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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 410
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Mahnung Contarinis an Clemens VII. Die Stellung, welche der Papst nimmt. Seine Erkrankung. Sieg der Kaiserlichen bei Landriano Juni 1529. Friede zu Barcelona 29. Juni. Friede zu Cambrai 5. August. Der Prinz von Oranien in Rom; Plan zur Unterwerfung von Florenz. Hippolyt Medici. Karl V. landet in Genua. Oranien vor Perugia und in Toskana. Kongreß in Bologna. Krönung Karls V. 24. Februar 1530. Er kehrt nach Deutschland zurück. Reichstag zu Augsburg.

Clemens VII. hatte nicht Mittel noch Zeit, Rom wiederherzustellen; sein einziges Sinnen war auf die Restauration des Kirchenstaats und des päpstlichen Ansehens gerichtet. Die weltlichen Zwecke, welche den moralischen wie politischen Sturz des Papsttums herbeigeführt hatten, dauerten ungeschwächt in ihm fort. Die Sorge um Florenz und andere Verluste ließen ihn nicht schlafen. Vergebens beschwor ihn Contarini, nicht um Ravennas und Cervias willen, wofür Venedig jährlichen Zins bot, Italien untergehen zu lassen, indem er sich für immer von der Liga zur Verteidigung der italienischen Freiheit lossagte. Der edle Venetianer sagte ihm: »Ach! Ew. Heiligkeit möge nicht denken, daß das Wohl der Kirche Christi in diesem kleinen Kirchenstaat beruht; vielmehr, sie war, ehe sie ihn besaß, die Kirche und zwar die beste Kirche. Sie ist die Allgemeinheit aller Christen: dieser weltliche Staat aber nur gleich jeder andern Provinz Italiens, und deshalb muß Ew. Heiligkeit vor allem das Heil der wahren Kirche fördern, welches im Frieden der Christenheit besteht.« Der Papst antwortete: »Ich weiß, daß Ihr die Wahrheit redet und daß ich als pflichtgetreuer Mann so handeln müßte, wie Ihr sagt. Aber ich sehe die Welt in solche Verfassung gebracht, daß in ihr der Verschlagenste auch als der Preiswürdigste geehrt wird; handelt er anders, so sagt man von ihm, er ist ein gutmütiger Mensch, aber er taugt zu nichts, und damit läßt man ihn stehen. Die Kaiserlichen werden sich erst in Neapel festsetzen, sodann in der Lombardei und in Toskana; sie werden mit Florenz und Ferrara und auch mit Euch sich abfinden, dann Frieden schließen, indem sie Euch lassen, was Ihr habt, ich aber werde ein gutmütiger und ausgeplünderter Mann bleiben, ohne irgend etwas von dem Meinigen wieder zu gewinnen. Ich wiederhole es, ich sehe wohl, daß der von Euch bezeichnete Weg der rechte sein sollte, sonst geht Italien unter; aber ich sage Euch, daß in dieser Welt die Idee nicht der Wirklichkeit entspricht und man mit der Gutmütigkeit nur ein Tropf bleibt.« So sprach der Botschafter als Patriot und Christ vom höchsten Standpunkte, das Oberhaupt der Kirche als Realpolitiker vom kleinsten Gesichtskreise aus. In einem unentwirrbaren Labyrinth lag das Papsttum durch Schuld der Verfälschung seines geistlichen Begriffs verstrickt. Sie hatte zur Folge, daß die geistliche Macht im Fortbestand des Kirchenstaats die Grundbedingung ihres Daseins sah. Guicciardini sprach nur die Ansicht Clemens' VII. aus, wenn er sagte: »Da die Welt voll Bosheit ist, darf man nicht zweifeln, daß wenn der Papst seine Angelegenheiten nicht mit Waffen und weltlicher Kraft unterstützt, seine geistliche Macht ebensowohl untergehen muß wie sein Kirchenstaat.«

