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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 356
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Kardinalsernennung. Schicksale des Sultan Djem. Die Rhodiser liefern ihn dem Papst aus. Sein Einzug in Rom März 1489. Er residiert im Vatikan. Fall Granadas Januar 1492. Feste in Rom. Der Kardinal Medici zieht in Rom ein März 1492. Lorenzo Medici stirbt April 1492. Die heilige Lanzenspitze wird nach Rom gebracht. Familienverbindung zwischen Neapel und dem Papst. Innocenz VIII. stirbt 25. Juli 1492. Franceschetto Cibò verkauft Anguillara den Orsini.

Obwohl Innocenz in der Wahlkapitulation gelobt hatte, die Zahl der Kardinäle nicht über vierundzwanzig zu steigern, ernannte er doch am 9. März 1489 deren fünf neue: Lorenzo Cibò, den Sohn seines Bruders Mauritius, Ardicino della Porta von Novara, Antoniotto Gentile Pallavicini von Genua, Andreas d'Espinay von Bordeaux und Pierre d'Aubusson de la Feuillade, den Großmeister der Johanniter, welcher Rhodos ruhmvoll gegen die Türken verteidigt hatte. Drei andere behielt er sich vor: Maffeo Gherardo von Venedig, Federigo Sanseverino, den Sohn des Grafen Robert, und Giovanni Medici, den Sohn Lorenzos.

Die Ernennung d'Aubussons war der Sold für einen geleisteten Dienst, nämlich die Auslieferung eines hohen türkischen Gefangenen. Djem, der jüngere Sohn Mohammeds II., war im Erbfolgekampf von seinem Bruder Bajazet besiegt worden, zum Sultan Ägyptens geflohen und hatte dann sogar den Schutz des Johanniterordens angerufen. Er landete in Rhodos am 23. Juli 1482. Die Ritter empfingen den Sohn ihres Todfeindes mit Begier als kostbarsten Gegenstand für finanzielle und diplomatische Berechnungen. D'Aubusson benutzte den Prinzen, um auf wenig ehrenvolle Weise vom Sultan Bajazet Geld zu erpressen. Durch Vertrag verpflichtete sich derselbe, jährlich an den Orden 35 000 Dukaten für die gewissenhafte Bewahrung seines Bruders zu zahlen und außerdem dauernden Frieden mit der Christenheit zu halten. Der Großmeister hatte den jungen Fürsten der Sicherheit wegen im August 1482 nach Frankreich gesandt, wo Djem jahrelang auf den Komtureien des Ordens blieb, das bittere Brot Frangistans essend, des Landes seiner Glaubensfeinde. Er war der erste Sultan, der nicht als Feind das Frankenland betrat. Gern wußte ihn dort der König Karl, aber so groß war noch der Fanatismus jener Zeit, daß er ihn nie mit Augen sehen wollte.

Die Könige des Abendlandes unterhandelten aus Habsucht mit dem Johanniterorden wegen der Abtretung des Gefangenen; sie begehrte auch der ägyptische Sultan Kasimbey, in dessen Schutz sich die Gemahlin und die Kinder Djems begeben hatten. Jahrelang bemühte sich darum auch Innocenz VIII., bis es ihm glückte, die Unterhandlung mit der französischen Regentschaft abzuschließen und die türkischen Fahrgelder in seine Kasse zu ziehen. Wider den Vertrag lieferte der Großmeister den unglücklichen Prinzen in die Hände eines andern, des Papsts. Djem ward über Avignon zu Schiff nach Rom geführt und am 10. März 1489 durch seinen Wächter Guy Blanchefort, den Prior von Auvergne, dem Kardinal Balue in Civitavecchia übergeben. Sein feierlicher Einzug in Rom am 13. März war ein wichtigeres Ereignis als jener des Apostelhaupts zur Zeit Pius' II. Ein tragisches Verhängnis ohnegleichen trieb den eigenen Sohn des Eroberers von Byzanz in den Palast des Oberpriesters der Christenheit. Nie sahen die Römer ein ähnliches Schauspiel. Durch zahllose Menschenscharen ritt der junge Sultan, von wenigen Moslem, den treuen Gefährten seines Exils, umgeben, nach dem Tor von Portus, wo er die Stunde seines Einzugs erwartete. Der Papst hatte ihm die Familie der Kardinäle entgegengeschickt: Franceschetto, der Senator, die Magistrate, die fremden Gesandten, viele Edle begrüßten ihn zu Pferde an jenem Tor mit den Ehren eines Herrschers. Der Sohn Mohammeds würdigte sie keines Blickes; das Haupt mit dem Turban und das melancholische Angesicht mit einem Schleier bedeckt, saß er bewegungslos auf dem weißen Zelter des Papsts. Der ägyptische Gesandte eilte mit seinem Gefolge herbei, dem großen Prinzen zu huldigen; diese Ägypter küßten weinend die Erde vor Djem, die Füße seines Pferdes und seine eigenen fürstlichen Knie. Doch keine Miene verriet die Bewegung des Sohnes des Gebieters der halben Welt. Stumm ritt er in Rom ein, zwischen dem Papstsohne und dem Bischof von Auvergne, und der lange Reiterzug vereinigter Christen und Moslem bewegte sich durch die staunenden Volksmassen langsam nach dem Vatikan. Dort nahm Djem in den für den Empfang von Monarchen bestimmten Gemächern seine Wohnung.

