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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 369
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Epigraphensammler. Dondi. Signorili. Cyriacus. Poggio. Petrus Sabinus. Laurentius Behaim. Flavio Biondo als Gründer der Archäologie. Pomponius Laetus. Die römische Akademie. Ihr Prozeß unter Paul II. Filippo Buonaccorsi. Pomponius und Platina. Wirksamkeit des Pomponius. Der Schriftenfälscher Annius von Viterbo. Die ersten deutschen Humanisten in Rom. Cusa. Peuerbach und Regiomontanus. Johann Wessel. Gabriel Biel. Johann von Dalberg. Agricola. Rudolf Lange. Hermann Busch. Konrad Celtis. Reuchlin.

Mit jener Leidenschaft des Sammelns entwickelte sich in Rom schrittweise die Altertumswissenschaft. Man kopierte Inschriften, wofür Petrarca noch kein Verständnis gehabt hatte. Schon Cola di Rienzo, dann Dondi (um 1375) sammelten solche, das gleiche tat der Senatsschreiber Signorili zur Zeit Martins V. Er fügte der Zusammenstellung der Rechte Roms eine kurze Stadtbeschreibung hinzu, deren wahrer Verfasser wohl jener Volkstribun gewesen ist. Diese Arbeiten setzte sodann Cyriacus dei Pizzicolli von Ancona fort, ein merkwürdiger Mann, welcher ursprünglich dem Kaufmannsstande angehörte und dann, von Begeisterung für das Altertum ergriffen, sich nicht wie die italienischen Humanisten mit den Denkmälern Roms begnügte, sondern den kühnen Gedanken faßte, die Monumente der antiken Welt in den weitesten Fernen aufzusuchen. Dies tat er mit einem Enthusiasmus, der nicht minder groß war als jener der ersten Entdecker klassischer Handschriften. Cyriacus hatte keine gelehrte Schule durchgemacht, aber er besaß einen lebhaft erfassenden Geist und wenigstens so viel Bildung, daß sie seinem Pilgertriebe eine festere Unterlage gab. Kein Abendländer vor ihm hat weder solchen Trieb gehabt, noch so viele und verschiedene Denkmäler der Vergangenheit mit Augen gesehen, zu einer Zeit, wo diese besser erhalten waren, als ein Jahrhundert nach ihm. Der erste Reisende aus antiquarischem Wissensdrange kam im Jahre 1424 nach Rom, wo sein Gönner, der Kardinal Condulmaro, lebte, der nachmalige Papst Eugen IV. Er durchwanderte die ganze klassische Welt, Hellas und die Inseln des Archipel, Syrien, Kleinasien, selbst Ägypten, wo er zuerst die Wunderwelt der Pharaonen mit dem Blick des Altertumsforschers angesehen hat. Überall zeichnete er Monumente, sammelte Codices und antike Kunstwerke und schrieb Inschriften ab. Die Frucht seiner Mühen war eine bänderreiche Masse von Notizen und Skizzen, die nur bruchstückweise erhalten sind; endlich eine Sammlung von Inschriften, welche in andere Syllogen übergegangen ist. Cyriacus starb in Cremona um das Jahr 1455.

Unabhängig von Cyriacus legte Poggio eine epigraphische Sammlung an. Er war es, welcher die berühmt gewordene Sylloge antiker Inschriften des Anonymus von Einsiedeln in St. Gallen auffand und von dort heimlich nach Rom entführte. Er wurde sodann der wahre Begründer der Epigraphik. Er durchsuchte die Monumente der Stadt wie der Campagna. Auch christliche Inschriften begann man abzuschreiben. Das taten schon Signorili, Traversari und Maffeo Vegio. Zur Zeit Alexanders VI. sammelte Petrus Sabinus, Professor der Eloquenz in Rom, viele christliche Inschriften, und Laurentius Behaim, Kuriale desselben Borgia vor dessen Papsttum, legte eine Epigraphensammlung an, worin er auch solche Inschriften aufnahm, welche Alexander mit Bezug auf Ereignisse der Invasion Karls VIII. in der Engelsburg hatte anbringen lassen. Auch ein Römer Giovanni Capocci machte am Ende des XV. Jahrhunderts eine Sammlung von christlichen Inschriften der Stadt.

