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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 352
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Sixtus IV. Papst 25. August 1471. Tod Bessarions. Borgia Legat in Spanien. Caraffa Admiral im Türkenkrieg. Nepotismus. Pietro Riario. Julian Rovere. Leonardo Rovere. Schwelgerei des Kardinalnepoten Riario. Seine Feste für Leonora von Aragon. Tod dieses Kardinals. Der Nepot Girolamo Riario steigt zu fürstlicher Größe auf. Giovanni Rovere vermählt sich mit Johanna von Urbino.

Das Konklave begann am 6. August. Zum zweitenmal schwebte die Tiara über Bessarion, doch schon am 9. vereinigten sich die Wähler auf Francesco Rovere, einen Anhänger der mailändischen Partei. Er verdankte seine Wahl den Stimmen Orsinis, Borgias, Gonzagas und Bessarions. Zum Lohn erhielt Borgia die Kommende Subiaco, Gonzaga die Abtei S. Gregorio und Latino Orsini das Amt des Camerlengo.

Francesco Rovere stammte aus Savona, in dessen Gebiet in einem kleinen Ort bei Albisola er am 21. Juli 1414 geboren ward. Sein Vater Leonardo soll ein armer Schiffer gewesen sein; seine Mutter wird Lucchesina Mugnone genannt. Schon als Kind war er für den Franziskanerorden bestimmt worden. Er studierte mit Eifer die kirchlichen Wissenschaften. In Padua ward er Doktor der Philosophie und Theologie, und er lehrte nach und nach an den Hochschulen zu Bologna, Pavia, Siena, Florenz und Perugia. Bessarion war sein Zuhörer und sein Freund; ihm verdankte Francesco auch am 17. September 1467 den Kardinalstitel von S. Pietro ad Vincula, nachdem er bereits General der Minoriten geworden war. Er galt als einer der gelehrtesten und im Desputieren geübtesten Mönche: jetzt ein Mann von 57 Jahren, mit ausdrucksvollem Gesicht, einer Adlernase, mit scharfen und harten Zügen, die ein selbstsüchtiges Wesen voll heißblütiger Kraft aussprachen, welches schrecklich sein konnte, nicht Widerspruch litt und Hindernisse rücksichtslos zerbrach. In politischen Dingen war er unerfahren und doch, wie er bald zeigte, zum Herrschen, Planen und Schaffen um sich her wie nur ein Fürst geboren.

Als Sixtus IV. bestieg Rovere den Päpstlichen Stuhl am 25. August 1471: es war der Kardinal-Archidiaconus Borgia, der ihn krönte. Bei seiner Besitznahme des Lateran störte ein Volkstumult die Feierlichkeit. Man warf mit Steinen nach der Sänfte, die den neuen Papst trug; nur mit Mühe beschwichtigte der Kardinal Orsini den Aufruhr. Im Namen der Florentiner begrüßte den neuen Papst Lorenzo Medici, und Sixtus machte ihn zu seinem Schatzmeister.

Kaum Papst geworden, beschloß er, die wichtigste Angelegenheit Europas, den Türkenkrieg, zu betreiben, wofür, der Wahlkapitulation gemäß, die von Paul II. gesammelten Schätze verwendet werden sollten, und diese lagen in der Engelsburg verwahrt. Sixtus wollte wegen des Türkenkrieges ein Konzil nach dem Lateran berufen; weil aber der Kaiser Üdine als Kongreßort vorschlug, so unterhandelte man darüber ohne Erfolg. Unterdes ernannte der Papst Legaten: Bessarion für Frankreich, Borgia für Spanien, Marco Barbo für Deutschland.

