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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 365
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Ludwig XII. in Oberitalien. Die Feinde der Borgia und Cesare eilen zu ihm. Abfall seiner Condottieri. Er überlistet sie. Der Papst setzt den Kardinal Orsini fest. Cesare in Umbrien. Die Kapitäne Orsini hingerichtet. Cesare vor Siena. Aufstand der lateinischen Barone. Cesare im Patrimonium. Der Kardinal Orsini vergiftet. Cesare in Rom. Caere kapituliert. Johann Jordan schließt Vertrag. Der Kardinal Michiel vergiftet. Spannung Frankreichs mit dem Papst. Consalvo vernichtet die Franzosen in Neapel. Unterhandlung der Borgia mit Spanien. Sturz Trochios. Kardinalsernennung. Die französische Armee bricht gegen Neapel auf. Ende Alexanders VI. August 1503.

Unterdes riefen die Vorgänge in Neapel Ludwig XII. nach Italien zurück; denn dort war der Kampf zwischen Frankreich und Spanien um den Alleinbesitz der frevelhaft geteilten Beute ausgebrochen. Als der König am Ende Juli 1502 in Asti eintraf, eilten klagend zu ihm viele Herren Italiens, Feinde oder Opfer der Borgia. Auch der Kardinal Orsini entwich aus Rom, sich zu ihm zu begeben. Der Monarch lieh ihnen Gehör, aber zu ihm eilte auch Cesare, nachdem er sich zuvor mit seinem Vater in Rom besprochen hatte. Er traf ihn zu Mailand im August. Hier gewann er mit unwiderstehlicher Kunst den Kardinal Amboise, der schon auf die Tiara hoffen mochte, und endlich auch den König selbst, den er bis Genua begleitete.

Die Absichten des Herzogs auf Bologna, der Argwohn über die Pläne des Papsts, welcher die Orsini aus dem Lager Cesares nach Rom zu locken suchte, erschreckten alle jene kleinen Tyrannen, bisher Verbündete oder Condottieri Cesares, dem sie so sinnlos ihre Waffen zum Sturz Montefeltres und Varanos geliehen hatten. Sie sagten sich, daß sie einer nach dem andern erliegen würden, wenn sie nicht gemeinschaftlich ihre Rettung versuchten. Die Orsini, Karl, Bastard des Virginius, Paul, Sohn des Kardinals Latinus, der Kardinal Giambattista selbst, Francesco, Herzog von Gravina, Vitellozzo Vitelli, Oliverotto, der gräßliche Tyrann Fermos, tückischer Mörder seines Oheims und Wohltäters, Giampolo Baglione von Perugia, Pandolfo Petrucci von Siena, der Bentivoglio von Bologna beredeten sich in Person oder durch Boten in La Magione bei Perugia. Sie vereinigten ein Heer von 10 000 Mann und erhoben plötzlich die Waffen wider Cesare. Bei Fossombrone wurde sein Hauptmann Ugo Moncada geschlagen, und nur mit Mühe rettete sich Micheletto. Alsbald kehrten auch Guidobaldo aus Venedig und Johann Maria Varano aus Aquila in ihre Staaten zurück, welche sie jubelnd aufnahmen. Die empörten Hauptleute aber besetzten viele Kastelle, rückten nach Fano und drohten, den Herzog in Imola einzuschließen.

Der Abfall seiner Condottieri brachte diesen in die größte Gefahr, denn ihr entschiedenes Handeln würde seine Macht zertrümmert und alle Feinde der Borgia bis nach Rom hin zum Aufstande getrieben haben. In solcher Not wandten sich der Papst und sein Sohn an den König von Frankreich, und dieser, welcher der Borgia im Neapolitanischen Kriege zu bedürfen glaubte, rettete sie. Er befahl Chaumont, mit einigen Truppen gegen Imola vorzugehen, und vermittelte eine Aussöhnung zwischen Cesare und den unentschlossenen Condottieri. Zugleich lehnten die Florentiner, welche diese Kapitäne zum Beitritt aufgefordert hatten, dieses Bündnis ab, aus Haß gegen die Vitelli und die Orsini, die Verwandten der Medici, wie aus Mißtrauen in den Erfolg der Empörung. Sie schickten vielmehr ihren Sekretär Machiavelli nach Imola, um sich den Frieden zu sichern und dem bedrängten Cesare Versicherungen der Freundschaft zu geben. Dort sah der große Denker zuerst in der Nähe den furchtbaren Menschen, welchen er dann zum Urbild seines »Fürsten« machte. Auch der Herzog von Ferrara erbot sich, dem Papst Truppen zu schicken, wenn er durch den Aufstand der Orsini in Not komme. Vorsorgend hatte Alexander schon seit dem Januar 1502 Civita Castellana befestigen lassen, wie er selbst sagte, als Zufluchtsort für sich und die Kardinäle oder nach seinem Tode für seinen Sohn. Am 17. September hatte er diese neue Burg besichtigt.

Erschreckt durch die Drohungen Frankreichs, unter sich uneinig, von den Künsten der Borgia umgarnt, ließen sich die Condottieri zu Einzelverträgen mit Cesare gewinnen. Paul Orsini kam am 25. Oktober nach Imola, wo er mit ihm einen Vertrag schloß. Alle anderen kehrten in den Sold dessen zurück, den sie eben erst an den Rand des Verderbens gebracht hatten. Als diese verräterische Aussöhnung am 28. Oktober geschehen war, ging auch der vergebens gewarnte Kardinal Orsini, durch Briefe des Papsts eingeladen, im November nach Rom zurück. Bentivoglio, welchen dieser gleichfalls lockte, blieb zu seinem Glück aus Argwohn zurück, oder er wurde von den Bolognesen an der Abreise verhindert. Guidobaldo sah sich wehrlos, mußte ein Abkommen mit Cesare schließen und verließ wieder als Flüchtling den Palast seines Vaters am 8. Dezember. Desgleichen entwich der Sohn jenes Varano, welchen Micheletto am 18. Oktober in Pergola erwürgt hatte, aus Camerino.

