Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 390
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Tod Ferdinands des Katholischen 15. Januar 1516. Sein Erbe und Enkel Karl. Unglücklicher Krieg Maximilians mit Venedig. Leo X. verjagt den Herzog von Urbino und gibt das Land dem Lorenzo Medici. Friede zu Noyon Dezember 1516. Maximilian tritt Verona an Venedig ab. Der Herzog von Urbino bemächtigt sich seiner Staaten wieder. Schimpflicher Krieg des Papsts mit ihm. Verschwörung der Kardinäle Petrucci und Sauli. Prozeß gegen diese, Riario, Soderini und Hadrian von Corneto. Massenhafte Kardinalsernennung Juni 1517. Beendigung des Kriegs mit Urbino.

Am 15. Januar 1516 starb Ferdinand der Katholische. Sein Tod war ein weltgeschichtliches Ereignis. Dieser König, seit mehr als zwanzig Jahren einer der mächtigsten Charaktere in der europäischen Politik, hatte die Mauren vertrieben und Spanien zu einer Monarchie ersten Ranges erhoben; die Entdeckung Amerikas, die Eroberung Neapels und auch Navarras hatten seiner Krone Macht und Glanz verliehen; aber die mörderische Inquisition und das finstere Pfaffentum waren als Keime des Verderbens in die spanische Nation gelegt worden. Sein eifrigstes Bemühen war es gewesen, die furchtbare Macht Frankreichs zu brechen und sie aus Italien zu vertreiben. Er wußte aus langer Erfahrung, daß die Franzosen stets den Frieden der Welt zu stören suchen, daß sie so viel Länder als möglich zu erobern und zu unterjochen trachten, daß sie einen instinktiven Haß gegen Spanien hegen und sich zu Herren erst Italiens, dann der Welt zu machen denken. Von europäischer Bedeutung war die Verbindung seines Hauses mit Habsburg. Denn sein Enkel Karl von Flandern erbte die gesamte spanische Monarchie. Der sechzehnjährige Karl I. sah sich als Gebieter eines Reiches, wie es kein andrer Monarch besaß, und dies zu einer Zeit, wo ein junger und ruhmbegieriger König, schon Herr von Mailand, den Thron Frankreichs einnahm, der alternde Kaiser aber am Ende seines Lebens stand. Wenn Maximilian seinem Enkel auch die Nachfolge im Reiche sichern konnte, so mußte unter dem Zepter Karls eine Macht entstehen, welche Europa Gesetze vorzuschreiben imstande war.

Für Franz I. galt es, den Rang Frankreichs zu behaupten, Genua, Mailand und die französischen Teile Burgunds festzuhalten. Der Thronwechsel in Spanien bot ihm auch jene Gelegenheit zu einer Unternehmung wider Neapel dar, welche der Papst ihm angedeutet hatte, denn dieses Land konnte Karl I. augenblicklich nicht hinreichend schützen, weil er in der Regierung Spaniens große Schwierigkeiten fand. Doch Franz mußte davon abstehen, da Maximilian gerade jetzt, heimlich von England unterstützt, den Krieg wider Venedig mit neuen Heeren in Person betrieb. Dies war dem Papst nicht unangenehm. Die Venetianer argwöhnten, daß er mit ihnen einverstanden sei; sie machten ihn auf die Gelüste des Kaisers nach der Weltherrschaft aufmerksam, und daß er beständig diese Rede im Munde führe: das Dominium Temporale gehöre ihm, und er sei dazu ausersehen, es wieder an sich zu bringen.

Die Venetianer kämpften, mit den Franzosen vereinigt, im Frühjahr 1516 erst unglücklich gegen Maximilian, welcher schon nahe daran war, Mailand zu erobern; doch wußte der Connetable von Bourbon diese Stadt zu retten. Ungeschick vereitelte die Anstrengungen des Kaisers; Brescia ergab sich nach glänzender Verteidigung am 20. Mai dem Marschall Lautrec und den Venetianern, worauf Verona belagert wurde. Bei Nacht und Nebel hatte bereits Maximilian das Lager verlassen, um mit ein paar hundert Reitern heimzuziehen. In Mailand wie in Venedig verspottete man ihn öffentlich; man stellte ihn auf einem Krebse reitend dar, mit den Worten tendimus in Latium.

