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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 360
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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6. Karl VIII. unterhandelt mit dem Papst. Vertrag vom 15. Januar 1495. Abzug des Königs. Flucht des Kardinals Cesare. Abdankung Alfonsos, Erhebung Ferdinands II. Karl VIII. in Neapel. Tod Djems. Liga wider Karl März 1495. Dessen Rückzug aus Neapel. Flucht des Papsts nach Orvieto. Karl VIII. in Rom. Sein Sieg am Taro 6. Juli 1495. Seine Rückkehr nach Frankreich. Rückkehr Alexanders VI. nach Rom. Untergang der französischen Armee in Neapel. Tiberüberschwemmung Dezember 1495.

Zwei Tage nach dem Einzuge warteten dem Könige Cesare Borgia und die anderen Kardinäle auf, mit Ausnahme Orsinis und Caraffas. Er empfing sie ohne Ehren. Man unterhandelte über die Grundlage eines Vertrags, wofür der Papst Carvajal, Pallavicini und Riario bevollmächtigte. Mit Kunst zu retten, was zu retten war, den Thron zu sichern, den Sturm von sich zu entfernen und endlich den König zu überlisten: dies war jetzt die Aufgabe Borgias. Er befand sich in dem gefährlichsten Augenblick seines Lebens: ein Gefangener des mächtigsten Fürsten, dessen Geschütz die Engelsburg in wenigen Stunden zermalmen konnte: der Gegenstand des Hasses wütender Feinde, die den König umringten, während dessen Absicht noch ein Geheimnis war. Die Kardinäle der Opposition, Julian, Gurk, Sanseverino, St. Denis, Savelli, Colonna und Ascanio bestürmten Karl, sich zum Reformator der Kirche aufzuwerfen, den simonistischen Papst durch Prozeß abzusetzen, einen würdigen Mann auf den Heiligen Stuhl zu erheben. Bereits war das Dekret seiner Absetzung im Entwurf verfaßt worden. Ascanio, der Urheber der Wahl Borgias, jetzt sein erbitterter Feind, machte sich wohl Hoffnung, dessen Nachfolger zu werden. Wenn Karl VIII. der Opposition gefolgt wäre, so würde er eine größere Umwälzung in der Kirche hervorgerufen haben, als sie sein Kriegszug in Italien erzeugte. Den allerchristlichsten König schien eine höhere Hand nach Rom geführt zu haben, die verderbte Kurie zu reformieren, und sicherlich würde ihm die Welt, der man diese Reform vorenthielt, bereitwillig jene Diktatur eingeräumt haben, welche einst große Sachsen- und Frankenkaiser zum Wohle der Christenheit ausgeübt hatten. Es lag vollkommen in seiner Macht, die Kirche von Alexander VI. zu befreien, und nie würde die geschichtliche Gestalt eines Cesare Borgia sichtbar geworden sein, wenn Karl VIII. im Jahre 1495 eines großen Entschlusses fähig gewesen wäre. Aber vermochte dies ein so junger und unbedeutender Mensch, der nur an den eitlen Ruhm kriegerischer Eroberungen dachte? Sein Vertrauter Briçonnet war durch das Versprechen des Kardinalshutes für Alexander gewonnen: der König lehnte die Aufforderungen der Opposition ab; er begnügte sich, vom Papst einen günstigen Vertrag zu erzwingen, und dies war die Rettung des Borgia.

Gewalttätigkeiten der Franzosen in der Stadt bewogen Alexander, am 6. Januar in die Engelsburg zu ziehen, wohin ihm die Kardinäle Caraffa, S. Anastasia, Monreale, Orsini und Cesare folgten. Dieses Kastell war von spanischen Söldnern besetzt; aber seine Mauern waren schwach; ein Stück davon stürzte kurz vor dem Einzuge des Königs ein. Als sich solcher Sturz bald darauf wiederholte, erblickten die Feinde des Papsts darin eine himmlische Schickung. Obwohl die Römer nichts von Verteidigung hatten wissen wollen, regte sich doch ihr Nationalgefühl, als sie einen fremden König in ihrer Stadt als Gebieter schalten sahen. Sie blickten mit Haß auf die übermütigen »Barbaren«. Franzosen nahmen gewaltsam Häuser von Bürgern in Besitz; sie plünderten schon am 3. Januar Wohnungen reicher Prälaten. Man erwürgte Juden im Ghetto, und Römer erdolchten wiederum Franzosen. Das französische Militärkommando ließ Galgen auf Campo de' Fiori aufrichten und einige Plünderer wie Römer henken. Am 8. Januar drangen Kriegsknechte in das Haus des Paul de Branca, dessen zwei Söhne sie töteten. Gascogner und Schweizer stürmten die Bank, wo Marcus Mattei erstochen wurde. Zur tiefsten Beschämung des Papsts plünderte man selbst den Palast Vanozzas, der Mutter seiner eigenen Kinder, welcher auf dem Platz Branca gelegen war.

