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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 351
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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3. Paul II. Papst 27. August 1464. Er stößt die Wahlkapitulation um. Seine Eitelkeit und Prachtliebe. Tod Scarampos. Paul setzt die Abbreviatoren ab. Die Römer gewinnt er durch Brot und Spiele. Der Karneval. Revision der römischen Gemeindestatuten im Jahre 1469. Tod des Grafen Eversus und Sturz des Hauses Anguillara Juni 1465. Sturz der Malatesta im Jahre 1468. Robert Malatesta bemächtigt sich Riminis. Friedrich III. in Rom Weihnachten 1468. Krieg um Rimini. Erneuerung der Liga von Lodi 22. Dezember 1470. Borso erster Herzog von Ferrata April 1471. Paul II. stirbt 26. Juli 1471.

Das Heilige Kollegium bestand damals aus zweiundzwanzig Kardinälen; Prospero Colonna und Oliva waren im Jahre 1463, Cusa im August 1464 gestorben. Einige glänzten durch Reichtum und fürstliche Geburt, andere durch Gelehrsamkeit oder lange Dienste. Aus der Zeit Eugens IV. stammten noch der unbestechliche Carvajal, ein Greis von siebzig Jahren; der Dominikaner Torquemada, eifrigster Verfechter der unfehlbaren Papstgewalt; der Grieche Bessarion, ein Liebling Pius II.; Estouteville, das Haupt der französischen Partei, reich und vornehm, Freund edler Künste, zumal der Kirchenmusik; Scarampo und dessen Feind Pietro Barbo. Unter den jüngeren war Borgia ausgezeichnet durch seine Stellung als Vizekanzler, ein schöner und heiterer Mann, welcher die Frauen magnetisch an sich zog. Mit ihm wetteiferte in solchem Glück der schöne und junge Kardinal von Mantua, Francesco Gonzaga, Sohn des Markgrafen Lodovico und der Barbara von Brandenburg, der einen wahrhaft fürstlichen Hof hielt. Pius II. hatte ihn zum Dank für seine Aufnahme in Mantua mit siebzehn Jahren zum Kardinal gemacht. Als unbescholtene Männer galten Filippo Calandrini, ein Halbbruder Nikolaus' V., und Francesco Todeschini Piccolomini. Nepot Pius II. war auch Jacopo Ammanati, der Kardinal von Pavia, ein gebildeter und lebensfroher Prälat; ferner der kriegerische Forteguerra.

Das Konklave versammelte sich am 27. August 1464 im Vatikan. Der Venetianer Dominicus, Bischof von Torcelli, ein gefeierter Humanist, hielt die übliche Anrede. Er beklagte, daß das Ansehen des Heiligen Kollegium geschwunden sei, daß jetzt alles durch päpstliche Willkür zu geschehen pflege und die ganze kirchliche Verwaltung deshalb in tiefer Verderbnis sei; sie sollten einen Papst wählen, welcher sich verpflichte, diese Übel abzustellen. Die Wahl selbst machte keine Schwierigkeit, denn schon im ersten Scrutinium am 30. August ging der Kardinal von S. Marco einstimmig als Papst hervor. Dies war Pietro vom Haus der Barbi, Sohn des Nicolaus Barbo und der Polixena Condulmaro, einer Schwester Eugens IV., geboren am 26. Februar 1418. Der junge Pietro war einst im Begriff gewesen, mit einem Handelsschiff in den Orient zu gehen, als er die Wahl seines Oheims zum Papst erfuhr; er blieb deshalb in Venedig, sich den Studien zu widmen, wofür er jedoch kein Talent besaß. Den Oheim suchte er in Ferrara auf, und hier nahm er die Tonsur. Schon am 22. Juni 1440 wurde er mit dem roten Hut beschenkt. Der Kardinal von S. Marco war ein Mann von mittelmäßigen Eigenschaften, aber von hoher und schöner Gestalt und gewinnendem Wesen. Er besaß die Kunst, sich einzuschmeicheln, selbst mit Tränen zu bitten, weshalb ihn Pius II. bisweilen scherzend Maria pientissima nannte. Bei S. Marco baute er den Palast, der noch dauert; dort sammelte er Antiken, dort gab er heitere Gastmähler. Er war sinnlich und liebte den Prunk. Eitel auf seine Schönheit, zeigte er sich als Kardinal gern beim Kirchendienst mit theatralischem Gepränge, froh, die Augen aller auf sich zu ziehen. In öffentlichen Angelegenheiten hatte er sich kaum hervorgetan, es sei denn, daß er versuchte, Eversus von Anguillara mit den Orsini oder der Kirche zu versöhnen. Der Verbindung der Kurie mit Venedig wegen des Türkenkrieges verdankte er die Tiara.

