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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 363
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Das Jubeljahr 1500. Cesare erobert Sinigaglia. Schicksal der Caterina Sforza Riario. Plötzliche Restauration Lodovicos in Mailand. Cesare zieht in Rom ein. Fall des Hauses Sforza in Mailand. Schreckliche Zustände in Rom. Lebensgefahr des Papsts. Cesare ermordet Don Alfonso. Kardinalsernennungen. Cesare erobert Faenza April 1501. Astorre Manfredi in der Engelsburg. Cesare wird Herzog der Romagna. Seine Unternehmungen gegen Bologna und Florenz. Vertrag der Teilung Neapels zwischen Spanien und Frankreich. Untergang der neapolitanischen Dynastie Aragon 1501.

Alexander VI. schloß das XV. und eröffnete das XVI. Jahrhundert, und hier wird der Leser dieser Geschichten sich oder den Geschichtschreiber beglückwünschen, daß er nach einer langen Wanderung durch die Trümmer, die Leiden, die Irrtümer und die zerstreuten Werkstätten der Menschheit in einer Epoche von elf Jahrhunderten an das Ende des Mittelalters gelangt ist. Er wird sich mit Freude der Gesetze bewußt sein, nach denen die Menschenwelt immer größerer Vervollkommnung entgegengeführt wird. Das XV. Jahrhundert war an Gewinsten reicher als das ihm voraufgegangene: es sah die Wissenschaften und Künste emporblühen, die europäische Welt sich geistig verjüngen und eine neue emporsteigen, hier Amerika und dort Indien, wozu Vasco da Gama eben am Schlusse des Jahrhunderts den Seeweg gefunden hatte. Mit höheren Aufgaben trat die Menschheit in das XVI. Jahrhundert ein. Während in Deutschland schon die Geister geboren waren, welche die große, der Christenheit stets verweigerte Reformation durchführen sollten, ruhte der Schwerpunkt für die Bewegung Europas tatsächlich noch in den romanischen Nationen. Portugal und Spanien, Frankreich und Italien waren den germanischen Völkern teils in der Bildung, teils in politischer Reife vorangeschritten. Ihr Lebensprinzip war nicht mehr die lateinische Kirche, sondern die lateinische Kultur, ihr politisches Ziel die National-Monarchie. Denn von allen Mächten der Zeit war die Kirche durch Schuld des politisch gewordenen Papsttums damals im tiefsten Verfall, und sie allein warf einen finstern Schatten in die Aufklärung der Welt. Nur mit Beschämung konnte die Christenheit die Jubelbulle empfangen, worin sie Alexander VI. zur Wallfahrt nach Rom einlud, und nur mit Abscheu jeder sittenreine Mensch in der unreinen Hand Borgias den silbernen Hammer sehen, womit er am Weihnachtsabend 1499 die Eingangspforte des St. Peter eröffnete.

Trotzdem kamen Pilger genug, zumal bekehrte Böhmen, in dies schreckliche Rom, wo sie selbst noch in der Person Borgias das Haupt einer Kirche verehrten, deren Wunderkraft nach der Ansicht der Gläubigen durch die Gottlosigkeit der Priester nicht zerstört werden konnte. Unter den Pilgern befand sich sogar eine der edelsten Frauen Italiens, Elisabetta Gonzaga, die Gemahlin Guidobaldos von Urbino. Wirkliche Frömmigkeit trieb sie nach Rom, trotz der Abmahnung ihres Bruders, des Marchese Francesco. Sie wohnte im Palast des Kardinals Savelli, unter dem Schutze der Colonna, nur wenige Tage und verließ Rom am Ostersonnabend. Beim Anblick der Wallfahrer war ein frommer Kamaldulenser, ein Freund Lorenzos von Medici, hocherfreut, daß es in dem so großen Verfalle der Sitten noch Tausende gab, die in Sodom nicht untergingen. Es ist ein auffallendes Zeugnis für die Trennung der Moral vom Glauben, daß am Ostersonntag 200 000 Menschen vor dem St. Peter auf Knien lagen, den Segen Alexanders VI. zu empfangen. Die Pilger konnten in Rom ihre Erfahrungen von dem Wesen der Kurie machen und solche mit sich in die Heimat bringen. Sie beobachteten den Glanz und hörten die Verbrechen der Borgia, und ihre Achtung vor dem Papsttum konnte nicht gesteigert werden, wenn sie eine schöne Frau vom Vatikanischen Palast her zu den Basiliken pilgern sahen, hoch zu Roß in prachtvoller Kleidung, umgeben von hundert Reiterinnen, und wenn sie vernahmen, daß dies Madonna Lucrezia, die Tochter des Papsts sei. Die Berichte von der Ermordung Gandías, die Reden von Vanozza, Julia Farnese und andern Frauen bildeten sicher das Tagesgespräch in Rom, wo man die Fremden zu aller Zeit mit den wirklichen oder erdichteten Mysterien des Vatikans zu unterhalten pflegt. Aber diese Pilger brachten willig ihre Opfergaben dar, ohne sich bei der Vorstellung zu empören, daß ihr Geld nur zum Solde der Sünden Roms diente. Das moralische Gewissen der Welt, obschon so tief verletzt, harrte noch des Genies, das ihm das ganze Bewußtsein des Unrechts und die Kraft der Empörung gab. In allen Ländern wurden Indulgenzen verkauft und durch päpstliche Agenten Ablaßgelder eingetrieben.

