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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 366
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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Sechstes Kapitel

1. Die Renaissance im XV. Jahrhundert. Verhältnis der Stadt Rom zu ihr. Wirksamkeit der Päpste. Die Entdeckung der alten Autoren. Nikolaus V. Die Vatikanische Bibliothek. Sixtus IV. Der Buchdruck kommt nach Rom. Die ersten deutschen Drucker in Rom. Aldus Manutius.

Ehe noch die Italiener zu so tiefem politischem Verfall herabsanken, erstiegen sie ruhmvoll neue Höhen der Kultur. Sie entdeckten sich als das lateinische Volk wieder, in einer Zeit, wo ihr von der germanischen Reichsgewalt befreites, von Frankreich und Spanien noch nicht angegriffenes Land das blühendste in Europa war. Ihre große Nationaltat wurde die Renaissance des Altertums, und diese lag im Erinnern wie im Bildungstriebe der lateinischen Stämme so tief begründet, daß ihre ersten Zeichen schon damals sichtbar wurden, als Karl der Große das Römische Reich erneuerte.

Die Kenntnis der Alten war nie ganz erloschen; man las zu allen Epochen eine gewisse Zahl lateinischer Autoren, und selbst in der tiefsten Barbarei brach die antike Kultur aus ihren verschütteten Quellen immer wieder hervor. Sie erschien zur Zeit der Ottonen und Silvesters II., des Johann von Salisbury und des Vincenz von Beauvais; sie erwachte unter den Hohenstaufen, bis die große Bewegung des XIV. Jahrhunderts die Umwandlung des folgenden herbeiführte. Aber trotz Dante, Cola di Rienzo, Petrarca und Boccaccio erscheint die Renaissance im XV. Jahrhundert doch wie eine plötzliche Auferstehung des Heidentums, wie eine zaubervolle, alles überwältigende Metamorphose des Menschengeistes.

Kaum drei Jahrhunderte nach dem Enthusiasmus der Kreuzzüge, bei welchem sich übrigens die Italiener ziemlich kühl verhalten hatten, ergriff erst Italien und dann das Abendland eine nicht gleich allgemeine, aber weit produktivere Begeisterung für das klassische Ideal von Alt-Hellas und Rom. Nach langer Verbannung in die Barbarei schienen die Italiener in die ihnen heimatliche heidnische Kultur zurückzukehren. Der Genius des Altertums, zu groß um im Christentum unterzugehen, vom Mittelalter nur mit Nacht verschüttet, erhob sich phönixartig aus der Asche der Vergangenheit. Die antiken Weltweisen und Dichter, dem Staube der Klöster entstiegen, kehrten als Befreier des Geistes wieder; die Götter Griechenlands kamen als Apostel des Schönheitskultus zurück, und die marmornen Helden und Bürger sprengten ihre Gräber, um jetzt als alleinige Vorbilder echter Mannestugend angestaunt zu werden.

Diese große Totenbeschwörung ist ein einziges Phänomen in der Weltgeschichte und ihr ergreifendes Zeugnis von der unsterblichen Herrlichkeit der antiken Kultur. Wird eine spätere Epoche der Menschheit solchen Triumph der Auferstehung jemals feiern können? Wir bezweifeln es; denn alle moderne Bildung ist kosmischer, ja grenzenloser Natur. Aber das klassische Altertum ist plastisch umgrenzt und erfaßbar als Individualität. Es ist noch immer die schönste Geistesblüte, welche die Erde trieb, ihr ewig erfrischender Schöpfungsfrühling, an dessen Fülle und Formenpracht kein nachfolgendes Zeitalter mehr herangereicht hat. Dessen wurde sich die Menschheit im XV. Jahrhundert durch die Vermittlung Italiens neu bewußt, und wie sie einst, während die klassische Welt abstarb, durch die moralische Macht des Christentums verjüngt worden war, so tauchte sie jetzt in dasselbe Altertum wie in eine Quelle der Verjüngung nieder; denn dies Christentum war an seinem Ideale verfälscht und zu einem ideenlosen Kultus erstarrt.

Die Kirche, einst so erhaben als Führerin der Menschheit, war in ihrem Formalismus alt geworden und bedurfte der Reform. Ihr dogmatisches Gebäude konnte das sich ausdehnende Leben der Welt nicht mehr wie im Mittelalter umfassen. Das Ideal des Menschen, welchen sie wesentlich als sündhaft und leidend, als den nach dem jenseitigen Himmel schmachtenden Asketen darstellte, genügte einer neuen Zeit nicht mehr. So hatte es noch Dante, der abschließende Dichter des Mittelalters, aufgefaßt, aber sein Begleiter durch das Geisterreich war der heidnische Virgil gewesen. Virgil, an der Schwelle des Danteschen Himmels unhöflich verabschiedet, kam jetzt mit Homer wieder, und diese alten Dichterkönige führten den Italiener des XV. Jahrhunderts mitten in den klassischen Olymp. Über dem verdüsterten Christentum der Mönche und Scholastiker schien jetzt eine heidnische Götterdämmerung farbenprächtig auszustrahlen.