Karl forderte die Übergabe der Engelsburg, der Papst verweigerte sie. Mit den heiligsten Reliquien, so ließ er ihm sagen, will ich mich auf die Mauer des Kastells stellen, wenn man dasselbe angreifen sollte. Zweimal ließ der König Artillerie auffahren, ohne jedoch einen Schuß abzufeuern. Wenn Alexander die Engelsburg geöffnet hätte, so würde er sich wehrlos in die Hände seines Feindes gegeben haben; er bestand daher darauf, daß Karl auf ihre Besetzung verzichte. Der König unterhandelte fortdauernd wegen des Vertrags, während er im Palast S. Marco glänzend Hof hielt, wo die prachtvollen Säle stets von römischen Großen und Kardinälen erfüllt waren. Täglich machte dort auch der jammervolle Pietro Medici seine Aufwartung. Am 13. Januar zeigte Karl VIII. sich zum erstenmal öffentlich in Rom. Von seinen Garden begleitet, ritt er oft durch die Stadt, Kirchen und Monumente zu besichtigen. Aus katholischer Religiosität besuchte er an jedem Tage eine der sieben Kirchen, Messe zu hören und Reliquien sich zeigen zu lassen. Aber die Hartnäckigkeit Alexanders versetzte die Franzosen in Ungeduld und Wut: am 13. Januar plünderte man Rom an vielen Orten; die Synagoge der Juden wurde zerstört.

Endlich kam am 15. Januar folgender Vertrag zum Abschluß: Alexander verpflichtete sich, Terracina, Civitavecchia, Viterbo und Spoleto an Karl auszuliefern, im Kirchenstaat nur ihm genehme Rektoren einzusetzen, ihm den Prinzen Djem zu übergeben, den französisch gesinnten Kardinälen und Großen Amnestie zu erteilen. Der Kardinal Cesare sollte den König als Legat auf vier Monate begleiten; Ostia dem Kardinal Julian zurückgegeben werden, die Engelsburg von den Päpstlichen besetzt bleiben.

Dieser Vertrag, zu gewaltsam, um haltbar zu sein, wie Commines urteilte, machte Karl VIII. zum Herrn des Kirchenstaats, aber er befreite Alexander aus seiner dringendsten Gefahr, denn feierlich versprach der König, ihn als Papst anzuerkennen und in allen seinen Rechten zu schützen. Die Kardinäle der Opposition waren tief erbittert. Voll Unmut verließen Ascanio und Lunate Rom, sich nach Mailand zu begeben. Die andern blieben widerwillig, um sich nicht vom Könige zu trennen.