Der Papst fühlte nicht die Zweifel des Königs von Frankreich; er empfing gleich am folgenden Tage den Großtürken im vollen Konsistorium. Djem wurde hier mit allen Formen wie ein christlicher Fürst eingeführt, aber beim Anblick des Oberpriesters der Giaurs und seiner Kardinäle vergaß der Gefangene keinen Augenblick, daß er Bekenner des Propheten und der Sohn Mohammeds II. sei. Er verachtete die Aufforderung des Zeremonienmeisters, sich vor dem Papst niederzuwerfen; den Turban auf seinem Haupt, schritt er ruhig auf den Stellvertreter Christi zu und hauchte flüchtig einen Kuß auf dessen rechte Schulter. Sein Dolmetsch sprach für ihn Worte der Empfehlung und dankte für die Versicherung, daß der Prinz ungekränkt in Rom leben dürfe. Djem ließ sich darauf herab, die Kardinäle zu umarmen, und er zog sich endlich in seine öden Gemächer zurück, wo er die Geschenke des Papsts, Teppiche, Kleider, Schmucksachen, keiner Aufmerksamkeit würdigte.

Der Sultansohn lebte seither, von einigen Rhodisern bewacht und wie ein gefangener Monarch behandelt, im Vatikan freudelose Tage, deren Einsamkeit Furcht vor Auslieferung oder vor Gift noch peinvoller machte. Er unterhielt sich mit Jagd, Musik und Gastmählern, oder er verschlief den Tag in türkischer Apathie: ein starkbeleibter kleiner Mann mit einer Adlernase, auf einem Auge blind, wild und unruhig um sich blickend, das leibhafte Ebenbild seines Vaters. Dem Sultan Bajazet lag alles daran, seinen Bruder entweder durch ewiges Gefängnis im Auslande oder besser durch schnellen Tod unschädlich zu machen. Zu jenem verpflichtete er den Papst durch den jährlichen Tribut von 40 000 Dukaten, und zu diesem suchte er willfährige Diener. Ein Italiener bot sich zum Meuchelmörder dar, doch sein Plan wurde entdeckt und durch gräßlichen Tod bestraft. Am 30. November 1490 kam eine türkische Gesandtschaft nach Rom, welche das dreijährige Verpflegungsgeld von 120 000 Dukaten, viele kostbare Geschenke und das Versprechen eines ewigen Friedens an den Papst brachte. Der türkische Minister bestand darauf, Djem zu sehen, und der Prinz empfing den Boten seines Bruders wie ein regierender Sultan auf dem Thron. Der Abgesandte Bajazets überreichte ihm kniend den kaiserlichen Brief, aber erst nachdem er ihn innen und außen beleckt hatte, um den Argwohn einer Vergiftung zu entfernen. Nach einigen Tagen bewirtete Djem den Boten gastlich im Vatikan. Infessura hielt es für bemerkenswert, daß am Tage, wo der türkische Prinz dieses Gastmahl im Palast der Päpste gab, die Luft plötzlich schwarz zu stürmen begann. Und wohl konnten strenge Christen mit tiefem Unwillen auf den Palast am St. Peter blicken, in welchem jetzt – ein unerhörtes Schauspiel in der Geschichte der Kirche – ein Sultan und ein Papst nebeneinander Hof hielten.

