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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Belisar kommt nach Italien. Fall Neapels. Die Goten wählen Vitiges zum König. Ende Theodahads. Die Goten ziehen nach Ravenna ab. Belisar rückt in Rom ein am 9. Dezember 536.

Im Sommer 536 kam Belisar nach Italien. Die Verräterei Ebrimuts, des eigenen Schwiegersohnes Theodahads, öffnete ihm unverhofft das wichtige Rhegium, und der Besieger der Vandalen sah voll Freude die Völker und Städte Unteritaliens durch Abgesandte sein Unternehmen beglückwünschen und durch Zufuhren es erleichtern. Sein Landheer zog an der Küste aufwärts, während es die Flotte begleitete, aber plötzlich sah er seinen Marsch durch den heldenmütigen Widerstand von Neapolis aufgehalten. Die alte Lieblingsstadt des Virgil war damals klein an Umfang, doch äußerst stark befestigt, wie das nahe Cumae, und lebhaft durch den Handelsgeist ihrer griechischen Bewohner und zahlreicher Juden. Diese waren dem Kaiser Justinian, der ihre Glaubensgenossen verfolgte, feind und den duldsamen Goten freund; sie fochten auf den Mauern nicht minder tapfer als die gotische Besatzung. Erst am zwanzigsten Tage gelang es Belisar, durch eine Wasserleitung in die Stadt zu dringen, worauf sie geplündert und durch ein schonungsloses Gemetzel der Bewohner bestraft wurde. Im Besitze der festen Seestadt und bald auch des Kastells Cumae, wo er Garnisonen zurückließ, eine Kriegsbasis in Süditalien zu haben, rückte jetzt Belisar durch Kampanien nach Latium, um Rom selbst den Goten zu entreißen.

Hier oder in der nächsten Nähe befand sich Theodahad; gotische Truppen lagerten nicht in der Stadt, sondern in ihrer Umgebung, wahrscheinlich im Tiberhafen, an den beiden Aniobrücken und auf der Appischen Straße. Sie waren schwach an Zahl, weil die meisten Heerhaufen wegen des Kriegs mit den Franken fern in Gallien oder in Venetien standen. Als sie erkannten, daß ihr König unfähig sei und heute oder morgen Belisar einen schimpflichen Frieden antragen werde, empörten sie sich und rückten aus ihrem Lager die Via Appia hinab. Diese weltberühmte »Königin der langen Straßen« hatte schon mehr als neun Jahrhunderte dem Verkehr der Völker gedient, und doch hatte die ununterbrochene Bewegung des Lebens das feste Gefüge ihrer polygonischen Pflastersteine von Basalt nicht erschüttert; sie machte noch den Geschichtschreiber Procopius erstaunen, der sie im Jahre 536 durchmaß und beschrieb. Aus dem Capenischen Tore Roms auslaufend, eilte sie in gerader Linie die Hügel Albas empor und durchzog zwischen den Volskerbergen und dem Meer die Pontinischen Sümpfe als ein hoher Damm, bis sie hinter Terracina das glückliche Kampanien erreichte und in Capua ein Ende nahm. Ihr zu beiden Seiten standen noch, sicherlich schon im Verfall, zahllose antike Grabmonumente, die schwermütigen Begleiter der Fahrt, welche auf ihren marmornen Tafeln jeden Römernamen nannten, der in langen Jahrhunderten in der Geschichte irgend berühmt gewesen war.

Auf dieser Straße zogen die Goten fort und lagerten in Regeta, einem Ort in den Pontinischen Sümpfen zwischen Forum Appii und Terracina, wo es für die Pferde Wiesenland gab. Denn der Decemnovius bewässerte diese Gegend. So benennt Procopius einen Fluß, der von seinem neunzehn Meilen langen Lauf den Namen führe und bei Terracina sich ins Meer ergieße. Es war indes der rechts an der Via Appia fortgehende Kanal, auf welchem die Reisenden zur Kaiserzeit beim Forum Appii sich einzuschiffen pflegten, um einige Meilen weit im Kahn zurückzulegen. Denn in dieser Gegend war die Straße wegen der Versumpfung lange unfahrbar geblieben, bis die Decemnovischen Sümpfe unter der Regierung Theoderichs ausgetrocknet wurden. Die gotischen Reiter erklärten hier Theodahad für abgesetzt. In der einsamen Wildnis, im Anblick des Kaps der Circe, welches dort inselgleich dem Meer entsteigt, hoben diese wieder heimatlos gewordenen Krieger ihren Führer Vitiges auf den Schild und begrüßten ihn nach alter Volksweise mit hallendem Zuruf als König der Goten und der Römer. Sie verehrten in ihm einen Mann des Schwerts, der schon unter Theoderich im Gepidenkriege sich hervorgetan und den Degen des Helden niemals mit dem Griffel des Pedanten vertauscht hatte.