Nach seiner Wahl wollte er sich Formosus nennen; die Kardinäle beanstandeten diesen eiteln Namen wie den Namen Markus, weil S. Marco der Schlachtruf der Venetianer sei, und Pietro Barbo nannte sich Paul II. Am 16. September 1464 ward er geweiht. Noch im Konklave und dann nach seiner Erhebung hatte er die Wahlkapitulation beschworen: den Türkenkrieg fortzuführen, die Kurie zu reformieren, in drei Jahren ein Konzil zu berufen, die Zahl von vierundzwanzig Kardinälen nicht zu überschreiten, keinen zu ernennen, der nicht dreißig Jahre alt und der Rechte oder der Theologie kundig sei; nur einem einzigen Nepoten den roten Hut zu geben. Die Kardinäle hatten in jener Kapitulation ihre Privilegien gewahrt, aber den Papst noch durch einen Zusatzartikel verpflichtet, zu genehmigen, daß sich das Heilige Kollegium zweimal im Jahre versammle, um zu prüfen, ob alle diese Artikel eingehalten seien. Dieser merkwürdige Versuch, den Papst einer Syndikatur zu unterwerfen, scheiterte wie alle wiederholten Bemühungen der Kardinäle, die monarchische Verfassung des Papsttums in eine Oligarchie zu verwandeln, an dessen dogmatischer Autorität und allen andern Mitteln, welche jeder Papst besaß, seinen Willen durchzusetzen. Barbo wollte nicht zur Machtlosigkeit eines von den Ausschüssen der Nobili überwachten Dogen herabsinken, und er belehrte alsbald seine ehemaligen Ranggenossen über das, was er wagen durfte. Er legte ihnen eine veränderte Abschrift jenes Dokuments vor; einige unterschrieben sie aus Gunstbuhlerei, andere, wie Bessarion, zwang er mit Gewalt. Sie alle unterzeichneten das Aktenstück, ohne es einmal lesen zu dürfen, denn der Papst bedeckte es mit der Hand. Nur Carvajal blieb standhaft. Die Urkunde warf Paul verächtlich in den Schrank, ohne sie selbst zu unterschreiben, und kein Mensch hat sie je wieder gesehen.

Nachdem er seine Pairs so hintergangen hatte, tröstete er sie mit Purpurmänteln und roten Decken für ihre Pferde, denn solche Abzeichen verlieh er ihnen als Privilegium ihrer Würde. Kardinälen, deren Einnahme nicht 4000 Goldflorene betrug, warf er einen monatlichen Zuschuß von hundert Gulden aus; nicht minder unterstützte er freigebig arme Bischöfe. Alles sollte um Paul II. glänzen, aber er selbst den strahlenden Klerus wie ein Hoherpriester Aaron überragen. In seiner eigenen Person sollte das Papsttum bewundert werden. Mit krankhafter Eitelkeit brachte er Edelsteine zusammen, seine Papstkrone zu schmücken. Man schätzte dieselbe auf 200 000 Goldgulden. Als später der Kaiser nach Rom kam und Paul ihm die Apostelhäupter im Lateran zeigte, verglich er einen Smaragd ihres Schmuckes mit einem Edelstein an seinem Finger, um zu sehen, welcher der schönere sei. Sultane konnten ihn beneiden, doch Heilige ihm bemerken, daß die Kirche groß war, als ihre Oberpriester nur Mitren aus weißem Linnen trugen. Die Leidenschaft für so kostbaren Tand besaß Paul vielleicht als ehemaliger venetianischer Kaufmann, aber sie war überhaupt eine Manie jener Zeit. Päpste, Könige, Kardinäle sammelten schöne Steine und Perlen mit derselben Begier, mit der ihre Vorgänger Reliquien gesammelt hatten. Einen kostbaren Schatz dieser Art besaß Scarampo. Dieser Gegner Pauls II. starb am 22. März 1465, wie man sagte, aus Ärger über dessen Wahl. Seine Schätze, mehr als 200 000 Goldgulden, würde er eher den Türken als dem Papst gegönnt haben. Er hatte sie seinen Nepoten hinterlassen, doch Paul stieß das Testament um, ließ die Flüchtigen greifen und zurückbringen. Ganze Ladungen gemünzten Goldes und Kostbarkeiten jeder Art, was alles Scarampo nach Florenz hatte schaffen lassen, wurden im Vatikan ausgeleert; nur einen Teil davon ließ er den Nepoten. Es gab in Rom niemand, der dies Verfahren mißbilligte; denn die Schätze Scarampos waren räuberisch aufgehäuftes Gut gewesen.