Selbst in Rom sah man die antiken Götter auf Theatern oder im Festpomp der Saturnalien, die als Karnevalspiele wieder auflebten, während tote Kaiser und Konsuln ihre Umzüge hielten, als nähmen sie von Rom wieder Besitz, nachdem die Reichsgewalt germanischer Könige erloschen war. Ein neulateinisches Heldentum durchdrang die Literatur, die Künste und selbst die Sitte. Alles Christliche und Dogmatische, alles was vom Mittelalter stammte, erschien dem Enthusiasten der Renaissance barbarisch und veraltet. Selbst die Sprache Dantes galt ihm als illegitim. Die Literatur brach ihre volkstümliche Entwicklung ab; sie hüllte sich in eine purpurverbrämte Toga, in die lateinische Sprache und deren Stil. Akademien entstanden als Nachfolger jener des Platon und Cicero. Rhetoren hörte man wieder mit Entzücken wie einst in den Säulenhallen Athens und Roms. Bibliotheken wurden gesammelt wie zu der Ptolemäerzeit. Perikles und Maecenas erschienen wieder als reiche Kaufherren oder ruhmbegierige Städte-Tyrannen. Selbst die Erziehung der Familie ward klassisch. Ein Hauch antiker Urbanität durchdrang die Formen der Geselligkeit, während zugleich die gelockerte Sittlichkeit einen Grad des Verfalls erreichte wie zur Zeit des Juvenal.

Der Renaissance lag indes, trotz dieses maskenspielartigen Aufputzes, eine tiefe kulturgeschichtliche Aufgabe zugrunde. Der Latinismus, welcher einst die Welt durch die Kirche erobert hatte, bezwang sie noch einmal als ein Bildungsprinzip. Dies war der Abschied Italiens von seiner weltherrschenden Stellung überhaupt, und keinen schöneren konnte ein Land nehmen, welches Europa durch das Reich und die Kirche zivilisiert hatte, als indem es den Völkern die Schätze der Weisheit und Schönheit des Altertums wiedergab. Gerade als Europa den Protest gegen die veraltete gregorianische Kirche erhob, begann die Nationalarbeit der Italiener, ihre Aufgabe nämlich, das unfruchtbare System der Scholastik mit dem Geiste des Altertums zu durchbrechen und an die Stelle des Formelwesens der mönchischen Schule den ewigen Gehalt der antiken Wissenschaft zu setzen.

Die Renaissance war die Reformation der Italiener. Sie machten die Wissenschaft von dogmatischen Fesseln frei; ja, sie erschufen sie erst als eine europäische Macht. Sie gaben den Menschen der Menschheit und der ganzen Kultur zurück, und sie erzeugten so eine kosmische Bildung, in deren Prozeß wir noch heute stehen, deren fernere Entwicklung und Ziel wir noch nicht ahnen können. Die Wiederbelebung der Wissenschaft war der erste große Akt jener unermeßlichen moralischen Umbildung, worin Europa begriffen ist und deren bisher offenbare Epochen sind: die italienische Renaissance, die deutsche Reformation, die französische Revolution. Mit Recht heißt jene erste Epoche die des Humanismus, denn mit ihr beginnt die moderne Menschlichkeit.

Nichts ist hier merkwürdiger als das Verhältnis der Kirche zu diesem neuerstandenen literarisch-künstlerischen Heidentum. Mönche, Priester, Kardinäle begrüßten dasselbe mit Begeisterung. Päpste öffneten ihm die Pforten des Vatikan. Nachdem ihre Vorgänger die Götterbilder Griechenlands zerschlagen und die Schriften der Alten verbrannt hatten, sammelten sie jetzt deren Reliquien so andachtsvoll, wie jene einst Gebeine von Heiligen. Sie durften es tun, weil das Heidentum keine religiöse Frage mehr war. Die Kirche anerkannte dasselbe als den klassischen Schmuck der Welt und den neutralen Bildungsgrund im Reich des Wissens und der Form. War nicht die Versöhnung dieser alten Feinde, vielleicht die merkwürdigste Tatsache in der Geschichte der Kultur, zugleich ein Bekenntnis der Kirche selbst von dem unzureichenden Bildungsstoff des Christentums außerhalb der religiösen Welt? Der Fähigkeit, in das Altertum einzugehen, verdankte das Papsttum geradezu eine neue kulturgeschichtliche Größe.

In der ersten Begeisterung der Renaissance überhörte die Kirche die Frage, ob ihr selbst nicht Gefahr erwuchs, wenn sie die heidnische Bildung unbeschränkt in sich aufnahm. Diese Gefahr war unvermeidlich: denn die Götter und Weisen Griechenlands blieben, in welcher Form immer, die Gegner des Kirchentums. Die humanistische Wissenschaft trug als Revolution der Meinung und des Denkens reformatorische Elemente in sich: sie verachtete die Dogmen, sie zerstörte den Autoritätsglauben und zersetzte die frommen Überlieferungen wie die klerikalen Erdichtungen des Mittelalters durch Kritik. Die Renaissance wandte sich vom christlichen Ideale ab und stellte einen humanitären Kultus auf; sie selbst war die erste offene Befreiung der denkenden Geister von der Kirche und der erste offenbare Bruch zwischen dem Wissen und dem Glauben, ein Bruch in der Einheit des geistigen Prinzips und der christlichen Anschauung der Welt. Seither begann die zentrifugale Richtung des von der Kirche losgerissenen Menschengeistes auf das Einzelne, seine profane Zersplitterung, seine Teilung in die mühevolle Arbeit des Weltbaues, bei ewiger Sehnsucht nach einem einigenden, religiös zusammenbindenden Ideal, bei ewiger Ungenüge an dem zertrennten Leben ohne Mittelpunkt.

