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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 394
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Viertes Kapitel

1. Heidentum der Renaissance. Skeptik und Unglauben. Weltlichkeit der Bildung. Klassen der römischen Gesellschaft. Mäzenaten-Kreise. Chigi und Altoviti. Die Diplomaten. Korruption. Kurtisanen. Urbanität und glänzendes Wesen in Rom. Urteil des Erasmus über Rom.

Groß war der Anteil des Papsttums an der Renaissance-Kultur, dieser glänzenden Blüte einer Weltepoche, nach welcher der fieberhaft angestrengte Geist Italiens naturgemäß in Erschöpfung sank. Der Einfluß der Päpste auf die menschliche Bildung stand immer im genauen Verhältnis ihres Einklanges zu den Bedürfnissen der Zeit. Er war am größten im Mittelalter, wo alles geistige Leben unter der Herrschaft der Theologie gebannt lag; er war mächtig an dessen Ende, wo sich die Päpste der humanistischen Richtung des Jahrhunderts hingaben, als der Geist des klassischen Altertums, dieser belebende Golfstrom der Kultur, wieder die Gedankenwelt zu durchfließen begann. Wenn sie die Anatheme ihrer Vorgänger gegen die heidnische Bildung oder die ihrer Nachfolger gegen die Regungen des Rationalismus geschleudert hätten, so würde das eine ganze Zivilisation gehemmt haben. Es war aber das letzte Mal, daß sich das Papsttum in vollkommnen Einklang mit der Zeitbildung zu setzen vermochte. Die Gegenreformation, Inquisition und Jesuitismus umzogen es seit dem Tridentiner Konzil mit einer chinesischen Mauer, so daß es seinen Zusammenhang mit der fortschreitenden Zeit verlor. Ein Blick auf seine gegenwärtige Stellung macht es klar, bis zu welchem Grade von Erstattung und Vereinsamung inmitten der lebendigen Welt diese Papsthierarchie verstorben ist.

So rückhaltlos hat sich kein Papst den Trieben seiner Zeit hingegeben als Leo X. Er war so ganz von ihnen erfüllt, daß man seiner Epoche seinen Namen gegeben hat, auch ohne daß sein nur aufnehmender Geist ihr den Ideen-Stempel gab. Denn nichts eigentlich Geniales, nichts wahrhaft Schöpferisches lebte in seiner genußsüchtigen, weibischen Natur. Als er zur Herrschaft kam, sagte er seinem Bruder Julian: »Genießen wir das Papsttum, weil es uns Gott gegeben hat.« Nichts Weltlicheres konnte ein Papst aussprechen als diesen epikureischen Vorsatz. Leos Grundtrieb war das schwelgerische Behagen an dem Vollbesitz der damaligen Kultur, und von ihr war er berauscht. Er verachtete die Mönche samt ihrem Armuts- und Bettelideal. Religiöse Vorurteile besaß er nicht. Aus seiner klassischen Bildung entsprang seine Duldsamkeit. Und diese hatte kein andres Prinzip als die Schönheit und den Genuß. Die Malerei, die Poesie, die Beredsamkeit und die Musik, diese nationalsten Kräfte der Italiener, wurden unter ihm die Mächte des geistigen Luxus der Zeit.

Pallavicini hat Leo X. bitter getadelt, weil er sich statt mit Theologen nur mit Poeten umgab und die heidnischen Fabeln den christlichen Doktrinen vorzog. Die deutsche Reformation erhob keine Anklage gegen die schöne klassische Bildung des Papsttums, aber wohl hat die einseitig heidnische Richtung der Italiener die Renaissance des Christentums als Gegensatz gefordert. Die Aufgabe, beide Zeitrichtungen, die Welt des Glaubens und des Wissens, zugleich zu reformieren, war für ein einzelnes Volk zu groß. In sie teilten sich zunächst Italien und Deutschland, und nie waren ihre Nationalgeister freier und selbständiger als in diesen kulturgeschichtlichen Taten.