Im Frühling 1472 reisten diese ab, die hadernden Fürsten zu versöhnen und Ablaßgelder wie Türkenzehnten flüssig zu machen. Bessarion, in diplomatischen Geschäften ungeschickt, hatte in Frankreich keinen Erfolg; von Ludwig XI. mit Mißachtung behandelt, kehrte er bald nach Ravenna zurück, wo er starb. Borgia ging voll Begier nach Spanien und knüpfte dort Verbindungen mit dem Hofe an, die ihm persönlich später nützlich wurden. Die Mächte versagten sich dem Türkenkriege, nur Venedig, Neapel und der Papst brachten eine Bundesflotte auf, welche sich im Frühjahr 1472 in Bewegung setzte. Die päpstlichen Schiffe waren schon nach Brindisi gesegelt; nur vier Galeeren kamen in den Tiber bis St. Paul. Sixtus weihte am 28. Mai ihre Banner im St. Peter, nachdem er den würdigen Kardinal Caraffa, einen in der Theologie und beiden Rechten, doch nicht im Seewesen bewanderten Mann, zum Admiral gemacht hatte. Er begab sich in Prozession nach dem Hafen, bestieg das Admiralschiff und segnete die Flotte. Caraffa ging in See, doch weder er noch die Venetianer erfochten viel Lorbeeren im Levantekriege. Der Kardinal kehrte daraus im folgenden Januar zurück, wo er einen triumphartigen Einzug in Rom hielt, mit fünfundzwanzig gefangenen Türken, welche auf zwölf Kamelen durch die Stadt ritten.

Die ersten Bemühungen Sixtus' IV. verhießen demnach einen Papst, welcher die europäische Politik Pius' II. wiederaufnehmen wollte, indes schon in kurzer Zeit verlor er das Allgemeine aus dem Blick, um sich in die italienische Territorialpolitik zu versenken und mit rastlos ränkevollem Geist darin Verwicklungen zu schaffen, deren Zweck die Erweiterung der Papstmacht war. Mit Sixtus IV. begann im Papst der Landesfürst so stark hervorzutreten, daß die Nachfolger Petri jener Zeit als Dynasten Italiens erscheinen, welche nur zufällig zugleich Päpste sind und statt der Herzogskrone die Tiara tragen. Diese ganz weltlichen Bahnen erforderten auch mehr als je ganz weltliche Mittel: Finanzspekulation, Ämter- und Gnadenhandel, gewissenlose Staatskünste, Nepotenherrschaft. Der Nepotismus, nie zuvor so rücksichtslos betrieben, wurde das Prinzip aller Handlungen Sixtus' IV. Nichts war sonderbarer als dieses illegitim Wesen in Rom. Nepoten, in jener Zeit meist wirkliche Bastarde der Päpste, vatikanische Prinzen, erschienen mit jedem Papstwechsel auf der römischen Szene, wuchsen mit Plötzlichkeit zur Macht auf, tyrannisierten Rom und den Papst selbst, kämpften in einem kurzen Ränkespiel mit Dynasten und Städten um Grafenkronen, dauerten im Glück oft nur solange der Papst lebte und stifteten, auch wenn ihre Macht zerfiel, neue Familien von päpstlichem Fürstenadel. Die Nepoten waren der Ausdruck der persönlichen Landeshoheit der Päpste und zugleich die Stützen wie Werkzeuge ihrer weltlichen Herrschaft, ihre vertrauten Minister und Generale. Der Nepotismus wurde zum System des römischen Staats; er ersetzte die in ihm fehlende Erblichkeit; er schuf für den Papst eine Regierungspartei und auch einen Damm gegen den Widerspruch des Kardinalskollegium. Wenn nun der Papst eine flüchtige Regierung benutzte, um seine Familie groß zu machen, so konnte dies meist nur im Umfange des Kirchenstaats geschehen, da die übrigen Mächte Italiens ein weiteres Umsichgreifen verhinderten. Aber dies kirchliche Gebiet, damals für jeden aufstrebenden Ehrgeiz groß genug, bot für Taten des Schwerts und für Künste der Politik hinlänglichen Stoff dar, weil noch manche Feudalhäuser und Republiken darin zu zerstören waren. Die Nepoten unternahmen diesen Vernichtungskampf; sie halfen den Kirchenstaat in eine Monarchie verwandeln, und obwohl sie das Papsttum, dessen gefährlichste Ausgeburt sie waren, offenbar mit der Säkularisation bedrohten, gelang es doch selbst nicht den kühnsten dieser Emporkömmlinge, eine Nepoten-Dynastie zu stiften und ihr den Kirchenstaat zu unterwerfen. Sie dienten am Ende doch immer dem Papsttum, in dessen Land sie die großen einheimischen Parteien bändigten und die Tyrannen nach und nach ausrotteten. Der Nepotismus, im Priestertum oder in der Kirche eine Ausartung, hat daher im Kirchenstaat seine politische Berechtigung oder die Ursachen seiner notwendigen Entstehung gehabt.