Konnte wohl die Kirche mitten in der Strömung der Renaissance deren unausbleibliche Folgen auch nur erkennen oder die Flut der Geister in die dogmatischen Grenzen zurückbannen? Sie selbst hatte ihre moralische Allgewalt eingebüßt. Es fanden sich zwar Päpste, welche den Humanismus bekämpften, aber andere waren selbst von ihm durchdrungen, oder sie kannten ihre halbantike Nation besser. Denn in ihren lateinischen Kreisen erzeugte die Renaissance mit der Wiedererschaffung der antiken Literatur nur die Reform der Bildung überhaupt; sie ergriff das Leben der Italiener wesentlich künstlerisch als Darstellung der schönen Persönlichkeit, während die germanische Renaissance sich in die Tiefen der Religion wandte und die Reformation der Kirche als ihre Aufgabe begriff. Eben weil sich der italienische Volksgeist einseitig in das Heidentum versenkte, befriedigte er sein Reformbedürfnis in Literatur und Kunst. Das Papsttum vermochte daher das ketzerische Gewand des Heidentums von sich und von Italien wieder abzustreifen, nachdem ihm die Renaissance dazu gedient hatte, die italienische Nation in der gefahrvollsten Zeit des Reformationsdranges zu beschäftigen, sich selbst aber durch die Aufnahme der antiken Wissenschaft mit Waffen der Zeit auszurüsten und sich in Rom einen monumentalen Glanz zu geben. Indes dieser Sieg der Kirche war nur augenblicklich; die Revolution des europäischen Geistes hat sie durch keine Bannformel bewältigt, die Einheit des religiösen Ideals nicht mehr wiederhergestellt, jenen Bruch zwischen Glauben und Wissen nie mehr zu heilen vermocht. In Italien selbst blieb nach dem Siege der Gegenreformation nur der katholische Kultus ohne Glauben und Geist bestehen, und die stumpfe Gleichgültigkeit des Volkes gegen die Religion, ein Erzeugnis sowohl der Verweltlichung der Kirche als der Renaissance, ist noch am heutigen Tage das größte Hindernis für die moralische Verjüngung des italienischen Nationalgeistes.

Es ist die Aufgabe der Literaturgeschichte darzustellen, wie schnell das Genie der Italiener die Wissenschaft der Alten und ihre Sprache wieder herrschend machte. Wir haben es hier nur mit Rom zu tun. Rom erscheint zunächst in demselben Verhältnis wie andere Städte, wo sich Talente sammeln und Schulen bilden. Denn seit dem XV. Jahrhundert gab es in Italien keinen bedeutenden Ort, wo das nicht geschah. Mäzene waren selbst die Tyrannen wie im Altertum und aus denselben Gründen. Am Hofe des letzten Visconti, wie an dem Sforzas glänzten Decembrio, Filelfo, Barziza, Simoneta, Crivelli als Redner, Geschichtschreiber, Dichter und Philologen. In Ferrara erzeugten die Este eine wissenschaftliche Blüte, seitdem Nikolaus III. Guarino von Verona dorthin berief. In Mantua stiftete Vittorino da Feltre unter dem Schutz des Gianfrancesco Gonzaga sein berühmtes Erziehungsinstitut. In Urbino sammelte Federigo die kostbare Bibliothek. Selbst ein Tyrann wie Sigismondo Malatesta beförderte die Wissenschaft; selbst kleine Dynasten wie Alessandro Sforza und sein Sohn Costanzo in Pesaro waren Gönner edler Bildung. Venedig tat wenig dafür von Staats wegen, aber die Verbindung mit dem Orient machte diese Stadt zur ersten Herberge wandernder Griechenlehrer, und einzelne Edle, wie Carlo Zeno, die Correr, die Giustinian und Barbaro, wurden auch dort die Pfleger der Humanität. In Neapel nahm Alfonso die Tätigkeit des Königs Robert wieder auf.

Nur in Florenz stand die Wissenschaft nicht im Tyrannendienst, sondern in dem der Republik und deshalb der ganzen italienischen Nation, deren geistiger Mittelpunkt eben jene Stadt war. Im ersten Drittel des XV. Jahrhunderts entstand der große Florentiner Literaturverein, eine Musenrepublik von so allseitiger Wirksamkeit, wie sie selten ein einzelner Ort ausgeübt hat. Dort glänzten Bruni, Poggio, Niccoli, Alberti, Marsuppini, Traversari, Manetti, Florentiner oder doch Toskaner. Zugleich wurden fremde Gelehrte berufen, wie Guarino, Filelfo, Aurispa, Georg von Trapezunt und Argyropulos. Mitsammen entfaltete sich dort die lateinische und die griechische Literatur.

Florenz teilte sein wissenschaftliches Leben Rom mit. Denn die römische Kultur war wesentlich florentinisch, und in einem mediceischen Papst erreichte sie ihren Höhepunkt. Sie entwickelte sich langsam, nachdem sich das Papsttum hergestellt hatte. Päpste selbst und Kardinäle wurden ihre Mäzene, während der römische Adel ganz davon zurücktrat. So stand die humanistische Bildung in Rom nicht auf dem Boden des Volks, sondern sie war und blieb von auswärts eingeführt.

Schon während des Schisma nahm die Kurie toskanische Humanisten als Sekretäre auf; der erste, welcher diese Stellung erhielt, war Zanobi da Strada im Jahre 1359 unter Innocenz VI. Dann berief Urban V. Francesco Bruni aus Florenz zum päpstlichen Sekretär nach Avignon. Martin V. fand als solchen schon Poggio vor. Dieser Papst glänzte freilich nicht als Protektor der Humanität, aber unter seinen Kardinälen gab es gebildete Männer, die mit den Florentinern in Verbindung standen: so Albergati, Cesarini, Jordan Orsini, Capranica.

