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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 408
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Rückkehr der Kaiserlichen nach Rom September 1527. Die Geiseln in der Gewalt der Landsknechte. Veyre in Rom. Oktobervertrag in der Engelsburg. Krieg in der Lombardei. Flucht des Papsts nach Orvieto Dezember 1527. Die Liga und der Papst. Kriegserklärung der Mächte in Burgos. Zug Lautrecs nach Neapel. Abzug der Kaiserlichen aus Rom Februar 1528. Krieg um Neapel. Der Papst geht nach Viterbo. Untergang Lautrecs. Der Papst entschließt sich, auf die Seite des Kaisers zu treten.

Clemens sah sich in der Lage Franz' I. zu Madrid, denn auch er sollte um seine Freiheit auf Bedingungen unterhandeln, die ihn für immer zur Ohnmacht verdammten; auch er empfing in seinem Kerker Mahnbriefe, auszudauern und sich nichts Unwürdiges abzwingen zu lassen. Am 14. September schrieb ihm so der König, ihm Hoffnung baldiger Befreiung gebend. Doch nur mit Mißtrauen blickte der Papst auf die matten Unternehmungen der Liga in der Lombardei; schon argwöhnte er Absichten Lautrecs auf Parma und Piacenza, selbst auf Bologna. Am 16. September schrieben ihm aus Compiègne die Kardinäle Wolsey, Bourbon, Salviati, Lothringen und Sens. Sie fürchteten die tatsächliche Einziehung des Kirchenstaats durch den Kaiser; sie protestierten gegen alle Erlasse, mit denen der Papst aus Zwang die weltlichen Rechte der Kirche verletzen möchte.

Nun ängstigte Clemens auch die Rückkehr des kaiserlichen Kriegsvolks aus Umbrien am 25. September. Die Bündischen, welche hinter demselben Narni besetzten, versuchten zwar, bis in die Sabina vorzudringen, wo die spanische Reiterei bei den orsinischen Kastellen Monterotondo und Mentana stehen blieb, aber ihr Plan, diese dort zu überfallen und durch Abwerfen der Aniobrücken ihr den Rückzug abzuschneiden, wurde verraten. Das Heer der Liga unternahm nichts zur Befreiung Roms; es war in solcher Verfassung, daß die Kaiserlichen dasselbe ohne Mühe bis unter die Mauern von Florenz hätten treiben können. Die Landsknechte aber hausten nun in Rom ärger als zuvor; sie plünderten und machten wieder Gefangene, sie zerstörten Paläste und Häuser; die ganze Stadt drohten sie in Trümmer zu zerschlagen. Wütend forderten sie die Erfüllung des Vertrags mit dem Papst, und sie würden ihn erwürgt haben, wenn er in ihre Hände kam. Alarcon, der ihn schützte, sah in diesem Aufruhr der Söldner die boshafte Absicht des ehrgeizigen Kardinals Pompeo. Kaum hielt dieser Kapitän mit Morone und den Colonna einen Schein von Regierung in Rom aufrecht, während Oranien sich noch in Spoleto befand. Die Banden gehorchten keinem Befehle mehr. Ihre schon im Junivertrag ausbedungenen Geiseln, den Erzbischof von Siponto (später Julius III.), den Erzbischof Bartolini von Pisa, den Datar Giberti, den Bischof Antonio Pucci von Pistoja, einen Nepoten des Kardinals Lorenzo, und die Florentiner Salviati und Ridolfi, lieferte der Papst im großen Saal der Engelsburg an die Deutschen aus. Es gab eine erschütternde Szene, da alle in Tränen ausbrachen. Alarcon führte die Geiseln nach Campo di Fiore; dort nahmen sie die Landsknechte in Empfang und sperrten sie im Palast der Cancellaria ein. Von dort schleppten sie dieselben oftmals, zwei zu zwei an Ketten gebunden, in ihre Versammlung auf Campo di Fiore. Daselbst richteten sie drohend Galgen auf.