Wie Rom unter Calixt III. spanisch, unter Pius II. sienesisch gewesen war, so wurde es unter Sixtus IV. ligurisch. Zwei seiner Neffen machte er am 15. Dezember 1471 zu Kardinälen; Pietro Riario aus Savona, den man für seinen Sohn hielt, zum Kardinal von St. Sixtus und Julian Rovere, den Sohn seines Bruders Raffael, zum Kardinal von S. Pietro ad Vincula. Er verletzte dadurch die Konklaveartikel; auch ward die Wahl getadelt, denn beide Nepoten waren junge Menschen niedriger Abkunft, im Franziskanerorden erzogen, weder durch Verdienste noch durch Talente bemerkbar. Die Kardinäle nahmen sie widerwillig unter sich auf, ohne zu ahnen, daß der eine von ihnen einst als Julius II. unsterblich werden sollte. Julian, Bischof von Carpentras, war achtundzwanzig Jahre alt, gemessen und ernst, doch sinnlicher Ausschweifung ergeben und ein ganz weltlicher Mann. Nichts verriet in ihm eine große Natur. Pietro war etwas jünger, ein Minoritenmönch gewöhnlichen Schlages; Sixtus hatte ihn im Kloster erzogen und, kaum Papst geworden, zum Bischof von Treviso gemacht. Er überhäufte ihn mit Würden; er machte ihn zum Patriarchen von Konstantinopel an Bessarions Stelle, zum Erzbischof von Sevilla, Florenz, Mende und gab ihm so viele Benefizien, daß sich sein Einkommen auf 60 000 Goldgulden belief. Der Nepot wuchs zur Riesengröße auf und beherrschte bald den Papst. Über Nacht aus einem armen Mönch zum Krösus geworden, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei. Das Leben dieses Parasiten am Papstthron, der in der kurzen Wonnezeit von zwei Jahren seine Reichtümer und sich selbst verschwelgte, ist das grellste Bild von Nepotenglück überhaupt. So schamlos ward nie zuvor aller Sittlichkeit Hohn gesprochen als durch diesen Kardinal, welcher das Kleid des heiligen Franziskus trug.

Andere Nepoten blieben Laien, um aus niedrigen Verhältnissen auf hohe Gipfel der Ehren zu steigen. Leonardo, Bruder Julians, so unansehnlich an Körper wie an Geist, wurde Stadtpräfekt, nachdem Antonio Colonna am 25. Februar 1472 gestorben war. Sixtus wollte ihn auf Kosten Neapels groß machen; er erließ Ferrante den Tribut für seine Lebenszeit und verwandelte diesen in die Verpflichtung, dem Papst jährlich einen weißen Zelter zu liefern. Der Preis dafür war die Vermählung Leonardos mit einer aragonesischen Prinzessin, welche Sora als Mitgift erhielt. Das eigenmächtige Verfahren des Papsts lockerte demnach das Lehnsverhältnis Neapels zum Heiligen Stuhl. Die Kardinäle murrten. Was bedeuteten ihre Wahlkapitulationen? Tat nicht jeder Papst alles, was ihm gutdünkte? Gesetzlosigkeit herrschte in der Kurie; bald war nichts mehr heilig; jeder suchte nur Vorteil und Gewinn. Sixtus hoffte, durch sein Bündnis mit Neapel seiner Nepotenpolitik auch jenseits der Apenninen Erfolg zu sichern, und dieses Bündnis wurde glänzend zur Schau getragen, als Leonora, die natürliche Tochter des Königs, im Juni 1473 nach Rom kam, um sich zu ihrem Gemahle Herkules nach Ferrara zu begeben. Die Feste, welche ihr der Nepot gab, überstiegen an wahnsinniger Verschwendung alles, was bisher in dieser Weise erlebt worden war.