Die noch unlösbare Vermischung der Theologie und Politik forderte den Fortbestand dieses Kirchenstaats, und Clemens VII. erkannte, daß er denselben nur retten konnte, indem er sich enge an den Kaiser anschloß. Nach einem Umwege durch die schrecklichsten Katastrophen fügte er sich in das Unvermeidliche: er entsagte dem einzigen großen Gedanken seines Lebens, der Befreiung Italiens, und unterwarf sich der Herrschaft Spaniens in diesem Lande. Aus seiner tiefen Niederlage wollte er wenigstens die größten Vorteile für das Papsttum, den Kirchenstaat und die mediceische Herrschaft in Florenz ziehen. Diese vor allem wollte er wieder aufrichten. Er brannte vor Ungeduld, sich an den Florentinern zu rächen. Die Wappen, die Ehrenbilder der Medici hatten sie zerstört; selbst den herrlichen Palast des Hauses drohten sie, abzutragen und einen Platz der »Maulesel« daraus zu machen, zum Schimpf dieser drei Bastarde, des Papsts und seiner Nepoten Alessandro und Hippolyt. Mit keinem andern Versprechen wirkte Karl V. so stark auf Clemens ein als mit diesem, die Medici in Florenz herzustellen. Auch der Kaiser bedurfte des Papsts, nicht allein um die Liga der Mächte aufzulösen und Italien zu behaupten, sondern auch um das Reich sich zu erhalten, welches das Prinzip der Reformation zu zersprengen drohte. Das Reich war eine katholische Anstalt; die Kirche hielt seine feudale Ordnung zusammen, und es löste sich vielleicht in Landesmonarchien auf, wenn jene damals zusammenfiel.

Noch war übrigens der Kaiser absichtlich zurückhaltend; mit eisiger Kälte ließ er diesen Papst fühlen, daß sein Dasein von seiner Gnade abhänge. Er sorgte kaum für die Linderung der Not in Rom, wo man den Rubbio Korn mit zwanzig Dukaten bezahlen mußte. Zwar war der Kardinal Quiñonez von Spanien gekommen, aber er hatte nur Worte gebracht und den Papst an den Prinzen Philibert gewiesen. Noch waren Ostia und Civitavecchia von den Kaiserlichen besetzt. Die erlittenen Leiden und Aufregungen warfen nun aber Clemens am 6. Januar 1529 in eine heftige Krankheit, und dies brachte solchen Schrecken in Rom hervor, daß viele an Flucht dachten, weil sie die Rückkehr der Landsknechte und den Untergang der Stadt fürchteten. Der Papst erholte sich, und jetzt war er bereit, mit dem Kaiser den Frieden abzuschließen. Für eine Summe Geldes erlangte er Ostia und Civitavecchia wieder (am 7. März), auch wurden die in Neapel gefangenen Kardinäle Pisani, Gaddi und Trivulzio freigelassen. Als nun der Sieg Leyvas über Saint Pol bei Landriano am 21. Juni 1529 die französische Armee vernichtete und Karl zum Herrn der Lombardei machte, blieb den Mächten der Liga nichts anderes übrig als der Friedensschluß.

Am 29. Juni schlossen zuerst der Papst und der Kaiser zu Barcelona miteinander ab durch ihre Bevollmächtigten Gattinara und Girolamo Schio, den Bischof von Vaison, den Nachfolger Castigliones in der Nuntiatur. Denn am 2. Februar 1529 war dieser berühmte Mann in Madrid gestorben, gebrochen durch das Unglück seines Vaterlandes und tief gekränkt durch den Papst, der ihm den Vorwurf gemacht, daß er die Katastrophe Roms nicht abgewandt habe. Karl verpflichtete sich in diesem Friedensschluß, Sforza in Mailand als Herzog zu dulden, dem Papst den Kirchenstaat zurückzugeben, die Venetianer zur Herausgabe von Ravenna und Cervia, Alfonso zur Rückgabe von Modena und Reggio zu bewegen; die Medici in Florenz mit Waffengewalt wieder einzusetzen und seine natürliche Tochter Margareta, wenn sie herangewachsen sei, mit Alessandro Medici zu vermählen, den er schon im Jahre 1522 zum Herzog von Penna in den Abruzzen gemacht hatte. Endlich sollte die deutsche Reformation, dem Wormser Edikt gemäß, mit aller Macht erdrückt werden. Sobald als möglich sollte Karl zur Kaiserkrönung nach Italien abreisen.