Jetzt benutzte Leo die Gelegenheit zu den gewissenlosesten Unternehmungen. Er hinterging nicht nur Alfonso, dem er die im Vertrage zu Bologna versprochenen Städte nicht wiedergab, sondern er betrieb auch den Sturz des Herzogs von Urbino, um seinen Nepoten in dessen Staaten einzusetzen: dadurch wollte er sich für die verlorene Aussicht auf Parma und Piacenza entschädigen. Lorenzo, welcher Florenz regierte, zwar kraftvoll und kriegerisch, war vielleicht weniger nach diesem Raube lüstern als seine Mutter Alfonsina und der ganz entflammte Papst. Diesen Nepoten wollte Leo zum Herrscher in Mittelitalien machen, indem er die Ideen der Borgia wieder aufnahm. Einen Hochverräter schalt er Francesco Maria, der ihm den Lehnsdienst im letzten Kriege verweigert habe; die Ehre des Papsts fordere seine Züchtigung, wenn anders er nicht der Spott jedes kleinen Herrn und Vasallen werden solle. Der edle Julian hatte ihn noch sterbend angefleht, nichts gegen das Haus Urbino zu unternehmen, welchem er aus der Zeit des Exils der Medici so tief verpflichtet war. Aber da sein Einspruch jetzt nicht mehr zu fürchten war, beschloß Leo rücksichtslos die Vertreibung Roveres, des Wohltäters seines Hauses, und diese Handlung nach dem Vorbilde Alexanders VI. ist ein Schandfleck in seinem Leben. Nichtige oder unzureichende Vorwände wurden herbeigezogen: des Herzogs Ungehorsam im Lombardischen Kriege, sogar die Ermordung Alidosis, obwohl das freisprechende Urteil Julius' II. Leo selbst als Kardinal unterzeichnet hatte. Er lud den Herzog nach Rom: Rovere schickte seine Adoptivmutter, die Witwe Guidobaldos, welche einst Lorenzo als kleines Kind in ihre schützenden Arme aufgenommen hatte. Die edle Elisabetta flehte zu den Füßen des Papsts um Gerechtigkeit und reiste dann trostlos ab.

Leo erklärte den Herzog in Acht und Bann. Zu dessen Unglück hatte Maximilian, der allein ihn schützen konnte, Italien verlassen, während Franz I. es mit dem Papst nicht verderben wollte, ihm Hilfe gab und Thomas de Foix befahl, mit Truppen gegen Urbino vorzugehen. Die päpstlichen Heerhaufen führte Camillo Orsini, Renzo von Ceri und Vitello Vitelli. Es diente in ihnen auch Giovanni Medici, der junge Sohn jener Caterina Sforza Riario, welche einst Cesare Borgia aus ihren Staaten vertrieben hatte; der bald berühmte Bandenführer wurde in diesem ungerechten Kriege zuerst namhaft. Unfähig zum Widerstand, entschloß sich Francesco Maria zu einem Vertrag; er schickte seine Gattin Eleonora Gonzaga, seinen Sohn Guidobaldo und die Herzogin Elisabeth zu seinem Schwiegervater, dem Markgrafen Francesco, nach Mantua, wohin er selbst nachfolgte. Pesaro, Sinigaglia und alle anderen Städte unterwarfen sich Lorenzo Medici, welchen der Papst am 18. August 1516 zum Herzog von Urbino ernannte und auch zum Stadtpräfekten machte. Mit schimpflicher Dienstfertigkeit bestätigten die Kardinäle dies Aktenstück, nur Domenico Grimani, Bischof von Urbino, verweigerte die Unterschrift. Er verließ Rom und kehrte dort nicht mehr vor dem Tode Leos zurück. Auf Betreiben desselben nahm auch der Vizekönig Cardona Sora und andere neapolitanische Lehen dem unglücklichen Rovere; mit ihnen wurde dann Wilhelm von Croy beliehen.