Wir bemerkten schon, daß Poggio der erste war, welcher die Altertümer Roms mit dem Auge des Forschers ansah, und daß er um 1431 die vorhandenen Monumente kurz verzeichnete. Seither verlor die Ruinenbetrachtung den Charakter der Mirabilien, obwohl diese noch vielfach neu gedruckt wurden. Man verlangte eine Beschreibung der Altertümer auf Grundlage der klassischen Autoren, und solchem Bedürfnis entsprach Flavio Biondo, der ruhmvolle Begründer der antiquarischen Wissenschaft.

Er war im Jahre 1388 in Forli geboren. Schon in seiner Jugend durch Wissen bemerkbar, lebte er lange in Mailand und vielleicht auch in Bergamo als Sekretär des gelehrten Francesco Barbaro, Podestàs dieser Stadt, der ihm sehr befreundet war und ihm Eugen IV. empfahl. Dieser Papst rief ihn nach Rom, und ihm diente Biondo seit 1432 als Scriptor und Diplomat. Er begleitete ihn ins Exil, war sein Sekretär in Ferrara und Florenz, kehrte mit ihm zurück und verließ dann Rom im Jahre 1450, um anderswo sein Glück zu suchen, denn Nikolaus V. vernachlässigte ihn, weil Blondus nicht Griechisch verstand. Auch scheinen ihn Feinde verleumdet zu haben. Er kehrte indes im Jahre 1453 wieder, überreichte dem Papst seine Italia illustrata und ward freundlicher behandelt. Biondo lebte als eine Zierde der Stadt in würdiger Armut, die ihn jedoch nicht hinderte, seine fünf Söhne zu tüchtigen Bürgern zu erziehen. Fern vom Treiben der Humanisten bot er das schönste Bild des Gelehrtentums seiner Zeit dar. Sein Haus stand bei Monte Citorio an der Via Flaminia. Calixt III. hielt ihn hoch, nicht minder Pius II., den er nach Mantua begleitete. Er starb am 4. Juni 1463 hochbetagt. Auf der Plattform der hohen Treppe von Aracoeli ward er begraben; den Denkstein setzten ihm seine eigenen Söhne.

Blondus war wesentlich Geschichtschreiber, denn sein Hauptwerk ist die Geschichte Italiens, aber auch seine antiquarischen Schriften waren bahnbrechend. Gründlicher als irgendein Mann vor ihm hatte er sich mit dem Studium der Altertümer beschäftigt. Die Frucht davon war seine Roma Instaurata, ein nicht umfangreiches Buch, welches er Eugen IV. im Jahre 1446 überreichte. Noch planlos, noch bis zur Schüchternheit anspruchslos, ohne jede Spur des Pedantendünkels späterer Archäologen, ist es der erste Versuch einer topographischen Darstellung der Stadt Rom und der wissenschaftlichen Herstellung ihrer Monumente. Frontin und die Regionarier fanden hier ihre erste Benutzung; überhaupt war die klassische Belesenheit Biondos für seine Zeit erschöpfend. Sein Fortschritt in die wirkliche Wissenschaft ist geradezu bewundernswürdig.

Sein Buch ist außerdem voll von Notizen über den Zustand Roms in seiner eigenen Zeit. Er hatte auch Sinn für die christliche Größe der Stadt. Tadelnd sagte er am Schlusse seines Werks: »Ich bin nicht der Meinung jener, welche die Gegenwart der Stadt so ganz verachten, als ob alles Denkwürdige von ihr mit den Legionen und Konsuln, dem Senat und den Zierden des Kapitols und Palatins gewichen sei; denn noch stehen der Ruhm und die Majestät Roms auf sichern Füßen, und sie sind auf festerem Boden gegründet.« Er zählt nun die christlichen Heiligtümer der Stadt auf, und darin allein erscheint ein Zug aus den Mirabilien wieder. Sonst widmete Biondo der christlichen Archäologie keine Studien; aber sein Zeitgenosse Maffeo Vegio verfaßte eine Beschreibung des St. Peter, das erste Werk dieser Art seit Mallius und um so schätzbarer, weil der alte Dom bald darauf verschwand.

