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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Allgemeiner Sturm. Angriff auf das Pränestische Tor. Murus Ruptus. Sturm auf das Grabmal Hadrians. Zerstörung seiner Statuen durch die Griechen. Fehlschlagen des Sturms auf allen Punkten.

Am neunzehnten Morgen der Belagerung unternahm Vitiges den Sturm. In einem allgemeinen Anlauf wollten diese tapfern Goten die Mauern Roms ersteigen und so dem ganzen Kriege mit einemmal ein Ende machen. Aus den sieben Lagern rückten sie voll Siegeszuversicht in dichten Scharen an. Der Anblick der riesigen Türme, welche, von starken Ochsen gezogen, sich langsam gegen die Mauern bewegten, erschreckte die Römer, aber Belisar bespöttelte sie. Mit eigener Hand schnellte er einen Bolzen vom Salarischen Tor, erschoß den Führer der Sturmkolonne, schleuderte mit einem zweiten Wurf einen andern zu Boden und befahl denen, die das Geschütz bedienten, ihre Geschosse zunächst auf die Zugtiere zu richten. Die Goten sahen bald ihre Hoffnung vereitelt; die Maschinen blieben auf dem Felde stehen, aber sie selbst stürzten voll Wut gegen die Mauern der Stadt.

Indem sie zu gleicher Zeit alle von ihnen belagerten Tore angriffen, entbrannte der heftigste Kampf an zwei Stellen, wo sie einzudringen hofften, an der Porta Praenestina und am Grabmal Hadrians. Die Mauern waren dort besonders in der Gegend schwach, wo sich an sie ein altes Vivarium für wilde Tiere anlehnte. Es lag neben dem Tor S. Lorenzo, welches damals das Pränestische gewesen sein muß, und es versteckte nur die Schwäche der Mauer, ohne sie selbst zu verstärken. Vitiges leitete hier in Person den Sturm; Belisar, von der Gefahr benachrichtigt, eilte vom Salarischen Tor herbei, sie abzuwenden. Die Goten waren schon in das Vivarium eingedrungen, aber sie wurden durch einen Ausfall zuerst in den engen Ort zusammengedrückt, dann in ungeordneter Flucht in ihr entferntes Lager zurückgetrieben, während ihre Maschinen in Flammen aufgingen.

Auch vom Salarischen Tor schlug man den Sturm durch einen gleich kräftigen Ausfall ab; das Flaminische wurde wegen seiner Lage nicht angegriffen, und den Murus Ruptus verteidigte der Apostel Petrus selbst, indem er die Goten mit Blindheit schlug. Diese seltsame Legende der Zeit, wo Petrus schon der erklärte Schutzpatron Roms geworden und sein Leichnam an die Stelle des alten Palladium getreten war, erzählt Procopius mit Verwunderung. Der Murus Ruptus war ein Teil der Mauer, die den Hügel Pincius stützt, ein gewaltiger Bau von Strebepfeilern; er hatte sich schon in alter Zeit von der Mitte nach oben zu getrennt und war, ohne zu stürzen, in schiefer Neigung stehengeblieben. »Seit alters«, so sagt Procopius, »nannten ihn die Römer Murus Ruptus«, und wir setzen hinzu, daß sie ihn noch heute Muro Torto nennen. Als Belisar vor dem Beginne der Belagerung diese gefährliche Stelle ausbessern wollte, hielten ihn die Römer mit der Versicherung davon zurück, daß dies unnötig sei, da der Apostel ihnen versprochen habe, die Mauer in Person zu beschützen. Und sowohl am Tage des Sturms als später blieb dieselbe durchaus von den Goten verschont, so daß Procopius sich verwunderte, warum der Feind, der die Mauern so oft bei Tage mit Gewalt und bei Nacht mit List zu ersteigen versuchte, diese ihn besonders einladende Stelle so ganz übersah.

Auf der transtiberinischen Seite versuchten sich die Goten ohne Erfolg am Tor des Janiculus oder St. Pancratius; doch mit besserem Nachdruck stürmten sie das Grabmal Hadrians. Procopius hat diese außerordentliche Episode der gotischen Belagerung beschrieben, und wir verdanken ihm bei dieser Gelegenheit die älteste Schilderung des berühmten Mausoleums, obwohl sie uns bedauern läßt, daß sie nicht ausführlicher ist. Die Nachlässigkeit der Schriftsteller vor ihm hat jenes Grabmal kaum beachtet, und aus des Procopius eigenen Worten ergibt sich nicht völlig weder dessen Gestalt noch damaliger Zustand. »Das Grabmal des römischen Kaisers Hadrian«, so sagt er, »liegt außerhalb des Aurelischen Tores, einen Steinwurf von den Mauern entfernt; es ist ein merkwürdiges Prachtwerk. Denn es besteht aus Steinblöcken von parischem Marmor, die aneinander befestigt sind, ohne sonst innerlich verbunden zu sein. Seine vier Seiten sind einander gleich; die Breite einer jeden beträgt einen Steinwurf, die Höhe aber überragt die der Stadtmauern. Oben stehen bewundernswürdige Statuen von Männern und von Rossen aus demselben Marmor.« Das ist alles, was Procopius zu sagen weiß; er läßt das Grabmal nur als einen mit Marmorfiguren geschmückten viereckigen Bau erkennen; aber ob er sich in Stockwerken verjüngte, ob diese von Säulenstellungen umschlossen waren, ob endlich das Ganze ein spitzer Kegel mit einem bronzenen Pinienapfel krönte, erfahren wir von ihm nicht.

