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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 396
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Neulateinische Poesie. Leo und die Poeten. Die römischen Stadtpoeten des Arsilli. Die Elogia des Jovius. Gyraldis Literaturgeschichte. Valerianus »Vom Unglück der Schriftsteller«. Die Coryciana. Pasquille. Evangelista Maddaleni. Camillo Porzio. Die Mellini. Der Prozeß wider Longolius. Blosio Palladio. Casanova. Hadrian von Corneto. Marcantonius Flaminius. Guido Posthumus Silvester. Sannazar. Vida. Fracastoro. Navagero.

Seit dem XV. Jahrhundert entstand die üppigste Nachblüte der lateinischen Poesie. Sie ruhte bei den Italienern auf dem Boden ihres antiken Landes, konnte aber doch als gelehrtes Erzeugnis nur in den höheren Kreisen fortleben, und nie war die Grenzlinie der Bildung schärfer gezogen als im Zeitalter der klassischen Studien, wo man nichts von Volksschulen wußte.

Die neulateinische Dichtung hat in unserer Kultur die Bedeutung eines Stadium der Läuterung und des Durchganges durch das Klassische. Als poetisches Produkt erregt sie das Gefühl von etwas Abgestorbenem oder Überflüssigem. Die formale Verkünstelung des Stils, schon ein Grundzug der altlateinischen Literatur, ist in der Nachahmung noch widerwärtiger, und die wiederholte olympische Maschinerie des Heidentums kann nur die Wirkung von Larven hervorbringen. Wenn man diese Eklogen, Oden, Elegien und Epen des XVI. Jahrhunderts übersieht, möchte man ihre Dichter als Wiederkäuer eines leblosen Kulturstoffes beklagen. Aber diese Neulateiner fanden ihren Lohn in ihrer Zeit, wo sie das Recht des Daseins hatten. Ohne die Reproduktion des klassischen Altertums in der Renaissance wäre der Geist der Griechen und Römer heute für uns nur eine tote unverstandene Formel: erst sie erzeugte ihn lebendig wieder, indem sie ihn neben der Kritik des Philologen durch die Phantasie des Dichters gehen ließ; denn diese war das Lebensblut, von welchem die klassischen Schatten tranken, um wieder für die Nachwelt leibhaft zu werden. Diese heute fast vergessenen Renaissance-Poeten waren es wesentlich, die jene aus dem Orkus für uns heraufgeholt haben. Wenn ihre Verdienste um die Belebung der Antike, um die Durcharbeitung der alten Sprache überhaupt groß waren, so förderten sie im besonderen den Geschmack an der edlen und schönen Form. Die gebildete Gesellschaft, welche sie mit einem ästhetischen Luxus zierten, konnte ihrer so wenig entbehren als der Künstler. Sie galten für den legitimen Dichteradel der Zeit; sie spiegelten ihrem Geschlechte vor, daß es wieder so vornehm geworden als das antike und in den vollen Besitz der klassischen Bildung gekommen sei. In Wahrheit erschien kein Triumph größer als dieser Besitz, wovon die Erzeugung einer zweiten lateinischen Literatur eben der Beweis sein sollte. Diese zweite Literatur im Zeitalter des Buchdrucks ist wunderbarerweise so massenhaft, daß die gesamten alten Autoren, die sich als Denkmäler der großen Römerwelt noch erhalten haben, im Vergleich zur Renaissance-Literatur nur eine sehr kleine Zahl ausmachen. Die Grenze zwischen Produktion und Reproduktion ward nicht gezogen, die Grenze der Zeiten kaum erkannt. Am Anfange des XVI. Jahrhunderts betrachteten sich die gebildeten Italiener wesentlich als Lateiner, die Römer als echte Römer, und in Wahrheit standen sie jetzt den Alten durch einen geistigen Umwandlungsprozeß näher als ihre Vorfahren im VIII. und X. Jahrhundert.

