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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 354
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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6. Girolamo Riario strebt nach dem Besitz der Romagna. Venedig bekriegt Ferrara im Bunde mit dem Papst im Jahre 1482. Orsini und Colonna. Geschlechterfehden in Rom. Sixtus IV. im Kampf mit Neapel. Schlacht bei Campo Motto August 1482. Tod Robert Malatestas in Rom. Tod Federigos von Urbino 1482. Der Papst schließt Frieden mit Mailand. Er wendet sich von Venedig ab. Neuer Streit zwischen Colonna und Orsini. Hinrichtung des Protonotars Lorenzo Colonna 1484. Virginius Orsini und Girolamo Riario bestürmen die Burgen der Colonna. Sixtus IV. stirbt 12. August 1484.

Statt mit dem Orient beschäftigte sich Sixtus IV. mit der Romagna, um dort seinen Günstling groß zu machen. Dies herrliche Land wurde damals wie später, dazu ausersehen, die Grundlage eines päpstlichen Nepotenreichs zu bilden. Girolamo, schon Herr von Imola und Forli, trachtete nach der Erwerbung anderer Städte, wie Faenza, Ravenna und Rimini. Im Sommer 1481 hatte er mit Venedig ein Unternehmen gegen Ercole von Este verabredet. Denn die Venetianer suchten Vorwände, diesen Herzog zu bekriegen, ja wo möglich Ferraras sich zu bemächtigen, und das ließ der Papst nicht allein zu, sondern er förderte den Krieg gegen den Vasallen der Kirche, um sich erst der Venetianer zu bedienen, dann aber sie zu überlisten und Ferrara für Girolamo zu erwerben. So entstand der Ferraresische Krieg im Jahre 1482. Er setzte ganz Italien in Flammen. Der Papst hatte nichts weniger als dies im Plan, auch Neapel mit Hilfe Venedigs für Girolamo zu erobern. Aber während sich Ercole von Venedig angegriffen sah, fand er fast an allen übrigen Mächten Verbündete. Neapel, ihm verschwägert, Mailand und Florenz, der Gonzaga von Mantua, der Bentivoglio von Bologna, Federigo von Urbino wandten sich ihm zu, alle durch die Absichten des Papsts in Furcht gesetzt. In Rom erhoben sich zugleich die alten Faktionen, die Savelli und Colonna gegen die Kirche, die Orsini für diese und gegen ihre Stammfeinde.

Der Streit gegen diese Magnatenhäuser war durch Blutrache neu zum Ausbruch gekommen. Denn andere Geschlechter, die Valle, Santa Croce und Margani, hatten sich in die Fehden jener hineinziehen lassen. Der alte Petrus Marganus, ein sehr reicher, mit Girolamo verwandter Mann, ward eines Tags im Jahre 1480 von Prospero Santa Croce vor seiner Türe erstochen. Dieser Mord spaltete Rom: die Valle fanden bei den Colonna, die Santa Croce bei den Orsini Unterstützung. Der wildeste Geschlechterkrieg durchtobte die Stadt, bis das Friedensgericht ihm Einhalt tat und die verfehdeten Barone dem Rufe Ferrantes folgten, ihm ihre Degen zur Vertreibung der Türken zu leihen. Sie nahmen Dienste im Lager Alfonsos, und ihrer viele blieben im neapolitanischen Solde, auch nachdem Otranto befreit worden war. Aber der Ferraresische Krieg brachte die römischen Faktionen wieder in Aufruhr. Der Papst rief die Barone aus dem Heer des Königs ab, die Orsini folgten seinem Gebot, die Savelli und Colonna blieben meist unter der Fahne Alfonsos, weil ihnen Sixtus IV. weniger Sold versprach, als die Orsini erhielten. Nachts am 3. April 1482 überfielen die Santa Croce den Palast Valle mit zweihundert Bewaffneten, wobei Geronimo Colonna, ein Bastard des Stadtpräfekten Antonio, erschlagen ward. Der Papst ächtete die Frevler, aber die Unruhen vermehrten sich, als Alfonso von Kalabrien im Kirchenstaat erschien. Um nämlich zu erkennen, welches die Absichten des Papsts seien, hatte Ferrante für das Heer, welches Alfonso seinem Schwager nach Ferrara zuführen sollte, freien Durchzug durch das päpstliche Gebiet am Tronto gefordert. Als sich der Papst dessen weigerte, rückte Alfonso im Mai feindlich bis zum Lateinergebirge vor, während neapolitanische Schiffe sich vor Ostia legten. In Marino setzten sich Lorenzo Colonna, dort Feudalherr, und die Savelli fest; sie streiften bis nach Rom, ja sie drangen sogar am 30. Mai in die Stadt selbst. Hier hatte der Papst Truppen unter den Befehl Girolamos gestellt, und mit ihm vereinigten sich die Dynasten von Mirandola und Camerino, einige vom Hause Conti, Johann Colonna von Palestrina und die Sippschaft der Orsini, namentlich Nicolaus von Pitigliano, Paul und Jordan und der kriegskundige Virginio. Dies berühmte Haus stand damals in neuer Blüte; es besaß große Landstrecken vom tyrrhenischen Meer bis zum Fuciner-See. Die vier Söhne Karl Orsinis, der Kardinal Latino, der Bischof Johann von Trani und die berühmten Kapitäne Napoleon und Robert (der Ritter Orsini genannt), waren in kurzer Zeit gestorben, aber ihre Linie setzte Virginio, Herr von Bracciano und einziger Sohn Napoleons, fort.