Zu gleicher Zeit versammelten sich in Cambrai die Diplomaten der Mächte zu einem Friedenskongreß unter dem Vorsitz der Tante des Kaisers, Donna Margarita und der Königinmutter Louise. Der Papst hatte dorthin Schomberg gesandt, der König von England den Herzog Suffolk und den Bischof von London. Die Venetianer, zu denen Franz I. noch Grammont, den Bischof von Tarbes, mit der Zusicherung geschickt hatte, daß er vom Kriege nicht ablassen wolle, waren außer sich, und sie suchten vergebens den Frieden zu hintertreiben. Der Abschluß des Vertrags zu Barcelona beschleunigte diesen zu Cambrai: schon am 5. August wurde er feierlich ausgerufen. Franz I. erhielt demnach seine gefangenen Söhne zurück für eine Summe von zwei Millionen Dukaten; er verpflichtete sich, alle Orte, die er noch in der Lombardei und im Königreich Neapel besaß, auszuliefern und auch die Venetianer zu zwingen, die Städte in Apulien herauszugeben, welche sie noch besetzt hielten. Er versprach, den Prozeß gegen den Connetable aufzuheben, dem Toten seine Ehre und dessen Erben seine Güter zurückzugeben. Er entsagte allen Ansprüchen auf Italien, wie auf Flandern und Artois. In diesen »Damenfrieden zu Cambrai« wurden die Verbündeten Frankreichs, Venedig, Florenz und Ferrara nicht aufgenommen, sondern ihrem Schicksal vom Könige Franz überlassen. Welch' ein Triumph war es für den Kaiser, in einer und derselben Zeit solche Friedensschlüsse zu erlangen! Mit ihnen in der Hand stand er als Gebieter Europas da. Aus der majestätischen Sprache dieser Aktenstücke quillt das Bewußtsein weltgebietender Macht. Der Traum der Ghibellinen von der Kaisermonarchie schien seiner Wirklichkeit nahe: dies war die Renaissance des Cäsarentums auf den Grundlagen des Besitzes der halben Welt.

Den Artikeln von Barcelona gemäß sollte Philibert von Oranien, der Vizekönig Neapels, die Medici in Florenz wiederherstellen. Dies paßte in des Kaisers System. Wenn die Florentiner zur rechten Zeit dem französischen Bündnis entsagt und sich ihm in die Arme geworfen hätten, so würde er ihre Verfassung gegen die Medici geschützt und diesen nur eine sehr schwache Stellung dort erlaubt haben. Er wollte seine Hand auf Florenz halten, worauf das Reich uralte Rechte besaß. Mit der Zeit konnte ganz Toskana ein kaiserliches Lehen werden. Er wollte verhindern, daß der Papst ohne ihn mit den Florentinern sich vertrage, wie Clemens sehnlich wünschte. Denn welche Demütigung konnte größer für ihn sein als diese: sich derselben kaiserlichen Truppen zur Unterjochung seiner Vaterstadt zu bedienen, die eben erst Rom geplündert hatten, von denen er so furchtbar gemißhandelt worden war? Jene Mißhandlung hatte er im Kampf um eine große Sache erduldet, diese Demütigung nahm er aus kleiner Selbstsucht auf sich. Oranien, schon im Januar mit dem geweihten Hut und Degen vom Papst beschenkt, kam auf dessen Einladung von Aquila, welches er gebrandschatzt und ausgeplündert hatte, am letzten Juli 1529 nach Rom mit 600 Mann Reiterei und Armbrustschützen. Er sollte in der Villa Madama wohnen, bezog aber den Palast Salviati im Borgo. Der Papst, zu welchem der Kaiser de Praet geschickt hatte, um den Frieden von Cambrai bestätigen zu lassen, war noch leidend; er empfing den Plünderer Roms im Vatikan mit hohen Ehren. Man verabredete den Plan des Florentiner Feldzuges. Man verhandelte über die zu zahlenden Summen, und den Prinzen befremdete noch mehr der Geiz des Papsts als seine klägliche Lage. Nur mit Geringschätzung konnte er auf diesen Hof blicken, wo ihm nichts entgegentrat als Heuchelei, Rachsucht und nimmersattes Gelüst nach weltlicher Macht. De Praet selbst fand die meisten Kardinäle dem Kaiser ergeben, für Geld aber alle käuflich. Oranien erbot sich, geradeswegs auf Florenz loszugehen, dessen Eroberung er als leicht schilderte, und Clemens nahm die heuchlerische Miene an, vor diesem Plan zurückzubeben. »Glaubt ihr«, so sagte er den kaiserlichen Gesandten, »daß ich meine eigene Vaterstadt verderben will? Soll ich etwa ein Bubenstück begehen, welches Gott beleidigen würde, und dann nach meinem Tode den Ruf zurücklassen, daß ich zuerst die Plünderung Roms und hierauf die meiner Vaterstadt Florenz verschuldete?« Oranien war ehrgeizig, und man machte ihm trügerische Hoffnung auf die Hand der Katharina Medici, die damals von den Florentinern als Geisel festgehalten war. Mit Mühe brachte der Papst 30 000 Dukaten auf; andere Summen sollten nachfolgen; 18 000 Goldgulden gab Lorenzo Pucci her. Clemens versprach Geschütze aus der Engelsburg und Truppen, die er solden wollte. In Rom sah man nichts als Geworbene und Trommler, die zu den Fahnen lockten. Camillo, Marzio, Pirro und Sciarra Colonna nahmen Sold bei Philibert, welcher am 17. August Rom verließ. Die Spanier schwelgten im Gedanken an eine zweite Plünderung, die der Stadt Florenz. Von den Landsknechten Frundsbergs waren noch 3000 Mann übrig; dazu kamen 4000 Italiener unter Pierluigi Farnese und dem Grafen S. Secondo. Ein paar tausend Spanier sollte del Vasto aus Apulien nachführen. Mit diesem Heer brach Philibert noch im August 1529 von Aquila auf, um zuerst Malatesta Baglione aus Perugia zu vertreiben und dann gegen Florenz vorzugehen. Es begleitete ihn als Kommissarius Girolamo Morone, welcher neben Muscettola die eifrigste Triebfeder dieses Unternehmens war.

