Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 405
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Verteidigungsanstalten in Rom. Renzo da Ceri und andere Hauptleute. Verblendung der Römer. Der Prophet Brandano. Kardinalsernennung am 3. Mai. Bourbon vor den Stadtmauern am 5. Mai. Sturm auf die Leonina 6. Mai 1527. Bourbon fällt. Die Leonina erstürmt. Flucht des Papsts in die Engelsburg. Trastevere erstürmt. Die Stadt Rom erstürmt.

Clemens beklagte jetzt seine unselige Verblendung. Es war zu spät, daß er Lorenzo Toscana nach Frankreich und Sir John Russel nach England schickte, diese Höfe um Rettung anzurufen. Obwohl eine Musterung des römischen Volks viele tausend Kampffähige von sechzehn bis zu fünfzig Jahren ergab, weigerten sich doch die Bürger in Masse, zu den Fahnen des Papsts zu eilen. Ihr anfänglicher Eifer schien bei der Nähe der Gefahr zu erlahmen.

Edikte Leos X. und Clemens' VII. hatten das Waffentragen untersagt und der verhaßte Stadtgovernator de Rossi jeden Übertritt dieses Verbots grausam bestraft. Die Enkel jener Römer, die einst große Kaiser von ihren Mauern zurückgeschlagen hatten, besaßen im Jahre 1527 nichts mehr von der Freiheit noch von den Tugenden ihrer mannhaften Vorfahren. Diese Schwärme von Prälatendienern und Sykophanten, von Bullenschreibern und Pharisäern, dieser in Müßiggang genährte Pöbel, ein verfeinertes aber verderbtes Bürgertum ohne Staat, ohne Selbstgefühl, der träge Adel und die Tausende lasterhafter Priester glichen dem Römervolk jener Zeit, als Alarich vor Rom lagerte.

Man raffte Verteidiger zusammen, Handwerksleute, Bediente und Stallknechte der Kardinäle und Monsignoren. Clemens forderte von den vornehmen Römern neue Beisteuern, davon Kriegsvolk auszuheben zur Rettung ihrer eignen Vaterstadt. Aber in Wahrheit, selbst beim besten Willen war Geld schwer aufzutreiben; und wo es, wie bei Kardinälen und Höflingen, massenhaft vorhanden lag, hielten es Geiz und Habgier versteckt. Der reiche Domenico Massimi soll hundert Dukaten angeboten haben. Der Gesandte Englands, Gregorio Casale, verpfändete edelmütig seine eignen Kostbarkeiten, wodurch er eintausendsechshundert Skudi aufbrachte. Dasselbe tat Guillaume du Bellay. Man rief Söldner von den schwarzen Banden wieder ein, die noch in Rom waren, wo sie ihre Waffen meist schon verkauft hatten. Viele Große verringerten die Anzahl der Verteidiger, indem sie solche für ihre eigenen Paläste warben; diese verrammelten und vermauerten sie und versahen sie auch mit Geschütz. Im ganzen vereinigte man ein paar tausend Hakenschützen und einige leichte Reiterei unter Valerio Orsini und Giampolo Orsini, einem Sohn Renzos von Ceri. Diesem selbst gab der Papst den Oberbefehl über sämtliche Truppen.

Renzo hatte lange Zeit den Venetianern gedient und sich durch die Verteidigung Marseilles berühmt gemacht, aber sein Ansehen war durch seinen letzten Feldzug in den Abruzzen vermindert worden. Der unglückliche Orsini, dazu berufen, der Belisar Roms zu sein, ließ in Eile den Vatikan verschanzen, die Mauern an der Leonina verstärken und mit Geschütz versehen. Doch fatale Verblendung verdunkelte das Urteil der Römer. Ihre Stadt schien ihnen unbezwingbar. Wie sollte das halb aufgeriebene »Barbarenheer« ohne Geschütz die festen Mauern Roms erstürmen? Abgeschlagen, mußte es sich aus Hunger in zwei Tagen von selbst auflösen, und in dieser Zeit zog die Bundesarmee herbei.

