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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 359
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Friedrich III. stirbt 19. August 1493. Maximilian römischer König. Ferrante stirbt. Alfonso II. vom Papst anerkannt April 1494. Flucht des Kardinals Julian nach Frankreich. Ostia ergibt sich dem Papst. Karl VIII. rüstet den italienischen Feldzug. Alfonso II. und der Papst in Vicovaro Juli 1494. Aufbruch Karls VIII. August 1494. Erste Siege. Mutlosigkeit Alfonsos. Seine und des Papsts Verbindungen mit den Türken. Gian Galeazzo stirbt. Lodovico Herzog von Mailand. Die Colonna nehmen Ostia. Karl VIII. in Pisa und in Florenz. Die Orsini öffnen ihm ihre Burgen. Der Papst unterhandelt. Einzug Karls VIII. in Rom 31. Dezember 1494.

Zwei Thronwechsel veränderten unterdes die politischen Verhältnisse. Am 19. August 1493 starb Friedrich III., nachdem er fast ein halbes Jahrhundert lang ruhmlos und tatenlos regiert hatte. Sein Sohn Maximilian war schon am 16. Februar 1486 zum Könige der Römer erwählt worden und folgte ihm jetzt auf den deutschen Thron ohne Widerspruch. Er war der erste deutsche Monarch, der sich einige Jahre später erwählter Kaiser der Römer nannte, und diesen Titel führten seither selbst mit Auslassung des Zusatzes »Erwählt« seine Nachfolger im Reich, auch ohne daß sie die Krone der Cäsaren mehr nahmen. Eine neue Epoche begann, in welcher die mittelalterlichen Ideen verschwanden und die Verkettung des Deutschen Reichs mit Rom sich löste.

Wenn dieser Thronwechsel keinen Eindruck auf Italien machte, so wurde hier der Tod des Königs von Neapel zu einem Ereignis. Ferrante starb am 25. Januar 1494, bebend vor dem Orkan, den er über seine Dynastie immer schwärzer heraufziehen sah und vergebens zu beschwören versucht hatte. So schrecklich auch die lange Regierung dieses Sohnes Alfonsos I. gewesen war, so hatte er doch mit Klugheit die Monarchie aufrechterhalten, ihr gute Gesetze gegeben und sie nach der Art aller Tyrannen jener Zeit mit mancher Blüte der Wissenschaft und Kunst geschmückt. In seiner letzten Zeit hatten ihn die Verhältnisse zum Vertreter der italienischen Nationalität gemacht: er allein hatte die Invasion des Auslandes abgewehrt und stets ein wachsames Auge auf die Bewegung der Türken gehabt. Er allein hatte auch der Politik des Papsttums eine Schranke zu setzen vermocht. Man fürchtete diesen alten, frevelhaften und schlauen Monarchen. Mit ihm starb der letzte Staatsmann unter den damaligen Fürsten Italiens. Sein Sohn Alfonso war jetzt Erbe des unsicheren Throns, ein Mensch ohne Mut und ohne Geist, stolz und maßlos, grausam, falsch und lasterhaft. Die Bulle Innocenz' VIII. hatte ihm die Nachfolge zugesprochen, doch es bestritten sie die jetzt mehr als je drohenden Ansprüche des Königs von Frankreich. Er eilte daher, den Papst durch große Anerbietungen festzuhalten und mit ihm ein Bündnis wider Karl zu schließen. Immer voll Zweideutigkeit forderte Alexander VI. noch am 1. Februar 1494 die Christenheit auf, den König zu unterstützen, der seine Waffen gegen die Türken zu wenden beschlossen habe, aber als der französische Botschafter die Investitur Neapels für seinen Herrn begehrte, wies er ihn zurück und bestätigte den Gesandten Alfonsos. Das Konsistorium am 18. April, worin er dies tat und Johann Borgia zum Krönungslegaten für Neapel ernannte, war stürmisch; der französische Botschafter drohte sogar mit einem Konzil. Die Kardinäle Ascanio, Lunate, Sanseverino, Colonna und Savelli bildeten mit den Franzosen eine heftige Opposition, und die Seele dieser war der tief erbitterte Julian. Er haßte Alexander, mit dem er sich nur scheinbar vertragen hatte. Er verließ die Partei Neapels, welches sich jetzt mit dem Papst eng verband. Er selbst war nach Ostia zurückgekehrt, wo er sich mit den Colonna in Einverständnis setzte, während die Orsini zu Neapel hielten. Neapolitanische Schiffe unter dem Befehl des Korsaren Villamarina kreuzten schon in der Nähe des Tiber; da verließ der Kardinal am 23. April 1494 heimlich zu Schiff Ostia, nachdem er diese Burg seinem Bruder, dem Stadtpräfekten, übergeben hatte. Er eilte über Genua nach Avignon. Karl VIII. rief ihn nach Lyon, und hier, wo er am 1. Juni mit großer Pracht empfangen wurde, bestürmte er den König mit Aufforderungen zum unverzüglichen Kriegszuge nach Rom und Neapel. So wurde dieser berühmte Kardinal aus Haß gegen Alexander VI. zu dem verderblichsten Bündnis mit Frankreich und einer Politik getrieben, welche jedem echten Italiener als Vaterlandsverrat erscheinen mußte. In Wahrheit ist der nachmalige Julius II. das tätigste Werkzeug für das namenlose Unglück gewesen, welches über Italien hereinbrach.

