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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 381
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Julius II. und die Lage der Welt und Italiens im Beginn des XVI. Jahrhunderts. Der Kirchenstaat und seine Barone. Die Nepoten des Papsts. Kardinalsernennungen. Bündnis zu Blois September 1504. Johann Jordan vermählt sich mit Felice Rovere, Marcantonio Colonna mit Lucrezia Rovere. Julius unterwirft Perugia 1506. Zug gegen Bologna. Sturz der Bentivogli. Triumphe des Papsts.

Als Julius II. im Beginn des großen XVI. Jahrhunderts zur Regierung kam, war die abendländische Welt in heftiger Umwälzung. Aus den Trümmern des Mittelalters ragten die Ideen des Römischen Reiches und der römischen Kirche nur noch wie die letzten zersplitterten Säulen eines Prachttempels hervor. Neues Leben, neue Probleme, und zwar alle diese, welche das heutige Europa seit dreihundert Jahren treiben und gestalten, wuchsen ringsumher auf. Neue Völker- und Staatengruppen bildeten sich. Die moderne Staatsidee, die moderne Kirche zeigten ihre mächtigen Reformationskeime. Kunst und Wissenschaft, der Handel und Völkerverkehr suchten neue Bahnen, entwickelten neue Formen. Amerika und Indien wurden in die Lebenssphäre Europas gezogen, und sie veränderten hier die altgewohnten Sitze und Kanäle des Reichtums und der Industrie. Bisher dürftige Staaten wurden mächtig, bisher mächtige neigten sich zum Fall. Von Byzanz her stieg die furchtbare Macht des Islam drohend über Europa auf, in derselben Zeit, wo die deutsche Reichsgewalt in jammervoller Erniedrigung, die katholische Kirche in heidnischer Verderbnis lag und dies ganze Abendland aus dem untergehenden System des feudalen Mittelalters sich zu einer neuen Gliederung emporarbeiten sollte. Hier schien ein Ordner dieser gärenden Welt kommen zu müssen, wie es einst Karl der Große gewesen war. Es ist begreiflich, daß in einem kraftvollen Papst jener Zeit der Wahn entstehen konnte, zu solchem politischen Reformator berufen zu sein. Wenn er von den Zinnen des Vatikan einen durchdringenden Blick in die Welt zu werfen vermochte, so mußte er sich sagen, daß alle diese Wogen ihrer Bewegung sich nach Rom drängten; Spanien, Deutschland, Frankreich, der Islam, ja auch alle Kräfte der reformierenden Wissenschaft trieb ein geschichtlicher Zug nach dem Lande, wo das Papsttum, der letzte feste Kern des Mittelalters, der Mittelpunkt der bisherigen Kultur, seinen Sitz hatte. Nur mit diesem Papsttum und auf diesem Schauplatz konnte der große Entscheidungskampf um die Reform des europäischen Geistes ausgekämpft werden.

Das Schicksal Italiens lag schon in den Händen der Großmächte, von denen die eine über Mailand, die andere über Neapel gebot. Das Deutsche Reich, über die Alpen zurückgedrängt, mußte früher oder später den Kampf mit Frankreich im Polande aufnehmen. Venedig war gezwungen, sich mit der einen oder der andern dieser Mächte zu verbünden, und naturgemäß neigte es zu dem minder gefährlichen Frankreich, dem es bereits zum Besitze Mailands verholfen hatte. Durch die Umwälzungen seit Karl VIII. waren alle kleineren Staaten hilflos geworden. Die schwindende Republik Florenz, welche seit 1502 der lebenslängliche Gonfaloniere Piero Soderini regierte, erschöpfte ihre letzte Kraft im Kriege gegen Pisa. Die Selbständigkeit der Städte Perugia, Siena, Bologna, Lucca war nur noch eine Frage der Zeit. Wenn nach dem Sturz der Borgia viele kleine Dynasten in ihre Länder wieder zurückkehrten, so konnten sie doch ihre frühere Bedeutung nicht mehr herstellen.

