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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 402
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Bestürzung der Kurie in Rom. Die Spanier bekämpfen dort die Orsini und die Franzosen. Clemens schließt ein Bündnis mit dem Kaiser 1. April 1525. Franz I, nach Spanien eingeschifft. Reaktion gegen die Macht des Kaisers. Der Papst sucht, eine Liga wider ihn zu bilden. Die Verschwörung Morones. Tod Pescaras November 1525. Friede zu Madrid 14. Februar 1526. Der König Franz entlassen. Liga zu Cognac 22. Mai 1526.

Clemens erhielt die Schreckenskunde nachts am 26. Februar. Er wollte sie nicht glauben. Am 27. bestätigten sie Briefe Venedigs. Dieser Sieg bedeutete die Unterjochung Italiens durch Spanien und das Reich. Jeder Italiener mußte tief bestürzt sein. Venedig, welches den Kaiser im Stich gelassen, war in Furcht. Der Botschafter der Republik in Madrid, Gasparo Contarini, sagte dort zu Gattinara: »Der Allmächtige hat Euch zu des Kaisers Kanzler gemacht, damit Ihr als Italiener von Geburt ein Wohltäter Italiens werdet, wie Gott einst Josef beim Pharao Ägyptens groß machte, auf daß er sein Volk errette.« Nicht anders als in unsern großen Tagen die Katastrophe zu Sedan wirkte damals der Sieg bei Pavia auf die erstarrte Welt.

In Rom zogen die Colonna und die Spanier einher mit dem Jubelgeschrei: Imperio! Imperio! Stuart war noch mit seinem Heer im römischen Gebiet, wo sich die Orsini ihm angeschlossen hatten. Deren Kriegsvolk, 3000 Mann stark, zog sich am 2. März nach Rom zurück. Giulio Colonna überfiel sie mit Spaniern im Dienste Sessas bei St. Paul und trieb sie in die Stadt hinein: bis zu den Banken wurden sie verfolgt und niedergemacht. Bei diesem Tumult, der ihn beschimpfte, verschloß sich der Papst im Vatikan, wo man Geschütze auffuhr. Er ahnte, daß ihm schwere Tage bevorstanden. Es war das Jubiläumsjahr, doch kein trostloseres hatte die Stadt gesehen; die Pest begann auszubrechen, die Teuerung war groß. Unter den wenigen Pilgern befand sich die Markgräfin Isabella Gonzaga, die Schwester Alfonsos von Ferrara. Sie kam nach Rom, um für ihren Sohn Ercole den Kardinalshut zu erlangen, welchen ihr schon Leo X. versprochen hatte.

Die Schuld des Unglücks warfen die Franzosen und ihre Anhänger auf den Papst. »Dies Wollen und Nichtwollen hat nun die Wirkung hervorgebracht, welche alles überrascht; ganz Rom ist darüber bestürzt und fürchtet den Untergang, der leicht daraus folgen kann«; so schrieb der Erzbischof von Siponto, der nachmalige Papst Julius III. an den Kardinal Aegidius. Freunde Frankreichs ließen ein elegisches Gedicht auf die Gefangennahme des Königs drucken mit so heftigen Ausfällen gegen den Kaiser, daß der Papst in Furcht geriet und jeden Druck eines Buchs ohne Zensur verbieten ließ.