Unterdes war Veyre am Ende des September in Gaëta gelandet. Hier erfuhr er den am 23. desselben Monats zu Aversa erfolgten Tod Lannoys, und er teilte seine Aufträge Moncada mit, der jetzt die Statthalterschaft in Neapel führte. Am 30. September berichtete er dem Kaiser über die Verhältnisse in Italien, welche er so mißlich fand, daß er ihm dringend zu einem Frieden riet, zumal der Papst durch die Unternehmung Lautrecs wieder ermutigt sei. Hierauf ging er nach Rom, um mit Clemens zu einem Abschluß zu kommen. Er bedauerte, den Papst noch in der Engelsburg zu finden statt im sichern Gaëta; denn dort war er noch der Wut der Landsknechte ausgesetzt. Man hielt Schiffe auf dem Tiber bereit, ihn im Notfalle schnell nach Ostia und aufs Meer zu retten.

Veyre wollte als sein entschiedener Gegner ihm die härtesten Bedingungen auferlegen, ja ihm jede weltliche Stellung nehmen; dasselbe wollte Seron, der Vertreter und Kanzler Moncadas; aber schon hatte der Papst andere kaiserliche Räte für sich gewonnen. Quiñonez lockte er mit dem Versprechen des Purpurs, Morone mit der Verleihung des Bistums Modena an seinen Sohn. Selbst Pompeo wurde weniger durch die Übertragung der Legation in Ancona als durch die Erkenntnis bestimmt, daß der von ihm so heftig angefeindete Papst am Ende doch durch den Kaiser würde hergestellt werden. Infolge dieses Zwiespalts der Ansichten begab sich Vevre nach Neapel zu Moncada. Die Zeit drängte: man mußte das Heer endlich von Rom losmachen, denn Lautrec bedrohte schon die Grenzen Neapels. Der Papst trieb ihn, schnell vorzudringen und sein Befreier zu werden; einen Vertrag mußte er wohl mit dem Bevollmächtigten des Kaisers abschließen, aber unter dem Druck des nahenden französischen Heers konnte er günstigere Bedingungen erlangen. Franz I. hatte die Gefangenschaft des Papsts zum Vorwand genommen, die Mächte nochmals in Bewegung zu bringen. Der am 18. August zwischen ihm und Heinrich VIII. abgeschlossene Bund, welchem Venedig, Florenz und Sforza beitraten, drohte alles vom Kaiser Errungene wieder in Frage zu stellen, und schon im Juli wußte Karl, daß sein Todfeind Wolsey den Plan gefaßt hatte, die Ehe des Königs von England mit Katharina von Aragon zu trennen, um ihn so für immer von Spanien abwendig zu machen.

Der Vertrag mit dem Papst wurde am 31. Oktober in der Engelsburg festgestellt und am 26. November unterzeichnet. Darnach verpflichtete sich der Kaiser, jenem die Freiheit und sogar den Kirchenstaat zurückzugeben unter der Bedingung seiner Neutralität, wofür er Ostia und Civitavecchia zum Pfande und die Kardinäle Trivulzio, Gaddi und Pisani zu Geiseln geben, dem Heer aber die schuldigen Summen in bestimmten Fristen auszahlen solle. Ein allgemeiner Friede sollte darauf geschlossen, die Reformation der Kirche auf einem Konzil durchgeführt werden. Um die Geldsummen herbeizuschaffen, wurden die kaiserlichen Minister auf zu verkaufende Kirchengüter im Königreich Neapel angewiesen, und schon am 21. November hatte Clemens für Geld auch einige Kardinäle ernannt.