Auf diesem umgewühlten Boden stand Julius II., willens, die Kirche nach den Greueln der Borgia herzustellen und den Kirchenstaat neu aufzurichten. Dieser weltliche Staat erschien als Bedingung der Fortdauer des Papsttums überhaupt, für dessen durch die in Italien eingedrungenen Großmächte ganz veränderte Stellung neue Grundlagen nötig wurden. Erst wollte sich der Papst in Rom fest auf die Füße stellen, dann auf Größeres seine Hände legen. Am liebsten würde Julius die ganze Erbschaft der Borgia für die Kirche übernommen haben, aber er mußte doch manche Restauration geschehen lassen. Er ließ die Wiederherstellung einiger von Cesare Borgia vertriebener Tyrannen zu, um später unter ihnen aufzuräumen. Dem Giovanni Sforza von Pesaro bestätigte er den Lehnsbrief für seine Staaten im Mai 1504. Schon am 24. Januar setzte er Guglielmo Gaëtani in Sermoneta wieder ein, durch eine Bulle, worin er Alexander VI. als einen raublustigen Heuchler brandmarkte. Er haßte das Andenken seines Vorgängers und machte daraus kein Hehl; wenn er am 18. August die Totenmesse für ihn lesen ließ, so geschah es nur, weil er das Ritual nicht umgehen konnte. Francesco Colonna, welchen Cesare noch im Mai 1503 aus Palestrina verjagt hatte, wurde im Besitz dieser Stadt bestätigt. Die Colonna und die Orsini nahmen ihre Kastelle wieder. Julius konnte sie nicht daran hindern, weil die wenigsten Güter dieser Familien Kirchenlehen waren. Prospero und Fabrizio jubelten, denn auf ihren eigenen Besitzungen fanden sie stattliche Burgen, welche Alexander dort erbaut hatte, so auf dem Algidus, in Subiaco, in Genazzano, in Frascati und in Nettuno. Aber wenn die Vorgänger Julius' II. sich bald an dieses, bald an jenes Geschlecht angelehnt hatten, so wandte er selbst keinem seine Gunst zu. Aus keinem römischen Hause zog er ein Mitglied in das Kardinals-Kollegium.

Mit den Bedürfnissen des Nepotismus fand er sich auf glückliche Weise ab. Er machte sich freilich kein Gewissen daraus, seine Angehörigen nach Rom zu ziehen und glänzend zu versorgen, doch hielt ihn das Beispiel Sixtus' IV. und Alexanders ab, des Guten zu viel zu tun. Sein Nepot Francesco Maria, der Sohn des Giovanni Rovere, Herrn von Sinigaglia und der Johanna von Montefeltre, war auch der Neffe des Herzogs Guidobaldo, des letzten der uralten Montefeltri von Urbino. Er lebte damals am französischen Hofe, wo er mit Gaston de Foix erzogen wurde. Der Papst ließ ihn, einen Knaben von dreizehn Jahren, nach Rom kommen; schon war er Stadtpräfekt. Eine glänzende Zukunft eröffnete sich ihm, denn Guidobaldo adoptierte ihn auf den Wunsch des Papsts am 10. Mai 1504, und so wurde den Rovere die Nachfolge in Urbino gesichert. Die Kardinäle gaben nur widerstrebend ihre Zustimmung; Julius II. aber hat in der Folge nichts mehr für seine Nepoten beansprucht. Denselben jungen Erben des Hauses Montefeltre vermählte er schon am 2. März 1505 mit Leonora Gonzaga, der Tochter des Marchese Francesco von Mantua. Das Hochzeitsfest wurde im Vatikan mit großer Pracht gefeiert, unter dem Beisein von achtzehn Kardinälen und allen Gesandten der Mächte; der Papst selbst war abwesend, wegen Unpäßlichkeit, die er wohl nur zum Vorwand nahm.

Sein Liebling war Galeotto, Sohn seiner Schwester Lucchina aus ihrer ersten Ehe mit dem Lucchesen Franciotto. Er hatte dieselbe von Savona nach Rom kommen lassen, wo sie in Begleitung der Prefettessa Johanna am 11. Juni 1504 eintraf, ihrem Bruder, dem Papst, seine natürliche Tochter Felice zuführend. Als diese Frauen im öffentlichen Aufzuge, geleitet von einer Kavalkade von Kardinälen und Höflingen, dem Papst in der Engelsburg ihren Besuch machten, konnten die Römer sich der Zeit Alexanders VI. erinnern; denn wiederum zeigte sich eine Papsttochter im Vatikan. Madonna Lucchina hatte noch einen zweiten Sohn bei sich, den jungen Nicolaus Rovere. Schon in der ersten Kardinalsernennung am 29. November 1503, wo Clemente Grosso Rovere, François Guillaume von Clairmont und Juan de Zuniga den roten Hut erhielten, war ihr ältester Sohn Galeotto Kardinal von S. Pietro in Vincoli geworden, der Titelkirche des Hauses Rovere. Der Papst häufte auf ihn zahllose Benefizien; nach dem Tode Ascanio Sforzas erhielt er auch das Amt des Vizekanzlers. Dieser berühmte Kardinal hatte sich vergebens bemüht, Mailand wieder an sein Haus zu bringen, und starb in Rom am 27. Mai 1505. Julius vervollständigte das Heilige Kollegium am 12. Dezember desselben Jahres. Den Purpur erhielten Marco Vigerio von Savona, Francesco Alidosi von Imola, Robert Chaland von England, Leonardo Grosso Rovere, der Bruder des Kardinals Clemens, Carlo del Carretto, Graf von Finale, Antonio Ferreri von Savona, Fazio Santoro von Viterbo, Gabriel de Gabrielibus von Fano und Sigismondo Gonzaga von Mantua.