Einen Augenblick lang hatte Clemens an Flucht auf die Schiffe Dorias in Civitavecchia gedacht; doch Giberti und Salviati hielten ihn davon zurück, da nichts zu befürchten sei. Bereits aber hatten manche Prälaten die Flucht ergriffen. In den ersten Tagen des Mai sah man die Straßen nach Civitavecchia und Umbrien mit Fliehenden bedeckt. »Heute«, so schrieb man am 4. Mai aus Collescipoli bei Terni, »sind hier durchgekommen der Kardinal Aegidius, die Bischöfe von Volterra, Bologna und Pesaro, der Hof des Kardinals Campeggi, die Herren Constantino Greco und Baldassare von Pescia, welche alle dem Verderben entrinnen wollen, so sehr verzweifelt man an der Rettung der Stadt.« Unter denen, die sich noch kurz vor der Katastrophe flüchteten, befand sich auch Filippo Strozzi mit seiner Gemahlin Clarice Medici und seinen Kindern. Denn eben aus seiner siebenmonatigen Gefangenschaft als Geisel in Neapel zurückgekehrt, schiffte er sich noch am 4. Mai auf dem Tiber ein und eilte über Civitavecchia nach Pisa.

Die Stimme des Unglückspropheten rief Wehe über Rom; der irrsinnige, aber wahre Prophet aus Siena hatte am Osterfest öffentlich von der Bildsäule St. Peters herab den Fall der Stadt geweissagt; und auch im Kerker, wohin ihn die Schweizerwache geworfen, schwieg er nicht. Prophezeiungen vom Untergange Roms und des Papsttums wurden hie und da angeheftet. Wunderzeichen, wie sie der Einnahme der Stadt durch Alarich vorangingen, fehlten nicht; Einsturz von Häusern, Einschlagen des Blitzes, Meteore und dergleichen. Das päpstliche Rom war sündhaft, wie es das heidnische in der letzten Kaiserzeit gewesen war: jetzt aber, so glaubte man, sei die Zeit gekommen, wo sich die alten Weissagungen erfüllen sollten. Die Spiritualen des Minoritenordens, die heilige Birgitta, Francesca Romana, hundert andere Stimmen hatten jahrhundertelang den Untergang der Stadt durch Feuer, den Fall der Kirche und ihre endliche Reform vorhergesagt.

Wie eine Lawine hatte sich das Heer Bourbons mitten durch Italien bis ins Römische Bahn gebrochen. Nicht Berge, nicht Flüsse, nicht grundlose Wege, nicht Schnee und strömender Winterregen, nicht der grimmige Hunger und der umschwärmende Feind hatten dies wandernde Kriegsvolk aufzuhalten vermocht. Die Fügung Gottes, so sagten die Lutheraner, trieb sie fort, das frevelvolle Rom zu strafen, über welchem jetzt das Verhängnis seine dunklen Schwingen zusammenschlug. Am 4. Mai abends lagerte dieses Heer auf der Stätte des alten Veji zu Isola Farnese, wo einst auf ihren Romfahrten so viele Kaiser gerastet hatten. Kein Bote vom Papst, noch von der Stadt erschien, was Bourbon in Verwunderung setzte, denn in nur drei Stunden war Rom erreichbar. Kein Feind zeigte sich. Der Reiterei Rangones waren die Kaiserlichen in unglaublichen Eilmärschen vorangeeilt, und so wenig schien Urbino an der Rettung des Papsts gelegen, daß er sich noch am Trasimenischen See befand, als der Connetable bereits die Mauern Roms erblickte.

Als man hier am 3. Mai vernahm, der Feind sei Isola nahe, entstand große Bewegung. Viele flüchteten ihr Gut in die Engelsburg oder in andere für sicher gehaltene Orte, zumal in die Häuser von Spaniern und Deutschen. Am Morgen des 3. machte der Papst doch einige Kardinäle für Geld (40 000 Dukaten für jeden Hut), was jetzt kaum mehr nützen konnte. Diese waren Benedetto Accolti und Niccolò Gaddi von Florenz, der Genuese Agostino Spinola, Ercole Gonzaga und Marino Grimani von Venedig. Renzo begab sich an demselben Tage auf das Kapitol, wo Aldello de Placitis von Siena Senator war. Fast dreitausend Bürger versammelten sich in Aracoeli, und hier rief sie der Governator zur Rettung Roms und des Papstes auf, der ihnen die Engelsburg und seine Person anvertraue, da er den Palast S. Marco beziehen wolle. Die Römer beschlossen die äußerste Verteidigung. Man war guten Muts; denn schon zählte man viertausend Mann Fußvolks in der Stadt und hoffte, in kurzer Zeit siebentausend zu haben. Am Nachmittag ritt der Papst durch ganz Rom, dem Volk zu danken und sich vertrauensvoll zu zeigen. Man begrüßte ihn mit lautem Ruf. Abends rückte Camillo Orsini über Ponte Molle auf Kundschaft aus. Gleichwohl stieg der Schrecken in Rom mit jeder Stunde; um die Entvölkerung der Stadt durch Flucht und die Entmutigung der Bürger zu verhindern, wurde an demselben 3. Mai ausgerufen, daß niemand die Stadt verlassen dürfe bei Strafe des Verlustes seines Vermögens. Nicht einmal denen, welche, wie die Florentiner Kaufleute, ihre Habe auf dem Tiber einschiffen wollten, ward dies erlaubt. Man schloß alle Tore. Nur wenigen gestattete man den Ausgang. Selbst Isabella Gonzaga erklärte, in Rom bleiben zu wollen; durch Briefe ließ sie dies Bourbon und ihren Sohn Ferrante wissen.