So zerfiel die Möglichkeit einer neuen Weltform ohne das Papsttum. Wohl lag es scheinbar in der Gewalt Karls V., dieses aufzuheben, Rom wieder zu einer kaiserlichen Stadt zu machen und dadurch Italien unter seinem Zepter zu vereinigen. Eine spanische Dynastie würde dann das gesamte Land regiert und sich in ihm so schnell heimisch gemacht haben wie die Aragonen in Neapel. Die langen Leiden Italiens, welche auf die Zeit Karls V. folgten, die noch jahrhundertelang fortgesetzte Priesterherrschaft und die Verkümmerung des nationalen Staats durch die ihn polypenartig umklammernde geistliche Gewalt können wohl das Urteil dazu verführen, Karl V. anzuklagen, daß er unter einer großen Aufgabe blieb, ja vor seiner eigenen Größe furchtsam zurückwich. Aber solche Anklage ist nichtig. Die geschichtliche Welt entwickelt sich nach organischen Gesetzen; jedes politische Ereignis in ihr ist auch ein bedingtes, und nur scheinbar sind die Entschlüsse der Mächtigen frei. Im Jahre 1527 erschien die ghibellinische Idee der Aufhebung des Kirchenstaates in der politischen Welt wieder; sie sagte eine künftige Notwendigkeit voraus, doch sie durchzuführen besaß Karl V. nicht die Macht. Es besaß sie nach ihm nicht einmal Napoleon, der einen Augenblick lang jene cäsarische Universalherrschaft in Europa aufrichtete, auf die Karl V. verzichten mußte. Jenes Zeitalter war für die große Revolution nicht reif, die aus der Aufhebung des weltlicher Papsttums notwendig folgen mußte. Erst heute ist die Menschheit dafür reif geworden, und die tausendjährige Herrschaft der Päpste in Rom zerfiel schattengleich, vom Geist der Zeit aufgezehrt, vom Willen des italienischen Volks mühelos ausgelöscht, unter der lauten oder schweigenden Zustimmung aller jener Mächte Europas, welche damals wider Karl V. einen Bund zur Rettung des Papsttums geschlossen hatten. Der Kaiser, altgläubig und katholisch gesinnt, fürchtete nicht diese allein, auch die religiöse Leidenschaft Spaniens und Siziliens, die Macht der Inquisition, auch den revolutionären Charakter der deutschen Kirchenspaltung. Mit Entschiedenheit forderte der spanische Staatsrat die Befreiung des Papsts. Karl entschloß sich, ihn wieder aufzurichten, doch so gedemütigt und mit so verkürzter weltlicher Macht, daß er ihm nicht mehr gefährlich werden konnte. Durch den Novembervertrag hoffte er, dies erreicht zu haben.

Schon verheerte gräßlicher Krieg Oberitalien. Hier behauptete zwar Leyva mit bewundernswerter Kraft Mailand und andere Städte, aber Alexandria und Pavia, welches Lautrec aus Rache schrecklich mißhandelte, und auch Genua fielen in französische Gewalt. Bologna war in den Händen des Bundes; und schon lagen den Franzosen die Straßen nach Rom und Neapel offen. Das Gewicht ihrer Waffen drückte jetzt auch auf Ferrara. Der Herzog Alfonso ließ sich durch große Versprechungen Frankreichs und des Papsts gewinnen, sich am 15. November auf einem Kongreß zu Ferrara der Liga anzuschließen. Im Herzen war er stets französisch gesinnt, und jetzt sollte ihn Renée, die Tochter Ludwigs XII., für immer an Frankreich ketten, denn ihre Hand wurde seinem Sohn Ercole zugesagt. Alsbald fiel auch Federigo Gonzaga vom Kaiser zur Liga ab.

Dem Vertrage gemäß sollten die kaiserlichen Truppen Rom verlassen, sobald ihnen die Geldsummen ausbezahlt waren, und dies konnte nicht so leicht geschehen. Die Landsknechte, vor deren Grimm die Hauptleute zu den Colonna nach Rocca di Papa flüchten mußten, drohten ihre Geiseln zu ermorden, doch diese entflohen durch die Hilfe des Kardinals Pompeo glücklich aus ihrer zweiundfünfzig Tage langen Haft am 29. November. Auf bereitgehaltenen Pferden entrannen sie mit Hilfe der Spanier, die bei S. Maria del Popolo lagerten, aus Rom, und so erlangte auch Giberti, einer der Urheber alles Unheils, seine Freiheit wieder.