Franz I. hatte nur widerwillig dem Papst seine Hand zu dem Raube geboten, da er wußte, daß derselbe mit Spanien und dem Kaiser unterhandelte, um ihn selbst bei günstiger Zeit aus Mailand zu vertreiben. Doch schien sich jetzt Italien zu beruhigen, denn endgültig im Dezember 1516 war zu Noyon der Friede zwischen Maximilian, Karl und Franz geschlossen worden. Maximilian, von den Schweizern verlassen, die am 29. November 1516 zu Freiburg den ewigen Frieden und Soldvertrag mit Frankreich gemacht hatten, verzichtete auf Verona. Diese herrliche Stadt, wo Marcantonio Colonna, Georg Frundsberg und Marx Sittich von Ems sich bisher mit Heldenmut verteidigt hatten, wollte der Kaiser aus Schamgefühl den Venetianern nicht unmittelbar übergeben, noch wollte der schöne und edle Held Marcantonio Zeuge dieses Schimpfes sein. Ein kaiserlicher Bevollmächtigter übergab die Schlüssel am 23. Januar 1517 dem Marschall Lautrec, worauf dieser Verona dem Proveditore Andrea Gritti überlieferte. Wer hätte damals geahnt, daß einst Venedig selbst von einem österreichischen Kaiser in derselben Weise an einen Herrscher Frankreichs ausgeliefert werden sollte, um dann dem Könige Italiens übergeben zu werden! Verona erhielt bald darauf durch das Genie des Kriegsbaumeisters San Micheli die erste Anlage seiner Basteien, wodurch es eine der stärksten Festungen der Welt wurde. Doch es sind die durchbrechenden Ideen der Zeit, welche selbst Riesenmauern niederlegen, wie es die Geschichte des lombardischen Festungsvierecks in unsern Tagen gezeigt hat. Die Republik Venedig ging demnach aus einem langen Kriege nicht unrühmlich hervor, denn mit Ausnahme Cremonas und der Romagna erhielt sie ihre früheren Besitzungen auf dem Festlande zurück.

Die achtjährigen Kriege der Liga von Cambrai waren jetzt beendigt, und Italien konnte hoffen, ruhigere Zeiten zu genießen. Aber die tiefe Bewegung der politischen Welt, der immer schroffere Gegensatz Frankreichs zu Spanien-Habsburg und endlich das Prinzip des Kirchenstaats, welches den Papst für immer unfähig machte, der Friedensstifter Europas zu sein, verdammten das unglückliche Land zu fortdauernden Leiden. Nichts herrschte unter den Mächten als Eifersucht und Argwohn. England, Spanien, Frankreich, der Kaiser, der Papst, Venedig suchten nach einem festen Boden inmitten der Erschütterung aller europäischen Verhältnisse; daher dies Chaos von Ränken und Bündnissen, von Heiratsvorschlägen und Gegenbündnissen. Noch im Oktober 1516 hatten Leo, Maximilian, Karl, Heinrich VIII. eine Liga zur Verteidigung der Kirche gemacht. Zu Cambrai entwarfen schon im Frühjahr 1517 die Diplomaten Maximilians, Spaniens und Frankreichs geheime Artikel, welche auf eine Teilung Italiens zwischen den Großmächten hinausliefen, wie sie Franz I. vorschlug.

Und kaum war der Venetianische Krieg gestillt, so stand Mittelitalien wieder in Flammen; ja der Friede selbst ernährte einen neuen Krieg. Der Herzog von Urbino, auch im Exil zu Mantua durch die Medici mit Meuchelmord und Interdikten bedroht, erhob sich plötzlich, seine Staaten wieder zu erobern, aus Verzweiflung, wie er sagte, und Gott das Urteil überlassend. Einige Kardinäle, die den Papst haßten, munterten ihn dazu auf. Allen Mächten war Leo zweideutig; in Siena hatte er eine Umwälzung gemacht, die den Kaiser mit Argwohn erfüllte. Man glaubte, daß er seinen Nepoten zum Herzog der Romagna erheben werde, um allmählich Italien zu beherrschen und die Franzosen zu vertreiben. Franz I. gab ihm schuld, den letzten Kriegszug Maximilians befördert zu haben: sein Marschall Lautrec hatte sich mit dem Herzog befreundet und tat heimlich mehr, als ihm Glück zu wünschen. Rovere nahm 5000 durch den Frieden brotlos gewordene spanische und deutsche Kriegsknechte unter Monaldo in Sold nebst dem tapfern Gonzaga, Federigo da Bozzolo, und mit diesen Veteranen drang er kühn über den Po in die Romagna ein, im Februar 1517. Alsbald erklärten sich Urbino und viele andere Städte mit Freuden für ihren rechtmäßigen Herrn.