Mehr Aufschwung nahm der wissenschaftliche Trieb unter Eugen IV. Die Kurie saß lange in Florenz, und die Unionskonzile verbanden sich auch mit dem Griechentum. Bessarion wurde unter Eugen IV. Kardinal. Poggio, Biondo und Maffeo Vegio, Aurispa und Perotti waren die Sekretäre dieses Papsts. Der elegante lateinische Stil wurde fortan ein wichtiges Erfordernis für die römische Kanzlei. Die Bedeutung Roms zog bald Scharen von Gelehrten hierher. Die Kurie bot ihnen einen Sekretariat, Aussicht auf Beförderung in der Prälatur, ersprießliche Verbindung mit Kardinälen und Einfluß in einer Zeit, wo ein Latinist oder Gräzist ein bewunderter Mann und ein entdecktes oder neuverfaßtes Buch ein Ereignis war.

Auch eine feste Stellung fanden die Humanisten in Rom, seitdem hier die Universität erneuert war. Eugen IV. verlegte sie seit 1431 aus Trastevere nach S. Eustachio zurück, stellte ihre Fakultäten wieder her und wies ihr eine Jahresrente zu. Ihr bedeutendster Lehrstuhl wurde der für lateinische Redekunst, wozu schon Eugen Georg von Trapezunt berief. Außerdem lehrten auch das Recht berühmte Professoren wie Antonio Roselli, Lodovico Pontano und die Römer Andrea Santa Croce und Antonio Caffarelli. Fremde besuchten diese Universität; Pico von Mirandola forderte dort die gelehrte Welt zur Disputation über seine prahlerischen Thesen auf. Sehr viel tat für sie Alexander VI., der ihr auch neues Gebäude aufführen ließ.

Schon unter Nikolaus V. entfaltete die humanistische Wissenschaft in Rom ihre vollste Tätigkeit. Dieser Papst kam aus der Florentiner Gelehrten-Republik hervor, und Cosimo Medici, einst sein Mäzen, wurde auch das Vorbild seines eigenen größeren Mäzenats in Rom. Aus dieser für geistiges Leben nicht fruchtbaren Stadt wollte er gleichsam über Nacht ein neues Athen oder Alexandria machen, was ihm freilich nicht gelang. Aber seine fieberhafte Ungeduld brachte doch preiswürdige Erfolge hervor. Kein schöpferisches Genie, war er nur ein leidenschaftlicher Sammler wissenschaftlichen Materials, und darauf kam es gerade damals am meisten an. Sein edles Bemühen hatte den Zweck: eine große Bibliothek zu stiften und die griechische Literatur durch Übersetzungen zu verbreiten. Die jugendliche Begeisterung des Entdeckungstriebes jener Zeit ist ganz wunderbar; der Mensch des XV. Jahrhunderts suchte, entdeckte und erfand zugleich. Er grub das echte Gold der Wissenschaft aus dem Schutte auf; er suchte nach Bildwerken, den Inschriften und Pergamenten des Altertums, aber zugleich nach unbekannten Inseln und Küsten im Ozean. Welchen weiten Weg hatte er von jenen Zeitaltern zurückgelegt, wo Päpste und Fürsten ihre Agenten in die Welt schickten, um heilige Fossile für ihre Mumienkabinette aufzutreiben und mit Golde aufzuwägen. Jetzt zog man aus vermodernden Klosterbibliotheken jubelnd lateinische Autoren ans Licht; jetzt rettete man aus byzantinischen Klöstern die von den Türken bedrohten griechischen Klassiker ins Abendland, wie einst im Bilderstreit dorthin byzantinische Heiligenbilder geflüchtet waren.

Schon in Petrarca war dieser Entdeckungstrieb erwacht; er selbst hatte im Jahre 1345 zu Verona Briefe Ciceros aufgefunden; doch erst das Konzil in Konstanz, diese Grenzscheide zweier Epochen, gab jener Tätigkeit den mächtigsten Anstoß. Hier ist der Ruhm Poggios, des glücklichsten Schatzgräbers, unsterblich geworden. Als päpstlicher Scriptor benutzte er seinen Aufenthalt in Konstanz zu literarischen Entdeckungsreisen, wobei ihn seine Freunde Cencio Rustici und Bartolomeo von Monte Pulciano begleiteten. Es gereicht Deutschland zur Ehre, daß es zum Teil seine Klöster waren, wo die Handschriften der Klassiker, die fleißigen Arbeiten von Mönchen älterer Zeit, für den Finder verwahrt lagen. In St. Gallen fand Poggio den fast vollständigen Quintilian. Nach und nach zog er ans Licht Silius Italicus, Lucrez, Statius, Manilius, Valerius Flaccus, Columella, viele Reden Ciceros, Frontin, Ammianus, Vitruv und eine Reihe von Grammatikern. Der Florentiner Niccoli und der Venetianer Francesco Barbaro ermunterten ihn mit aufopfernder Begeisterung. Die lateinische Welt geriet in freudigen Aufruhr; in Abschriften verbreiteten sich diese entdeckten Schätze durch Italien. Mäzene in Florenz, in Mailand und Venedig schickten ihre Agenten aus, Handschriften zu erwerben. In Rom sammelten solche einige Kardinäle wie Jordan Orsini, Prospero Colonna und Capranica. In deutschen Klöstern forschte Bartolomeo und fand den Vegetius. Vergebens suchte man den ganzen Livius und Tacitus. Es war ein Ereignis, als ein deutscher Mönch, Nikolaus von Trier, im Jahre 1429 einen Codex nach Rom brachte, welcher außer vier schon bekannten zwölf noch nicht bekanntgewordene Komödien des Plautus enthielt. Ihn erstand der Kardinal Jordan Orsini als den größten Schatz seiner Bibliothek neben einer Handschrift des Ptolemäus, die er an sich gebracht hatte.