Im September 1490 erkrankte Innocenz VIII., und da sah man, wie es in diesem Vatikan herging. Am 27. nannte man den Papst tot. Sofort bewaffnete sich Rom. Der Papstsohn aber eilte, den Kirchenschatz an sich zu bringen, von welchem er schon einen Teil nach Florenz fortgeschafft hatte. Zum Glück schritten die Kardinäle noch zeitig genug ein. Sie hinderten auch den Versuch Franceschettos, Djem in seine Gewalt zu bekommen, um ihn dann, so sagte man schwerlich mit Unrecht, an Virginius Orsini und durch diesen an den König Ferrante teuer zu verkaufen. Die Kardinäle, welche den kranken Papst mit Argusaugen bewachten, nahmen das Inventar des Schatzes auf. Man wollte wissen, daß sie in einem Kasten 800 000, in einem andern 300 000 Goldgulden vorfanden. Als sich der Papst wieder erholte, geriet er in Zorn; ich hoffe, so rief er, diese Herren Kardinäle noch alle dereinst zu beerben. Er begab sich zur Erholung nach Portus und Ostia.

Eine unheimliche Stimmung ging durch Rom. Propheten weissagten. Alte und neuere Prophezeiungen verkündeten den Umsturz alles Bestehenden und den Fall der Priestermacht für das Jahr 1493. Schon erscholl die Stimme Savonarolas in Florenz. Selbst ein Fürst wie König Ferrante brandmarkte das Treiben im Vatikan, zumal die Wirtschaft der päpstlichen Kinder, und er forderte den römischen König auf, die untergehende Kirche durch eine Reformation zu retten. Der König Neapels war nämlich mit dem Papst wieder in Streit; er hatte seine Verbindlichkeiten nicht eingehalten, den Lehnzins nicht gezahlt und war deshalb von Innocenz am 11. September 1489 sogar exkommuniziert und entsetzt worden, und nur die Schwäche des Papsts hatte den Wiederausbruch des Krieges glücklich verhindert.

Innocenz VIII. hatte die Christenheit mehrmals, doch stets ohne Erfolg, zu einem Kreuzzuge aufgefordert. Was im Orient nicht erreicht wurde, gelang plötzlich im äußersten Okzident. Granada, die letzte Festung der Mauren in Spanien, ergab sich Ferdinand dem Katholischen am 2. Januar 1492. Der Fall dieser Stadt erweckte als eine christliche Angelegenheit hohe Begeisterung im Abendlande, aber noch ahnte niemand die weltgeschichtlichen Folgen, welche jenes Ereignis nach sich zog. Denn erst jetzt konnte die spanische Monarchie als Macht ersten Ranges erstehen, wodurch die Verhältnisse Europas ganz verändert werden mußten. In Rom beleuchtete man alle Häuser; Prozessionen zogen nach der Nationalkirche der Spanier, St. Jakob auf der Navona. Auf diesem Platz ließen die spanischen Botschafter die Erstürmung Granadas im Bilde eines hölzernen Kastells vorstellen und Stiergefechte halten. Auch der Kardinal Borgia gab vor seinem Palast nach spanischer Sitte Stiere dem Volke preis. Es war Karnevalszeit, im Februar, und selten sah Rom Spiele von so ausgesuchter, heidnischer Pracht.