Als der Papst die Flucht des Kardinals vernahm, schickte er Kriegsvolk gegen Ostia. Diese Burg ergab sich im Mai dem päpstlichen General Nicolaus Grafen von Pitigliano auf Kapitulation, welche Fabrizio Colonna vermittelte. Dem Stadtpräfekten wie seinem flüchtigen Bruder wurde vertragsgemäß Amnestie zugesichert. Die Einnahme der Burg war für den Papst hochwichtig; denn Ostia, der Tiberschlüssel zu Rom, sicherte jetzt von der See her die Verbindung mit dem König von Neapel. Alfonso war am 7. Mai durch den Legaten gekrönt, an demselben Tage Jofré Borgia mit Sancía vermählt worden. Der dankbare König ernannte den Schwiegersohn zum Fürsten von Squillace, Grafen von Coriata und Statthalter des Königreichs; den Herzog von Gandía zum Fürsten von Tricarico, zum Grafen von Claromonte, von Lauria und Carinola.

Gesandte Karls VIII. bereisten unterdes Italien, um mit Herren und Städten Bündnisse zu schließen oder doch freien Durchzug für die französische Armee zu erlangen. Den Mächtigen schmeichelte, den Schwachen drohte er. Wenn man einige dieser französischen Reden liest, glaubt man sich in die Zeiten zurückversetzt, wo Darius seine Machtboten an die hellenischen Städte sandte, ehe die Flut der persischen Barbarei über das schöne Hellas hereinbrach. Die Antwort der Venetianer war ausweichend; sie blieben neutral. Auch die Republik Florenz erklärte, sie sei zwar Frankreich ergeben, könne aber nicht ihren Bund mit Neapel brechen. Dies erbitterte den französischen Hof gegen Pietro Medici. Zustimmend hatten sich die Herren der Grenzlande erklärt, Savoyen, Saluzzo und Montferrat; nicht minder Ercole von Ferrara, welcher auf den Beutelohn einiger Distrikte am Po begierig war.

Dagegen ist anzuerkennen, daß Alexander VI. jetzt mit Entschiedenheit gegen Frankreich auftrat. Als die Botschafter Karls, Eberhard d'Aubigny und Brigonnet, am 16. Mai nach Rom kamen, gegen die Investitur Alfonsos protestierten und diese für ihren König begehrten, erklärte er, daß sie dem Sohne Ferrantes rechtmäßig erteilt sei und daß ein Kriegszug Karls den Kirchenstaat verwirren, Alfonso aber antreiben werde, die Türken nach Italien zu rufen. Eine heftige Szene fand im Konsistorium statt; der Papst, durch die frechen Reden der französischen Gesandten außer sich gebracht, konnte nur mit Mühe besänftigt werden.

Die kleinliche Hauspolitik der italienischen Fürsten öffnete der Invasion Frankreichs die Tore Italiens. Dieses Land war im XV. Jahrhundert so glücklich gewesen wie kaum je zuvor. Von fremden Eingriffen ungestört, hatte es eine nationale Entwicklung genommen. Nur einheimische Fürsten saßen auf seinen Thronen; denn auch Aragon hatte seinen fremden Ursprung abgestreift und das Papsttum sich als italienische Macht eingerichtet. Die Kultur und der Reichtum herrlich geschmückter Städte waren so groß, daß alle übrigen Nationen gegen die italienische barbarisch erschienen. Die Künste und Wissenschaften hatten das Leben Italiens durchdrungen, und dieses gebildete Volk war freier und vorurteilsloser als irgendein anderes in der Welt. Die fremden Mächte blickten daher mit Begier auf das Paradies Europas, und sie fanden es unverteidigt und wehrlos. Der Verfall der bürgerlichen Tugend in den Städten, die Selbstsucht und Treulosigkeit der Fürsten, der Untergang des Wehrsystems machten Italien zur Beute des ersten besten Eroberers. Nach der Überwindung der Reichsgewalt konnte das naturgemäße Ziel der Italiener nur die vaterländische Eidgenossenschaft sein, aber sie bildete sich nicht, weil in dem ewigen Kampf der Territorialmächte um ihre eigene Gestaltung die große Nationalidee verlorenging. Diese ruhte in älteren Zeiten auf dem Bürgertum unabhängiger Städte, doch deren Freiheit war fast überall untergegangen oder auf der moralischen Macht des Papsttums, doch dieses erregte nur Furcht oder Mißachtung, weil es in die Nepotenpolitik versunken war. Dynasten regierten einst freie Republiken nur im Sinn ihres Familienvorteils. So geschah es, daß an die Stelle von Guelfen und Ghibellinen die Parteien der Anjou und Aragon getreten waren, und dieser neue Parteiruf bezeichnete nur noch ein dynastisches Prinzip, ja die Fremdherrschaft selbst. Der einzige Mann, welcher das Verderben hätte abwehren können, Lorenzo Medici, war tot, sein Sohn Pietro unfähig und Florenz selbst von dem Einflusse Savonarolas beherrscht, welcher das Volk mit krankhaften Visionen von einem allgemeinen Untergange entmutigte, den Zug Karls herbeiwünschte und ihn als ein Strafgericht des Himmels gegen die Tyrannen und die römische Kurie betrachtete. Der Eifer dieses Mönchs fand ein Echo in vielen Städten, wo das Volk seine Gewalthaber haßte, ohne der Freiheit fähig zu sein. Viele ersehnten die Ankunft Karls, von dem sie eine Veränderung des Zustandes erwarteten, während die Tyrannen durch ein Bündnis mit ihm Vergrößerung hofften. So kläglich ist die Ohnmacht Italiens im Jahre 1494, daß ein Despot gleich Alfonso II. als der einzige patriotische Fürst darin glänzen würde, wenn seine elende Verteidigung gegen die Invasion Karls nationale Motive gehabt hätte.

