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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Unterhandlungen Theodahads mit Byzanz. Brief des Senats an Justinian. Aufregung in Rom. Die Römer verweigern die Aufnahme gotischer Truppen. Der Papst Agapitus übernimmt eine Gesandtschaft nach Byzanz. Sein Tod. Abbruch der Friedensunterhandlungen.

Theodahad hatte kaum die Nachricht vom Falle Siziliens erhalten, als er auch allen Mut verlor. Er willigte in die Bedingungen, die ihm Petrus im Namen des Kaisers stellte: Sizilien abzutreten, einen jährlichen Tribut von 300 Pfund Gold zu leisten und, sooft es begehrt würde, ein Hilfsheer von 3000 Goten zu stellen; weder Senatoren noch Patrizier dürfe der König Italiens fortan ohne Erlaubnis des Kaisers ernennen, weder einen Priester noch einen Senator an Leben oder Eigentum bestrafen; bei den Spielen des Circus solle der Zuruf des Volks erst Justinian, dann Theodahad gelten, und würde dem Letztern irgendeine Statue aufgestellt, so müsse sie zu ihrer Rechten von einer Ehrenbildsäule des Kaisers begleitet sein. Der Byzantiner war mit diesem Vertrage fortgeeilt, aber Boten holten ihn in Albanum ein und führten ihn zum Könige zurück. »Wenn der Kaiser«, so fragte dieser in Angst, »den Frieden verwirft, was wird dann geschehen?«  »Dann wirst du, trefflicher Mann«, so entgegnete der Gesandte, »Krieg zu führen haben«; und er stellte ihm vor, daß es einem Schüler des Platon nicht gezieme, das Blut des Volkes zu vergießen, dem Kaiser aber wohl anstehe, seine Rechte auf Italien geltend zu machen. Theodahad ließ sich zu einem weit schimpflicheren Vertrage bewegen, wonach er für eine jährliche Pension von nur 1200 Pfund Gold das Königreich der Goten und der Römer an Justinian abzutreten sich verpflichtete. Furcht minderte seinen Verstand; er forderte von Petrus die eidliche Versicherung, daß er den letzten Vertrag erst dann dem Kaiser vorlegen wolle, wenn derselbe den ersten würde verworfen haben.

Mit Petrus ging der Presbyter Rusticus als Bote nach Konstantinopel, und auch der Senat bat durch ein Schreiben Justinian um Frieden. In diesem von Cassiodor verfaßten Briefe, der als eine der letzten Lebensäußerungen des Senats in hohem Grade kostbar ist, lassen die versammelten Väter die ewige Roma in Person auftreten und zum Kaiser sagen: »Wenn unsere eigenen Bitten nicht hinreichen, so gib unsrer Vaterstadt Gehör, welche in diese flehentlichen Worte ausbricht: wenn ich je dir wert gewesen bin, so liebe, o Frömmster der Fürsten, meine Verteidiger. Die mich beherrschen, müssen in Eintracht mit dir leben, damit sie nicht an mir das begehen, was deinen Wünschen widerstreitet. Du darfst nicht die Ursache meines grausamen Unterganges sein, da du stets zu meiner Lebensfreude beigetragen hast. Siehe, ich habe unter dem Schutz deines Friedens die Zahl meiner Kinder verdoppelt: der Glanz meiner Bürger hat mich umstrahlt; wenn du duldest, daß mir ein Leid geschieht, wie wirst du dann den Namen des Frommen verdienen? Denn was kannst du fürder für mich tun, da meine (katholische) Religion, welche auch die deinige ist, so in Blüte steht? Mein Senat hört nicht auf, an Ehren und Gütern zu wachsen, und deshalb darfst du nicht durch Zwietracht zerstören, was du selbst mit den Waffen beschützen solltest. Ich habe viele Könige gehabt, doch keinen, der in den Wissenschaften so gebildet, viele Weise, doch keinen, der gelehrter und frömmer gewesen ist. Ich liebe den Amaler, den ich an meinen Brüsten ernährt habe; er ist tapfer, durch meinen Umgang gebildet, den Römern durch Klugheit teuer, durch Tugend den Barbaren ehrwürdig. Deine Wünsche, deinen Rat vereinige dem seinigen, damit durch den Zuwachs meines Glücks sich dein eigener Ruhm vermehre. Nein, nicht komme mich also suchen, daß du mich nicht findest. Da ich nichtsdestoweniger dir in Liebe angehöre, so gib nicht zu, daß jemand meine Glieder zerreiße. Wenn Libyen es verdiente, von dir die Freiheit wiederzugewinnen, so wäre es grausam, daß ich verlöre, was ich offenbar stets besaß. Erlauchter Triumphator, gebiete den Trieben deines Zorns; die allgemeine Stimme des Flehens ist mächtiger als das Gefühl irgendeiner Undankbarkeit, welche dein Herz erlitten hat. Also spricht und bittet Roma durch den Mund seiner Senatoren. Und reicht auch dies noch nicht hin, so möge dein Geist das heilige Flehen der seligen Apostel Petrus und Paulus hören. Denn was darf dein fürstlicher Sinn ihren Verdiensten versagen, da sie sich so oft als Beschirmer Roms vor den Feinden bewährt haben?«