Karl war unterdes mit der Flotte Dorias am 27. Juli von Barcelona in See gegangen. Dem Rate Leyvas gemäß wollte er in Genua landen, um sich sodann nach Bologna zu begeben, hier den Papst zu treffen, die Angelegenheiten Italiens zu ordnen und endlich sich zum Kaiser krönen zu lassen. Seine Freunde konnten nur mit Argwohn auf seinen Aufenthalt in dem geknechteten Italien blicken; die Statthalterin Margarete warnte ihn vor dem Gift der Italiener und vor der Arglist des Papsts. Clemens schickte zu seiner Begrüßung nach Genua Alessandro, den künftigen Schwiegersohn des Kaisers, und Hippolyt, den Sohn Julians. Alessandro verdrängte diesen in der Gunst des Papsts; man hielt ihn sogar für dessen eignen Sohn. Eine Sklavin aus Afrika war seine Mutter; von ihr hatte er das wollüstige Blut und Farbe wie Gesichtszüge des Mulatten. Ursprünglich war Hippolyt zum Erben der mediceischen Herrschaft ausersehen worden, dann ward dies geändert. Während seiner Krankheit machte ihn Clemens am 10. Januar 1529 plötzlich zum Kardinal. Der junge Medici, achtzehn Jahre alt, schön und fein gebildet, verachtete das Priestergewand wie einst Cesare Borgia und Pompeo Colonna. Er wollte Herr von Florenz werden und Gemahl Katharinas. Er verschmerzte nie den Vorzug seines rohen Vetters, und nur der Zufall verhinderte es später, daß ihm nicht dessen Ermordung so gut gelang, wie einst dem Kardinal Cesare der Mord Juans gelungen war.

Nach Genua gingen auch die Kardinäle Farnese und Quiñonez. Der wilde Abt von Farfa griff den letzten bei Bracciano auf; ihn hatten nämlich die Florentiner in ihren Dienst genommen und ihm Werbesold geschickt und diesen der Papst aufgefangen. Der Orsini bemächtigte sich deshalb jenes Kardinals, und Clemens mußte die Geldsummen zurückgeben, worauf Quiñonez weiterreisen durfte.

Am 12. August landete Karl V. zu Genua mit einem glänzenden Gefolge von Granden Spaniens. Kalt und ruhig, mit dem Bewußtsein seiner Größe, ohne den geräuschvollen Pomp unsichrer Herrscher, betrat er das unglückliche Land, welches ihn widerstandlos als den Gebieter seines Schicksals empfing. Er stand auf der Sonnenhöhe seiner Macht. Die alte europäische Welt hatte er zerschlagen, und wie Karl der Große schien er ihr ein neues System geben zu wollen. Denn nicht in seinem unermeßlichen Reich lag die Furchtbarkeit Karls V., sondern in dem Zusammenbruch aller europäischen Verhältnisse, den sein Kaisertum herbeigeführt hatte. Frankreich, das Papsttum, Italien, alle diese guelfischen Gewalten, denen einst die Hohenstaufen erlegen waren, hatte Karl niedergeworfen und in Fesseln gelegt. Von der romanischen Hälfte Europas besaß er, der deutsche Kaiser, den größten Teil. Das Herz der lateinischen Welt, Rom mit dem Papsttum, hielt er in seiner Hand. Die Papstgewalt hatte er so tief erniedrigt wie noch nie ein Kaiser vor ihm, den Papst von seiner europäischen Stellung abgesetzt, aus seiner italienischen herausgeschleudert, seine Verbindung mit Frankreich, der uralten Schutzmacht des guelfischen Prinzips, gewaltsam zerstört. So war er der Verbündete der deutschen Reformation, die das Papsttum kirchlich zerstörte, wie er es politisch tat. Das neue System, welches mit Karl V. in Europa erschien, war die absolute Monarchie. Die feudalen wie die städtischen Autonomien stürzten dahin. In Deutschland half die Reformation dazu, in Italien tat es die spanische Despotie. Nun ging es für immer mit der Freiheit Italiens, mit seiner guelfischen Städteverfassung zu Ende. Es ist, als hätte damals eine einzige Hand die Brandfackel der Vernichtung in diese herrlichen Städte geschleudert, deren Zeit vorüber war. Das furchtbare Schicksal Roms, das nicht minder gräßliche Mailands, anderer wie Lodi, Pavia, Cremona, Genua, Neapel nicht zu gedenken, hatte dies gezeigt, und bald sollte auch an Florenz die Reihe kommen.