Die Colonna strebten nicht minder zu neuer Macht auf, nachdem sie sich aus ihrem Falle unter Eugen IV. erholt hatten. Sie teilten sich in die miteinander hadernden Linien von Palestrina und von Paliano-Genazzano. Stefan, das Haupt jener, hatte Palestrina wieder aufgebaut und hütete sich, noch einmal das Verderben herbeizuziehen; seine Söhne Jordan und Johann blieben daher Anhänger des Papsts. Auch die Colonna von Paliano zögerten erst, sich für Neapel zu erklären, doch der Papst oder sein Nepot trieb sie dazu, und halb mit Gewalt, halb mit Überredung zwang sie der Herzog Alfonso, sich ihm anzuschließen. Die Häupter dieser Linie waren die Söhne der Brüder Antonio, des Fürsten von Salerno, und Odoardo, des Herzogs der Marsen; Antonio hinterließ Pierantonio, den später berühmten Prospero, Herrn von Paliano, und Johann, welchen Sixtus IV. am 15. Mai 1480 zum Kardinal S. Maria in Aquiro gemacht hatte. Die Söhne Odoardos waren der Protonotar Lorenzo, Herr von Alba, und Fabrizio, Herr von Genazzano, welcher einer der ersten Feldherrn seiner Zeit werden sollte. Diese Söhne Odoardos hatte Ferrante am 15. November 1480 in ihre Rechte auf das Marsenland wieder eingesetzt und ihnen Alba und Avezzano zugesprochen, zum Lohn für ihre Dienste im Türkenkriege von Otranto; und gerade der Besitz dieser Landschaft war der fortdauernde Grund zum Streit mit den Orsini.