Es war ein eigenmächtiges Wesen in Paul II. Man murrte, aber man unterwarf sich ihm. Die ganze Ordnung des Palastes kehrte er um: Tag ward Nacht und Nacht zum Tage. Die Kurie wollte er nach seinem Sinn reformieren, und er begann im Jahre 1466 mit einem Dekret, welches unter dem Schwarm der Sekretäre einen wahren Sturm erregte. Seit Nikolaus V. erfüllten diese Kurie zahllose Schreiber; literarische Abenteurer, Günstlinge, Nepoten drängten sich in diese Stellen. Der Handel damit war ein Geldgeschäft; manche Scriptorstelle kostete tausend Dukaten, doch sie trug ihren Lohn. Diese Skriptoren waren Kabinettssekretäre des Papstes, welche mit dessen Tode wieder aus dem Vatikan verjagt wurden, oder sie saßen in festen Ämtern, wie die Abbreviatoren, deren Kollegium unter dem Vizekanzler stand. Pius II. hatte demselben eine Verfassung gegeben, seine Zahl auf siebzig herabgesetzt, es mit seinen Geschöpfen angefüllt und dem Vizekanzler den Einfluß darauf genommen. Diese Verordnungen vernichtete Paul, der Freund Borgias. Er setzte die Abbreviatoren seines Vorgängers ab, um ihre Stellen andern zu vergeben. Die Sekretäre, welche sich die wichtigsten Personen der Welt dünkten, erhoben ein Geschrei; zwanzig Nächte lang belagerten sie den Vatikan, ohne Gehör zu finden; ihr Führer Platina schrieb endlich dem Papst einen heftigen Brief, worin er mit der Berufung an ein Konzil drohte. Er wurde nach der Engelsburg gebracht, wo er vier Monate lang schmachtete, bis ihn die Fürbitten Gonzagas befreiten. Seine Sache setzte er nicht durch.

Paul II. wollte überhaupt eine gründliche Reform in den Ämtern der Kurie einführen, aber keineswegs schaffte er das hergebrachte Wesen des Ämterhandels, diesen »großen geistlichen Markt« ab. Er verbot den Rektoren im Kirchenstaat, Geschenke anzunehmen; er verbot, Kirchengüter zu veräußern. Die Burgen gab er zuerst Prälaten zur Bewachung, um sie sicherer zu erhalten. Calixt III. und Pius II. hatten ihre Familien mit solchen Vogteien reichlich versorgt, aber Paul zwang auch seine Feinde wenigstens zu diesem Lobe, daß er nicht Nepoten noch Günstlinge emporbrachte. Zwar gab er seinen Verwandten Marco Barbo, Giovanni Michiel und Baptista Zeno den Purpur, doch Vertraute duldete er nicht.