Den Plan dieser Verteidigung hatte bereits sein Vater entworfen. Den Franzosen zuvorzukommen, schickte Alfonso seinen Sohn Ferrantino mit einem Heer in die Romagna, wo er die Lombardei bedrohen sollte, während Pietro Medici die Grenzen Toskanas zu behaupten versprach. Zugleich sammelte sich eine neapolitanische Flotte unter Don Federigo in Livorno, um mit den Fregosi und anderen Verbannten einen Versuch gegen Genua zu machen, welches sich in mailändischer Gewalt befand. Der Papst sollte den Kirchenstaat mit Kriegsvolk in Tuszien decken.

Am 14. Juli 1494 kam Alfonso nach Vicovaro, einem Kastell des Virginius Orsini. Hier traf er den Papst. Man beriet die gemeinschaftlichen Maßregeln. Die Ereignisse drängten. In Asti stand bereits Ludwig von Orléans, die französische Flotte erwartend, welche Pierre d'Urfé in Genua rüstete; aber noch schwankte der König, und nur die Mahnungen des Kardinals Julian bewogen ihn, das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Am 29. August setzte er sich in Grenoble in Bewegung, am 2. September überstieg er den Mont Genèvre, am 3. rückte er in Piemont ein. Ein so prachtvoll gerüstetes Heer hatte Frankreich kaum zuvor gesehen. Es zählte 90 000 Mann; die Zahl der Schiffe betrug über 450. Das Fußvolk, namentlich die Schweizer, bildete die Hauptstärke, und ein furchtbarer Artilleriepark sicherte den Franzosen die Überlegenheit über die Italiener, bei welchen die Kriegsschulen der Sforza und Braccio erloschen und die Heereseinrichtung, zumal der Infanterie, veraltet waren. Den König begleiteten der Herzog von Montpensier, der Marschall von Gié, der Graf Robert de la Marche, Engelbert von Kleve, die Herren von Vendôme, Luxemburg und Foix und viele andere Große. Er selbst bot an der Spitze dieser Kriegerscharen nichts weniger als den Anblick eines Helden dar: ein junger Mensch von zweiundzwanzig Jahren, klein und verwachsen, mit unförmlichem Dickkopf und langer Nase, mit dürren Beinen, in schwarzen Samt und Goldbrokat gekleidet, konnte er auf seinem Streitroß nur als die Karikatur eines Eroberers erscheinen. Er war tief unwissend, von Natur gutmütig, von krankhafter Ruhmsucht berauscht, und doch war diese koboldartige Gestalt das Werkzeug der Geschichte, und seine abenteuerliche Unternehmung brachte eine Umwälzung aller europäischen Verhältnisse hervor.

In keinem Moment der Geschichte erscheint der Genius Italiens so trauervoll verhüllt, als in jenem Augenblick, wo Karl VIII. die Alpen herabstieg. Dieses Land hatte bisher nur die Romzüge der Kaiser erfahren, als Domäne ihrer Reichsgewalt. Der Reichsschild deckte es sogar lange Zeit gegen ausländische Angriffe; jetzt aber betrat Italien zum erstenmal nach Jahrhunderten ein fremder König als Eroberer, nur auf Grund persönlicher Ansprüche und gerufen durch selbstsüchtige Fürsten. Mit Staunen betrachtete die Welt diesen Kriegszug, mit Scham sahen ihn für ein vergangenes Ideal schwärmende Patrioten im Deutschen Reich.

Am Anfange des September zog Karl in Asti ein, wo ihn Lodovico Sforza mit seiner Gemahlin Beatrix von Este und deren Vater Ercole begrüßten. Hier erkrankte der König an den Pocken. Italien bewegte sich auf die Kunde seines Erscheinens, wie es sich einst bei der Ankunft Heinrichs VII. bewegt hatte. Der Papst, der König von Neapel und Pietro Medici schickten Gesandte nach Venedig, dieser Republik ihre Verwunderung auszudrücken, daß sie ruhig zusehe, wie ein fremder Monarch sich rüste, Italien zu erobern. Die Signorie antwortete ausweichend und lehnte jede Beteiligung am Kriege wider Karl ab. Sie glaubte anfangs nicht an das Unternehmen dieses Königs, und als es doch stattfand, nicht an die Hilflosigkeit Alfonsos. Keine italienische Macht erhob sich, das gemeinsame Vaterland zu retten, und bald sah Alfonso II. alle seine Verteidigungspläne zerstört. Der Versuch gegen Genua mißlang; das Schweizervolk Karls erstürmte am 8. September Rapallo mit solcher Wut, daß es die gesamte Einwohnerschaft niederhieb. Dies verbreitete Bestürzung in den Städten Italiens, denn die Italiener waren bisher gewohnt, besiegte Feinde zu plündern, dann aber für Lösegeld freizulassen. Mit dem Auftreten der Franzosen kam überhaupt in die Kriegsführung ein Charakter wilder Unmenschlichkeit. Geschlagen und mutlos kehrte die Flotte Alfonsos nach Neapel zurück, und auch sein Heer in der Romagna wurde durch Aubigny zurückgeworfen.