Am 4. Mai erließ der Papst einen Aufruf zum Kreuzzug gegen die kaiserliche Armee, diese Lutheraner und Maranen, die mit mörderischer Wut gegen die heilige Stadt im Anzuge seien. Renzo bestärkte ihn in der Ansicht, daß Rom hinreichend gesichert sei und die Römer ihrem Versprechen treu bleiben würden. »Am Abend des 3. Mai«, so sagte er, »muß Rangone Viterbo erreicht haben, und hinter ihm her folgt das Heer des Herzogs, welches in vier oder spätestens sechs Tagen vor Rom stehen wird.« So umnebelt war selbst dieser erfahrene Kriegsmann von der Luft Roms, daß er noch an diesem 4. Mai Rangone durch Giberti schreiben ließ, Rom sei gut gedeckt, er möge wieder zur Bundesarmee stoßen und nur fünfhundert Schützen und vierhundert leichte Reiter nach der Stadt senden. Die Regionenkapitäne waren eifrig, Mannschaften auszuheben; ihrer einer freilich ward des Verrats beschuldigt und am 4. Mai gevierteilt. Schon am Abend desselben Tages erschien ein Trompeter Bourbons vor dem Tor, an Renzo als den Befehlshaber Roms abgeschickt, freien Durchzug und Verpflegung für des Kaisers Heer zu fordern. Man wies ihn mit Hohn zurück. Schon streiften die leichten Reiter des Feindes bis Ponte Molle, und dort versuchten sogar deutsche Landsknechte, auf zwei Kähnen den Tiber zu übersetzen. Aber Horazio Baglione, der daselbst die Wache hielt, trieb sie ab. Reiterei kehrte mit Gefangenen in die Stadt zurück. Hier wurde Renzo in seinen Bemühungen zur Verteidigung durch Langey unterstützt, welchen Franz I. nach Italien geschickt hatte, um die Vorteile der Liga wahrzunehmen. Mehrere römische Hauptleute und andere namhafte Herren, Befehlshaber der päpstlichen Truppen oder der Stadtmiliz, zeigten sich voll Eifer wie voll Mut: so Paolo Santa Croce, Geronimo Mattei, Fabio Petrucci, Giambattista Savelli, Giuliano Leni, Ranuccio Farnese, Giulio von Ferrara und die Brüder Tebaldi.

Die Armee Bourbons stand vor den Mauern Roms. Von Isola war sie über den Monte Mario und dann zum Janiculus gezogen, wo der Connetable im Kloster S. Onofrio sein Hauptquartier aufschlug, am Sonntagnachmittag des 5. Mai. Einige Heerhaufen lagerten bei S. Pancrazio; andere bewachten unter Oranien Ponte Molle und das Neronische Feld. Das Ziel der Märsche dieses Kriegsvolks war erreicht: Deutsche, Spanier, Italiener, gegen 40 000 Mann stark, lagerten in einem Halbkreis von der Porta S. Pancrazio bis zur Torrione (heute Cavalleggieri) in der nächsten Nähe des Vatikan. Alsbald schickte Bourbon einen Brief an den Papst mit Vorschlägen eines Vergleichs und nochmals einen Herold an die Porta Torrione, Verpflegung und freien Durchzug nach Neapel begehrend. Eine ähnliche Aufforderung schickte er an das römische Volk. Die Parlamentäre wurden mit Hohn abgewiesen.