Für den König Alfonso unternahm Biondo die Italia Illustrata, eine Beschreibung Italiens nach vierzehn Regionen, ohne Süditalien und Sizilien. Dies nationale Werk ist der erste Vorläufer dessen von Cluver. Biondo gibt darin eine genaue Aufzählung der Städte mit Forschungen über ihr Altertum und selbst mit Beziehung auf ihre neuere Geschichte. Nur selten schildert er. Die Schönheit der Landschaft bewegt ihn kaum, nur der Reichtum der Natur entzückt ihn, wie das Fruchtgefilde Veronas. Er vergißt nicht, bei den einzelnen Orten ihre berühmten Männer zu nennen und bei Fürsten zu erwähnen, ob sie den höchsten Ehrentitel des »Literaten« besitzen oder nicht.

Seine letzte antiquarische Arbeit überreichte Biondo Pius II., die Roma Triumphans, worin er nicht minder eine neue Bahn betrat, nämlich Staatswesen, Religion und Sitten der alten Römer darzustellen. Dies erste Handbuch des römischen Altertums, wie man es passend genannt hat, setzte in Wahrheit ein langes Studium voraus. Der würdige Mann kannte den Wert seiner Leistungen. Er sprach es ruhig aus, daß sein Vaterland, die Romagna, außer durch den Grammatiker Johannes von Ravenna und den Grafen Alberigo von Cuneo durch ihn selbst Italien verherrlicht habe. »Denn ich«, so sagte er, »habe die Geschichte von mehr als tausend Jahren nicht allein Italiens, sondern des Römischen Reichs klar und ausführlich beschrieben und außerdem Rom restauriert und Italien illustriert, welches von so tiefem Dunkel und Irrtum bedeckt lag.«

Die Tätigkeit Biondos setzte der Kalabrese Pomponius Laetus fort, ein Bastard aus dem Hause der Sanseverini, dessen Taufname Julius war, denn seine andern Namen waren akademische. Er kam jung nach Rom, wurde Vallas Schüler, dann sein Nachfolger in der Professur der Redekunst. Ein unermeßliches Studium, so urteilte Paolo Cortese, wandte er auf die lateinische Sprache. Er lebte nur für die Wissenschaft. Man sah ihn schon im Morgengrauen, die Laterne in der Hand, schlecht gekleidet und auf Kothurnen zum Hörsaal wandern, welcher die Zuschauer nicht faßte. Bei kleiner unscheinbarer Gestalt hatte er ein rauhes und einsilbiges Wesen. Er lebte in stolzer Armut, ein Verächter der Fürstengunst. Von seinen vornehmen Verwandten wollte er nichts wissen. Die Durchdringung einer modernen Persönlichkeit mit dem Altertum war bei Pomponius so vollständig, daß in ihm Cato wiedererstanden zu sein schien. Biondo versank nicht in den Klassizismus, aber Pomponius ganz in das Heidentum. Wie einen Geist der Alten sah man ihn unter Grabmälern schweifen; der Anblick eines antiken Monuments konnte ihn zu Tränen rühren. Rom kannte er wie kaum ein Antiquar nach ihm.

Sein Haus auf dem Quirinal wurde der Sammelplatz von Schülern und Freunden, die er zu der ersten römischen Akademie vereinigte. Sie gaben sich antike Namen; der Toskaner Buonaccorsi nannte sich Callimachus Experiens, der Römer Marcus hieß Asklepiades, andere nannten sich Glaucus, Volscus, Petrejus. Bartolomeo Sachi aus Piadena und daher Platina genannt, war eines der berühmtesten Mitglieder dieser Akademie, und ihr Gönner war Bessarion. Auch die Akademien der Humanisten sind Nachbildet jener des Altertums. Sie entstanden in vielen Städten: so in Florenz die platonische der Medici, welche dann Bernardo Ruccellai, der Verfasser eines für jene Zeit ausgezeichneten Traktats De Urbe Romae, in seinen Gärten versammelte; so in Neapel die Akademie des Pontanus, in Venedig die des Aldus Manutius. Die römische war ein Verein älterer und jüngerer Gelehrter, die sich bei Pomponius oder bei einflußreichen Gönnern versammelten. Man disputierte, man las Abhandlungen vor, führte auch atellanische Possen oder lateinische Komödien auf, und man hielt einen Festschmaus. Wie die Platoniker der alten Akademie den Geburtstag ihres Meisters gefeiert hatten, so begingen die Pomponianer den Geburtstag der Stadt Rom, und diese Feier der Palilien hat sich in den Akademien der Stadt bis heute erhalten. Man beging festlich auch die Todestage berühmter Mitglieder.