Der Protonotar Lorenzo befand sich in Marino, der Kardinal Johann in Rom. Auch Prospero diente noch im Solde der Kirche. Sixtus verlangte von ihm die Auslieferung seiner Burgen; er verweigerte sie, worauf er, in Ungnade entlassen, ins Lager Alfonsos ging. Dies brachte den Papst in solchen Zorn, daß er den Kardinal Colonna, den Kardinal Giambattista Savelli und dessen Bruder Mariano am 2. Juni in die Engelsburg setzen ließ. Alfonso lagerte unterdes bei Marino, dessen Burg ihm jedoch nicht übergeben ward; er ängstigte von hier aus Rom gerade in der Zeit der Feldernte, was die Römer zur Verzweiflung brachte, während Sixtus voll Furcht, Rom könnte sich erheben, seine Truppen innerhalb der Mauern bis zum Tor St. Johann hin lagern ließ. Die ehrwürdigsten Kirchen, selbst der Lateran, wurden durch das Kriegsvolk geschändet; die Kapitäne würfelten auf den Altären und zechten in den Sakristeien. Terracina fiel unterdes unter die Gewalt der Neapolitaner, aber die Sommermonate gingen hin, ohne daß es zum Kampfe kam. Endlich erschien Robert Malatesta mit venetianischen Bogenschützen in Rom, und der Proveditore Diedo brachte Geld, andere Truppen zu werben. Die Ankunft des Dynasten von Rimini erfüllte die Päpstlichen mit Zuversicht. Er nahm Wohnung in S. Maria Maggiore, wo ihn der Herzog von Kalabrien durch einen Herold voll Hohn als Kanonikus jener Kirche begrüßen ließ. Man rüstete den Feldzug; selbst viele Römer stellten sich zu den Fahnen des jungen Malatesta, welchen der Papst zum Feldhauptmann ernannte. Am 15. August zog die Armee vor Sixtus vorüber, während er an einem Fenster im Vatikan stand; es war ein zahlreiches Kriegsvolk: Armbrustschützen, Flintenträger, Artillerie, Reiterei und mehr als 9000 Mann Infanterie unter kriegskundigen Kapitänen und Feudalherren, zumal den Orsini. Am 18. August hob Malatesta das Lager bei den Wasserleitungen vor der Porta St. Johann auf und rückte gegen das Albanergebirge, unter den Flüchen der Römer; denn dies päpstliche Volk hatte die ganze Region Monti vier lange Monate hindurch in eine Pestgrube verwandelt.

Alfonso zog sich jetzt von Civita Lavigna gegen Astura, wo er am 20. August bei S. Pietro in Formis lagerte. Dort erstrecken sich am Meeresstrand waldbedeckte Triften und Sümpfe; sie hauchen so todbringendes Fieber aus, daß jener Distrikt Campo Morto heißt und bis auf die jüngste Zeit selbst Mördern zum Asyl verstattet blieb. Es gibt im Römischen keinen Landstrich von so schauerlicher Natur als die Maremmenwildnis von S. Pietro in Formis, von Conca, Verposa, Fusignano und Astura. Im Mittelalter lag dort ein befestigtes Casale für Büffel- und Rinderzucht, und dies Castrum erhielt von seiner Kirche den Namen S. Pietro, von seinen Wassergräben den Zunamen: in Formis.

Der Herzog von Kalabrien hatte mit geringerer Macht, namentlich an Fußvolk, beim Turm von Campo Morto eine Stellung genommen, welche Sümpfe schwer zugänglich machten. Sein Lager war fest, aber wegen der bösen Luft nicht lange haltbar, und schon am 21. August bot ihm Malatesta den Kampf an. Die pontinische Sumpfschlacht wurde fast in denselben Augusttagen geschlagen, wie 214 Jahre früher die Schlacht bei Tagliacozzo. Das Feldgeschrei Anjou war jetzt zum Ruf Aragon geworden, jenes mit Manfred verschwägerten Hauses, welches jetzt auch Sizilien besaß. In beiden Lagern kämpften noch immer feindlich getrennt Orsini, Colonna, Conti, Savelli und Annibaldi; selbst moslemische Reiter fochten hier, nämlich Janitscharen aus Otranto im Dienste Alfonsos. Die Schlacht würde sich zugunsten des Herzogs entschieden haben, wenn ihm nicht Jacopo Conti mit vielem Fußvolk in den Rücken gekommen wäre. Die Infanterie gab überhaupt den Ausschlag; mit ihr stürmte Malatesta die Verschanzungen des Feindes, der sich in Flucht auflöste. Der Herzog überließ sein Lager und viele edle Gefangene dem Sieger und jagte fliehend durch den Wald nach Nettuno, wo er sich in eine Barke warf, um Terracina zu erreichen. Seit langer Zeit war von Italienern keine Schlacht mit solchem Ernst geschlagen worden; man zählte mehr als tausend Tote auf beiden Seiten. Der Papst frohlockte; er schickte die Freudenbotschaft nach Venedig, wo man die Stadt beleuchtete.