Der glänzende Galeotto wurde bald der Liebling Roms; er machte von seinen Reichtümern den edelsten Gebrauch: er war der vergötterte Mäzen der Künstler und Gelehrten. Aber nur wenige Jahre genoß er sein Glück, denn er starb schon am 11. September 1508, von ganz Rom betrauert und von seinem Freunde, dem Kardinal Medici, mit heißen Tränen beweint. Galeottos Nachfolger wurde sein Halbbruder Sixtus Gara Rovere, welchen Julius noch am Todestage seines geliebten Nepoten zum Kardinal von S. Pietro in Vincoli machte. Der neue Günstling erbte von seinem Vorgänger die Benefizien, aber nicht die Tugenden.

Alexander VI. hatte nur das eine Ziel verfolgt, seine Kinder groß zu machen; Julius II. dachte nur daran, den Kirchenstaat aufzurichten. Er verschleuderte nichts an die Nepoten, er hielt stets einen Schatz in der Engelsburg bereit. Sein glühendes Verlangen, den Venetianern die Romagna zu entreißen, mußte er noch zurückhalten, bis seine Kräfte erstarkt waren. Indem er Bundesgenossen suchte, unterstützte er die Verhandlungen Frankreichs und Spaniens in Blois. Diese um den Besitz Neapels entzweiten Mächte, beide tief erschöpft, schlossen Waffenstillstand, während Ludwig XII., der Kaiser und der Erzherzog Frieden miteinander machten. In Blois verabredeten zugleich die Mächte am 22. September 1504 den Krieg wider Venedig, ja eine Teilung des Besitzes dieser Republik, und Julius II. war der Urheber dieses Bundes. Die erschreckten Venetianer gaben hierauf einige geringere Orte der Romagna zurück, den Papst zu beschwichtigen, aber sie behielten Faenza und Rimini. Da sich nichts Praktisches aus jenem Vertrage in Blois ergeben wollte, mußte Julius ruhig verbleiben, während er Geld sammelte und sich rüstete.

Nun beruhigte sich auch Italien durch den Definitivfrieden, welchen Frankreich und Spanien am 26. Oktober 1505 in Blois miteinander schlossen. Im November 1504 war die Königin Isabella von Kastilien gestorben, und obwohl Ferdinand durch Testament die Regierung jenes Landes erhielt, machte doch Philipp von Habsburg-Flandern als Gemahl von deren Tochter Johanna darauf Ansprüche. Er drohte, selbst nach Kastilien zu kommen. Weil nun auch der König von Frankreich die aufstrebende Größe Habsburgs fürchtete, bot er dem gleich argwöhnischen Ferdinand den Frieden zu Blois. Hier entsagte er den neapolitanischen Ländern, die er seiner Nichte Germaine de Foix als Mitgift gab, und die französische Prinzessin wurde die Gemahlin Ferdinands des Katholischen.

Mit Ausnahme des Krieges der Florentiner gegen Pisa war es jetzt still in Italien, doch bald folgte auf diese Ruhe durch Julius II. so viel Waffenlärm und Krieg, daß Mars selbst auf dem Heiligen Stuhle zu sitzen schien. Das Nächste wollte der Papst ergreifen, die letzten Tyrannen des Kirchenstaats ausrotten, erst Giampolo Baglione, der sich nach dem Tode Alexanders wieder Perugias bemächtigt hatte, dann den Bentivoglio in Bologna.