Mit gleichem Eifer wurde im Orient nach griechischen Handschriften gesucht. Am Anfange des XV. Jahrhunderts reisten drei junge Italiener nach Griechenland, dessen Sprache zu erlernen: Guarino, Aurispa und Filelfo. Sie brachten von Konstantinopel mehrere hundert Codices zurück, Geschichtschreiber, Kirchenväter, Dichter, Philosophen. So kamen Demosthenes, Lukian, Cassius Dio, Xenophon, Strabo, Diodor, Plato und die Platoniker nach Italien.

Gefundene Autoren wurden von Gelehrten mit Leidenschaft abgeschrieben. Die Kunst des Entzifferns und des Schreibens stand gleich hoch im Wert. Der kopierende Mönch des Mittelalters konnte sich Zeit lassen, denn er schrieb für sein Kloster; aber auf die Arbeit des Kopisten kurz vor der Einführung des Buchdrucks wartete mit Ungeduld die literarische Welt. Poggio kopierte den Quintilian in zweiunddreißig Tagen, und Blondus war stolz darauf, daß er zuerst als junger Mann »mit wunderbarem Feuereifer« den Brutus Ciceros aus einem Codex zu Lodi abschrieb, dessen Auffindung unglaubliches Aufsehen gemacht hatte. Niccoli, ein unbemittelter Privatmann, aber Günstling der Medici, kopierte zahllose Bücher, nicht minder Nikolaus V., ehe er Papst ward. Scharen von Kopisten wurden überall beschäftigt, wo man Büchersammlungen machte, wie in Florenz, Urbino, Pesaro und in Rom. Für den Markgrafen von Urbino arbeiteten in vielen Städten Italiens dreißig bis vierzig Schreiber zugleich.

Nikolaus V. machte den Vatikan zu einer Kopistenfabrik; selbst auf seinen Reisen folgte ihm das Heer kunstgeübter Abschreiber oder Librarii, worunter sich viele Deutsche und Franzosen befanden. In den acht Jahren seines Pontifikats bedeckte er Rom mit Büchern und Pergament; man verglich ihn mit Ptolemäus Philadelphus. Der Fall von Byzanz erschreckte ihn als Papst, aber er zog aus ihm Vorteil als Büchersammler, denn alsbald schickte er Agenten nach Griechenland, Handschriften aufzukaufen. Viele Codices wurden so durch ihn mit großem Kostenaufwand herübergeschafft; »so daß Griechenland nicht untergegangen, sondern nach Italien, einst im Altertum Magna Graecia genannt, durch diese Liberalität des einen Papsts herübergewandert zu sein schien.« Für ihn reiste Albert Enoche aus Ascoli nach Frankreich, nach Deutschland und bis nach Preußen. Er brachte den Sueton De viris illustribus und die Germania des Tacitus wieder nach Italien zurück. Die Helfer des Papsts für den Bücherbetrieb waren der Florentiner Buchhändler Vespasiano und Niccolò Perotti, Sekretär des gleich eifrigen Sammlers Bessarion; doch war damals der Fund aller bedeutenden Autoren schon getan, und nur wenig Neues, wie unter andern Apicius und Porphyrions Scholien zum Horaz kamen ans Tageslicht.

Der Tätigkeit des Kopierens ging derselbe Eifer des Übersetzens zur Seite. Dies war die edelste Leidenschaft des Papsts, und ihr verdankte das Abendland die Bekanntschaft mit einer großen Zahl griechischer Autoren. Damals zuerst wurden Herodot und Thukydides, Xenophon, Polybius und Diodor, Appian, Philo, Theophrast und Ptolemäus der Wissenschaft zugänglich gemacht. Auch übertrug man Schriften des Aristoteles und Plato aus dem Urtext ins Lateinische, nachdem sie in der Zeit der Hohenstaufen meist nur durch Vermittlung arabischer Texte hie und da bekannt geworden waren. Mit unbeschreiblicher Lust schöpfte man die hellenische Weisheit aus den Quellen selbst.

Griechen wie des Griechischen kundige Italiener arbeiteten für Nikolaus V. Den Thukydides und Herodot übersetzte Valla, die Cyropädie und den Diodor Poggio; Perotti den Polybius, wofür ihm der Papst fünfhundert neue Dukaten schenkte. Guarino erhielt für Strabo tausend Scudi. An Aristoteles, den schon Leonardo Bruni zu übersetzen angefangen hatte, gingen Theodor Gaza und Georg von Trapezunt, welcher auch die Gesetze Platos und den Ptolemäus übersetzte. Decembrio übertrug den Appian. Auch Homer, von welchem Leonzio Pilato einst die erste Übersetzung in Prosa für Boccaccio gemacht hatte, sollte ein würdiges lateinisches Gewand haben. Nikolaus V. bot für eine metrische Übersetzung hohe Preise; doch niemand leistete eine der Unsterblichkeit werte Aufgabe, außer daß ein römischer Dichter Orazio Teile der Ilias übertrug. Filelfo, welchem der Papst 10 000 Goldstücke und andern reichen Gewinn für ein solches Werk verhieß, wurde durch den Tod des großen Mäzen verhindert, sich aus Mailand nach Rom zu begeben.

