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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 371
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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6. Die humanistische Dichtkunst. Cencio. Loschi. Maffeo Vegio. Correr. Dati. Nicolaus Valla. Gianantonio Campano. Aurelio Brandolini. Giusto de' Conti. Anfänge des Dramas. Die Mysterien und Passionsspiele. Römische Schaugepränge und szenische Aufführungen. Das Theater des Kardinals Raffael Riario. Ferdinandus Servatus. Pomponius Laetus und die Aufführung italienischer Stücke durch die Akademiker.

Gleich der Wissenschaft machten die Humanisten auch die Dichtkunst zum Gegenstand formaler Studien. In ihrem Enthusiasmus für das Altertum verwarfen sie die italienische Sprache als ein der Musen unwürdiges Gewand, sie dichteten lateinische Oden, Elegien, Epigramme, Idyllen und Epen. Wenn wir diese kalten Nachahmungen, selbst von den berühmtesten Poeten jener Zeit, heute nur noch aus kulturgeschichtlichen Zwecken zu lesen vermögen, so sprachen sie doch damals die Richtung ihrer Epoche aus, gaben oft deren Inhalt nur in antiker Form wieder und breiteten viel geistiges Leben in der Gesellschaft aus.

Das XV. Jahrhundert feierte manche Talente als Dichter, deren Werke heute im Staub der Bibliotheken modern. In Rom galten als große Poeten der Frührenaissance Rustici, Loschi und Vegio. Agapito di Cenci war Römer vom alten Hause der Rustici, Freund Poggios, Schüler des Chrysoloras und eifriger Erforscher der antiken Literatur, auch in beiden Rechten Doktor, zu seiner Zeit ein berühmter Humanist. Martin V. machte ihn zum apostolischen Sekretär, sein Gönner Pius II. zum Bischof von Camerino. Er starb im Jahre 1464. Den Wert seiner ungedruckten Poesien können wir nicht mehr beurteilen.

Ein anderer Freund Poggios, der Vicentiner Antonio Loschi, welcher als päpstlicher Sekretär in Rom lebte und im Jahre 1450 starb, wurde nicht minder als Poet gefeiert. Er schrieb Epigramme und Episteln in Versen; auch als Grammatiker wurde er bewundert.

Unter Eugen IV. kam Maffeo Vegio in die römische Kanzlei, erst als Abbreviator, dann als Datar. Er stammte aus Lodi, wo er im Jahre 1406 geboren war. Dieser vielseitige, sehr edle Mann gehörte zu den wenigen Humanisten, welche zur kirchlichen Richtung zurückkehrten. Er selbst wurde Augustiner. Er schrieb kirchlich antiquarische und moralische Abhandlungen, auch juristische Schriften. Für Eugen IV. verfaßte er das Leben Augustins und seiner Mutter Monica, ferner die Biographie des Bernardino von Siena. Aber auch als lateinischer Dichter hatte er zuvor sich Ruhm erworben. Er war kühn genug, ein dreizehntes Buch der Aeneide zu dichten, welches in seiner Zeit angestaunt und als Fortsetzung des Virgil gedruckt wurde. Vegio starb im Jahre 1458. Man bestattete ihn in Sant Agostino in jener Kapelle der heiligen Monica, welcher er dort ein Grabmal hatte errichten lassen. Seine Zeitgenossen waren der als Dichter und Humanist gerühmte Gregorio Correr aus der Familie Eugens, welcher in Deutschland das Werk Salvians De divina providentia auffand, und Leonardo Dati, ein Florentiner, erst Sekretär des Kardinals Jordan Orsini, dann mehrerer Päpste seit Calixt III.

Größere Verdienste als Dichter erwarb sich der Römer Nicolaus Valle, Sohn des gelehrten Konsistorialadvokaten Lelio, durch seine Übersetzung des Hesiod, die im Jahre 1471 gedruckt wurde. Als Pius II. den Türkenkrieg betrieb, verfaßte Valle ein elegisches Gedicht, worin Constantinopolis die Roma zur Rettung aufruft und diese ihr antwortet, daß der »fromme Aeneas« ihr Rächer sein werde. Das fließend geschriebene Gedicht trägt jedoch nicht den Stempel einer begabten Dichternatur. Der Poet starb auch zu frühe, erst einundzwanzig Jahre alt, ehe er die Übersetzung der Iliade vollenden konnte. Die Zeitgenossen gedenken dieses Jünglings mit Ehren.