Der Papst wurde in der Engelsburg noch so streng bewacht, daß William Knight, der Gesandte des englischen Königs, welcher unter vielen Gefahren heimlich nach Rom gekommen war, nicht zu ihm gelangen konnte, sondern wieder abreisen mußte. Nachdem Clemens die Kardinäle Cesi und Orsini den deutschen Kapitänen ausgeliefert und mit Hilfe Pompeos einen Teil der Summen gezahlt hatte, verlangte er seine Befreiung. Sie wurde auf den 9. Dezember festgestellt. Da ihm aber Moncada und Veyre Schwierigkeiten machten, gewann er den kaiserlichen Reiteroberst Luigi Gonzaga und Morone für eine heimliche Abreise. In der Nacht des 8. Dezember 1527 verließ er verkleidet, in Morones Sänfte und von dessen Dienerschaft umgeben, die Engelsburg. Gonzaga empfing ihn auf den Neronischen Wiesen; zu Pferde eilte man über Cesano nach Viterbo, und wohlbehalten erreichte Clemens nach siebenmonatiger Qual die feste Stadt Orvieto. Nachts am 10. Dezember traf er hier ein, von fünf Kardinälen begleitet; man nahm ihn erst auf, nachdem er seine Person beglaubigt hatte. Wenige Tage nach seiner Abreise wurde die Engelsburg päpstlichen Truppen unter Carlo Astaldi übergeben und die geistliche Regierung in der Stadt hergestellt.

In dem wüsten bischöflichen Palast Orvietos (der Kardinal Ridolfi war dort Bischof) richtete sich der Papst seine Wohnung ein. Er dankte am 11. Januar 1528 dem Kaiser für seine Befreiung und erklärte sich bereit, treu zu ihm zu stehen, im Vertrauen, daß er das Ansehen des Papsttums wiederherstellen werde. Indes als seinen wahren Befreier betrachtete er Lautrec, und er dankte durch Schreiben diesem und dem Könige Franz. Bald nach seiner Ankunft waren nach Orvieto geeilt der Herzog von Urbino, der Marchese von Saluzzo, Federigo Bozzolo und Luigi Pisani, dem Papst zu seiner Rettung Glück zu wünschen, die ihnen selbst so kläglich mißglückt war. Der tapfere Federigo Gonzaga starb in Todi, nachdem er kaum den Papst wieder verlassen hatte, und dieser beklagte den Verlust eines der letzten berühmten Condottieri, die dem Namen Italiens Ehre gemacht hatten. In Wahrheit schwand jetzt auch der kriegerische Ruhm der Italiener dahin; wenn sich noch Feldherrntalente unter ihnen fanden, dienten sie bald nur noch unter den Fahnen des Kaisers. Nichts konnte Clemens peinlicher sein als seine Begegnung mit Francesco Maria. Selbst wenn dieser nicht Verräter war, mußte er ihm doch seine erlittene Schmach lebendig vor die Seele zurückführen. Doch Clemens empfing den Herzog mit Ehren; er war so ganz Diplomat, daß er ihm sogar Hoffnung machte, Katharina Medici mit seinem Sohne Guidobaldo zu vermählen.

Alle Häupter der Liga bestürmten ihn, sich offen für diese zu erklären. Lautrec, welcher am 19. Dezember in Bologna eingerückt war, schickte zu ihm Guido Rangone, Paolo Camillo Trivulzio und den jungen Vaudemont. Im Namen Englands ermunterte ihn Gregorio Casale, ein Bolognese, doch seit langem englischer Diplomat, und bald kamen Stephan Gardiner und Fox mit denselben Aufträgen, die schon zuvor Knight in die Engelsburg hatte bringen sollen: nämlich jene verhängnisvolle Ehescheidung zu genehmigen, welche bald der Grund zur Trennung Englands von der römischen Kirche wurde. Die englischen Boten erstaunten über die klägliche Lage des Papsts in Orvieto, wo er sich so übel befand, wie nur immer in der Engelsburg. Er bewohnte verfallene Zimmer, worin das Notwendige fehlte. Nicht zwanzig Nobles seien das Bett und die Ausrüstung seiner Schlafkammer wert; Hungersnot und große Teuerung herrschten in Orvieto.