Cesare sah sich kaum gerettet, als er mit stillem Hohn die Netze stellte, worin er die betörten Condottieri fangen wollte. Sie hatten ihm bereits geholfen, Montefeltre und Varano nochmals aus ihren Staaten zu vertreiben, wohin sie diese selbst gerufen; dann ließen sie sich von ihm die Unterwerfung Sinigaglias übertragen, während die französischen Hilfstruppen ganz unerwartet abgerufen wurden. Sinigaglia hatte seit Sixtus IV. dem Präfekten Giovanni Rovere gehört, dem Gemahl der Johanna von Montefeltre, einer Schwester Guidobaldos. Als jener im Jahre 1501 gestorben war, hatte Alexander dessen elfjährigen Sohn Francesco Maria in der Stadtpräfektur bestätigt. Der junge Erbe Urbinos, von seinem Oheim bei dessen erster Flucht in Sicherheit gebracht, befand sich jetzt mit seiner Mutter in der Burg Sinigaglia, welche der nachmals berühmte Andrea Doria gegen die Condottieri verteidigte. Doria schiffte erst die Fürstin und ihren Sohn am Ende des Dezember 1502 nach Venedig ein, dann ging er selbst nach Florenz. Er befahl seinem Leutnant, die Burg zu halten. Die Condottieri nun forderten diesen zur Übergabe auf, er aber erklärte, daß er nur dem Herzog die Schlüssel einhändigen wolle. Sie riefen deshalb ihren Verderber herbei, ganz sinnlos und vergessend, daß ein tief beleidigter Feind niemals ein aufrichtiger Freund sein könne.

Die List, mit welcher Cesare seine Schlachtopfer fing, ist weniger erstaunlich als die tiefe Blindheit, mit der so viele in allen Freveln gründlich geübte Tyrannen in die Falle des Meisters gingen. Vom nahen Fano aufbrechend, befahl ihnen der Herzog, ihre Truppen in die Umgegend Sinigaglias zu verlegen, weil er selbst mit seinem Kriegsvolk Quartiere in der Stadt beziehen wolle. Sie taten dies törichterweise. Als nun Cesare am 31. Dezember vor Sinigaglia erschien, begrüßte er diese Herren mit heuchlerischer Freundlichkeit. Vergebens warnte sie ein guter Dämon. Sie taumelten wie bezaubert dem Drachen entgegen. Vitellozzo kam ohne Rüstung, ganz schwermütig und ahnungsvoll, doch er kam. Der Herzog lud diese Kapitäne in den Palast, wo er Wohnung genommen hatte, und kaum waren sie hier eingetreten, als er sie von Kriegsknechten umringen ließ. Vitellozzo stieß ihrer einen nieder; mit ihm wurden Oliverotto, Paul Orsini und der Herzog von Gravina festgesetzt. Pandolfo Petrucci entkam. Alsbald ließ Cesare die Truppen der Gefangenen entwaffnen, während Sinigaglia geplündert ward. Am Abend wurden Vitellozzo und Oliverotto erwürgt, wie es hieß, auf zwei Stühlen sitzend, Rücken an Rücken. Sie starben würdelos. Oliverotto wälzte weinend die Schuld auf Vitellozzo, und dieser hatte vor seinem Ende keinen größeren Gedanken als den Wunsch, vom Papst, von einem Alexander VI., die Absolution zu erlangen.

Was zu Cesares Unglück hatte werden sollen, war demnach zu seinem Glück geworden: mit einem Streich hatte er sich seiner Feinde, auch der Orsini, entledigt, nachdem er ihre Dienste aufgebraucht. Sie selbst hatten ihm die Gelegenheit dazu geboten, und er konnte jetzt von der Welt nicht nur die Anerkennung seiner Klugheit fordern, sondern seiner Handlung auch den Schein des Rechtes geben. Noch an demselben Tage sandte er Eilboten an einige Mächte Italiens, ihnen anzuzeigen, daß er seinen Verrätern zuvorgekommen und ihrer Hinterlist das verdiente Ende gemacht habe. Nach Rom kam der Bote am 3. Januar 1503. Man feierte hier gerade die ausgelassensten Feste, da der Karneval in den Weihnachtstagen begonnen hatte. Auf die Kunde, daß der Handstreich gelungen, jene tot, diese in Ketten seien, regte sich Alexander, auch seinerseits den verabredeten Fang zu tun. Die Briefe Cesares forderten ihn auf, sich jetzt der Orsini in Rom zu bemächtigen; sie las ihm sein Sekretär Hadrian nachts vor, und der Geheimschreiber verließ den Vatikan nicht, um nicht des Papsts Verdacht zu erregen, wenn etwa der Kardinal Orsini, durch andere gewarnt, entkommen sollte. Diesem Kardinal ließ der Papst sofort melden, daß sich Sinigaglia ergeben habe. Orsini ritt hierauf am folgenden Morgen nach dem Vatikan, seine Glückwünsche darzubringen. Er traf unterwegs den Governator der Stadt, welcher sich stellte, als sei er aus Zufall sein Begleiter. Als nun der Kardinal in den Saal des Papageien eintrat, umringten ihn Bewaffnete. Er erblaßte: man führte ihn in den Turm Borgia. Zugleich nahm man fest Rinaldo Orsini, den Erzbischof von Florenz, den Protonotar Orsini, Jacopo Santa Croce, einen Verwandten des Virginius, und den Abt Bernardino d'Alviano, einen Bruder des berühmten Bartolomeo. Alsbald ritt der Governator nach dem Palast auf Monte Giordano, den er ausräumen ließ. Die achtzigjährige Mutter des Kardinals wankte einer Irrsinnigen gleich durch die Straßen, da sie niemand aufzunehmen wagte. Ihren Sohn brachte man in die Engelsburg, seine Schätze in den Vatikan.

Am 5. Januar rückte Don Jofré mit Truppen aus, Monte Rotondo, andere orsinische Schlösser und Farfa an sich zu nehmen, denn um diesen Preis hatten sich die Gefangenen ihr Leben erkaufen müssen. Santa Croce, welcher 20 000 Dukaten für das seine gezahlt, mußte den Sohn des Papsts begleiten, um jene Übergabe zu vollziehen. So war die Stunde des Verderbens auch für die Orsini gekommen.