Ein Schauspiel anderer Natur machte bald darauf nicht minderes Aufsehen. Denn am 22. März 1492 zog der achtzehnjährige Giovanni Medici als Kardinal in Rom ein. Lorenzo hatte diesen seinen zweiten Sohn längst für die geistliche Laufbahn bestimmt. Mit sieben Jahren war er von Ludwig XI. zu einem Abt in Frankreich, vom Papst zum Protonotar gemacht und im achten Lebensjahr von demselben Könige zum Erzbischof von Aix ernannt worden, was indes der Papst nicht bestätigt hatte. In den rohesten Zeiten der Christenheit hatten Kinder von Fürsten die höchsten Würden der Kirche erhalten; zu ähnlichen Zuständen war man jetzt trotz der kanonischen Gesetze zurückgekehrt. Lorenzo hatte die Ernennung seines Sohnes zum Kardinal mit allen Mitteln seines Einflusses betrieben; als er sie nun im Jahre 1489 durchsetzte, kannte seine Freude keine Grenzen. Doch wegen des zu jungen Alters sollte Giovanni erst nach drei Jahren die Zeichen seiner Würde anlegen. Nachdem dies endlich zu Fiesole geschehen war, machte das schon mediceisch verknechtete Florenz daraus eine Nationalfeier. Der junge Kardinal von S. Maria in Domnica verließ seine Vaterstadt am 9. März 1492. Seine Reise nach Rom war ein Triumphzug, sein Empfang in dieser Stadt am 22. März, sein Aufzug nach dem Vatikan von S. Maria del Popolo aus, wo er übernachtet hatte, war es nicht minder. Der Jüngling, mit der feinsten Bildung im Hause seines Vaters ausgestattet, zeigte die Sicherheit eines geborenen Fürsten. Von den Besuchen seiner Kollegen fiel ihm nur einer schwer, der bei Raffael Riario, denn dieser Kardinal war vor nur wenigen Jahren Zeuge der Ermordung seines Oheims und des Attentates auf das Leben seines Vaters gewesen. Man sagt, daß beide erblaßten, als sie einander zum erstenmal sahen. Der beglückte Lorenzo konnte mit dem Empfange seines Sohnes zufrieden sein; er richtete an ihn ein Schreiben, dessen väterliche Ermahnung, sein Leben gut und weise einzurichten, nicht der hohen Würde, aber wohl den unreifen Jahren des Kardinals entsprach. In Wahrheit konnte Giovanni Medici diese Lehren wohl gebrauchen; denn die Zustände in Rom waren unmoralischer als je zuvor: am päpstlichen Hof nichts als Nepotenwucher; in den Palästen vieler Kardinäle nichts als Frivolität. Was sollte die Welt sagen, wenn sie vernahm, daß der Kardinal Riario eines Nachts 14 000 Goldgulden dem Franceschetto Cibò im Spiele abgewann und daß dieser Nepot dann wütend vor dem Papst erschien, um jenen Kardinal als falschen Spieler anzuklagen?

Der junge Medici fand seine Schwester Maddalena als Gemahlin Franceschettos in Rom; er selbst richtete sich eine Wohnung am Campo di Fiore ein, von wo aus er den großartigen Bau der heutigen Cancellaria, welchen eben jener Raffael Riario aufführte, täglich vor Augen hatte. Aber sein kaum zum Empfange geschmücktes Haus verwandelte sich alsbald in ein Trauerhaus; denn sein Vater starb am 7. April 1492. Pico von Mirandola, Angelo Poliziano und Marsilio Ficino, die Jünger jener heidnischen Philosophie und die Vertreter jener feinen Weltbildung, die er selbst in sich verkörpert hatte, umgaben in der Villa Careggi den sterbenden Mäzen, aber an demselben Totenbette stand auch der Mönch Savonarola als Mahner an den verleugneten Christenglauben und an die zerstörte Freiheit von Florenz. Der Reichtum fruchtete nichts, die Tage Lorenzos zu verlängern; er schlürfte den Trank von aufgelösten Diamanten herunter, den ihm sein Arzt reichte und verschied im Alter von nur 44 Jahren.

Der Tod dieses schlauen Staatsmannes, in welchem ganz Italien den Vermittler des Friedens geehrt hatte, konnte als ein nationales Unglück erscheinen, wodurch alle politischen Verhältnisse erschüttert wurden. Wenigstens war es damals zum Glauben der Italiener geworden, daß Lorenzo den heraufziehenden Sturm beschwören werde. Der Tod bewahrte ihn selbst vor dem Zusammensturz seiner Macht und auch seines Ruhms. Mit ihm ging eine Epoche Italiens zu Grabe und schloß sich auch die beste Periode des Hauses der Medici. Lorenzo hatte die Verwirrungen der nahen Zukunft geahnt und seiner Familie durch den engsten Anschluß an die Kirche den sichersten Halt zu geben versucht. Den höchsten seiner Wünsche hatte er durch die Erhebung seines Sohnes zum Kardinal erreicht: sterbend führte er den künftigen Leo X. in Rom und die Geschichte ein. Er hinterließ noch die Söhne Piero und Julian und den Bastard seines ermordeten Bruders, einen zweiten künftigen Papst, an dessen Namen für Florenz wie für Rom nur die Erinnerung an Schmach und Untergang geknüpft sein sollte.