Alfonso verzweifelte. Bereits bot er dem Eroberer die Abtretung eines Teils seiner Länder und jährlichen Tribut. Selbst nach dem Halbmond blickte er um Rettung aus, denn sein Bote Camillo Pandone und der päpstliche Schreiber Bozardo waren an Bajazet geschickt worden, ihm vorzustellen, daß der König Frankreichs gegen Rom vorrücke, sich Djems zu bemächtigen, um dann diesen Prinzen nach der Eroberung Neapels auf den Thron Konstantinopels zu führen. Diese Gesandtschaft wie die berüchtigten Instruktionen Alexanders an Bozardo und seine Korrespondenz mit dem Sultan sind unzweifelhaft. Bozardo wurde nach seiner Heimkehr aus der Türkei im November vom Stadtpräfekten in Sinigaglia festgehalten, wo der Kardinal von Gurk jene Briefschaften bei ihm vorfand. Giovanni Rovere bemächtigte sich auch der 40 000 Dukaten, welche der Sultan dem Papst durch jenen Boten schickte, weshalb ihn Alexander in den Bann tat. Später erklärte dieser, daß die Gerüchte von seinem Einverständnis mit den Türken Verleumdungen des Präfekten seien.

Sie waren dies aber nicht, denn am 20. November 1494 machte der Stadtpräfekt seinem Bruder, dem Kardinal Julian, Mitteilung von den Geständnissen Bozardos und den Instruktionen des Papsts, »welche staunenswürdige und für die Christenheit gefährliche Dinge enthielten, woraus hervorgehe, daß der Papst Djem dem Großtürken verkaufen wolle und dessen Beistand gegen Frankreich nachsuche.«

Von Asti war Karl VIII. nach Pavia gezogen, wo er sein Hauptquartier aufschlug. Dort im Schlosse lag Gian Galeazzo zum Sterben erkrankt, wie man glaubte, durch seinen Oheim vergiftet. Bei dem peinlichen Besuch, welchen der König dem Unglücklichen, seinem nahen Verwandten, machen mußte, warf sich ihm die Herzogin Isabella zu Füßen und flehte um den Schutz der Rechte ihres Gemahls. Karl hatte nur leere Worte zum Trost. Auf seinem Weitermarsch vernahm er schon in Parma, daß der junge Herzog am 22. Oktober gestorben sei. Die französischen Herren murrten laut, denn sie ahnten eine Freveltat, aber Lodovico eilte aus dem Lager des Königs nach Mailand, sich des herzoglichen Thrones zu bemächtigen. Schon hatte er das kaiserliche Investiturdiplom in Händen, denn von Maximilian, der sich am 1. Dezember 1493 mit Blanca Maria vermählt hatte, war ihm diese Belehnung soeben, am 5. September 1494, ausgestellt worden. Ein gehorsames Parlament rief ihn als Herzog aus unter Ausschließung Francescos, des erstgebornen Sohnes des verstorbenen Sforza. Das Schicksal Isabellas war tief tragisch: ihren Vater sah sie dem Verderben nahe, ihren schuldlosen Gemahl tot, ihre enterbten Kinder dem Elend ausgesetzt. Lange Zeit lag sie im Burggemach zu Pavia auf dem harten Fußboden hingestürzt. In diesem Schloß wurde sie mit ihren Kindern eingesperrt.

Lodovico eilte jetzt Karl VIII. wieder nach, aber schon war er selbst an einem Wendepunkt seiner Staatskunst angelangt. Er kannte die Stimmen im französischen Lager, welche dem Könige rieten, Mailand zu besetzen, ehe er weiter zog. Da er selbst sein Ziel erreicht hatte, lieh er den Vorstellungen des Papsts und Venedigs Gehör. Man warnte den König vor italienischem Verrat, und schon längst war Karl gegen seinen Bundesgenossen mißtrauisch. Er zögerte, vorwärtszugehen. Endlich entschloß er sich, statt durch die Romagna ins Neapolitanische zu rücken, die Straße nach Toskana und Rom einzuschlagen. Denn von dort kamen ihm günstige Botschaften. Die Colonna und Savelli, welche er in Sold genommen hatte, lagerten mit 4000 Mann und 600 Pferden bei Frascati, von wo aus sie Rom bedrohten. Aber nichts erschreckte den Papst so tief als der Fall Ostias: diese Burg überrumpelte Fabricius Colonna schon am 18. September und pflanzte auf ihr die Fahnen Frankreichs und des Kardinals Julian auf. Alexander meldete diesen Verlust dem Dogen und dem Könige Spaniens, die er um Hilfe bat. Wenn die Colonna mehr Kriegsvolk gehabt hätten, so würden sie Rom in die größte Bedrängnis versetzt haben. Ihr Plan war, die Stadt zu überfallen, den Papst festzunehmen und sich Djems zu bemächtigen. Man verriet ihren Anschlag: der türkische Prinz wurde jetzt in der Engelsburg strenge bewacht. Der Papst ächtete die Colonna; die Paläste Prosperos und Estoutevilles ließ er niederreißen. Voll Furcht sah er französisches Kriegsvolk in Ostia landen; denn eilig schickte Karl am 16. Oktober einen Teil der Flotte von Genua nach der Tibermündung, wo sie Truppen in die Burg warf und dann wieder zurücksegelte. Die Erhebung der Colonna im Römischen hatte wesentlich den Erfolg, daß sie Alfonso abhielt, mit ganzer Kraft in der Romagna den Franzosen entgegenzutreten.