Wie mußte nicht jeder redliche Mensch die Bestürzung dem raubgierigen Papste gönnen! An alles andere dachte er, nur nicht an dies. Er argwöhnte, daß hier Karl und Franz I. und Venedig im Spiele seien. Er hielt sich für verraten und beschimpft; der venetianische Botschafter sah ihn zittern vor Wut, daß ein »Herzoglein« es wage, ihm so zu trotzen. Geld hatte er nicht; »denn eher mochte ein Stein von selbst auffliegen, als daß dieser Papst 1000 Dukaten beisammen hielt.« In Hast hob er Truppen aus unter Renzo da Ceri, Vitelli und Guido Rangone, um die Romagna zu besetzen, wo alles vom verhaßten Priesterregiment abzufallen bereit war. Als der Papst 2000 Mann auch nach Ravenna schielte, sagte ihm der venetianische Botschafter voll Ironie: »Heiliger Vater, welchen Zweifel hegt Ihr wegen Ravenna: die Signorie will Euch diese Stadt nicht nehmen, sie hofft vielmehr, daß Ew. Heiligkeit oder irgendein anderer Papst sie ihr eines Tages geben werde, um ihrer Verdienste willen.« Aber Ravenna war so mißgestimmt, daß die Boten dieser Stadt dem Kardinallegaten der Romagna Julius Medici rundheraus erklärten, sie würden sich, da Venedig nichts wagen wolle, mit tausend Freuden den Türken übergeben, wenn diese nur nach Ragusa kämen.

Auf den Rat des habgierigen Prälaten Armellino wurden Kriegssteuern in den Provinzen ausgeschrieben. Zu vierzig Prozent ließ der Papst Geld in Rom aufbringen; die Florentiner Wechsler, die Gaddi, Leni, Bini, Salviati, und Ridolfi, und Agostino Chigi liehen große Summen dar. Um Urbinos willen überhäufte Leo die Kammer mit Schulden.

Rovere drang sogar tief in Umbrien ein und kämpfte monatelang mutig mit dem Kriegsvolk des Papsts und den Legaten Medici und Bibiena. Das Heer der Kirche war, wie fast immer, der Auswurf der Nationen, raubgierig und ohne Disziplin; die Kapitäne, uneinig und verräterisch, bedeckten sich mit Schande. Bei Mandolfo wurde Lorenzo Medici selbst so schwer verwundet, daß er drei Monate lang in Ancona liegen bleiben mußte.

Während dieser schimpfliche Krieg die Finanzen und das Ansehen Leos zugrunde richtete, wurde er im Vatikan selbst von verschworenen Kardinälen bedroht. Dies Ereignis, ein schreckliches Nachspiel der Borgia, machte unbeschreibliches Aufsehen in der Welt, weil es die tiefe Verderbnis auch des »Heiligen« Kollegium enthüllte. Dies Zentrum für die gesamten Angelegenheiten des Papsttums spiegelte alle herrschenden Richtungen der Zeit ab. Obwohl seine Mehrzahl italienisch blieb, trug es doch einen europäischen Charakter; in ihm saßen die Vertreter und Werkzeuge kleiner und großer Höfe, sogar Mitglieder fürstlicher Häuser. Frankreich, Spanien, England, der Kaiser, die Staaten Italiens, selbst die Schweizer forderten und erhielten Kardinalshüte für ihre Geschöpfe oder Minister. Solche National-Kardinäle standen im Zusammenhang mit dem Botschafter des Fürsten, dessen Untertanen sie selbst gewesen waren und von dem sie Pensionen bezogen. Es ist unnötig zu sagen, welche Reichtümer sie durch Häufung von Benefizien aus ganz Europa besaßen, die sie öfter der Fürstengunst als dem Papst verdankten. Diese Pairs des Papsts, die »römischen Senatoren«, hatten ihre eigene Politik, welche oft der vatikanischen entgegenstand. Die ärgsten Feinde des Papsts saßen in seiner nächsten Nähe, im Konsistorium. Als unabhängige, weltlich zu nennende Fürsten mit eigenem Hofstaat residierten sie in ihren Palästen und hatten hier ihre diplomatischen Kabinette, ihre Sekretäre und Minister, ihren Depeschenverkehr mit den Staaten des Auslandes. Das ganze Institut der Kardinäle ruhte nicht auf kirchlichem Boden; als eine Neuerung in der Kirche entstanden, hatte es eine ganz politische Bedeutung angenommen. Es war der Körper der römischen Weltpolitik: seine Zusammensetzung die willkürlichste, die es geben konnte, ein fast beständiger Mißbrauch der Papstgewalt. Schon seit langem war die Ernennung von Kardinälen ein päpstliches Finanzgeschäft. Wir sahen, wie schon im XV. Jahrhundert diese kirchlich-politische Wahlaristokratie der Monarchie des Papsts sich widersetzte, wie sie aber dennoch fast immer unterlag. Unter Alexander VI. war das Heilige Kollegium so sklavisch gewesen wie der römische Senat unter Tiberius; Julius II. erlebte den Abfall einiger Kardinäle, doch diese unterwarfen sich seinem Nachfolger.