Dieser praktische Venetianer verstand sich auf die Kunst des Herrschens. Er war streng, aber oft gerecht. Selten unterschrieb er ein Todesurteil. Die Fraticellen, welche in den Marken und selbst in Poli bei Tivoli ihr Wesen trieben, bestrafte er nur mit dem Exil; ihr Haupt Stefano Conti kerkerte er in der Engelsburg ein. Die Verschwörungen der Tiburtianer und Porcaros hatten ihn argwöhnisch gemacht, und die freisinnigen Ketzereien der römischen Akademie des Pomponio Leto trieben ihn zu der kleinlichen Verfolgung dieses Instituts. Doch kamen die Angeschuldigten mit Gefängnis oder Flucht davon. Sein Hof war üppig, er selbst sinnlichen Genüssen ganz ergeben. Zeitgenossen, welche das damalige Rom sahen, schauderten vor der Verderbtheit des Klerus zurück. Dem Volk gab Paul II. Brot und Spiele. Er ließ Speicher und Schlachthäuser in der Stadt anlegen. Mit ganz weltlichem Sinn stattete er die Festlichkeiten des Karneval aus: man hielt Umzüge mit mythologischen Darstellungen von Göttern, Heroen, Nymphen und Genien; von der Loge seines Palasts bei S. Marco sah der Papst den Wettrennen zu, die er vom Bogen des Domitian bis dorthin halten ließ. Er führte eigentlich erst diesen neuen heidnischen Charakter der Karnevalslustbarkeit in Rom ein. Wenige fragten, ob einem Papst gezieme, was einem Pompeius oder Domitian geziemt hatte. Als der Kardinal Ammanati seine Stimme dawider erhob, wurde er wahrscheinlich nur ausgelacht. Am Ende der Spiele bewirtete Paul das Volk vor seinem Palast, wo er meist wohnte. Die ersten Bürger tafelten dort an reichbesetzten Tischen, während Vianesius de Albergatis, der Vizekämmerer, und andere Hofprälaten für musterhafte Ordnung sorgten. Paul sah aus dem Fenster zu und warf wohl, seiner Würde ganz vergessend, Münzen unter den Pöbel, der sich an die Reste der Mahlzeit machte. Wenn er den Senator, die Konservatoren und die Bürger ohne Erröten bei diesem Mahle beschäftigt sah, durfte er sich gestehen, daß Senat und Volk fortan der Freiheit unfähig seien.

Im Jahre 1469 ließ Paul II. die Statuten Roms verbessern, wodurch er sich ein Verdienst um die Stadt erwarb, denn die letzte Durchsicht jener schrieb sich vielleicht noch von Albornoz her. Dies Statutenbuch zerfällt in drei Teile: vom Zivilrecht, Kriminalrecht und der Verwaltung. Die alte Form der kapitolischen Magistratur dauerte fort, obwohl sie vom Papst vollkommen abhängig war. Neben dem sechsmonatlichen Senator bestanden die drei Konservatoren, der Rat der Regionenkapitäne und der Sechsundzwanziger. Alle diese drei Körperschaften bildeten das Consilium Secretum, den Rest der alten Credenza. Es faßte Beschlüsse, welche es dann dem Consilium Publicum vorlegte, worin alle über zwanzig Jahre alten Bürger Stimme hatten. Ein Wahlausschuß von Imbussolatoren wählte die Richter des Kapitols, die Konservatoren, die Wegemeister, die Syndici und Regionenkapitäne. Kein Geistlicher durfte in der kapitolischen Kurie ein Amt bekleiden; nur römische Bürger durften in den Orten des Stadtgebiets Potestaten sein. Die alte Zunftverfassung blieb bestehen.

Der Magistrat hatte die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod römischer Bürger aus dem Laienstande, und diese durften vor keine geistliche Kurie gezogen werden. Die Scheidung beider Fora war jedoch nicht immer durchzuführen und die Menge der Tribunale so groß, daß die Römer bald nicht mehr wußten, welchem sie zugehörten. Der Senator, der Gubernator oder Vicecamerlengo, der Vikar, der Auditor Camerae, der Soldan, Barigellus, die Regionenkapitäne hatten ihre eigenen Kurien. Diese Verwirrung zu ordnen, erneuerten später Sixtus IV. und Julius II. das alte Gesetz der Scheidung des kapitolischen und des geistlichen Forum.

Die Kriminaljustiz hatte in Rom eine schwierige Aufgabe; denn das Volk war durch Blutrache und Erbfehden tief verwildert. Die trotzige Kraft des einzelnen spottete des Gesetzes und jeder focht seine Sache nach Willkür aus. Wir haben heute keinen Begriff mehr von Zuständen, wie sie noch Benvenuto Cellini geschildert hat. Die Kämpfe der Adelsparteien großen Stils waren zwar meist erloschen, aber Orsini und Colonna, Valle und Santa Croce, Papareschi, Savelli, Caffarelli, Alberini und andere fochten ihre Streitigkeiten durch besoldete Bravi und ihr Hausgesinde aus. Die um Blutrache Verfehdeten nannte man Brigosi. Sie hatten unter Umständen das Recht, ihre Häuser zu versammeln und mit Bewaffneten anzufüllen. Blutrache war die furchtbarste Geißel aller Städte Italiens; auch in Rom verschlang sie zahllose Opfer. Nicht nur Verwandte, auch Fremde boten sich zum Dienst des Bluträchers dar.