Der Zustand der kaiserlichen Armee war verzweifelt: vor sich Rom, hinter sich das Bundesheer, um sich her die öde Campagna, mußte sie untergehen, wenn sie nicht mit einem ersten Sturm die Mauern Roms erstieg; und selbst wenn sie die Leonina gewann, waren noch Trastevere und die ganze Stadt jenseits des Tiber zu erobern. Noch am Abend wollte der Connetable die Leonina stürmen, doch die Ermattung der Truppen war zu groß. Der Kriegsrat versammelte sich in der Kirche S. Onofrio. Hier beschloß man erst am Morgen den Sturm auf die Leostadt, ohne Geschütz, ohne Leitern, mit Handrohren und Speeren.

Die Geschichtschreiber des »Sacco di Roma« haben Bourbon Reden an seine Kapitäne und sein Heer in den Mund gelegt, wie sie Brennus, Alarich oder Arnulf im Angesichte Roms mochten gehalten haben, und in Wahrheit schienen die Zeiten einen wunderbaren Ring zu schließen. Die Landsknechte Frundsbergs blickten vom Janiculus mit wildem Haß auf den Vatikan, einst das Pilgerziel der Sehnsucht ihrer Vorfahren, jetzt für sie nur der greuelvolle Sitz des Antichrist, wie Luther den Papst genannt hatte. Mit Recht konnten die Hauptleute sagen, daß dort die große Werkstätte jener künstlichen Politik sei, womit Völker und Reiche verwirrt, umgarnt, in blutige Kriege getrieben wurden, um dem einen Papst die Herrschaft der Welt zu geben. Dort bebte der Feind des Kaisers mit seinen Höflingen, fast erreichbar durch den Schuß eines Handrohrs, vielleicht morgen ihr Gefangener oder tot. Sie selbst erschienen sich als die Rächer der langen Unbilden, die ihr Vaterland durch das römische Priestertum erlitten hatte. Sie konnten jetzt ausführen, wozu Hutten sein Volk ermahnte, als er ihm zurief, mit Roß und Mann aufzustehen, den Papst zu stürzen, die Rechte Roms dem Reich zurückzugeben und die weltliche Gewalt des Priestertums auszulöschen. Die Gier der Goten beim Anblick Roms war vielleicht minder groß gewesen als der wilde Fanatismus, die Raub- und Rachlust der Söldner Bourbons, dieser verschieden gearteten Menschen aus dem Norden und Süden Europas, welche die Verkettung der Verhältnisse zum Sturm auf die Burg des Papsttums vereinigte. Rom war im Jahre 1527 wie im Jahre 410 verächtlich für tapfere Krieger, welche sich sagten, daß diese Hauptstadt der Welt nur von Sklaven, Schlemmern und Heuchlern bewohnt, nur das lügenhafte Sodom und Gomorrha aller Verbrechen sei, als welches in Deutschland und Spanien, ja in aller Welt Rom verschrien war. Die Priesterstadt zählte freilich kaum 90 000 Einwohner, aber sie war nach Venedig und Genua die reichste Stadt Italiens. Hier erhoben sich zahllose Kirchen, wie einst die Tempel zur Gotenzeit, mit goldnen und silbernen Idolen und Geräten angefüllt, und Paläste groß und prächtig, voll Schätzen eines wieder klassisch gewordenen Luxus. Kein Feind hatte diese Stadt geplündert; sie verwahrte die Reichtümer der Christenheit, welche die nimmersatte römische Kurie ihr ausgepreßt und verschlungen hatte. Alle diese Schätze der Pfaffen und Kurtisanen, der Wucherer und Wechsler, ja das Vermögen des ganzen Volks konnten den Eroberern Roms nach Kriegsrecht zur Beute fallen.

