Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gregorovius >

Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 357
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
Schließen

Navigation:

3. Die Kandidaten des Papsttums. Julian Rovere. Ascanio Sforza. Rodrigo Borgia erkauft die Papstwahl. Papst Alexander VI. 11. August 1492. Seine Vergangenheit. Seine Geliebte Vanozza, seine Kinder. Das Krönungsfest am 26. August.

Am 6. August 1492 bezogen die Kardinäle das Konklave in der sixtinischen Kapelle, welches die Gesandten der fremden Mächte und die Römer Cola Gaëtani und Battista Conti bewachten. Der Vatikan war verschanzt, Fußvolk und römischer Adel zu Pferde sperrten die Zugänge.

Zu den dreiundzwanzig Wahlherren waren zwei neuernannte, aber noch nicht ausgerufene Kardinäle hinzugekommen, Federigo Sanseverino, der Bruder des Condottiere Fracassa, und der greise Patriarch von Venedig, Maffeo Gherardo. Außerdem stammten aus der Ernennung des verstorbenen Papsts die Kardinäle Cibò, Ardicino de la Porta, Antoniotto Pallavicini und Giovanni Medici. Als besonders wahlfähig galten Ascanio Sforza, Borgia, Lorenzo Cibò, Raffael Riario und Julian Rovere. Mit einer Offenheit, wie sie nie zuvor gesehen ward, warfen sich die Kandidaten des Papsttums auf: man konnte an die Zeiten denken, wo das römische Kaisertum zur Versteigerung kam. Cibò unterstützte die Kandidatur Pallavicinis; doch dieser fiel schon deshalb durch, weil er ein Geschöpf Innocenz' VIII. war. Man verwarf auch Rovere wegen der drohenden Absichten der Krone Frankreichs; zur Betreibung der Wahl dieses Kardinals hatten der französische König 200 000 Dukaten, Genua deren 100 000 in einer Bank niedergelegt. Sein Gegner Ascanio, der vornehmste Kardinal, von Borgia nur deshalb befürwortet, weil er keine Aussicht hatte, Papst zu werden, ließ sich für diesen gewinnen, wirkte für ihn und wurde dabei von Riario und Orsini unterstützt. Ein spanischer Papst durfte zeitgemäß erscheinen; denn Spanien stieg eben aus dem maurischen Glaubenskriege glänzend empor und konnte gegen Frankreich als Gegengewicht dienen. Es ist sehr merkwürdig, daß in denselben Augusttagen des Jahres 1492, wo die Kardinäle ihre Ränke spannen, einen Spanier zum Papst zu machen, Columbus auf spanischen Schiffen kühn in den Ozean hinausfuhr. So strebten in derselben Stunde diese Zeitgenossen ihrem heißersehnten Ziele zu, Borgia zum Papsttum, Columbus der Entdeckung einer neuen Welt und dem ewigen Heroenkultus. Es waren hauptsächlich Orsini und Ascanio, welche diesen Papst machten. Man muß erröten, zu denken, daß ein so reicher Mann wie Sforza noch nach größerem Erwerbe trachten konnte. Man sagte in Rom, daß ihm Borgia noch vor dem Konklave vier mit Geld beladene Maultiere in sein Haus geschickt hatte. Er versprach ihm seinen eigenen Palast mit allem darin befindlichen Gut, das Vizekanzleramt und andere Benefizien. Dem Kardinal Orsini wurden Monticelli und Soriano, dem Colonna und seinem Geschlecht die Kommende Subiaco mit allen ihren Burgen auf ewige Zeit, dem Kardinal Michiel das Bistum Portus, dem Kardinal Sclafetano die Stadt Nepi, dem Kardinal Savelli Civita Castellana dargeboten, während sich andere starke Geldsummen ausbedungen. Selbst der 95jährige Patriarch von Venedig streckte seine zitternde Hand nach fünftausend Dukaten aus. Nur fünf Wähler besaßen so viel Stolz, die Lockungen des Simon Magus auszuschlagen: Caraffa, Piccolomini, Rovere, der Kardinal von Portugal und Zeno.

In der Nacht des 10. zum 11. August ging der Name Borgia aus dem Wahlkelch einstimmig hervor. In Hast ließ er sich mit dem Papstgewand bekleiden. Dem Zeremonienmeister befahl er, Zettel auszuwerfen mit der Aufschrift: wir haben den Papst Alexander VI. Rodrigo Borgia von Valencia. Es war vor der Morgenfrühe, als das Konklavefenster aufgeschlagen ward, das Kreuz daraus erschien und in die Stille des grauenden Tages der Name Alexander VI. ausgerufen wurde. Die Glocke des Kapitols erscholl; das Volk stürzte hier zur Plünderung nach dem Palast des Erwählten, dort in den St. Peter, denn der neue Papst kam herab, um seine ersten Huldigungen zu empfangen. Der Kardinal Sanseverino, ein Mann von riesiger Körperkraft, erhob Borgia mit seinen Armen und stellte ihn auf dem Thron über dem Hauptaltar dem zujauchzenden Volke als Papst dar.

