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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 350
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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2. Fall Athens im Jahre 1458. Pius II. ermahnt den Sultan, Christ zu werden. Die letzten Paläologen. Der Despot Thomas bringt das Haupt des Apostels Andreas mach Italien. Feierlicher Einzug dieser Reliquie in Rom April 1462. Johannes de Castro entdeckt die Alaunlager von Tolfa. Beschluß Pius II., sich an die Spitze des Kreuzzugs gegen die Türken zu stellen. Kreuzzugsbulle vom 22. Oktober 1463. Reise des Papsts nach Ancona. Pius II. stirbt daselbst 15. August 1464.

Die Verwirrungen in Italien hinderten den Türkenkrieg; aber Pius verlor dies große Ziel nicht aus dem Auge, sondern er fuhr fort, Fürsten und Völker dafür anzurufen, während sein Legat Carvajal in Österreich und Ungarn tätig war. Europa überließ den Kampf mit den Türken dem jungen Heldensohne Hunyadis, Matthias Corvinus, dem Karl Martell des Ostens. Mit Mühe verteidigte er jenes Donauland, während Serbien und Bosnien, Trapezunt, Morea und viele Inseln des Archipels in die Gewalt Mohammeds II. fielen, und Rhodus, Cypern, auch Caffa, die Kolonie Genuas, dem Falle nahe kamen. Auf der Akropolis Athens, dem alten Kapitol der Bildung der Welt, war schon im Jahre 1458 die Fahne des Islams aufgepflanzt worden. Der große Sultan befestigte seine Herrschaft am Bosporus, das griechische Imperium verwandelte sich in das türkische Reich, und von dieser Stunde an wurde die europäische Politik durch ein neues Problem erst in Schrecken und dann in Verlegenheit gesetzt, durch die türkische Frage.

Eine seltsame Hoffnung erfaßte Pius: die Bekehrung des furchtbaren Eroberers zum Christentum. In diesem Falle würde sich die Geschichte der Entstehung des zweiten weströmischen Reichs im Osten wiederholt haben; denn wie einst dies Reich auf die Dynastie der Franken übertragen ward, so würde auch das griechische Imperium nur auf eine neue Dynastie, die türkische, zu übertragen und der getaufte Mohammed II. als Kaiser der Griechen anzuerkennen sein. Es hieß, daß er, von einer christlichen Mutter geboren, für das Evangelium nicht unempfindlich sei. Pius schrieb ihm einen Brief oder eine lange Abhandlung. In dieser merkwürdigen Schrift, wohl der am tiefsten empfundenen, die er verfaßt hat, ermahnte ihn der Papst, sich zu bekehren: wenn Mohammed II. Christ geworden sei, würde kein Fürst ihm an Ruhm und Macht gleichen; statt als Usurpator würde er das griechische Reich als legitimer Kaiser besitzen; das goldene Zeitalter würde über der glückseligen Welt aufgehen. Er stellte dem in den Geschichten des Okzidents unwissenden Sultan das Beispiel heidnischer Könige vor, welche wie Constantin, Chlodwig, Reccared, Agilolf und in neueren Zeiten Wladislaw von Litauen große christliche Fürsten geworden waren. Er zeigte ihm, daß die Türkenwaffen unmächtig seien, das von starken Städten erfüllte Italien zu besiegen, und wies nach, daß nicht unter dem Gesetze des Propheten, sondern nur unter dem Evangelium Christi der Friede und die Einheit der Welt möglich sei. Mit theologischer Gelehrsamkeit entwickelte er die Dogmen des Christentums.

