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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 403
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Sechstes Kapitel

1. Clemens VII. als Führer Italiens im Kampf um seine Unabhängigkeit. Der Kaiser schickt Moncada an den Papst. Clemens verwirft seine Anträge. Pompeo Colonna und die Ghibellinen. Unglücklicher Beginn des Kriegs der Liga. Fruchtlose Unternehmung des Herzogs von Urbino gegen Mailand. Die Colonna überfallen Rom 20. September 1526. Plünderung des Borgo. Clemens wird zu einem schimpflichen Vertrag gezwungen. Manifest des Kaisers an den Papst. Reichstag zu Speyer. Festsetzung der Reformation.

Clemens hatte seiner Natur Gewalt angetan, indem er sich zu dem einzigen kühnen Entschluß in seinem Leben erhob. Es galt den Kampf um die Befreiung Italiens, vielleicht Europas von der Cäsarherrschaft, welche die Päpste seit Hildebrand unablässig bekämpft und endlich bezwungen hatten. Im Jahre 1526 war ein Papst zum letzten Mal der Vertreter des italienischen Volks; doch dieser Papst war der armselige Clemens VII., der eine ihm dargebotene große Idee nur mit kleinlichen Trieben kirchenstaatlicher und mediceischer Hauspolitik verfälschen konnte.

Er rechnete auf die Überlegenheit der Liga, das empörte Nationalgefühl der Italiener und die Schnelligkeit von 10 000 besoldeten Schweizern. Er war ganz siegesgewiß. Mailand war zum Aufstande bereit; in Lodi, in Cremona und Pavia wurden Verschwörungen angelegt. Die Venetianer unter ihrem Generalkapitän, dem Herzog von Urbino, sollten über die Adda vorrücken, und die Päpstlichen unter Rangone, Vitelli, Giovanni Medici und Francesco Guicciardini, dem Generalleutnant des Papsts, sammelten sich im Juni zu Piacenza. Es galt, so schnell als möglich das Kastell Mailand zu entsetzen. Die französische Flotte unter Pedro Navarro, die päpstliche unter Andrea Doria sollten erst Genua erobern und dann Neapel angreifen. Besonnene Männer wie Sadoleto und der Nuntius in Spanien, Castiglione, hatten zum Frieden gemahnt, doch Clemens und der von Haß gegen den Kaiser glühende Giberti wollten den Krieg. Die ersten Staatsmänner Italiens, Machiavelli, Vettori und Guicciardini, ja alle Patrioten erklärten diesen Krieg als eine heilige und notwendige Nationalangelegenheit. Namentlich Guicciardini riet dem Papst eifrig dazu. Aber ein böser Stern stand über diesem Medici. Er zog ihn von Fehlern zu Fehlern fort.

Karl war durch die Liga von Cognac überrascht worden und in der Lombardei nicht gerüstet. Nachdem sein Botschafter in Rom sich fruchtlos bemüht hatte, den Papst vom Mächtebund abzutrennen, schickte der Kaiser zu ihm Hugo Moncada. Dieser spanische Abenteurer sollte auf dem Schauplatz wieder auftreten, den er von der Zeit der Borgia her genau kannte. Abkomme eines edlen Hauses, war er als Jüngling mit Karl VII. nach Italien gekommen, dann in den Sold des Cesare Borgia getreten, nach dem Tode Alexanders VI. zu Consalvo übergegangen. Er hatte im maurischen Seekriege gedient und war als Ritter von Rhodos mit einer Kommende in Kalabrien belohnt worden. Karl hatte ihn zum Vizekönig Siziliens gemacht, wo er durch Grausamkeit verhaßt wurde. In einem Seegefecht von den Franzosen gefangen, war er gegen Montmorency ausgewechselt, aus dem Kerker erst nach Spanien, dann nach Italien zurückgekehrt und zum kaiserlichen Flottenadmiral gemacht worden. Ganz ein Mann aus der Schule der Borgia, konnte er jetzt in Rom gute Dienste leisten.