Zur Zeit Leos konnte ein Dichter, welcher eine Heerschau über die lebenden Poeten Roms hielt, ganz naiv sagen, daß er lange gezweifelt habe, welches Zeitalter des Lorbeers würdiger sei, jenes des Augustus oder sein eigenes. Wenn er die Alten glücklicher preist, so geschieht es nur, weil sie größere Mäzene hatten; im gleichen Glücksfall würden die Klänge der modernen Lyra selbst den Neid jener erregen müssen. Die banale Anklage Arsillis war ungerecht, denn selten wurden Dichtertalente von einer »Sonne« so goldhell bestrahlt als von der römischen zur Zeit Leos X. Raffael nahm die Poeten und Musiker in den vatikanischen Parnaß auf, und ihn machte der liberale Papst für sie auch zum Garten der Hesperiden. Ein nur lesbares Gedicht war ein Freibrief seiner Gunst. Andrea Marone, der seine Verse mit der Geige begleitete, erhielt für eine einzige Improvisation einen Kanonikat. Dem Lautenschläger Giammaria, einem Juden, verlieh Leo den Grafentitel und ein Kastell. Dem glänzenden Accolti schenkte er ein Herzogtum. Täglich stand der Vatikan den Poeten offen, welche dort um die Mittagsstunde eintraten, wenn die Zitherspieler ihn verlassen hatten. Täglich saßen an des Papsts Tafel Dichter neben Improvisatoren wie Marone, Brandolini und Querno. Dieser »unverschämte Poeten-Schwarm« verfolgte ihn, wie ernsthafte Männer klagten, überall, wo er ging und stand, im Palast, in den Logen, im Zitronengarten, im Schlafgemach und hinderte ihn an seiner Pflicht. Man verglich sie spottend mit Affen, und dies gab Valerianus zu einem Gedicht »Der Affe« Gelegenheit, worin er mit geistreicher Laune die Verdienste dieser erheiternden Kerkolypen nachwies und um die Fortdauer der Gunst des »Sonnen-Löwen« bat.

Durch seine Neigungen lockte Leo X. Dichter schwarmweis aus dem Boden hervor. Ihre Zahl war Legion, weil ihre Kunst in Masse dilettantisch war. Der Überschuß der klassischen Sprachbildung wurde zur Poesie. Es war die Jugendzeit der Philologie, wo die Grammatiker mit den Musen des Olymp schwärmten, ehe sie zu Pedanten eintrockneten. Es gab keinen gelehrten Latinisten, der nicht auch Gedichte geschrieben hätte; die philologische Wissenschaft und die Dichtkunst waren noch ungetrennt. Namentlich verführte die leicht zu behandelnde Form des Epigramms zu einer massenhaften Gelegenheitsdichtung. Wer nur immer Epigramme auf Statuen, Götter, Helden und Philosophen, auf Männer und Frauen alter wie neuer Zeit verfaßte, wollte als Poet angesehen sein. Um 1520 konnte man in Rom mehr bewunderte Dichter finden als zur Zeit des Virgil, und alle diese Professoren, Advokaten und Monsignoren waren Tibulle, Horaze und Marone. Ihre Verse sind in Masse glücklich untergegangen, aber auch in Masse erhalten. Die Namen vieler kennen wir aus Literaturgeschichten der Zeit, denn solche beschäftigten sich bereits mit den Poeten der Gegenwart als einer Macht. Schon seit Petrarca und Filippo Villani waren die Anfänge von Lebensgeschichten der Gelehrten entstanden, worunter man eben auch Dichter begriff; um das Jahr 1455 verfaßte Bartolomeo Fazio sein Werk »De viris illustribus«, und noch vor dem Ende des XV. Jahrhunderts schrieb Paolo Cortese seine Abhandlung »De hominibus doctis«. Aber zur Zeit Leos widmete man den Dichtern bereits selbständige Bearbeitungen. So schrieb ein in Rom lebender Arzt, Francesco Arsilli von Sinigaglia, ein Literaturgedicht »Von den Stadtpoeten«. Es enthält eine epigrammatische Reihe von über hundert Porträts von Zeitgenossen, die den Parnaß Leos belebten. Arsilli flocht seine Distichen zu einem großen Ehrenkranz zusammen, und wenn sein gefälliges Lob auch manchen Zweifel erregt, so erkennt man doch, wie groß damals der Trieb des Schaffens und die Menge geistreicher Talente in Rom war. Er widmete das dankbarste aller Gedichte dem Jovius, und dieser verfaßte viel später die Elogia, in welcher er von vielen dort genannten Dichtern geredet hat. Gleichzeitig mit Arsilli schrieb Gyraldi in Rom einen Dialog »Von den Dichtern seiner Zeiten«. Diesem fügte er im Jahr 1548 zu Ferrara einen zweiten hinzu, so daß wir in seiner Arbeit die erste allgemeine Geschichte der poetischen Literatur besitzen. Als literargeschichtliche Schrift kann man auch die Abhandlung des Valerianus »Vom Unglück der Schriftsteller« betrachten, worin dies melancholische Thema durch Tatsachen der Zeit bewiesen wird.