Als man dort den Frieden zu Cambrai und die Landung Karls V. vernahm, wurde die Bestürzung groß. Da Frankreich seine italienischen Bundesgenossen verraten hatte, blieb die einzige Hoffnung Venedig, denn diese Republik, an welche sich auch der Herzog von Ferrara anklammerte, setzte noch unter ihrem General Urbino den Krieg in der Lombardei fort. Doch der letzte Freiheitskampf der Italiener war hoffnungslos. Franz I., welcher die Florentiner preisgegeben hatte, ermunterte sie gleichwohl wie die Venetianer heimlich zum Widerstande. Sie aber entschlossen sich, da die Partei der Optimaten die Oberhand gewann, Gesandte an den Kaiser zu schicken, zu welchem die Boten von Herren und Staaten Italiens nach Genua eilten. Dieser zu späte Schritt war ein Mißgriff, weil einer Trennung vom Bunde mit Venedig gleich. Alsbald verbot auch der Herzog Alfonso seinem Sohn Ercole, die Feldhauptmannschaft in Florenz anzunehmen, wozu er sich verpflichtet hatte. Niccolò Capponi, Matteo Strozzi, Raffael Girolami und Tommaso Soderini gingen nach Genua. Sie entschuldigten das französische Bündnis ihrer Vaterstadt, gelobten dem Kaiser Gehorsam und flehten ihn an, die Freiheit der Republik Florenz zu schirmen und sie nicht der Rache der Medici aufzuopfern. Karl entließ sie ungnädig; sein Kanzler Gattinara (einen Tag nach des Kaisers Landung hatte ihn Clemens zum Kardinal gemacht) gab ihnen den trostlosen Bescheid, daß Florenz die Freiheit verwirkt und sich mit dem Papst zu vertragen habe.

Schon war Oranien über Foligno vorgegangen und hatte sich Spellos bemächtigt. Hier unterhandelte er mit Malatesta Baglione, der im Florentiner Solde stand. Der Baglione schloß am 10. September ein Abkommen mit ihm, wonach er Perugia der Kirche übergab, selbst aber zu den Florentinern abziehen durfte. Die Republik mußte zu diesem Vertrage ihre Zustimmung geben, und so fiel mit Perugia ein Bollwerk, welches den Feind hatte aufhalten sollen, während Malatesta selbst fortan in die diplomatischen Schlingen des Papsts geriet. Cortona und Arezzo ergaben sich, und Philibert rückte am Ende des September in das Valdarno bis nach Montevarchi vor. Seine eigene Mutter schrieb ihm, er möge von diesem gottlosen Kriege abstehen, worin ihm das Verderben drohe. Als Anhänger der Reformation haßte er das römische Priestertum; er verachtete die Schwäche, die Heuchelei und die Habgier des Papsts; vor den Florentiner Gesandten, die ihn beschworen, ihre Stadt nicht anzugreifen, entschuldigte er sich mit des Kaisers Befehl. Clemens selbst, noch immer unterhandelnd, empfing die Boten der Stadt mit der unredlichen Versicherung, daß er nur seine Ehre wiederherstellen, die Freiheit der Republik aber nicht vernichten wolle.