Vergebens gingen alle Kardinäle zum Papst, Gnade für ihren Kollegen zu erbitten; er antwortete ihnen, daß Orsini ein Verräter und der Verschwörung gegen den Herzog mitschuldig sei. Ganz Rom war in tiefster Bestürzung. Täglich hörte man von der Abführung hochgestellter Personen in die Engelsburg. Jeder Mann von Rang und Vermögen fürchtete, auf einer Konskriptionsliste zu stehen. Selbst die zu Rom im Exil lebenden Medici zitterten. Sinolfo, Bischof von Chiusi und apostolischer Sekretär, starb vor Schreck. Am 1. Februar fand man den Rumpf eines in Scharlach gekleideten Mannes am Ponte Sisto. Was war zu erwarten, wenn erst der Würgengel Cesare mit seinem Kriegsvolke nach Rom kam.

Die meisterhafte Bewältigung seiner Condottieri flößte überall grauenvolle Achtung vor der Kraft des Herzogs ein. Viele rühmten ihn, selbst der König von Frankreich nannte seine Tat die eines Römers. Er war in Wahrheit der Drache, welcher die kleineren Schlangen verschluckte. Schon am 1. Januar 1503 brach er von Sinigaglia auf, um unter dem frischen Eindruck des Schreckens über die Länder Mittelitaliens daherzufahren. Vor ihm flohen wie aufgejagtes Jagdwild bebende Tyrannen: die Vitelli aus Città di Castello, Giampolo Baglione aus Perugia. Man fürchtete seine List, nicht sein Schwert; denn dieser Mensch, welcher halb Italien bezwang, hatte wohl Städte belagern lassen, aber nie eine Schlacht geschlagen. Er rückte über Gualdo in Umbrien vor. Città di Castello ergab sich ihm; Perugia bot ihm am 6. Januar die Signorie. Dort setzte er, doch im Namen der Kirche, Carlo Baglione zum Regenten ein, ohne die Stadt zu betreten. Seine Absicht war auf Siena gerichtet, wohin sich Petrucci gerettet hatte. Auf seinem Marsch vernahm er zu Castel della Pieve die Festnehmung des Kardinals, und jetzt ließ er Gravina und Paul Orsini, die er mit sich geführt hatte, erwürgen, am 18. Januar. So wurde Paul Orsini für die Unklugheit bestraft, mit welcher er sich in den Dienst der Borgia begeben hatte; seinen eigenen Sohn Fabio hatte er im September 1498 der jungen Hieronyma Borgia vermählt, einer Schwester des Kardinals Johann Borgia. Machiavelli begleitete Cesare als Orator der Florentiner, und ihn forderte der Herzog auf, dahin zu wirken, daß seine Republik mit ihm Siena bekriege, während Alexander heuchlerische Briefe an Pandolfo schrieb.

Der Papst wünschte heimlich und fürchtete zugleich die Unternehmung gegen Siena, weil diese Stadt unter dem Schutze Frankreichs stand. Öffentlich tadelte er deshalb seinen Sohn: er tue alles aus Eigensinn, er wolle ihn mit ganz Italien verfeinden. Er stellte sich so aufgebracht, daß er ihn sogar Bastard und Verräter nannte und ihn in den Bann tun wollte. Indes glaubte man, daß er erzürnt sei, weil der Herzog die augenblickliche Sendung von 30 000 Dukaten begehrte.

Im Gebiete Sienas ließ Cesare einige Kastelle plündern; dann schickte er Briefe in jene Stadt und verlangte unter den schrecklichsten Drohungen die sofortige Verbannung Pandolfos. Der Tyrann erklärte am 28. Januar, daß er zum Wohle des Vaterlandes abreisen wolle, und noch an demselben Tage ging er nach Lucca. Hierauf zog Cesare vertragsmäßig aus dem Gebiet Sienas ab und gab auch die gemachte Beute heraus. Nur sein Sekretär kam in die Stadt, wo er darauf bestand, daß Pandolfo als Exilierter erklärt werde.

Dringende Boten riefen den Herzog nach dem Patrimonium. Denn plötzlich hatten sich diesseits wie jenseits des Tiber die Reste der Barone erhoben, um den Untergang ihrer Verwandten zu rächen, ihren eigenen abzuwenden. Die Häupter der Orsini waren damals Johann Jordan, Herr von Bracciano, und Nicolaus Graf von Pitigliano, jener im Dienste Frankreichs in Neapel, dieser im Solde der Venetianer. Während sie den Schutz dieser Mächte anriefen, schlossen ihre Verwandten einen Bund, in welchen auch die Savelli und einige Colonna eintraten. Mutius Colonna und Silvius Savelli bemächtigten sich Palombaras; Fabio Orsini, der Sohn des erwürgten Paul, und Julius, der Bruder des eingekerkerten Kardinals, erhoben die Waffen in Cervetri und Bracciano. Am 23. Januar stürmten die Barone sogar Ponte Nomentano, worauf Rom in Bewegung kam. Der Papst zog Truppen in den Vatikan, doch wurden die Orsini zurückgeworfen. Der Erzbischof Aldobrandini von Nicosia, ein Sohn Pitiglianos, entwich aus der Stadt. Hier hieß es, daß Johann Jordan von Neapel herankomme; der Papst begehrte dessen Auslieferung von Frankreich, sie verweigerte der französische Botschafter. Ich will, so rief Alexander voll Zorn, dieses Haus ganz ausrotten! Argwöhnisch schloß er die Tore des Palasts. Dem Julius Orsini in Caere ließ er sagen, daß er den Tod des Kardinals verschulden werde.

Der Herzog nun eilte ins Patrimonium, am Anfange des Februar. Die Städte, welche seine Kriegsbande durchzog, Aquapendente, Montefiascone, Viterbo, wurden mit Greueln jeder Art erfüllt. Die zu schwachen Orsini wichen überall: die erschreckten Savelli trennten sich von ihnen und lieferten Palombara dem Papst aus. Nur Bracciano war eines ernstlichen Widerstandes fähig. Zur Belagerung dieses Kastells ließ der Papst am 16. Februar Artillerie abgehen, denn um jeden Preis sollte dasselbe genommen werden. Jedoch Cesare scheute den König von Frankreich, in dessen Schutze Johann Jordan stand, und er kam dadurch in Zwiespalt mit seinem Vater. Offen beklagte sich dieser über seinen Sohn im Konsistorium; er riet zugleich den Kardinälen, ihre Paläste selbst mit Artillerie zu bewaffnen, weil ein Überfall der Orsini zu fürchten sei.