Die Berufung dieses Mannes zum Stellvertreter Christi oder, um in der frechen Sprache der Vergangenheit zu reden, zum Statthalter Gottes auf Erden, dürfte heute wohl selbst der gläubigste Schwärmer für Mysterien nicht als eine Tat des Heiligen Geistes anerkennen, welcher in Konklaven hadernder und ehrgeiziger Kardinäle wirksam sein soll. Vielmehr erhebt die Nachwelt entrüstete Anklage gegen die bestechlichen Wähler des Jahres 1492. Aber wählten sie Alexander VI., wie er heute als geschichtliche Gestalt dasteht? Die Ausschweifungen des Kardinals Borgia waren allgemein bekannt; schon Pius II. hatte sie gerügt: aber war er der einzige Kardinal, der sich ihrer schuldig machte? Die Moral jener Zeit verzieh nichts leichter als sinnliche Vergehen. Er besaß Kinder von einer Geliebten: doch hatte nicht Innocenz VIII. die seinigen öffentlich wie Prinzen dargestellt? Rodrigo Borgia galt als Kardinal noch keineswegs für einen frevelhaften Mann. Ein Zeitgenosse, der sein Wesen schilderte, sagte damals von ihm nur dies: er ist ein Mensch von hochstrebendem Sinn, bei mäßiger Bildung von fertiger und kraftvoll gesetzter Rede; verschlagen von Natur und vor allem von bewundernswertem Verstande, wo es zu handeln gilt. Seine langen Dienste in der Kirche, seine gründliche Kenntnis der Geschäfte, seine persönliche Majestät und geistige wie körperliche Kraft bei sechzig Jahren entschieden das Urteil der Wähler, daß er vorzugsweise des Papsttums würdig sei.

Dies ist in Kürze seine Laufbahn, ehe er Papst wurde: Rodrigo Lanzol Borja war am 1. Januar 1431 zu Xativa bei Valencia in Spanien geboren, der Sohn eines mittelmäßigen Edelmanns Don Jofré und der Donna Isabel de Borja, einer Schwester Calixts III. Nachdem er in Bologna das kanonische Recht studiert hatte, machte ihn sein Oheim im Jahre 1456 zum Kardinaldiaconus von S. Niccolò in Carcere und bald darauf zum Vizekanzler der Kirche. Die Frucht seiner sogenannten Studien waren einige Schriften, zumal zur Verteidigung der absoluten Papstgewalt im Sinne Torquemadas. Calixt III. verlieh ihm das Bistum Valencia, und unter Sixtus IV. wurde er Bischof von Portus und Legat für Spanien. Als er ein Jahr später von dort zurückkehrte, rettete er sich mit Not aus einem Schiffbruch an die Küste Pisas, während hundertachtzig seiner Gefährten, darunter drei Bischöfe, untergingen. Seine Reichtümer, von seinem Oheim Calixt und seinem Bruder Don Pedro Luis zum Teil ererbt, mehrten Einkünfte aus drei Bistümern, aus vielen Klöstern in Spanien und Italien und das Vizekanzleramt, welches allein ihm jährlich achttausend Goldgulden eintrug. Er lebte als der nach Estouteville reichste Kardinal in dem prachtvollen Palast, welcher heute Sforza-Cesarini heißt und den er sich in den Banken erbaut hatte. Die römischen Chronisten reden nur ein paarmal von dem Glanz, welchen er dort zur Schau stellte; aber niemand spricht von schwelgerischen Gastmählern, wie sie Paul II. als Kardinal oder Estouteville oder Riario und Ascanio veranstalteten. Er liebte diese Art Freuden nicht. Es scheint, daß Rodrigo, habsüchtig von Natur, seine Reichtümer wohl zusammenhielt, was schon die Rücksicht auf seine Kinder und auf seine eigene Zukunft gebieten mochte. Es ist auch Pflicht der Gerechtigkeit, zu sagen, daß die Mysterien seines Lebens als Kardinal unbekannt sind, denn kein Beobachter redet davon. Er besaß eine glühend sinnliche Natur, welche die Frauen magnetisch an sich zog, doch er selbst wurde erst von den Reizen, dann von der Klugheit eines Weibes so fest umstrickt, daß er ihre Ketten wie ein eheliches Bündnis anerkannt hat.