Leo nun hatte noch Feinde unter den älteren Kardinälen. Manche waren Anhänger Roveres, des Nepoten Julius II. Viele tadelten den Nepotismus des Papsts, sein eigenmächtiges Handeln und seine Politik. Er selbst hatte zwar bis zum 1. April 1517 nur acht Kardinäle ernannt, aber darunter solche, denen er allen Einfluß gab, wie Julius Medici, Lorenzo Pucci und Bibiena. Medici war sein Staatsminister; mit seinem geistvollen Sekretär Giammatteo Giberti schien er den Kirchenstaat zu regieren, während Leo für Theater, Jagd und Künste unermeßliches Geld verschwendete. Es waren jedoch persönliche Verhältnisse, die während des Kriegs um Urbino eine Verschwörung gegen ihn hervorriefen. Nachdem Rom fast jede Art der Renaissance durchgemacht hatte, fehlte in Wahrheit nur noch diese, daß ein Papst mitten in seinem Senat oder zu Füßen einer wieder aufgegrabenen antiken Statue wie Caesar ermordet wurde.

Der Brutus im Kardinalspurpur war der junge, verschwenderische Alfonso Petrucci, Sohn des Tyrannen Pandolfo in Siena. Sein Vater hatte sich um die Rückkehr der Medici nach Florenz bemüht, er selbst viel zur Wahl Leos beigetragen, und diese Dienste sah er mit Undank belohnt: denn im Anfange 1516 hatte der von Bologna heimkehrende Papst Alfonsos Bruder Borghese, der nach dem Tode Pandolfos im Jahre 1512 die Herrschaft in Siena erlangt, durch eine Revolution vertreiben lassen und dort einen Vetter desselben Hauses eingesetzt, seinen Freund, den ränkevollen, rohen Raffael Petrucci, Bischof von Grosseto und Vogt der Engelsburg.

Der junge Kardinal, dessen Brüder nach Neapel geflohen waren, während er selbst aus der Nähe Sienas nach Rom zurückkehrte, seiner Güter beraubt und tief beleidigt, sann auf Rache. Mehrmals kam er ins Konsistorium, den Dolch in seinem Ärmel versteckt; auch auf der Jagd trug er sich mit dem Mordplan; doch fehlte ihm der Mut oder die rechte Stunde. Seine wütenden Reden vernahmen begierig Kardinäle, die dem Papst gern einen Unfall gönnten. Soderini vergab es ihm nicht, daß er seinen Bruder Pietro aus Florenz verjagt hatte; und doch hatte Leo diesen Flüchtling freundlich nach Rom eingeladen, wo der Gonfaloniere in ehrenvoller Muße bis an sein Lebensende wohnen durfte. Riario verschmerzte vielleicht seine Niederlage im Konklave nicht und war tief erbittert über des Papsts Verfahren mit seinem Verwandten, dem Herzog von Urbino. Dem jungen Genuesen Bandinelli de Saulis hatte Leo das Erzbistum Marseille verweigert, und obenein hatte ihm eine Kartenschlägerin das Papsttum prophezeit. Es wirft ein seltsames Licht auf die Mysterien des damaligen Vatikan, daß bei diesem Frevel Wahrsagerinnen, wohl jüdische Sibyllen, eine Rolle spielten. Denn auch dem Hadrian von Corneto hatte eine Prophetin gesagt, daß Leo X. jung sterben und nach ihm ein Greis dunkler Abkunft mit dem Namen Hadrian Papst sein werde. Dieser Kardinal, ein gläubiger Mann, welcher den Lehren des Humanismus die Autorität der Bibel entgegensetzte, hatte lange in Tirol gelebt und war wohl des Kaisers Kandidat für den Heiligen Stuhl. Auch er gab den Reden Petruccis Gehör, ohne sich jedoch tiefer einzulassen.