Um Mitternacht ließ Bourbon die Trommeln umschlagen, und die Kompanien sammelten sich. Er selbst beichtete erst seinem Beichtvater, Michael Fortin, und übergab ihm für den Fall seines Todes ein Schriftstück mit seinem letzten Willen an den Kaiser. In der Morgendämmerung des Montags, am 6. Mai, gab man das Zeichen zum Vorgehen. Der Sturm sollte hauptsächlich an zwei Stellen geschehen: die Landsknechte, 35 Fähnlein stark, deren Haupt jetzt Konrad von Bemelberg, Frundsbergs Locotenent, war, sollten die Porta Torrione am Campo Santo anlaufen, die Spanier und Italiener weiter aufwärts die Pertusa stürmen, wo die Mauern morsch und niedrig waren. Den Brückenturm von Ponte Molle beobachtete Sciarra Colonna, als ob er dort eindringen wolle: ein anderer Kriegshaufe bedrohte scheinbar St. Paul. Die Römer wollten indes noch Unterhändler an Bourbon schicken; aber ihre Boten Angelo Cesi, Jacopo Frangipane und Pietro Astalli wurden von Renzo nicht aus dem Tor gelassen. Sie gingen deshalb zum Papst, worauf die Kardinäle Valle, Cesarini und Jacobazzi bestimmten, daß Frangipane und Marcantonio Altieri mit dem jungen Markgrafen Gumprecht von Brandenburg, der sich seit langem in Rom aufhielt, zu Bourbon sich begeben sollen.

Ohne Geschütz, selbst ohne Leitern, es sei denn solchen, die man aus Pfählen der Weinberge in Eile gemacht hatte, mit den Spießen in der Hand, stürmten die Kaiserlichen die Mauern der Leostadt. Ein Morgennebel, wie er im Mai oft aus dem Tiber aufsteigt und langsam am Vatikan hinrollt, bedeckte die Wälle, so daß die Geschütze von dort und von der Engelsburg nur ins Blinde hineinfeuerten. Die Deutschen sahen darin einen Beistand des Himmels.

Die ersten verlorenen Fähnlein wurden abgeschlagen; sechs Banner sogar von den Römern erobert; die Spanier zogen sich nun gegen den Campo Santo, die Deutschen gegen S. Spirito. Philibert von Orange suchte die Pertusa zu stürmen, und Melchior Frundsberg hielt mit fünf Fähnlein zwischen der Porta S. Pancrazio und der Settimiana, einen Ausfall abzuwenden. Man sah wenig wegen des Nebels; die Spanier schossen aus Irrtum sogar auf die Deutschen. Was Leitern ansetzte, ward herabgestürzt. Der Connetable, in silbergesticktem Wappenrock, hoch zu Roß, sprengte hin und her, das Kriegsvolk vorwärtstreibend. Wenn der Sturm mißlang, war sein Untergang gewiß. Als er Spanier wie Deutsche abprallen sah, stieg er vom Pferd, ergriff eine Leiter, legte sie an die Mauer beim Campo Santo, setzte den Fuß darauf und winkte mit der Hand. Da traf ihn eine Flintenkugel in den Unterleib. Er fiel mit dem Ruf: »Ha, nôtre Dame, je suis mort!« Einer seiner Hofleute fing ihn in seinen Armen auf und ließ ihn auf die Erde niedergleiten. Der Prinz von Oranien bedeckte ihn mit einem Mantel. Man trug ihn in eine nahe gelegene Kapelle; er war sterbend.

Als der Fall des Connetable bekannt wurde, erhob sich auf den Mauern ein Freudengeschrei, und dies teilte sich schnell der ganzen Stadt Rom mit: der Feind, so hieß es, sei in voller Flucht. Doch der Tod des Feldherrn riß die Stürmenden nur zu größerer Wut fort. Sie warfen sich jetzt mit Ungestüm auf die Mauern am Campo Santo. In einem Augenblick sah man hier zwei spanische Fähnriche erscheinen, die Fahne hoch in der Hand, dann wieder herunterstürzen. Unterdes liefen die Landsknechte Sturm bei Santo Spirito, oberhalb des Gartens des Kardinals Armellini. Der Profos Niklas Seidenstücker war der erste, der, sein breites Schlachtschwert in der Faust, oben auf dem Walle fest stand. Ihm folgten Michel Hartmann von Altkirch und andere. Sie bemächtigten sich der Geschütze, wendeten sie und feuerten sie gegen die Engelsburg ab. »Wenn die Deutschen das Geschütz nicht gewonnen hätten, so wären die Hispanier wieder abgetrieben worden.«

Fast gleichzeitig wurden die Mauern hier und dort erstiegen. In der Wut des Sturms bei dem ringsum wogenden Nebel wußte man kaum zu sagen, wie und wo man eindrang. Das scheint hauptsächlich bei Santo Spirito geschehen zu sein, wo ein kleines Haus an der Mauer eine von den Verteidigern übersehene Öffnung darbot.