Am 16. Januar fand nach vorher festgesetzter Form die erste Zusammenkunft des Königs und Papsts statt. Als sich dieser aus dem Kastell tragen ließ, erschien jener wie durch Zufall im Garten, wo der bedeckte Gang beginnt. Der Papst eilte beim dritten Kniefall des Königs auf ihn zu und umarmte ihn. Beide bedeckten ihre Häupter zu gleicher Zeit, dann gingen sie nach dem Vatikan. Der schlaue Borgia konnte mit Hohn auf den jungen Monarchen blicken, in dessen Gewalt das Papsttum, Rom und Italien sich befanden und der aus seiner wahrhaft kaiserlichen Stellung so geringen Vorteil zog. Karl wünschte den roten Hut für Briçonnet, und sofort setzte der Papst ihn diesem Günstlinge auf. Mit Genugtuung sah er dann am 19. Januar den Eroberer Italiens im Konsistorium zur Obedienz erscheinen, welche er bisher verweigert hatte. Der König küßte ihm Hand und Fuß und sprach die vorgeschriebenen Worte: »Ich bin gekommen, Ew. Heiligkeit Gehorsam und Ehrfurcht zu leisten, wie das meine Vorgänger, die Könige Frankreichs, zu tun gewohnt gewesen sind«; worauf dies der Präsident von Paris noch dahin erläuterte, daß der allerchristlichste König gekommen sei, den Papst als den Vikar Christi und Nachfolger des Apostelfürsten anzuerkennen und zu verehren. Als zur Feier dieser Versöhnung Alexander am folgenden Tage die Messe im St. Peter las, reichte ihm der König das Weihwasser, und er nahm dann seinen bescheidenen Platz nach dem ersten Kardinalbischof ein. Er verrichtete die lächerlichen Mirakel des königlichen Hauses von Frankreich in der Kapelle S. Petronilla, und erstaunt sahen ihm die Römer zu: vielleicht verwundert, daß der große Monarch nur ihre Kröpfe, nicht die Schäden ihrer Kirche heilen wollte. Am 21. Januar gab Alexander auch dem Vetter des Königs, Philipp von Luxemburg, den Kardinalshut. Am 25. Januar ritt er mit dem Könige öffentlich durch Rom. Beide stellten so ihr inniges Bündnis zur Schau; doch keiner traute dem andern. Die Ghibellinen aber murrten. Als der Kardinal von Gurk die vertragsmäßige Absolution vom Papst holte, scheute er sich nicht, ihm in Gegenwart der Kardinäle Orsini und Riario seine simonistische Wahl, seine Laster und die verräterische Verbindung mit den Türken vorzuwerfen.

Nur eins konnte Karl VIII. nicht erreichen: die Investitur Neapels, welche ihm der Papst verweigerte. Er war ungeduldig, nach dem Königreich aufzubrechen, wohin er bereits Truppen unter Fabrizio Colonna und Robert de Lenoncourt vorausgeschickt hatte, um die Abruzzen zum Aufstande zu bringen. Er träumte noch von einem Kriegszuge gegen Konstantinopel; die Rechte auf das Kaisertum des Ostens seien, so erklärte er, vom letzten Paläologen an die Krone Frankreichs übergegangen. Andreas, Despot der Morea, lebte nämlich noch in kümmerlichen Verhältnissen in Rom, und hier hatte er am 6. September 1494 vor dem Kardinal Gurk seine Rechte auf Byzanz dem Könige Karl urkundlich abgetreten. Man erwartete wirklich den Kreuzzug Karls; man ermunterte ihn dazu durch Gedichte in Rom. Am Tage seines Abmarsches wurde ihm Djem in S. Marco ausgeliefert. Dort hörte er die Messe, speiste beim Papst und verabschiedete sich. Er verließ Rom am 28. Januar 1495 auf derselben lateinischen Straße, auf welcher 229 Jahre früher Karl von Anjou gegen Manfred ausgezogen war, und wie damals war auch jetzt der Frühling frühzeitig eingetreten. Jetzt wie damals erschien das Unternehmen tollkühn und abenteuerlich. Es galt, ein wohlgerüstetes Reich zu erobern, während sich im Rücken in jedem Augenblick offene und versteckte Feinde erheben konnten. Seit der Eroberung Otrantos hielt man Alfonso für den ersten Kriegskapitän Italiens; man glaubte ihn unermeßlich reich; und in der Tat waren die Festungen des Landes trefflich versorgt und zahlreiche Truppen in Sold genommen. Aber auch im Jahre 1495 zeigte sich die Macht Neapels nur als schreckliche Larve. Die Tyrannei erntete ihre blutige Saat.

Schon als Karl VIII. in Rom eingerückt, der Prinz von Kalabrien über den Liris zurückgekehrt war, geriet das ganze Land in Gärung. Kaum erschienen die ersten Franzosen in den Abruzzen, so zog Aquila die Fahne Frankreichs auf und erhob sich überall die Partei Anjou. Alfonso versank im Schloß zu Neapel in düstere Verzweiflung. Wenn nachts die Wellen des Meeres rauschten, glaubte er, daß sie ihm zuriefen: Frankreich! Frankreich! Die Bäume, die Steine, jedes Ding schienen ihm nur diesen einen Namen ins Ohr zu schreien. Erdrückt von der Last seiner Frevel und des Hasses seiner Untertanen, legte der feige Despot am 23. Januar die Krone nieder. Seinen schuldlosen Sohn Ferrantino ließ er durch die Stadt reiten, ihn zum Könige ausrufen; denn dazu hatte ihm auch der Papst geraten. Dann segelte er mit seinen Schätzen nach Sizilien, um seine Schande in einem Kloster zu verbergen.