Die Festigkeit und Größe dieses Mausoleum und seine unmittelbare Nähe an der Stadt, vor deren Mauern die Brücke Hadrians darauf hinführte, hatte die Römer schon lange vor Belisar auf den Gedanken gebracht, es als Brückenkastell zu benutzen und in die Befestigung der Stadt hineinzuziehen. »Die Alten«, so bemerkt der griechische Geschichtschreiber, machten, daß dieses Grab (es scheint eine Vorburg der Stadt zu sein) zu einem Teil der Befestigung wurde, indem von der Stadtmauer zwei Mauern auf dasselbe hindurchgingen.« Unter den Alten konnte er nicht Theoderich verstehen, selbst wenn der Gotenkönig das Grabmal restauriert oder schon als Staatsgefängnis benutzt hatte, da es im X. Jahrhundert vom Volk »der Kerker Theoderichs« genannt wurde und erst hierauf diesen Namen mit dem des »Turms des Crescentius« vertauschte. Es wird vielmehr Honorius, wenn nicht schon Aurelian gewesen sein, welcher es an die Mauern angeschlossen hat. Um deren Verbindung mit ihm sich deutlich zu machen, muß man sich vorstellen, daß die Aurelianische Mauer auf dem diesseitigen Tiberufer von der Seite des Flaminischen Tors heraufkam, daß sie vor der Brücke Hadrians durch die Porta Aurelia unterbrochen wurde und dann weiter bis gegen die Janiculensische, ja bis zur Inselbrücke sich fortsetzte und an dem Punkt endigte, wo jenseits die Aurelianische Mauer des Janiculus den Fluß berührte. Von dem Grabmal durch den Tiber getrennt, konnte die Stadtmauer nicht anders mit ihm verbunden werden als vermittelst der Brücke selbst; indem von ihm zwei Mauern auf dieselbe gezogen wurden, brachten sie jenes und die Brücke in Zusammenhang mit der diesseitigen Mauer und dem Aurelischen Tor. So wurde der wichtige Eingang in die Stadt durch ein Brückenkastell geschützt, dessen Besatzung mit jener des Tors in ununterbrochener Verbindung blieb. Weil aber durch die vom Grabmal nach der Brücke gezogenen Mauern der Weg zum St. Peter gesperrt worden war, mußte man dort ein Tor machen, und dieses ist die zweite Porta Aurelia oder die Porta Sancti Petri im Hadrianeum, wie sie im VIII. und IX. Jahrhundert genannt wurde.

Belisar hatte die Wache des Mausoleum dem besten seiner Unterbefehlshaber, Constantinus, übertragen und ihm befohlen, auch die nahe Stadtmauer zu decken; denn dort, vielleicht links vom Aurelischen Tore, standen nur kleine Wachposten, weil der Fluß an sich Bedeckung gab. Indes versuchten die Goten, auf Kähnen überzusetzen, und sie zwangen dadurch Constantin, sich auf diesen bedrohten Punkt zu begeben, die zahlreichere Mannschaft aber sowohl im Aurelischen Tor als im Grabmal zur Verteidigung zurückzulassen. Die Goten rückten gegen das Mausoleum vor; wenn sie dieses eroberten, durften sie auch der Brücke und des jenseitigen Tors sich zu bemächtigen hoffen. Ohne Maschinen mitzuführen, trugen sie nur Sturmleitern herbei, gedeckt von ihren breiten Schilden. Zugleich schützte der Porticus oder bedeckte Säulengang, welcher aus der Nähe des Grabmals nach der Vatikanischen Basilika führte, die Heranrückenden gegen die Ballisten der auf dem Kastell stehenden Griechen. Sie näherten sich in den engen Gassen, welche dort an dem zerstörten Circus des Hadrian lagen, geschickt der Burg so weit, daß die Wurfmaschinen nicht mehr gegen sie gebraucht werden konnten. Dann brachen sie hervor, warfen eine Wolke von Pfeilen auf die Zinnen des Grabmals und legten die Sturmleitern an. Von allen Seiten andrängend, waren sie schon nahe daran, das Mausoleum zu ersteigen: da gab die Verzweiflung den Griechen ein, die vielen Bildsäulen, welche dasselbe schmückten, als Wurfmaterial zu gebrauchen; sie warfen sie auf die Goten hinab. Die zerbrochenen Meisterwerke, Bildsäulen von Kaisern, Göttern und Heroen, stürzten als ein Hagel wuchtiger Fragmente herunter; der stürmende Gote wurde von den Leibern schöner Idole zerschmettert, die vielleicht schon die Tempel Athens als Werke des Polyklet oder des Praxiteles geziert hatten oder die vor vierhundert Jahren in Werkstätten Roms waren geschaffen worden. Mit dieser wilden Szene um ein Kaisergrab, welche die mythischen Kämpfe der Giganten zu erneuern schien, endete der Streit überhaupt am Aurelischen Tor. Als Constantin von der Stadtmauer, wo er den Feind am Übersetzen auf das diesseitige Ufer verhindert hatte, herbeieilte, fand er die Goten im Rückzuge von dem Grab begriffen, an dessen Fuß Leichen und Statuen gleich zerschmettert und mit Blut besudelt hingestreckt dalagen.

Der an allen Toren vereitelte Sturm kostete Vitiges die Blüte des Heers, vielleicht nicht weniger als 30 000 Tapfere, denn so viele Tote zählte Procopius nach dem eigenen Bericht gotischer Hauptleute, und größer war, so sagt er, die Zahl der Verwundeten, weil die Schleudergeschosse in dichtgedrängte Massen hineingedrungen waren und die Ausfallenden ein großes Gemetzel unter den aufgelöst Fliehenden angerichtet hatten. Als die Nacht angebrochen war, hörte man in Rom frohe Siegeshymnen und Lobgesänge auf Belisar, im Lager der Goten wilde Totenklagen um die gefallenen Helden schallen.

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