In unseren Tagen, wo das Reich Mohammeds II. schon zu dem Zustande herabgesunken ist, in welchem sich Byzanz unter den letzten Paläologen befand und wo hinter ihm der slawische Koloß Anspruch auf die griechische Erbschaft erhebt, erweckt jene Schrift lebhaften Anteil. Pius II. erhob sich darin noch einmal zu der Höhe der Reichsdogmen Virgils und Dantes, aber er würde auf den Großtürken mehr Eindruck gemacht haben, wenn er statt seiner Missionsrede eine Flotte in den Bosporus und ein Kreuzheer von 200 000 Mann über die Donau geschickt hätte. Wenn sich Mohammed II. herabließ, die päpstliche Dithyrambe in die Sprache der Osmanli übersetzen zu lassen, so wird der Enkel Osmans die genialen Phantasien des Bischofs der Christenheit mit einem Lächeln der Genugtuung angehört haben. Er selbst hatte dem Kampf Europas mit Asien, welcher so alt ist wie das trojanische Epos, eine neue weltgeschichtliche Gestalt gegeben und die Pläne des Darius und Xerxes ausgeführt. Er konnte hoffen, daß einst der Halbmond auch auf den Zinnen St. Peters erscheinen würde, doch dies war ein Wahn: das Bollwerk Europas wider das asiatische Imperium war, außer der Entstehung des österreichischen Ländergebiets zur rechten Stunde, die abendländische Kultur selbst, gegen welche, wie Pius II. es richtig voraussagte, der Koran unmächtig blieb.

Rom schwärmte von wahren und falschen Abgesandten des Orients, welche Bündnisse asiatischer Khane darboten, und Pius hoffte, noch einen europäischen Bund zustandezubringen. Er zeigte der Welt, sie zu begeistern, das Haupt eines Apostels, welches als der ehrwürdigste aller Türkenflüchtlinge nach Rom gekommen war. Der Legende nach war Andreas, der Bruder Petri, zu Patras gekreuzigt worden; dort blieb sein Kopf zurück, während sein Leib nach Amalfi geführt wurde. Als nun die Türken im Frühlinge 1460 in Morea einbrachen, herrschten daselbst noch auf den Trümmern hellenischer Städte die letzten Paläologen, Demetrius und Thomas, die Brüder des letzten Constantin. Der erste fiel zu den Türken ab, der andere rettete sich nach dem venetianischen Navarin. Dann kam er nach Korfu, mit sich führend als letztes Kleinod einen Totenschädel, jetzt das Symbol des Reiches Constantins und Justinians und der Kirche des Origenes und Photius. Die Fürsten Europas, die sich um Byzanz nicht kümmerten, streckten begierig ihre Hände nach dem fabelhaften Kopf des Apostels aus; viele wollten ihn kaufen; Thomas gab nur dem Papst Gehör. Er landete im Winter 1460 in Ancona; dort übergab er das Haupt dem Kardinal Oliva, und dieser legte es auf Befehl des Papsts in der Burg zu Narni nieder. Der unglückliche Despot Moreas eilte in der Quaresima nach Rom, sich dem Papst zu Füßen zu werfen. Pius II. gab ihm als Trost für ein verlorenes Reich die goldene Rose, eine Wohnung im Spital Santo Spirito, ein Jahrgehalt und eine Bulle, worin er allen denen, welche mit ihm zur Wiedereroberung Moreas ausziehen würden, Sündenablaß versprach. Der letzte Nachfolger jenes Constantin, der einst dem Papst Silvester Rom und das ganze Abendland geschenkt hatte, starb schon am 12. Mai 1465 in jenem Hospital zu Rom. Seit dieser Zeit wurde die Stadt das Asyl vieler Flüchtlinge aus dem Orient. Im Herbst 1461 war auch die Königin Carlotta von Cypern, die Gemahlin Lodovicos von Savoyen, schutzflehend in Ostia gelandet, ganz dürftig und von Seeräubern ausgeplündert. Die junge Fürstin aus dem verwilderten Hause Lusignan, eine Dame mit olivenfarbigem Gesicht, muntern Augen und sprudelnder Geschwätzigkeit, warf sich im Konsistorium dem Papst zu Füßen, sie bat ihn um Hilfe gegen den mit den Ägyptern verbundenen Räuber ihres Throns, ihren natürlichen Bruder Jakob. Pius entließ sie nach zehn Tagen mit guten Worten und einiger Beisteuer nach Savoyen.