Petrucci, vom Papst gemahnt, Umtrieben in betreff Sienas zu entsagen, begab sich endlich zu den Colonna im Landgebiete Roms, und hier entwarf er den Plan, Leo zu vergiften: ein berühmter Chirurg, Battista von Vercelli, sollte nach Rom gehen unter dem Vorwand, den Papst von seiner Fistel zu heilen und ihm so Gift beibringen. Briefe Petruccis an seinen Sekretär Nino wurden aufgefangen; der Kardinal ließ sich vom Papst nach Rom locken, welcher vorgab, seine Sache in Siena ordnen zu wollen. Er kam von Marino mit einem Sicherheitsbrief Leos, und dieser bürgte in gleichem Sinne dem spanischen Botschafter und Agostino Chigi. Als Alfonso Petrucci am 19. Mai (1517) im Vatikan erschien, wurde er nebst dem Kardinal Sauli festgenommen und in das Verließ Sammarocco in der Engelsburg abgeführt. Dem protestierenden Botschafter sagte der Papst: einem Giftmischer dürfe die Treue nicht gehalten werden. Sofort setzte er eine Untersuchungskommission nieder, bestehend aus den Kardinälen Sorrento, Ancona und Farnese und dem allgemein verhaßten Fiskaladvokaten Mario Perusco. Auf der Folter machte der von Florenz herbeigeschleppte Chirurg Geständnisse, welche die verhörten Kardinäle bestätigten.

Zum Schrecken Roms wurde am 29. Mai auch Riario verhaftet und zunächst im Vatikan eingesperrt. Seit vierzig Jahren Kardinal, Dekan des Heiligen Kollegium, lebte er mit königlicher Pracht in seinem Palast als einer der angesehensten Kirchenfürsten. Mit vierhundert Pferden pflegte er seine Kavalkaden in Rom zu halten. Riario war den Medici verhaßt; als junger Kardinal war er Zeuge des Attentats der Pazzi gewesen, der Wahl Leos hatte er widerstrebt, die Ernennung des Bastards Julius zum Kardinal bestritten; man sagte daher sofort, daß ihn dieser zu verderben trachte. Er beteuerte seine Unschuld, nur Reden Petruccis wollte er angehört haben. Am 4. Juni wurde Riario in die Engelsburg abgeführt: er sank in Ohnmacht; auf einem Stuhl mußte man ihn forttragen.

Die Aufregung in Rom war groß; aus Furcht vor einem Tumult hielt sich der Papst tagelang in der Engelsburg versperrt, und überall im Borgo waren Wachposten aufgestellt. Nie ward ein peinvolleres Konsistorium gehalten als am 8. Juni. Der Papst beklagte sich bitter, sagte, daß unter den Anwesenden noch zwei Mitschuldige seien, forderte diese auf, sich selbst zu nennen; dann wolle er ihnen verzeihen, wo nicht, sie in die Engelsburg setzen lassen. Alle beteuerten ihre Unschuld. Hierauf ließ der Papst jeden einzelnen durch die Prozeßrichter aufrufen. Als sie zu Soderini kamen, ermahnten sie ihn, niederzufallen und um Erbarmen zu flehen. Er tat dies weinend. Dann riefen sie Hadrian auf. Er leugnete, der Papst drohte, und der Kardinal bekannte, daß er die mörderischen Reden des Verschwörers gehört, aber nicht beachtet habe, weil Petrucci noch jung und knabenhaft sei. Die Kardinäle kamen hierauf überein, daß Soderini und Hadrian 25 000 Dukaten dem Papst erlegen sollten, worauf er sie nicht weiter belästigen wolle. Er verpflichtete alle zum Schweigen, doch nach zwei Stunden wußte ganz Rom, was im Konsistorium vorgefallen war. Während des Prozesses kam Lorenzo Medici in Person einmal nach Rom und ging dann zu Raffael Petrucci nach Siena, wo dieser alles aufbot, seinen Verwandten, den Kardinal, zum Tode verurteilen zu lassen.

In betreff der drei Gefangenen hatte der Papst den Kardinälen am Pfingstfest erklärt, daß er sie begnadige. Man dankte ihm lebhaft, und er weinte vor Rührung. Aber im Konsistorium am 22. Juni brach er sein Wort; er entsetzte die Angeklagten und übergab sie dem weltlichen Gericht. Das Urteil über Petrucci lautete auf Tod. Als diese Sentenz von Bembo verlesen ward, rief sie einen solchen Sturm der Entrüstung hervor, daß man den Wortwechsel und das Geschrei selbst draußen vernahm.