Als dies Heer wütender Teufel mit gezückten Schwertern brüllend in die Leonina hereinsprang, wandte sich die städtische Miliz an der Porta Torrione zur Flucht: die Mannschaft von Ponte und Parione, welche unter Camillo Orsini jene Mauer verteidigte (der alte Kardinal Pucci ermunterte sie dazu in Person) wurde niedergehauen oder zerstob. Diese Römer wehrten sich übrigens verzweifelt. Von den tausend Milizen des Viertels Parione blieben kaum hundert übrig; die Kompanie des Lucantonio wurde bis auf zehn Mann zusammengehauen; der Hauptmann Giulio von Ferrara fiel mit seiner ganzen Mannschaft; die Schweizergarde fiel bis auf einen kleinen Rest am vatikanischen Obelisken nach tapferster Gegenwehr. Mit dem Geschrei Spagna! Spagna! Impero! ergossen sich die Feinde, Bewaffnete und Wehrlose niedermetzelnd, durch den Borgo, den man sofort plünderte. Aus Wut oder um Schrecken zu verbreiten, verwüstete ein Schwarm selbst das Hospital S. Spirito und machte darin die Kranken nieder. Man warf Feuer in die Häuser, auch die dortige Wohnung Alberto Pios von Carpi verbrannte. Viele Flüchtlinge stürzten nach den Neronischen Wiesen, wo sie sich auf Kähnen über den Fluß retteten. So wenig hatte Clemens an die Möglichkeit der Einnahme der Leonina gedacht, daß er während des Sturms in den St. Peter hinabgestiegen war und dort, so sagt Jovius voll Ironie, rief er vergebens die ihm zürnenden Götter an. Schon drang der Feind in den Dom; fast vor des Papsts Augen wurden fliehende Schweizer niedergemacht. Da floh er in die Engelsburg. Man raffte noch aus der Nachbarschaft Lebensmittel auf, sie in dies Kastell zu schaffen.

Mit Entsetzen blickte Clemens aus den Fenstern des bedeckten Ganges auf das grausige Schauspiel von Flucht und Mord. Jovius warf seinen Bischofsmantel über ihn, ihn unkenntlich zu machen; denn das Handrohr eines Lutheraners konnte leicht die Todeskugel in das Herz des Papsts senden, wenn er die hölzerne Brücke betrat, die jenen Gang mit der Engelsburg verbindet. Giberti, Jacopo Salviati, Schomberg, Kardinäle und Höflinge, Gesandte, Kaufleute, Edle und Priester, Weiber und Kinder stürzten fliehend in dieselbe Engelsburg. Die Massen verstopften die Brücke, wo viele zertreten wurden. Der erste Kammerherr des Papsts, Giambattista von Arezzo, kam hier um. Als das Fallgatter des Kastells sank, waren mehr als 3000 Menschen gerettet, was ausgeschlossen blieb, warf sich jammernd in die Stadt. Der alte Kardinal Pucci, der mächtigste Mann in der Kurie, war auf der Flucht vom Pferde gefallen und überritten worden; am Kopfe verwundet und halberstickt wurde er durch ein Fenster in die Burg gebracht. Armellini zog man in einem Korb empor. Dreizehn Kardinäle hatten sich ins Kastell geflüchtet; nur Valle, Aracoeli, Cesarini, Siena und Enkevoirt waren in ihren Palästen geblieben, weil sie als kaiserlich Gesinnte nichts befürchteten. In die Häuser von Spaniern, von Deutschen und der Colonna flüchteten Tausende, während andere sich in ihren Wohnungen versteckten. Der französische Botschafter Alberto Pio und der englische Gesandte Casale erreichten noch glücklich die Engelsburg.