Die Nähe des Herzogs erfüllte Rom mit Schrecken. Furchtsam verließ der Kardinal Hippolyt die Stadt am 15. Februar, um sich nach Ferrara zu begeben. Unterdes saß der Kardinal Orsini, einst das Werkzeug der Erhebung Alexanders VI., in der Engelsburg, die Beute seiner Reue und qualvollen Erinnerungen. Seine Mutter schickte ihm die tägliche Nahrung, bis ihr dies untersagt ward. Vergebens bot der Kardinal große Summen für seine Freiheit, vergebens tat dies die Mutter. Sie sandte eine Geliebte des Sohnes verkleidet zum Papst mit einer kostbaren Perle, welche dieser begehrt hatte. Er nahm sie und gestattete wieder, dem Sohne die Nahrung zu schicken. »Doch man glaubte allgemein, daß er bereits den Kelch getrunken, der ihm auf des Papsts Befehl gemischt worden war.« Trotzdem ließ Alexander dem Unglücklichen sagen, er solle guten Mutes sein und für seine Gesundheit sorgen. Während das Gift schon im Leibe des Gefangenen wirkte, erklärte der Papst den Kardinälen im Konsistorium, daß er den Ärzten befohlen habe, auf das eifrigste sich um Orsini zu bemühen. Am 15. Februar hieß es, der Kardinal sei am Fieber erkrankt; am 22. verschied er, während Cesare in Sutri stand und Caere belagern ließ. Auf Befehl des Papsts begleiteten den Toten, vierzig Fackelträger, der Governator, Monsignor Hadrian, und die Palastprälaten nach S. Salvatore.

Cesare selbst kam am Ende des Februar nach Rom, aber nur maskiert ging er aus; so wollte man ihn im Palast gesehen haben, als dort am 27. Februar eine Komödie aufgeführt wurde. Alle Schlösser der Orsini waren damals übergegangen, außer Bracciano, Caere und Vicovaro. Der Papst brannte vor Ungeduld, auch diese fallen zu sehen; aber Depeschen des Königs von Frankreich verboten jede weitere Beschädigung Johann Jordans. Der Herzog wollte deshalb nichts wagen, und dies brachte seinen Vater so auf, daß er ihm durch ein Breve unter Androhung des Banns und des Verlusts seiner Lehen den sofortigen Angriff Braccianos befahl. Gleichsam gezwungen wollte nun der Herzog am 12. März nach Caere gehen, vor dessen Mauern er seine Leutnants, den Grafen Lodovico della Mirandola, Ugo Moncada und Micheletto Coreglia, zurückgelassen hatte. Er verließ Rom erst am 6. April und erfuhr auf dem Wege, daß jene Burg, unter Julius Orsini, Johann Orsini und dessen Sohn Renzo, kapituliert habe. Diese Herren übergaben sich und den Ort der Gnade Cesares; er führte sofort Julius Orsini zum Papst und erbat von ihm seine Freilassung. Jetzt hoffte Alexander, den gänzlichen Sturz der Orsini durchzuführen, und nur das Veto Frankreichs schützte noch augenblicklich dieses Geschlecht.

Johann Jordan, heimlich nach Bracciano gekommen, begab sich nach Celle in den Abruzzen. Der Papst machte ihm arglistige Vorschläge: er bot ihm für seine Besitzungen im Römischen das Fürstentum Squillace oder Entschädigung in der Mark Ancona, und der Orsini sah sich genötigt, am 8. April 1503 unter Vermittlung des französischen Botschafters einen Vertrag zu unterzeichnen, worin er auf jene Vorschläge einging und einen Paß zur Reise nach Frankreich erhielt, um dort mit dem Könige, seinem Protektor, das Weitere auszumachen.

Nun kam Cesare wieder nach Rom, jetzt der furchtbarste Mann Italiens. Seine Erfolge, die Mittel der Kirche, seine Kühnheit und Kraft ließen ihn als eine wirkliche Macht erscheinen. Soldknechte und Condottieri liefen ihm zu, seinem Glücke zu folgen. Fast in allen Burgen des Kirchenstaats saßen Spanier als seine Vögte. Alles, was er errungen hatte, verdankte er nicht der Tapferkeit oder militärischem Genie, nur dem Verbrechen und dem Verrat. Darin war er der Lehrmeister seiner Zeit, deren ganze Politik er vergiftet hat.

Von Verbrechen zu Verbrechen ward fortgeschritten. Am 10. April starb vergiftet in der Engelsburg auch der Kardinal Giovanni Michiel, der Nepot Pauls II., dessen Reichtümer Cesare begehrenswürdig geworden waren. Kaum war er verschieden, so wurden sein Hab und Gut aus seinem Hause fortgebracht, 150 000 Dukaten an Wert. Der Papst glänzte von Glück und Gesundheit. Er schien unzerstörlich. Als er am 17. April die Messe las, erstaunte man über seine kraftvoll tönende Stimme. Am 24. April ging er mit Cesare nach Anguillara, die eroberten Schlösser der Orsini zu besuchen; am 11. Mai besuchte er einige ehemals colonnische Landschaften.

Indem die Borgia auf ihre Werke blickten, fanden sie, daß ihnen Unglaubliches geglückt war: die beiden großen Adelsfaktionen Roms, nie zuvor gebändigt, jetzt zertrümmert; alle andern Barone, alle Tyrannen des Kirchenstaats ausgerottet oder verjagt; Rom in geduldiger Knechtschaft; das Kardinalskollegium ein bebender, gehorsamer Senat; die Kurie ein feiles, dienstbares Werkzeug; mächtige Bundesgenossen erworben oder mit Geschick gewinnbar. In jenen Tagen dachte Alexander daran, seinem Sohne den Titel des Königs der Romagna und der Marken zu geben; nur scheute er noch den Einspruch Frankreichs, welches eine borgianische Monarchie nicht dulden durfte. Sie konnte furchtbar werden, denn sie vereinigte die geistliche mit der weltlichen Gewalt. Das Papsttum blieb ihr Zentrum, ihre Finanzquelle die Christenheit. Von den beiden vollendeten Meistern diplomatischer Kunst, dem Vater und dem Sohn, war der eine imstande, die Frevel des andern mit dem Schilde der Religion zu decken.