Das Jubeljahr traf für Cesare sehr glücklich mit seiner Unternehmung in der Romagna zusammen; auch mehrte der Papst die Einnahmen durch den Zehnten zum Türkenkrieg, wozu er die Christenheit aufforderte, weil Bajazet sich anschickte, die venetianischen Städte in Morea zu erobern. Dieser dreijährige Zehnte wurde auf alle Geistliche jedes Grades aller Länder gelegt und eine Schätzung des Einkommens der Kurialen und der Kardinäle gemacht. Die Freudenfeuer, welche die Pilger am 14. Januar 1500 in Rom brennen sahen, verkündigten, daß der Sohn des Papsts Herr Forlis geworden sei. Diese Burg ward am 12. durch die Franzosen erstürmt. Ihre Herrin brachte man als Gefangene nach Rom, wo sie in der Engelsburg ihr Leben schnell würde beschlossen haben, wenn nicht ihr Heroismus das Herz der Franzosen gerührt hätte. Sie erwirkten nach achtzehn Monaten ihre Befreiung. Caterina Sforza Riario, seit 1498 Witwe ihres zweiten Gemahls Giovanni Medici, Mutter des später berühmten Bandenführers gleichen Namens, wählte ein Kloster in Florenz zu ihrem Asyl. Der Papst selbst hatte sie, »seine in Christo geliebte Tochter«, in einem Brief an die Signorie jener Republik empfohlen.

Die Freude im Vatikan wurde kaum durch den plötzlichen Tod des Kardinallegaten Johann Borgia getrübt, welcher am 14. Januar in Fossombrone starb, am Fieber oder, wie alsbald die Rede ging, vergiftet durch Cesare, dem er lästig war. Man brachte seine Leiche nach Rom und bestattete sie ohne Feierlichkeit in S. Maria del Popolo. Der Kardinal war mit dem Papst gespannt gewesen: wie man behauptete, ein habgieriger Mensch, der gern Wucher trieb. Cesare hatte jetzt Imola, Cesena und Forli bewältigt. Noch weiter um sich zu greifen, hinderten ihn die Venetianer nicht, weil sie selbst der Türkenkrieg bedrängte und sie des Beistandes des Papsts durch den Zehnten bedurften. Denn noch vor dem Beginne des Kriegszuges Ludwigs XII. hatte der vertriebene Herzog von Mailand diesen Feind gegen Venedig in Bewegung gesetzt. Er selbst warb in seinem Exil Schweizer, um seine Staaten bei günstiger Zeit wieder zu erobern. Von dort war nämlich der König schon im Dezember 1499 nach Frankreich zurückgekehrt, mit sich führend den rechtmäßigen Erben Mailands, den jungen Sohn Gian Galeazzos. Alsbald empörten die Franzosen unter dem Statthalter Trivulzio durch Raubgier und Frechheit die Völker der Lombardei, und diese riefen ihren vertriebenen Tyrannen selbst zurück. Er kam am Ende des Januar mit seinem Bruder Ascanio an der Spitze eines Söldnerheers. Nachdem er sein Reich über Nacht verloren hatte, gewann er es im Traume wieder: schon am 5. Februar 1500 konnte er in Mailand wieder einziehen. Diese plötzliche Restauration und der Krieg, welcher jetzt am Po zwischen dem zurückgekehrten Herzog und den überraschten Generalen Ludwigs XII. entbrannte, zwang die französischen Hilfstruppen Cesares, die Romagna zu verlassen, und ihn selbst, für jetzt weiterer Eroberungen zu entsagen.