Der neue König eilte mit seinen Scharen sofort nach Rom zurück, während vor ihm her auf dem Flaminischen Wege Theodahad nach Ravenna floh. Ein Gote Optaris, sein persönlicher Feind, erreichte ihn auf der Flucht, warf ihn nieder und erwürgte ihn.

Sobald nun Vitiges in Rom eingerückt war, erließ er an das ganze Volk der Goten eine Proklamation; er zeigte ihnen seine Erhebung an und sagte, daß ihn nicht das Geschrei von Höflingen, sondern das Geschmetter der Tuben als König begrüßt habe. Seine Erwählung war die revolutionäre Tat des Heeres gewesen; die Erbrechte der Amaler wurden dadurch beseitigt; die letzten Herrscher der Goten waren wieder, wie in der pannonischen Vorzeit, frei gewählte Heerkönige. Mit der romanischen Kultur, welcher die Amaler gehuldigt hatten, ward nun für immer gebrochen. Die gotischen Krieger versammelte Vitiges in Rom und erklärte ihnen: die Lage der Dinge gebiete ihm, die Stadt zu verlassen und nach Ravenna abzuziehen. Dort wolle er zuerst dem Kriege mit den Franken ein Ende machen, die zerstreuten Truppen versammeln, dann aber eilig umkehren, dem Griechen Belisar den Kampf zu bieten. Es solle sie der Gedanke nicht beleidigen, den Byzantinern könne Rom unterdes in die Hände fallen, denn entweder würden die Römer mit Hilfe einer gotischen Besatzung tapfern Widerstand leisten oder, wenn sie abfielen, sich, was besser sei, aus versteckten in offene Feinde verwandeln. Vitiges versammelte hierauf den Senat und den hohen Klerus. Er stellte ihm und dem Papst alle Wohltaten vor, welche Rom von Theoderich genossen hatte, ermahnte sie zur Treue gegen das gotische Regiment und empfing ihren Huldigungseid. 4000 Goten ließ er unter Leuderis zurück, viele Senatoren nahm er als Geiseln mit sich und zog nach Ravenna ab.

Es lebte dort in den Gemächern des königlichen Palastes Matasuntha, Amalasunthas Tochter und die Schwester Athalarichs, in tiefer Trauer um den Untergang ihres ruhmvollen Hauses. Vitiges zwang diese junge Fürstin, ihm sich zu vermählen; indem die Erbin des Geschlechts der Amaler ihm die Hand reichte, hoffte er bei allen Goten Anerkennung und beim Kaiser ein geneigteres Ohr für die Friedensanträge zu finden, die er ihm sofort machen ließ. Zugleich ordnete er die Verhältnisse mit den Königen der Franken: in seiner Bedrängnis trat er ihnen die Provinzen Südgalliens ab, wofür sie ihm Frieden und Hilfe zusagten. So wurde es ihm möglich, die gotischen Truppen aus der Provence an sich zu ziehn.

Während sich Vitiges in Ravenna zum Kampfe rüstete, zog Belisar die Lateinische Straße nach Rom hinauf; und kaum hatten die Römer von seinem Marsch Kunde, als sie den Beschluß faßten, ihm Friedensgesandte und die Schlüssel der Stadt entgegenzuschicken. Es war besonders die von Theoderich so grausam verfolgte Familie der Anicier, welche die Aufnahme des griechischen Feldherrn betrieb. Auch der Papst bewog die Römer dazu, weil er der Wiederherstellung des orthodoxen Glaubens durch die Griechen entgegensah. Dies war Silverius, des Papsts Hormisdas' Sohn, welchen noch Theodahad den Römern aufgezwungen hatte, nachdem Agapitus gestorben war. Belisar empfing den Gesandten Fidelius und andere Männer vom Senat und dem Klerus mit großer Freude und rückte schnell durch das Tal des Trerus oder Sacco gegen Rom. Als hier Leuderis die Unmöglichkeit einsah, eine große, feindselig gesinnte Stadt mit 4000 Mann zu verteidigen, ließ er seine Besatzung ohne Kränkung der Römer nach Ravenna abziehen, während er selbst aus Ehrgefühl zurückblieb. Die Goten zogen durch das Flaminische Tor hinaus, die Griechen rückten durch das Asinarische ein. Die Römer empfingen sie frohlockend wie Befreier. Die einen jubelten bei dem Gedanken an die Ausrottung der arianischen Ketzerei durch die byzantinische Intervention; die andern schmeichelten sich mit der Wiederherstellung des Römischen Reichs; alle wünschten eine Veränderung des Regiments, aber weder diese noch jene ahnten das furchtbare Verderben der nächsten Zukunft und daß sie die gemäßigte Freiheit und milde Regierung unter gotischem Zepter mit dem elendesten Sklavenjoch unter der Herrschaft der Byzantiner zu vertauschen eilten.

Es waren sechzig Jahre seit dem Falle des Römischen Reichs unter die Germanen vergangen, als Belisar am 9. Dezember 536 in Rom seinen Einzug hielt.

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