Die junge Prinzessin kam mit strahlendem Gefolge am Pfingstabend. Der Kardinalnepot, welcher eben erst die Botschafter Frankreichs mit sardanapalischer Pracht bewirtet hatte, gab ihr Wohnung in seinem Palast bei den Santi Apostoli. Der dortige Platz war mit Segeltuch überdeckt und in ein Festtheater verwandelt worden. Verdeckte Blasebälge wehten in den Sälen des Palasts kühle Luft zu. Die besten Künstler Roms hatten diese herrlich ausgeschmückt. Die schönsten Teppiche Flanderns, darunter der berühmte Nikolaus' V. mit der Darstellung der Schöpfung, verschleierten die fünf Eingänge des großen Festsaals. In den Nebengemächern glänzte alles von Purpur, Gold und kostbaren Gefäßen. Die mit den feinsten Kissen bedeckten Stühle hatten silberne Füße. Die junge Fürstin konnte auf ihrem wonnigen Lager träumen, daß sie Kleopatra sei, und wenn sie erwachte, lachen, daß sie sich Antonius als einen bepurpurten Franziskanermönch zu denken hatte. Wenn sich die üppigen Hofdamen in ihre Schlafgemächer zurückzogen, brachen sie in Gelächter aus, denn selbst die niedrigsten Geschirre waren dort von vergoldetem Silber. Heidentum und Christentum mischten sich in überschwenglicher Pomperscheinung; denn dieses kam unter Figuren der Mythologie zutage; bald in samtbedeckten Meßaltären, bald in päpstlichen Wappenschildern, bald in Tapeten mit biblischen Geschichten. Am Pfingsttag hielt die Prinzessin einen glänzenden Aufzug nach St. Peter, wo der Papst die Messe las. Am Mittage ließ der Kardinal die Geschichte der Susanna von Florentiner Schauspielern aufführen; sodann gab er das öffentliche Bankett am Montage, und dies setzte durch die unerhörte Verschwendung alle Welt in Erstaunen. Die in Seide gekleidete Dienerschaft bediente mit musterhafter Kunst, während der Seneschall viermal seine köstlichen Gewänder wechselte. Selbst Vitellius hätte die Tafel des Mönchs Riario preisen müssen; in Wahrheit wurde dort die ganze Schöpfung kunstvoll aufgetischt. Vor der Tafel nahm man stehend übergoldete gezuckerte Orangen mit Malvasia; dann wurde Rosenwasser für die Hände gereicht. Der Kardinal ließ sich neben der Prinzessin nieder, worauf unter dem Schalle von Trompeten und Flöten zahllose Gänge von Speisen erschienen, deren Namen und Zubereitung auch die luxuriöseste Küche Asiens in Verwirrung bringen würden. Wenn die sieben Personen, welche an der Haupttafel saßen, von allen Gerichten nur gekostet hätten, so würden sie unfehlbar an Unverdaulichkeit gestorben sein. Man trug vor ihnen auf ganze gebratene Wildschweine samt ihrem Fell, ganze Damhirsche, Ziegen, Hasen, Kaninchen, übersilberte Fische, Pfauen mit ihren Federn, Fasane, Störche, Kraniche, Hirsche; selbst einen Bären mit seinem Fell, einen Stock im Maul; nicht zu zählen die Torten, die Gelatinen, die eingemachten Früchte und dergleichen Konfekt. Man brachte auch einen Berg herein, aus welchem ein lebendiger Mensch hervorstieg mit Zeichen der Verwunderung, sich mitten in diesem strahlenden Feste zu finden, worüber er einige Verse sagte und dann verschwand. Mythologische Figurenwerke wurden als Hüllen von Speisen auf die Tafel gesetzt. Die Geschichte des Atlas, des Perseus und der Andromeda, die Arbeiten des Herkules brachte man in Mannesgröße auf silbernen Platten herein. Kastelle aus Konfekt, mit Speisen gefüllt, wurden geplündert und dann von der Loge des Saals unter das jauchzende Volk geworfen. Segelschiffe schütteten ihre Ladung von Zuckermandeln aus. Zum Schlusse folgten mythologische Darstellungen, Künste von Buffonen und musikalische Symphonien. Madonna Leonora konnte Rom mit der Überzeugung verlassen, daß die Welt nichts besitze, was an kindischer Schwelgerei dem Hofe eines römischen Nepoten auch nur von Ferne nahe komme.