Er ging nach Rom. Am 26. Februar hielt er hier seinen glänzenden Einzug mit einem Teil seiner aus Italienern, Gascognern, Schweizern und Deutschen gebildeten Truppen unter dem Befehl Vitellozzos, der in seinem Solde stand. Alle Kardinäle und Großen holten ihn ein, nicht minder die fremden Gesandten. In schwarzen Samt gehüllt, eine goldene Kette um den Hals, ritt Cesare Borgia zum Vatikan, umgeben von hundert schwarzgekleideten Stallknechten und gefolgt von jenem Ehrengeleite. Mit Entzücken empfing der Papst den Herzog von Valence, den Eroberer Forlis. Der Sohn warf sich ihm zu Füßen und richtete eine spanische Anrede an ihn: spanisch antwortete der Vater. Dies war die Sprache seines Herzens. Er gab an diesem Tage keine Audienz; er weinte und lachte in demselben Augenblick. Zur Belohnung seiner Taten ernannte er Cesare zum Bannerträger der Kirche, was einst der ermordete Gandía gewesen war; feierlich übergab er ihm am 2. April im St. Peter die Fahne und den Kommandostab. Auch mit der goldenen Rose beschenkte er den Brudermörder. Rom feierte Freudenfeste der Schmeichelei und Furcht. Die Karnevalspiele waren nie so schön. Man stellte den Triumph des Julius Caesar mit elf prachtvoll geschmückten Wagen auf der Navona dar, den Papstsohn zu ehren, welcher mit frecher Stirn den Wahlspruch Caesars zu seinem eigenen gemacht hatte. Mitten unter diesen Festen traf in Rom die Nachricht ein, daß am 24. Februar dem Erzherzog Philipp von Österreich von der Infantin Johanna von Spanien ein Sohn geboren sei und daß derselbe den Namen Karl erhalten habe. Die Nationalkirche der Deutschen, dell' Anima, schmückte sich, die Geburt dieses Kindes zu feiern; es war der nochmalige große Kaiser Karl V.

Wenn die Herstellung Sforzas den Jubel der Borgia minderte, so verschwand auch diese Furcht, als die Meldung kam, daß in der Lombardei alles beendigt sei. Ludwig XII. hatte ein neues Heer unter La Trémouille gegen Mailand geschickt, und Sforza, von seinen Schweizern verraten und verkauft, war bei Novara am 10. April in die Hände der Franzosen gefallen. Selten zeigte die Geschichte so viel Wechsel des Glücks, selten wurden so furchtbare Tragödien in so kurze Zeit zusammengedrängt. Fall und Aufrichtung, Flucht und Rückkehr, Sieg und Untergang jagten wie Schatten über die Szene Italiens. Dieses ganze Land witterte von Blutgeruch, fieberte von Furcht der Verhängnisse, welche die aufgehäufte Schuld der Jahrhunderte herbeizuziehen schien. Den Kardinal Ascanio fingen venetianische Reiter unter Karl Orsini bei Rivalta. Alexander forderte seine Auslieferung, doch die Signorie Venedigs gab ihn an den König von Frankreich. Mit einer Schar gefangener Prälaten, denen man unter ihren Pferden die Füße zusammenband, wurde der stolze Kardinal nach Mailand zurückgeführt, von wo er in den Turm zu Bourges gebracht ward. Ascanio empfing jetzt den Lohn für seine Wahl Borgias zum Papst; seiner gerechten Strafe sich bewußt, trug er sein Los ohne Klagen, sicherlich noch glücklich zu preisen, daß er in einem französischen Kerker dem Gift der Borgia entgehen konnte. Der Anblick seines Falles lehrte den Unbestand alles Glücks, aber weit furchtbarer war das Schicksal seines Bruders. Zehn lange Jahre schmachtete bis an seinen Tod der Mörder seines Neffen, der Verräter seines Vaterlandes in einem finsteren Verlies der Burg Loches in Berry, in gräßlicher Einsamkeit den Furien des Gewissens preisgegeben, die kein versöhnender Gedanke je zu bannen vermochte. Dieser leichtsinnige, aber feingebildete Mensch war durch den Teufel der Herrschsucht zum Verbrecher geworden. Seine Geschichte bietet eines der schrecklichsten Beispiele des Unheils dar, welches fürstlicher Ehrgeiz über ganze Völker gebracht hat.