Im Zeitalter Leos schien das Heidentum die christliche Hülle ganz abzuwerfen, in welcher es als Phantasie, Formgefühl und Polytheismus bei den Lateinern stets vorhanden war. Ein Römer der Zeit Ciceros würde sich im XVI. Jahrhundert bei dem Fest eines Kirchenheiligen mit dem Prädikat Divus nicht ganz als Fremdling empfunden haben. Gott heißt selbst in römischen Grabinschriften wieder Jupiter, wie schon beim Dante Sommo Giove, der Himmel wieder Olymp. Die Konservatoren Roms, welche auf dem Kapitol eine Zisterne wiederherstellten, schrieben darauf wie antike Römer: »Wir haben das Gefäß gegründet, erfülle du es, o Jupiter, mit Regen und sei den Vorstehern deines Felsens gnädig.« Die Kardinäle nannte man Senatoren, die Heiligen einfach Götter (Dii und Deae), und der vergötternde Titel Divus wie Optimus Maximus ist für die Päpste gewöhnlich. Bei der Thronbesteigung Leos rief der Dichter Janus Vitalis aus, daß Jupiter vom Olymp nach Rom wieder herabgestiegen sei und daß Leo Medici als Apollo alle Krankheiten der Zeit heilen werde. Auch Julius II. hatte es nicht erschreckt, als ihn einst ein Prediger am Karfreitag mit Zeus, Christus aber mit Decius oder Curtius verglich. In seiner dem Papst Leo gewidmeten Trauerode auf Bibiena redet Valerianus den Schatten des Kardinals so an: »Wir forschen nicht, an welchen Ort des Olymp deine unsterbliche Tugend dich auf goldner Quadriga geführt hat; aber wenn du die himmlischen Welten durchwanderst, die Heroen zu schauen, dann vergiß nicht, vom Himmelskönige und allen andern Göttern zu erbitten, daß, wenn anders sie hier auf Erden ihren Kultus genießen wollen, sie Leo die Jahre zulegen, um welche die gottlosen Parzen Julian Medici und dich verkürzt haben.« Ebenso naiv erzählt Cathaneus, daß er seinem ertrunkenen Freund Johannes Bonifacius einen Grabhügel am Meer errichtet und dreimal mit lauter Stimme seinen Manen gerufen habe. Wir werden später sehen, daß man nach Leos Tode öffentlich im Colosseum ein heidnisches Stieropfer den feindlichen Göttern darzubringen wagte.

Das ganze Heidentum sickerte durch alle Poren des Katholizismus, als Kunst und Kultus, als platonische Philosophie und ciceronische Beredsamkeit. Selbst die päpstlichen Bullen nahmen unter den Händen Bembos und Sadoletos Stil und Phrase des Altertums an. Die christliche Religion war unter den Lateinern zu einem paganen Sinnen- und Formeldienst erstarrt. Der Mangel an tiefer philosophischer Kraft im italienischen Nationalgeiste blieb zugleich ein Schutzmittel für die römische Kirche, welche ihre Verweltlichung überdauern konnte, wenn sie ihre Vergeistigung nicht würde überdauert haben. Aus der platonischen Schule zu Florenz, die sich im Anfange des XVI. Jahrhunderts auflöste, gingen theistische und pantheistische Ideen, aber kein beweisender Rationalismus hervor. Die italienische Kunst schöpfte aus diesem Platonismus eine ideale Begeisterung für das Schöne, und dies war seine lebendigste Wirkung; er vertrat in der Renaissance die Stelle der Religion; Platon ward zum Apostel des Schönen. Patriotische Denker, wie Machiavelli, konnte der Anblick des grenzenlos verderbten Priestertums oder die Erkenntnis, daß die Papstgewalt die Größe Italiens unmöglich mache, zum Unglauben treiben; während der Einfluß der alten Philosophie andere mit Verachtung gegen die Kirchenlehre erfüllte oder die Bewunderung des Heidentums eine ästhetisch-skeptische Toleranz erzeugte. Man hob damals die Grenzen des Danteschen Paradieses auf; man versetzte die geliebten Heiden in den Glorienhimmel der Seligen, wo sie ihre christliche Nachfolger in Herrlichkeit begrüßten.