Der Kardinal Julian blickte wohl mit Verachtung auf den Wahnsinn seines Vetters, welchen der Pöbel vergötterte und dem jetzt die Kardinäle schmeichelten, weil er der allmächtige Günstling des Papsts war. Sein Hof verdunkelte den von Königen. Alles, was der Luxus jener Zeit erschuf, zierte seinen Palast. Ihn erfüllten Scharen von Künstlern, Poeten, Schauspielern und Rednern, und ein Schwarm von Parasiten und Klienten, selbst von den ersten Männern Roms, begleitete Riario ehrfurchtsvoll, sooft er mit hundert Rassepferden aus seinem Marstall zur Kurie ritt. Seine Schmeichler besangen die Gastmähler, die er gab, wie im Altertum die Höflinge des Fabunius oder Reburrus es getan hatten. Er war mächtiger als der Papst. Indem er seine Größe auch auswärts zur Schau tragen wollte, ließ er sich den Titel eines Legaten für ganz Italien mit unerhörter Vollmacht erteilen, und er reiste sodann im September 1473 mit unglaublichem Aufwande über Florenz, Bologna und Ferrara nach Mailand. Dichter streuten Verse auf seinen Weg und besangen seinen Einzug. Galeazzo Maria empfing ihn mit königlichen Ehren in feierlicher Prozession. Der Nepot verstieg sich bereits zu den kühnsten Ideen; er wollte Galeazzo, so hieß es, zum Könige der Lombardei machen, wofür ihm dieser versprach, ihm zum Papsttum zu verhelfen, sei es nach dem Tode Sixtus' IV. oder durch dessen freiwillige Abdankung. Eines Tages würde der Papst gewahr worden sein, daß er eine Natter an seinem Busen ernährt hatte.

Riario ging nach Venedig, wo er gleiche Ehren empfing. Aber bald nach seiner Rückkehr machte der Tod seinem Freudeleben ein Ende. Der elende Schwelger starb, erst achtundzwanzig Jahre alt, am 5. Januar 1474. In der kurzen Zeit seines Kardinalats hatte er 200 000 Goldgulden verpraßt, und er hinterließ noch große Schulden. Der Pöbel, dem er die prachtvollsten Karnevalspiele aufgeführt hatte, klagte um ihn, aber jeder ernste Mensch beglückwünschte Rom, als sei es von der Pest erlöst. In diesem Wüstling hatte sich die ganz materielle Renaissance der altrömischen Schlemmerei dargestellt. Riario, ein Monstrum des Nepotenglücks, ist in dieser Richtung die Charakterfigur.

Sixtus IV. beweinte den Tod seines Lieblings, übertrug aber seine Gunst auf dessen Bruder Girolamo Riario, welcher sich bis zur Erhebung des Oheims oder Vaters in Savona als Zollschreiber kümmerlich ernährte, bis ihn das Glück nach Rom berief. Für ihn erkaufte Sixtus Imola von dem vertriebenen Tyrannen Taddeo Manfredi und belieh ihn mit dieser Grafschaft. Er vermählte ihn mit Caterina Sforza, einer Bastardtochter Galeazzos. Bald darauf verschwägerte der Papst seine Familie auch mit Urbino. Er erhob Federigo dort zum Herzoge, und dieser versprach seine Tochter Johanna dem sehr jungen Bruder des Kardinals Julian, Giovanni Rovere, zum Weibe. Julian war nämlich mit Federigo befreundet, denn als er im Jahre 1474 als Legat Città di Castello, Spoleto und Todi mit einer Energie, welche den künftigen Julius II. weissagte, der Kirche wiedergewann, hatte ihn Federigo dabei unterstützt. Mit ihm kehrte er im Mai 1474 nach Rom zurück und veranlaßte hier jene wichtige Familienverbindung. Giovanni Rovere wurde trotz des Widerspruchs einiger Kardinäle mit Sinigaglia und Mondovi beliehen und im Jahre 1475 Stadtpräfekt, da Leonardo Rovere am II. November gestorben war. Die Vermählung mit der noch nicht erwachsenen Prinzessin von Urbino konnte erst im Jahre 1478 vollzogen werden. Sie kam nach Rom, wo die »persische« Verschwendung, mit welcher dies Fest gefeiert wurde, bewies, daß der Nepotenluxus nicht mit dem Kardinal Riario begraben worden war.

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