Die Sammlung von Handschriften führte zur Anlage neuer Bibliotheken. Nikolaus selbst hatte, ehe er Papst wurde, die erste öffentliche Bibliothek in Florenz geordnet, nämlich die aus achthundert Bänden bestehende Sammlung, welche Niccoli seiner Vaterstadt hinterließ, Cosimo übernahm und in S. Marco im Jahre 1444 aufstellte. In Rom war es mit Büchersammlungen schlecht bestellt. Traversari fand hier im Jahre 1432 nichts Bemerkenswertes weder in der Bibliothek des Kardinals Orsini, noch in S. Cecilia, noch in der päpstlichen und in der des St. Peter. Er fand die griechische Abtei Grottaferrata kläglich verfallen und die dortigen Handschriften halb vermodert. Cincius wagte nicht, über die Verwahrlosung der Bibliothek in St. Gallen zu klagen, weil die Büchersammlungen Roms zerstört wurden, um auf den Pergamenten Veronikabilder zu malen. Die alte lateranische war untergegangen, oder sie bildete einen dürftigen Teil des Bücherschatzes, welcher nach Avignon gebracht worden war. Erst Nikolaus V. erwarb sich auch dies hohe Verdienst, daß er die päpstliche Bibliothek neu erschuf. Er vermehrte den von Eugen IV. übernommenen Bestand um viele Handschriften und stellte diese kostbare Sammlung in einem Saal des Vatikan auf. Nichts machte ihm größere Freude, als diese in roten Samt gebundenen Bücher dort zu mustern. Zum Kustos seiner Bibliothek ernannte er Giovanni Tortelli von Arezzo, den Verfasser der Schrift De Ortographia.

Die Vatikanische Büchersammlung fand nicht die gleiche Pflege unter seinem Nachfolger. Calixt III. achtete sie so wenig, daß er griechische Codices dem Kardinal Isidor schenkte, von vielen Büchern aber die goldenen und silbernen Beschläge abreißen ließ; so behaupteten wenigstens die Anhänger Nikolaus' V. Bessarion und Filelfo erhoben laute Klage. Erst der gelehrte Sixtus IV. nahm zu seinem Ruhm den Gedanken Nikolaus' V. wieder auf: er übertrug im Jahre 1475 die Bibliothek in ein neu eingerichtetes Lokal von vier Sälen zu ebener Erde. Hier blieb sie, bis Sixtus V. die neuen Säle einrichtete, die prachtvollsten und würdigsten, welche überhaupt die Welt für eine Büchersammlung besitzt. Sixtus IV. vermehrte die Bibliothek durch neue Erwerbungen, wobei ihm seine gelehrten Sekretäre Platina, Jakob von Volterra, Leonardo Dati, Domizio Calderini, Sigismondo Conti und Mattia Palmieri behilflich waren. Er setzte ihr eine Rente aus und übergab sie dem öffentlichen Gebrauch. So wurde er der zweite Gründer der Vatikanischen Bibliothek. Zu ihrem Bibliothekar machte er den unermüdlichen Beförderer des Buchdrucks in Rom, Gianandrea de Bussi, und im Jahre 1475 Platina. Man sieht in der Vatikanischen Gemäldegalerie noch das Freskobild Melozzos, welches ursprünglich auf einer Wand der Sixtinischen Bibliothek gemalt war: es stellt Sixtus IV. zwischen zwei Kardinälen dar, während der Bibliothekar Platina vor ihm kniet, auf Distichen zum Lobe des Papsts weisend. Außerdem ernannte Sixtus noch zwei Kustoden und drei Skriptoren für das Lateinische, Griechische und Hebräische. Im Raum der Bibliothek ließ er auch das geheime Archiv verwahren, dessen erster Begründer in neuer Gestalt er ebenfalls gewesen ist. Dieses Archiv bestand damals nur aus drei Schränken und vier Kisten von Zypressenholz, worin Regesten der Päpste und Originalurkunden lagen. Paul II. ließ es in die Engelsburg bringen, wo es, immerfort vermehrt und vervollständigt, bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts verblieb. Nach dem Tode Platinas wurde Bartolomeo Manfredi Bibliothekar; diesem folgte im Jahre 1484 Cristoforo Persona, Prior von S. Balbina, welcher die Geschichtswerke des Procopius und Agathias übersetzte.

Kaum waren die literarischen Schätze des Altertums wieder entdeckt, so trat wie mit Naturnotwendigkeit eine der wichtigsten Erfindungen des Menschengeistes ins Leben. Die Buchdruckerkunst war das große Werkzeug, welches die humanistische Bildung in der Welt verbreitete und aus dem engen Kreise des Gelehrtentums auf das Volk übertrug. Die mechanischen Typen, welche die Gedanken auf das Papier bannten, zerbrachen zugleich die Ketten des Geistes; erst durch die Buchdruckerkunst riß er sich vom Mittelalter los. In Kopistenoffizinen waren bisher die Bücher mühsam angefertigt worden. Es galt schon als etwas Unerhörtes, daß Vespasiano für Cosimo durch fünfundvierzig Schreiber in zweiundzwanzig Monaten zweihundert Bände liefern konnte. Die Abschriften waren teuer; fünfundzwanzig bis vierzig Goldgulden kostete eine Bibel; zehn Dukaten verlangte man für das Bändchen der familiären Briefe Ciceros. Poggio ließ sich von Lionello d'Este die Briefe des Hieronymus mit hundert Goldgulden bezahlen und empfing vom Dichter Beccadelli hundertzwanzig Dukaten für einen Livius, den er selbst geschrieben hatte.