Ehe er zu diesem Kriegszuge aufbrach, schloß er eine Familienverbindung mit den Orsini und Colonna, die er sich zu gewinnen und miteinander zu versöhnen suchte. Zuerst vermählte er im November 1505 den jungen Nicolaus Rovere, den Bruder Galeottos, mit Laura Orsini, der einzigen Erbin des Ursus Orsini und Tochter der jetzt verwitweten Julia Farnese, der berühmten Geliebten Alexanders VI. Es müssen wichtige Rücksichten gewesen sein, welche den Papst bewogen, in eine Vermählung zu willigen, die sein eigenes Haus in so nahe Beziehung zu dem Andenken der Borgia brachte. Durch diese Heirat verbanden sich die Rovere nicht allein mit den Orsini, sondern auch mit den Farnese. Sodann gab Julius seine eigene Tochter Felice dem Johann Jordan zum Weibe, dem Haupt der Orsini von Bracciano. Der stolze Magnat, dessen erste Gemahlin Maria Cecilia eine Bastardtochter des Königs Ferdinand von Neapel gewesen war, willigte nur widerstrebend in diese Mißheirat. Er war außerdem ein Mann so sonderlicher Art, daß ihn der Herzog von Urbino einen öffentlichen Narren ( pubblico pazzo) nannte. Die Hochzeit mit Madonna Felice vollzog er am 24. Mai 1506 im Palast des Vizekanzlers, dem heutigen Palast Sforza-Cesarini, mit einer an Verachtung grenzenden Formlosigkeit. Der Papst selbst hatte jede geräuschvolle Feier verboten, um nicht an Alexander VI. zu erinnern. Er gab seiner Tochter nur 15 000 Dukaten zur Mitgift; sie verließ sofort Rom, um mit ihrem wunderlichen Gemahl das Schloß Bracciano zu bewohnen. Im Juli desselben Jahres vermählte der Papst Donna Lucrezia Gara Rovere, die Tochter seiner Schwester Lucchina, mit dem jungen Marcantonio Colonna, der bald neben Prospero und Fabrizio einer der berühmtesten Kriegskapitäne seines Hauses wurde. Er verlieh ihm Frascati und schenkte ihm den Palast, welchen er selbst als Kardinal bei den Santi Apostoli ausgebaut hatte; es ist der heutige Palast Colonna.

Der Ruhe Roms gewiß, mit seinen Rüstungen fertig, mit Florenz, Mantua, den Este und Montefeltre verbündet und der Unterstützung Frankreichs versichert, erhob sich plötzlich dieser alternde Papst in der glühenden Stille des Sommers, um mit Waffengewalt Perugia und Bologna zu bezwingen, feste, mächtige Städte, ohne deren Besitz der Kirchenstaat stets nur ein unbehilflicher Torso blieb. Es war ein kühnes Unternehmen und ein Meisterstück, wenn es gelang. Seitdem Spanien sich Neapels bemächtigt hatte und dem Papsttum den Süden versperrt hielt, mußte sich dies nach Norden Luft zu machen suchen; daher wurde der Schwerpunkt der kirchenstaatlichen Politik nach Mittelitalien verlegt und erlangten Umbrien, Toskana und die Romagna solche Wichtigkeit für den Heiligen Stuhl.

Julius II. ließ Cibò von Tusculum als Vikar in Rom zurück. Mit vierundzwanzig Kardinälen brach er am 26. August 1506 auf, an der Spitze von nur fünfhundert Mann. So zog er über Formello, Nepi, Civita Castellana, Viterbo, Montefiascone fort und erreichte am 7. September Orvieto, wo der Herzog von Urbino zu ihm stieß. Sein erster Kriegszug war von unverhofftem Glück begleitet. Denn Giampolo brachte die Nähe des Papstes so außer Fassung, daß er die Vorschläge Guidobaldos annahm, nach Orvieto eilte und seinem Herrn Perugia übergab. Julius zog dort am 12. September zur Huldigung ein, so kühnen Mutes, daß er sogar seine Truppen zurückließ, obwohl der Baglione Söldner genug versammelt hatte. Der frevelhafte Tyrann, welcher nie vor einem Morde zurückbebte, benutzte nicht die Gelegenheit zu einer Tat, die ihm nach der Ansicht Machiavellis die Bewunderung der Welt und die Unsterblichkeit würde gesichert haben. Er trat als Soldkapitän in die Dienste des Papsts.