Fortuna war jetzt die Sklavin der Borgia. Denn nun durfte Ludwig XII. ihnen die Truppen zur Eroberung der Romagna nicht ferner vorenthalten. Die Schätze des Jubeljahrs füllten die Truhen des Vaters, und damit konnten Kriegsknechte geworben werden. Man entwarf die kühnsten Pläne. Die Jubelpilger betäubte der Taumel dieses dämonischen Rom, wo die bacchantische Luft wie im Altertum zugleich vom Schmerz berauscht und vergiftet war. Wenn diese Wallfahrer zu dem Bilde des Heilands auf dem Tuch der Veronika emporgeblickt hatten und über die Engelsbrücke in die Stadt zurückkehrten, so sahen sie hoch auf jener eine Reihe von Gehenkten schweben, und man zeigte ihnen darunter den Arzt des Hospitals am Lateran, welcher lange Zeit im Morgengrauen Vorübergehende mit Pfeilen erschoß, um sie zu berauben, oder reiche Kranke vergiftete, die ihm der Beichtvater jenes Hospitals zu bezeichnen pflegte. Wenn diese Pilger am Blumenfest St. Johannis aus dem heiligen Dom auf den Platz traten, so konnten sie den Sohn des Papsts sehen, hoch zu Roß, Lanzen in ein hölzernes Gehege werfend, um an den Stufen St. Peters Stiere zu erlegen. Mit herkulischem Arm schlug er, Pippin gleich, einem dieser Stiere mit einem einzigen Hiebe das Haupt ab, und ganz Rom bewunderte seine brutale Kraft.

Der Papst wurde unterdes vom Fieber befallen. Die römische Satire verfaßte deshalb einen Dialog zwischen ihm und dem Tode, und dieser verschonte ihn auch bei dem nachfolgenden Unglücksfall. Am 29. Juni nachmittags saß er in einem vatikanischen Gemach. Ein Sturmwind entlud sich über dem Palast; der fallende Kamin schlug das Dach ein, ein Trümmersturz riß aus dem oberen Stock Personen mit sich und erschlug Lorenzo Chigi, einen Bruder des berühmten Agostino. Der Datar Ferrari und der Kammerherr Gaspar sprangen in eine Fensterbrüstung, schreiend: der Papst ist tot! Dieser Ruf durchhallte Rom, und wie mochte er Cesare erbleichen machen! Die Stadt geriet Augenblicks in Bewegung; viele Spanier flüchteten in die Engelsburg; die Bürger bewaffneten sich; Boten eilten fort mit Briefen an die Exilierten: die Zeit sei gekommen, heimzukehren und Rache an den Feinden zu nehmen. Indes verkündeten Kanonenschüsse von der Engelsburg, daß der Papst lebe. Man fand den Papst im Schutte sitzen, bedeckt von einem Teppich, zwei Wunden am Kopf. So trug man ihn fort. Am 2. Juli ließ er Dankgebete an die Jungfrau richten, in deren besonderem Schutz er zu stehen glaubte. Seine Natur war unverwüstlich. »Der Papst«, so sagte Polo Capello im September 1500, »ist siebzig Jahre alt: er verjüngt sich mit jedem Tage; seine Sorgen dauern nicht eine Nacht; er ist von heiterem Temperament und tut nur, was ihm frommt; sein einziger Gedanke ist, seine Kinder groß zu machen; anderes kümmert ihn nicht.«