Es ist merkwürdig, daß diese römische Akademie die erste päpstliche Verfolgung der Humanisten veranlaßte. Rom war ein gefährlicher Boden: freiere Geistesrichtungen trugen sich hier leicht in das politische Leben über: Valla hatte seine Kritik gegen die weltliche Gewalt des Papsts gerichtet, und auch Porcaro war Humanist. Seit der Mitte des Jahrhunderts, wo die erste rein wissenschaftliche Tätigkeit des Humanismus ihren Abschluß gefunden hatte, durchdrang das literarische Heidentum die ganze Anschauung der Zeit. Während es in der Florentiner Akademie ein griechisches Gewand trug, legte es in Rom altrömische Formen an, denn die Akademie des Pomponius vereinigte ein jüngeres Humanistengeschlecht von nationalrömischem Gepräge. Der Meister selbst war so ganz Römer, daß er nicht einmal Griechisch lernen wollte, um nicht seinen Latinismus zu schwächen. Vom Christentum war unter den Akademikern kaum eine Spur; statt der Taufnamen von Heiligen trugen sie heidnische Namen; sie disputierten über die Unsterblichkeit der Seele nach Platon. Sie verachteten die Dogmen und die hierarchischen Einrichtungen der Kirche; denn sie stammten aus der Schule des Valla und Poggius. Pomponius und Platina hielt man für Leugner der Wahrheiten des Christentums. Jener glaubte als Deist an den Schöpfer, aber er verehrte als Antiquar den Genius der Stadt Rom. Der Kultus, welchen die enthusiastischen Priester und Jünger des Altertums mit diesem trieben, verführte sie zu der akademischen Laune, ihrem Verein die Formen eines antiken Priesterkollegium oder einer klassischen Freimaurerloge zu geben, deren Pontifex Maximus der große Pomponio war, während neben ihm andere mit geringeren Priestergraden bezeichnet wurden.

Die Regierung Pauls II. argwöhnte Ketzerei und politisches Sektenwesen; sie faßte Verdacht, daß man den Heiligen Stuhl zu stürzen oder einen anderen Papst zu erheben vorhabe. Hatte nicht Pomponius in einem Briefe, welchen er aus Venedig an Platina schrieb, diesen Pater Sanctissimus angeredet? Man sprach von Korrespondenzen mit dem Kaiser, vom Gedanken an Schisma und Konzil. Diese Altertumsenthusiasten, welche auf dem Quirinal oder am Tiberufer den Göttern Griechenlands libierten, erschienen als Hochverräter, und zum ersten Mal erzitterte eine Regierung vor den Musenfesten von Jüngern der Wissenschaft. Das kleinliche Verfahren Pauls II. mit den Akademikern erinnert an die Prozesse gegen die deutsche Burschenschaft im Anfange des XIX. Jahrhunderts, nur war es weniger lächerlich und mehr entschuldbar. Denn das Papsttum erkannte unter dem nüchternen Paul II. die wirklichen Gefahren, mit denen es die reformatorische Tendenz des Humanismus bedrohte. Die Götter des Olymp schienen den christlichen Himmel stürmen, die Akademiker den Altar der Viktoria wiederaufrichten zu wollen. Gegen dieses Heidentum unternahm demnach die Kirche die erste Reaktion. Sie fühlte sich in Rom noch unsicher. Diese Stadt war von einer frivolen Jugend erfüllt, während zahlreiche Verbannte an den Grenzen Neapels lauerten. In der Nähe Roms war außerdem die weitverbreitete Sekte der Fraticellen entdeckt worden, was zu einem großen Inquisitionsprozeß geführt hatte. Schwärmerische Demagogen gehörten zur Akademie, und deren Anhänger waren auch jene Abbreviatoren, welche Paul II. so tief erbittert hatte, daß Platina ihm mit dem Konzil zu drohen wagte. Alle diese feindlichen Elemente, Heidentum, Ketzerei, Republikanismus, schienen in der Akademie ihren Mittelpunkt zu haben.