Karl vernahm diesen Thronwechsel in seinem ersten Nachtquartier zu Marino, und dorthin war ihm Cesare Borgia nachgefolgt, dem Titel nach Legat des Papsts, in Wirklichkeit Geisel für die Treue seines Vaters. Der junge Kardinal legte schon in Velletri die erste Probe von dem ab, was er in der Zukunft zu sein versprach. Nachts hüllte er sich in die Kleider eines Stallknechts, warf sich auf ein Pferd und jagte nach Rom zurück. Am Morgen des 30. Januar meldete man dem Papst, daß der Kardinal im Hause des Auditor Antonio Flores sich versteckt halte, und der Vater konnte mit dem Beweise der Tüchtigkeit seines Lieblingssohns zufrieden sein. Von Rom brachte sich Cesare erst nach Rignano und dann nach Spoleto in Sicherheit, während der Papst behauptete, nichts von ihm zu wissen. Jetzt erkannte der König, daß ihn der Papst hintergehe; sollte er umkehren oder nur Truppen nach Rom schicken, um einen flüchtigen Kardinal aus Rom zurückholen? Er sandte Philipp von Bresse, vom Papst Rechenschaft zu fordern, und Alexander schickte mit Entschuldigungen zu ihm den Bischof von Nepi. Auch Gesandte der römischen Bürgerschaft eilten in das Lager des Königs, ihm zu erklären, daß die Stadt an diesem Vertragsbruche schuldlos sei.

In Velletri protestierten die spanischen Botschafter Juan Albion und Fonseca gegen die gewaltsame Unternehmung, zu welcher Ferdinand der Katholische im Frieden zu Barcelona nicht seine Zustimmung gegeben habe. Es fand eine heftige Szene statt: vor den Augen des Königs zerriß Fonseca jenen Friedensvertrag. Aber Karl setzte seinen Marsch fort. Nirgends hielt ihn ein Feind auf. Nur Montesortino, ein Kastell der Conti, erstürmte Engelbert von Kleve, Kapitän der deutschen Söldner. Dies geschah aus Gunst gegen die Colonna, deren Feinde die Conti waren; auch hatte Jacobus Conti Dienste in Neapel genommen. Die Besatzung des Ortes wurde niedergemacht. Da Monte S. Giovanni das gleiche Schicksal erlitt, verbreitete diese Barbarei Schrecken in allen Städten des Grenzlandes. Die Neapolitaner unter Trivulzio und Pitigliano wichen aus S. Germano nach Capua, wo sich der junge König Ferrante zu halten hoffte. Als ihn jedoch ein Aufstand in Neapel zwang, dorthin zu eilen, unterhandelte Trivulzio mit Karl und öffnete ihm Capua. Virginius und Pitigliano ergaben sich dem Feinde in Nola, und der zu spät nach Capua zurückkehrende Ferrante mußte nach Neapel umkehren, wo er sich verloren sah. Am 21. Februar ging er zu Schiff nach Ischia, am 22. zog Karl VIII. unter dem Jubelruf des Volks in die Hauptstadt des Königreichs ein. Nur die Schlösser Neapels widerstanden noch eine Weile, bis auch sie sich ergaben.

Mit Sporen von Holz, so sagte Alexander VI., haben die Franzosen Italien erobert, und die Kreide in der Hand, ihre Quartiere damit zu bezeichnen, ohne andere Mühe als dies. Man verglich den König Frankreichs mit Alexander und Caesar. Als er sich im Kastell Capuano auf dem Thron der Anjou und Aragon niederließ, mußte er sich als der größte Monarch der Zeit erscheinen. Sein Kreuzzug nach Asien konnte jetzt ausgeführt werden, wie Commines, wie die edelsten Franzosen es hofften. Schon ergriff Furcht den Sultan Bajazet, denn er wußte seinen Bruder in der Gewalt des Königs Karl; aber der unglückliche Djem starb am 25. Februar, nachdem er kaum jenes Schloß in Neapel betreten hatte. Der König befahl, seinen Tod geheimzuhalten. Man sagte sofort, daß ihm auf Befehl Alexanders Gift in einem weißen Pulver gegeben worden sei.