Am 24. August zog Malatesta triumphierend in Rom ein. Er war krank am Sumpffieber. Im Palast Nardini, dem heutigen Palazzo del Governo Vecchio, starb er am 10. September. Man bestattete den tapfern Sohn Sigismondos ehrenvoll im St. Peter. Weil sein Erbe Pandolfo noch ein Kind war, hoffte der Papst, Rimini ihm zu entreißen; er schickte Girolamo eilig dorthin, doch die Florentiner schützten die Witwe des Toten. Isabetta, die Tochter Federigos von Urbino, empfing zu gleicher Zeit die Nachricht vom Tode ihres Gemahls und von dem ihres Vaters, welche beide an demselben Tage, der eine in Rom, der andere in Ferrara, gestorben waren. Guidobaldo, der letzte vom berühmten Stamme der Montefeltri, folgte dem großen Federigo auf dem Herzogsthron Urbinos.

Der Sieg bei Campo Morto hatte indes nicht die erwarteten Folgen; denn noch behauptete das neapolitanische Kriegsvolk manche Burgen in Latium: es streifte sogar von Rocca di Papa bis Rom. Sixtus wurde des Krieges müde: die Mächte schritten zur Rettung Ferraras ein; der Kaiser drohte sogar mit einem Basler Konzil, und da der Papst selbst das Anwachsen Venedigs nicht wünschen konnte, beschloß er, sich von seinen Verbündeten zu trennen; unter Vermittlung des Kaisers wurde schon am 28. November 1482 zwischen ihm, Neapel, Mailand und Florenz ein Waffenstillstand zu Rom geschlossen, dessen ausdrücklicher Zweck die Verteidigung Ferraras und die Beschränkung Venedigs war. Mit der ruhigsten Miene schrieb Sixtus an den Dogen, ihm beteuernd, daß er nur notgedrungen, aus Rücksicht auf das Wohl der Kirche, Krieg geführt habe; er warf alle Schuld auf die Venetianer und forderte sie auf, von dem Kriege gegen das Vasallenland der Kirche, Ferrara, abzustehen. Die Stadt Rom feierte Friedensfeste. Am 13. Dezember zog Sixtus nach der Kirche S. Maria della Virtù und taufte sie della Pace; sodann wurde am Weihnachtsabend der Friede mit den italienischen Mächten im St. Peter ausgerufen. Die frohlockende Bürgerschaft brachte dem Papst einen Fackelzug zu Roß dar, wobei als Nymphen gekleidete Knaben Verse hersagen sollten. Aber Sixtus wies diesen Aufzug voll Argwohn ab, was die Römer beleidigte. Folgenden Tags kam der Herzog von Kalabrien mit großem Gefolge, worunter man auch Türken sah; er nahm Wohnung im Vatikan. Und so schloß jetzt der Papst ein Bündnis mit Neapel wider dasselbe Venedig, welches er eben erst in den Krieg mit Ferrara getrieben hatte. Alfonso verließ schon am 30. Dezember Rom, um mit dem Segen seines Feindes nach Ferrara abzuziehen. Niemand wußte zu sagen, weshalb nur eben erst so viel Blut geflossen war.

Im Februar 1483 feierte man prachtvolle Karnevalfeste; selbst eine Tierjagd wurde auf dem Kapitol zum besten gegeben, wobei die Konstabler mehrerer Regionen handgemein wurden. Solche Gefechte fanden bei jeder Festgelegenheit statt. Als man am 24. Januar 1483 den toten Camerlengo Estouteville nach S. Agostino trug, schlugen die Mönche von S. Maria Maggiore und die Augustinerbrüder mit den großen Leichenfackeln wütend aufeinander, weil jene von dem Goldbrokat rauben wollten, in den der Kardinal gehüllt lag. Viele Schwerter wurden gezogen, und nur mit Mühe rettete man die Leiche jenes berühmten Kirchenfürsten in die Sakristei, wo sie übrigens sofort ausgeplündert wurde. Einem ruhigen Beobachter hätte das damalige Rom mit seinen zahllosen Kavalkaden, heidnischen Aufzügen und täglichen Straßenkämpfen als ein maskiertes Tollhaus erscheinen müssen.