Arsilli, Jovius, Gyraldi, Valerianus sind demnach die Quellen über die Dichter der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts. Es gibt aber auch einen ersten römischen Musenalmanach, die »Coryciana«, das liebenswürdigste literarische Denkmal der Zeit Leos X. Es sind dies Gedichte, welche die Poeten Roms zu Ehren des Goritz verfaßten und am St. Annentage in der Kapelle niederlegten, wo die Gruppe Sansovinos stand. Da sie stets denselben Gegenstand feierten, das Lob des Gastfreundes, des Künstlers und der Heiligen, so verdiente ihre unermüdliche Kunst Anerkennung genug. Der Flut ihrer Verse mußte Goritz zuletzt die Kapelle verschließen. Sie brachten ihre Spenden auch in seinem Garten am Trajansforum dar, und dort hefteten sie ihre Verse an die Bäume, die Brunnen, die Altertümer. Ihr Corycius Senex legte diese Opfer in einem sauberen Bande nieder, den er in seinem Kabinett verschloß. Blosius entwendete das Manuskript, und so ward es gedruckt. Unter den corycischen Poeten finden sich die berühmtesten Literaten Italiens, Bembo, Castiglione, Vida, Gyraldi, Jovius, Flaminius; selbst Hutten erscheint dort als Gast, während ein anderer Deutscher, Silvanus, das Annafest lebhaft besungen hat. Viele deutsche Humanisten waren Mitglieder der römischen Akademie; manche feierlich mit dem römischen Bürgerrecht beschenkt. Ihr Mäzen war Goritz, ihr Gönner auch Hieronymus Aleander, ehe ihn die Reformation zum verhaßten Feinde Deutschlands machte.

Man darf dieser Sammlung auch die Pasquille anreihen. Dieselben Dichter, welche ihre poetischen Opfer der Statue der St. Anna darbrachten, hefteten ihre Satiren am Fest S. Marco an den Torso des Pasquino, und schon unter Julius II., im glücklichen Zeitalter völliger Druckfreiheit, erschienen in Rom die ersten Sammlungen dieser Art: der satirische Almanach jener Zeit, ein lehrreicher Beitrag zur Geschichte ihrer öffentlichen Meinung wie ihrer zuchtlosen Frivolität.

Einer der begabtesten Dichter war Evangelista Fausto Maddaleni vom Geschlecht der Capi de Ferro, Sadoletos innigster Freund, ein klassisch gebildeter Latinist. Leo gab ihm einen Lehrstuhl auf dem Kapitol, wo er über römische Geschichte Vorträge halten sollte. Gyraldi fand ihn dichterischer als seinen Landsmann Camillo Porcari, welcher auch Günstling Leos und Professor der Beredsamkeit war. Die Porcari fuhren fort, den Musen zu dienen. Als Bembo nach Rom kam, rühmte er sich der Freundschaft der drei hochgebildeten Brüder dieses Hauses, Camillo, Valerio und Antonio. Arsilli nennt Camillo den glücklichsten Nachahmer Tibulls, aber Gyraldi fand seine Prosa besser als seine Verse. Er starb im Jahr 1517 als erwählter Bischof von Teramo.

Auch die Mellini zeichneten sich durch Bildung aus. Ihre Familie hatte unter Sixtus IV. in Giambattista einen berühmten Kardinal aufgestellt. Sie bewohnten ihren Palast an der Navona und besaßen seit der Mitte des XV. Jahrhunderts ihre schöne Villa auf dem Monte Mario, wo Pietro Mellini um 1470 die Kapelle Santa Croce gebaut hatte. Pietro war der Bruder des Kardinals und Sohn des Sabba Mellini, ein gelehrter Mann, lateranischer Pfalzgraf und Kanzler der Stadt Rom. Seine Söhne Mario, Girolamo und Celso machten sich nicht minder durch Bildung namhaft.