Wenn jedoch die Borgia den Kreis ihrer Wirklichkeiten überblickten, erkannten sie, daß er nicht über den Kirchenstaat hinausging; und selbst hier unterbrachen ihn noch Bologna und Ferrara. Sie schmiedeten Pläne auf Toskana, wo das verzweifelnde Pisa Cesare die Signorie darbot. Davon unterrichtet, schloß Ludwig XII. zwischen Florenz, Siena, Lucca und Bologna einen Bund, welcher ihn auch in Neapel unterstützen sollte. Schon am 29. März 1503 hatte deshalb Pandolfo Petrucci unter französischem Geleit nach Siena zurückkehren können. Aber die Uneinigkeit in jener Liga hielt die Hoffnungen Cesares aufrecht, und ihn bestärkten auch geheime Unterhandlungen mit Spanien. Die Wendung der Dinge in Neapel eröffnete ihm neue Aussichten. Denn Spanien, dort im Kriege mit Frankreich, sah in ihm einen Bundesgenossen und er in der Anlehnung an jenes ein wirksames Mittel, Ludwig XII. Zugeständnisse abzuzwingen, und so bot sich den Künsten des Staatsmannes ein neues Feld dar.

Mit dem April 1503 hatte Consalvo von Barletta aus seinen glänzenden Feldzug in Apulien begonnen und diesen der berühmte Zweikampf vom 13. Februar als gutes Augurium eingeleitet. Dreizehn Italiener siegten über ebenso viele Franzosen; aber ihr Sieg, der noch in Schrift und Lied fortlebt, konnte nicht von der Schmach getrennt werden, daß er für die Sache eines fremden Herrn, des Eroberers ihres Landes, erfochten war. Aubigny und Nemours wurden wiederholt geschlagen: Consalvo zog am 14. Mai in Neapel ein, und die Trümmer der französischen Armee retteten sich in das feste Gaëta. So war Ludwig XII. in Neapel unglücklich wie Karl VIII., wie alle Prätendenten vom Hause Anjou. In diesem Unglück hat ein Geschichtschreiber Frankreichs die Hand des Himmels erkennen wollen, welcher den König für seine Verbindung mit den frevelhaften Borgia gezüchtigt habe. Dies freilich war unleugbar, daß die Verbrechen und die Größe jener Menschen nur durch den Schutz Frankreichs solche Ausdehnung gewonnen hatten. Und jetzt konnte derselbe König darauf gefaßt sein, den verdienten Dank von seinen Schützlingen zu ernten.

Sie blickten mit Genugtuung auf die Niederlage Frankreichs und jubelten über die Siege Spaniens. Nun durften sie für ihren Beistand hier oder dort hohe Preise fordern. Ludwig XII. rüstete ein neues Heer, welches La Trémouille durch Toskana und Rom nach Neapel führen sollte. Seine Gesandten forderten freien Durchzug durch das Römische und die Vereinigung der Kriegsvölker Cesares mit denen Frankreichs. Die Borgia verlangten dafür freie Hand in Toskana und die Preisgabe Braccianos. Man kam nicht zum Abschluß; denn Klugheit, wenn nicht Ehre, verbot dem Könige, Florenz und Siena zu verraten. Die Borgia selbst durften weder die Maske der Freundschaft fallen lassen, noch eine Unternehmung gegen Toskana in der Zeit wagen, wo die französische Armee, von der Städte-Liga verstärkt, sich dort in Bewegung setzte. Sie erklärten daher, daß sie den Durchzug gestatten, aber die Neutralität des Kirchenstaats aufrecht halten würden. Unter dem Deckmantel dieser Neutralität konnten sie dann über Toskana herfallen, sobald die französische Armee in ihre neue und mutmaßlich unglückliche Expedition verwickelt war. Sie neigten sich indes zu Spanien; der Papst erlaubte sogar, daß Consalvo Söldner in Rom warb; dem Botschafter des Kaisers gab er zu verstehen, daß wenn dieser zu Spanien trete, er das gleiche tun wolle.

Troche, der Sekretär und Günstling Alexanders, mochte die spanischen Unterhandlungen an Frankreich verraten haben; er entfloh aus dem Vatikan am 18. Mai, wurde aber durch nachgesandte Schiffe bei Korsika eingeholt, nach Rom zurückgebracht und am 8. Juni in einem Turm Trasteveres durch Micheletto erwürgt, wobei Cesare heimlich zusah. Der Unglückliche war in den letzten Jahren in der Gunst des Papsts emporgekommen und, wie seine Briefe an die Markgräfin von Mantua zeigen, ein gebildeter Mann von humanistischen Neigungen. Man wollte wissen, daß er zu Falle kam, weil er sich beklagt hatte, nicht auf die Liste der neuen Kardinäle gesetzt zu sein. Als ihm der Papst erklärte, daß die Liste von Cesare gemacht sei und der Herzog ihn wegen seiner Reden werde umbringen lassen, habe der Sekretär eilends die Flucht ergriffen. Auch Jacopo Santa Croce wurde damals hingerichtet; sein Leichnam blieb auf der Engelsbrücke bis zum Abend liegen, während seine Güter konfisziert wurden. Der Schrecken war so groß, daß viele Römer auswanderten.

Geld wurde für Cesare durch gewohnte Mittel beschafft. Sein stets bereiter Henker, jener Micheletto Coreglia, ein Spanier von Geburt, und der Stadtgovernator drangen mit Bewaffneten in die Häuser und kerkerten viele Personen ein unter dem Vorwande, daß sie Maranen seien. Aus derselben Absicht wurden Edikte gegen die Juden erlassen. Für große Geldsummen ernannte Alexander am 31. Mai noch elf Kardinäle, darunter seine beiden Verwandten Castellar und Iloris von Valencia, Francesco Soderini von Volterra und auch Adriano Castelli. Dieser klassisch gebildete Latinist stammte aus Corneto. Er war Nuntius Innocenz' VIII. in England gewesen, wo er durch Gunst Heinrichs VII. das Bistum Herford und andere große Kommenden erhalten hatte. Nach dem Falle des Floridus wurde er Geheimschreiber des Papsts, sein Günstling und Vertrauter. Er war einer der reichsten Prälaten Roms, wo ihm Bramante im Borgo einen schönen Palast erbaute.