Nur das Geschütz hielt die Kaiserlichen ab, sich im Sturm auch des Kastells zu bemächtigen. Ein Haufe Spanier war sogar bis Torre di Nona vorgedrungen, dann aber umgekehrt. In drei Stunden hatte der Feind den Borgo eingenommen, mit einem Verlust von kaum 400 Mann, während 3000 Römer gefallen waren. Bourbon war unterdes in die Kirche des Campo Santo getragen worden, wo er noch das Siegesgeschrei seines Kriegsvolks vernehmen mochte. Er befahl, seine Leiche in Mailand zu bestatten und verschied mit den Worten: »A Rome! à Rome!« Dann trug man den Toten in die Sixtinische Kapelle des St. Peter und legte ihn auf ein Paradebett. Das Heer hatte Bourbon geliebt: auf dem Marsch sangen die Spanier Lieder zu seinem Ruhm, und wenn sie Not gegen ihn empörte, bekannten sie doch, daß er ein so armer Ritter sei wie sie selbst. Seine Gefährten verglichen ihn mit Epaminondas und Codrus. Aber die Römer konnten sagen, daß diesen Verräter seines Herrn eine Rachestrahl des Himmels wie einen stürmenden Titanen von den Mauern Roms herabgeworfen habe. Sein durch Schuldbewußtsein und die vom Kaiser erlittene Täuschung verdüstertes Leben konnte nicht tragischer und großartiger enden. Viele glaubten, daß er sich zum König Neapels würde aufgeworfen haben, und vielleicht hätte er jene Aufgabe übernommen, die einst Pescara abgelehnt hatte. Er war erst 38 Jahre alt, ein großer und kraftvoller Mann, blond und rötlich von Gesichtsfarbe, ein vollendeter Kavalier. Sein Tod war ein Unglück für den Papst wie für Rom. Denn Bourbon würde wohl die Stadt geschont haben, da er nur den Vatikan einnehmen, vom Papst große Geldsummen und einen günstigeren Frieden erlangen wollte, um sich dann nach Neapel oder gegen Venedig zu wenden.

Kaum in der Engelsburg, dachte Clemens an Unterhandlung. Er schickte Don Martino zu den Kapitänen im Borgo. Sie verlangten Trastevere und Ponte Molle: erst dann wollten sie sich zu einem Abkommen herbeilassen. Diese Forderungen verwarf der Papst, ermutigt durch den Tod Bourbons, infolgedessen er die Auflösung des Heers für wahrscheinlich hielt. Denn so groß der erste Erfolg der Kaiserlichen war, so verzweifelt blieb in Wahrheit ihre Lage. Dem Geschütz des Kastells ausgesetzt, von der Bundesarmee bedroht, befanden sie sich in dem nahrungslosen Borgo in fast größerer Gefahr als vor den Mauern der Stadt. Clemens erkannte dies sehr wohl: der Tod Bourbons und die Nachricht, daß der Feind an der Einnahme der Stadt verzweifle, bewogen ihn, den Plan der Flucht nach Ostia aufzugeben. Die kaiserlichen Hauptleute, an deren Spitze Oranien getreten war, hielten indes Kriegsrat; sie beschlossen jetzt, den Sieg ohne längeres Zaudern zu verfolgen, denn ehe man die Brücken abwarf und ehe Urbino herankam, mußte Rom genommen werden, oder es war zu spät. Zwanzig Kanonen hatten sie im Borgo erobert, welche sie jetzt gegen Trastevere und Rom richteten.

Am Nachmittag, vier Stunden nach der Einnahme des Borgo, stürmte Bemelberg das Tor S. Spirito und drang durch die Lungara gegen Trastevere. Die Verteidiger wurden von den Mauern herabgetrieben, mit Balken die Porta Septimiana von innen, die Porta S. Pancrazio von außen eingestoßen. Die Italiener rückten jetzt über den Monte d'Oro zum Fluß hinab, geführt von dem jungen Reitergeneral Luigi Gonzaga, den man wegen seiner Riesenkraft Rodomonte nannte. Ganz Trastevere ward eingenommen, während sich die Päpstlichen über Ponte Sisto zurückzogen. Ein unbegreifliches Verhängnis schien die Verteidigung der Weltstadt zu lähmen; sie sank vor den Speeren der Landsknechte und den Trompeten des Feindes wie Jericho.