In den liberalen Schulen zu Bologna und Padua traten Zweifler auf, welche den jenseitigen Himmel leugneten, während die Astrologie den Glauben an die Freiheit des Willens durch das Fatum der Nativität zerstörte. Der Mantuaner Pietro Pomponazzo war das gefeierte Haupt der italienischen Skeptiker, und durch seine Schule gingen die berühmtesten Gelehrten der Zeit. Obwohl das Lateranische Konzil im Jahre 1513 es nötig fand, die Unsterblichkeit der Seele als Glaubensartikel zu erklären, wagte es Pomponazzo dennoch, in einer Schrift zu sagen, daß diese Lehre rationell nicht zu erweisen sei und von Aristoteles nirgends behauptet werde. Dreißig Jahre später hätte man ihn verbrannt, aber zu seiner Zeit wurde er nur mit einigen Zensuren bedrängt. Bembo schützte seine Schrift vor der Verdammung; und Pomponazzo starb zu Bologna hochgeehrt im Jahre 1524. Leo X. war in seiner Jugend in Disputationen über die Seelenlehre Platos eingeweiht worden; man sagt, daß er eines Tags als Papst die scharfsinnigen Gründe eines Gegners der Unsterblichkeit belobt habe, und wenn dies, wie andere ihm und seinen Freunden in den Mund gelegte Spöttereien über die »einträgliche Fabel des Christentums,« unwahr sein sollte, so bezeichnet es doch die Luft, die im Vatikan wehte.

Die Skepsis regte sich überall, doch sie war diplomatisch, denn sie bequemte sich an den bestehenden Kultus. Priester belächelten einander wie einst die Auguren im alten Rom und ließen sich von lächelnden Laien voll Ehrfurcht die Hände küssen. Wir haben endlich kein Urteil darüber, wieweit die Skepsis in Italien zum Rationalismus würde vorgeschritten sein, weil die freie Forschung bald genug durch die Inquisition erstickt oder verbannt wurde. Im allgemeinen war bei den Italienern der Drang nach Wahrheit nicht das Ergebnis ihres Dranges nach Wissenschaft. Der hierarchische Despotismus erzeugte hier, vereinigt mit der Sinnlichkeit und dem Bedürfnis des Schönen, neben dem materiellsten Aberglauben der unteren, den Unglauben der höheren Klassen, die Scheu vor der Arbeit des Gedankens und vor den sittlichen Kämpfen, welche diese begleiten. Nachdem die humanistische Bildung aus dem Stadium begeisterter Entdeckung herausgetreten war, wurde sie zum geistigen Luxus, ohne tiefere Wirkung im ethischen Leben der Nation hervorzurufen. Sie verjüngte sich nicht moralisch, und das ist ihre Schwäche noch am heutigen Tag.

Die Summe der Bildung im Zeitalter Leos war vorherrschend weltlich. Wenn sie im Mittelalter wesentlich in den Disziplinen der Theologie und des Rechts bestand, so überwogen jetzt Philologie, Rhetorik, Poesie, Altertumskunde und Naturwissenschaft. Der italienische Nationalschatz gelehrter Bildung war damals größer, als er heute ist. Im Verhältnis der Zeiten und ihres Fortschrittes kam er wohl der Summe im heutigen Deutschland gleich. Die Kirche aber suchte die Träger der Wissenschaft und diese selbst zu verpriestern, wie sie im Mittelalter vermöncht gewesen waren.

Gelehrte und Dichter fanden in der Zeit Leos mächtigere Beschützer im Vatikan und unter hohen Prälaten als bei Fürsten und Republiken, nachdem der rein weltliche Mäzenat der Medici in Florenz zu einem geistlichen in Rom geworden war. Die Reihe der Päpsten und Kardinälen gewidmeten Schriften ist überaus groß. Schon dieses Dienstverhältnis verdammte Gelehrte und Dichter über viele Fragen zum Schweigen. Sie durften zynisch und heidnisch, aber nicht freie Denker sein. Die päpstliche Zensur des XVI. Jahrhunderts nach Leo X. verfolgte nicht die abscheuliche Literatur Aretinos, aber Schriften des ernsten Flaminius und Sadoletos Abhandlung über den Brief Pauli an die Römer wurden auf den Index gesetzt.