Celso wurde im Jahre 1519 durch einen Prozeß berühmt. Es lebte damals der junge Gelehrte Christoph Longueil von Mecheln in Rom, wo er in den Bibliotheken studierte und durch sein Wissen hohes Ansehen genoß. Seine Freunde erwirkten ihm, zum Lohn mehrerer Lobreden auf Italien und Rom, das römische Bürgerrecht. Seine Feinde aber wiesen ihm frühere Lobreden auf Frankreich nach, worin er Rom herabgesetzt hatte. So hoch war das Selbstbewußtsein der Römer gestiegen, daß Celso Mellini jenen Humanisten förmlich der Majestätsbeleidigung anklagte. Dies war nicht bloße Eitelkeit, sondern auch patriotische Leidenschaft; denn in der Renaissance erwachte auch die antike Tugend der Vaterlandsliebe wieder, welche die kosmopolitischen Grundsätze des Christentums abgeschwächt hatten. Nie fühlte sich ein lebendes Volk so eins mit seinen Vorfahren als damals die gebildeten Italiener. Man versetzte sich also in die Zeit des Cicero zurück und ergriff mit Begier die Gelegenheit, dem antiken Redner nachzuahmen. Mit geräuschvollem Ernste wurde auf dem Kapitol eine Szene veranstaltet: vor dem Papst Leo, den Kardinälen und allen bedeutenden Quiriten Roms hielt der Bürger Mellini eine donnernde Philippika wider den armen Longueil. Dieser hatte kurz vorher die Stadt verlassen, aber seinen Freunden zwei Verteidigungsreden übergeben, welche kostbare Beiträge zur Geschichte der Zeit sind. Er nahm darin ganz die Figur eines vor Senat und Volk Angeklagten an, zeigte, daß er nach keinem römischen Gesetze schuldig, und wies nach, was der wahre Kern der Sache sei: der römische Neid nämlich gegen die wissenschaftliche Bildung des Auslandes. Im Ernst behaupteten seine Feinde, daß die ultramontanen Völker sich verschworen hätten, den Römern und Italienern den ersten Rang in den Wissenschaften zu rauben, und daß Longueil von Erasmus und Budaeus heimlich nach Rom geschickt sei, um aus den Bibliotheken die Schätze des Wissens auszuziehen und mit sich über die Alpen zu nehmen. In diesen Prozeß wurde die ganze Gelehrtenwelt hereingezogen. Bembo und Sadoleto nahmen sich des Angeklagten an, und Leo X. gab ihm eine glänzende Genugtuung: er bestätigte ihm das Bürgerrecht, ernannte ihn zum lateranischen Pfalzgrafen und zum apostolischen Sekretär. Longueil aber kam nicht mehr nach Rom. Er ging nach Padua, wo er sich innig mit Bembo befreundete und der Gefährte des jungen Reginald Pole wurde, welcher damals dort studierte. Hier trat er auch gegen Luther auf und starb erst 33 Jahre alt im Jahr 1522, von Erasmus und allen Gelehrten der Zeit beweint. Sein Gegner Celso ertrank in einem Fluß; ganz Rom beklagte seinen Tod.