Das große Fest der Ankunft des Apostelhauptes in Rom ist eine der seltsamsten Szenen aus der römischen Renaissance. Pius hatte dazu Einladungsbriefe an die Städte Italiens gesandt und den Teilnehmern am Fest Jubiläums-Indulgenzen bewilligt. Im April 1462 wurde die Reliquie von den Kardinälen Bessarion, Piccolomini und Oliva aus Narni abgeholt. Auf den Wiesen diesseits Ponte Molle, wo sie am Palmsonntage, dem 11. April, eintrafen und wo am folgenden Tage der Empfang stattfinden sollte, hatte man Tribünen und einen Altar aufgestellt. Der Papst wollte die Köpfe Peters und Pauls dem Ankömmlinge zur Begrüßung entgegenbringen, doch das zu schwere Gewicht ihrer Hüllen verbot dies. Er ritt in Prozession mit den Kardinälen dorthin: sie alle trugen Palmen, gleich den Tausenden weißgekleideter Priester. Bessarion, ein ehrwürdiger Mann mit langem Bart, jetzt Vertreter Griechenlands, reichte am Altar das Kästchen, worin der Schädel lag, weinend dem Papste dar. Weinend und totenbleich warf sich dieser vor dem Apostelhaupt nieder, dann richtete er als echter Sohn seiner Zeit eine lateinische Begrüßungsrede an den Ankömmling. »So kommst du endlich, o allerheiliges duftendes Apostelhaupt, durch die Türkenwut von deinem Sitz vertrieben. Zu deinem Bruder, dem Fürsten der Apostel, nimmst du als Verbannter deine Zuflucht. Dies ist die Alma Roma, welche du vor dir siehst, und die dem kostbaren Blut deines leiblichen Bruders gewidmet ist. Die Römer sind die Nepoten deines Bruders, und sie begrüßen dich alle als ihren Oheim und Vater.« Dichtgeschartes Volk umringte dies sonderbare Schauspiel. Viele weinten. Der Rede des Papstes diente zum geschichtlichen Hintergrunde das ruhmvolle Byzanz, die unglückliche in die Knechtschaft der Türken gefallene Tochter Roms. Tausend Erinnerungen, der ganze Weltbezug der Ewigen Roma, konnte in den Zuschauern wach werden. Päpste waren oft genial in der Erfindung von Kirchenfesten, womit sie auf die Phantasie des Volles wirkten, und hier war es Pius II. nicht minder als einst Cola di Rienzo, da er die Lex Regia dem Volk erklärte. Als er Gott anrief, durch die Vermittlung des Apostels die Christenheit vom Türkenjoch zu befreien, und das Haupt hoch auf der Tribüne vor allem Volk erhob, antwortete ihm das tausendstimmige Geschrei: »Misericordia!« Die päpstliche Kapelle sang eine vom Dichter Agapito Cenci gedichtete sapphische Festhymne; die Prozession setzte sich nach Rom in Bewegung, während der Papst die Reliquie in Händen trug. Er übernachtete in S. Maria del Popolo.