Unterdes zog der Papst am 7. Oktober von Rom über Foligno, Gualdo und Rimini nach Bologna, nachdem der Kaiser am 30. August ebendorthin über Parma gegangen war. Hier traf ihn der französische Botschafter Philipp Chabot, Admiral von Brion, der mit so prahlerischer Pracht daherzog, daß er den Hof des Kaisers verdunkelte. Auf ihrer Reise konnten Clemens wie Karl die gräßliche Verwüstung des Landes betrachten und das Elend einst reicher Städte, deren Bewohner nun weinend und bettelnd an den Heerstraßen standen, den Cäsar oder den Papst mit stummen Flüchen zu empfangen. Die Lombardei war einer Einöde gleich; die englischen Gesandten, welche nach Bologna reisten, fanden zwischen Vercelli und Pavia keinen Arbeiter auf dem Felde, in großen Orten kaum fünf oder sechs Elende, in einst blühenden Städten die Einwohner nach Brot schreiend, Kinder vor Hunger sterbend.

Schon am 24. Oktober war der Papst mit sechzehn Kardinälen in Bologna angekommen, worauf Karl am 5. November von der Certosa her seinen Einzug hielt. Millienweit empfingen ihn die Bürger, die Kardinäle, die Gesandten italienischer Herren. Er zog daher mit Rittern und Granden und Tausenden geharnischter Krieger, auf andalusischem Schlachtroß unter einem goldenen Baldachin, welchen vierzehn edle Bologneser trugen. So bewegte sich die Kavalkade durch die festliche Stadt nach S. Petronio, wo ihn der Papst erwartete. Nach Katastrophen ohnegleichen sahen sich hier die beiden Häupter der Christenheit zum erstenmal, und einer hatte dem andern Vorwürfe genug zu machen. Wie einst Barbarossa im Dom Venedigs vor dem großen Alexander III. kniete auch Karl V. vor dem kleinen Clemens VII. ehrfurchtsvoll nieder, die weltliche Majestät beugend vor der von ihm besiegten geistlichen Macht. Er küßte dem Papst Fuß und Hand, aber die spanischen Granden konnten auf diese hergebrachte Huldigung mit Lächeln blicken, denn was war noch dieser geschändete Papst, der Gefangene aus der Engelsburg?

Die jetzt verbündeten Feinde bewohnten denselben Stadtpalast durch viele Monate. Um sie her versammelte sich ein Kongreß italienischer Fürsten und Diplomaten wie fremder Gesandten, während sich die Stadt der Bentivogli mit glänzenden Herren und Frauen und Berühmtheiten Italiens erfüllte. Jetzt sollte alles noch Widerstreitende geschlichtet, eine neue Ordnung in Italien eingeführt werden. Es erschienen der kranke Francesco Sforza, Federigo Gonzaga, Francesco Maria. Es kamen auch die Boten der Florentiner. Auch Venedig, noch der letzte selbständige Staat Italiens, entschloß sich endlich zum Unvermeidlichen; denn nichts gab mehr Hoffnung, des Kaisers Macht zu hemmen: die Türken, welche das hätten tun mögen, waren eben am 29. September von den Mauern des heldenmütigen Wien abgeschlagen. Contarini, der den Papst begleitet hatte, war von seiner Regierung mit den Friedensunterhandlungen bevollmächtigt worden, und diese machte die Forderung der Städte Ravenna und Cervia schwierig. Doch die Republik erklärte sich endlich bereit, jene Orte der Kirche, die apulischen Seestädte dem Kaiser auszuliefern, und sie zahlte außerdem große Summen Geldes. Sforza empfing Amnestie und die Investitur Mailands als kaiserlicher Lehnsmann gegen Zahlung großen Tributs, und nur der Fürsprache der Venetianer hatte er seine Einsetzung zu danken. Sie erwirkten auch die Anerkennung des Herzogs von Urbino, ihres Generals, im Besitze aller seiner Staaten. Florenz dagegen sollte mit Waffengewalt den Medici unterworfen werden. Die Unterhandlungen mit Ferrara blieben noch schwebend, da der Papst auf jenen Forderungen bestand, welche so viel zu seinem Unglück beigetragen hatten. Er haßte Alfonso mehr als jeden andern Fürsten, weil er ihm hauptsächlich das Unglück Roms zuschrieb. Dem Papst zu gefallen, hatte auch der Kaiser zuerst die Boten des Herzogs abgewiesen, aber dieser es doch dahin gebracht, daß er Karl auf seiner Reise nach Bologna in Reggio und Modena begrüßen durfte, und hier hatte der kluge Alfonso sein Vertrauen zu erwerben gewußt. Der Kaiser erkannte, daß es ihm nützlich sei, die übertriebenen Ansprüche des Papsts in betreff jener Städte zu beschränken.