Unter den gefeierten Stadtpoeten gab es viele andere Römer, doch sie sind für uns nur Namen. Großes Ansehen genoß der Sabiner Blosio Palladio, welcher im Jahr 1516 das römische Bürgerrecht erhielt, unter Clemens VII. apostolischer Sekretär, dann Bischof von Foligno wurde und im Jahre 1550 starb. Er war ein Mann von klassischer Bildung, eine Zeitlang das Haupt der Akademie. Sein Freund Marcantonio Casanova aus Como, doch in Rom geboren, glänzte als Nachahmer des Martial. Er war Familiar der Colonna, und auch diese Römer schmückten sich mit dem Lorbeer. Denn der große Kriegsmann Marcantonio machte Verse; Pompeo aber verfaßte eine Lobschrift auf die Frauen und widmete sie der gefeierten Vittoria Colonna. Die Musen hatten jetzt Rom entwaffnet. Statt ihre Paläste mit Wurfgeschossen zu füllen, sammelten die römischen Geschlechter darin Antiken und Inschriften; statt auf catilinarische Verschwörungen zu sinnen, sann die römische Jugend auf catullische Verse, und die Nachahmung des Cassius und Brutus verwandelte sich in die unschuldige des Martial und Horaz. Der Titel eines Dichters war noch nirgends mit der Mißachtung verbunden, die ihm später durch die akademischen Reimereien angeheftet wurde; dies beweist selbst der Spott, welchen Leo X. an schlechten Poeten, wie dem Trunkenbold Querno, dem Buffo Gazzoldo und Baraballo auszulassen erlaubte. Gelehrsamkeit und Poesie waren noch vereint.

Aus dem Dichterschwarm jener Zeit ragten einige so hoch hervor, daß sie noch sichtbar sind, während andere ihren Nachruhm nur ihrer Stellung verdankten. Denn die Poesien des Bembo, des Sadoleto und Castiglione überlebten nur aus diesem Grunde jene anderen des Maddaleni und Porzio, und von denen Hadrians von Corneto würde man kaum noch wissen, wenn er nicht ein berühmter Kardinal gewesen wäre. Die größten damaligen Dichter kamen übrigens nur in zeitweise Berührung mit Rom, wie Marcantonius Flaminius, Sannazar und Vida. Flaminius, zu Serravalle im Jahr 1498 geboren, Sohn des Latinisten Gianantonio, welcher lange in Imola Professor war, kam als Jüngling nach Rom mit Versen, die ihn dem Papst Leo empfahlen. Er lud ihn zum Bleiben ein, und der junge Poet genoß den Unterricht des berühmten Rhetors Raffael Brandolini. Er glänzte durch Bildung und Talent, lebte im Hause Alexander Farneses, wanderte aber bald in Italien umher. Castiglione, Bembo, Giberti, Fracastoro und Navagero waren seine Freunde. Nie sah man einen so bescheidenen Mann. Später lernte er den Reformator Valdez kennen und begleitete auch Reginald Pole nach Trient. Die reformatorische Richtung fand ein Echo in seinem von philosophischen Studien gebildeten Geist. Er starb im Jahre 1550 in Rom. Seine Dichtungen zeichnen sich durch Anmut der Form, Adel der Empfindung und sittliche Reinheit aus. Auf den Wunsch Poles machte er den ersten Versuch, die Psalmen in lateinische Verse zu übertragen.

In Rom begegnete Flaminius einem Dichter, der schon unter den Borgia namhaft war, dem Guido Posthumus Silvester aus Pesaro. Das ruhelose Leben dieses Mannes ist ein Spiegelbild seiner Zeit. Er war um 1479 geboren, lebte als Jüngling am Hof des Giovanni Sforza, des Gemahls der Lucrezia Borgia, und bekämpfte hier Cesare mit Satiren. Er floh nach Modena zu den Rangoni; er lehrte Medizin in Ferrara; den Bentivogli diente er mit den Waffen in der Hand wider Julius II. Zweimal saß er im Kerker. Endlich fand er Ruhe bei Leo X., welchem er seine Talente als Hofdichter widmete. In elegischen Versen beschrieb er eine der Jagden des Papsts. Seinen ehemaligen Freunden, den Bentivogli, blieb er stets getreu. Er starb im Jahr 1521 zu Capranica, wo sein Zögling Herkules Rangone eine Villa besaß. Seine im Jahr 1524 zu Bologna gedruckten Gedichte zeigen ein mittelmäßiges Talent von guter klassischer Belesenheit, aber schwerfällig im Ausdruck.