Ermutigt und erhoben verkündete Julius, daß er nichts sehnlicher wünsche, als Italien zu beruhigen, um dann Konstantinopel und Jerusalem zu befreien. In diesem Sinn befahl er Egidius von Viterbo, vor dem Volk in Perugia zu predigen. Neun Tage blieb er dort, die Verhältnisse der Stadt zu ordnen, deren Regierung er bald darauf dem Kardinal Medici übertrug; dann brach er, da auch Francesco Gonzaga mit Hilfstruppen gekommen war, am 21. September nach Gubbio auf und zog am 25. in Urbino ein. Überall bestaunten die Völker den unerhörten Anblick eines kriegführenden Papsts von vierundsechzig Jahren. Um das von den Venetianern besetzte Gebiet Riminis zu vermeiden, nahm er den Weg über die Apenninen. In Imola schlug er sein Hauptquartier auf, und hier ernannte er den Markgrafen Gonzaga zum Feldhauptmann der Kirche. Durch eine Bulle befahl er dem Giovanni Bentivoglio, Bologna zu räumen. Der in Stürmen der Zeit alt gewordene Signor lebte dort in einem der schönsten Paläste Italiens, umgeben von vier kühnen Söhnen, von Freunden und Vasallen, berühmt durch Taten im Krieg, kraftvoll im Frieden Feinde und Bürger bändigend, verschwägert mit den edelsten Familien Italiens, mit Ehren überhäuft, Reichsgraf durch kaiserliches Diplom und im Schutzverbande des Königs von Frankreich. Neben ihm stand seine greise Gemahlin Ginevra Sforza, die Tochter Alessandros von Pesaro, ein Weib von großer Natur. Die Truppenmacht Bentivoglios war nicht gering, die Mauern und Türme, an denen einst Cesare Borgia hatte vorbeischleichen müssen, würden unbezwinglich gewesen sein, wenn der Herr Bolognas die Liebe des Volks besessen hätte. Aber dieses haßte seine Gewalthaber, oder es wurde durch deren Feinde aufgereizt. Die vertriebenen Malvezzi wühlten im geheimen wie die Agenten des Papsts, welcher gleich nach seiner Thronbesteigung den Bolognesen ihre einst von Nikolaus V. bestätigten Freiheiten erneuert hatte.

Das päpstliche Heer, bestehend aus den Vasallen der Kirche und den Hilfstruppen von Florenz, Perugia, Ferrara und Mantua, rückte unter dem Befehle Gonzagas vor, und dies würde Bentivoglio nicht geschreckt haben, wenn ihn nicht Ludwig XII. preisgab. Der König tat das nur zögernd und mit Scham; vergebens hatte er dem Papst geraten, seinen Kriegszug gegen Bologna aufzuschieben; jetzt stellte er ihm doch achttausend Mann zur Verfügung unter Charles d'Amboise, dem Marschall von Chaumont, seinem Statthalter in Mailand, welcher sich Castelfrancos bemächtigte. Die Bolognesen, französische Plünderung fürchtend, verlangten hierauf den Abzug ihres Gewaltherrn, und ihm bot der Marschall einen günstigen Sicherheitsvertrag. Bentivoglio verließ Bologna mit seinen Kindern am 2. November und eilte in das Lager der Franzosen; nur Ginevra wollte nicht weichen; dem Papst wollte sie sich zu Füßen werfen, doch Julius verweigerte es, sie zu sehen. Wut und Rache im Herzen, mußte sie dem Gemahle folgen. Die Bürgerschaft schickte sodann Gesandte nach Imola, ihre Unterwerfung zu erklären. Nun wollte der arglistige Chaumont in Bologna einziehen, denn nur dem Könige von Frankreich hatte der Papst einen so glänzenden Erfolg zu verdanken; aber die Bürgerschaft erhob sich mit den Waffen, setzte das Lager der Franzosen unter Wasser, und der Papst beschwichtigte den Marschall mit einer Geldsumme und dem Versprechen des Purpurs für seinen Bruder Louis d'Amboise. Dies erwarb Julius den Dank der Bolognesen.

Sein Einzug in Bologna am 11. November war ein kriegerisches Triumphgepränge, welches an den Glanz römischer Cäsaren erinnerte. Der Papst mit dem Namen Julius, unter einem purpurnen Traghimmel, auf festlichem Wagen einherziehend, erschien seinen Schmeichlern als der zweite Julius Caesar. Die Kardinäle und Kurialen, die ihm voraufzogen und nachfolgten, dünkten sich römischen Senatoren gleich oder größer als sie. Ritter und Herren von Florenz, Rom und andern Städten, unter ihnen auch Marcantonio Colonna, der Feldhauptmann der Florentiner, erschienen als Bundesgenossen oder Vasallen des Papsts, und so bewegte sich der prunkvolle Zug bis zum Dom S. Petronio. Das kindische Volk rief: Es lebe Julius, der Vater des Vaterlandes, der Erhalter der Freiheit Bolognas! Der große Humanist Erasmus von Rotterdam war damals Zeuge dieses Triumphzuges, dessen heidnisches, nachher in Rom wiederholtes Gepränge ihn staunen machte.