Dies Unwesen zu zügeln, hatte schon Pius II. das Friedensgericht der zwei Pacierii Urbis ernannt, welchem bisweilen Kardinäle vorsaßen, und seine Verordnung erneuerte Paul II. Er erklärte die Brigosi für ehrlos und gebot, ihre Häuser einzureißen, eine barbarische Maßregel, welche im Statut vom Jahre 1580 nicht mehr gestattet wurde. Noch konnte der Mörder, wenn die Verwandten des Erschlagenen einwilligten, seine Strafe abkaufen, der Baron und selbst sein Bastard mit tausend, der Ritter und selbst der Cavalerotto mit vierhundert, der Bürger mit zweihundert Pfund Provisionen. Der Mörder wurde in solchem Fall auf ein Jahr verbannt; nur Verwandtenmord sollte nicht abgekauft werden. Das Strafmaß wurde durch Ort oder Zeit verdoppelt; das Gesetz vervierfachte es, wenn der Frevel im Bezirk des Kapitols oder auf dem Markt geschehen war.

Der dritte Teil des Statuts regelte die städtische Verwaltung, Finanzen, Markt, Straßenwesen, Bauten, Spiele, Universität. Noch immer besaß die Stadt ihre Güter und tributpflichtige Orte wie Cori, Barbarano, Vitorchiano, Rispampano und Tivoli. Ein Artikel bestimmte, daß kein Bewohner eines Vasallenortes Roms einem Baron schwören oder dessen Wappen auf sein Haus malen dürfe. Gesetze ordneten den Handelsverkehr, die Münze, das Maß und Gewicht. Die Grascierii Urbis, Beamte, welche zuerst im Jahre 1283 bemerkt werden, überwachten den Markt. Man konnte die Anlegung von Kornmagazinen rühmen, wenn nicht dies Verpflegungssystem bald zum Kornwucher Veranlassung gab. Der Gabellarius oder Gabelliere maggiore verwaltete das öffentliche Zollwesen der Stadt. Auch dieser hohe Kommunalbeamte, dessen Einführung der Zeit nach der Rückkehr der Päpste aus Avignon anzugehören scheint, mußte wie der Senator ein Fremder sein. Er wurde auf sechs Monate gewählt. Unter ihm stand ein Camerarius gabellarum. Die Zölle wurden in der Regel verpachtet. Nichts durfte aus Rom ohne Doganaschein ( apodissa dohanae) ausgeführt werden; dagegen durfte jeder Bürger Waren aus dem Stadtdistrikt und dem Gebiet von Montalto bis Terracina, ohne Zoll außerhalb der Stadt zu erlegen, einführen. Paul legte eine Steuer auf Kohlen und Brennholz; außerdem bestand die Mahl-, Schlacht- und Weinsteuer und das schon von altersher übliche städtische Zollsystem für Einfuhr und Ausfuhr. Gewerbesteuern gab es nicht; jeder Römer durfte verkaufen, was er wollte, nur von dem »Stein«, auf welchem er feilbot, bezahlte er eine kleine Abgabe. Die Zünfte entschieden die Zulassung zur Ausübung der Meisterschaft, und dafür durfte keine Abgabe erhoben werden. Das Gewicht der Wechsler wurde gleichgemacht; darüber wachte ein Konsilium von Wechslern aus den Buden am Pantheon, vom Platz St. Peter, von der Engelsbrücke, von S. Adriano auf dem Forum und von S. Angelo. Gesetze, welche heute sinnlos erscheinen, beschränkten den Luxus in Kleidern, Gastmählern, bei Hochzeiten, Leichenbegängnissen, selbst bei der Aussteuer von Töchtern, die nicht mehr als achthundert Goldgulden betragen durfte.

Das sind die bemerkenswertesten Artikel des unter Paul II. verbesserten Gemeinde-Statuts. Wenn die Stadt ihre Bedeutung als politische Kommune verloren hatte, so war sie doch im Besitz einer ausgedehnten Gerichtsbarkeit und ihrer Selbstregierung geblieben. Allein ihre Mittellosigkeit war so groß, daß sie kaum noch eine eigene Finanzverwaltung besaß, sondern von der apostolischen Kammer abhängig war. Diese hatte das Aufsichtsrecht über die städtischen Einnahmen, und die römischen Zollbeamten wurden vom Papst ernannt.