Gelehrte und Dichter jagten an der Kurie nach Ämtern und Benefizien, und hier verpriesterten sie als apostolische Sekretäre, Kanoniker, Bischöfe. Die namhaftesten Literaten waren Priester, wie Bembo, Sadoleto, Giberti, Canossa. Der berühmte Dichter Bernardo Accolti war apostolischer Sekretär; der gefeierte Dichter Vida starb als Bischof; der berühmte lateinische Geschichtschreiber Roms, Paulus Jovius, war Bischof; Novellenschreiber, wie Bandello, und hundert Poeten jener Zeit waren Bischöfe oder päpstliche Skriptoren und Abbreviatoren. Der abscheulichste aller Schriftsteller, Pietro Aretino, machte sich sogar Hoffnung auf den Kardinalspurpur.

In den Kreisen Roms war die feinste Bildung überhaupt in den höheren Schichten des Klerus vereinigt. Die Epoche der Renaissance ist auch das goldene Zeitalter der im Besitze Roms schwelgenden Priester-Aristokratie. Der römische Staat war zum Monsignorenstaat geworden, und so gehörte auch die Literatur wesentlich den Monsignoren an. Seit den Borgia versank der römische Adel, wenn er nicht im Heer des Papsts, des Kaisers, Spaniens und Frankreichs diente, in jenen entwürdigenden Zustand eines staatlosen Müßigganges und fossilen Daseins, woraus er sich erst heute zu befreien beginnt. Von den alten römischen Stadtgeschlechtern war damals das reichste das der Massimi; ihr Haupt Domenico lebte mit fürstlicher Pracht in seinem Palast in Parione, wo er glänzende Gastmähler gab, doch wird nicht gesagt, daß er Wissenschaften und Künste beförderte, obwohl Lelio, ein Mitglied seines Hauses, einer der gelehrtesten Männer Roms war. Es gab keine großen Mäzene mehr unter den römischen Baronen wie zu Petrarcas Zeit, und wenn im Adel auch viele Männer von feiner Bildung gefunden wurden, wie die Mellini, Cesarini, Altieri, die Porcari und Valle, so standen diese doch meist im innigsten Zusammenhange mit der Prälatur. Den Staat, den Reichtum, den Luxus, die Bildung, alles hatten die Priester an sich genommen. Die Kardinäle besaßen mehr Einkünfte als der vornehmste Adel; denn die jährliche Rente von manchem betrug 30 000 Dukaten und mehr.

In bürgerlichen Kreisen trat die Geldmacht einiger Bankiers hervor, und diese lag, wenn man die Massimi ausnimmt, meist in den Händen eingewanderter Italiener oder deutscher Handelsherren, wie der Welser und Fugger. Dieselbe Geldaristokratie, welche das Haus Medici auf den Papstthron erhob, stellte in Rom Agostino Chigi dar. Dieser ausgezeichnete Mann war auch mit Leo X. innig befreundet, fast so gut sein Gönner als sein Günstling zu nennen. Die namhaftesten Gelehrten, Dichter und Künstler genossen seine fürstliche Liberalität. Auch das Wechslerhaus der Spanocchi war durch Reichtum und die Pflege edler Künste angesehen. Sodann glänzte Bindo Altoviti als Mäzen. Seine Familie stammte aus Florenz und war durch die Vermählung Rinaldos mit Clarentia Cibò, einer Schwester Innocenz' VIII., in Rom zu Macht gelangt. Antonio Altoviti vermählte sich mit Dianora, der Tochter jenes Rinaldo, wurde Münzmeister Innocenz' VIII., erwarb Reichtümer und kaufte sich Häuser am Ponte S. Angelo. Sein Sohn Bindo, der im Jahre 1491 geboren war, erneuerte das väterliche Haus um 1514, und noch steht dieser verödete malerische Palast an der Engelsbrücke. Raffael malte für Bindo die Impannata, Michelangelo schenkte ihm die Kartons seiner sixtinischen Gemälde, und Benvenuto Cellini machte seine bronzene Büste.