Die Wunden am Haupte Alexanders waren noch nicht geheilt, als man den Jubelpilgern ein gräßliches Trauerspiel aufführte. Um elf Uhr nachts am 15. Juli begab sich der junge Prinz von Bisceglie aus dem Vatikan nach Hause; an der Treppe St. Peters überfielen ihn Meuchelmörder, dolchten ihn und verschwanden in einer Schar von Reitern, welche sie nach der Porta Portese entführten. Der Prinz taumelte zum Papst: ich bin verwundet, so rief er, und er nannte den Täter. Lucrezia, seine anwesende Gemahlin, fiel in Ohnmacht. Man trug ihn in den nahen Palast des Kardinals S. Maria in Porticu, den er bewohnte. Die dunkle Weise, in welcher Burkard diese Tragödie erzählt, worin man Schatten handelnd vor sich zu sehen glaubt, macht einen furchtbaren Eindruck, und nie wurde Kunst das Gräßliche durchsichtiger verschleiert haben, als es hier Vorsicht tat. »Der erlauchte Don Alfonso, Herzog von Bisceglie und Prinz von Salerno, welcher am Abend des 15. Juli schwer verwundet worden war, wurde, weil er an diesen ihm beigebrachten Wunden nicht sterben wollte, am 18. August in seinem Bette erwürgt, gegen die erste Stunde der Nacht. Man trug die Leiche nach dem St. Peter. Don Francesco Borgia, Thesaurar des Papsts, begleitete sie mit seiner Familie. Man führte in die Engelsburg die Ärzte des Toten und einen gewissen Buckligen, welcher mit dem Fürsten zu verkehren pflegte, und man inquirierte sie. Sie wurden bald freigelassen, da derjenige straflos ausging, welcher den Auftrag gegeben hatte, und man kannte ihn sehr wohl.«

Es gibt einen anderen Bericht über diese Bluttat, welcher Cesare offen als Mörder nennt: Um den Verwundeten waren Lucrezia, sein Weib, und seine Schwester, die Prinzessin Squillace: sie bereiteten ihm, aus Furcht vor Gift, selbst die Speisen; der Papst ließ ihn, aus demselben Argwohn, von sechzehn Personen bewachen. Er besuchte den Kranken eines Tags ohne Cesare; auch dieser kam einmal und sagte: was nicht zu Mittag geschah, wird zu Abend geschehen. – Man glaubt in Wahrheit einen Dämon kommen und gehen zu sehen. Der Papst, die Frauen, wohl der ganze Hof wissen, daß Cesare den Prinzen ermorden wird; retten kann ihn niemand. Denn was durfte der Schreckliche nicht tun, welcher den Spanier Pedro Caldes, den Lieblingskämmerer Alexanders, unter dessen eigenem Mantel erdolcht hatte, so daß dem Papst das Blut ins Gesicht spritzte? Eines Tags kommt Cesare wieder; er tritt ins Gemach, wo der schon Halbgenesene aufgestanden ist; er zwingt die bestürzten Frauen hinauszugehen; er ruft Micheletto, den Vollstrecker seiner Blutbefehle, der ihn erwürgt. Nachts ward der Prinz begraben. Cesare sagte ganz offen: er habe ihn ermordet, weil er ihm selbst nach dem Leben stand. Ganz Rom sprach von der Schreckenstat, doch nur heimlich und voll Furcht. Denn täglich fand man in der Nacht Ermordete auf den Straßen, und andere, selbst hohe Prälaten, verschwanden wie durch Zauber. Cesare beherrschte jetzt auch den Papst. Der Vater liebte seinen Sohn, aber er zitterte vor ihm. Lucrezia selbst (sie hatte von Alfonso einen Sohn Rodrigo) mußte sich den Geboten ihres Bruders unterwerfen, der sie zur Witwe gemacht hatte. Er verdrängte sie augenblicklich aus der Gunst des Papsts. Sermoneta hatte er ihr entrissen, denn sie ist ein Weib, so sagte er, und kann es nicht behaupten. Sicherlich schickte Alexander seine Tochter nach Nepi, nur weil Cesare es verlangte. Am letzten August verließ Lucrezia die Stadt, von sechshundert Reitern begleitet, um sich von der Gemütsbewegung zu erholen, welche ihr der Tod ihres Gatten zugezogen hatte: auch dies sind die furchtbar einsilbigen Worte Burkards. Wenn Lucrezia ihren Gemahl geliebt hatte, so war ihr Schicksal wahrhaft tragisch, und dieses junge Weib mußte der Gedanke empören, daß sie nichts war als das Opfer des mörderischen Willens ihres Bruders. Cesare räumte Alfonso nicht aus geringen persönlichen Gründen hinweg, er wollte vielmehr die Hand seiner Schwester für eine ihm selbst förderliche Verbindung mit dem Hause Ferrara frei machen, in einer Zeit, wo die Verschwägerung der Borgia mit Neapel jeden Wert verloren hatte.