Im Karneval des Jahres 1468 verhaftete die Polizei zwanzig Akademiker: Platina wurde von der Tafel des Kardinals Gonzaga abgeholt, zuerst vor den Papst, dann in die Engelsburg geführt. Der Geschichtschreiber hat mit grimmigem Humor diesen Prozeß erzählt. Er erduldete mit seinen Leidensgefährten, worunter die Römer Quatracci und Capoccio sich befanden, sogar die Tortur; von den Seufzern der Gefolterten erscholl die Engelsburg, so sagt er, wie der Stier des Phalaris. Dies schreckliche Staatsgefängnis war damals, und wie immer, angefüllt mit Unglücklichen, mit den Ketzern aus Poli und mit Angeklagten jeder Art. Auch der Sohn des Grafen Eversus saß darin. Einige Verdächtige hatten entrinnen können; Filippo Buonaccorsi, welcher als Haupt einer mit Verbannten angezettelten Verschwörung galt, floh nach Griechenland und von dort nach Polen zum Könige Kasimir, bei dem er in hohe Gunst kam. Er starb zu Krakau am 1. November 1496, nachdem er sich als Geschichtschreiber Ungarns und als Poet berühmt gemacht hatte. Durch ihn wurde der humanistische Verkehr auch Böhmens und Polens mit Italien lebhafter, von woher schon Johann Dlugosz oder Longinus, der Geschichtschreiber Polens, um die Mitte des XV. Jahrhunderts viele alte Autoren mit sich gebracht hatte. Pomponius selbst war in Venedig, aber der ergrimmte Papst forderte ihn von der Republik und ließ ihn nach Rom bringen. Er verteidigte sich, wie Platina erzählt, mit witzigem Freimut vor dem Inquisitionstribunal. Indes sind diese Angaben nicht ganz richtig. Die Engelsburg brach vielmehr auch den Mut des Pomponius; er verfaßte im Kerker eine Verteidigungsschrift, worin er sich hauptsächlich gegen den Verdacht verbrecherischen Umgangs mit einem jungen Venetianer, seinem Schüler, rechtfertigte, dessen Schönheit er besungen hatte. Auch Sokrates, so sagte er, habe die männliche Schönheit bewundert. Man hatte ihn angeklagt, vom Papst übel gesprochen zu haben: er beteuerte, daß er dessen »ehrwürdiges Numen« stets überschwenglich gefeiert habe, zumal in Venedig, wo die göttlichen Taten Pauls II. besonders verherrlicht würden. Er bekannte, gegen die Geistlichen durch Reden sich vergangen zu haben, aber nur weil man ihm seinen Gehalt nicht gezahlt, ihn dem Elend ausgesetzt habe. Er schob alle Schuld auf die Arglist des Kallimachus, eines Schwätzers und Trunkenboldes. Die Verdächtigung seiner Unchristlichkeit entkräftigte er durch die Erklärung, daß er jährlich zu Ostern kommuniziere und daß er Distichen auf die Stationen, Reden und Gedichte über die Jungfrau und eine Epistel über die Unsterblichkeit der Seele verfaßt habe. Indem er bekannte, gefehlt zu haben, rief er endlich die Gnade des Papstes an.