Im Februar 1483 wurden alle von den Neapolitanern besetzten Städte, namentlich Terracina und Benevent, der Kirche zurückgegeben. Die Freilassung der noch gefangenen Kardinäle Colonna und Savelli war ausbedungen wurden; und damit zögerte der Papst bis zum 15. November. An diesem Tage machte er Giambattista Orsini zum Kardinal; er gab den Purpur auch Johann Conti, Jakob Sclafetani von Parma und im März 1484 aus Gründen der Verwandtschaft des Grafen Riario mit dem Hause Sforza dem Ascanio Sforza, dem Sohne des Herzogs Francesco. Die Versöhnung zwischen Colonna und Orsini war indes nicht aufrichtig; jene haßte der Graf Riario, der jetzt allmächtige Tyrann Roms, ein Mann, hart und grausam und voll Herrschbegier. Er und der Papst verbündeten sich enge mit den Orsini, und sie bedienten sich ihrer zum Sturze der Colonna, welche der König Neapels schimpflich preisgegeben, im Friedensschluß gegen die Rache der Feinde nicht gesichert hatte; denn die Angelegenheiten der Savelli und Colonna waren dem Ermessen des Papsts überlassen worden. Lorenzo Colonna wurde zwar wieder in den Besitz Marinos gesetzt, sollte jedoch Alba dem Virginius Orsini gegen 14 000 Dukaten zurückgeben. Der Papst änderte diese Vergleichsartikel zum Nachteil der Colonna, welche mißtrauisch das Marsenland nicht herausgeben wollten, und im Januar 1484 begannen die Orsini den Streit, indem sie Antonello Savelli aus Albano verjagten. Die Faktionen bewaffneten sich. Am 21. Februar erstachen die Valle ihren Feind Francesco Santa Croce; ihr Palast verschanzte sich; die Orsini verschanzten Monte Giordano; die Stadt erscholl vom Geschrei: Kirche und Orso! Die Colonna erhoben sich in Waffen, nachdem Oddo am 28. April mit vielen Vasallen in die Stadt gekommen war; sie versperrten ihren Palast mit Barrikaden. Als hierauf die Konservatoren zum Papst eilten, den Bürgerkrieg zu verhüten, verlangte er, daß der Protonotar Lorenzo persönlich vor ihm erscheine. Man warnte diesen: es sei auf sein Leben abgesehen. Dreimal ritt er mit Selbstaufopferung aus seinem Palast, um sich nach dem Vatikan zu begeben, dreimal führten ihn seine Freunde mit Gewalt zurück. Wohlan, so rief der Unglückliche mit Tränen, ihr wollt meinen und euern Untergang! Der Papst befahl jetzt, den Protonotar mit Waffenmacht herbeizuholen. Sofort rückten Virginius und Girolamo am 30. Mai nach dem Quirinal, während Herolde ausriefen, daß wer den Colonna Hilfe leiste, in die Acht gefallen sei. Die Barrikaden wurden erstürmt und Feuerbrände in die Ställe des Palasts geworfen. An der Hand verwundet, saß Lorenzo auf einem Kasten, während der wütende Feind eindrang: er ergab sich dem Virginius. Man ermordete Filippo Savelli und andere und führte den Protonotar mit Wutgeschrei hinweg. Mehrmals wollte ihm der Graf Riario den Degen in den Leib stoßen, doch Virginius, der jenen an der Hand führte, hinderte dies. Lorenzo wurde erst vor den Papst gebracht, dann in der Engelsburg eingekerkert.