Giovanni Medici verließ Rom schon am 10. Mai 1492 in der Eigenschaft eines Legaten Toskanas, um mögliche Umwälzungen in Florenz zu verhüten. Das gute Verhältnis dieser mediceischen Republik zum Papsttum wurde für jetzt nicht gestört; auch hatten sich die Beziehungen Innocenz' VIII. zu Neapel wieder friedlich hergestellt. Denn am 28. Januar 1492 war der Streit mit Ferrante durch einen neuen Vertrag beigelegt worden, in welchem der König den schuldigen Tribut zu zahlen versprach. Zur Bekräftigung dieser Versöhnung kam am 27. Mai Don Ferrantino, Prinz von Capua, Sohn Alfonsos von Kalabrien, nach Rom, die Investitur Neapels zu erhalten. Man empfing diesen Prinzen mit den höchsten Ehren; sein Verwandter, der Kardinal Ascanio, bewirtete ihn in seinem Palast am Hospital der Deutschen mit so großer Schwelgerei, daß der Annalist Infessura sagte, jede Schilderung dieses Gastmahls würde als übertrieben lächerlich erscheinen. Der Prinz wohnte im Vatikan, und sein zahlreiches Gefolge – er war mit neunhundert Reitern und einem Zuge von zweihundertsechzig Maultieren gekommen – bedankte sich schließlich beim Papst für die genossene Gastfreundschaft dadurch, daß es die Gemächer bis auf die Teppiche ausraubte.

Die Anwesenheit Don Ferrantinos verherrlichte zugleich das Fest der Empfangnahme einer christlichen Reliquie hohen Ranges, wodurch die theatralische Feier des Einzugs des Andreashauptes in Rom wiederholt wurde. Bajazet nämlich, in beständiger Furcht vor den Absichten, die man mit seinem Bruder haben konnte, überschickte dem Papst nichts Geringeres als die wahrhaftige Lanzenspitze, mit welcher der Heiland am Kreuz war verwundet worden. Dies mythische Eisen wurde zwar schon seit langem in Nürnberg und zugleich in Paris Andächtigen vorgezeigt, doch man konnte solche Zweifel in Rom niederschlagen. Ein türkischer Gesandter brachte die Antiquität nach Ancona, von wo sie Bischöfe nach Narni trugen. Hier holten sie sodann zwei Kardinäle ab. Am 31. Mai übergab Julian Rovere bei S. Maria del Popolo das in einem Kristallgefäß verwahrte Kleinod dem Papst, und die Prozession zog nach dem St. Peter. Der schon leidende Papst erteilte dem Volk von der Loge im Porticus den Segen, während Borgia die Lanzenspitze neben ihm hoch in Händen hielt. Hier stellte sich auch der türkische Botschafter dar, überreichte die Briefe des Sultans und bat um die Erlaubnis, den Prinzen Djem besuchen zu dürfen.

Auf dies kirchliche Schauspiel folgte ein glänzendes Familienfest im Vatikan. Der Prinz von Capua war von seinem Großvater nach Rom geschickt worden, um die völlige Versöhnung mit dem Papste abzuschließen. Wie Florenz, so suchte jetzt auch Neapel den engsten Anschluß an das Papsttum, aus Furcht vor Frankreich. Denn immer drohender wurde das Gerücht, daß der junge König Karl VIII. die Rechte des Hauses Anjou geltend machen wolle. Bereits war Ferrante auch mit Mailand, welches die Ansprüche der Orléans fürchtete, in nahe Verbindung getreten, denn im Jahre 1489 hatte sich Isabella, die Tochter Alfonsos von Kalabrien, mit dem jungen Herzog Gian Galeazzo vermählt. Um nun auch Innocenz von der französischen Politik abzuwenden, willigte Ferrante in die Vermählung einer Enkelin des Papsts mit seinem eigenen Enkel Don Luigi von Aragon, Marchese von Gerace, und deshalb hatte er den Prinzen von Capua nach Rom geschickt. Das Hochzeitsfest wurde im Vatikan öffentlich gefeiert und diese Festszene konnte in der Blütezeit des höfischen Zeremoniells der Italiener nur die mustergültige Darstellung des feinsten Welttones sein. Kardinäle, Prinzen, Barone, vierzig edle Damen waren die Trauungszeugen in dem schön geschmückten Saal, wo der Papst auf seinem Thronstuhle saß. Man sah unter den Edelfrauen Teodorina, seine Tochter, Peretta del Carretto, seine Enkelin, Maddalena Medici, seine Schwiegertochter. Der Erzbischof von Ragusa kniete in vorschriftsmäßiger Entfernung von zwei Ellen vor dem Papste nieder, hielt eine Rede über das Sakrament der Ehe, erhob sich und vermählte darauf das Paar. Die junge Battistina Cibò, Tochter Gherardos Usodimare, ein noch unreifes Kind, sagte ihr Ja erst nach langem Zögern; in der Tat wurde diese Ehe nicht vollzogen, denn Battistina starb sehr bald, und ihr Gemahl Don Luigi wurde im Januar 1494 Geistlicher, im Jahre 1497 Kardinal. Nach jenem Vermählungsfest empfing der Prinz von Capua am 4. Juni die neapolitanische Investitur für seinen Vater Alfonso von Kalabrien, worauf er Rom verließ.