Franz I. sandte Longueville mit Glückwünschen und der Erklärung, daß die Liga entschlossen sei, den Krieg kraftvoll fortzuführen. Nach der Eroberung Neapels solle dort ein dem Papst genehmer Herrscher eingesetzt werden. Mit gewohntem Doppelsinn griff Clemens zu seinen alten Künsten; er erklärte sich neutral, hörte aber Vorschläge an und stellte Bedingungen. Eine derselben war die Rückgabe von Ravenna und Cervia, denn kaum aus dem Kastell befreit, hatte er den Erzbischof von Siponto nach Venedig geschickt, um jene Städte zurückzufordern. Seinen Beitritt zur Liga machte er, wenigstens diplomatischerweise, davon abhängig, doch die Venetianer wollten nichts dergleichen hören.

Clemens, stets die Beute seines Argwohns, war aufgebracht, daß Franz I. Florenz und Ferrara in Schutz genommen hatte; die mit Alfonso vereinbarten Artikel wollte er nicht anerkennen; nach wie vor forderte er Modena und Reggio. Er sah mit Mißtrauen Parma und Piacenza in der Gewalt Lautrecs und diesen Marschall in Bologna, von wo er aufzubrechen zögerte, weil er den Erfolg der Unterhandlungen zwischen Frankreich und Karl V. abwartete. Diese scheiterten trotz der Mäßigung des Kaisers, welcher jetzt zugunsten des Friedens sogar auf Burgund verzichten wollte, und am 28. Januar 1528 erklärten die Gesandten der Bundesmächte zu Burgos den Krieg. Dazu ermutigten Frankreich die ersten Fortschritte Lautrecs.

Der Papst hatte gewünscht, daß der Marschall die römische Straße einschlage, doch Lautrec wählte den kürzeren Weg aus der Romagna ins Königreich. Die Florentiner hatten zu ihrem Unglück Kriegsvolk zu ihm stoßen lassen, 4000 Mann der schwarzen Banden unter Orazio Baglione. Ein päpstlicher Nuntius, Pierpaolo Crescenzi, begleitete den Marschall. Sein Aufbruch bewirkte übrigens, daß Clemens wieder in den Besitz von Imola und Rimini kam. Kaum hatte nun Lautrec am 10. Februar den Tronto überschritten, als die Barone der Partei Anjou im Königreich sich erhoben. Jetzt galt es für die Kaiserlichen, das bedrohte Neapel zu retten und in Eile das Kriegsvolk aus Rom dorthin zu ziehen. Nach wütendem Sträuben entschloß sich dieses, der Mahnung Ferrante Gonzagas und dem Ruf Moncadas zu folgen. Der Papst sandte aus Orvieto 40 000 Goldgulden, meist unter dem Titel, daß sie der römische Magistrat hergab, und Lautrec machte ihm daraus den Vorwurf, daß er den Feind zum Marsch nach Neapel ausrüste. Aus Galera, wo er den Winter zugebracht hatte, war Oranien nach Rom gekommen, dann nach Neapel geeilt, von wo er am 9. Februar einiges Geld mitbrachte, die deutschen Landsknechte zu beschwichtigen. Vasto überredete die Spanier, willig abzuziehen. Alle diese Truppen waren stark zusammengeschmolzen; selbst von den Hauptleuten fehlten viele namhafte; auch Melchior, der junge Sohn Frundsbergs, war am 13. Januar der Pest erlegen. Eine Musterung ergab nur 1500 Reiter, 4000 Spanier, mehr als 2000 Italiener zu Fuß und 5000 Landsknechte. Nach einer neun Monate lang fortgesetzten Plünderung Roms brach dies entsetzliche Volk am 17. Februar 1528 auf, um nach Neapel abzuziehen. Und kaum hatte es das Tor St. Johann verlassen, als der Bandenführer Amico von Arsoli, ein Orsini und der Abt von Farfa mit aufgerafftem Gesindel in die Stadt einbrachen. Auch die Trasteveriner, das Volk der Regola und die von Monti rotteten sich zusammen. Alle diese Banden überfielen die Nachzügler des Heers, hieben sie nieder oder warfen sie in den Fluß; sie erwürgten selbst Kranke in den Hospitälern und plünderten, was noch zu plündern war. Alle Häuser der Juden wurden ausgeraubt.