Clemens sah sich fast in derselben Lage wie Julius II. nach der Schlacht bei Ravenna, und in der Tat war der Haß der Kaiserlichen gegen ihn, den Abtrünnigen, so groß, daß Frundsberg gleich nach dem Siege auf Rom vorrücken wollte. Die Forderung des deutschen Kriegsmannes war wohl begründet und sein Plan, schnell mit dem Papst ein Ende zu machen, die richtigste Politik. Aber dies hinderte der Vizekönig, ein diplomatisch ängstlicher Mann ohne Genie und Kraft. Es schien ihm vorteilhafter, einen Vertrag zu erzwingen, wodurch er vom Papst viel Geld zu erpressen hoffte, denn vor allem mußten die Truppen gelöhnt werden, deren Soldrückstände man nach der Schlacht nur zum kleinsten Teil bezahlt hatte. Deutsche Heerhaufen besetzten nur das Placentinische, wo sie Kriegssteuern erhoben und plünderten. Die Drohung Lannoys, gegen Rom zu ziehen, um Stuart zu vertreiben, reichte hin, den Papst zur Annahme von Artikeln zu nötigen, die ihm Giambartolomeo Gattinara, ein Neffe des Großkanzlers Karls, im Namen des Vizekönigs vorlegte. Darnach schloß Clemens ein Bündnis mit dem Kaiser; beide verpflichteten sich, Mailand gegen jeden Angriff zu verteidigen; der Kirchenstaat, Florenz und die Medici wurden in kaiserlichen Schutz genommen, wofür die Florentiner 100 000 Goldgulden zahlen sollten. Doch machte der Papst einige Zusätze: daß der Herzog von Ferrara angehalten werde, ihm Reggio und Rubiera herauszugeben; daß Mailand den Salzbedarf aus den päpstlichen Salinen Cervias zu beziehen habe. Er bemühte sich, auch die Venetianer in den Frieden einzuschließen, aber das zerschlug sich an den übertriebenen Geldforderungen, welche der Vizekönig an diese Republik zu stellen für gut fand.

Am 1. April wurde der Vertrag in Rom unterzeichnet, am 1. Mai verkündigt. Bei dieser Gelegenheit gab Pompeo Colonna dem Papst und dem kaiserlichen Botschafter ein glänzendes Gastmahl in seinem Palast bei den Santi Apostoli. Schon waren die orsinischen Truppen aufgelöst. Beim Herzog von Sessa hatte es der Papst durchgesetzt, daß die Franzosen frei abziehen durften, und Stuart hatte sich mit Renzo in Civitavecchia bereits am letzten März nach Frankreich eingeschifft. Nur die Verzweiflung hatte Clemens den Vertrag abgepreßt. Er wünschte sehnlich den Frieden, aber die unheilvolle Begier nach Reggio führte zu neuen Verwicklungen. Der Kaiser genehmigte den Aprilvertrag, jedoch er verwarf jene Zusatzartikel, welche ihn verpflichten sollten, die Reichsrechte auf Reggio und Rubiera preiszugeben, wenn er nämlich mit diesen Ländern den Kirchenstaat vergrößerte. Er befahl dem Vizekönig, mit Alfonso einen Vergleich zu machen, wonach dieser jene Städte für eine Geldsumme behalten durfte. Zugleich hatte auch der Erzherzog Ferdinand den Herzog Sforza verpflichtet, das Salz aus Österreich und nicht aus Cervia zu beziehen. In Rom erhob man ein Geschrei; man klagte den Kaiser des Treubruchs an.

Franz I. war unterdes nach Pizzighettone gebracht worden, wo der spanische Kapitän Alarcon ihn bewachte. Er selbst wünschte, nach Spanien geführt zu werden, in der Hoffnung, durch eine persönliche Zusammenkunft auf die Großmut des Kaisers zu wirken. Bourbon und Pescara verlangten seine Verwahrung im Kastell zu Neapel, und Lannoy sagte das zu. Man brachte den König nach Genua, von wo er im Juni nach Neapel eingeschifft werden sollte, aber unterwegs nahm der Vizekönig die Richtung nach Spanien, und dorthin entführte er den Gefangenen. Diese eigenmächtige Handlung beleidigte den Stolz Bourbons und brachte Pescara so auf, daß er Lannoy als Verräter zum Zweikampf herausforderte.

Während nun der König im Schloß zu Madrid gefangen saß und um die Bedingungen seiner Freiheit zwischen Karl und der Regentin Frankreichs, Luise von Savoyen, unterhandelt wurde, schuf der Sieg bei Pavia eine Reaktion gegen die furchtbare Größe des Kaisers. Wenn sich Karl V., König von Neapel und Sizilien, in der Lombardei festsetzte, von wo aus er die Rechte des Reichs auf Modena und Reggio, auf Verona, auf Parma und Piacenza, selbst auf Toskana geltend machen konnte, so blieb von Italien nur ein zweifelhaftes Bruchstück übrig. Venedig sah sich in seinen festländischen Besitzungen bedroht, der Kirchenstaat zwischen denen des Kaisers eingeschlossen. Und was konnte das Papsttum der Macht Karls V. entgegenstellen in einer Zeit, wo das päpstliche Ansehen bis in seinen Wurzeln erschüttert war?