Karl empfing die Huldigungen des feilen Adels und Volks von Neapel und selbst der nahen Verwandten der vertriebenen Dynastie. Mit Ausnahme weniger Seestädte gehorchten ihm alle Lande des Königreichs. Er forderte jetzt die Investitur und Krönung von Alexander VI., und da sie der Papst verweigerte, hielt er am 12. Mai einen feierlichen Zug nach dem Dom St. Januarius. Aber während er, von seinem Glück berauscht, sich in die Lüste Neapels versenkte, zog sich hinter ihm ein Sturm zusammen. Alle Mächte waren durch seine Eroberung tief erschreckt. Der Papst, Venedig, Lodovico, welchen die Ansprüche der Orléans auf Mailand beunruhigten, verständigten sich in der gemeinsamen Gefahr. Der König von Spanien fürchtete für Sizilien, wohin er Consalvo mit Truppen abgeschickt hatte, und auch Maximilian konnte nicht zugeben, daß Frankreich mit dem Besitze Italiens die Hegemonie in Europa an sich riß. Alle diese Mächte hielten einen Kongreß in Venedig, und dort schlossen sie am 31. März 1495 die große Liga zur Verteidigung ihrer Staaten. Der Türkenkrieg war der Vorwand dazu, der wirkliche in geheimen Artikeln ausgesprochene Zweck die Bekämpfung des französischen Eroberers. Mit diesem Mächtebund begann die Geschichte des neuen Europa.

Jetzt mußte Karl seinen Rückzug antreten. Montpensier machte er zum Vizekönig von Neapel, Aubigny zum Generalissimus in Kalabrien; mit dem Rest des Heeres brach er am 20. Mai auf, begleitet von Trivulzio, der jetzt in seinen Diensten stand, und von den Kardinälen Julian, St. Denis, Fieschi und St. Malo. 20 000 Maultiere schleppten die Beute Neapels mit sich fort, darunter auch Kunstschätze, welche der König geraubt hatte. Es war in diesem unglücklichen Neapel, wie in Italien überhaupt, wo die Franzosen den Geist der Renaissance kennenlernten; die feine Bildung der Italiener wirkte seitdem auch auf Frankreich ein. Noch vor seinem Abmarsch hatte Karl den Grafen St. Paul nach Rom geschickt, mit dem Papst zu unterhandeln; aber trotz der dringenden Bitten der Römer, in der Stadt zu bleiben, da sie ihn in der Engelsburg verteidigen wollten, entwich Alexander schon am 27. Mai, einen Tag nach der Ankunft des Königs in Ceprano. Den Abzug aus Rom hatte ihm Maximilian schon im März dringend angeraten. Fast zehntausend Mann, Truppen der Liga und der Kirche, begleiteten ihn nach Orvieto; es folgten ihm alle Gesandten und Kardinäle, nur John Morton von S. Anastasia blieb als Vikar in der Stadt zurück.