Cesare, der Schöpfer dieser neuen Kardinäle, war bei ihrer Ernennung im Konsistorium anwesend; er gab ihnen ein Gastmahl und zeigte sich an diesem Tage zum ersten Male seit seiner Rückkehr wieder öffentlich. Nun wurden neue Pläne entworfen: der Papst wollte alle Länder der Orsini, Savelli und Colonna der Kirche zurückgeben, wofür das Heilige Kollegium zustimmen sollte, daß Cesare die Mark mit der Romagna vereinigte. Am Ende des Juni ging der Herzog dorthin, und der Papst wollte ihm im August einen Besuch machen. Seine Regierung faßte in jenem Lande Wurzel; die Verwaltung war gut und die Justiz unerbittlich. Nachdem Cesare sich Ramiros als seines Generalstatthalters bedient hatte, opferte er auch dieses verhaßte Werkzeug der öffentlichen Meinung; er ließ ihn vierteilen und so auf dem Platze Cesenas mit dem Richtbeil zur Seite aussetzen, dem Volk am Morgen zur gräßlichen Überraschung.

Der König von Frankreich machte damals dem Papst den seltsamen Vorschlag, ihm ganz Neapel zu überlassen, wenn er ihm Bologna und die Romagna abtrete. Dagegen machte der Papst Praktiken beim Kaiser, um für seinen Sohn die Investitur von Pisa, Siena und Lucca zu erhalten. Unterdes durchzog La Trémouille mit der nach Neapel bestimmten Armee Toskana am Anfange des August und näherte sich dem römischen Gebiet, als ein Ereignis eintrat, welches alle Fäden des Gewebes der Borgia mit einem Zuge durchschnitt.

Der Papst sowohl als sein eben aus Romagna zurückgekehrter Sohn erkrankten am Sonnabend, dem 12. August. Beide hatten einen starken Fieberanfall mit Erbrechen. Am 13. schlug man dem Papst zur Ader. Er fühlte sich wohler; einige Kardinäle ließ er an seinem Bette Karten spielen. Am 14. kam das Fieber zurück, blieb am 15. aus und ward stärker am 16. August. Man sperrte den Palast; kein Arzt noch Apotheker durfte ihn in den ersten Tagen verlassen. Man wandte sich an eine im Gang des Vatikan lebendig Eingemauerte, daß sie für den Papst bete: die Heilige erwiderte, es sei keine Hoffnung mehr für ihn. Am Freitag, dem 18. August, beichtete Alexander dem Bischof von Kulm (welche Beichte mag dieser Mann gehört haben!), und sitzend empfing er die Kommunion. Fünf Kardinäle waren um ihn, Arborea, Cosenza, Monreale, Casanova und Iloris. Man erwartete seinen Tod. In derselben Stunde lag auch Cesare darnieder, aber schon außer Gefahr und sich anschickend, zur Nacht durch den bedeckten Gang nach der Engelsburg zu flüchten, wohin er bereits seine beiden kleinen Kinder und vieles Gut hatte bringen lassen. Schon füllte sein in Eile herbeigerufenes Kriegsvolk den Borgo; Trommler gingen durch Rom und riefen bei Strafe des Galgens alle wachpflichtige Mannschaft nach dem Vatikan. Am Abend desselben 18. August gab der Bischof von Kulm dem Papst die letzte Ölung, und Alexander VI. verschied in Gegenwart des Datars und einiger Stallmeister.

Sofort ging die Rede, daß er an Gift gestorben sei, und dies schien der Anblick der gräßlich entstellten Leiche zu bestätigen. Die Phantasie des Volks war geschäftig in grauenvollen Erfindungen. Man erzählte sich, daß Alexander, ehe er erkrankte, in seinem Gemach den Teufel in Affengestalt gesehen, daß ihn dieser Teufel geholt habe. An Vergiftung glaubte bald jedermann. Der August, der gefährlichste Monat überhaupt in Rom, war freilich gerade damals besonders heiß und fiebervoll. Der Gesandte Ferraras schrieb dies seinem Herrn, und daß viele Menschen erkrankten und starben, daß namentlich die Kurialen im Vatikan fast sämtlich erkrankt waren. Auch der florentinische Gesandte Soderini wurde krank und schrieb deshalb, wie er selbst bemerkte, keine Berichte mehr an seine Signorie. Die glühende Sommerluft konnte daher dem greisen Papst das tödliche Fieber erzeugt haben. Am 18. August, kurz vor dem Tode Alexanders, sagte der aus dem Palast kommende Arzt Scipio dem venetianischen Botschafter Giustinian, daß die Krankheit apoplektischer Natur sei, ohne irgend möglicher Vergiftung zu erwähnen. Doch der Abscheu der Welt sträubte sich und sträubt sich noch heute zu glauben, daß der hassenswürdigste der Päpste sein Leben auf natürliche Weise beschließen durfte. Alle Zeitgenossen, unter ihnen berühmte Geschichtschreiber, Guicciardini, Bembo, Jovius, der Kardinal Egidius, Raffael Volaterranus, behaupteten, daß er zugleich mit Cesare vergiftet worden sei. Mit ihm, so lautet der bekannteste dieser Berichte, verabredend, bei einem Mahl in einer Vigna am Vatikan den reichen Kardinal Hadrian zu vergiften, habe der Papst durch Verwechslung der Flaschen vom Todeswein getrunken und auch Cesare dasselbe Versehen begangen. Der Papst sei daran gestorben, den Herzog habe seine Jugendkraft hergestellt. Die Erzählung der Umstände selbst hat viel Unwahrscheinliches, denn konnten so erfahrene Menschen so grober Nachlässigkeit sich schuldig machen? Wenn die Vergiftung wirklich geschah, so würde ein venetianischer Bericht fast glaublicher erscheinen, wonach der Mundschenk des Papsts, vom Kardinal Hadrian mit 10 000 Dukaten erkauft, das vergiftete Konfekt verwechselte. Daß jenes Mahl im Garten des Kardinals stattfand, ist unzweifelhaft. Unmittelbar nach dem Tode Alexanders kam davon der Bericht nach Florenz, und dieser ist um so glaublicher, weil er zwar den Ursprung der Krankheit des Papsts in jenem Abendessen sucht, aber noch nicht geradezu von Vergiftung redet.