Den wiederholten Mahnungen Alexanders, nicht weiter vorzurücken, antwortete der König Karl nicht; den zu ihm geschickten Kardinal Piccolomini ließ er nicht einmal vor. Wie hatten sich die Zeiten und die Macht des Papsttums verändert! Welche flammenden Bannbullen hatten nicht frühere Päpste gegen Fürsten gerichtet, welche, wie Konradin von Schwaben, auszogen, Neapel, das Lehen der Kirche, zu erobern. Nichts dergleichen tat Alexander VI. Er war unsicher und voll Furcht vor einem Konzil, welches seine simonistische Papstwahl richten konnte. Jetzt rief er Ascanio Sforza, der zu den Colonna gegangen war, zur Besprechung in die Stadt; für so lange Zeit, als sie dauern würde, lieferte er seinen Sohn Cesare als Geisel nach Marino, dem colonnischen Hauptquartier, und Ascanio, der am 2. November nach Rom kam, ließ sich bewegen, als Unterhändler zum König nach Toskana abzureisen.

Während nämlich Montpensier die Neapolitaner aus der Romagna zurücktrieb, zog Karl nach Toskana. Hier boten ihm Unterstützung die erbitterten Feinde von Florenz: Lucca, Siena und besonders Pisa, welches den Augenblick ersehnte, das Joch der Florentiner abzuwerfen. Zugleich erwachte in Florenz selbst die Freiheitslust; die Gegner der Medici erhoben ihr Haupt; in seinen Predigten begrüßte Savonarola Karl als Abgesandten Gottes, den neuen Cyrus und Tyrannenbändiger. Die Pässe Pontremolis fand der König unbesetzt. Fivizzano nahm er mit Sturm. Auf hartnäckigen Widerstand gefaßt, staunten die Franzosen über ihr eigenes Glück. Commines rief aus, daß Gott ihr Unternehmen offenbar begünstige. Pietro Medici, dessen früher exilierte Vettern Lorenzo und Johann, die Söhne Pier Francescos, sich im Lager des Königs befanden, sah den steigenden Aufruhr der Stadt und verlor die Besinnung. Er eilte zu Karl nach Sarzanella, auf die sinnloseste Weise das Beispiel der Reise seines großen Vaters nach Neapel nachzuahmen, und er bot dem Eroberer, mehr als dieser verlangte, die wohlversorgten Festungen seines Landes dar. Als der Elende hierauf nach Florenz zurückkehrte, brach am folgenden Tage, dem 3. November, der Volkssturm gegen ihn los. Pietro entwich nach Bologna, seine Brüder Julian und der Kardinal Johann folgten ihm in Verkleidung nach. Durch Beschluß des Volks wurden die Medici in die Acht erklärt.

An demselben Tag erhob sich die Stadt Pisa und nahm Karl VIII. auf, der ihre Freiheit zu schützen versprach. Gesandte der Florentiner erschienen hier vor ihm, unter ihnen Savonarola, um einen Vergleich abzuschließen; er sagte ihnen, daß er dies in Florenz selbst zu tun gedenke. Diese einst so mächtige Guelfenrepublik, welche so vielen Kaisern getrotzt hatte, ergab sich wehrlos dem Könige Frankreichs. Die Lanze in kriegerischer Haltung angelegt, zog Karl dort am 17. November ein. Nur der Bürgerstolz eines einzelnen Mannes, Piero Capponis, der im Angesicht des fremden Despoten die Vertragsurkunde zerriß und dadurch bessere Bedingungen erzwang, mildert die Demütigung der Stadt. Karl versprach die Herausgabe der Landesfestungen und auch Pisas zu geeigneter Zeit, begnügte sich mit 120 000 Goldgulden und bestand nicht auf der Rückkehr der Medici.