Montags am 1. Juni rückte Karl VIII. wieder in Rom ein, wo er dem Befehle Alexanders gemäß mit großen Ehren aufgenommen wurde. Die Konservatoren schickten ihm Abgeordnete entgegen, ihn im Namen des Papsts zu begrüßen, dann holte ihn der Magistrat und zahlloses Volk ein. Er ritt nach dem St. Peter, wo er betete. Im Vatikan zu wohnen, lehnte er ab und bezog den Palast des Kardinals S. Clemente im Borgo, wo heute das Kollegium der Pönitentiare von St. Peter seinen Sitz hat. Obwohl er alle Ursache hatte, Rom feindlich zu behandeln und gegen den wortbrüchigen Papst einzuschreiten, tat er das nicht. Seine Truppen hielten diesmal sogar bessere Ordnung, zumal alle Spanier die Stadt verlassen hatten. Am Mittwoch kamen wichtige Depeschen von Mailand, worauf Karl sofort nach Isola abzog. Es begleiteten ihn Fabrizio und Prospero Colonna. Er nächtigte in Campagnano, dem Schlosse des Virginius Orsini, dann rückte er weiter nach Viterbo. Den Papst forderte er zu einer Zusammenkunft auf; er gab ihm sogar die Burgen zurück, welche er vertragsmäßig besetzt hatte, nur Ostia überlieferte er später dem Kardinal Julian. Aber Alexander wich jeder Begegnung mit dem Könige aus und begab sich am 5. Juni von Orvieto nach Perugia. Die vorwärtsziehenden Franzosen plünderten Toscanella, wo sie die Bevölkerung niedermetzelten; dann kam Karl am 13. Juni nach Siena und ging von dort nach Pisa. Mit lautem Wehgeschrei flehten ihn die Pisaner an, sie nicht an Florenz für Geld auszuliefern; er entschied sich nicht. Florenz vermied er. Diese Stadt, erbittert, daß er Pietro Medici in seinem Lager empfangen und ihr weder Pisa noch andere Festungen zurückgegeben hatte, verschanzte sich bei seinem Nahen und nahm selbst venetianische Truppen auf. Ihr Gesandten unterhandelten mit Karl. Savonarola trat ihm in Poggibonsi entgegen, wo er ihn bitter tadelte, daß er den Florentinern die Treue gebrochen und die Welt um die von ihm erwartete Reform der Kirche getäuscht habe.

Mit tiefer Aufregung blickten die Italiener auf den Rückzug des Königs, der mit verächtlicher Sorglosigkeit die Straße seines Siegeszuges zurückmaß, während sich die Armee der Liga im Norden zusammenzog, um ihm diesen Rückzug abzuschneiden. Wenn sich dieselbe rasch und mit aller Macht ihm entgegenwarf, so würde Vernichtung oder Gefangenschaft die gerechte Strafe des frechen Eindringlings geworden sein und Italien durch eine unsterbliche Nationaltat seine Ehre, ja seine Unabhängigkeit, wie einst bei Legnano, wiederhergestellt haben. In der Geschichte dieses Landes gab es nur wenige Momente von so entscheidender Wichtigkeit wie diesen, doch leider ging der große Augenblick durch Furchtsamkeit, Eifersucht und Ungeschick verloren.

Karl suchte Asti und die Armee Orléans' zu erreichen, welcher die mailändische Stadt Novara überrumpelt und dadurch Lodovico Sforza genötigt hatte, Truppen zu deren Belagerung abzuschicken. Man ließ den König durch die Pässe bei Pontremoli ziehen, und erst am Taro bei Fornuovo sperrte ihm das verschanzte Lager der Verbündeten unter ihrem Feldhauptmann Gian-Francesco Gonzaga von Mantua den Weg. Dieses Heer war dem Karls weit überlegen, denn die erschöpfte französische Armee zählte wenig mehr als 10 000 Mann. Im Kern war schweizerisches und deutsches Fußvolk, und mit der Kraft unseres zersplitterten Vaterlandes fochten fortan die Könige Frankreichs hauptsächlich ihre Kriege aus. Die berühmte Schlacht am Taro, am 6. Juli 1495, dauerte kaum eine Stunde. Beide Teile schrieben sich den Sieg zu; aber mehr Italiener als Franzosen bedeckten das Feld, und obwohl diese ihr Gepäck verloren, durchbrachen sie doch die ausgespannten Netze der Feinde. Sie erstürmten deren Stellung und jagten sie in Flucht. Karl selbst focht wie ein gemeiner Soldat; auf seinem italienischen Feldzuge pflückte er nur am Taro den Lorbeer, den er nach Frankreich mit sich nahm. Die Italiener hatten nach langer Zeit wieder eine Nationalschlacht geschlagen, deren Gegenstand ihre eigene Befreiung von der Fremdherrschaft war; sie hatten tapfer gekämpft, doch nicht den gehofften Erfolg errungen, und dies entschied ihr Schicksal für die Zukunft. Glücklich und wie durch ein Wunder entronnen, erreichte Karl VIII. Piacenza und Asti.