Gleich den Valle zeichneten sich auch die Porcari durch Bildung aus; sie ehrten so am besten das Andenken des unglücklichen Ritters Stefano. Ihr Palast in der Nähe der Minerva war ein Museum von Altertümern und ein Vereinigungsort für Gelehrte und Künstler. Paulus Porcius glänzte als Rhetor und Poet zur Zeit Sixtus' IV. Andere dieses Geschlechts bekleideten hohe Ämter in der Magistratur oder in der Kirche. Mit Ruhm nennt Gyraldi auch Camillus Porcius als Dichter neben einem andern Römer Evangelista Magdaleni Capo di Ferro, welcher eins der glänzendsten Talente Roms in der Renaissancezeit gewesen sein muß und noch später der Liebling Leos X. wurde.

Die Poesien dieser Latinisten, einst wertvoll für ihre Zeit, sind heute verschollen oder in Bibliotheken vergraben; denn wer kennt noch die Verse des Pietro Odo aus dem sabinischen Monopoli, welcher nach dem Urteil des Blondus die Gewandtheit des Ovid und Horaz besaß? Oder wer die Poesien des gefeierten Römers Paulus Pompilius, der jung im Jahre 1490 starb? Oder die des Aemilius Boccabella, eines Günstlings des Pietro Riario, dessen schwelgerisches Fest zu Ehren der Prinzessin Eleonora er in lateinischen Hexametern besang?

Die römische Jugend mochte Dichterlinge genug in die Akademie des Pomponius liefern, in jener merkwürdigen Zeit, von deren klassischer Trunkenheit wir heute uns kaum eine Vorstellung machen können. Die Dichtkunst war freilich damals noch mehr als jetzt in Italien eine stilistische Übung, und ihr Schutzpatron nicht Apoll sondern der Grammatiker Donat; doch müßte man in dem ganzen Element jener Renaissance leben, um auch ihr und der Fülle jenes geistreichen Wesens gerecht zu werden. Denn aus den Reflexen, welche sie noch in Rom und anderswo in den späteren Akademien zurückgelassen hat, läßt sich das Leben der Renaissance nicht begreifen.

Der Geschichtschreiber der allgemeinen Literatur darf mit mehr Gewinn auf lateinische Poeten, wie die beiden Strozzi in Ferrara, oder auf Poliziano und Marullo in Florenz, auf Pontanus und Sannazar in Neapel eingehen, aber diese haben mit Rom nichts zu tun, und wir begnügen uns nur noch, Gianantonio Campano hervorzuheben.

Dieser talentvolle Mann, Sohn eines kampanischen Knechts, hütete Schafe als Knabe, kam in die Schule eines Priesters, studierte in Neapel unter Valla, dann in Perugia, wo er im Jahre 1455 Lehrer der Redekunst wurde. Er hatte das Aussehen eines Kaliban, aber das Genie eines Improvisators und einen so blühenden Stil, daß derselbe als Fortschritt über die älteren Latinisten erschien. Ein burleskes Wesen voll Humor machte ihn zum angenehmsten Gesellschafter und erwarb ihm die Gunst Pius' II., der ihm das Bistum Teramo verlieh. Paul II. schickte ihn im Jahre 1471 zum Regensburger Reichstage des Türkenkrieges wegen. Der kampanische Poet fand sich dort wie Ovid bei den Geten, und seine üble Laune über Klima, Lebensart und Unkultur der Deutschen konnte einem Italiener nicht verargt werden. Im Zeitalter des Humanismus, welcher dem italienischen Nationalgefühl eine neue Energie gab, erwachte auch der antike Begriff der Barbaren wieder. Es ist aber ein zynischer Nationalhaß, der sich in den Epigrammen und Briefen ausspricht, welche Campanus von dort an seinen Freund Ammanati gerichtet hat. Wir lesen diese Schmähungen noch heute mit Lächeln, wo es in unserm Vaterlande nicht mehr ganz so schlimm aussieht. Bei Sixtus IV. fiel der heitere Poet in Ungnade, weil er mit Freimut zugunsten der von den Päpstlichen belagerten Città di Castello auftrat, deren Rector er war. Campano starb im Exil zu Siena im Jahr 1477. Seine Werke geben ein rühmliches Zeugnis seiner Begabung. Er schrieb eine Biographie Pius' II., auch das Leben Braccios, viele Reden und Traktate, viele Briefe, welche zu den Geistvollsten der Zeit gehören, und endlich Elegien, Epigramme und Gelegenheitsgedichte jeder Art, deren Humor und Leichtigkeit des Ausdrucks Wert verleihen. Auch um die Textrevision alter Autoren hatte sich dieser Humanist verdient gemacht.