An einigen Stellen läßt dieser von Theodahad erzwungene Brief Drohungen gegen den Senat durchblicken, welchem übrigens der König nach Athalarichs Vorgange den Verfassungseid geschworen hatte. Der Bericht eines Schriftstellers jener Zeit ist nicht ohne Grund, der König habe den Senatoren gedroht, sie und ihre Weiber und Kinder ums Leben zu bringen, wenn sie nicht ihren Einfluß geltend machten, den Kaiser von der Eroberung Italiens abzuhalten. Die Briefe beim Cassiodor zeigen klar, daß Senat und Volk gleich nach dem Regierungsantritt Theodahads in tiefer Aufregung sich befanden. Wenn man jene Schreiben liest, blickt man in die unausfüllbare Kluft, welche Goten und Römer für immer voneinander trennte. Die geheime Unterhandlung Justinians mit den Römern ist uns unzugänglich; aber Rom selbst war von fieberhafter Angst vor einer Katastrophe erfaßt. Man glaubte jetzt, der König wolle den Senat vertilgen, denn er hatte ihn aufgefordert, in Ravenna zu erscheinen. Man lief in den Straßen zusammen: man erzählte sich, Theodahad wolle die Stadt zerstören oder die Bürger ermorden lassen, und schon sei ein gotisches Heer im Anmarsch auf Rom. Allerdings hatte der König eine Besatzung in die Stadt zu legen befohlen, um bei einer Empörung ihrer Herr zu bleiben und sie gegen plötzlichen Überfall der Griechen von der See zu decken. Aber die Römer erhoben durch abgeordnete Bischöfe dagegen lebhafte Einsprache, wie dies die Reskripte Theodahads an Senat und Volk zeigen. Man darf daraus schließen, daß Rom schon von Theoderich die Bestätigung des verfassungsmäßigen Rechts erhalten hatte, von Truppen nicht besetzt zu werden. Dieses alte Recht behauptete die Stadt hartnäckig auch noch im späten Mittelalter, wo die Kaiser deutscher Nation ihr Heer draußen, auf dem Felde des Nero, lagern ließen. Als nun das römische Volk sich erhob und der gotischen Besatzung den Einzug verweigerte, bemühte sich Theodahad, es zu beschwichtigen: er sandte Briefe an die Römer, »den Schatten der Furcht und die törichten Aufstände zu zerstreuen«.  »Euren Feinden«, so sagte er ihnen, »nicht euren Verteidigern müßt ihr Widerstand leisten; das Hilfsheer einladen, nicht ausschließen. Sind euch denn die Gesichter der Goten fremd, daß ihr davor zurückbebet? Warum fürchtet ihr diejenigen, welche ihr bis jetzt Verwandte genannt habt? Sie, die ihre Familien zurückließen, um zu euch zu eilen, waren doch nur auf eure Sicherheit bedacht. Und was soll aus dem guten Ruf des Herrschers werden, wenn wir (das sei ferne!) euren Ruin zugeben sollten? Wollet euch dasjenige nicht einbilden, was wir offenbar nicht in Gedanken haben.«

Zugleich richtete Theodahad ein besänftigendes Schreiben an den Senat. Er hatte ihn bereits einigermaßen beruhigt, weil er nur wenigen Senatoren nach Ravenna zu kommen befahl, ihm nicht sowohl als Ratgeber denn als Geiseln zu dienen. Er sagte in seinem Brief, daß die Goten nichts anderes beabsichtigten, als Rom, eine Stadt, die in der Welt ohnegleichen sei, zu verteidigen, und daß mit der Verteidigung keine Lasten verbunden sein sollten, weil das nach Rom bestimmte Heer sich selbst verpflegen würde; er gab jedoch zu, daß diese Truppen außerhalb der Stadt ihre Lager bezogen.

Die Spannung zwischen den Goten und den Römern fiel in die Zeit, als der König noch mit Justinian unterhandelte, aber Belisar bereits von Sizilien unter Segel gegangen war. Die Besetzung Roms durch gotische Truppen ist dann später, und wie wir sehen werden, unter dem Oberbefehl des Vitiges erfolgt.

Auch der Papst wurde genötigt, als Friedensvermittler nach Byzanz abzugehen. Dies war Agapitus I., ein Römer, der, nach dem Willen Theodahads zu Johannes' Nachfolger gewählt, im Juni 535 den Stuhl Petri eingenommen hatte. Seufzend unterwarf er sich dem Befehle, abzureisen; er erklärte, kein Geld zu haben, die Reisekosten zu bestreiten, und verpfändete deshalb die wertvollen Gefäße St. Peters an die königlichen Schatzbeamten. In Konstantinopel angelangt, begann er, wie das Buch der Päpste sehr naiv sagt, zuallererst mit Justinian über religiöse Fragen zu disputieren, und überhaupt scheint er seinen Auftrag als Feind der Goten ausgerichtet zu haben. Der Tod, der ihn dort schon am 22. April 535 ereilte, bewahrte Agapitus vor dem Schicksale Johannes' I.

Justinian empfing indes die Gesandten Petrus und Rusticus; nachdem er die Artikel des ersten Vertrags verworfen hatte, nahm er die anderen an, welche den unwürdigen Goten Italiens und der Krone entsetzten. Er sandte Petrus und Athanasius mit seiner Bestätigung an Theodahad. Aber als diese Boten in Ravenna vor den König traten, erstaunten sie, sich mit Hohn empfangen zu sehen. Den charakterlosen Fürsten hatte die Nachricht von einem kleinen Vorteile seiner Waffen in Dalmatien plötzlich andern Sinnes gemacht; er warf die Gesandten ins Gefängnis und wagte den Krieg.

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