Man vergaß alsbald den Toten, denn die Lebenden hatten genug zu tun. Man brauchte noch mehr Geld. Zwölf neue Kardinäle, darunter sechs Spanier, welche der Papst oder vielmehr sein Sohn am 28. September ernannt hatte, bezahlten ihre Hüte, indem sie Cesare 120 000 Dukaten einhändigten. Mit der schamlosesten Offenheit hatte dieser dem heiligen Kollegium erklärt, daß jene Kardinäle notwendig seien, weil er zu seinem Krieg in der Romagna Geld bedürfe. Unter den neuen Sklaven Cesares befanden sich sein Schwager d'Albret, Lodovico, Juan Borgia und Giambattista Ferrari.

Mit französischer Hilfe verjagte er hierauf im Oktober 1500 zuerst seinen ehemaligen Schwager aus Pesaro, dann Pandolfo Malatesta aus Rimini und lagerte vor Faenza. Herr dieser Stadt war Astorre Manfredi, ein sechzehnjähriger Jüngling, welchen Schönheit und Tugenden zum Liebling seines Volks gemacht hatten. Die Faentiner verteidigten ihn monatelang, bis sie der Hunger am 25. April 1501 zu einer ehrenvollen Kapitulation zwang. Cesare gelobte Schonung der Bürger und freien Abzug Astorres, aber er brach sofort seinen Eid, indem er den Unglücklichen nach Rom in die Verliese der Engelsburg schickte.

Jetzt ernannte Alexander seinen Sohn zum Herzog der Romagna. Indem er die größte Provinz des Heiligen Stuhls zum Besitz seines Hauses machte, bekümmerte ihn die Vorstellung nicht, daß dieses Land, in einer Dynastie Borgia erblich werdend, den Zerfall des ganzen Kirchenstaats zur Folge haben konnte. Im Kollegium der Kardinäle erhob sich kein Widerspruch; es bildete nur noch den vor Gift und Dolch zitternden Chor von Dienern oder Schmeichlern des Vaters wie des Sohns. Es war absichtlich mit Spaniern angefüllt. Nun wünschte der Herzog nichts sehnlicher, als Bologna zur Hauptstadt seines Landes zu machen; er unterhielt dort Verbindungen mit den Mariscotti, aber die Wachsamkeit Bentivoglios und der Schutz, welchen derselbe bei Frankreich fand, vereitelten diese Pläne, so daß sich Cesare mit Castel Bolognese und einer vertragsgemäßen Zahl von Hilfstruppen begnügen mußte. Die Mariscotti büßten ihre Verschwörung auf dem Blutgerüst.

Imola, Forli und Pesaro, Rimini, Faenza, Cesena und Fano bildeten für jetzt den Bestand seines Herzogtums. Ganz Mittelitalien hoffte er mit diesem Ländergebiete zu vereinigen. Schon war Spoleto in den Händen der Borgia; schon Camerina dem Giulio Cesare Varano durch eine Bulle abgesprochen. Jedoch die Fortschritte des Herzogs hemmte der Argwohn Frankreichs. Auch sein Versuch gegen Florenz schlug fehl. Der fruchtlose Krieg mit Pisa zerrüttete diese Republik; aus der fast schon eroberten Stadt zurückgeschlagen, hatte der Florentiner General Paolo Vitelli im Jahre 1499 sein Unglück mit der Hinrichtung gebüßt, worauf sich dessen Bruder Vitellozzo aus Rache mit den Medici verband. Diese Exilierten waren zwar stets zurückgetrieben worden, aber sie fuhren fort, ihre Vaterstadt zu bedrohen, indem sie sich sogar mit Cesare Borgia in Verbindung setzten. Der Herzog rückte im Mai 1501 ins Florentinische, verstärkt durch Hilfstruppen Bentivoglios, mit Pietro Medici, mit Vitellozzo und den Orsini einverstanden, die nebst andern Dynasten zum Teil seine Condottieri geworden waren. Denn der Dienste derselben Orsini, welche sie einst fruchtlos angegriffen hatten, bedienten sich jetzt die Borgia mit Geschick, um erst andere Signoren zu verjagen und dann jene Helfer auf ihre Weise zu belohnen. Die unverschämten Forderungen des Herzogs, welcher seinen Sekretär Agapito Gerardini nach Florenz schickte, zumal sein Begehren, die Medici wiederherzustellen, erschreckten die Signorie; sie kaufte sich los, indem sie Cesare mit einem Gehalt von 36 000 Dukaten in Condotta nahm, doch ohne Verpflichtung wirklichen Dienstes, und sich selbst verpflichtete, Jacopo Appiano von Piombino nicht zu schützen. Denn gegen diesen Herrn wandte sich Cesare sofort. Einige Orte seines Gebiets, selbst Elba und Pianosa, unterwarfen sich ihm; aber Ludwig XII. gebot ihm Halt, und Alexander rief ihn zurück. Er ließ einen Teil seiner Truppen unter Giampolo Baglione und Vitellozzo vor Piombino und eilte nach Rom, wo er am 13. Juni 1501 eintraf.