In diesen Geschichten haben wir oft wahrgenommen, daß die Papstgewalt jedesmal stieg, wenn die Reichsgewalt sank, und umgekehrt, daß sie fiel, wenn diese stieg. Den langen Kampf wider die hohenstaufische Monarchie hatten die Päpste durch die Hilfe der italienischen Demokratien und Frankreichs siegreich ausgefochten. Sie waren stark geblieben, solange sie den Nationalgeist für sich hatten. Nach den letzten Versuchen der Wiederherstellung der Reichsgewalt durch Heinrich VII. und Ludwig den Bayern war das Imperium in Ohnmacht gesunken, aber auch das Papstturn dahingeschwunden. Der italienische Nationalgeist trennte sich von ihm; die guelfischen Städterepubliken verfielen; die neapolitanischen Monarchie löste sich auf und zog, wie Mailand, fremde Prätendenten herbei. Das lange Schisma endlich und die Konzile warfen die Macht des Papsttums nieder. Es stellte sich her seit Martin V. und wurde eine Großmacht Italiens. Seither suchte es auf dem unsichersten Boden des weltlichen Staats, in politischen Verbindungen und dem europäisch werdenden Gleichgewichts-System der Mächte die Grundlagen seines Bestehens, während Italien seine Selbständigkeit verlor. In derselben Zeit, als dieses Land dem Papsttum keinen Halt mehr gab, als die Reichsgewalt durch Karl V. eine nie zuvor gesehene Furchtbarkeit erhielt, riß sich auch Deutschland von der katholischen Kirche los, und was konnte sich ereignen, wenn die beiden größten Mächte der Zeit, der Kaiser und Luther, sich miteinander verständigten?

Der Sieg bei Pavia hatte eine der größten Krisen erzeugt, welche Europa bis auf die Zeit Napoleons erlebte. Frankreich lag am Boden; England drohte dort mit einem Einfall, der Kaiser selbst wollte, so hieß es, seine Heere auf Lyon und Avignon vorrücken lassen. Deutschland stand in den Flammen der Reformation, und schon erhoben dort die Bauern den furchtbaren Aufruhr. Das sinkende Papsttum fürchtete den Verlust seiner geistlichen Macht wie seines weltlichen Staats. Aus dieser Krisis konnte die römische Reichsidee noch einmal als Universalmacht hervorgehen. Um die Abwendung dieser Gefahr bewegte sich daher wesentlich die Geschichte der damaligen Zeit. Naturgemäß mußte der nächste Versuch dazu aus dem Erhaltungstriebe des Papsttums hervorgehen, welches in jenem Augenblick, wie in der Zeit Innocenz' III., die verfallene italienische Nation vertrat. Die geistliche Gewalt stellte sich noch einmal der kaiserlichen gegenüber, und sie zog alles an sich, was wider die Reichsidee ankämpfte. Kaiser und Papst scheuten den offenen Bruch; sie verhüteten ihn durch den Aprilvertrag; doch in demselben Augenblick, da sich Clemens VII. durch ihn zu retten suchte, bemühte er sich auch, die Größe des Kaisers zu untergraben.