Der Chirurg und Petruccis Sekretär wurden unter schrecklichen Martern hingerichtet. Der Kardinal selbst empfing sein Todesurteil mit wilden Flüchen auf den Papst; er wies den Beichtvater von sich; der Mohr Roland erdrosselte ihn in der Engelsburg.

Mit den andern schonend zu verfahren, zwang Leo Rücksicht auf die Verwendung Englands, Frankreichs und Spaniens. Sauli, welcher seine Mitwissenschaft und Verbindung mit Urbino bekannt hatte, wurde für Geld freigelassen, jedoch, wie man wissen wollte, mit hinreichendem Gift in seinem Leibe. In seine Würden wieder eingesetzt, siechte er dahin und starb schon am 29. März 1518. Auch Riario wurde begnadigt. Das Volk jubelte, als ihn Julius Medici aus der Engelsburg abholte und zum Papst führte. Man belagerte die Zugänge zum Vatikan, ihn zu beglückwünschen. Mit peinvollen, aus Furcht, Dankbarkeit und Haß gemischten Gefühlen kniete der Kardinal vor dem Papst nieder, Reue zu bekennen, die er nicht empfand. Seine Begnadigung kostete ihn 50 000 Dukaten, welche sein Freund Chigi vorstreckte, und die Verpflichtung, daß nach seinem Tode sein Palast (die heutige Cancellaria) Eigentum der Kammer werde. Riario hatte die Zeiten Sixtus' IV. und der Borgia erlebt und mochte nur von Gift und Dolch träumen; innerlich gebrochen bezog er seinen herrlichen Palast wieder; aber nach einiger Zeit suchte er ein Asyl in Neapel, wo er am 9. Juli 1521 starb.

Soderini und Hadrian wurden nicht weiter belästigt, nur daß der Papst von jedem dieser sehr reichen Herren 12 500 Dukaten forderte. Der erste ging nach Fundi, wo er ein Gut besaß, und dort blieb er unter dem Schutz des Prospero Colonna bis zum Tode Leos X. Für Hadrian verwendete sich sein Freund, der Kaiser Maximilian; er besaß die reichen Benefizien Bath und Wells in England, nach denen der gierige Wolsey trachtete. Obwohl begnadigt, entwich er doch am 20. Juni nachts nach Tivoli. Der Papst schickte ihm Häscher nach, aber der Kardinal flüchtete bis ans Adriatische Meer, erreichte zu Schiff Zara, kam am 6. Juli nach Venedig und fand hier das begehrte Asyl. Dort lebte er, vom Papst entsetzt, unter des Dogen Loredano Schutz in Cà Bernardo am Canal Grande, bis er den Tod seines Verfolgers vernahm; dann reiste er zum Konklave nach Rom und verscholl spurlos unterwegs. Ein raubgieriger Diener soll ihn erschlagen haben.

Der Prozeß, durch seine Enthüllungen gräßlich, durch seine finanzielle Ausbeutung schimpflich, mußte die Welt mit Abscheu gegen den Papst erfüllen. Man wunderte sich, daß die Prozeßakten nicht veröffentlicht wurden, daß man nur Sorge trug, die Angeklagten zu verderben. Ein Geschichtschreiber Sienas jener Zeit, welcher den Verdacht nicht verhehlt, daß hier ein mediceisches Bubenstück ausgeführt ward, ruft aus: wozu nützen noch die kanonischen Gesetze, welche Priestern ihre Hände in Blut zu tauchen verbieten, da die Päpste und Kardinäle Antichriste und Tyrannen geworden sind! Jovius erzählt, daß in Rom fast niemand Leo bedauerte. Viele fanden die Strafe der Schuldigen zu grausam. In Wahrheit, hier hatte sich der Papst ohne jede Größe des Herzens, der höchsten Pflicht des Priestertums, des Gebotes Christi uneingedenk, ja als ein Heuchler gezeigt. Was aber mußte die Christenheit sagen, wenn sie vernahm, daß ihr Oberpriester fortan selbst an den Hochaltar nur mit einer Leibwache trat, aus diplomatisch zur Schau gestellter Furcht, von einem Kardinal erdolcht zu werden! Das Heilige Kollegium war tief aufgeregt und beleidigt. Leo aber benutzte diesen Prozeß geschickt, dasselbe sich ganz zu unterwerfen. Unter dem Schrecken des Augenblicks wagte er, was selbst ein Alexander VI. nicht gewagt hatte: er ernannte am 26. Juni 1517 einunddreißig Kardinäle auf einmal. Julius Medici war die Triebfeder dieser unerhörten Handlung; und wer konnte zweifeln, daß er durch diesen Masseneinschub mediceischer Geschöpfe sich selbst den Weg zum Papsttum bahnen wollte?