Die gleichzeitige Erkrankung Cesares bei gleichen Symptomen ist unter allen Gründen für den Glauben an die Vergiftung der gewichtigste. Der Herzog freilich sagte nichts von Gift, als er nach seiner Genesung Machiavelli erklärte, daß jenes fatale Zusammentreffen seiner eigenen Erkrankung mit der des Papsts der einzige von ihm nicht berechnete Unglücksfall gewesen sei. Doch der Kardinal Hadrian, welcher auch erkrankte, erzählte dem Geschichtschreiber Jovius, daß auch er damals vergiftet wurde und die Folgen davon erlitt.

Wir können nicht mehr in der Seele des sterbenden Borgia lesen, um zu wissen, ob darin noch ein Rest von Gewissen übrig und jenen Geistern zugänglich war, welche das Totenlager schuldbewußter Menschen umstehen. Dies ist sehr bemerkenswert, daß er während seiner Krankheit von seinem gleich kranken Sohne nicht besucht, weder dessen noch Lucrezias Namen jemals ausgesprochen hat. Wenn man nur auf die äußere Lage blickt, so starb dieser Papst sogar auf der Höhe seines Glücks. Denn ihm war alles gelungen, jeder Plan, jedes Verbrechen war zur Macht geworden. Der Gedanke an das Schicksal Cesares konnte ihn freilich beunruhigen; denn er kannte die Geschichte der päpstlichen Nepoten zu wohl. Aber er durfte sich sagen, daß er seinen Sohn mit Schätzen, Truppen, Ländern und vielen Dienern im Kardinalskollegium zurückließ und daß er Mannes genug war, seine weiteren Wege zu finden. Oder glaubte er an den nahen Tod seines Sohnes, dessen Erkrankung man ihm doch nicht hatte verbergen können? Oder blickte er deshalb stumm in den Abgrund, der sein frevelhaftes Haus verschlingen wollte?

Das Urteil über Alexander VI. sprechen die Tatsachen selbst. Es ist wahr, daß die menschlichen Charaktere zum großen Teil die Produkte der Verhältnisse der Zeiten sind. Aber wenn die grenzenlose Verdorbenheit des öffentlichen und moralischen Zustands, worin die Italiener damals lebten, die Schuld vieler durch das Zeitgepräge mindert, so ist ein Papst mit dem Evangelium in der Hand wohl der letzte seiner Zeitgenossen, der auf diese Milderung ein Recht besitzt. Weil Alexander VI. Papst war, erscheint er noch hassenswürdiger als sein Sohn. Der fürchterliche Mut des Verbrechens, mit welchem dieser die Welt herausforderte, hat sogar einen Schein von Großartigkeit, während der Vater durch seine Stellung gezwungen war, verabredete Taten tun und geschehen zu lassen. Nur meist wie hinter einem Vorhange sieht man ihn sich bewegen.

Die wirkliche Gestalt Alexanders VI. ist mit unrichtigem Maße, das heißt zu groß gemessen worden: in Wahrheit zeigt es sich, wie klein er gewesen ist. Es ist ganz irrig, ihn als eine diabolische Natur aus Prinzip aufzufassen: wenn überhaupt es solche Naturen geben kann. Die Genesis der Verbrechen dieses lebenskräftigen und frivolen Menschen weist seine Geschichte Schritt für Schritt nach. Sie entsprangen viel eher seiner Sinnlichkeit als seinem Geist, der nur gewöhnlichen Ranges war. Selbst seine Ausschweifungen würden nicht so großes Aufsehen erregt haben, wenn er sie, wie andere Menschen seiner Art, ins Geheimnis gehüllt hätte. Nur seine Schamlosigkeit war beispiellos. Wenn Religion mehr ist als ein kirchlicher Formeldienst und ein Glaube an wunderwirkende Heilige, so muß man wohl bekennen, daß Alexander VI. Papst war ohne Religion. Gute Eigenschaften, die er sonst hatte – denn es gibt in der Natur weder das absolut Böse, noch das absolut Gute – oder die ihm aus Reiz des Widerspruchs nachgerühmt werden, sind im Angesicht seines Gesamtwesens wertlos, und ein himmlischer Totenrichter würde sie wohl, wenn nicht verächtlich aus der Schale werfen, so doch zu leicht befinden.

Der Geschichtschreiber tritt auch den Urteilen derer entgegen, welche in diesem Papst politisches Genie entdeckt haben. Sein Verstand, meisterhaft in Lust und Trug, reichte nie so hoch. Sein ganzer Pontifikat zeigt keine einzige große Idee weder in Kirche noch Staat, weder des Priesters noch des Fürsten auf. Keine Spur schöpferischer Tätigkeit findet sich in ihm. In der Geschichte des Papsttums steht er auch darin einzig da, daß er die Vorteile der Kirche vollkommen preisgab. Sehr merkwürdig ist hier sein Verhältnis zum weltlichen Kirchenstaat: er hat dessen von allen Päpsten so eifersüchtig gehüteten Besitz so wenig geachtet, daß er ihn der Säkularisation durch seine Nepoten nahebrachte; denn den ganzen Kirchenstaat wollte er an seine Familie bringen, und dies würde den Zerfall desselben mit sich geführt haben. »Nach mir die Sintflut«: das erscheint als die Maxime dieses Papsts. Die satanische Steigerung der Leidenschaften der Borgia und die Verderbnis des Rechts wie aller politischen Verhältnisse jener Zeit machte die ungeheuerlichsten Pläne möglich. Den Gedanken freilich, Cesare zum Papst, im Haus der Borgia Tiara und Fürstenkrone erblich zu machen, mußte Alexander fallen lassen, wenn er ihn wirklich jemals faßte, aber den Kirchenstaat würde er seinem Bastard ohne Bedenken geopfert haben, ihm als Kern und Basis für das Königtum Italiens zu dienen, wonach Cesare offenbar strebte. Alexander VI. selbst in der Gewalt seines furchtbaren Sohnes erscheint kaum als ein Mann, der im Gefühl eigner Fürstenmacht schwelgen wollte. Ihre Last würde ihm nur unbequem gewesen sein. Kein Trieb nach Größe, nichts von dem königlichen Ehrgeiz, nichts von jenem rastlosen Tatendrange und Herrschersinn eines Sixtus IV. oder Julius II. zeigt sich in der passiven Natur dieses Genußmenschen. Nur die Verhältnisse trieben ihn; beherrscht hat er sie niemals; mit Kühnheit und Kraft ist er ihnen niemals entgegengetreten. Nur eine einzige Leidenschaft erfüllte ihn: die Liebe zu seinen Kindern. Sie und nichts anderes ist der Hintergrund für sein gesamtes Tun. In seiner letzten Zeit kämpfte in ihm der Haß gegen seinen Sohn, seinen bösen Dämon, mit der Liebe zu ihm. Es wird finstere Stunden gegeben haben, wo er diesen Sohn hätte töten mögen, doch beseitigen konnte er Cesare nicht, denn seine eigene Sicherheit und sein Thron ruhten zuletzt auf dessen Größe und Kraft.