Viele Dichter jener Zeit lebten an Fürstenhöfen: Beccadelli zierte den Alfonsos I., Pontano jenen Alfonsos II. und Ferdinands II.; der gefeierte Mantovano den Hof Federigo Gonzagas, die Strozzi den des Borso, Filelfo den des Francesco Sforza; Basinio und Porcellio verherrlichten den Palast des Sigismondo Malatesta und seiner Geliebten Isotta. Wie nun die Humanisten die Taten ihrer Gönner in Reden und Biographien verewigten, so taten dies die Hofdichter durch epische Gesänge. Als Hofdichter Pius' II. konnte Campano gelten, und auch bei andern Päpsten ließ sich die Lyra schmeichelnder Improvisatoren hören. Der blinde Aurelius Brandolinus Lippus von Florenz entzückte selbst den Papst Sixtus IV. und Alexander VI. durch seine lateinischen Gesänge und Festhymnen; er starb hochgefeiert zu Rom im Jahre 1498. Sein Bruder Raffael bezauberte durch die gleiche Kunst der Improvisation später den Hof Leos X. Er war Erzieher des unglücklichen Prinzen Alfonso von Bisceglie und des Kardinals del Monte, des späteren Papsts Julius III.

Die neulateinische Dichtung hinderte offenbar die Entwicklung der Nationalpoesie, und gerade deshalb sind die wenigen Italiener besonders preiswürdig, welche noch zu dichten wagten, was das Volk selbst verstand. Hier ist es merkwürdigerweise Rom, welches einen der besten italienischen Poeten jener Epoche hervorbrachte: Giusto dei Conti von Valmontone, aus einem Zweige des Geschlechts Innocenz' III. Das Leben dieses Dichters ist dunkel. Er war am Ende des XIV. Jahrhunderts in Rom geboren, studierte das Recht, wanderte nach Rimini und starb dort am 19. November 1449. Man liest daselbst in der Kirche S. Francesco noch die Inschrift, welche ihm der Tyrann Malatesta setzen ließ. Conti gab seiner Sammlung italienischer Poesien den Titel La Bella Mano, weil er darin mehr als genug die schöne Hand seiner Geliebten besungen hat. Er war übrigens nur ein matter Nachahmer Petrarcas, der erste Chorführer jener großen Schar der Petrarchisten, die noch heute wie Grillen ihre Lieder zirpen.

Die italienische Poesie forderte indes ihre Rechte zurück oder die Natur selbst durchbrach die künstlichen Schranken. Schon in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts trat dieser Umschlag ein. Lorenzo Medici, die Pulci, Poliziano, Sannazar dichteten wieder italienisch, und Bojardo ging bereits dem Ariost vorauf. Doch alle diese Dichter gehören der Literaturgeschichte an, und selbst Serafino von Aquila, der einst vergötterte und über Petrarca erhobene Poet darf hier nur deshalb genannt werden, weil er zuletzt am Hofe des Cesare Borgia lebte und im Jahre 1500, erst vierunddreißig Jahre alt, in Rom starb. Er begleitete seine Verse wie sein Nebenbuhler Tebaldeo improvisierend mit der Laute.

