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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Prozeß und Hinrichtung der Senatoren Boëthius und Symmachus. Der Papst Johann übernimmt eine Gesandtschaft nach Byzanz und stirbt in Ravenna. Theoderich befiehlt die Wahl Felix' IV. Tod des Königs im Jahre 526. Darauf bezügliche Sagen.

Es folgte der tragische Sturz zweier erlauchter Senatoren, des Boëthius und des Symmachus, deren Schatten den Ruhm des edlen Gotenkönigs verdunkeln. Man kann die Notwendigkeit ihrer Hinrichtung aus Staatsgründen beweisen, wie das manche Geschichtschreiber getan haben; aber ein Mann wie Boëthius, das weltberühmte »Trostbuch der Philosophie« in der Hand, ist ein zu gewichtiger Ankläger, und seine Todesart wird für jedes, auch das dunkelste Zeitalter, zu barbarisch gefunden werden.

Beide Römer (Boëthius wurde im Jahre 524, Symmachus im folgenden hingerichtet) fielen als Opfer des wohlbegründeten Mißtrauens Theoderichs gegen den römischen Senat. Schuldlos waren sie vor dem Richterstuhl ihres Herrschers nicht, aber was vor dem Tribunal der Könige als Verbrechen erscheint, verwandelt sich vor dem Urteilsspruch der Völker häufig in eine Tugend. Es würde kaum den Ruhm des Senators, sicherlich nicht den des Philosophen Boëthius mehren, könnte ihm sein Hochverrat aus römischer Vaterlandsliebe nachgewiesen werden. Anicius Manlius Torquatus Severinus Boëthius vereinigte in sich die Namen der berühmtesten Geschlechter Roms und in einer schon geistlos werdenden Zeit so viele Talente, daß sie hinreichten, über Rom noch einen Nachglanz der Philosophie zu verbreiten, als diese antike Muse (sie erschien einem Römer zum letztenmal in einer würdigen halbgriechischen Gestalt), bereits von den Untersuchungen der christlichen Theologen über die Wesensgleichheit oder Ähnlichkeit des Vaters und des Sohns und die Vermischung der Naturen angeekelt, von der Erde Abschied genommen hatte. Boëthius hatte zwar nicht in Athen studiert, der damals letzten Stätte der neuplatonischen Philosophie in Griechenland, aber seine Beschäftigung mit den Lehren des Plato und Aristoteles knüpfte seinen Geist wie die Abkunft seinen Namen an das unrettbar schwindende Altertum. Die Würden, die er im Staat erlangt hatte, da er im Jahre 510 Konsul gewesen war, während zwölf Jahre später seine beiden jungen Söhne Symmachus und Boëthius das Konsulat miteinander geführt hatten, konnten leicht sein edles Gemüt mit Unmut über die Gegenwart und mit lebhaften Erinnerungen an die vergangene Größe Roms erfüllen. Er selbst läßt sich von seiner Trösterin den Spiegel vorhalten, das Bild seiner konsularischen Ehren darin zu betrachten: er sieht den feierlichen Zug der Senatoren und des Volks, welche seine Söhne aus dem Anicischen Palast zur Kurie geleiten, wo sie auf den Kurulischen Sesseln Platz nehmen, während er die übliche, vom Beifall unterbrochene Lobrede auf den König hält: und endlich feiert er die Erinnerung seines schönsten Tages, als er im Circus mitten zwischen beiden Konsuln, seinen Söhnen, sich erblickt, wie er dem Volk die Triumphalgeschenke verteilt. Der Römer Boëthius hielt die Wiederkehr der hingeschwundenen Herrlichkeit Roms noch für möglich, wenn er auch selbst ein Mann des Studium, nicht der Tat war. 500 oder 800 Jahre nach dem Falle des Römischen Reichs mag der Traum von dessen Wiederherstellung auf den Schutthaufen der antiken Stadt als Wahnsinn erscheinen, aber im Jahre 524, fünfzig Jahre nach dessen Ausgange, war ein solcher Traum sehr verzeihlich. Doch wird man mit Erstaunen bemerken, daß derselbe Wahn, welcher wie ein Fatum im ganzen langen Mittelalter die Stadt beherrschte, schon zur Zeit des Boëthius begonnen hat. Sicherlich verabscheute der klassisch gebildete Römer vom ältesten Adel in seinem Herzen die Goten, wenn er auch die Kraft und Weisheit des Königs bewunderte. Er selbst gebraucht den Namen »Barbar« mit Geringschätzung, wo er der Philosophie seine Taten im Dienste des Vaterlandes aufzählt und diejenigen Römer namhaft macht, welche er »den Hunden des Palastes« und der unbestraften Habsucht der »Barbaren« entrissen habe. Sein stolzer Idealismus überwog das Gefühl der Dankbarkeit für die großen Wohltaten Theoderichs, der in dem Wissen des Boëthius die schönste Zierde Roms ehrte, und die Verachtung gegen die ehrlosen Ankläger riß ihn zu Äußerungen der Unklugheit hin.