Der Prozeß wurde durch die Anwesenheit des Kaisers unterbrochen, dann eifrig fortgeführt; Paul selbst kam oft in die Engelsburg und inquirierte. Aber die Schuldbeweise konnten nicht gegeben werden; viele Kardinäle, namentlich Bessarion, verwandten sich beim Papst: Pomponius wurde frei gelassen, doch Platina mußte ein Jahr lang im Gefängnisse schmachten. Dieser Geschichtschreiber der Päpste wurde durch Tortur und Todesfurcht zu kläglichen Versprechungen getrieben. Er warf alle Schuld auf Kallimachus und bekannte, wenigstens dessen Geschwätz angehört zu haben. Er schrieb demütige Briefe an den Papst und verzweifelte Bittgesuche an die Kardinäle Bessarion, Marco Barbo, Rodrigo Borgia, Gonzaga und Ammanati. Sie waren durch seine schreckliche Lage verzeihlicher als die Bittgesuche Vallas zu seiner Zeit. Der heitere Poet Campanus ermunterte Platina durch ein treffliches Schreiben zur Geduld, während wiederum dieser, selbst verzagend, die für einen Humanisten köstliche Gelegenheit benutzte, einen anderen Gefangenen in der Engelsburg durch das Beispiel alter Heroen aufzurichten: dies war der Graf Francesco von Anguillara. Als Kastellan befehligte in der Engelsburg damals Rodrigo Sanches, Bischof von Calagora, und selbst dieser wurde durch die Leiden seiner ehemaligen Freunde von der Akademie gerührt; er benutzte die Aufforderung Platinas, ihn mit einem Schreiben zu erquicken, zur Abfassung eines klassischen Trostbriefes voll von Sentenzen christlicher Ergebung, woraus dann eine lebhafte Korrespondenz zwischen diesen beiden Humanisten entstand, von denen der eine der Gefangene, der andere der Kerkermeister und Instruktionsrichter war.

Pomponius bestieg seinen Lehrstuhl wieder, nur die Akademie untersagte der Papst, denn nicht einmal im Scherz wollte er diesen heidnischen Namen hören. Erst Sixtus IV. gestattete ihre Herstellung. Friedrich III. verlieh ihr sogar ein Privilegium, welches an dem zum ersten Mal öffentlich gefeierten Gründungsfeste Roms am 20. April 1483 bei der akademischen Festtafel unter Jubel verlesen ward. Die Akademie blühte seither als ein Verein der geistvollsten Männer fort; sie zählte unter ihren Mitgliedern Bembo, Sadoleto, Vida, Castiglione, Jovius, bis die Plünderung Roms im Jahre 1527 ihr ein Ende machte.

Als Orakel der antiquarischen Wissenschaft bewundert, setzte Pomponius seine Wirksamkeit fort. Kriegsknechte verwüsteten sein Haus im Jahre 1485, aber Freunde ersetzten den Verlust; er stellte es schöner wieder her und schrieb über den Eingang Pomponii Laeti et Sodalitatis Esquilinalis. Viele Fürsten begehrten ihn, doch er zog dem Höflingsleben seinen quirinalischen Weinberg vor, welchen er, den Columella und Varro in der Hand, bewirtschaftete. Dem Klerus war er stets gram; keinem Großen Roms huldigte er, nur dem Kardinal Carvajal blieb er befreundet; auch zu Sixtus IV. stand er in freundlichem Verhältnis: er verherrlichte ihn durch Gedichte nach seinem Siege über Alfonso von Kalabrien. Der moderne Heide starb unter den ersten Greueln der ganz heidnisch gewordenen Zeit der Borgia mehr als siebzig Jahre alt in einem Hospital am 9. Juni 1498, nachdem er als Christ gebeichtet hatte, und in so großer Armut, daß er ohne Hilfe seiner Freunde nicht einmal anständig begraben worden wäre. Sein Leichenbegängnis wurde feierlich in Aracoeli begangen, wo er mit Lorbeeren gekrönt ward, unter dem Beisein von 40 Bischöfen, der fremden Gesandten und der Kurialen Alexanders VI., welcher ihm wohlwollend gesinnt war. Man begrub ihn nicht, wie er einst im Leben gewünscht hatte, in einem antiken Sarkophag auf der Via Appia, sondern in S. Salvatore in Lauro.