Moncada kam am 17. Juni, und vier Tage vorher hatte der Papst den Abschluß der Liga bestätigt. Sein Auftrag war, Clemens zu einem Vertrag zu stimmen oder auf den Plan Pompeos einzugehen, welcher dem Kaiser zugesagt hatte, durch einen Aufstand in Rom den Papst zu bewältigen. Pompeo haßte diesen seit dem Konklave, und so unabhängig fühlte sich damals ein Kardinal, zumal aus großem Geschlecht, daß er seine Würde als Kirchenfürst nur als etwas Persönliches betrachtete, was höheren Rücksichten, nämlich denen auf das Allgemeine und das Wohl seines Hauses aufzuopfern sei. Moncada erklärte im Vatikan, daß Karl bereit sei, dem Herzoge Sforza Mailand zu überlassen, nur solle erst zur Wahrung der kaiserlichen Ehre das Urteil über ihn gefällt werden. Clemens antwortete: gezwungen, die Waffen zu ergreifen, wolle er sie nur ablegen, wenn der Kaiser Italien die Freiheit gebe und die Söhne Franz' I. entlasse; ohne seine Verbündeten könne er nichts bestimmen. Moncada erbot sich, Mailand freizugeben, wenn der Papst mit den andern Staaten Italiens die Löhnung für das kaiserliche Heer zahle. Clemens zog hierauf die Gesandten Frankreichs und Englands zu Rat und verweigerte dann jeden Separatvertrag. Selbst die Anerbietung, daß der Kaiser um des Friedens willen alle Streitfragen in die Hände des Papsts lege, ward verworfen. Man hatte Briefe del Vastos und Leyvas an Moncada und den kaiserlichen Botschafter aufgefangen, worin sie ihre Lage in Mailand als verzweifelt schilderten und dringend ein Abkommen mit dem Papst verlangten. Dies mochte auf dessen sinnlosen Entschluß einwirken. Er wollte den Krieg.

Moncada verließ am 20. Juni mit Sessa drohend den Vatikan. Der Botschafter des Kaisers vergaß sich so weit, daß er einen Narren hinter sich aufs Pferd nahm, der vor dem Volk durch Grimassen seine Verachtung ausdrückte. Die Gesandten berichteten dem Kaiser: der Papst sei sein erklärter Feind, die Völker Italiens seien das nicht minder, während der Zustand der unbesoldeten Truppen alles befürchten lasse. Er möge Geld und Kriegsvolk schicken, Bourbon nach der Lombardei, Lannoy nach Neapel absenden. Sie beriefen zu sich ghibellinische Vertraute, während das Volk unruhig zu werden begann. Am 26. Juni verließ Moncada Rom, um sich zu den Colonna zu begeben. Sessa brachte noch am 29. dem Papst die Chinea, doch ohne weiteren Tribut, dar und ging dann nach Marino. Schon sammelten Vespasiano und Pompeo Kriegsvolk unter den Augen des Papsts, während dieser Stefan Colonna und die Orsini vereinigte, um einen Feldzug gegen Neapel vorzubereiten. Am 23. Juni hatte er dem Kaiser einen Absagebrief geschickt, worin er die Schuld des Krieges dessen maßloser Herrschbegier zuschrieb: ihm selbst habe nur die Rücksicht auf die Freiheit Italiens und des Heiligen Stuhls die Waffen aufgezwungen. Kaum war der Brief abgeschickt, so bereute er ihn; am 25. Juni schrieb er ein milderes Schreiben und befahl seinem Nuntius Castiglione, jenes erste nicht abzugeben. Doch es war zu spät.

Der Krieg begann unter schlechten Anzeichen. Die Venetianer überschritten die Adda nicht, die Schweizer erschienen nicht; die Hilfstruppen, welche der Marchese von Saluzzo herbeiführen sollte, waren nicht ausgerüstet. Und schon im Juni hörte man, daß sich ein Heer von Landsknechten in Tirol versammle. Clemens fürchtete, vom französischen Hof verlassen zu werden, mit welchem der Vizekönig unterhandelte; er bestürmte den König, nicht aus Liebe zu seinen Kindern sich zu einem Vergleich mit Karl verführen zu lassen; er forderte Heinrich VIII. dringend auf, der Liga tatsächlich beizutreten. Giberti glühte von Eifer. Wenn man seine Briefe an die Nuntien im Auslande liest, hat man Mühe zu glauben, daß sie ein Priester schrieb, und noch mehr erstaunt man über die erbärmlichen Hilfsmittel, mit denen ein so großer Krieg betrieben wurde.