Dies konnte geschehen durch eine Erhebung der Italiener und durch einen Mächtebund. Von den italienischen Staaten war Venedig, obwohl schon sinkend, noch der einzige, welcher eine selbständige Politik verfolgen konnte. Diese Republik forderte bald nach dem Siege bei Pavia den Papst und die Florentiner zu einer Liga auf, während ihr Gesandter in London sich des Beistandes Englands zu versichern suchte. Große Frankreichs, Anton von Lothringen, Franz von Bourbon, Claude von Guise, machten anfangs wider den Willen der Regentin Louise dem Herzog Sforza, dem Papst, andern italienischen Fürsten Anträge. Clemens selbst knüpfte mit Frankreich Unterhandlungen an. Nur eine schnell ins Werk gesetzte Verbindung vieler Mächte konnte dem Kaiser die Früchte des Sieges entreißen. Schon im März versuchten daher die päpstlichen Nuntien, auf den König von England und Wolsey einzuwirken; sie empfahlen ihnen »das Heil der Welt und der armen Christenheit.« England, dessen leidenschaftlicher Monarch so viel stürmischen Eifer wider die Ketzerei Luthers bewiesen hatte, trat nach dem Sturze Frankreichs als diejenige Macht hervor, welche vor allem gewonnen werden mußte. An den englischen Hof schickte der Papst den Ritter Casale, und Heinrich VIII. sandte den Bischof von Bath nach Rom. Dieser König wurde bald gegen den Kaiser mißgestimmt, weil er seine Pläne verwarf, Frankreich ganz zu vernichten, ihn selbst dort zum Herrscher zu machen oder doch ihm die alten englischen Besitzungen Normandie, Guienne und Gascogne als Beute zu überlassen. Hatte etwa Karl V. deshalb gesiegt, um England mit Frankreich zu vereinigen? Er wollte die französische Krone nur schwächen, indem er ihr Burgund und die Provence entriß und sie zwang, auf alle Ansprüche in Italien zu verzichten. Wolsey, der es nicht verschmerzte, daß ihn der Kaiser bei der Papstwahl hintergangen hatte, reizte Heinrich VIII. gegen ihn auf. Schon am 25. April teilte die Regentin der Niederlande dem Vizekönig mit, daß zwischen dem Papst, England und Frankreich eine Liga im Werke sei.

In der Schweiz, deren Söldner einst Julius II. gerettet hatten, mahnte der geschäftige Nuntius Ennio Filonardo, Bischof von Veroli, die Eidgenossen an den Verlust ihres alten Ruhms. Er stellte ihnen die von Österreich drohende Gefahr vor und bestürmte sie, 10 000 Mann zum Marsch nach Mailand bereitzuhalten. In Frankreich wurde der Regentin auseinandergesetzt, daß nicht Unterhandlungen mit dem Kaiser, sondern ein schnelles Eingreifen durch Krieg den König befreien und die Monarchie herstellen könne. Venedig, wo Canossa Gesandter dieser Regentin war, zeigte sich nicht minder eifrig als der Papst. Nachdem zwischen Frankreich und England im September 1525 der Friede abgeschlossen war, sollte auch Frankreich und Italien sich vereinigen; diese Mächte, der Papst, die Könige von Schottland, Portugal, Ungarn, Navarra, die Republik Venedig, Savoyen, Ferrara, die Herzöge von Lothringen und Geldern, die Schweizer, Monferrat sollten einen großen Bund bilden.

Dieses Bündnis, welches Giberti und der französische Gesandte in Rom, Alberto Pio, mit Leidenschaft betrieben, konnte der Natur aller Ligen gemäß nur langsam zur Wirkung kommen, aber durch eine Umwälzung in Italien beschleunigt werden. Zu solcher entwarf Girolamo Morone den Plan. Dieser Mailänder hatte seine Laufbahn im Dienst Ludwigs XII. begonnen, als derselbe Mailand beherrschte; dann war er in die Dienste der Sforza getreten und jetzt Kanzler des Herzogs Francesco: ein vollendeter Diplomat, ein gewissenloser, genialer Mann aus der Schule des Fürsten Machiavellis, doch ein italienischer Patriot. Der unglückliche Sforza, für dessen Herstellung er so viel getan hatte, ging auf die Pläne seines Sekretärs ein: denn von seinem eignen Lande, dem das spanische Kriegsvolk das Lebensblut aussog, besaß er nichts als die Hauptfestungen; der tatsächliche Gebieter darin war Karl und nichts begründeter als der Argwohn, daß der Kaiser bei der ersten Gelegenheit das Herzogtum mit seiner Krone vereinigen werde.