Zur Zeit des Pomponius war der Fund alter Autoren erschöpft; schon traten Betrüger auf, die ihre eigenen Machwerke ins Publikum brachten, wie der Antiquar Titus Annius oder Giovanni Nanni von Viterbo, welcher im Jahre 1497 nicht weniger als siebzehn von ihm erdichtete Autoren in Rom herausgab. Man machte sich an die Textkritik des Vorhandenen und besorgte bessere Ausgaben; so edierte Pomponius die Werke des Sallust, Varro, Columella, Festus, Nonnius Marcellus, und er schrieb Erläuterungen zu Virgil und Quintilian. Seine selbständigen Schriften, wenige Traktate über Einrichtungen und Gesetze des alten Rom, sind unwichtig und tief unter den Werken Biondos; auch ist ihm das sehr unbedeutende Büchlein vom Altertum der Stadt abzusprechen. Überhaupt ist die Größe des Pomponius für uns fast mythisch geworden; er wirkte mehr durch seine Lehrtätigkeit als durch seine Schriften; er selbst sagte, daß er wie Sokrates und Christus in seinen Schülern fortleben wolle. Und unter diesen zählte er Sannazar, Pontanus, Platina, Sabellicus, Andreas Fulvius, Buonaccorsi, Janus Parrhasius, Campanus, Molza, Alexander Farnese, den nochmaligen Paul III. Selbst Männer aus fremden Ländern kamen nach Rom, Pomponius zu hören; ihn lernten hier auch Reuchlin und Peutinger kennen.

Es ist der Mühe wert, den Spuren berühmter Deutscher in Rom während der Zeit des Humanismus nachzugehen, was wir bei dieser Gelegenheit in Kürze tun wollen. Der Genius Deutschlands strebte in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts mit jugendlicher Kraft aus der Barbarei empor, um bald auf denselben klassischen Gebieten mit seinen Lehrmeistern zu wetteifern. Kaum erkannten noch Italiener, welche Deutschland sahen, wie Piccolomini oder Bessarion, Carvajal und Thomas von Sarzana, die Macht des wissenschaftlichen Triebes, der sich dort regte. Unverstanden blieb für sie ein Mann wie Nicolaus Cusanus. Dieser platonische Denker, ein frühes Gestirn am wissenschaftlichen Horizonte Deutschlands, beginnt die Reihe berühmter Deutschen, die mit den humanistischen Kreisen Roms und Italiens in Verbindung traten. Er war um 1401 zu Cues bei Trier geboren, als Sohn eines armen Moselfischers; in jungen Jahren studierte er in Padua, wo Cesarini sein Gönner war. Durch ihn wurde er ans Basler Konzil berufen, und hier schrieb er sein Werk von der katholischen Konkordanz, in welchem er die Autorität des über dem Papst stehenden Konzils verfocht und die Reform der Kirche forderte. Er trat sodann, nachdem das Konzil sein klägliches Ende gefunden hatte, zum Papste über. Mit der Gesandtschaft, welche die Griechen nach Ferrara begleiten sollte, ging er nach Konstantinopel, wurde Kardinal von S. Pietro ad Vincula im Jahre 1449, Bischof von Brixen im Jahre 1450, Vikar Pius' II. in Rom im Jahre 1459, mehrmals Legat in Deutschland und starb zu Todi am 12. August 1464. Sein Grabmal sieht man noch heute in S. Pietro ad Vincula. Die Erscheinung des tiefsinnigen Fremdlings unter den Kirchenfürsten Italiens deutete auf die Zukunft hin, wo sich aus dem deutschen Volk die Kraft des reformierenden und philosophischen Geistes erheben sollte. Cusa, ein ernster, sittlich reiner Mann, lebte, auch wenn er in Rom war, nur der Wissenschaft und seinen kirchlichen Geschäften. Er blieb stets arm. In dem damals noch bescheidenen Palast bei S. Pietro ad Vincula konnte dieser Deutsche unter astronomischen und mathematischen Schriften und Figuren an Silvester II. erinnern. Auch er war wie Valla Gegner der aristotelischen Scholastik, zugleich ein Philosoph von großartiger Originalität mit Zügen von Pantheismus, wie sie später Giordano Bruno und Spinoza ausführten. Keine Wissenschaft war ihm fremd. Als Astronom behauptete schon er die Bewegung der Erde, deren Mittelpunkt Gott sei.