Am 22. November erließ er ein Manifest; er umschleierte darin seinen wahren Zweck, die Eroberung Neapels, mit dem Plan des Türkenkrieges und verlangte vom Papst freien Durchzug durch den Kirchenstaat. Dann verließ er Florenz am 28. November und erreichte am 2. Dezember Siena, um von dort ins Patrimonium Petri vorzugehen. Erst in dieser Stadt gelang es dem Kardinal Piccolomini, beim Könige Audienz zu erlangen, am 4. Dezember, doch was ihm dieser erwiderte, waren nur nichtssagende Worte. In Rom war Alexander ganz ratlos. Gleich beim Beginne der französischen Invasion sah er sich in einem peinvollen Widerspruch, denn weder konnte er es mit Neapel verderben, noch den Zorn des französischen Monarchen auf sich ziehen. Wenn ein so machtvoller König mit Heeresgewalt nach Rom kam, so hatten die Feinde der Borgia gewonnenes Spiel; der Kardinal Julian begleitete den nahenden Eroberer; die Ghibellinen redeten davon, daß nach dessen Einzuge in Rom ein Konzil den lasterhaften Papst absetzen müsse. Das Bewußtsein seiner simonistischen Wahl ängstigte Alexander mehr als jede andre Vorstellung; er war und blieb ein Usurpator des Heiligen Stuhls. Ostia war von französischem Kriegsvolk eingenommen: die Colonna und deren Anhänger machten Latium unsicher und reichten dem Feinde die Hand. Vermochten wohl die Orsini in Tuszien seinen Marsch aufzuhalten? Und doch wollte Alexander anfangs den Franzosen den Einzug in den Kirchenstaat mit Waffengewalt verwehren; er schickte Truppen nach Viterbo, aber diese Stadt nahm sie nicht auf. Hin- und herschwankend sah er sich nach Rettung um. Er ließ den kaiserlichen Botschafter Rudolf von Anhalt rufen und appellierte vor ihm an Maximilian, den legitimen Advokaten der Kirche, auf daß er die Rechte des Reichs gegen die französische Usurpation verteidige. Die Engelsburg rüstete er mit Lebensmitteln und Munition aus: er ließ Waffen verteilen, die Bürger zum Schutze der Stadt aufrufen. Er zog seine Truppen nach Rom und rief hieher auch den jungen Herzog von Kalabrien, Virginius Orsini, den Grafen von Pitigliano und Trivulzio; denn diese Kapitäne hatten mit ihrem Volk die Romagna verlassen müssen, nachdem die Florentiner unter Annibale Bentivoglio und die Päpstlichen zur Verteidigung Toskanas und des Kirchenstaats abgezogen waren. Am 10. Dezember rückte die neapolitanische Armee in die Stadt ein, 5000 Mann zu Fuß und 1100 Pferde stark. Dies gab Alexander Mut, einen listigen Streich gegen seine Gegner auszuführen. Am 2. Dezember war nämlich Ascanio von seiner Sendung an den König zurückgekehrt, begleitet von französischen Gesandten; ihn, die Kardinäle Sanseverino und Lunate, Prospero Colonna und Girolamo Estouteville, die er unter Gewähr ihrer Sicherheit nach Rom zur Besprechung eingeladen hatte, ließ der Papst am Tage des Einmarsches der Neapolitaner festnehmen und in die Engelsburg setzen. In der Verwirrung wurden selbst die französischen Gesandten eingekerkert, doch bald wieder freigelassen. Alexander erklärte diesen Herren, daß er dem Könige den Durchzug durch das Römische nicht gestatten wolle.

Karl war bereits nach Viterbo vorgerückt und hier am 10. Dezember eingetroffen. Kein Feind zeigte sich, nur erschrecktes Volk, welches die Städte öffnete. Die Franzosen plünderten selbst die ärmlichsten Ortschaften. Die Kunde davon, wie auch die Nachricht, daß sie Julia Farnese gefangen fortgeführt hatten, versetzte den Papst in den tiefsten Schrecken. Die Geliebte Alexanders war mit Madonna Adriana am 27. November aus dem farnesischen Kastell Capo di Monte aufgebrochen, um sich zu ihrem Bruder, dem Kardinal, nach Viterbo zu begeben und unterwegs auf einen Trupp Franzosen gestoßen, welche diese Frauen und ihre Begleiter nach Montefiascone führten. Auf die Kunde davon schickte der Papst einen Kämmerer an Ascanio nach Marino, ihre Freilassung zu erwirken, was auch geschah. Er schickte Boten an Karl, ihn zu ersuchen, nicht weiter vorzugehen, vielmehr mit ihm einen Vertrag abzuschließen. Er rüstete in derselben Zeit die Verteidigung Roms. Am 16. Dezember rief er den Zeremonienmeister Burkard und andere Deutsche in den Palast und forderte sie auf, ihre zahlreichen Landsleute zu bewaffnen. Dieselbe Forderung stellte er an die Spanier. Burkard berief am 17. Dezember eine Versammlung von Deutschen ins Hospital der Anima. Sie fiel höchst kläglich aus. Einige Gastwirte, Kaufleute und Handwerker kamen dort zusammen und erklärten, daß sie den Befehlen des Papsts nicht gehorchen könnten, weil sie denen der Regionenkapitäne folgen müßten. Vielleicht beweist nichts so sehr die grenzenlose Ratlosigkeit Alexanders als dies Konzilium in der Anima. So mutlos, so unentschlossen zeigte sich dieser Papst bis zur letzten Stunde, daß das Urteil derer, welche ihn einen kühnen Geist nennen, Verwunderung erregen muß. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er wollte sich zu gleicher Zeit verteidigen und entfliehen. Am 18. Dezember war sein Geräte im Palast bis auf Bett und Tafelgeschirr eingepackt; alle Kostbarkeiten der päpstlichen Kapelle waren in die Engelsburg gebracht; die Pferde der Kurialen standen bereit. Nur die Vorstellungen der Botschafter Venedigs und Spaniens und der Kardinäle bewogen ihn zu bleiben.