Nun kam der deutsche Buchdruck nach Rom unter Paul II., und die Ewige Stadt oder zunächst Subiaco darf sich der ersten Druckereien rühmen, welche außer Deutschland entstanden sind. Aus der Mainzer Offizin wanderten drei Drucker, Konrad Schweinheim, Arnold Pannartz und Ulrich Hahn im Jahre 1464 oder spätestens 1465 nach Rom, wohin sie Drucke, Typen und Arbeiter mit sich führten. Vielleicht waren sie vom Kardinal Cusa nach Rom gezogen, aber dieser ihr Landsmann starb schon am 12. August 1464. Die Wanderreise jener schlichten Männer war eine der segensreichsten deutschen Romfahrten. Es war mehr als Zufall, daß sie sich gerade nach Rom wandten, wo Nikolaus V. die reiche Bibliothek gestiftet und so viele Autoren hatte übersetzen lassen. Diese Handschriften schienen eben nur auf die Drucker zu warten, und außerdem gab es Gelehrte genug, welche die Durchsicht des Texts besorgen konnten. Aber die Deutschen fanden zuerst keinen Protektor in der Stadt, wo der Eifer Nikolaus V. erloschen war. Es schien, als ahnte die Kurie, daß diese unscheinbaren Meister gefährlichere Revolutionäre und größere Romstürmer seien, als es je die Hohenstaufen gewesen waren. Die Drucker, arm und mittellos, suchten ein Unterkommen im Kloster Subiaco, welches von vielen deutschen Mönchen bewohnt und dessen Komtur der gelehrte Torquemada war. Diese Mutterabtei des um die Wissenschaften so verdienten Benediktinerordens gab den ersten deutschen Druckern zu ihrem ewigen Ruhm ein Asyl. Konrad und Arnold druckten hier im Jahre 1465 zuerst den kleinen Donatus, dann Cicero De Oratore und Lactantius De divinis institutionibus, im Jahre 1467 Augustinus De Civitate dei.

Ulrich Hahn aus Ingolstadt trennte sich von seinen Genossen und ging nach Rom, wo sich Torquemada des sehr gewandten Druckers zur Herausgabe seiner Meditationen bediente, die er mit Holzschnitten verzieren sollte. Dies erregte die Eifersucht jener andern Künstler: auch sie gingen im Jahre 1467 nach Rom, und hier boten ihnen die Brüder Pietro und Francesco Massimi in ihrem Palast das Lokal für ihre Offizin. Dieses römische Geschlecht, welches von den alten Maximi abstammen will, hat ein sonderbares Schicksal in der Geschichte Roms zu einem fast tatenlosen Dunkel verdammt; aber noch heute erntet es in der Erinnerung der Nachwelt den Dank für das Asyl, welches es jenen deutschen Druckern gab. Sie druckten dort zuerst die Briefe Ciceros.

Rom bestaunte diese Fremdlinge mit den unaussprechlichen Namen, wie sie im uralten Hause der Maximi ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Sie verbanden sich bald mit dem Mailänder Gianandrea de Bussi, einem Schüler Vittorinos. Der treffliche Mann war in der bittersten Armut nach Rom gekommen, in die Dienste Cusas getreten, sodann von Paul II. zum Bischof von Aleria in Korsika gemacht worden, bis ihn Sixtus IV. zum Bibliothekar ernannte. Der unermüdliche Gelehrte versah in der Druckerei jener Deutschen das schwere Amt eines Korrektors der Texte. Unter seiner Aufsicht erschienen zum erstenmal, und passend in Rom, Livius und Virgil im Druck. Auch schrieb er zu jedem Werk eine Vorrede oder Widmung an Paul II. oder an Sixtus IV. Er starb am 4. Februar 1475. Dem Ulrich Hahn leistete noch bessere Dienste Gianantonio Campanus, Bischof von Teramo. Mit diesen Korrektoren begann die wissenschaftliche Textkritik. Als Campanus im Jahre 1470 nach Deutschland ging, gewann Hahn als Korrektor den Messinesen Johannes de Lignamine, den Leibarzt Sixtus IV. und Herausgeber vieler Autoren. Er ließ in seinem eigenen Hause drucken. Denn die Herausgabe von Büchern wurde jetzt ein einträgliches Geschäft. Hahn machte Glück; er vervollkommnete die Typen, achtete auf Interpunktion und wandte zuerst den Holzschnitt an. Seit dem Jahre 1477 verschwindet seine Spur.

Minder glücklich waren Schweinheim und Pannartz. Mehr und mehr Drucker wetteiferten mit ihnen, während die Menge des Druckbaren sich erschöpfte. Niemand wollte mehr kaufen, so daß der Preis der Bücher sank. Im Jahre 1472 gerieten beide in solche Not, daß Bussi in ihrem Namen eine rührende Bittschrift an Sixtus IV. aufsetzte, worin sie den Papst um Unterstützung baten, denn ihr Haus sei von Druckbogen angefüllt, aber von jeder andern Habe leer. Ihr Hilferuf scheint keinen Erfolg gehabt zu haben; Konrad trennte sich von Arnold im Jahre 1473, indem er sich der Chalkographie zuwandte und die geographischen Tafeln des Ptolemäus für dessen Ausgabe durch Domizio Calderini besorgte. Über dieser Arbeit starb er im Jahre 1476. Arnold druckte noch bis zu demselben Jahre, nach welchem nichts mehr von ihm gehört wird.