Ein Aufstand Mailands, wo in der Burg Sforza dem Hunger zu erliegen drohte, war mißglückt; die Kaiserlichen hatten am 20. Juni die Stadt entwaffnet, den Adel verjagt. Nur die Überrumpelung Lodis durch den venetianischen General Malatesta Baglione am 24. Juni war ein Erfolg der Liga. Dort vereinigten sich endlich die Päpstlichen mit den Venetianern, und dieses Heer von 20 000 Mann rückte am 7. Juli vor Mailand. Aber in dieser Stadt, wo 7000 hungernde Spanier und Landsknechte unter Leyva und Vasto lagen, war Bourbon als kaiserlicher Statthalter eben von Genua her mit frischen Truppen und einigem Solde glücklich angelangt, weshalb die Verbündeten schon am 8. Juli nach Marignano abzogen. Mit diesem Rückzug begann der Herzog von Urbino seine Taktik des Zauderns, die er fortan beibehielt. In der Liga traute keiner dem andern. Venedig argwöhnte, daß sich der Papst mit dem Kaiser vertragen, der Papst, daß Frankreich das gleiche tun werde; die Haltung des Herzogs von Urbino erschien Guicciardini verdächtig. Denn müßig sah er von Marignano aus die Leiden Mailands, wo die Spanier das Volk wie eine Sklavenherde behandelten. Erst als ein paar tausend Schweizer zu ihm stießen, ging er wieder vorwärts, ohne jedoch den Entsatz zu wagen. Da ergab sich Sforza am 24. Juli und zog nach Lodi ab; Urbino verzweifelte hierauf an der Eroberung Mailands und ließ Cremona belagern. Um dieselbe Zeit schlug eine Unternehmung gegen das kaiserlich gesinnte Siena fehl, wo der Papst Fabio Petrucci, den Sohn Pandolfos, begünstigte. Schimpflich wurden dort die Orsini von Anguillara und Pitigliano nebst den Florentinern in die Flucht getrieben, und dies minderte das Ansehen des Papsts. Die Lauheit des französischen Hofs machte ihn verzweifeln; er schickte dorthin Sanga, den König anzutreiben, daß er Truppen nach der Lombardei sende und den Zug gegen Neapel unternehme, bevor der Vizekönig mit der spanischen Flotte zurückkehrte.

Die ghibellinische Partei in Latium regte sich. Sie sah das machtvoll erneuerte Kaisertum nach langer Zeit wieder im Kampf mit dem Papsttum. Alte Unabhängigkeitsideen erwachten; der Geist des römischen Bürgertums freilich war tot: nur Barone vertraten den Freiheitsgedanken Roms, und aus selbstsüchtigen Zwecken. Doch zeigte es sich immer, daß der Widerspruch gegen die päpstliche Herrschaft in Rom fortlebte und eine ghibellinische Partei da war, wenn sie ein Kaiser rief. Ihre Häupter waren Pompeo mit seinen Brüdern Marcello und Giulio, Vespasiano Colonna von Fundi, der Sohn Prosperos, und Ascanio mit seinem natürlichen Bruder Sciarra. Auch Cesare Gaëtani von Filettino, Mario Orsini, Giambattista Conti, Girolamo Estouteville, Graf von Sarni, schlossen sich an. Der Plan war, Clemens durch Überfall unschädlich zu machen. Während dies Moncada bei den Colonna verabredete, erkrankte der Herzog von Sessa in Marino. Er ließ sich nach Rom bringen, und noch auf seinem Sterbelager ermunterte er die Colonna, den Papst durch einen Vertrag zu täuschen. Don Luis de Córdoba starb am 18. August auf dem Quirinal.