Die Anfänge des selbständigen italienischen Theaters fallen ebenfalls in die zweite Hälfte des Jahrhunderts, und gerade für die dramatische Kunst sind von Rom einige Anregungen ausgegangen. Zu ihren ältesten Denkmälern gehören jene Mysterien, welche die Brüderschaft del Gonfalone am Osterfreitag im Colosseum aufführen ließ. Sie benutzten dafür nicht nur einen Teil der Sitzreihen des Amphitheaters, sondern auch den alten Palast der Annibaldi, welcher in dasselbe hineingebaut war; dort mochten sich die Schauspieler versammeln und ankleiden. Diese selbst waren Bürger, oft aus den besten Ständen Roms. Als die ältesten Verfasser jener rohen Szenen in Ottavreimen werden der Florentiner Giuliano Dati, die Römer Bernardo di Mastro Antonio und Mariano Particappa genannt. Sie hatten übrigens schon Vorgänger, da der »Isaak und Abraham«, ein Mysterium in Ottavreimen von Feo Belcari, schon im Jahre 1449 in Florenz zur Aufführung kam.

Nirgends hatte sich die Kunst der Schaudarstellung in so großem Stil entwickelt als in Rom, welches ein Festtheater wandelnder Triumphzüge, der Kaiserkrönung und Papstkrönung, der Aufzüge der Magistrate und der fremden Gesandten, der Prozessionen, der Volksspiele und Maskenzüge und prachtvoller Kavalkaden jeder Art war. Der Glanz der Prozessionen, namentlich beim Fronleichnamsfest, steigerte sich seit Nikolaus V., und die Schönheit der römischen Karnevaldarstellungen oder Ludi Romani wurde seit Paul II. weltberühmt. Die Renaissance machte die Formen künstlerischer, und sie ersetzte das Rittertum durch das antike Römertum. Wie in die Dichtung, so drang auch in das Festleben die Mythologie als Pantomime ein. Niemand nahm daran Anstoß, daß der Kardinal Riario im Jahre 1473 auf demselben Festtheater abwechselnd biblische und mythologische Szenen vorstellen ließ. In den Maskenzügen des Karneval, welcher wie die antiken Saturnalien am Ende des Dezember begann, erschienen Götter und Heroen, Nymphen, Faune und Amoren auf schöngeschmückten Wagen, die von Kardinälen ausgerüstet wurden.

Es ist bezeichnend, daß das erste italienische Drama, der Orpheus Polizianos, welcher im Jahre 1483 zu Ehren des Kardinals Francesco Gonzaga in Mantua aufgeführt wurde, der Mythologie entnommen war. Sodann wurde auch altrömische Geschichte in das öffentliche Schauspiel übertragen. Die Menschen jener Zeit wollten das Altertum nicht bloß aus den antiken Autoren in sich aufnehmen, sie forderten dessen Reproduktion als lebendiges Bild. So ließen sie die römische Geschichte in festlichen Aufzügen wieder aufleben, und dieses Bedürfnis der Renaissance hat sich bis auf unsere Gegenwart fortgesetzt, in mythologischen und historischen Darstellungen mancher Feste in England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz, in denen jetzt auch das Mittelalter mit seiner reichen Formenpracht zu seinem Rechte kommt. Paul II. ließ beim Karneval einen großen Triumphzug darstellen, worin man Augustus und Kleopatra, besiegte Könige, den römischen Senat, Konsuln, Magistrate, mit allen dazu gehörenden Emblemen, selbst mit auf Seide gestickten Senatskonsulten sah. Mythologische Gestalten umschwärmten den Zug. Auf vier ungeheuren Wagen sangen andere das Lob des Vaters des Vaterlandes, das heißt des Papsts. Der Kardinal Pietro Riario brachte den Tribut der Völker an Rom in Szene, wobei siebzig prachtvoll geschmückte Maultiere aufzogen. Im Jahre 1484 wurde in einem Hofe des Vatikan vor Sixtus IV. die Geschichte Constantins dargestellt. Den Triumphzug Julius Caesars gab man im Jahre 1500 dem Cesare Borgia zu Ehren auf der Navona. Zur Feier der Vermählung Lucrezias mit Alfonso von Ferrara spielte man reichdekorierte Pastoralkomödien im Vatikan und gab Szenen aus der römischen Geschichte auf dem Petersplatz; in Foligno aber wurde der Papsttochter zu Ehren das Urteil des Paris aufgeführt.