Verwundert über die Wehrlosigkeit des Kirchenstaats, durchzog Karl VIII. das Patrimonium Petri. Überall setzte er Franzosen als Gouverneure ein. Von Viterbo aus hatte er La Trémouille an den Papst geschickt, die Entlassung der Neapolitaner aus Rom, Zufuhr und freien Durchzug zu verlangen; würde ihm dies verweigert, so wolle er mit Waffengewalt in die Stadt einziehen. Am 15. Dezember rückte er nach Nepi, und hier erschienen zu seinem Erstaunen die Orsini, mit ihm einen Vertrag zu schließen. Diese mächtigen Barone standen im engsten Bündnis mit Neapel; ihr Haupt Virginius, dort Großkonnetable und in die Verwandtschaft des Hauses Aragon aufgenommen, befand sich in neapolitanischen Diensten zu Rom. Gleichwohl zwang ihn die Not, dem Könige seine Burgen im Patrimonium zu öffnen, weshalb er seinen Bastard Karl zu ihm schickte. Am 19. Dezember wurde der König von diesem im Schloß Bracciano aufgenommen, wo er sein Hauptquartier aufschlug. Die Unterwerfung der Orsini erschütterte vollends den Mut der Neapolitaner wie des Papsts. Tief erschreckt ließ Alexander an demselben 19. Dezember den Kardinal Sanseverino frei, um ihn als Unterhändler an Karl zu senden. Er machte auch am 18. Dezember mit den Colonna Vertrag: Prospero sollte aus der Engelsburg entlassen werden, um seinen Bruder zur Herausgabe Ostias zu bewegen; er sollte im Dienst des Papsts und Alfonsos bleiben, gegen 30 000 Gulden jährlichen Soldes; alle seine Kastelle sollten ihm zurückgegeben werden. Prospero ging nach Ostia, aber wie vorauszusehen war, hatte seine Sendung nicht den geringsten Erfolg. Vielmehr schickte Karl, dem sich bereits Civitavecchia und Corneto ergeben hatten, Kriegsvolk unter Louis Allegre nach jener Burg, wohin sich auch der Kardinal Julian in Person begab. Und kaum erschien dort derselbe, so ging auch Prospero offen ins Lager des Königs über. Zugleich drang der Marschall Rieux über den Tiber gegen das Marsenland vor.

Der Schrecken wurde immer größer im Vatikan. Jede Nacht erwartete man den Feind von Ostia her. Schon streiften französische Reiter bis zum Monte Mario. Zwar standen 6000 Mann Neapolitaner in der Stadt, doch der Papst hatte ihnen die Besetzung der Engelsburg verweigert. Das Volk selbst wollte nichts von Verteidigung wissen; vielmehr schrien Bürger und Kurialen, daß man sich mit dem König vertragen müsse. Noch jetzt dachte Alexander an Flucht nach Venedig; und noch am 23. Dezember wußte man im Lager des Königs nicht, ob man vor Rom als Feind oder als Freund erscheinen solle. Noch an diesem Tage schrieb der Kardinal von Gurk, welcher Karl begleitete, einen Brief nach Rom, die dortigen Deutschen, Flamländer und Burgunder mit der Versicherung zu beruhigen, daß der königliche Statthalter Montpensier den Befehl habe, das Leben und Eigentum aller Bürger, zumal der Untertanen Maximilians und Philipps von Burgund zu schonen.

Am 24. Dezember versammelte der Papst das Konsistorium, und hier erklärte er dem Herzog von Kalabrien, daß der Abzug der neapolitanischen Truppen eine Notwendigkeit sei. Don Ferrantino verließ hierauf die Versammlung voll Unwillen über den Abfall des Papsts. Dieser selbst aber war in so großer Mutlosigkeit, daß er die Neapolitaner begleiten und den Prinzen Djem mit sich nehmen wollte. Er machte noch am 25. Dezember einen förmlichen Vertrag mit jenem Herzog, wonach es ihm freistellen sollte, mit seiner Kurie und dem Sultan sich ins Königreich zu flüchten. Solange er dort bliebe, sollte er 50 000 Dukaten Jahrgeld erhalten und außerdem noch 10 000 für Djem, der nach Gaëta in Sicherheit zu bringen sei, und diese Festung selbst sollte dem Kardinal Cesare übergeben werden.

An demselben Weihnachtstage schickte Karl neue Boten nach Rom, den Seneschall von Beaucaire, den Großmarschall de Gié, den Präsidenten des Pariser Parlaments de Ganay: er forderte gebieterisch den Abzug der Neapolitaner und Aufnahme wie Verpflegung des französischen Heers, erklärte aber, daß er nichts als freien Durchzug nach Neapel begehre und die Rechte des Papsts achten wolle. Jetzt bewilligte Alexander, was der König verlangte; er schickte an ihn den Kardinal von Monreale und entließ auch Ascanio aus seiner Haft. Der Einzug Karls wurde auf den 31. Dezember festgesetzt. Einige Kardinäle, namentlich Ascanio und Sanseverino, begehrten, daß der König neben dem Papst im Vatikan wohne, jedoch bestimmte man zu seiner Residenz den Palast bei S. Marco. Alexander nahm in den Vatikan ihrer Sicherheit wegen die Gesandten der fremden Mächte und den Kardinal von Neapel. Kein Franzose sollte den Borgo betreten. Einer Kommission, bestehend aus dem Kardinal St. Denis, dem Governator und den Konservatoren, wurde die Regelung des Einquartierens und die Aufrechthaltung der Ordnung übertragen. Am 30. Dezember sollte Montpensier als französischer Gouverneur eintreffen. Unterdessen war der Herzog von Kalabrien schon am 25. Dezember nach Tivoli abgezogen; da er dort nicht aufgenommen wurde, rückte er, die Ortschaften der Campagna verbrennend, weiter nach Terracina.