Dies Weib war Vanozza de Cataneis, vielleicht aus einem Geschlecht kleiner Edelleute Roms. Der Name Vanozza, ein Diminutiv von Giovanna, erinnert durch seinen Klang an die Zeiten des berüchtigten Marozia, jedoch ist es irrig, sich unter der Freundin Borgias eine Messalina vorzustellen. Ihre Lebensumstände sind nicht hinlänglich aufgeklärt, und nur aus dem Alter ihrer Kinder läßt sich der Schluß ziehen, daß ihr Verhältnis zum Kardinal Rodrigo kurz vor 1470 mochte begonnen haben. Sie selbst war im Juli 1442 geboren. Nach der unsichern Angabe Infessuras hatte der Kardinal seine Geliebte zuerst einem Domenico von Arignano vermählt. Römische Urkunden zeigen sie sodann noch zweimal vermählt. Um 1480 war sie Gattin eines Mailänders Giorgio de Croce. Der Kardinal Rodrigo beförderte diesen ihren Gemahl zum apostolischen Scriptor. Er starb im Jahre 1485 und so auch sein und Vanozzas Sohn Oktavian. Die Witwe vermählte sich nochmals, am 8. Juni 1486, mit dem Mantuaner Carlo Canale, welcher nach 1490 als Scriptor der Penitenziaria und im Jahre 1498 als Soldan oder Vogt der Torre di Nona genannt wird.

Vanozza war fünfzig Jahre alt und noch Gemahlin jenes Canale, als ihr ehemaliger Geliebter Papst wurde, und sie bekannte sich als die Mutter seiner vier lebenden Kinder Juan, Cesare, Jofré und Lucrezia. Sie legte sich sogar den Familiennamen Borgia bei, doch wie es scheint, erst nach dem Tode Alexanders VI. Die Leidenschaft ihres Geliebten war erloschen, aber seine Anhänglichkeit dauerte fort, und diese kluge Römerin lebte seither, durch das Glück ihrer Kinder befriedigt, von allen öffentlichen Dingen so ganz zurückgezogen, daß ihr Name nirgends, selbst nicht von den grimmigsten Feinden der Borgia, in die Geschichte dieses Hauses verflochten wird. Jovius, welcher sie persönlich kannte, nannte sie geradezu ein rechtschaffenes Weib; sie wurde es wenigstens im Alter, wo sie die Sünden ihrer Jugend, wie so viele Frauen ihrer Art, wie ihre eigene berühmte Tochter, durch sogenannte Werke der Frömmigkeit zu sühnen suchte.

Es ist Tatsache, daß viele Römer die Wahl Borgias mit Freude vernahmen. Ein so angesehener und lebensfroher Mann versprach einen glänzenden Pontifikat; außerdem gewann er das Volk durch seine schöne Erscheinung. Mit einem Fackelzug zu Pferde begrüßte ihn schon am folgenden Abend der Magistrat. »Ich glaube«, so sagt ein Berichterstatter, »daß nicht Kleopatra von Marc Anton so glanzvoll gefeiert wurde«, und dieser aufrichtige Verehrer Borgias spricht in der naivsten Weise den heidnischen Geist seiner Zeit aus, wenn er die Fackelschwinger mit den alten Bacchanten zu vergleichen wagte.

Das Krönungsfest am 26. August war von nie gesehenem Glanz. Kunstgefühl und Knechtssinn wetteiferten, den Spanier Borgia als eine Gottheit zu verherrlichen. In tiefer Unwissenheit über die Zukunft huldigten ihm mit überschwenglichem Aufwande gerade die Kardinäle und Großen, die bald genug durch ihn in das tiefste Verderben stürzen sollten. Statuen und Bilder, Triumphbogen und Altäre standen auf den Straßen. Epigramme, welche heute nur wie höhnische Pasquille aussehen, aber damals so aufrichtig gemeint waren, wie es freche Schmeichelei meinen kann, verkündeten den Ruhm des neuen Alexander des Großen, oder sie erklärten symbolisch das Wappen Borgia, einen weidenden Stier im goldenen Felde. Blickte vielleicht noch ein Christ mit Trauer auf diesen heidnisch gefärbten Pomp, auf die mythologischen Götterfiguren und den rauschenden Festzug, in dessen Mitte der Nachfolger der Apostel als Idol auf goldener Bahre getragen wurde, während die Luft vom Geschrei des Pöbels, von schmetternden Trompeten und von Kanonendonner erdröhnte? Es gab damals in Rom nur eine kleine Gemeinde von Menschen, die ihre eigene verachtete Religion ganz rein erhalten hatten: die Vertreter der Synagoge harrten des Papstzuges auf einer Tribüne an der Engelsburg, wo sie unter dem Gelächter der Christen Alexander VI. die Rolle des Pentateuch zur Verehrung darboten. Als der Festzug den Lateran erreichte, verlor der erschöpfte Papst die Besinnung. Man wartete lange, ehe er in der Basilika erschien. Mit Mühe ging er, von zwei Kardinälen unterstützt, zum Altar der Kapelle Sancta Sanctorum. Als er sich auf den Päpstlichen Stuhl niederließ, fiel er, das Haupt auf die Schulter des Kardinals Riario senkend, ohnmächtig zusammen. Man sprühte Wasser in sein Gesicht, bis er wieder zu sich kam.

 << Kapitel 356  Kapitel 358 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.