Nach diesen Abschlüssen wurde am 23. Dezember 1529 zwischen dem Papst, dem Kaiser, dem König von Ungarn, Venedig, Sforza, Mantua, Savoyen und Montferrat ein ewiger Bund geschlossen. Sobald der allgemeine Friede gesichert war, sollte der europäische Kreuzzug gegen den Sultan unternommen werden. Auf einem nach Augsburg zum 8. April 1530 ausgeschriebenen Reichstage wollte endlich der Kaiser das Wormser Edikt durchführen. Er forderte das Konzil, welchem der Papst auswich. Clemens war dahin gedrängt, daß er, gleich dem Könige Franz, die Stillung des deutschen Kirchenstreits für jetzt nicht einmal vorteilhaft fand: denn der einzige Widerspruch gegen die furchtbare Macht des Kaisers lag in der lutherischen Partei. Wenn Karl diesen innern Brand auslöschte, beschränkte ihn nichts mehr. Er konnte dann auf einem Konzil die Reformation der Kirche in die Hand nehmen und dem Papsttum eine neue Form vorschreiben.

Am 1. Januar 1530 wurde der Friede feierlich im Dom S. Petronio verkündigt. Dieser Kongreß und dieser Friede besiegelten den politischen Tod Italiens. Nun folgte die Kaiserkrönung. Sie sollte ursprünglich in Rom stattfinden, und schon hatte man dafür Anordnungen getroffen, obwohl die geplünderte Stadt und der geschändete St. Peter nur das traurigste Theater für diesen großen Akt sein konnten. Aber die Zeit drängte: Karl wollte die Krone schnell empfangen, um dann zum Reichstage abzureisen. Ohne die Kaiserkrönung konnte er seinen Bruder Ferdinand nicht, wie er vorhatte, zum König der Römer erklären lassen. So ward auf dessen Rat Bologna erwählt, und auch dies war im Grunde eine Demütigung des Papsts, eine Absetzung Roms von seinem uralten Recht. Der letzte deutsche Kaiser, der die Krone Karls des Großen noch aus eines Papsts Händen nahm, wurde im Dom S. Petronio gekrönt. Erst empfing er am 22. Februar in der Kapelle des Stadtpalasts die eiserne Krone der Lombarden, die er aus Monza hatte kommen lassen, und am 24. Februar, dem Tage seines Glückssterns, seiner Geburt, seines Sieges vor Pavia, krönte ihn Clemens mit der goldenen Krone des Reichs. Diese Feierlichkeit trug ein romanisches, wesentlich spanisches Gepräge. Spanische Granden, Astorga, Ponce de Leon, Manriquez de Aguilar, Pedro de Toledo, Mendoza, Herrera, Guzman und italienische Fürsten umgaben den Kaiser, während die Veteranen Leyvas den Platz S. Petronio besetzt hielten. Zum erstenmal in der Geschichte des Deutschen Reichs geschah die Kaiserkrönung ohne jede Beteiligung der deutschen Reichsstände, und diese, nicht einmal dazu eingeladen, hatten nur der Form wegen wider alle Akte protestiert, welche ohne ihre Zustimmung in betreff italienischer Reichslande möchten erlassen werden. Von Reichsfürsten sah man nur den Pfalzgrafen Philipp, welcher den Reichsapfel trug; das Zepter hielt der Marchese Bonifatius von Montferrat, das Schwert der Herzog von Urbino als Stadtpräfekt; die Reichskrone trug Karl III. von Savoyen; das Banner Roms der glänzende Julian Cesarini als Gonfaloniere des römischen Volks. Über einem mit Purpur bedeckten Gerüst schritt der Kaiser zwischen den Kardinälen Salviati und Ridolfi vom Palast nach der Plattform der Treppe des Doms, und dieses Gerüst brach hinter ihm zusammen. Auf der Treppe stellte eine hölzerne Kapelle, worin Karl V. zum Kanonikus von St. Peter gemacht wurde, die der S. Maria in Turri in Rom dar, während andere Kapellen im Dom jene römischen des St. Gregor und St. Mauritius ersetzten. Denn selbst noch im Jahre 1530 wurde die Kaiserkrönung dem alten Ritual gemäß vollzogen; noch jetzt leistete der Kaiser den hergebrachten Eid, der Schirmvogt der Kirche und aller ihrer weltlichen Rechte zu sein. So hartnäckig blieb die Tradition päpstlicher Größe, daß auch Karl V. nach vollzogener Krönung Clemens VII. den Steigbügel hielt. Kaiser und Papst ritten sodann nebeneinander unter einem Baldachin in Prozession durch einen Teil der festlich geschmückten Stadt.