Als der König argwöhnte, daß derselbe Senat, den er durch Ehren ausgezeichnet hatte, in hochverräterischem Einverständnis mit dem byzantinischen Hofe stehe, schien er auch zu wünschen, sein Argwohn möge sich begründen und ihm zur Strafe das Recht geben. Niedrige Ohrenbläser fanden sich auf der Stelle, ein Opilio, Gaudentius und Basilius. Der König hörte, daß eine Verschwörung des Senats bestehe, oder er wollte die gesamte Kurie des Hochverrats schuldig wissen, weil der Konsular Albinus desselben angeklagt worden war, da er an den Kaiser Justin Briefe sollte geschrieben haben. Boëthius, das Haupt des Senats, eilte furchtlos nach Verona, und indem er hier Albinus vor dem Könige verteidigte und für die Unschuld der Senatoren einstand, wurde er selbst beschuldigt, Briefe geschrieben zu haben, in denen er die Freiheit Roms »erhoffte«. Sein gewagtes Wort. »Der Ankläger Cyprianus lügt; wenn Albinus tat, wessen er beschuldigt wird, so taten es ich und der ganze Senat mit ihm eines Sinnes«, fiel schwer in das Ohr des gereizten Königs. Des Hochverrats angeklagt, wurde Boëthius, dem arianischen Herrscher jetzt als orthodox verhaßt, zu Pavia in einen Kerker gesetzt, wo er nichts beseufzte als den Verlust seines römischen, mit Elfenbein und buntem Glase ausgelegten Bibliothekzimmers und wo er seine Apologie, die leider verlorenging, und sein Trostbuch der Philosophie verfaßte. Sein Prozeß war tumultuarisch oder ohne jegliche Anwendung gesetzlicher Formen, denn der Angeklagte wurde nicht zur Verteidigung gelassen, sondern von dem Könige und dem furchtsamen Senat schnell zum Tode verurteilt. Dieses despotische Verfahren ist es, von dessen Vorwurf Theoderich nicht gereinigt werden kann. Das Schicksal seines Schwiegersohns teilte bald darauf der edelste der Senatoren, der hochbetagte Konsular Q. Aurelius Symmachus, welcher mit verzweifeltem Schmerz um Boëthius im Palast zu Ravenna den Henkertod erlitt. Das Urteil aller alten Schriftsteller stimmt darin überein, daß die Beschuldigungen und die Zeugenaussagen gegen Boëthius falsch gewesen sind und daß Theoderich eine rechtlose Gewalttat vollziehen ließ. Die Akten des Prozesses fehlen; kein einziges Reskript in dieser Sache findet sich bei Cassiodor, dem unglücklichen Minister, der seine Mitbürger nicht zu retten vermochte oder wagte und zugleich die Ideen der Nationalpartei verwerfen mußte, weil er den völligen Untergang der politischen Kraft unter den Römern zu klar erkannte. Die Stimmung des Senates selbst gegen Theoderich tritt im Buche des Boëthius deutlich genug hervor. Die tatsächliche Lage der Dinge aber streitet nicht gegen die Annahme, eine geheime Unterhandlung mit dem byzantinischen Hofe sei schon damals wirklich im Gange gewesen.