Unter den Ernannten waren die jungen Schwestersöhne des Papsts, Giovanni Salviati und Niccolò Ridolfi von Florenz und Lodovico Rossi, Sohn einer natürlichen Schwester des großen Lorenzo Medici. Einige verdienten den Purpur, wie der Dominikanergeneral Thomas de Vio von Gaëta, der Augustinergeneral Aegidius, der Franziskanergeneral Cristoforo Numalio von Forli, ferner Lorenzo Campeggi von Bologna, Piccolomini von Siena und Hadrian von Utrecht, der Lehrer Karls von Spanien. Denn auch die Mächte wurden bedacht: der Infant Alfonso von Portugal, ein Kind von sieben Jahren, wurde zum Kardinal bezeichnet; Louis Bourbon, Bruder des Connetable, zwei Trivulzi von Mailand, Francesco Pisani von Venedig, Pallavicini von Genua, der junge Ercole Rangone von Modena, ein Sohn der Blanca Bentivoglio, welche Leo einst als Flüchtling aus seiner Gefangenschaft gastfrei in Bologna aufgenommen hatte, Raffael Petrucci von Siena wurden Kardinäle. Auch Armellino von Perugia, ein raubsüchtiger Finanzspekulant von bald trauriger Berühmtheit, erhielt den roten Hut. Sehr erstaunte man, daß Leo auch Römer zu Kardinälen machte, nämlich Alessandro Cesarini, den feingebildeten Nepoten des Kardinals Julian, den gelehrten Paolo Emilio Cesi, Domenico Jacobazzi, den Bischof Andrea della Valle, Francesco Conti, Domenico de Cupis, Franciotto Orsini, der eben erst Condottiere gewesen war, und sogar den trotzigen Gegner Julius' II. Pompeo Colonna. Wie unklug es war, diese alten Parteien wieder in die Kurie zu ziehen, sollte Rom bald genug erfahren. Die Orsini mochte der Papst durch diese Gunst zu versöhnen hoffen, denn er oder sein Nepot Lorenzo hatten ihnen Aussicht gemacht, Traetto und andere von den Colonna besetzte Kastelle wieder an ihr Haus zu bringen, doch war die Macht des Fabrizio und Prospero zu stark, um dies zu erreichen.

Mit verschwenderischer Pracht bewirtete Leo die neuen Kardinäle im Vatikan unter den Gemälden Raffaels. Dies Festmahl bezahlten sie freilich teuer genug; denn mehrere hunderttausend Dukaten trug die massenhafte Kardinalsernennung dem Papste ein. Er bedurfte des schmählich erworbenen Geldes, um den Krieg in Urbino zu beendigen, und dies gelang ihm nur durch Bestechung und Verrat. Von keiner Macht unterstützt, von den erkauften Kapitänen verlassen, mußte Rovere am Ende des August den Vermittlungen Frankreichs und Spaniens Gehör geben. Nach Zusage des Genusses seiner Privatgüter verließ er im September das schöne Schloß Urbino, aus welchem er die wertvollsten Sammlungen, zumal die Bibliothek mit sich nach Mantua nahm. So wurde der Papst seiner qualvollsten Sorge los, die um so peinlicher war, weil gerade die Türken Italien von Afrika her bedrohten, nachdem der furchtbare Selim I. Ägypten erobert hatte. Aber durch den Krieg um Urbino war Leo verächtlich und verhaßt geworden. Er hatte seine Finanzen so tief zerrüttet, daß er zu immer gefährlicheren Künsten greifen mußte. Man berechnete die Kosten des Kriegs auf 800 000 Goldgulden, eine für jene Zeit und die Verhältnisse des Kirchenstaats sehr große Summe. Den Florentinern hatte er einen beträchtlichen Teil davon durch Anleihen abgepreßt.

 << Kapitel 389  Kapitel 391 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.