Ludwig XII. ging eben an die Ausführung seines Unternehmens gegen Neapel. Zu schwach, um dieses ohne die Zustimmung Spaniens zu verwirklichen, hatte er Ferdinand zum Genossen eines Frevels gemacht von der abscheulichsten Art. Der geheime Vertrag, welchen am 11. November 1500 jene beiden Monarchen in Granada vollzogen, von denen der eine der Allerchristlichste, der andere der Katholische hieß, ist eins der schmachvollsten Aktenstücke der Kabinettspolitik, und diese selbst begann mit ihm in der Geschichte Europas, unter der Sanktion des Papsts. Es war zugleich ein deutliches Zeugnis der Unfähigkeit Ludwigs XII., daß er einen andern Monarchen einlud, sein Nebenbuhler zu werden. Beide Könige gelobten einander, zu derselben Zeit über Neapel herzufallen und dasselbe so unter sich zu teilen, daß Kalabrien und Apulien als Herzogtum an Spanien, die übrigen Provinzen mit der Hauptstadt als Königreich an Frankreich fielen. Der Papst sollte aufgefordert werden, die betreffenden Investituren zu erteilen, und da er Federigo haßte, dem Könige Ludwig um Cesares willen ganz ergeben war, so war seine Einwilligung zweifellos. Außerdem machte der Bund zwischen Frankreich und Spanien die römischen Barone wehrlos gegen die Angriffe des Papsts.

Der Sturz Aragons vollzog sich, wie mancher Untergang in der Geschichte von Dynastien, an einem schuldlosen Enkel. Federigo war von seinen Völkern geliebt. Seine Regierung hätte ihnen ein glücklicheres Zeitalter gesichert, wenn die Zerrüttung des Königreichs durch den Lehnsadel überhaupt heilbar sein konnte. Noch blieb ihm jener Vertrag selbst unbekannt, nicht so die Rüstung Frankreichs. Furcht und Schwäche trieben ihn, eine Verbindung mit den Türken zu suchen, die indes nicht zur Tatsache wurde. Von seinem Verwandten, dem mächtigen Könige Spaniens, hoffte er Schutz, obwohl er dessen Ansprüche fürchtete. Mit den Colonna vereinigt, glaubte er der französischen Armee an den Grenzen widerstehen zu können.

Diese Armee zog unter Aubigny in die Nähe Roms, wo sie in den Juni-Tagen bei Acqua Traversa lagerte. Alsbald erklärten die Gesandten Spaniens und Frankreichs dem Papst, was der Inhalt der Verträge ihrer Herren sei. Der beabsichtigte Raub wurde mit heuchlerischen Titeln der Religion bedeckt, denn als wichtigstes Motiv ihres Krieges wider Federigo gaben die Monarchen an, daß er die Türken habe nach Italien ziehen wollen. Die Eroberung Neapels sei nur die Einleitung zu dem großen Kreuzzuge gegen den Halbmond.

Alexander erklärte Federigo als Verräter des Königreichs für abgesetzt, willigte in die Teilung Neapels unter jene beiden Könige, welche dafür der Kirche den Vasalleneid zu leisten hatten. Wenn dieser Akt hinreicht, die Treulosigkeit Alexanders zu brandmarken, so mindert er zugleich die Glaubwürdigkeit des Urteils solcher Geschichtschreiber, welche in diesem Papst einen großen Staatsmann erkennen wollten. Offenbar hatte er die hinterlistige Absicht, beide Mächte in einen wütenden Krieg miteinander zu treiben, infolgedessen Cesare, wie er ganz sinnlos hoffte, sich zum König Neapels machen könne.