Die Diplomatie, seit dem XVI. Jahrhundert neben den Kardinalshöfen ein so bemerkbarer Charakterzug in der Gesellschaft Roms, trat zur Zeit Leos noch nicht so besonders hervor. Die prachtvollen Kavalkaden der Gesandten belebten zwar die Stadt mit theatralischen Szenen, aber es war nur zufällig, wenn länger verweilende Botschafter, zumal italienischer Höfe, ihre Häuser zu Mittelpunkten der Gesellschaft machten, wie Castiglione, der Gesandte für Mantua und Ferrara; wie Alberto Pio von Carpi, Botschafter erst des Kaisers, dann Frankreichs in Rom, oder wie später Gasparo Contarini und Guillaume du Bellay.

Die höhere römische Gesellschaft stellte sich als eine Menge von Kreisen dar, deren Mittelpunkt fast immer ein geistlicher Mäzen war. Da ist zuerst der umfassende Mäzenat des Papsts. Da sind die kleineren der Kardinäle Riario, Grimani, Bibiena und Alidosi, des Julius Medici, Caraffa und Sauli, des Petrucci, Farnese, Castellesi und Soderini, des Sanseverino, Gonzaga und Aegidius von Viterbo. Sie üben den Patronat aus, ganz wie die großen Herren im alten Rom. Je nach ihrer Neigung beschützen sie Wissenschaften oder Künste. Zur Zeit Clemens' VII. soll der junge Kardinal Hippolyt Medici 300 Dichterlinge in seinem Palast ernährt haben. Da sind die Mäzenatenkreise des Chigi und Altoviti, des Castiglione und Alberto Pio, des kunstliebenden Baldassare Turini und des Sigismondo Conti von Foligno. Selbst der reichgewordene Raffael erscheint als Mäzen. Wenn er nach dem Vatikan geht, zieht er einen Schwarm von Klienten nach sich, worüber der einsame Michelangelo lächelt. Er lebt als großer Herr in seinem eigenen Palast im Borgo, wie sein Landsmann Bramante gelebt hatte und wie auch Sangallo und später Bernini lebten.

Ein Satiriker konnte in diesen Mäzenatenkreisen alle jene Charakterzüge wiederfinden, die in den Sittengemälden des Horaz und Juvenal, des Ammianus und Hieronymus gezeichnet sind. Er konnte um die Gasttafeln des Papsts und der Kardinäle die Schmeichler, Heuchler und Parasiten wieder entdecken, welche mit ausgereckten Hälsen die Gemälde, die Statuen, die Bibliotheken und Sammlungen ihrer Gönner rühmen, und die Deklamatoren, die deren Größe zu den Sternen erheben. In Wahrheit glich das Rom Julius' II. und Leos X. in kleineren Verhältnissen der Stadt der römischen Kaiser. Satiren und Novellen der Zeit geben uns ein Bild davon, doch wagte es niemand, der Juvenal der Renaissance in Rom zu sein.

In dieser heidnisch gefärbten Gesellschaft geistreicher Genußmenschen gab es nur einen Mangel: es fehlte die edle Frauenwelt. Dies war so empfindlich, daß die Ankunft des Julian Medici mit seiner Gemahlin allgemeine Freude erregte. »Gott sei gelobt«, so schrieb damals Bibiena, »denn hier fehlte uns nichts als ein Damenhof.« Zur Zeit Innocenz' VIII. und Alexanders zog man vornehme Frauen ungescheut zu den Festen des Vatikan, doch das wagten seit den Borgia die Päpste seltener. Unter Monsignoren konnte sich kein edles Weib gern und frei bewegen wie an den Höfen in Ferrara, Mantua und Urbino. Veronika Gambara hatte Grund, ihren glänzenden Kreis in Bologna zu versammeln. Vittoria Colonna lebte, als sie später nach Rom kam, meist im Kloster. Zurückgezogen hielt sich auch Blanca Rangone, welcher Leo X. ein Gartenhaus im Borgo einrichten ließ. Doch Isabella Gonzaga wurde bei Schauspielvorstellungen im Vatikan bemerkt.

Die Stelle edler Frauen nahmen in der römischen Gesellschaft Konkubinen und Kurtisanen ein. Bembo lebte, ehe er Kardinal war, ungescheut mit der schönen Venetianerin Morosina. Leo X. nahm keinen Anstand, unter festlichem Gepränge die Trauung Agostino Chigis mit seiner Konkubine, der schönen Venetianerin Francesca, zu vollziehen. Die Verfeinerung des Lebens erzeugte auch eine Renaissance des Hetärenwesens.