Schon hatte Clemens Mahnungen gegen diese Barone erlassen. Unter dem Vorwand, sich mit ihm auszusöhnen, schickten sie hierauf Vespasiano nach Rom, und wirklich kam hier am 22. August folgender Vertrag zustande: die Colonna geben Anagni und andere Orte heraus; sie ziehen sich ins Neapolitanische zurück, wo sie dem Kaiser dienen dürfen; der Papst amnestiert sie und hebt das gegen Pompeo erlassene Monitorium auf; niemand darf ihre Besitzungen mit Krieg überziehen. Dieser Vertrag, von welchem Giberti vergebens seinen Herrn zurückzuhalten suchte und für den der Kardinal della Valle bürgte, offenbarte die ganze Schwäche des Papsts. Er wurde Freunden wie Feinden verächtlich. Den Versprechungen Vespasians trauend, entließ er aus Sparsamkeit den größten Teil seiner Truppen, die er unter den Grafen von Anguillara und Paul Baglione nach Rom gezogen hatte. Kaum war dies geschehen, als die Colonna Anagni besetzten und ihr Kriegsvolk gegen das Lateinergebirge verschoben. Sie sperrten alle Wege, keine Nachricht über ihre Bewegungen gelangte nach Rom, und Gerüchten glaubte man hier nicht. In Eilmärschen rückten diese Barone vor die Stadt, mit ihnen kam Moncada als Orator des Kaisers oder Stellvertreter für Sessa. Sie waren 800 Pferde und 3000 Mann Fußvolks stark, einige Geschütze wurden von Büffeln herbeigeschleppt. Pompeo Colonna konnte jetzt an Sciarra erinnern, den wütenden Feind Bonifatius' VIII. Wenn Clemens, wie er hoffte, im Tumult des Kampfs zugrunde ging, wollte er seine eigene Wahl zum Papst erzwingen.

In der Frühe des 20. September rückten die Colonna durch die Porta St. Johann in Rom ein. Man meldete im Vatikan, daß die Feinde auf dem Forum seien, und der erschreckte Papst berief ein Konsistorium. Von dort wurden Valle und Cibò an die Colonna, Campeggi und Cesarini auf das Kapitol abgeschickt, das Volk zur Verteidigung aufzurufen. Was aber war das Kapitol im Jahre 1526 und was das römische Volk, dessen Kraft und Verfassung die Päpste zerstört hatten? Clemens hatte mit Absicht nur unbedeutende Menschen zu Konservatoren eingesetzt. Senator war Simone Tornabuoni von Florenz, ein Verwandter Leos X. Die Römer regten sich nicht: dies sei, so sagten sie den Kardinälen, nicht ihre, sondern des Papsts Angelegenheit. Trotz mancher guten Eigenschaften war Clemens nirgends beliebt. Marco Foscari schilderte ihn im Jahre 1526 mit diesen Worten: »Dieser Papst ist achtundvierzig Jahre alt, ein verständiger Mann, aber langsam im Entschließen, woraus sich sein Schwanken im Handeln erklärt. Er spricht gut, er sieht alles, aber er ist sehr furchtsam. In Staatsgeschäften läßt er sich nicht meistern: er hört alle und tut dann, was ihm gefällt. Er ist gerecht und gottesfürchtig: in der Signatura, wo drei Kardinäle und drei Referendarien zu tun haben, würde er nichts zum Nachteil anderer vollziehen. Wenn er eine Bittschrift zeichnet, widerruft er nicht mehr, wie der Papst Leo tat, der so viele unterschrieben hat. Er widerruft keine Benefizien; er gibt sie nicht simonistisch; er nimmt nicht Ämter, indem er Gnaden erteilt wie Leo und andere. Er will, daß alles seinen rechtlichen Gang habe. Er vergibt nicht, noch verschenkt er fremdes Gut. Aber man nennt ihn geizig. Papst Leo jedoch war sehr liberal, gab und schenkte viel. Dieser tut das Gegenteil; deshalb murrt man in Rom. Er gibt viel Almosen – und doch ist er nicht beliebt. Er ist sehr enthaltsam; man kennt keine Art Üppigkeit an ihm. – Er will nicht Possenreißer noch Musiker sehen; er geht nicht auf die Jagd noch zu andern Lustbarkeiten. Seitdem er Papst ist, ging er nur zweimal aus Rom nach der Malliana und sehr selten in seinen zwei Meilen entfernten Weinberg. Sein ganzes Vergnügen besteht darin, mit Ingenieuren und über Wasserbauten zu reden.«

Der Geiz des Papsts und die Habsucht seines Camerlengo, des Kardinals Armellinus, hatte das Volk tief erbittert. Einst sagte der Kardinal Pompeo im Konsistorium, wo man über gewisse Auflagen sprach, die der Camerlengo vorgeschlagen hatte, ganz laut: man solle Armellino schinden und seine Haut für einen Quattrin im Kirchenstaat herumzeigen, dann würde Geld in Fülle zusammenkommen. Mit Zöllen und Steuern waren Bürger, Beamte und Geistliche gedrückt; Wucher mit dem Kornmonopol hatte Mangel erzeugt: so war das päpstliche Regiment tief verhaßt, und Clemens durfte sich nicht beklagen, wenn Rom die Colonna als Befreier betrachtete.