Morones kühner Gedanke war dieser: einen Freiheitsbund der Italiener zu bilden und ihr Nationalgefühl in den großen Kampf zu führen. Mit einer riesigen Anstrengung sollten alle diese Fremdlinge, Franzosen, Spanier und das Reich über die Alpen zurückgeworfen werden. Zu diesem Zweck sollte der erste Feldherr des Kaisers zum Haupt jener Liga gemacht werden. Pescara, welchem der Papst und Morone die Wiederholung des Verrates Bourbons zugedacht hatten, damals Generalissimus des Heeres, war tief verstimmt; der Vizekönig genoß die Ehren des Sieges, ohne ihn erfochten zu haben. Auch sonst beschwerte sich der Marchese über manche Zurücksetzung; die Lehen Sora und Carpi, auf die er gehofft hatte, waren ihm nicht gegeben worden. Diese Mißstimmung hielt man für stark genug, um Pescara zum Verrat zu treiben. Man konnte ihm glänzende Anerbietungen machen: wenn er das kaiserliche Heer zur Empörung bewog, von den Generalen einige gewann, andere, namentlich Leyva, ermorden ließ, wenn er sich an die Spitze der italienischen Liga stellte, in Mailand Sforza zum Herzog machte, so sollte er selbst als vom Papst belohnter König den Thron Neapels besteigen. Auf diese Weise würde er Franzosen und Spanier aus Italien vertreiben und als Befreier seines Vaterlandes unsterblichen Ruhm erwerben.

Pescara, mit der Römerin Vittoria Colonna, der Tochter des berühmten Fabrizio, vermählt, war Neapolitaner durch Geburt, aber Spanier durch sein altes Geschlecht vom Hause der Avalos, welches mit Don Innigo unter Alfonso I. nach Italien gekommen war. Er fühlte sich stets als Spanier. Der Größe des Kaisers hatte er seine Dienste gewidmet, zu dessen Macht in Italien so viel beigetragen. Wenn sich nun sein Ehrgefühl und sein Gewissen, was immerhin zweifelhaft ist, gegen den Verrat an seinem Herrn sträubte, so stand der gewissenlose Papst bereit, diese Zweifel zu beschwichtigen, indem er ihn vom Eidbruch lossprach und ihm begreiflich machte, daß Neapel von Rechts wegen ein Lehen der Kirche, Pescara also eher ein Dienstmann des Papsts als des Kaisers sei.

Es war ein merkwürdiger Augenblick, wo der schlaue Italiener vor den spanischen Helden als Versucher trat. Die Kühnheit, einen solchen Plan zu enthüllen, war nicht minder groß, als es die Kunst sein mußte, die fieberhafte Spannung auf das Benehmen des Marchese zu verbergen. Ehe Morone sich offenbarte, hatte ihm dieser gelobt, das ihm anzuvertrauende Geheimnis allen, selbst dem Kaiser zu verschweigen. Pescara hörte ruhig Morone an und sagte dann: was er ihm anvertraut, sei etwas Großes, nicht kleiner sei, es ihm anvertraut zu haben; der Plan, der Befreier Italiens zu werden, bedürfe reiflicher Erwägung und sei unausführbar ohne den Beitritt Venedigs und des Papsts. Er entließ den Sekretär in dem berechtigten Glauben, daß er, wenn nicht gewonnen, so doch gewinnbar sei.

