, wird Rom nichts mehr von den Goten zu befürchten haben. Die heidnischen Erinnerungen wurden durch die Belagerung wieder wachgerufen; eines Tags erschreckte den Papst die Anzeige, daß unter den Römern noch Anhänger des Götzendienstes sich befänden, denn man habe die Türen des Janustempels in der Nacht gewaltsam zu öffnen versucht, und obwohl dies nicht gelungen, seien sie doch aus dem Schluß gebracht worden. Man weiß, daß im alten Rom die Türen des Janustempels beim Beginne eines Krieges aufgetan wurden; dieser Gebrauch war mit dem Christentum verschwunden, seit dessen Einführung, wie Procopius bemerkt, von den Römern, den eifrigsten Christen, nicht einmal bei Kriegsstürmen die Pforten des Janus je mehr geöffnet wurden. Aber die uralte Kapelle dieser Gottheit stand noch am Fuße des Kapitols auf der Grenze des Forum Romanum und vor dem Senatus. Sie war, so sagt Procopius, ein kleiner Tempel aus Erz von viereckiger Gestalt und nur von der Höhe, welche hinreichte, dem Bilde des Janus Raum zu geben. Auch dieses war von Erz, fünf Ellen hoch; es hatte durchaus menschliche Gestalt, außer daß es zwei Antlitze trug, von denen das eine dem Aufgang, das andere dem Untergange der Sonne zugekehrt war; zwei eherne Türen entsprachen dem einen und dem andern Angesicht.

Die Erwähnung des Tempels und Janusbildes in Rom ist ein sicherer Beweis, daß weder Goten noch Vandalen dieses heidnische Heiligtum angetastet hatten. Aus derselben merkwürdigen Stelle erfahren wir zugleich, daß schon im Anfange des VI. Jahrhunderts beim Forum und in der Nähe der alten Curia ein Ort mit dem Namen Tria Fata bezeichnet wurde. Procopius sagt: »Der Tempel des Janus liegt auf dem Forum vor dem Senatshause, wenn man ein weniges die Tria Fata überschritten hat; denn also pflegen die Römer die Parzen zu nennen.« Der Name Tria Fata muß von drei sehr alten Bildwerken der Sibyllen abgeleitet werden, welche damals in der Nähe der Rostra standen; für die Parzen war er schon im V. Jahrhundert im Gebrauch. Wir werden sehen, daß mit ihm im VIII. eine Gegend des alten Forum überhaupt bezeichnet wurde und daß der eherne Tempel des Janus noch im XII. Jahrhundert als sogenanntes Templum Fatale sich erhalten hatte.

Die letzte Lebensregung des Heidentums in Rom übt auf unsere Einbildungskraft einen mächtigen Reiz aus; wir können uns deshalb nicht versagen, an dieser Stelle ein altes lateinisches Lied in unsre Geschichte auf zunehmen, welches zu den letzten Erinnerungen des heidnischen Kultus gehört. Dieses sind seine nicht übersetzbaren Strophen:

   O admirabile Veneris idolum,
Cuius materiae nihil est frivolum;
Archos te protegat, qui stellas et polum
Fecit, et maria condidit et solum;
Furis ingenio non sentias dolum.
Clotho te diligat, quae baiulat colum.

Saluto puerum, non hypotesim
Sed serio pectore deprecor Lachesim.
Sororum Atropos ne curet haeresim (?)
Neptunum comitem habeas (perpetim?)
Cum vectus fueris per fluvium Athesim.
Quo fugis, amabo, cum te dilexerim!
Miser, quid faciam, cum te non viderim?

Duram materies ex matris ossibus
Creavit homines iactis lapidibus:
Ex quibus unus est iste puerulus,
Qui lacrimabiles non curat gemitus.
Cum tristis fuero, gaudebit aemulus.
Ut cerva fugio, cum fugit hinnulus.

Wenn der Dichter dieses rätselhaften Liedes, in welchem Venus und Amor in der Gesellschaft jener drei Parzen oder Tria Fata auftreten, solche Verse sang, mag ihm mit einem anderen Liede auf Petrus und Paulus geantwortet worden sein:

O Roma nobilis, orbis et domina,
Cunctarum urbium excellentissima,
Roseo martyrum sanguine rubea,
Albis et virginum liliis candida:
Salutem dicimus tibi per omnia.
Te benedicimus, salve per saccula.

Petre, tu praepotens caelorum claviger,
Vota precantium exaudi iugiter!
Cum bis sex tribuum sederis arbiter,
Factus placabilis judica leniter,
Teque precantibus nunc temporaliter
Ferto suffragia misericorditer!

O Paule, suscipe nostra peccamina!
Cuius philosophos vicit industria.
Factus occonomus in domo regia
Divini muneris appone fercula;
Ut, quae repleverit te sapientia,
Ipsa nos repleat tua per dogmata.

Belisar indes bedurfte einer kräftigeren Unterstützung in Rom als der der Prophezeiungen. Er sandte Briefe an den Kaiser Justinian, worin er ihn von dem glücklich abgeschlagenen Sturme in Kenntnis setzte, aber seine bedrohte Lage nicht verschwieg und dringend frische Truppen verlangte. Seine eigene Waffenmacht zählte nach Abzug der Besatzungen, die er in Kampanien und Sizilien hatte zurücklassen müssen, nur 5000 Mann, und von diesen hatte die Belagerung schon einen Teil hingerafft; eine römische Stadtmiliz aber wird nicht erwähnt; es scheint vielmehr, daß Rom, welches einst die Welt erobert hatte, schon unfähig geworden war, bewaffnete Bürger aufzustellen. Denn Procopius berichtet nur, Belisar habe arbeitslos gewordene Werkleute oder Tagelöhner in das Heer aufgenommen und sie dem Wachdienst zugeteilt, indem er ihnen Sold gab. In Abteilungen oder Symmorien geordnet, hatten sie der Reihe nach die Nachtwache zu besorgen. Das machte aus Argwohn der Verräterei größere Vorsicht nötig; Belisar wechselte daher zweimal im Monat die Stationen auf den Mauern und ließ zweimal in derselben Zeit die Schlüssel am Tore umschmieden. Die Hauptleute mußten nachts die Runde machen, die Wachen bei Namen aufrufen und über die Fehlenden am Morgen dem Feldherrn Rapport geben. Musiker spielten zur Nachtzeit, die Schläfrigen zu ermuntern, und die maurischen Soldaten, welche vor den Toren an den Gräben auf Posten standen, vergaßen nicht, ihrem eigenen scharfen Gehör noch durch das ihrer zottigen Hunde zu Hilfe zu kommen.

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