Von Soldatenwirtschaft wollte Paul II. nichts wissen. Nur notgedrungen führte er einige Kriege mit Vasallen des Kirchenstaats, zuerst mit den Anguillara. Der Graf Eversus, einer der grausamsten Tyrannen jener Zeit, hatte sich während der Regierung Pius II. des ehemaligen Präfektenlandes im Patrimonium bemächtigt, wo er den Raub von Städten, Pilgern und Kaufleuten in seinen Felsenburgen aufhäufte. Wie Malatesta war er mit allen Feinden der Päpste in Verbindung gewesen, ein Verächter des Priestertums und der Religion. Doch dies hinderte ihn nicht, für sein Seelenheil zu sorgen: er vermachte dem Domkapitel in S. Maria Maggiore ein Legat und stiftete große Summen in das lateranische Hospital, wo noch heute sein Wappen auf der Außenwand zu sehen ist. Noch steht in Trastevere der Rest seines Palasts, ein finsterer Turm, auf dessen Giebel jetzt in der Weihnachtszeit die Geburt Christi in Figuren dargestellt zu werden pflegt. Als Eversus am 4. September 1464 starb, hinterließ er die Söhne Francesco und Deifobo, von denen der zweite sich unter Piccinino einen Namen gemacht hatte. Deifobo huldigte dem Papst, versprach die Auslieferung einiger Burgen und ward eidbrüchig. Hierauf griff Paul II. die Sache mit Ernst an; am Ende des Juni 1465 schickte er Federigo von Urbino, Napoleon Orsini und den Kardinal Forteguerra mit Kriegsvolk ins Patrimonium, und in wenigen Tagen ergaben sich die dreizehn Felsenburgen des Eversus. Deifobo entfloh aus Bleda bis nach Venedig, wo er Dienste nahm, und Francesco wurde mit seinen Kindern nach der Engelsburg geführt. In den Raubnestern fand sich massenhafte Beute; aus den Turmverliesen zog man viele Unglückliche hervor; Werkstätten der Falschmünzerei wurden entdeckt, und die Briefschaften des Eversus enthüllten ein jahrelanges Gewebe von Freveln. Die Städte, welche dieser Tyrann beherrscht hatte, kamen in den Fiskus. So wurde die Kirche Herrin im Patrimonium.

Zu jenen Erfolgen hatte auch die Unterstützung des Königs von Neapel beigetragen, des Feindes des Eversus und Deifobus, der Verbündeten Anjous. Doch schon zeigte sich Ferrante mißgestimmt; er hinderte den Papst an der Besetzung der Burg Tolfa, welche er endlich von Lodovico, einem Schwager des Herzogs Orso von Ascoli, um 17 000 Goldgulden erkaufen mußte. Der König grollte, weil Paul II. ihm den Lehnzins nicht erließ; auch wollte er Sora wieder zur Krone ziehen. Schon rüstete er sich zum Rachekrieg gegen die rebellischen Barone und alle Anhänger Anjous; schon hatte er im Jahre 1465 Jacopo Piccinino verräterisch nach Neapel gelockt und dort im Kerker umgebracht – ein Frevel, von dessen Mitschuld Sforza selbst nicht freizusprechen war. Mit dem letzten großen Condottiere aus der Schule Braccios war der einzige Mann hinweggeräumt, durch welchen der Papst Mailand und Neapel zu beschränken vermocht hätte: und diese beiden Dynastien hatten sich durch die Vermählung Alfonsos von Kalabrien mit Hippolyta Sforza enge verbunden.