In Wahrheit wird niemand in der Geschichte Alexanders VI. einen anderen leitenden Gedanken zu entdecken vermögen als diesen erbärmlichen, seine Kinder um jeden Preis zur Macht zu bringen. Die Ausrottung vieler Tyrannen und die Gründung des ephemeren, mit tausend Freveln geschaffenen Fürstentums Cesares, welches sein eignes usurpiertes Papsttum stützte und deckte, waren die politischen Taten dieses Papsts, und diesem armseligen Zweck des Nepotismus und der Selbsterhaltung opferte er sein eignes Gewissen, das Glück der Völker, das Dasein Italiens und das Wohl der Kirche auf.

Ein Krieg von mehr als einem halben Jahrhundert und schrecklicher als alle früheren im Mittelalter, zertrümmerte Italien, zerstörte die Blüte seiner Städte, vernichtete den Sinn für Nationalität und Freiheit und versenkte diese große Nation unter entehrender Fremdherrschaft in einen Schlaf von Jahrhunderten, ähnlich der Erschöpfung nach den Gotenkriegen. Wenn auch Alexander VI. nicht der alleinige Urheber dieses tiefen Falles war, zu welchem hundert andre Ursachen mitwirkten, so hat er doch Italien den Spaniern und Franzosen preisgegeben, nur um seine Bastarde groß zu machen. Er ist ein wesentliches Motiv für den Untergang dieses Landes gewesen, und in gleicher Eigenschaft steht er in der Geschichte der Kirche da.

Was die Stadt Rom selbst betrifft, so erlosch in ihr auch das letzte bürgerliche Selbstbewußtsein unter der Herrschaft der Borgia, welche das römische Volk vollends demoralisierte. Die Geschichtschreiber jener Zeit haben ihre Verwunderung ausgesprochen, daß Rom trotz der Erwürgung so vieler Großen und trotz aller andern Frevel sich niemals gegen Alexander VI. erhob. Es wäre mehr als lächerlich zu glauben, die Stadt habe dies nicht getan, weil sie die Regierung dieses Papsts befriedigte. Die Ursache der ruhigen Haltung der Römer war der Terrorismus des Regiments der Borgia mit ihren Spionen, Henkern und spanischen Kriegsknechten, endlich ihre eigene Verdorbenheit und ihr schon verknechteter Sinn. Ein berühmter Geschichtschreiber jener Zeit, selbst ein Bischof, sagte: »Die Römer können, sei es aus Erinnerung an ihren früheren Glanz und ihre alte Freiheit, sei es wegen ihrer wilden und unruhigen Gemütsart, die Herrschaft der Priester, welche oft maßlos und habgierig regieren, nicht mit Gleichmut ertragen.« Sie machten indes nur ohnmächtige Satiren auf Alexander, während ihre Stadt in einen Zustand versank, der an die Zeiten der verworrensten Kaiser des Altertums erinnerte. Man glaubt Tacitus zu hören, wenn ein Zeitgenosse der Borgia schreibt: »In der Stadt war die Frechheit der Gladiatoren nie größer, die Freiheit des Volks nie geringer. Es wimmelte von Angebern. Die geringste Äußerung des Hasses ward mit Tod bestraft. Außerdem war ganz Rom von Räubern voll und nachts keine Straße sicher. Rom, zu aller Zeit das Asyl der Nationen und die Burg der Völker, war zu einer Schlachtbank geworden, und alles das ließ Alexander VI. aus Liebe zu seinen Kindern zu.«

Ein anderer Augenzeuge der Regierung Alexanders VI., der spätere hochgefeierte Kardinal Egidius von Viterbo, hat dies Bild von jener Zeit entworfen: »Finsternis und stürmische Nacht umhüllte alles; von den Vorgängen in der Familie, von den thyestischen Trauerspielen will ich schweigen; nie gab es in den Städten des Kirchenstaats schrecklichere Empörungen, mehr Plünderungen und blutigeren Mord. Nie raubte man ungestrafter auf den Straßen; nie füllten so viel Frevler Rom an; nie schaltete darin so frech die Menge von Angebern und von Räubern. Man konnte weder die Tore der Stadt verlassen, noch sie selbst bewohnen. Es galt für gleich, Gold oder irgendein köstliches Gut besitzen und der Majestätsbeleidigung schuldig sein. Nichts schützte, nicht Haus, nicht Schlafgemach, nicht Turm. Das Recht war ausgelöscht. Die Herrschaft führten Gold, Gewalt und Sinnenlust. Bis dahin war Italien von der Fremdherrschaft frei geblieben, seitdem es sich der ausländischen Tyrannei entzogen hatte; denn obwohl der König Alfonso Aragonier war, stand er doch keinem Italiener an Bildung, Liberalität und Großherzigkeit nach. Nun aber folgte der Freiheit die Knechtschaft, nun sanken die Italiener von ihrer Selbständigkeit in die finstere Sklaverei der Fremden herab.«

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