Schon war Innocenz so krank, daß man seinen Tod voraussah. Voll Argwohn eilten die Kardinäle, den Prinzen Djem in die Engelsburg einzuschließen. Rom fiel augenblicklich in Anarchie. So arg wurden die Frevel, daß Prospero Colonna, Johann Jordan Orsini und andere Edle wie Bürger am 22. Juni auf dem Kapitol erschienen, dem Senator Mirabilii ihre Dienste anzubieten. Von seinen habsüchtigen Nepoten umringt, lag Innocenz VIII. unterdes sterbend im Vatikan. Er vermochte kaum noch andere Nahrung zu sich zu nehmen als Frauenmilch. Wenn das Bild des verscheidenden Medici, welchen sein Arzt durch einen Trank von aufgelösten Diamanten vergebens zu retten suchte, einer sinnvollen Fabel von dem wirklichen Wert des Reichtums gleicht, mit welchem Namen würde man wohl die Szene benennen, die am Totenbett eines Papstes gespielt haben soll? Man erfand das schauerliche Märchen, daß der jüdische Leibarzt dem Sterbenden das Lebensblut von Knaben einflößte: drei zehnjährige Kinder hätten sich dazu um Geld hergegeben, und sie seien als Opfer dieses frevelvollen Versuchs gestorben.

Die Kardinäle hoben Truppen aus; vierhundert Mann bewachten den türkischen Prinzen, jetzt wieder im Vatikan, während der Graf von Pitigliano den Borgo besetzt hielt. Am 25. Juli 1492 verschied Innocenz VIII., sechzig Jahre alt. Während seiner Regierung ging er kraft- und geistlos auf den hergebrachten Wegen der Kurie fort. Der Mißbrauch des Ämterverkaufs nahm unter ihm unglaubliche Verhältnisse an. Er selbst schuf neue Ämter für Geld und überbot in dieser Finanzspekulation noch Sixtus IV. Er verkaufte die Zölle an Römer, welche niemand Rechenschaft ablegten; Erpressung und Unterschleif zerrüttete die Verwaltung des Staats; selbst falsche Bullen wurden massenweise von Betrügern geschmiedet. Die Kurie ward immer mehr zur Werkstatt schamloser Verderbtheit, ein Wechsel- und Bankhaus, ein Markt für Ämter und Gnaden in aller Welt. Man tut ihr kein Unrecht an, wenn man behauptet, daß durch sie die Moral Roms und Italiens, ja des Zeitalters vergiftet wurde. Ein habgieriges Nepotenwesen ohne jede Spur von Größe, ohne jeden politischen Gedanken, nur auf gemeinen Gewinn gerichtet, erniedrigte die Regierung Innocenz VIII. Glücklicherweise stiftete er für seine Kinder keine Fürstentümer, denn weder er selbst besaß dazu die Kraft, noch hatten jene Ehrgeiz und Talent genug, um im Staate groß zu werden. Seinem Sohn Franceschetto hatte er im Jahre 1490 die Grafschaft Cervetri und Anguillara verliehen. Dieses Land war nämlich nach dem Tode Sixtus IV. von Deifobo, dem Sohne des Eversus, wieder besetzt und auch behauptet worden. Als derselbe starb, verdrängte Innocenz dessen Kinder aus dem Besitz und machte darin seinen eigenen Sohn zum Herrn. Franceschetto eilte jedoch, in kluger Voraussicht, nach seines Vaters Tode Cervetri und Anguillara an Virginius Orsini zu verkaufen. Er blieb nur Graf von Ferentillo. Sein und der Maddalena Medici Sohn Lorenzo erwarb später durch Vermählung mit Riccarda Malaspina die Markgrafschaft Massa und Carrara, worin die Cibò Herren blieben, bis dies vom Kaiser Maximilian zum Herzogtum erhobene Land im XVIII. Jahrhundert an das Haus Este von Modena fiel.

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