Der Kaiserkrönung Karls V., des machtvollsten der Imperatoren, die seit Karl dem Großen auf dem Throne des Reiches saßen, dienten zur Folie die schwärzeste Leidensnacht Italiens, die Wüste des geplünderten Rom, das verschmachtete Mailand, das sterbende Florenz und hundert zerstörte und entvölkerte Städte. Auf die beiden Hauptpersonen dieser pomphaften Handlung konnte die Welt nur mit Argwohn und Furcht blicken. Denn hier ward die cäsarische Gewalt von ihrer überwundenen Verbündeten, der geistlichen Despotie gekrönt. Beide erneuerten das mittelalterliche Bündnis, und sie verstanden sich in dem gleichen Zweck: zu unterjochen und zu herrschen. Deutschland konnte die Fahne der Gedankenfreiheit, die es erhoben hatte, umfloren, denn es wußte wohl, daß jetzt der römischen Geistestyrannei der Kaiser seinen ehernen Arm leihen werde, und Italien, die unseligste der Nationen, lag zu den Füßen Cäsars, so todwund, so ausgeraubt und nackt, wie als wäre es die Sklavin Amerika. Der Papst selbst konnte sich, als er Karl V. die Reichskrone aufs Haupt setzte, sagen, daß er nun krönte, was er sein Leben lang bestritten hatte: die Herrschaft Spaniens über das italienische Land.

Die Anwesenheit Alfonsos bei der Krönung hatte Clemens nicht geduldet, aber der Kaiser bestand auf dem Abschluß eines Vertrags mit ihm. Der Herzog kam am 7. März, und am 21. verständigte man sich dahin, daß Alfonso Modena und Reggio dem Kaiser überlieferte, bis dieser über die Rechte auf den Besitz dieser Städte ein unparteiisches Urteil gefällt habe. Bald darauf wurde er mit Carpi beliehen, wonach er so lange getrachtet hatte. Er zahlte dafür dem Kaiser 100 000 Dukaten. So verloren die Pii den Besitz jenes schönen Landes, den sie zweihundert Jahre behauptet hatten. In Carpi erinnern noch viele Denkmäler an sie, zumal an Alberto Pio, den Freund des Aldus, stattliche Kirchen und auf dem mit Arkaden geschmückten Hauptplatz das prächtige Herrenschloß.

Am 22. März 1530 verließ Karl Bologna, um nach Deutschland zurückzukehren; so ruhmgekrönt und in so gewaltiger Majestät war kaum je zuvor ein deutscher Kaiser aus Italien heimgekehrt. Am 24. März stellte er zu Castelfranco den Rittern von Rhodos ein Diplom aus, wodurch er ihnen für ewige Zeiten Malta zum Sitz verlieh. In Mantua nahm ihn Federigo Gonzaga mit großer Pracht in dem herrlichen Schloß auf, und hier konnte der Kaiser über den Reichtum und den Schönheitssinn selbst kleiner italienischer Dynasten erstaunen, die solche Residenzen zu erschaffen wußten. Er erhob am 25. März Gonzaga zum Herzog, dann setzte er seine Reise über Innsbruck fort, begleitet vom Kardinallegaten Campeggi, welcher in ihn drang, die lutherische Ketzerei rücksichtslos mit Feuer und Schwert auszurotten. Noch in Bologna hatte der Kaiser dringend ein Konzil verlangt, aber der Papst diesem zu entgehen gesucht, und bald zeigten ihm die Reichstage, daß die Reformation weder mehr durch Edikte, noch durch Feuer und Schwert zu besiegen sei.

In Augsburg, wo Karl V. am 15. Juni eingetroffen war, übergaben ihm erst die lutherischen Stände am 25. Juni ihre Konfession und dann den Protest gegen den Reichstagsabschied, welcher die Ausrottung der neuen Lehre dem Edikt von Worms gemäß befahl. Der erneuerte Bund des Papsttums und des Kaisertums richtete nichts mehr gegen den Geist der religiösen Freiheit aus. Siegreich setzte sich, ob auch unter langen und schweren Kämpfen, welche das Deutsche Reich zersplitterten, die Reformation in den germanischen Landen fest, und wie sie die alte Papstgewalt Hildebrands und Innocenz' III. für immer brach, so befreite sie auch Europa von der Cäsardespotie, in welche Karl V. nach seinen Siegen das Abendland zu schlagen drohte.

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