Aretino bewunderte eine römische Buhlerin, welche hundert Stellen aus Klassikern hersagte und jedes Gedicht Petrarcas, jede Novelle Boccaccios auswendig wußte. Die gefeierte Imperia aus Ferrara glänzte zur Zeit Julius' II. als ein Stern, von dessen Strahlen die ganze Monsignorenwelt trunken war. Ihre Wohnung in den Banken, welche Bandello geschildert hat, konnte als ein Salon gelten, zu dem sich die geistreichsten Männer drängten. Teppiche, Gemälde, Vasen und Nippsachen, auserlesene Bücher, schöne Renaissance-Möbel verbreiteten in ihren Zimmern solchen Glanz, daß der edle spanische Botschafter eines Tags dort einem Bedienten ins Gesicht spie, weil er keine andere Stelle für dies Bedürfnis entdecken konnte. Imperia sang zur Laute die Verse ihrer Anbeter oder eigene, denn sie war die Schülerin Strascinos, zu dessen schönstem Gedicht von der Venerie vielleicht sie selbst den Stoff geliefert hatte. Diese junge Phryne besangen Blosius, Beroaldo und hundert andere Poeten, und sogar der ernste Sadoleto galt als ihr Verehrer. Sie starb erst sechsundzwanzig Jahre alt; ehrenvoll begrub man sie in der Kapelle der heiligen Gregoria. Ihre Grabschrift pries als Titel ihres Ruhms den großen Namen einer römischen Hetäre, dessen sie vollkommen würdig gewesen sei, und ihre unter Menschen seltene Schönheit. Der Grundsatz Beccadellis, daß Freudenmädchen der Welt nützlicher seien als die frömmsten Nonnen, hatte in Rom Geltung erlangt. Wie man noch zur Zeit Eugens IV. der letzten heiligen Römerin Francesca den Zunamen Romana gab, so sprach man jetzt mit gleichem Nationalstolz von einer Cortisana Romana. Man feierte im Weibe mit antikem Gefühl den Geist in einer schönen Körpergestalt.

Es würde gehässig erscheinen, wollten wir die grenzenlosen Laster der Gesellschaft Roms in der verderbten leonischen Zeit schildern oder den Schleier von den Mysterien des Priestertums zu heben suchen. Die Sittenfäulnis eines Zeitalters, wo eins der besten Produkte der Poesie den Titel Syphilis trug, ist bekannt genug; aber die klassischen Laster Griechenlands und des Orients wurden nicht erst durch die Renaissance eingeführt, noch war das Priestertum verderbter als der Laienstand, noch war Rom verderbter als Genua, Venedig und Paris. Nur mußte die Sittenlosigkeit in der Hauptstadt der Kirche greller als anderswo erscheinen und auch gefährlicher sein.

Mitten in dieser lasterhaften Priesterschaft läßt sich doch als Keim sittlicher Reaktion ein Verein von frommen Männern bemerken, aus welchem später große Wirkungen hervorgehen sollten. Es ist das Oratorium Divini Amoris, welches der Pfarrer Julius Dathus von St. Silvester und Dorotea in Trastevere leitete. Zu Leos Zeit flüchtete sich in diese Genossenschaft das Christentum aus dem Taumel heidnischer Lust. Giampietro Caraffa und sein Freund Gaëtanus Tiene schlossen sich ihm an. Der glühende Zelot Caraffa, Neffe des Kardinals Olivieri, war schon Kämmerer Alexanders Vl. gewesen, unter Julius II. Bischof von Chieti geworden; unter Leo X. glänzte er auf dem Lateranischen Konzil und tat sich als Nuntius in England und Spanien hervor. Auch Sadoleto, Contarini, Giberti, Aluigi Lippomanno, Latinus Juvenalis, Tullius Crispoldus, Bonifatius a Colle gehörten jenem Oratorium an, und dies war die Grundlage des Ordens der Theatiner.