Julius II., jetzt Herr der mächtigen Stadt, änderte ihre Verfassung, doch zwang sie ihn, ihr die munizipalen Statuten und einen Bürgersenat von vierzig Männern zu lassen; auch befreite er sie von manchen Abgaben. Die Bentivogli hatten unterdes in Mailand ein vertragsmäßiges Asyl gefunden, und dies veranlaßte eine Spannung zwischen dem Papst und dem Könige Ludwig, der sich dieser Verbannten annahm, weil er sie brauchen konnte. Die Zufriedenheit der Bolognesen minderte sich, als ihr neuer Gebieter den Befehl gab, an der Porta Galiera eine Zwingburg zu bauen. Voll königlichem Selbstgefühl trug er Michelangelo auf, seine kolossale Statue in Bronze zu machen, damit sie über dem Portal von S. Petronio aufgestellt werde. Bald wurde Bologna auch durch die Erpressungen des Kardinallegaten Antonio Ferreri erbittert. Der Papst mußte diesen Räuber schon nach einigen Monaten unter Prozeß stellen und in die Engelsburg setzen und auch den Datar Giovanni Gozzadini bestrafen, weil er die Vollmachten der Legationsbulle verfälscht und zugunsten jenes Kardinals gesteigert hatte.

Julius verließ Bologna am 22. Februar 1507. Wohl wäre er am liebsten auch über Ravenna und Rimini dahergefahren, sie den Venetianern zu entreißen, doch wie hätte er die mächtige Republik zu bekriegen vermocht? Er ging nach Rom über Imola, Forli, Cagli, Viterbo. Am 27. März kam er auf dem Tiber bis Ponte Molle. Er nächtigte in S. Maria del Popolo und hielt tags darauf, am Palmsonntag, seinen feierlichen Einzug. Es war der Triumph der Heimkehr aus einem siegreichen Kriege wider die Tyrannen des Kirchenstaats, und dieser eine Feldzug hatte den Papst zum ersten Mann Italiens gemacht. Triumphbogen und Altäre standen auf den Straßen Roms; den Arcus Domitiani am Corso hatte der Kardinal von Lissabon mit Statuen und Gemälden so herrlich verziert, »als ob Domitian selbst von neuem triumphierte«. An der Engelsburg sah man einen mit vier weißen Pferden bespannten Triumphwagen, woraus dem Papst geflügelte Genien Palmzweige entgegenhielten. Auf einem Globus stand die goldene Eiche der Rovere, ihre Äste bis zur Spitze der Kirche S. Maria Traspontina in die Luft erhebend. So vollkommen hatten die Römer die Kunst der Schmeichelei gegen ihre Herren, die Päpste, gelernt. Julius aber kehrte in den Vatikan mit dem Hochgefühl eines mächtigen Fürsten zurück. Der glänzende Festtag konnte ihn nur zu neuen Eroberungsplänen ermuntern.

In derselben Zeit, als er seinen siegreichen Feldzug machte und beschloß, befand sich der König von Spanien in Neapel. Er war dort im Oktober 1506 gelandet, seine neuen Staaten zu sehen und sich zugleich Consalvos zu versichern, dessen Größe ihm gefährlich zu werden begann. Er hatte noch auf der Reise den Tod seines Schwiegersohnes erfahren. Der junge Erzherzog Philipp starb am 25. September 1506 zu Burgos, als Erben zurücklassend die kleinen Söhne Karl und Ferdinand. Dies Ereignis beschleunigte die Rückkehr des Königs von Spanien; er verließ Neapel im Juni 1507 und führte Consalvo mit sich. Dem Hafen von Ostia, wo sich der Papst befand, um mit ihm zusammenzukommen, segelte er vorbei, ohne diesen sehen zu wollen, aus Groll wegen der ihm noch verweigerten Investitur Neapels; dann landete er in Savona, wo er Ludwig XII. traf, und hier legten diese Monarchen den Grund zu einer künftigen Liga.

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