Schon solche festliche Gelegenheiten drückten Verhältnisse der Gegenwart symbolisch durch antike Gestalten aus; aber der historische Sinn schritt auch zur Dramatisierung der Zeitgeschichte fort. Den Fall Granadas feierten die spanischen Botschafter auf der Navona, wo man jene Maurenburg erstürmen sah. Zugleich ließ Raffael Riario in seinem Palast eine auf denselben Gegenstand bezügliche Szene aufführen, wozu der Sekretär Carlo Verardi den lateinischen Text in Prosa geschrieben hatte. Das Theater wurde im Hofraum improvisiert und das Stück, wie der Autor rühmt, mit dem größten Beifall aufgenommen. In den Versen des Prologs kündigte derselbe den Zuschauern an, daß er ihnen nicht erdichtete Komödien des Plautus oder Naevius darbiete, sondern wirkliche Geschichte und ein streng moralisches Schauspiel. Dieses selbst begann mit einer Unterredung des Königs Boabdil mit seinen verzweifelten Räten; Gesandte Bajazets traten auf und ermunterten zum Widerstande: sodann folgten Dialoge Ferdinands mit seinen Rittern. Handlung gab es nicht im Stück, nur Läufer und Botschafter meldeten das hinter der Szene Geschehene. Das Ganze ist sehr kindlich und roh.

Verardis Neffe Marcellinus schrieb ein lateinisches Drama Ferdinandus Servatus, welches die Rettung des spanischen Monarchen aus den Händen eines Meuchelmörders zum Inhalt hatte und im April 1492 durch denselben Kardinal Riario in Szene gesetzt wurde. In diesen kunstlosen Dialogen lag immerhin der Keim für ein kommendes Drama, obwohl sie an sich als Rückschritt selbst hinter die ältesten dramatischen Versuche der Italiener, die Tragödien des Albertino Mussato, erscheinen. Aber weder aus den geistlichen Mysterien, noch aus den Profanszenen entwickelte sich ein italienisches Nationaltheater. Es ist mehr als zweifelhaft, ob Kirche und Inquisition, welche doch das spanische Theater nicht zu hindern vermochten, oder ob die reiche Ausbildung der Festpompes, welcher doch auch die hellenische Bühne nicht erstickte, daran schuld waren, daß die italienische Renaissance es nicht zum nationalen Drama brachte. Dieser Mangel darf vielmehr in dem italienischen Volksgeiste selbst gesucht werden, dem die dramatische Vertiefung in die persönliche Leidenschaft nicht gegeben zu sein scheint. Die Renaissance verachtete auch alles Volkstümliche, sie verdrängte es durch die klassische Komödie des Plautus und Terenz.

Der antike Komödienschatz kam aus den Händen der Humanisten schnell auf die Bühnen der Fürsten, namentlich in Mantua und Ferrara. In Rom waren es wieder jene beiden Kardinalnepoten Sixtus' IV., welche lateinische Dramen aufführen ließen, und besonders machte sich Raffael Riario darum verdient. Pomponius regte diese Aufführungen an und leitete sie. Seine Akademiker traten selbst darin als Schauspieler auf. Da es kein stehendes Theater gab, führte man die Stücke an verschiedenen Orten auf, in Höfen der Häuser der Kardinäle, selbst im Hofe des Pomponius, in der Engelsburg, im Vatikan, einmal selbst auf dem Kapitol, als ein Neffe Sixtus' IV. zum Stadtpräfekten gemacht wurde. Hauptsächlich spielte man im Hof des Palasts Riarios. Die Bühne des Kardinals war tragbar, ein Gerüst ( pulpitum) von fünf Fuß Höhe, sogar mit gemalten Dekorationen. Sie war demnach der heutigen Pulcinellobühne ähnlich und konnte bald hier, bald dort aufgerichtet werden. Die Zuschauer saßen auf hölzernen Sitzreihen, vor der Sonne durch ausgespannte Tücher geschützt. So schildert ein Augenzeuge eine theatralische Vorstellung im Hofe jenes Palasts des kunstliebenden Kardinals. Aus dem Lokal ersieht man freilich, daß die Zahl der geladenen Zuschauer nur gering sein konnte. Man hoffte damals, daß der liberale Kardinal in Rom ein stehendes Theater erbauen würde, was indes ein frommer Wunsch blieb. Dagegen hatte Herkules I. in Ferrara ein Theater einrichten lassen, zu dessen Einweihung die Menächmen des Plautus in italienischer Übersetzung aufgeführt wurden.

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