Der Ponte Sisto bildete nebst dem der Santa Maria und den Inselbrücken den Zugang zu Rom aus Trastevere; warf man diese Brücken noch in der letzten Stunde ab, so konnte die Stadt gerettet werden; der schon nahende Rangone hätte dann Zeit gehabt, durch die Salara einzuziehen. Aber unbegreiflicherweise hatte man dies versäumt. Man sagt, daß namentlich die Trasteveriner Renzo am Abbrechen der Brücken verhinderten, da sie begehrten, daß ganz Rom dieselbe Gefahr mit ihnen teile. Nur Barrikaden versperrten den Ponte Sisto, und das Geschütz der Engelsburg bestrich ihn. Der Römer Alberini, damals ein Knabe und mit seinem Vater in die Cancellaria geflüchtet, erzählt, daß er, vom Dache dieses Palasts herabblickend, ganz Rom wie aus Instinkt sich gegen jene Brücke bewegen sah. Volksmassen wogten dort hin und her, aber der Schrecken schwemmte sie bald wieder in die Stadt zurück. Die tapfersten Männer Roms, Gianantonio, Camillo und Valerio Orsini, Girolamo Mattei, Giambattista Savelli, Ranuccio Farnese und die Brüder Pierpaolo und Simon Tibaldi hielten noch mit ein paar hundert Reitern den Zugang zur Sixtinischen Brücke. Der junge Giulio Vallati entfaltete eine rote Fahne mit der Inschrift Pro Fide et Patria, und wenn je Rom des Horatius Cocles sich zu erinnern Not hatte, so war es in jener schrecklichen Stunde. Auch Renzo Orsini und sein Sohn Giampolo befanden sich dort. Ehe nun die Kaiserlichen den Angriff machten, begab sich zu ihnen erst hier jener von den Römern zuvor abgesandte junge Markgraf Gumpert von Brandenburg; er begleitete die Konservatoren vom Kapitol, die mit vielen andern römischen Herren, hundert Pferde stark, vier Trompeter ihnen vorauf, nach dem Ponte Sisto zogen, um dem Feinde einen Vergleich zu bieten. Aber kaum war dieser Zug auf die Brücke gelangt, so brach das kaiserliche Kriegsvolk mit Wut vor, und die Unterhändler suchten ihr Heil in wilder Flucht. Tapfer kämpfend fielen auf der Brücke Pierpaolo Tibaldi, Vallati und Savelli. Renzo selbst und Orazio Baglione gaben hierauf alles verloren und flüchteten sich durch die Stadt in die Engelsburg. Über den Ponte Sisto drang das kaiserliche Kriegsvolk in Rom ein. Es war abends nach sechs Uhr.

Der beispiellose Fall Roms durch einen Feind, der diese große Stadt weder umschloß, noch belagerte, noch durch Hunger zwang, noch durch eine Beschießung schreckte, war schimpflich für die Regierung des Papsts wie für das Volk selbst. Rom war eine verweichlichte Priesterstadt geworden, das Volk durch Knechtschaft und die leonische Kulturschwelgerei entnervt. Die Römer haßten außerdem das päpstliche Regiment, und viele wünschten dessen Sturz auf jede Weise, indem sie hofften, daß der Kaiser fortan seinen Sitz in Rom nehmen werde. Als sie aber wie eine willenlose Herde sich dem Feind überlieferten, mußten sie auf ein Schicksal gefaßt sein, tausendmal schrecklicher als der Tod: Brescia, Genua, Mailand, Prato hatten gezeigt, was Rom bevorstand. Während die Kriegshaufen, alles mordend, was ihnen erreichbar war, in die Straßen eindrangen, stürzte man schwarmweise zu den Altären der machtlosen Heiligen; da warfen sich Tausende in die Paläste der Großen; da strömten Tausende zu den Stadttoren, Ausgang zu suchen, während andere wie sinnlos umherirrten oder in Gewölben antiker Ruinen sich verbargen.

Vom Kastell herab, in welches sich die letzten Verteidiger geflüchtet hatten, blickten die zitternden Priester auf die Campagna Roms, und dort zeigte kein Feuerzeichen nahende Rettung. Der Graf Rangone war wohl mit leichter Reiterei und 800 Schützen von Monte Rotondo herangekommen, während Rom gestürmt wurde; am Abend erreichte er den Ponte Salaro, und hier vernahm er, daß es zu spät sei. Bestürzt wich er auf Otricoli zurück. So hatten Götter und Menschen Rom verlassen, und die Stimme des Unglückspropheten erfüllte sich.

Furchtbare Stunden gingen bis zur Mitternacht hin, denn so lange standen die Kaiserlichen, einen Überfall fürchtend, noch unter Gewehr, die Landsknechte in festen Rotten auf Campo di Fiore, die Spanier auf der Navona, Ferrante Gonzaga mit Reitern vor der Engelsbrücke. In jedem verschlossenen Hause war nur bebende Todesfurcht; jeder Trommelwirbel, jeder Schuß von der Engelsburg, jede Trompete machte Tausende zittern. Um Mitternacht lösten sich die Reihen erst auf der Navona, dann auf Campo di Fiore, und 30 000 Kriegsknechte stürzten sich in dämonischer Wut auf Rom zur Plünderung.

 << Kapitel 404  Kapitel 406 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.