Mit Leo X. war auch Sannazar in Verbindung, denn ihm wollte er sein Epos »De partu virginis« widmen. Der Papst starb darüber und die Widmung erhielt Clemens VII. Dies einst gefeierte Gedicht begann die Reihe der christlichen Epen, die mit Klopstocks Messiade schloß. Daß im Verfall der christlichen Religion solche Stoffe von den talentvollsten Dichtern behandelt wurden, erklärte sich bei den Lateinern kaum aus dem Bedürfnis der Rückkehr zum evangelischen Ideal. Vielmehr war es ein künstlerischer Trieb, den Gehalt des Christentums in den reinen und schönen Formen des Heidentums zur Darstellung zu bringen. Wie man jetzt den Kirchen antike Maße und Stilformen nach den Regeln des Vitruv gab, so wollte man auch die christliche Lehre und Legende in klassischer Kunstgestalt behandelt sehen. Ausdrücklich verlangte Leo X. von Vida ein christliches Epos in maronischer Formvollendung. So wollte er das Christliche genießen. Sannazar behandelte seinen Gegenstand nur aus dem Gesichtspunkt klassischer Kunst. Auch die Christiade Vidas ist nur ein Werk der Gelehrsamkeit, sklavisch in das Modell Virgils eingezwängt, aber es hält das christliche Wesen von der heidnischen Mythologie rein. Marcus Hieronymus Vida, in Cremona um 1490 geboren, einer der gelehrtesten Latinisten und der beste christliche Dichter jener Zeit, ein ernster und edler Mann, verlebte viele Jugendjahre in Rom unter Julius und Leo. Seine ersten Gedichte, »De arte poetica«, der »Bombyx« oder Seidenwurm, das »Schachspiel«, welches Leo überaus bewunderte, zeigten ein didaktisches Talent und einen geschickten Nachahmer der Alten. Leo schenkte ihm einen Priorat in Frascati, wo er in der Einsamkeit der schönen Natur sein großes christliches Epos ausführen sollte. Diese Christiade wurde erst unter Clemens VII. vollendet und erschien im Jahre 1535 im Druck.

Dieselbe Zeit, welche die Dichtungen von der Jungfrau und von Christus mit Entzücken aufnahm, begrüßte auch Fracastoros »Syphilis« mit gleicher Begeisterung. Das klassische Formgefühl vermittelte diese Empfänglichkeit. Außerdem war nichts zeitgemäßer als der Stoff jenes Gedichts. Die schreckliche Plage eines grundlos verderbten Geschlechts wurde damals nur als Naturphänomen betrachtet. Sie war durch alle Stände verbreitet: Hutten hatte zu seinen Leidensgefährten den Papst Julius und König Franz. Diese Krankheit nun machte der Arzt Fracastoro zum Gegenstand eines sehr eleganten Gedichts, welches europäischen Ruf erhielt. Das Ekelhafte – und vor welchem Stoff dürften die vom Dichter angerufenen keuschen Musen entsetzter zurückbeben? – ist hier nur zum Motiv für Schilderungen böser und heilender Naturkräfte gemacht, wobei die antike Mythologie von Göttern und Nymphen passender als bei jedem andern neulateinischen Gedicht verwendet wird. Fracastoro widmete seine Dichtung Bembo. Sie erregte auch als Kunstwerk das größte Aufsehen, obwohl ihr künstlerischer Wert in Wahrheit nicht bedeutend ist. Sannazar bekannte, daß sein eigenes christliches Epos, die Arbeit von zwanzig langen Jahren, durch den Schäfer Syphilus besiegt worden sei. Als die Renaissance Virgils erschien dies Gedicht den übertreibenden Zeitgenossen; ein »göttliches Poem« nannte es selbst der so scharfe Kritiker Julius Cesare Scaliger. Fracastoro, gefeiert als Astronom, Arzt, Philosoph und Dichter, ist der Ruhm Veronas, wo er um das Jahr 1483 geboren war. Er gehörte zum literarischen Kreise des Feldherrn Alviano in Pordenone, lebte dann wieder in Verona oder auf seinem Landgut Incassi und starb 1553. Verona errichtete ihm eine Ehrenstatue.

Sein Freund war der Venetianer Andreas Navagero, einer der größten Gelehrten aus dem Kreise des Aldus. Er starb schon im Jahr 1529 mit 46 Jahren in Blois als Gesandter Venedigs und ließ nur wenige Schriften und Gedichte zurück, da er die meisten verbrannte. Weder Fracastoro noch Navagero gehörten dem Literaturkreise Roms an, aber sie standen in der lebhaftesten Verbindung mit dessen Häuptern Bembo, Sadoleto und Flaminius.

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