Am folgenden Tage brachte man das Apostelhaupt nach dem Vatikan, wobei der Papst auf dem goldenen Thronstuhle getragen ward. 30 000 Kerzen flammten in dem Zuge, welcher sich stundenlang erst längs des Tiber, dann am Pantheon vorbei und auf der Via Papalis fortbewegte. Mit Mühe bahnten ihm die Milizen den Durchgang durch die Volksmenge. Blumengewinde und Teppiche umhüllten die Häuser; aus Fenstern und Türen grüßten mit angezündeten Lichtern schöngeschmückte Frauen das vorübergetragene Haupt. Weihrauchduftende Altäre standen auf den Straßen: Gemälde und Statuen auf den Plätzen. Die Kardinäle und Großen, deren Paläste am Papstwege lagen, wetteiferten im Luxus ihres Schmuckes. Man pries die Anstrengungen des Prokurators der Rhodiser und des Kardinals Alain; doch sie übertraf Rodrigo Borgia, der seinen Palast mit den reichsten Teppichen bedeckt und auch die Umgebung in ein von Musik tönendes Paradies verwandelt hatte. Die Reliquie wurde endlich in den prachtvoll erleuchteten Dom getragen. Dort saß im Vestibulum noch die Statue St. Peters: der Papst brach in Tränen aus, wie er an ihr vorüberkam, als ob diese Figur die Begegnung mit dem Bruder fühlen sollte. Als das Haupt endlich in die Konfession niedergelegt ward, hielt noch Bessarion eine Rede an St. Peter, worin er seine Überzeugung aussprach, daß der Apostelfürst seinen Bruder an den Türken rächen und daß Andreas als neuer Protektor Roms die Könige zum Kreuzzug vereinigen werde.

Der große Sultan Mohammed durfte spotten, als ihm von diesem schwärmerischen Schauspiel in Rom erzählt ward; denn der Nerv des Türkenkriegs war das Geld, und dieses fehlte im Kirchenschatz. Pius II., freigebig, ohne zu verschwenden, verstand nichts von Finanzwirtschaft; er blieb auch als Papst arm. Die Könige, die Kirchen und Landstände weigerten die Kriegssteuer, ja sie drohten mit der Berufung ans Konzil, wenn solcher Zehnte begehrt würde. Da wurde schon im Mai 1462 wie durch ein Wunder eine neue Finanzquelle entdeckt und zwar im Patrimonium St. Peters selbst. Dies waren die Alaungruben von Tolfa, welche Giovanni de Castro auffand. Dieser Mann, Sohn des Juristen Paul von Castro, hatte sich einst in Byzanz aus der Färbung italienischer Zeuge mit türkischem Alaun Reichtümer erworben. Er verlor sie, als Byzanz fiel, und rettete sich und sein industrielles Genie nach Italien. Pius II. machte ihn zum Thesaurar im Patrimonium. Der erfinderische Johann durchforschte dort das rauhe Waldgebirge von Tolfa; der Anblick eines Krauts, welches er auch auf alaunhaltigen Bergen Asiens gesehen hatte, machte ihn aufmerksam, und Minerale, die er fand und auskochte, lieferten das reinste Alaun. Er eilte jubelnd zum Papst. »Heute«, so rief er, »verkündige ich Euch den Sieg über die Türken, nämlich 300 000 Dukaten jährlicher Einkünfte, welche jene dem Abendland für Färbestoffe abnehmen. Ich fand sieben Berge so voll von dem besten Alaun, daß sie hinreichen, sieben Weltteile damit zu versorgen.« Man hielt diese Angaben für astrologische Träume, und der Entdecker spielte die Figur des Columbus, bis er durchdrang. Man rief Genuesen herbei, welche einst in Asien Alaun bereitet hatten; sie jubelten an Ort und Stelle vor Freude: sie fanden das Material reicher und besser als das türkische. Die Gruben wurden in Gang gebracht; Genuesen erkauften daraus zuerst für 20 000, Cosimo Medici für 70 000 Dukaten. Der entzückte Papst sagte jetzt, daß Johann einer öffentlichen Statue würdig sei. Hofdichter besangen ihn.