Herolde Pompeos riefen in den Straßen aus, daß niemand Leid zu fürchten habe, denn die Colonna seien nur gekommen, Rom von der Tyrannei des geizigen Papsts zu befreien. Kein Haus, kein Kaufmannsgewölbe schloß sich; dem Einmarsch der Colonna sah man wie einem Schauspiele zu. Die zu Pompeo abgeschickten Kardinäle wurden nicht vorgelassen, sondern das Kriegsvolk rückte mit dem Ruf: Freiheit! Freiheit! nach Trastevere, überwältigte an der Porta Santo Spirito die geringe päpstliche Mannschaft und drang sodann in den Borgo ein. Der Papst wollte anfangs wie Bonifatius VIII. auf dem Thron den Feind erwarten, doch Giberti und Filippo Strozzi zogen ihn mit sich in die Engelsburg. Dorthin rettete sich auch Guillaume du Bellay, der Botschafter Frankreichs. Priester stürzten, mit Gold und Silber beladen, in das Kastell. Andere versteckten sich in der Stadt. Man zog auch die Schweizergarde in die Engelsburg, und so blieb der Vatikan verteidigungslos. Alsbald wurden die Gemächer des Papsts, der Kardinäle, der Kurialen im Sturm ausgeleert, die Basilika des St. Peter schonungslos geplündert. Selbst päpstliche Soldaten mischten sich mit dem Geschrei »Spanien« unter den Feind, um an der Beute teilzunehmen. Zwar feuerte die Artillerie vom Kastell, doch konnte sie nur den Borgo nuovo frei halten. Gefangene wurden gemacht, und man erpreßte Lösegeld. Auf 300 000 Dukaten schätzte man den Raub von wenigen Stunden; denn schon am Abend zog der beutebeladene Schwarm nach dem Viertel der Colonna zurück, in solcher Verwirrung, daß ein paar hundert Mann ihn hätten vernichten können.

Clemens sah sich in die tiefste Schmach gestürzt: ein Haufe Vasallenvolks, geführt von einem rebellischen Kardinal hatte ihm einen namenlosen Schimpf zugefügt und das ganze römische Volk diesem Überfall fast lachend zugesehen! Da zeigte es sich sonnenklar, daß die Herrschaft der Päpste über Rom nicht auf der Liebe des Volkes ruhte, daß sie den Römern immer als eine verhaßte Usurpation erschien. Die Engelsburg war ohne Proviant und unhaltbar, deshalb vermittelte Don Martino, der Neffe und Orator des Königs von Portugal, zwischen den Rebellen und dem Papst einen Vergleich. Noch am Abend ließ Clemens durch Schomberg Moncada zu sich rufen. Pompeo, bei welchem sich dieser im Palast der Santi Apostoli befand, wollte ihn zurückhalten, doch der schlaue Spanier folgte der Einladung, die ihm versprach, was er wünschte. Er empfing erst die Kardinäle Ridolfi und Cibò als Geiseln und ging dann in die Engelsburg. Der Minister Karls V. warf sich mit versteckter Freude dem Papst zu Füßen, beklagte die ganz absichtslose Plünderung und ermahnte Clemens zur Versöhnung mit dem großen Kaiser, der die Herrschaft Italiens nicht begehre, obwohl sie ihm nach altem Kaiserrecht gebühre. Moncada lieferte den silbernen Papststab und die Tiara wieder aus, die er den Räubern abgenommen hatte, und aus seiner Hand waren diese entweihten Zeichen gleich Symbolen kaiserlicher Investitur. Der Papst klagte bitter über den Treubruch Vespasianos; den Namen Pompeo nannte er nicht oder nur mit Ironie: der Not weichend, wolle er einen Vertrag eingehen, hoffend, mit dem Kaiser sich auszusöhnen.