Am 28. Juni rückte die französische Armee, der sich Cesare Borgia mit eigenen Truppen anschloß, zur Eroberung Neapels aus. Auf diesem Zuge wurden Marino und andere Städte der Colonna zerstört, denn dieses Haus hing jetzt treu den Aragonen an, welche den langen Streit mit den Orsini über Alba zu seinen Gunsten entschieden hatten. Der jähe Fall Neapels war nur die Wiederholung kläglicher Vergangenheit, doch abscheulicher durch den Verrat, welchen Spanien an seinem Verwandten beging. Federigo hatte die Hilfe Consalvos angerufen und diesem General, wie er verräterisch forderte, die Burgen Kalabriens und Gaëta übergeben. Der Spanier warf die Maske ab, sobald die Franzosen ins Königreich eingerückt waren, und Federigo wich bestürzt auf Capua zurück. Diese Festung hielt für ihn Fabrizio Colonna, während Prospero in Neapel befehligte. Man besprach die Kapitulation, aber mitten in der Unterhandlung erstieg der Feind die Mauern im Sturm, und Capua erlitt am 24. Juli das schreckliche Schicksal einer eroberten Stadt. Fabrizio geriet in Gefangenschaft; Cesare bot dem französischen Feldherrn große Summen, wenn er ihn töte oder in seine Gewalt gebe, doch der edelmütige Johann Jordan Orsini rettete seinen Erbfeind, welcher seine Freiheit erkaufen durfte.

Das furchtbare Blutbad Capuas entwaffnete, was noch für den letzten Aragon in Waffen stand. Er selbst verschloß sich im Castel Nuovo, während ganz Neapel den Namen Frankreich rief. Er unterhandelte mit Aubigny und ging zuerst nach Ischia. Unter den unglücklichen Flüchtlingen, die sich dort im Schlosse der Insel versammelten, mußte vor allen eine Frau die Herzen rühren. Dies war jene Isabella, welche den Sturz ihrer beiden Häuser von Mailand und Neapel erlitten hatte und jetzt auch die letzten Trümmer der Größe ihrer Ahnen fallen sah, während ihr eigener Sohn in einem Gefängnis in Frankreich verkümmerte. Ganz von Abscheu vor dem Verrat seines Verwandten durchdrungen, suchte Federigo mit verzweifeltem Entschluß für sich und die Seinen ein Asyl bei dem minder frevelhaften seiner Verderber. Ludwig XII. gab ihm das Herzogtum Anjou und ein Jahrgehalt. Die traurigen Tage, welche er dort hinlebte, milderte die Anhänglichkeit von Gefährten seines Unglücks, worunter der Dichter Sannazar war. Federigo von Aragon starb am 9. September 1504 zu Tours.

Ehe er Neapel verließ, hatte er seinen erstgeborenen Sohn Don Ferrante nach Tarent in Sicherheit gebracht. Diese Stadt ergab sich Consalvo unter der Bedingung des freien Abzugs jenes kleinen Prinzen zu seinem Vater, doch der falsche Spanier schändete seinen Namen durch den Bruch seines feierlichen Schwurs. Er schickte den Knaben gefangen nach Spanien. Dort starb der Sohn Federigos kinderlos erst im Jahre 1550. So tragisch endete Aragon, welches ein Jahrhundert lang die Geschichte Neapels und Italiens mehr mit Freveln als mit Tugenden erfüllt hatte. Wie Anjou war dieses Haus fremd im Lande gewesen und dann schnell nationalisiert. Der aragonesische Hof glänzte seit Alfonso durch die Pflege nationaler Wissenschaft und Kunst in dem schönen Königreich. Und erst nach dem Untergange der Aragonen sank dieses Land in das Elend verknechtender Fremdherrschaft. Das Haus Aragon schwand übrigens auch in Spanien dahin. Denn der treulose Ferdinand vererbte seine Kronen nicht an männliche Nachkommen. Schon im Oktober 1497 war sein Sohn Johann gestorben, und schon lebte Karl vom Hause Österreich, auf welches ein grenzenloses Glück das Erbe einer halben Welt vereinigen sollte.

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