Schon vor Luther und Hutten hat Savonarola Rom als einen Sündenpfuhl dargestellt. Wenn wir aber das Gemälde der Stadt nur von einem Reformator besäßen, so würde es doch sehr einseitig sein. Luther sah nur das unheilige, weil er nur das heilige Rom suchte. Erasmus wurde vom Zauber derselben Stadt umstrickt, und wenn Luther sagte, daß er nicht tausend Gulden nähme, das verderbte Rom nicht gesehen zu haben, so gestand der andere, daß nur der Lethe die süße Erinnerung an Rom in ihm auszulöschen vermöchte. Erasmus kam zuerst im Februar oder März 1509 hierher und verlebte einige Monate mit Männern der Wissenschaft wie Scipio Karteromachus, Sphaerula, Julius Camillus, Beroaldus und mit Kardinälen wie Grimani, Riario, Medici und dem Kardinal von Nantes. Den größten Gelehrten des Jahrhunderts entzückte Rom als das Theater der Welt und ihrer Kultur. Monumente, Künste und Sammlungen, Bibliotheken, die Fülle von Wissen und Geist, der große Stil des Lebens: dies alles erfüllte ihn mit Bewunderung. Als Satiriker fand er hier den großen europäischen Karneval der geistlich verlarvten Welteitelkeit und aller Lüste und Begierden, aller Ränke und Verbrechen vor, deren Magnet der Vatikan, deren einzig bewegende Triebfeder der Hunger nach Gold, nach Ehre und Herrschaft war. Auf dieser Taumelflut des Lebens konnte er das übervolle Narrenschiff Sebastian Brants treiben sehen, in der Tat verfaßte er bald nach seiner Ankunft in London im Jahre 1509 im Hause des Thomas Morus sein berühmtes Lob der Narrheit.

Als Christ erstaunte er über die grell und dreist aufgetragene Farbe des Heidentums in der römischen Religion, an der nichts mehr unverfälscht geblieben war, aus deren einst ehrwürdigem Tempel die herrschsüchtige Gier der Priester ein europäisches Wechselhaus und einen Krammarkt von Gnadenbullen, Indulgenzen und Gegenständen des Aberglaubens gemacht hatte. Als Weltmann aber ließ er es sich am Hofe der Kardinäle wohl sein, und vor allem mußte er bekennen, daß in diesem lasterhaften Rom die liberalste Form des Verkehrs und der feinste Anstand zu finden sei. Im Zeitalter, wo Castiglione in seinem »Cortegiano« das Ideal des Höflings aufstellte, war die antike Urbanität wieder aufgelebt, und sie mußte jeden Nordländer entzücken, auch wenn sie nur die Larve innerer Schlechtigkeit war.

Das Papsttum, die Wissenschaft, das Altertum, die Kunst setzten die römische Gesellschaft in bezug auf die Welt. Die wichtigsten Aufgaben der Zeit wurden damals in Rom besprochen oder tätig angegriffen: die Weltpolitik, die Weltliteratur, denn in der Renaissance des Latinismus konnte man von einer solchen reden, die Künste, die Poesie, das werdende Theater, die Wissenschaft überhaupt. Das reichste geistige Leben blühte hier im Sumpfe der Laster. Es ist aber nur gerecht zu sagen, daß neben Wollust und Habsucht, neben Stolz und Größenwahnsinn, neben Heuchelei und Lüge auch glänzende Tugenden angetroffen wurden: Freigebigkeit, Freundschaft und Wohlwollen, die Achtung des Talents und die Liebe zu allem Schönen. Selbst der Zuchtlosigkeit stand in den edleren Naturen eine liberale Menschlichkeit zur Seite, welche die wirkliche Blüte der Bildung der Italiener war. Eine universeller gebildete Gesellschaft als jene des ganz verderbten Rom konnte keine andere Stadt aufweisen. Florenz war nach Rom hinübergewandert, oder die Stadt des Lorenzo Medici war zu einer Vorstufe für diese Akademie der Welt geworden. Mit Recht durfte Valerianus sagen, daß Rom in dieser Epoche mehr für die wissenschaftliche Kultur leistete als das ganze übrige Italien. Mit gleichem Recht nannte der Kardinal Riario Rom das allgemeine Vaterland aller Gelehrten.

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