Die Lage, in welche sich der Marchese versetzt sah, erinnert an jene Belisars, als ihm die Goten für seinen Abfall vom Kaiser das Königtum Italiens antrugen. Eine Zeitlang konnte ein Feldherr von vielem Ehrgeiz und weniger Moral durch so verlockende Aussichten zum Nachdenken gebracht werden; aber es ist doch kein Zweifel gestattet, daß er diese bald von sich wies. Der spanische Grande haßte die Italiener, deren Treulosigkeit ihm hinreichend bekannt war und deren nationalen Zerfall er verachtete. Der verblendende Plan war im Grunde nichts als die phantastische Eingebung der Verzweiflung und der Schwäche. Wie hätte Pescara das stolze Nationalbewußtsein seines Heeres und die Ritterlichkeit so vieler Kapitäne zum Abfall von ihrem Herrn, gleich dem in Spanien verachteten Bourbon, bewegen können? Wie hätte er, selbst wenn ihm das Unmögliche gelang, den Thron Neapels gegen die dortigen Parteien und die Waffen des Kaisers behaupten können? Die Italiener haßten Pescara, welcher grausam und verschlagen sein konnte, und sie hielten ihn auch für falsch. »Ich erinnere mich«, so sagt Guicciardini, »daß mir Morone zur Zeit Leos X. mehrmals gesagt hat, es gebe in ganz Italien keinen Menschen von größerer Boshaftigkeit und geringerer Treue als den Marchese von Pescara.« Um so befremdender ist es, daß Morone auf die Treue dieses Mannes zu rechnen wagte. Sein Spiel für gewonnen ansehend, unterhandelte er mit Venedig und schickte den Genuesen Domenico Sauli nach Rom. Der Papst ging mit vorsichtiger Begierde in diese verräterischen Umtriebe ein, zu denen er selbst wahrscheinlich die erste Anregung gegeben hatte. Giberti warnte ihn anfangs, dann erfaßte auch er den Plan mit Leidenschaft. Die Unsittlichkeit der Mittel heiligte für diese Priester der Zweck. Der Kardinal Accolti und Angelo de Cesis, zwei große Rechtsgelehrte, wurden in aller Stille beauftragt, ein Gutachten abzufassen, um die Rechte des Papsts und die Verfügung über die Krone Neapels darzutun und so die Zweifel Pescaras niederzuschlagen.

Während diese Verschwörung geplant wurde, meldete der Marchese, der sofort Bourbon, Leyva und Nagera in das Geheimnis gezogen hatte, die ihm gemachten Eröffnungen dem Kaiser, und dieser befahl ihm, die Unterhandlungen mit Morone fortzuführen und dann nach seiner Einsicht zu verfahren. Truppen sammelten sich in Trient; die Festungen im Mailändischen wurden verstärkt; schon argwöhnte man in Rom Verrat, zumal ein nach Frankreich mit Briefen bestimmter Bote in der Lombardei verschwunden war. Am 14. Oktober 1525 ließ Pescara Morone wieder zu einer geheimen Unterredung in seinen Palast zu Novara rufen. Er kam trotz mancher Zweifel und Warnungen. Rückhaltlos machte er Offenbarungen, welche Leyva hinter einer Tapete mit anhörte. Als er das Gemach verließ, wurde er im Namen des Kaisers verhaftet und ins Kastell Pavia abgeführt. Aber nicht ganz konnte sich Pescara seines Worts entledigen; auch hatte die Kühnheit des Mannes auf ihn Eindruck gemacht. Er stellte ihn unter Prozeß und entriß ihm die begehrten Enthüllungen. Dann verwendete er sich für ihn beim Kaiser, weil von einem solchen Talent noch guter Gebrauch zu machen sei. Er bat Karl geradezu, ihm die Freiheit, das Leben und das Vermögen dieses Mannes zu schenken und wiederholte diese Bitte noch in seinem Testament. Dem Papst zeigte er sofort die Gefangennahme Morones an, indem er Lope Hurtado zu ihm schickte, und der beängstigte Clemens sandte hierauf seinen Sekretär Paul von Arezzo an den Marchese, ihn beschwörend, nichts zu übereilen. Die Treue Pescaras gegen seinen Herrn mußte Bourbon tief beschämen, aber das unredliche Verfahren gegenüber Morone bleibt doch ein Flecken im Charakter des berühmten Generals. Wie weit er selbst sein Mitschuldiger geworden war, ist dunkel geblieben. Die Italiener schalten ihn Verräter, und sie sahen in der Verschwörung Morones nur eine rühmliche Handlung der Vaterlandsliebe. Kein großer Mann fand sich, Italien in der furchtbarsten Krisis seiner Geschichte zu retten; seine Führer waren armselige Diplomaten, ein Clemens VII., ein Morone, ein Giberti. Es zeigte sich damals, was die Schule des Fürsten Machiavellis eigentlich wert war. Die Nation selbst, beinahe schon bar der bürgerlichen Kraft und Tugend, jeder hohen Begeisterung unfähig, überreizt durch ihre Kultur, war zur Knechtschaft für ihre eigenen Priester und für fremde Eroberer herangereift.