Die abziehende Armee führte die Leiche Bourbons in einem bleiernen Sarge mit sich, um sie der Wut der Römer zu entziehen. Sie wurde später zu Gaëta in einem Grabmal beigesetzt. Aus Rache über den Einfall der Orsini verbrannten die Kaiserlichen auf ihrem Marsch Rocca Priora und Valmontone. In Montefortino ließen sie ihr Geschütz in der Verwahrung Giulio Colonnas und zogen dann fort ins Neapolitanische.

Ein furchtbarer Krieg geißelte wieder die Lombardei und Neapel zugleich. Dort griffen die Franzosen unter S. Pol und die Venetianer unter Urbino die Kaiserlichen an, während Leyva Mailand verteidigte, unterstützt durch Landsknechte, welche der Herzog Erich von Braunschweig nach Italien führte. Die Römer zitterten vor dieser neuen Gefahr, denn man sagte, daß jene Truppen nach Neapel hinabrücken sollten. Sie wandten sich an den englischen Gesandten Casale in Orvieto. 4000 Mann wollten sie selbst aufstellen, die Brücken über den Tiber abwerfen und die Stadt verteidigen, worin damals der Graf Nicolaus von Tolentino für den Papst befehligte. Sie hofften sogar auf die Hilfe des Abts von Farfa. Ihr bester Schutz war vielleicht die meilenweite Wüste des Landgebiets um Rom.

In Neapel war Lautrec erst siegreich, bis sich seit dem April der Krieg in der mörderischen Belagerung der Hauptstadt zusammendrängte. Sie verteidigte Moncada mit all den namhaften Kapitänen Orange, Don Ferrante, Orbina, Alarcon, del Vasto, Bemelberg und Schertlin. Die ersten Waffentaten waren für die Franzosen glücklich; sie gewannen am 28. April eine Seeschlacht im Golf unter Filippino Doria: Moncada und Fieramosca kamen darin um, und der Marchese del Vasto, Ascanio und Camillo Colonna, Seron und viele andere Herren gerieten in Gefangenschaft.

Clemens sah mit Spannung auf den Gang dieses Krieges, nach welchem er seine Entschlüsse einzurichten hatte. Hungersnot trieb ihn am 1. Juni aus Orvieto nach Viterbo. Hier nahm er seinen Sitz zuerst in der alten Burg, dann zog er in den Palast des Kardinals Farnese an der Porta Romana. Am 8. Juni machte er diesen Kardinal zum Legaten für Rom und Campeggi zum Legaten für England; worauf der kaiserliche Gesandte sofort gegen die Möglichkeit des Ehedispenses Einspruch erhob.

Jeder Blick auf Italien mußte Clemens schaudern machen, denn von den Alpen bis zum Faro war dies Land ein einziges Schlachtfeld für Spanier, Deutsche, Franzosen und Italiener, der Zustand seiner Städte und Landschaften kam jenem in der Zeit der Gotenkriege gleich. Wenn er seine Regierung mit jener Leos und Julius' II. verglich, so mußte er sich sagen, daß er verloren, was jene gewonnen hatten: Modena und Reggio, Ravenna und Florenz waren dahin und Rom ein Trümmerhaufe. Er selbst geschändet, jedes Ansehens, jeder Macht entkleidet, ein Spielball für die feindlichen Parteien. In der Geschichte der Kirche gibt es kaum einen Papst, der so tief elend war als Clemens VII. und dessen Unglück doch so wenig Mitgefühl erregt. Forschte er nach der Quelle dieses Unglücks, so konnte ihm der würdige Aegidius in Viterbo sagen, daß sie keine andere sei als die Verderbnis des Papsttums durch seine politische Mißgestalt.