Zum großen Teil durch Ferrante wurde Paul II. auch an der Besitznahme der Städte des Hauses Malatesta gehindert. Malatesta Novello starb kinderlos am 20. November 1465, während sein Bruder Sigismondo unter den Fahnen Venedigs in Morea diente. Der junge Robert, dessen Bastard, Regent Riminis während der Abwesenheit des Vaters, versuchte nach dem Tode des Oheims, Cesena und Bertinoro zu besetzen, welche sich jedoch der Kirche ergaben; aber der Papst verlieh dem tapfern Jüngling Meldola und Sarsina, rief ihn nach Rom und schickte ihn als seinen Soldkapitän nach Pontecorvo, um ihn so von der Romagna fernzuhalten. Da starb auch Sigismondo, kaum aus dem Türkenkriege heimgekehrt, im Oktober 1468, und Isotta, seine ehemalige Geliebte, dann Gemahlin, wurde Regentin Riminis. Aber Robert spiegelte dem Papst vor, daß er ihm jene Stadt überliefern wolle, ward mit Dank dorthin entlassen, vertrieb seine Stiefmutter, und im Einverständnis mit dem Könige Neapels behielt er Rimini für sich. Der getäuschte Papst sammelte ein Heer; bald wurden fast alle Mächte Italiens in den Krieg um diese eine Stadt gezogen. Sie alle beargwöhnten die aufsteigende Macht des Papsttums; die Venetianer zumal, von denen Paul II. Ravenna und Cervia zurückforderte, trachteten nach dem Besitz der adriatischen Küsten. Außerdem hatte der Tod Francesco Sforzas am 8. März 1466 und der Cosimos dei Medici am 1. August 1464 Verwirrungen herbeigeführt, denn auf die Söhne und Erben, in Mailand Galeazzo Maria und in Florenz Piero, war nichts vom Geist ihrer Väter übergegangen. Die verbannten Florentiner hatten mit ihren Verbündeten unter dem venetianischen General Colleoni Florenz von der Romagna aus hart bedrängt, worauf diese Republik am Anfange 1467 mit Neapel und Mailand in Liga getreten war. Der Papst vermittelte im April 1468 einen allgemeinen Frieden. Diesen nun drohten die Händel wegen Sora und der Krieg um Rimini zu zerstören.

In solcher Spannung befanden sich die Verhältnisse Italiens, als Friedrich III. unerwartet eine Romfahrt machte, wie es hieß, um ein Gelübde zu lösen, in Wahrheit, um mit dem Papst wegen Mailands, Ungarns und Böhmens und des Türkenkrieges sich zu besprechen. Als er in der Weihnachtszeit 1468 über Ferrara heranzog, erregte sein Nahen auch jetzt noch die Furcht des Papsts der Römer wegen, denn so oft der Kaiser, ihr legitimes Oberhaupt, in Rom eintraf, erschien der Papst als Usurpator. Paul zog Truppen in die Stadt. Der Kaiser, welcher mit einem Gefolge von sechshundert Reitern kam, wurde feierlich empfangen, obwohl er spät in der Weihnacht selbst eintraf. Bessarion begrüßte ihn am Tor del Popolo, mit Fackeln zog man nach dem St. Peter, wo der Papst seinen Gast empfing. Man muß die Bemerkungen des päpstlichen Zeremonienmeisters lesen, um zu wissen, wie das Rangverhältnis des Kaisers damals aufgefaßt wurde. »Die Leutseligkeit«, so schreibt der Hofbeamte, »welche der Papst dem Kaiser bewies, erschien um so größer, als die päpstliche Autorität heute keineswegs geringer ist denn vor Zeiten, während die päpstliche Macht gestiegen ist. Denn die römische Kirche ist durch das Geschick der Päpste und zumal Pauls II. an fürstlicher Gewalt und Reichtum so vermehrt worden, daß sie den größten Königreichen gleichsteht. Dagegen ist das Imperium des römischen Kaisers in so tiefem Verfall, daß von ihm nichts als der Name übrigblieb. Bei diesem Wechsel der Dinge muß man daher auch das kleinste Zeichen von Artigkeit sehr hoch anschlagen.« Der Hofbediente rühmte es, daß sich der Papst zweimal herabließ, den Kaiser zu besuchen, daß er, mit ihm gehend, ihn stets an der linken, bisweilen an der rechten Hand faßte, ja ihm sogar erlaubte, gleichen Schritt mit ihm zu halten und noch mehr, daß er ihm winkte, mit ihm sich niederzusetzen und kurz ihn so behandelte, als wäre er seinesgleichen. Der Thron, auf welchem dem Kaiser des Abendlandes neben dem Papst zu sitzen erlaubt wurde, reichte indes nur so hoch, als der Fußschemel des letzteren. Demütig beugte sich der Vater Maximilians vor dem Pontifex Maximus; bei der Weihnachtsprozession eilte er flink herbei, ihm den Steigbügel zu halten. Als sie beide unter einem Baldachin daherritten, sah Rom zum letztenmal die zwei Häupter der Christenheit nebeneinander durch die Straßen ziehen. Dem Kaiser ward das Schwert voraufgetragen wie in alter Zeit. Alle Körperschaften der Stadt und die Gesandten der Fürsten bewegten sich zu Pferde in diesem glänzenden Zuge. Auf der Engelsbrücke erteilte der Kaiser wieder zahllosen Deutschen den Ritterschlag, wobei ihm der Papst eine Stunde lang zusah; er duldete es auch, daß Friedrich auf dieser Brücke Galeazzo Maria öffentlich des Herzogtums Mailand für verlustig erklärte und damit seinen Enkel belieh. Die Unterhandlung wegen des Türkenkriegs blieb fruchtlos, und den Vorschlag eines Fürstenkongresses lehnte der Papst ab.