Die Verschwörung hatte die entgegengesetzte Wirkung: sie bahnte Karl die Wege zum Besitze Mailands und gab ihm neue Waffen gegen seine entlarvten Feinde in die Hand. Pescara zwang jetzt den Herzog Sforza, als einen der Felonie schuldigen Lehnsmann des Kaisers, zur Auslieferung seiner Festungen mit Ausnahme der Zitadelle in Mailand. Von dieser Stadt selbst nahm er für den Kaiser den Huldigungseid. Überall setzte er kaiserliche Beamte ein. Als er endlich auch die Übergabe jenes Kastells forderte, worin der kranke Herzog mit 800 Mann lag, und sie verweigert ward, begann er, Sforza dort zu belagern. Doch Pescara starb, durch die Anstrengung seiner Feldzüge in Schwindsucht verfallen oder, wie man argwöhnte, durch seine Feinde vergiftet, schon am 30. November 1525, erst sechsunddreißig Jahre alt, von den Italienern mit Verwünschungen überhäuft, von den Kaiserlichen als einer der größten Kapitäne der Zeit gefeiert und durch die Liebe seiner Gattin verherrlicht, deren Dichtungen seinen Namen der Nachwelt würden überliefert haben, auch wenn das nicht hundert ruhmvolle Waffentaten vermochten.

In Madrid wurde fortdauernd um den Frieden unterhandelt. Die Königinmutter wünschte ihn, um ihren Sohn so schnell als möglich zu befreien. Das aber war nicht die Ansicht des Papsts. Man kann nur mit Befremden die Briefe seines Staatssekretärs lesen, worin die Regentin beschworen wird, ihre Mutterliebe den Staatsgründen aufzuopfern und statt zu Friedensartikeln zum Schwert zu greifen. Aufgebracht über die Unentschlossenheit der französischen Regentschaft, verglich Giberti die Depeschen des Gesandten Canossa mit Romanen und Poesien. Frankreich indes war durch den bei Pavia erlittenen Schlag gelähmt; auch lag es in der Natur der Dinge, daß eine Liga nur langsam zustande kam. Sie wäre kaum zum Abschluß gekommen, wenn sich Karl V. gemäßigt, wenn er nicht durch die Besetzung Mailands seine Gegner aufs äußerste gebracht hätte.

Am 6. Dezember 1525 kam sein Bote Don Michiel Herrera mit Friedensvorschlägen nach Rom. Hier befand sich der Papst durch das Bewußtsein seiner Verbindung mit Morone in nicht geringer Verlegenheit. Der Kaiser aber schwieg davon. Als Clemens am Anfang 1526 Herrera nach Madrid zurückschickte, warf er alle Schuld der Verschwörung auf Morone und Pescara, der sich jetzt nicht mehr verteidigen konnte. Er bat Karl dringend, dem Herzog zu verzeihen, Mailand freizulassen und so Italien die Ruhe wiederzugeben. Dem Kaiser selbst erschien der Friede mit Frankreich als das beste Mittel, die Liga zu verhindern und das tief aufgeregte Italien zu beschwichtigen. Das Herzogtum Mailand wünschte er Bourbon zu verleihen, damit er so der Verbindung mit seiner Schwester Eleonore entsage. Franz I. wollte er entlassen, jedoch unter solchen Bedingungen, die ihm die Früchte des Sieges bei Pavia sicherten.