In einer Bulle erklärte Pius die Auffindung der Alaungrube für ein Wunder und einen göttlichen Beitrag zum Türkenkriege, und er forderte die Christenheit auf, diesen Färbestoff fortan nicht mehr bei den Ungläubigen, sondern im Patrimonium Petri zu kaufen. Der Gewinn der Gruben wurde in der Tat für den Türkenkrieg ausgesetzt; ein Artikel in der Konklave-Konstitution von 1464 und noch von 1484 bestimmte dies ausdrücklich. Schon unter Pius II. wurden die Alaunwerke von mehreren tausend Arbeitern betrieben und noch mit besserem Erfolg unter seinem Nachfolger ausgebeutet. Man berechnete den Ertrag der apostolischen Kammer auf 100 000 Goldgulden. Dreihundert Jahre lang behaupteten die Gruben Tolfas ihren Ruf, bis ihr Produkt seit 1814 vom europäischen Markt verschwand, da die Wissenschaft die Erzeugung des Alauns durch chemischen Prozeß gefunden hatte.

Der Plan Pius II. war, durch eine kühne Tat die Welt zum Kreuzzuge fortzureißen: er selbst wollte sich an dessen Spitze stellen und von Ancona aus gegen die Türken in See gehen. Eine glorreiche Unternehmung wollte er vollführen, die seinem Namen unsterblichen Glanz, der Kirche eine neue Weltherrschaft sichere. Als der Pius Aeneas wollte er von Rom aus nach jenen homerischen Küsten zurückkehren und sie den türkischen Barbaren entreißen. Schon im Frühjahr 1462 hatte er die Kardinäle mit diesem Gedanken überrascht. Die Mittel sollten der Kirchenstaat, Ungarn und Venedig aufbringen; Philipp von Burgund erklärte sich bereit, in den Kampf zu ziehen, welchen er gleich nach dem Falle Konstantinopels gelobt hatte. Pius lud alle Mächte Italiens für die Mitte des August 1463 zu einem Kongreß nach Rom ein: Ferrante, Sforza, Borso, Lodovico von Mantua genehmigten hier die mantuanische Kriegssteuer, andere, wie Florenz, wichen aus. In einer langen Rede an die Kardinäle überblickte der Papst seinen Pontifikat: die Hindernisse seien entfernt, die Kriege in Italien geschlichtet, die Tyrannen gebändigt; jetzt sei es zum Handeln Zeit; er wolle eine Flotte ausrüsten. Das Geld zwar fehle, denn trotz der Alaungruben betrage die Einnahme des Kirchenstaats kaum 300 000 Dukaten, wovon die Hälfte durch die Burgvögte, die Präfekten der Provinzen, die Feldhauptleute und die Kurialen verzehrt werde. Indem Pius fragte, womit die wankende Herrschaft der Kirche erhalten werden könne, wies er auf die christlichen Tugenden, auf welchen sie gegründet worden sei; denn jetzt hätten Schwelgerei und Luxus das Priestertum in der ganzen Welt verächtlich gemacht. Kardinäle wie Barbo, der junge Gonzaga, der reiche Estouteville, der lukullische Scarampo und ein Rodrigo Borgia konnten diese Wahrheit schwerlich ablehnen, aber sie mußten nur um so mehr Grund zum Staunen haben, als der Papst seinen Entschluß ankündigte, die altchristlichen Zeiten der Märtyrer durch sein und ihr eigenes Beispiel zu erneuern. Wollte dieser gichtbrüchige Greis das Heilige Kollegium mit sich auf die Schlachtbank und unter die Säbel der Janitscharen schleppen, zu enden, wie Cesarini geendet hatte? Wir selbst, so rief Pius, sind zu schwach, um mit dem Eisen in der Hand zu streiten, und wir sind Priester. Aber wir wollen Moses nachahmen, wie er auf einem Berge betete, während Israel mit Amalek stritt. Auf hohem Schiff, auf irgendeiner Höhe wollen wir stehen, den heiligen Kelch erhebend, und so vom Herrn Sieg auf unsere Streiter herabsehen. Er weinte; einige Kardinäle weinten; alle stimmten, aufrichtig oder nicht, dem seltsamen Entschlusse zu; ganz von Eifer flammte der greise Carvajal.