Er wiegte sich fort in dem Schaukelsystem seiner Staatskunst, denn das Unglück hatte, so sagte Guicciardini, die Neigung zu Listen und Ränken nicht in ihm ausgelöscht. Da das Papsttum als Prinzip noch immer von solchem Gewicht war, daß ohne dasselbe die politische Ordnung Italiens nicht festgestellt werden konnte, bestürmten ihn alle Mächte, ihnen beizutreten. Er unterhandelte mit allen und gab allen Hoffnung. Die Liga verlangte, daß er den Kaiser banne und Neapels wie des Reichs verlustig erkläre; dann wollte Franz I. seinen dritten Sohn Angoulème als König in Neapel einsetzen und mit Katharina Medici vermählen. Die Rückgabe Ravennas und Cervias, von welcher der Papst seinen Beitritt abhängig machte, betrieb der Vicomte Turenne fruchtlos bei der Republik Venedig, deren Botschafter Contarini zwei Tage nach dem Papst in Viterbo eingetroffen war. Clemens entschied sich nicht, er wartete die Erfolge Lautrecs in Neapel ab. Der Kaiser wiederum ermahnte ihn durch seinen Gesandten Gianantonio Muscettola, sich mit ihm ehrlich zu verbinden und die Freundschaft Frankreichs aufzugeben. Der König von England bedrängte ihn mit der Angelegenheit seiner Ehescheidung. Wenn er ihn abwies, beleidigte er den mächtigen, so eifrigen »Verteidiger des Glaubens« gegen Luther; wenn er ihm zu Willen war, beschimpfte er den Kaiser. Clemens hatte die Schwachheit, den Kardinallegaten Campeggi im Juli mit der von Wolsey begehrten Bulle an den englischen Hof zu senden, wo er sie dem König allein zeigen, aber nicht veröffentlichen, sondern verbrennen sollte.

Eine französische Flotte legte sich unterdes vor Corneto. Renzo, welcher mit ihr gekommen war, belagerte Civitavecchia, wobei ihn der Papst, seiner Neutralität zum Trotz, mit Material unterstützte. Die Flotte segelte nach Neapel, und nur der Sohn Renzos setzte die Belagerung jenes Platzes fort.

Die unerwartete Wendung des Neapolitanischen Kriegs bestimmte endlich die Entschlüsse des Papsts. Das Glück Lautrecs verwandelte sich in jammervolle Niederlagen. Die Pest verschlang die Feinde in beiden Lagern; durch Schwert und Krankheit wurden die Plünderer Roms wie ihre Gegner hingerafft. Veyre fiel; der Römer Tibaldi und Orazio Baglione wurden erschlagen, Luigi Pisani, der Nuntius Crescenzi, Camillo Trivulzio, der Herr von Pomperan, der junge Vaudemont, sie alle starben an der Pest, und ihr erlag am 15. August auch Lautrec selbst. In seinem eigenen Zelt im Weinberg des Herzogs von Montalto vor Neapel wurde der unglückliche Feldherr unter einem Sandhaufen verscharrt, und dort grub ihn nachher ein spanischer Knecht aus, trug ihn über seinen Schultern durch ganz Neapel und behielt ihn bei sich in einem Keller, hoffend, daß jemand aus Frankreich die Leiche des Marschalls einlösen werde. Aus Erbarmen erstanden sie die Nonnen von S. Chiara, deren Kloster einst der König Robert gestiftet hatte, und sie begruben Lautrec in ihrer Kirche ehrenvoll. Auch die Römer feierten sein Andenken als des Befreiers der Stadt von den kaiserlichen Banden: durch Senatsbeschluß beging man seine Exequien im Lateran.