Schon am 9. Januar 1469 verließ der Kaiser Rom in hoher Morgenfrühe. Er hatte reichlich Ehrendiplome ausgestreut und setzte dies einträgliche Geschäft auf seiner Heimreise fort. Die Zerwürfnisse Italiens hatte er nicht zu schlichten vermocht, vielmehr beschäftigte jetzt der Krieg um Rimini alle Mächte. Der Papst schloß am 28. Mai 1469 mit Venedig ein Bündnis; aber auf die Seite Roberts trat Federigo von Urbino, welcher seit Pius II. dem Heiligen Stuhl so wichtige Dienste geleistet hatte und jetzt mit Mißtrauen sah, wie das Papsttum einen Feudalherrn nach dem andern vernichtete. Er gab Robert seine Tochter zum Weibe und Truppen zur Unterstützung. Auch Mailand, Neapel und Florenz schickten ihm Hilfe. Mannhaft verteidigte der junge Malatesta Rimini; er und Federigo schlugen im August das päpstlich-venetianische Heer aufs Haupt, und sie bemächtigten sich vieler Orte in der Pentapolis. Dieser Erfolg, die drohende Stellung Ferrantes und endlich die Türkengefahr bewogen Paul II., von Rimini abzustehen, zumal als am 12. Juli 1470 Negroponte in die Gewalt des Sultans gefallen war. Schon im Sommer und endlich am 22. Dezember 1470 ward der Friede geschlossen: der Papst, Venedig, Neapel, Mailand, Florenz, Borso von Este erneuerten die Liga von Lodi, und in diese wurde auf Verlangen der Mächte auch Robert Malatesta aufgenommen.

Borso war der Liebling Pauls II. Der glänzende Fürst kam im Frühjahr 1471 nach Rom; 138 Maultiere, worunter zwanzig mit Gold beladene, trugen seine Reisebedürfnisse, und ein strahlendes Gefolge von Rittern umgab ihn. Er wohnte im Vatikan. Am 14. April erteilte ihm Paul die Würde eines Herzogs von Ferrara, welche ihm Pius II. verweigert hatte. Der glückliche Borso starb in Ferrara schon am 27. Mai, beweint von seinen Untertanen wie kaum je ein Fürst vor ihm.

Auch Paul II. starb plötzlich am 26. Juni 1471. Noch nach dem Abendessen hatte er den Architekten Aristoteles rufen lassen, um ihn wegen der Versetzung des vatikanischen Obelisken auf den Petersplatz zu befragen. Der Schlag traf ihn nachts; man fand ihn tot im Bette. Da er ohne Kommunion verschieden war, entstand das spöttische Gerede, daß ein Geist, den er in einen seiner vielen Ringe gebannt, ihn erwürgt habe. Niemand trauerte um diesen eitlen und stolzen Mann, durch den das Papsttum, welches die Talente und Ideen seines Vorgängers vergeistigt hatten, verflacht worden war. Unter ihm war nichts Großes geschehen; die Anstrengungen seiner Vorgänger, einen europäischen Bund wider die Türken zu vereinigen, hatte er nicht fortgesetzt. Dagegen hatte er die monarchische Gewalt des Heiligen Stuhles gemehrt. Gleich nach ihm begann aber der päpstliche Nepotismus so schrankenlos auszuarten und das Papsttum selbst sich so tief in die italienische Staatenpolitik zu verwickeln, daß die Regierung Pauls II. doch als die letzte einer minder weltlichen und verderbten Epoche bezeichnet werden muß.

Er hatte elf Kardinäle ernannt; darunter befanden sich, außer seinen schon bemerkten Verwandten, auch Oliviero Caraffa vom neapolitanischen Hause der Grafen von Maddaloni, ein bald sehr angesehener Mann, ferner Jean Balue, ein französischer Emporkömmling und berüchtigter Ränkemacher, Günstling Ludwigs XI., der ihn später elf Jahre lang als Kardinal in Loches gefangen hielt, und der Minoritengeneral Francesco Rovere.

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