Die Aufregung in Rom war grenzenlos: denn nun wurde der Einzug eines fremden Königs mit seiner Armee zur Tatsache, und bereits am 27. Dezember rückten mit Erlaubnis des Papsts 1500 Franzosen ein. Die Römer stellten die Wappen Frankreichs vor ihren Türen aus, so daß die ganze Stadt damit bedeckt war. Am Morgen des 31. Dezember gingen Boten der Bürgerschaft dem König entgegen, Hieronymus Porcaro, Ascanius de Planca, Marius Millini, der Kanzler Christophorus del Buffalo, Jacobus Sinibaldi. Sie sollten ihm das Wohl der Stadt empfehlen und ihn dorthin geleiten. Mit ihnen gingen auch Abgesandte des Papsts, der Bischof von Nepi und der Zeremonienmeister Burkard. Dieser Hofbeamte fühlte in der wichtigsten Stunde weniger die Gefahr, die dem Papsttum, als diejenige, welche dem Ritual der Kirche drohte, und er eilte dem Eroberer entgegen, »ihm das Zeremoniell seines Empfanges mitzuteilen«. Karl VIII. empfing die Abgeordneten bei Galera. Porcaro, den Redner der Römer, würdigte er kaum einer Antwort; dem Zeremonienmeister bemerkte er, daß er ohne jede Feierlichkeit einziehen wolle. Er ließ ihn vier Millien weit neben sich reiten und fragte ihn voll Neugierde nach den Persönlichkeiten des Papsts und seines Sohnes Cesare. Leider hat der päpstliche Höfling in seinen Denkwürdigkeiten nicht gesagt, auf welche Weise er sich aus dieser Verlegenheit zog.

Der Einzug der französischen Truppen begann um drei Uhr nachmittags und dauerte bis neun Uhr abends. Der König selbst traf erst um sieben Uhr an der Porta del Popolo ein, wo sein Großmarschall dem Vertrage gemäß alle Torschlüssel der Stadt in Empfang nahm. Wie in Florenz ritt Karl in kriegerischer Haltung daher, mit angelegter Lanze. Zu seinen Seiten hatte er die Kardinäle Julian und Ascanio; hierauf Colonna und Savelli. Ein glänzendes Gefolge von Rittern und Leibwachen umgab ihn. Vorauf zogen einige tausend Schweizer und Deutsche, herrliches Fußvolk, mit breiten Schwertern und langen Lanzen, in kurzen, engen und bunten Kleidern. Es folgten 5000 Gascogner, fast alle Bogenschützen, dunkle, kleine häßliche Menschen; sodann die schwer gepanzerte Reiterei, unter ihr die Blüte des französischen Adels, 5000 Pferde stark. Was die größte Bewunderung erregte, war die Artillerie: 36 Kanonen von Bronze, jede acht Fuß lang und 6000 Pfund schwer, auf Wagengestellen, außerdem Feldschlangen und kleineres Geschütz. Der Anblick dieser Kriegerscharen, welche noch bei Fackellicht durch Rom zogen, flößte Schrecken ein, zumal die flackernde Beleuchtung Männer, Pferde und Geschütz über ihr natürliches Maß größer erscheinen ließ. Die Via Lata, der heutige Korso, war bis S. Marco hin durch Laternen und angezündete Feuer erleuchtet. Das bestürzte Volk rief Francia! Francia! Colonna und Vincula!

Der König nahm seine Residenz im Palast S. Marco, der damaligen Wohnung des Kardinals Lorenzo Cibò, Erzbischofs von Benevent, welcher ihm entgegeneilte, als er abstieg, und ihn in die für ihn zugerüsteten Gemächer geleitete. Artillerie wurde um den Palast aufgefahren. 2000 Reiter besetzten Campo de' Fiori. Andere Truppen verteilten sich in der Stadt, deren wichtigste Punkte einzunehmen.

Der Einzug eines französischen Königs mit einem Kriegsheer war in den Annalen der Stadt ein beispielloses Ereignis. Man fürchtete den Umsturz alles Bestehenden, selbst die Plünderung Roms. Viele Bürger vergruben ihr kostbares Gut. Man fragte sich, was jetzt der Papst tun, der König mit ihm beginnen werde? Von Schuldbewußtsein erfüllt, saß Alexander von einigen Kardinälen umgeben im Vatikan, dessen Zugänge die Engelsburg deckte, während seine ganze Macht im Borgo nur aus tausend Reitern und einigem Fußvolk bestand. Er blickte von dort in den Feuerschein der nächtlichen Straßen, hörte das Getöse der hin und her marschierenden Truppen Frankreichs und zitterte vor dem schrecklichsten aller Gedanken, dem an ein Konzil, vor welches ihn, so hieß es, seine Gegner unfehlbar laden würden.

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