Selten sind in einem Staatsrat schwierigere Unterhandlungen geführt worden als damals in dem spanischen über die Frage, welche Bedingungen Franz I. aufzuerlegen seien. Was die Großmut empfahl, mußte die Politik verwerfen, und in jedem Fall konnte man sicher sein, daß der tief beleidigte König ewig der Feind des Kaisers bleiben werde. Es ist zweifelhaft, ob Karl V. mehr würde erreicht haben, wenn er die Güte des Herzogs Visconti gegenüber seinem Gefangenen, Alfonso von Aragon, nachgeahmt hätte. Die Bedingungen aber, welche er von Franz erzwang, konnte dieser König niemals halten. Gleich nach dem Siege bei Pavia hatte der kaiserliche Kanzler in dem Gefühl solcher Größe dem Botschafter Venedigs erklärt: der Kaiser sei berechtigt, ganz Frankreich zu beanspruchen als der Herr der Welt; doch wolle er nur an sich nehmen, was einst Karl von Burgund gehört habe; die Provence stehe ihm zu mit demselben Recht wie Neapel: Languedoc gehöre der Krone Aragon, und die Dauphiné sei ein kaiserliches Lehen. Franz I., so forderte man in Madrid, sollte nicht nur allen seinen Ansprüchen auf Italien entsagen, sondern auch Burgund nebst andern Stücken Frankreichs abtreten, Bourbon wiederherstellen und zum Zeugnis des ewigen Bündnisses mit Karl sich mit dessen Schwester Eleonore vermählen. Diese verwitwete Königin von Portugal hatte eben die Gemahlin des Connetable werden sollen.

Der König fand es mit seiner Ehre vereinbar, eine heimliche Verwahrung gegen seinen Eid aufzusetzen und dann am 14. Februar 1526 den Frieden mit einer Lüge zu beschwören. Diesem Vertrag gemäß sollten seine beiden Söhne für ihn als Geiseln eintreten, er selbst im Fall der Nichterfüllung der Artikel als Gefangener nach Spanien zurückkehren. Aber die Moral der Könige im XVI. Jahrhundert glich nicht mehr jener des XIV., wo ein Monarch desselben Frankreichs freiwillig in die Kerker Londons zurückkehrte, weil er lieber gefangen als eidbrüchig sein wollte.

Kaum war Franz am Anfange des März in sein Reich zurückgekehrt, als alle Gegner Karls ihn bestürmten, den Frieden nicht zu halten, da er erzwungen sei. Der Papst schickte zu ihm den Mantuaner Ritter Capino als Nuntius, sich dessen zu vergewissern, was er zu tun gedenke. Den Vertrag in Madrid hatte ihm Karl mitgeteilt und erklärt, er sei zwar nicht abgeneigt, Sforza in Mailand einzusetzen, doch hänge dies von dem über ihn eingeleiteten Prozeß ab; sollte seine Schuld erwiesen werden, so wolle er Bourbon mit Mailand belehnen. Der Papst aber wollte vor allen Dingen Mailand frei sehen. Die Schwächung Frankreichs durfte er nicht dulden; der Bruch des Friedens, die Liga und der Krieg schienen ihm die einzigen Mittel zur Rettung Italiens und des Kirchenstaats. Er wies die Anträge des Kaisers ab und trieb den König zum Meineid. Dazu trieben auch England und Venedig.

Die Stände Burgunds legten, wie vorauszusehen war, ihr Veto gegen die Abtretung ihres Landes ein, und Franz I. erklärte, daß die Ausführung der Friedensbedingungen unmöglich sei. Er bot Karl für Burgund eine große Geldsumme, und diese lehnte der Kaiser ab. Ganz Europa war in tiefer Spannung. Man betrieb den Bund gegen den Kaiser und zauderte zugleich, ihn abzuschließen. Niemand befand sich in größerer Pein als der jämmerliche Clemens VII., die Seele der ganzen großen Unternehmung. Endlich entschloß er sich, der Liga beizutreten, ehe das hart bedrängte Kastell Mailand fiel. Zu Cognac in Frankreich wurde am 22. Mai 1526 im Namen des Papsts, des Königs von Frankreich, des Dogen Andrea Gritti, der Florentiner, des Herzogs Sforza jener Bund geschlossen, welcher die Heilige Liga hieß, obwohl er so wenig von Religion enthielt, daß eine seiner Voraussetzungen die feierliche Lossprechung Franz I. von seinem Meineid durch den Papst war. Der König von England, der nicht offen beitrat, wurde zum Beschützer dieser Liga ernannt, in der Hoffnung, daß er binnen drei Monaten sich ihr anschließen werde; Ferrara ward darin nicht aufgenommen. So war der Krieg zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt, zwischen einem großen Teil der Mächte Europas und dem Kaiser erklärt, und durch ihn sollte das Los Italiens entschieden werden.

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