Die sich auflösende Belagerungsarmee führten Saluzzo und Navarro nach Aversa. Der berühmte Navarro, der sich einst vom Bedienten zum Großadmiral Spaniens und zum ersten Ingenieur seiner Zeit aufgeschwungen hatte, dann von seinem Lande abgefallen war, ward gefangen und starb elend, wie es scheint, heimlich erwürgt, im Kastell Nuovo. Die schwarzen Banden unter Ugo Pepoli wurden aufgerieben, und Saluzzo und Rangone ergaben sich am Anfange des September in Aversa. Der erste starb an seinen Wunden in Neapel, der andere erhielt die Freiheit und ging nach Rom. Selten war ein Krieg so mörderisch gewesen. Die kläglichen Reste der französischen Armee wankten gespensterhaft auf den Straßen umher, an weißen Stöcken, den Abzeichen ihres Betteltumes, oder sie starben wie eine Herde, eingepfercht in den königlichen Ställen der Maddalena. Scharenweise schleppten sie sich sogar bis Rom, wo man ihnen vor den Mauern zu lagern gestattete und Nahrung gab. »Es haben«, so sagt Reissner, »die Franzosen in Neapel nie kein Glück gehabt, und hat immer das unschuldig Blut Chunradini, des letzten jungen Fürsten von Schwaben müssen gerochen werden.«

Das Joch Spaniens legte sich jetzt mit eiserner Wucht auf das Königreich Neapel. Philibert, dort Vizekönig Karls, und sein Rat Morone verfolgten den Adel der Partei Anjou mit Gütereinziehung, Kerker und Tod. Manche große Herren starben auf dem Schafott, unter ihnen Federigo Gaëtani, Sohn des Herzogs von Traetto, und Enrico Pandone, der Herzog von Boviano. Auf demselben Mercato, wo einst Konradin hingerichtet worden war, sah der Prinz von Oranien von einem mit schwarzem Tuch bedeckten Balkon der Blutarbeit zu. Das ganze Königreich war eine Stätte des Grausens und ein verpesteter Leichenacker geworden. So richtete sich dort Spanien ein, und so triumphierte Karl V. nochmals über die Liga, zumal auch Andrea Doria aus dem Dienste Frankreichs zu ihm überging und seiner Vaterstadt Genua im Oktober 1528 die Freiheit wiedergab.

Es war einmal ein guter Stern gewesen, welcher Clemens den rechten Weg gezeigt hatte, nämlich neutral zu bleiben. Jetzt ließ ihm der Sieg des Kaisers (nur in den Abruzzen und an den Küsten Apuliens dauerte ein Parteigänger-Krieg fort) keine andere Wahl, als sich Karl willfährig zu zeigen und, wie dieser verlangte, nach Rom zurückzukehren. Der Kaiser versprach ihm, für Zufuhr von Getreide aus Sizilien in die hungernde Stadt zu sorgen, ihm in allen Dingen behilflich zu sein und selbst Ostia und Civitavecchia wiederzugeben. Der Papst bebte vor Rom zurück; er fürchtete die Wiederkehr Oraniens mit dem wilden Kriegsvolk; auch waren die Zustände in Stadt und Campagna schreckenerregend. In Latium, in der Sabina und in Tuszien wütete Krieg zwischen Orsini und Colonna auf Grund eines Erbfolgestreits. Vespasiano, der Gemahl der schönen Julia Gonzaga, hatte bei seinem Tode am 13. März 1528 nur eine Tochter Isabella aus seiner ersten Ehe mit Beatrice Appiani hinterlassen und die Hand dieser reichen Erbin dem jungen Hippolyt Medici bestimmt. Der Papst ließ seine Güter besetzen; in Paliano, wo sich Julia und Isabella befanden, drang Sciarra Colonna in seinem Dienst ein; doch der Abt von Farfa überfiel ihn dort und nahm ihn gefangen. Ein wütender Krieg zwischen den Orsini und Colonna, von denen Ascanio und Prospero Ansprüche auf Paliano erhoben, war die Folge dieses Streits, wobei viele Städte, selbst Tivoli, Anagni und Rieti verwüstet wurden. Clemens schickte den tapfern Luigi Gonzaga nach Paliano. Er vertrieb den Abt von Farfa und setzte seine Schwester Julia in ihre Güter wieder ein. Sie belohnte sodann seine Dienste durch die heimliche Verbindung mit der reichen Erbin Isabella, die der Papst, obwohl widerwillig, gutheißen mußte.

Am Anfang des Oktober entschloß sich endlich Clemens, den dringenden Bitten Muscettolas zu folgen und nach Rom zurückzukehren.

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