Am 21. September wurden die fremden Gesandten in die Engelsburg gerufen, und hier entwarf Moncada folgende Übereinkunft: ein viermonatiger Waffenstillstand zwischen Clemens und Karl wird geschlossen; der Papst ruft seine Truppen aus der Lombardei, seine Flotte von Genua ab: die Colonna, denen volle Verzeihung erteilt wird, ziehen sich nach Neapel zurück. Clemens schloß diesen Vertrag, wie einer seiner Vertrauten offen erklärte, mit dem Vorsatz, ihn nicht zu halten. Moncada aber hatte seine Absicht, ihn von der Liga zu trennen, erreicht. Frohlockend gab er dem Kaiser von seinem Handstreich Bericht: er scheute sich nicht, ihm zu raten, sich über diese Vorgänge erzürnt zu stellen, um dem Papst einige Genugtuung zu geben. Dagegen waren die Colonna über Moncada erbittert; sie hatten das Kastell stürmen, den Papst gefangen fortführen, Rom umwälzen wollen; sie schalten den Spanier einen bestochenen Verräter. Mit Beute beladen, zog das colonnische Kriegsvolk, welches bei den Thermen Diokletians gelagert hatte, am Morgen des 22. September nach Grottaferrata ab, während Moncada vertraggemäß Filippo Strozzi, den Gemahl der Clarice Medici, als Geisel nach Neapel mit sich nahm. Clemens war über die Haltung der Römer tief empört. Ich will sie erkennen lassen, so sagte er, was es bedeutet, den Papst nicht mehr in Rom zu haben. Seine Absicht war, sich für eine Zeitlang aus der Stadt zu entfernen.

Ehe noch Karl den Abschluß dieses Vertrags erfuhr, erließ er am 17. September aus Granada ein Manifest an den Papst: es war seine Antwort auf dessen Brief vom 23. Juni und seine Rechtfertigung gegen so viele Beschuldigungen, zumal in betreff seines Verfahrens mit Sforza. Er bezeichnete darin Clemens mit vollem Recht als den Urheber des Kriegs und drohte ihm mit der Berufung eines Konzils. Am 6. Oktober schrieb er auch den Kardinälen: der Papst habe pflichtvergessen die Friedensvorschläge abgewiesen und denke nur an Krieg, Verschwörung und Aufruhr wider ihn, den Kaiser, welchem er doch so viel schuldig sei; sie sollten ein Konzil berufen, denn ohne dieses könne die lutherische Bewegung nicht beruhigt werden, vielmehr werde sich Deutschland von der katholischen Kirche losreißen.

Hier zeigte es sich, in wie naher Beziehung die deutsche Reformation zu dem Kriege stand, welchen Clemens so leichtsinnig begonnen hatte; er selbst trieb den Kaiser dazu, in den Lutheranern seine Verbündeten zu sehen. Konnte Karl V. das Wormser Edikt zugunsten eines Papsts aufrecht halten wollen, der ihn mit allen Waffen des Verrats und der Gewalt bekriegte, ihm selbst Neapel und im Falle des Sieges auch die Krone des Reichs entreißen wollte? Zu Nürnberg hatten die Stände ein Konzil verlangt; als sodann im Juni 1526 der Reichstag zu Speyer sich versammelte, überwog bereits die papstfeindliche Partei, und mit Zustimmung des Erzherzogs Ferdinand wurde der wichtige Reichsschluß gefaßt, daß bis zu einer allgemeinen Kirchenversammlung jeder Stand in bezug auf das Wormser Edikt sich verhalten solle, wie er es gegen Gott und die kaiserliche Majestät zu verantworten glaube. So wurde das Edikt vom Kaiser zwar nicht tatsächlich zurückgenommen, aber die Reformation den Ständen überlassen und dadurch die territoriale Kirchentrennung rechtsgültig herbeigeführt. Eine unbezwingbare Revolution stürzte die hierarchische Verfassung im Deutschen Reich und riß die Mitte Europas vom katholischen Glauben los. In derselben Zeit wurden die Türken Gebieter Ungarns, dessen jungen König Ludwig II., den Schwager des Erzherzogs Ferdinand, sie bei Mohács am 29. August 1526 erschlagen hatten. Wenn der Papst auf diesen Weltbrand blickte und seine eigene Lage erwog, dann mußte er wohl verzweifeln. Nachdem er die europäischen Mächte gegen den Kaiser in den Krieg getrieben, war er selbst durch schmählichen Überfall in wenig Stunden entwaffnet und all seine Staatskunst wie ein Spinngewebe zerrissen worden. Der Kaiser hatte ihm verächtlich einen Schlag versetzen lassen, der ihn gemahnte, daß er von seiner Gnade abhängig sei. Wenn nun er, das Haupt des ganzen Unternehmens, davon zurücktrat, mußte auch die Befreiung Italiens scheitern.

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