Als sich die Sturmwolke nordwärts verzog, kehrte auch Alexander am 27. Juni nach Rom zurück. Auf Betreiben des venetianischen Botschafters Geronimo Zorzi fand er erst jetzt den Mut, ein Monitorium an den König von Frankreich zu erlassen, worin er ihn unter Androhung von Kirchenstrafen aufforderte, von jedem ferneren Angriff auf Italien abzustehen. Unterdessen belagerte die Bundesarmee den Herzog von Orléans in Novara, während Karl sich in Turin befand, und hier gelang es ihm, Lodovico Sforza von der Liga abzuziehen, indem er mit ihm am 9. Oktober den Separatfrieden von Vercelli schloß. Lodovico kam dadurch wieder in den Besitz Novaras, erlaubte aber dem Könige, Schiffe in Genua auszurüsten, ja er versprach, ihn in seinem nächsten Kriege wider Neapel zu unterstützen. Diesen Vertrag schloß Sforza ohne Wissen der Bundesgenossen; Venedig verwarf die angebotenen Artikel und der König die Bedingungen der Republik. Er selbst kehrte nach Frankreich zurück, mit vielem Ruhm, mit wenigem Gewinn; denn seine Armee fand in Neapel den traurigsten Untergang.

Gleich nach seinem Abzuge war Ferrante II. aus Messina in sein Königreich zurückgekehrt, wo sich die übermütigen Franzosen allgemein verhaßt gemacht hatten. Die Hilfe Spaniens hatte er schon in Sizilien nachgesucht und Ferdinand der Katholische sie mit Freuden bewilligt; denn er selbst beanspruchte als Sohn Juans von Aragon, des Bruders Alfonsos I., den neapolitanischen Thron. Er schickte seinen großen General Consalvo mit Truppen nach Kalabrien; auch das zu Hilfe gerufene Venedig nahm begierig einige Städte an der Meeresküste in Besitz.

Schon am 7. Juli 1495 konnte Ferrante II. in Neapel einziehen. Prospero und Fabrizio, jetzt in seinem Solde, und Truppen des Papsts befestigten ihn dort, während Montpensier und Aubigny eine Stellung nach der andern verloren. Jener ergab sich endlich in Atella, worauf er zu Pozzuoli am 5. Oktober 1496 starb; Aubigny aber verließ einer Abkunft gemäß im November Gaëta, um sich nach Frankreich einzuschiffen. Fast alle Franzosen hatten im Königreich Neapel ihr Grab gefunden.

Der junge Ferrante II. genoß nur kurze Zeit sein unsicheres Glück; er starb kinderlos am 7. Oktober 1496, worauf sein edler, hochbegabter Oheim Don Federigo Graf von Altamura den Thron bestieg. Alfonso würde unter diesen Verhältnissen wohl die Regierung wieder beansprucht haben, doch schon am 10. November 1495 war er zu Mazzara gestorben.

So zerrann die ruchlose Eroberung Karls VIII. in nichts. Als ihr Niederschlag blieb jene furchtbare Lustseuche zurück, welche den Namen der Franzosenkrankheit erhielt und sich pestartig über Europa verbreitete. Man wollte freilich wissen, daß sie aus den Paradiesen der nackten Wilden Amerikas herübergekommen war; aber tatsächlich erschien die Venerie in Italien und andern Ländern gerade in der Zeit der tiefsten sittlichen Verderbnis und als deren physischer Ausdruck.

Auch in einer der schrecklichsten Tiberüberschwemmungen, welche Rom jemals erlitt, erblickte man den Zorn des Himmels. Der Fluß trat am 4. Dezember 1495 mit solcher Gewalt aus, daß er die untere Stadt durchflutete. Die Kardinäle, welche eben aus dem Konsistorium kamen, retteten sich mit Mühe über die Engelsbrücke; der Kardinal von Parma konnte nicht mehr sein Haus erreichen. Der Strom riß Paläste ein, drang in die Kirchen, wogte durch die Straßen. Man fuhr hier auf Barken wie in den Lagunen Venedigs. Viele Menschen ertranken; die Gefangenen in Tor di Nona konnten nicht gerettet werden. Der Schaden wurde auf 300 000 Dukaten berechnet, und Briefe venetianischer Augenzeugen sagten, daß Rom sich davon nicht in fünfundzwanzig Jahren erholen werde. Noch heute sieht man an der Ecke eines Hauses bei S. Eustachio die marmorne Inschrift, welche die Fluthöhe jener Überschwemmung angibt.

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