Mit jenen beiden Männern entschwand die Philosophie, die in ihrem letzten Auftreten noch an Cicero und Seneca erinnerte, für alle Zeit aus dem christlichen Rom. Ihr Abschied von den Römern ist mit der Vision eines edeln Aniciers verbunden, den die Mißverhältnisse der Zeit zwangen, für den Schatten des Senats zu sterben, welchem das Scheinbild der römischen Virtus zum letztenmal erschienen war.

Auch der römische Bischof sollte jetzt unter der Wucht des königlichen Zornes erliegen. Johannes, von Rom nach Ravenna berufen, mußte sich in Begleitung von einigen Geistlichen und vier Senatoren, Theodorus, Importunatus und zweien Agapitus nach Konstantinopel einschiffen, um vom Kaiser die Wiederherstellung der im Osten unterdrückten Arianer zu verlangen. Zweifelnd übernahm der höchste Bischof des Abendlandes die schwierige Gesandtschaft, aber das Volk und der Kaiser Justinus empfingen den ersten Papst, welcher die griechische Hauptstadt betrat, vor deren Mauern nicht als Gesandten des Gotenkönigs, sondern mit geräuschvollen Ehren als Haupt der katholischen Christenheit; sie führten ihn im Triumph nach der Sophienkirche, wo er das Osterfest des Jahres 525 feierte. Er ließ sich scheinbare Zugeständnisse von Justin im Sinne seiner Botschaft geben, aber die wichtigsten Artikel seines Auftrags erfüllte er nicht, denn tat er dies, so war der Zorn des Königs gegen die Heimgekehrten nicht zu begreifen. Als die Gesandten nach Ravenna zurückgekommen waren, wurde Theoderich von solcher Erbitterung erfüllt, daß er sie alle, die Senatoren und den Papst, ins Gefängnis werfen ließ. Hier starb Johann I. schon am 18. Mai 526. Die dankbare Kirche hat ihn mit dem Heiligenschein des Märtyrers geehrt.

Theoderich war jetzt fest entschlossen, der katholischen Kirche keine der früheren Rücksichten mehr zu schenken, sondern seinen königlichen Willen bei der Besetzung des Stuhles Petri allein geltend zu machen. Er bezeichnete dem Senat, dem Klerus und Volke Roms als Kandidaten Fimbrius, den Sohn des Castorius von Benevent, und die erschreckten Römer wählten und konsekrierten ihn als Felix IV. Dieser Akt königlicher Macht, welchen das Buch der Päpste mit absichtlichem Stillschweigen übergeht, war von wichtigen Folgen; denn seither bestanden die Nachfolger Theoderichs auf dem Recht der Bestätigung jedes Papstes.

Das Buch der Päpste behauptet, der Tod Theoderichs sei als göttliches Strafgericht auf jenen des Papstes Johann gefolgt, und ein anderer Bericht läßt ihn an dem Tage sterben, wo das von dem »Juden« Symmachus, einem Rechtsgelehrten des Königs, ausgeschriebene Dekret, die katholischen Kirchen den Arianern einzuräumen, in Vollzug gesetzt werden sollte. Procopius erzählt die kindliche Sage, daß der König eines Tages, an seiner Tafel durch den aufgesperrten Rachen eines großen Fisches außer sich gebracht, in ihm das Haupt des eben hingerichteten Symmachus zu erblicken gewähnt habe, und dann, von plötzlichem Fieber ergriffen, wenige Tage darauf unter Gewissensbissen verschieden sei. Gewiß erschwerten Reue und schmerzliche Gedanken den Tod des großen Fürsten: der Gote Jordanes verhüllt sie nur in Schweigen, wenn er uns das ruhige Bild des weisen Theoderich im Sterben zeigt. »Der König«, so berichtete er, »hatte das Greisenalter erreicht und erkannte jetzt, daß er in kurzem von diesem Leben scheiden werde; er rief daher die gotischen Grafen und die Häupter seines Volkes vor sich, setzte den kaum zehnjährigen Knaben Athalarich, den Sohn seiner Tochter Amalasuntha und des verstorbenen Eutharich, zum Herrscher ein und befahl jenen, wie durch seinen letzten Willen, den König zu hegen, Senat und Volk Roms zu lieben und den griechischen Kaiser sich stets versöhnlich und geneigt zu erhalten.« Theoderich starb am 30. August 526. Fanatische Heilige erzählten, daß seine Seele, nackt und gefesselt, von den zornigen Geistern des Papstes Johann und des Patriziers Symmachus durch die Lüfte geführt und in den Krater des Vulkans auf Lipari hinabgestürzt worden sei. Denn das sah mit eigenen Augen ein Anachoret auf jener Insel, und der Papst Gregor scheute sich nicht, diese boshafte Fabel in seine Dialoge aufzunehmen.