Das päpstliche Kriegsvolk plünderte Kirchen und Häuser des Viertels Colonna und des Quirinals; der berühmte Pomponio Leto, welcher dort wohnte, wurde selbst seiner Bücherschätze beraubt. Auf Befehl des Papsts riß man die Paläste Colonna und Valle nieder. In den Prozeß verflochten die Orsini viele Feinde; Beamte wurden eingekerkert, reiche Personen gebrandschatzt, andere hingerichtet. Jacopo Conti, Herr von Montefortino, der sich bei Campo Morto hervorgetan und dann zu den Colonna übergetreten war, wurde enthauptet. Päpstliche Truppen rückten unter Paul Orsini und Geronimo Estouteville, einem Bastard des Kardinals, gegen Marino, wo sich Fabrizio Colonna und Antonello Savelli mannhaft verteidigten. Vergebens schickte der Volksrat vom Kapitol Abgeordnete an den Papst, ihn zur Versöhnung mit den Colonna zu stimmen; der Graf Riario wollte nichts davon wissen; er beleidigte selbst den Kardinal Julian Rovere, als dieser einigen Edlen in seinem Palast Asyl gab und sich gegen die Gewalttätigkeiten aussprach, deren Urheber Girolamo sei. Auch die Colonna schickten Boten an den Papst, sich bereit erklärend, Marino, Rocca di Papa und Ardea auszuliefern. Mit Sturmzeug, so sagte der Nepot, will ich alle ihre Kastelle einnehmen. Er erpreßte Geld von den Kirchen, selbst vom Kollegium der päpstlichen Skriptoren und dem der Stradioten. Zur Erstürmung Marinos ließ der Papst Artillerie ausrüsten; in der Vigilie St. Johann segnete er die Kanonen, mit zum Himmel erhobenen Händen Sieg von Gott erflehend. Die unchristliche Gestalt, in welcher er sich hier vor dem Volk darstellte, mußte wohl jeder noch edel Denkende mit Widerwillen betrachten. Der Krieg entbrannte in ganz Latium. Es war vergebens, daß Fabrizio, um seinen Bruder zu retten, die Burg Marino am 25. Juni den Päpstlichen übergab; denn der Tod des Protonotars war beschlossen; man hielt sich nicht mehr an Zusagen. Am 30. Juni, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, brachte man Lorenzo in den untern Hof der Engelsburg; ruhig hörte er sein Urteil, beteuerte seine Unschuld, widerrief die ihm durch die Folter erpreßten Geständnisse. Kein Wort des Zorns gegen den Papst ließ er hören; er ließ sich vielmehr ihm voll Ehrerbietung empfehlen.. Er legte sein Haupt auf den Block und empfing den Todesstreich. Man brachte die Leiche erst nach S. Maria Transpontina, dann nach den Santi Apostoli. Hier empfing sie die Mutter des Toten mit vielen Frauen unter lautem Klagegeschrei; sie ließ den Sarg öffnen; sie betrachtete die Folterwunden des Sohns; sein abgeschlagenes Haupt erhob sie bei den Haaren und rief: sehet, das ist die Treue des Papsts!

Alsbald brachen Virginius und Riario gegen die Colonna in Latium auf. Diese Barone wollte der Papst durch seinen Nepoten zunächst vernichten, ihn selbst mit ihren Gütern ausstatten. Cave ergab sich am 27. Juli und bald auch Capranica. In Palliano lag Prospero mit geringer Macht, unterstützt von einigen Gaëtani und den Bürgern der ihm schutzverwandten Stadt Aquila. Er brachte die Belagerer durch Ausfälle in solche Not, daß der Graf Girolamo dringend um Hilfe nach Rom schickte. Sixtus IV. sah jetzt mit Ingrimm, daß die Ausrottung der Colonna eine Unmöglichkeit sei. Seinen Mißmut vermehrten gerade die Gesandten der italienischen Mächte, welche des Krieges mit Venedig müde, ohne ihn zu fragen, mit der von ihm gebannten Republik am 7. August 1484 den Frieden zu Bagnolo geschlossen hatten. Diese den Venetianern durchaus günstigen Artikel brachten die Gesandten der Mächte am 11. nach Rom. Man sagt, daß Sixtus IV., welcher für Girolamo aus jenem Kriege reichen Gewinn gehofft hatte und plötzlich seine Bemühungen vereitelt sah, in solche Wut geriet, daß ihn ein tödliches Fieber ergriff. Er starb folgenden Tags, den 12. August 1484.