Bessarion kam mit Cusa durch Peuerbach in Beziehung, den Vater der neueren Astronomie, welchen er in Wien kennenlernte und für die Bearbeitung des Ptolemäus gewann. Diese übernahm Johann Müller aus Königsberg in Franken oder Regiomontanus, Peuerbachs Schüler; er ging mit Bessarion im Herbst 1461 nach Rom, wo er Georg von Trapezunt viele Fehler in der Übersetzung des Almagest nachwies und dadurch in einen heftigen Streit verwickelt wurde. Er verließ Rom und Italien im Jahre 1468, wurde dann von Sixtus IV. zur Verbesserung des Kalenders berufen, starb aber in Rom nach einem kaum jährigen Aufenthalt schon am 6. Juli 1475, sei es an der Pest oder durch Gift der rachsüchtigen Söhne Georgs. Fünfundzwanzig Jahre später nahm Rom den großen Kopernikus auf, welcher hier im Jahre 1500 Vorlesungen über Mathematik hielt.

Die Kriegs- und Pilgerfahrten der Deutschen nach dem Lande der germanischen Sehnsucht wurden jetzt zu wissenschaftlichen Wallfahrten. Wo nur eine hohe Schule in Italien blühte, fanden sich Deutsche ein, zumal seit Rudolf Agricola die klassische Literatur von dort her in Deutschland verbreitet hatte. Ein Vorläufer der Reformation, Johann Wessel aus Gröningen, studierte Griechisch in Italien, wo er Bessarion kennenlernte; er war in Rom, als Sixtus IV. erwählt wurde, mit welchem er gleichfalls schon befreundet war. Der Papst forderte den frommen Mystiker auf, sich eine Gnade auszubitten, und Wessel ersuchte ihn, sein Amt als wahrer Priester zu verwalten; dann bat er um eine griechische und hebräische Bibel aus der Vatikanischen Bibliothek. Bald nachher, am 13. November 1476, bestätigte Sixtus die neue Universität Tübingen. Ihr Gründer, Graf Eberhard, Gemahl der Barbara Gonzaga von Mantua, kam im Jahre 1482 nach Rom, begleitet von dem Scholastiker Gabriel Biel. Im Jahre 1485 kam hierher der berühmte Stifter der Heidelberger Bibliothek, Johann von Dalberg, Bischof von Worms, begleitet von Agricola. Ein Jahr später befanden sich in Rom der gelehrte Westfale Rudolf Lange und sein Zögling Hermann Busch, sodann der später berühmte Humanist, der unermüdlich wandernde Konrad Celtis, welchen Pomponius zur Stiftung der Societas Rhenana anregte und das Beispiel des Blondus antrieb, eine Germania illustrata zu versuchen. Reuchlin war mit dem Grafen Eberhard schon im Jahre 1482 in Rom gewesen. Er setzte die Römer in Erstaunen, als er den Vorlesungen des Johannes Argyropulos beiwohnte und Stellen des Thukidydes sofort im besten Latein wiedergab. Verwundert rief der griechische Professor aus: unser vertriebenes Hellas ist nun auch schon über die Alpen nach Deutschland geflohen. Auch im Jahre 1490 besuchte Reuchlin Rom, wo er sich mit Ermolao Barbaro innig befreundete. Er kam dann noch einmal dorthin im Sommer 1498 als Gesandter des Pfalzgrafen Philipp. Ein Jahr lang blieb Reuchlin in Rom, mit hebräischen und griechischen Studien beschäftigt, während er zugleich für die Heidelberger Bibliothek Erwerbungen machte. Alle diese deutschen Humanisten brachten in ihr Vaterland zurück: den Abscheu vor der moralischen Versunkenheit Roms und die Saat humanistischer Wissenschaft; und nirgends fiel diese auf einen fruchtbareren Boden als im deutschen Vaterlande.

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