In der Heldengestalt Theoderichs erscheint der erste Versuch der Germanen, auf den Trümmern des Reichs jene neue Weltordnung einzurichten, welche sich allmählich aus der Verbindung der nordischen Barbaren mit der römischen Kultur und Nationalität ergeben mußte. Er war der Vorläufer Karls des Großen. Er zuerst zwang die noch flutende Völkerwanderung zum Stillstande. Seine machtvolle Herrschaft erstreckte sich von Italien bis an den Ister, von Illyrien bis nach Gallien, und sein kühner Plan war, alle deutschen und lateinischen Völkerschaften wie ein Kaiser in einem Lehnreich zu vereinigen. Der Plan war nicht reif; zu einer solchen Einheit des Abendlandes bedurfte es der Mitwirkung der Kirche, welche jene arianischen Germanenstämme noch nicht ihrem eigenen Organismus einverleibt hatte, und es bedurfte dazu auch der Befreiung des Abendlandes von der byzantinischen Reichsgewalt. Die Erinnerung an den Gotenkönig, den edelsten Fremdling, welcher jemals Rom und Italien beherrscht hat, dauert noch heute in vielen Städten fort, die er erneuert und verschönert hatte. Ravenna bewahrt noch sein großes Grabmal mit dem ungeheuren Kuppelmonolith, über dem sich, so sagte man später, die Porphyrurne des Toten erhob. In Pavia und Verona zeigen noch die Lombarden Kastelle Theoderichs, und selbst in dem südlichen Terracina trägt eine Bauruine seinen Namen und preist von ihm eine alte Inschrift, daß er die Appische Straße wiederhergestellt und die Pontinischen Sümpfe ausgetrocknet habe. So erwarb sich ein gotischer Herrscher in den Zeiten des Verfalls ein Verdienst, welches Caesar nicht hatte erlangen können. In Rom selbst, wo ihm der Senat eine goldene Bildsäule und mehrere andere Statuen errichtet hatte, blieb kein Denkmal von ihm übrig; nur das Grabmal Hadrians, nach dessen Muster er sein eignes Mausoleum in Ravenna erbauen ließ, nannte man einige Jahrhunderte lang »das Haus oder den Kerker des Theoderich«; vielleicht, weil dieser König es war, der dasselbe zu einer Burg oder einem Staatsgefängnis benutzt hatte. Das Andenken Theoderichs ist mit der Geschichte der Stadt unzertrennlich verbunden, und diejenigen Römer, welche vergessen, was ihre eignen Vorfahren in den rohen Zeiten des Mittelalters an den Denkmälern Roms verschuldet haben, mögen sich bei dem Namen der Goten erinnern, daß dem Wohltäter Italiens in einer langen und weisen Regierung auch im besondern die Erhaltung der Monumente des Altertums für lange Zeit zu verdanken war. Übrigens haben selbst italienische Geschichtschreiber die Tugenden des unsterblichen Gotenkönigs ohne Vorurteil gepriesen.

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