Außer den drei ältesten Druckern gab es in Rom im XV. Jahrhundert noch viele andere deutsche Typographen. Einige waren ursprünglich mit jenen verbunden gewesen, wie Hans von Laudenbach und Georg Lauer von Würzburg. Mit Hahn arbeitete auch ein Italiener, Simon Nicolai de Luca, erst sein Lehrling, dann sein Genosse. Beide druckten im Haus de Taliacoxis beim Palast S. Marco. Lauer, für welchen Pomponius Laetus und Platina Korrektoren waren, hatte seine Offizin im Kloster S. Eusebio. Die Drucker wanderten mit ihren Pressen bald in dieses, bald in jenes Haus, wo immer sie Beschäftigung fanden. Selbst das Kapitol findet sich einmal als Druckort genannt. Adam Rot, Leonhard Pflügel aus Sachsen, Georg Saschel aus Reichenhall und sein Genosse Golsch, Josef Gensberg, Wendelin von Weil, Hanheymer und Scheurener, Guldenbeck aus Sulz, Johann Reinhardt, Arnold Bukink, Eucharius Frank oder Silber aus Würzburg, Stefan Plank aus Passau, Johannes Besiken und Sigismund Mayer waren die tätigsten Drucker zu Rom in dem letzten Tricennium des XV. Jahrhunderts, und namentlich die vier zuletzt genannten, deren Drucke bis in den Beginn des XVI. reichen.

Diese Kolonie emsiger Deutscher war demnach in der schrecklichsten Zeit des Papsttums in Rom tätig. Während die Römer auf das Vaterland dieser Männer noch mit Geringschätzung blickten, ahnte wohl niemand, ahnte auch jener burleske Spötter über die deutsche Barbarei, Campanus, nicht, daß auf die Tätigkeit der Drucker bald die der deutschen Reformatoren folgen und daß die Heimat der Buchdruckerkunst einst auch in der klassischen Philologie Italien übertreffen sollte. Deutscher Kunstfleiß besorgte seit 1465 die ersten Editionen lateinischer Dichter und Prosaiker; denn diese überwogen im Katalog der ersten römischen Drucke, wonach ihre Ausgaben seltener wurden. Man druckte auch Kirchenväter und die Vulgata, deren erster römischer Druck von Schweinheim und Pannartz ins Jahr 1471 fällt. Von Übersetzungen aus dem Griechischen wurden zuerst Chrysostomus De regno und die Biographien des Plutarch im Jahre 1469 gedruckt; sodann Apuleius, Hesiod, Strabo, Ptolemäus, Polybius, die Ethik des Aristoteles und Herodot. So verbreitete sich die segensreiche Frucht der Mühen Nikolaus V. durch die Presse schnell in der Welt. Der erste Versuch der Übersetzung Homers vom römischen Dichter Nicolaus de Valle erschien im Jahre 1474. Die Reime Petrarcas waren zum erstenmal im Jahre 1473 gedruckt worden. Die Presse benutzten aber auch lebendige Gelehrte für ihre eigenen Werke: so ließ zuerst Torquemada seine Betrachtungen über die Gemälde in S. Maria sopra Minerva schon im Jahre 1467 drucken. Im Jahre 1471 wurden die Elegantien Vallas, 1473 die Rudimenta Perottis, 1474 die Italia Illustrata und Roma Instaurata des Blondus gedruckt.

Deutsche führten den Buchdruck seit 1469 auch in Venedig und Mailand ein, und in zwanzig Jahren zählte man schon mehr als dreißig italienische Städte, wo gedruckt ward. Aber diese Kunst, ohne Tinte und Griffel, wie die ersten Drucker in Rom mit Stolz rühmten, Bücher zu schaffen, gewann trotzdem nur langsam Boden. Man verachtete sie als ein Handwerk, welches nur Bücher ohne Schmuck liefere. Und wie dürftig erschienen nicht diese gegenüber den Handschriften, die der Miniaturmaler mit Bildern und arabeskenreichen Initialen ausgestattet hatte. Federigo von Urbino, der so viel kostbare Handschriften der Art sammelte, würde sich geschämt haben, ein gedrucktes Buch zu besitzen. Die wunderbare Kunst Gutenbergs kämpfte länger als ein halbes Jahrhundert wie eine revolutionäre Neuerung von Proletariern mit der legitimen adeligen Schreibekunst, und diese, gerade damals zu hoher Schönheit ausgebildet, konnte als Zeugen ihres künstlerischen Wertes die lange Reihe herrlicher mit Originalbildern gezierter Handschriften aufweisen, welche vom vatikanischen Virgil und Terenz bis weit über das Pontificale der Bibliothek Ottoboni und die lateinische Prachtbibel jenes Herzogs von Urbino hinausreichten. Diese alte edle Kunst ging nun durch die neue Erfindung unter.

In Rom selbst hatte die Buchdruckerei nur die Gelehrten für sich, sonst die Gleichgültigkeit der Menge, selbst einiger Päpste gegen sich. Man mag sich vorstellen, wie groß auch der Brotneid der Kopisten war. Diese freilich wurden durch den Buchdruck noch nicht außer Tätigkeit gesetzt, denn das Abschreiben wie der Handel mit Abschriften dauerte in Rom fort. Seit 1479 verfiel hier die Typographie, wozu die politischen Verhältnisse mitwirkten, bis sie unter Julius II. und Leo X. wieder auflebte. Die großartige Wirksamkeit des Aldus Manutius (seit 1494 bis 1515) gab nämlich dem Eifer für die Buchdruckerkunst neues Leben. Dieser berühmte Reformator des Buchdrucks und Herausgeber lateinischer wie griechischer Autoren nach Regeln der Textkritik gehört durch seine Tätigkeit Venedig, aber durch seine Geburt dem römischen Landgebiet an. Denn er war im Jahre 1449 zu Bassiano, einem Kastell der Gaëtani, geboren, machte seine ersten Studien in Rom unter Gaspar von Verona und Domitius Calderinus und nannte sich stets voll Stolz: Aldus Romanus.

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