Der vorwiegend weltliche Charakter Sixtus' IV., einer energischen, ja schrecklichen Persönlichkeit, gab auch den Maßstab für das Urteil der Zeitgenossen ab. Am erbittertsten hat sich der Römer Infessura ausgesprochen. Den glückseligsten Tag nannte er diesen, an welchem Gott die Christenheit aus den Händen eines solchen Mannes erlöste. Keine Liebe zu seinem Volk sei in ihm gewesen, nur Wollust, Geiz, Prunksucht, Eitelkeit; aus Geldgier habe er alle Ämter verkauft, mit Korn gewuchert, Abgaben auferlegt, das Recht feilgeboten; treulos und grausam, habe er zahllose Menschen durch seine Kriege umgebracht.

Sicherlich war Sixtus IV. als Oberhaupt seines Staats einer der ränkevollsten Fürsten jener Zeit. Herrschsucht und Nepotismus waren die Triebfedern seiner ruhelosen Eroberungs-Politik. Handel mit allem Heiligen, schamloseste Geldgier schändete die Kurie. Jedes Mittel, Geld zu machen, galt als erlaubt. Sixtus pflegte zu sagen: der Papst braucht nichts als Tinte und Feder, um jede beliebige Summe zu haben.

Die Verschwörung der Pazzi, der Ferrarische Krieg, das tückische Verfahren mit den Colonna, die Namen Pietro und Girolamo Riario sind hinreichend, den Abgrund zu bezeichnen, welchem das politische Papsttum entgegentrieb. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Nepotismus Sixtus' IV. zu dem Alexanders VI. Der erste hat dem zweiten die Wege vorgezeichnet. Wenn die Nepoten jenes Papsts die Natur der Borgia besessen hätten oder wenn zu seiner Zeit bereits durch eine französische Invasion die Verhältnisse Italiens zerstört worden wären, so würde er wohl ganz so verderblich in der Geschichte Italiens und Roms dastehen wie Alexander VI. Man vergesse nicht, daß es die Zeit der monarchischen Triebe war, wo nach dem Ausgange der Republiken die Landesfürsten den Kampf mit den kleinen und großen Feudaltyrannen auskämpfen mußten. Und ihm konnten sich die Päpste als Eigentümer eines Staates nicht entziehen. In der Welt gab es Stimmen, die das Konzil und dessen Richterspruch über Sixtus IV., diesen Papst »ohne Gewissen und Religion«, begehrten, und wohl hat er dieses Tribunal gefürchtet. Von ihm leitet das Zeitalter des Verderbens auch ein Mann her, dessen Urteil nicht wie dasjenige Infessuras durch republikanische Neigungen bestimmt sein konnte, der berühmte Kardinal Ägidius von Viterbo. Im Auslande, wo die tägliche Chronik Roms unbekannt war, fand Sixtus Lobredner; auch hatte er, was sein erbitterter Feind Infessura verschweigt, wirkliche Verdienste um den Kirchenstaat, wo er den Codex des Albornoz zur Geltung brachte, und, wie wir noch zeigen werden, viele größere um die Stadt Rom, die er nicht allein durch Monumente verschönerte und mit manchen öffentlichen Anstalten versah, sondern mit löblichem Eifer erst wohnlich zu machen begann. Auch auf den Landbau der Campagna hatte sich seine Sorge erstreckt. Er war gelehrt und achtete die Wissenschaft. Als Oberhaupt der christlichen Religion verabscheuungswürdig, besaß Sixtus IV. als weltlicher Fürst viele jener großen Eigenschaften, welche die Herrscher Italiens zu seiner Zeit ausgezeichnet haben. Zu diesen kraftvollen Tyrannennaturen gehört er ganz und gar. Man darf von ihm sagen, daß er der erste wahre Papstkönig gewesen ist. Seine Politik verfolgten dann gründlicher als er und Riario Alexander VI. und Cesare Borgia.

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