Nachdem Pius seinen Beitritt zur Liga Venedigs und Ungarns erklärt hatte, erließ er die Kreuzzugsbulle am 22. Oktober 1463 und verkündigte in ihr seine Absicht, nach Ancona zu gehen. Zwei lange Stunden brauchte der Sekretär Lolli, dies Manifest im Konsistorium vorzulesen. Fruchtlos beschwor der Papst den glorreichsten Fürsten Italiens, der Tancred in dieser Renaissance der Kreuzzüge zu sein: aber der alternde Sforza fand die Rüstungen zu einem so großen Kriege kläglich und lehnte den Ruhm ab, sich wie Decius dem Vaterlande zu opfern. Der greise Cosimo sagte mit Ironie, daß der Papst sich an ein jugendliches Unternehmen im Alter wage. Florenz widerstrebte schon aus Eifersucht gegen Venedig. Ludwig XI. von Frankreich empfing ein geweihtes Schwert, ohne nach dem Heiligenschein eines Vorgängers Lust zu haben. Vielmehr zwang er aus Erbitterung über die neapolitanische Politik des Papstes selbst Philipp von Burgund, sein feierliches Wort zu brechen; denn den Versprechungen des Papstes hatte Ludwig in einer schwachen Stunde die pragmatische Sanktion der französischen Kirche aufgeopfert, ohne doch die Sache Anjous in Neapel dadurch zu retten. In Deutschland wollte man nichts vom Kreuzzuge wissen: war es nicht praktischer, die Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren, statt sie wieder in langwierige politische Unternehmungen zu verwickeln?

Unvermögend, auch nur drei Galeeren auszurüsten, konnte Pius II. seine Hoffnung nur auf die Venetianer und die Kreuzfahrer setzen, welche sich freiwillig nach Rom und Ancona aufmachten; und die Züge dieses zusammengelaufenen Volks boten Europa noch einmal das abstoßende Schauspiel des kreuzfahrenden Mittelalters dar. Viele Zweifel bestürmten unterdes den Papst, doch da er sein verpfändetes Wort nicht mehr zurücknehmen konnte, trat er am 18. Juni 1464 seine Reise nach Ancona an. Man trug ihn schon fieberkrank in einer Sänfte nach Ponte Molle, wohin ihn die Römer begleiteten. Scheidend wandte er sich gegen die erhabene Stadt und rief: »Lebe wohl, Roma, du wirst mich lebend nicht wiedersehen.« Mit wenigen Vertrauten stieg er in eine Tiberbarke; er weinte, als ihn das Volk vom Ufer zum Abschiede grüßte. Der Auszug eines kranken Papstes zur Eroberung Asiens auf einem Tiberkahn, welchen keuchende Knechte teils mit Rudern, teils am Ufer mit Tauen fortbewegten, würde den boshaften Spott der Osmanli erregt haben, wenn sie ihn hätten sehen können. Pius nächtigte im Kahn schon beim Kastell Giubileo, am zweiten Tage bei Fiano. Hier sah er einen jungen Ruderer vor seinen Augen ertrinken, was ihn tief erschütterte. Am Soracte stieg er ans Land, um bald wieder in die Barke zurückzukehren. Er verließ sie bei Otricoli; in einer Sänfte wurde er weitergetragen. Scharen rückkehrender Kreuzfahrer, Gesindel, welches plündernd dieselbe Straße zog, begegneten ihm: man verschleierte die Sänfte, ihm diesen Anblick zu ersparen. Durch die Gefilde der Sabina und Umbriens, die er noch vor wenig Jahren mit hohem Genuß durchzogen hatte, wurde er jetzt als ein Sterbender fortgeführt. Mühsam gelangte er am 18. Juli nach Ancona.

Er nahm dort Wohnung im bischöflichen Palast neben der altertümlichen Kirche S. Ciriaco hoch auf jenem Vorgebirge, von wo der Blick mit Entzücken über das Adriatische Meer schweifen kann. Die reinen Lüfte, die dort wehen, die Sonne, die dort strahlt, scheinen schon Äther und Licht von Hellas und dem Orient zu sein. Aus den Fenstern des Palastes blickte Pius über dies glänzende Meer nach Osten, wo Byzanz und Jerusalem, die Vergangenheit der Menschheit, lagen; während vielleicht in derselben Stunde der junge Columbus an einem andern Strande nach dem Westen blickte, wo die Zukunft der Menschheit noch mit dichten Schleiern bedeckt lag. Der Hafen Anconas war leer; nur zwei päpstliche Galeeren ankerten in ihm. Tage vergingen in Aufregung und Enttäuschung; den Papst verzehrte das Fieber. Endlich zeigten sich am Horizont die Segel S. Marcos: am 12. August lief der Doge Cristoforo Moro mit zwölf Schiffen in den Hafen ein. Doch Pius konnte ihn nicht mehr empfangen.

Am 14. August versammelte er an seinem Lager die Kardinäle, welche bei ihm waren Bessarion, Carvajal, Forteguerra, Eroli, Ammanati und Borgia. Er nahm Abschied. Er bat sie um Vergebung, wenn er die christliche Republik nicht gut regiert oder sie selbst gekränkt habe. Er legte ihnen den Türkenkrieg, den Kirchenstaat, auch seine Nepoten ans Herz. Bessarion antwortete ihm, rühmte seine Regierung und versicherte, daß niemand eine Anklage wider ihn erhebe. Als er die Kardinäle entlassen hatte, fragte ihn sein Günstling Ammanati, ob er in Rom begraben sein wolle. Weinend sagte Pius: und wer wird dafür sorgen? – Auf die Antwort des Kardinals, daß er selbst dies tun wolle, erheiterte sich der Sterbende. Er verschied am 15. August 1464.

Pius II. auf dem Vorgebirge Anconas, das Gesicht nach dem Orient gewendet, konnte seinen Freunden wie der sterbende Moses erscheinen; in der Tat stellten sie voll Schmeichelei seinen Tod als einen begeisterten Opfertod für den Glauben dar. Andere wollten wissen, daß ihn seine dichterische Phantasie bereits reute, daß er über Brindisi nach Rom zurückkehren wollte, weshalb sie ihm zu seinem rechtzeitigen Ende Glück wünschten.

In dem wandelbaren Charakter Pius II. wird kein ruhiges Urteil den Märtyrer einer Idee verehren, noch in ihm überhaupt einen großen Menschen erkennen. Die Bildung seiner Zeit erschien in ihm als vollendet urbane Persönlichkeit auf dem Papstthron, wie auf dem Fürstenthron in dem großen Federigo von Urbino und in Alfonso von Aragon. So wurde Pius II. durch den Reichtum seines Wissens und den Zauber seines Talents eine Zierde des Papsttums. Seine Gestalt vervollständigt die Reihe der Päpste, unter denen wegen ihrer Zahl und der Länge der Zeiten sich alle menschlichen Charaktere finden lassen, durch ein geistreiches Naturell, wie es vorher auf dem Heiligen Stuhle nicht sichtbar gewesen ist, und dies gehört ganz seinem Jahrhundert an. Man hat vollkommen recht, in diesem vielbegabten Toskaner voll der reizendsten Anlagen den Spiegel zu sehen, worin sich seine Epoche am deutlichsten reflektiert. Solche vielseitigen Wandernaturen spiegeln die Welt ab, welche sie erfahren und beobachten, aber sie selbst besitzen weder die Tiefe des Gedankens noch der Leidenschaft, um in ihr etwas schöpferisch zu gestalten. Das Merkwürdigste, was von ihnen zurückbleibt, pflegen ihre eigenen »Denkwürdigkeiten« zu sein.

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