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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 348
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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5. Aeneas Sylvius Piccolomini. Seine bisherige Laufbahn. Konklave. Pius II. Papst 1458. Täuschung der Humanisten. Selbstverurteilung des Papsts in bezug auf seine Vergangenheit. Sein Plan zur Wiedereroberung Konstantinopels. Er beruft den Kongreß der Fürsten nach Mantua.

Der merkwürdige Mann, welcher auf Calixt III. im Pontifikat folgte, war seit langem der Welt bekannte Es gab in Europa keinen Fürsten oder Staatsmann, keinen Bischof noch Gelehrten, der nicht Aeneas Sylvius persönlich oder durch den Ruf kennengelernt hatte. Sein Leben war vielbewegt und denkwürdig genug gewesen.

Er stammte vom Geschlecht der Piccolomini Sienas, welches dort neben den Salimbeni und Tolomei namhaft gewesen und am Ende des XIV. Jahrhunderts verfallen war. Sein Vater war Sylvius, seine Mutter Victoria Fortiguerra. Diese Matrone gebar achtzehn Kinder und sah dieselben sterben bis auf den einen Sohn Aeneas und die Töchter Laudomia und Caterina. Mit anderm Adel von der Volkspartei verbannt, lebte die Familie in Armut zu Corsignano bei Siena, wo Aeneas am 19. Oktober 1405 geboren wurde. Er studierte widerwillig das Recht in Siena, dann ward er in Florenz Schüler Filelfos und Poggios. Mit einem glänzenden, aber richtungslosen Talent begabt, verließ er die ernste Wissenschaft, um sich der Poesie zu widmen. Er eignete sich die humanistische Bildung der Zeit an, deren Inhalt die Kenntnis der alten Klassiker war, und als deren Vollendung der Stil galt. Seine heitere Natur hatte ihn zum Schöngeist bestimmt; er fand in ihr nicht den quälenden Trieb, womit eine verhüllte große Bestimmung ernsten Geistern fühlbar wird. Genußsucht und Eitelkeit trieben ihn vorwärts: als Poet hoffte er sich einen Namen zu erwerben. Erotische Schriften, lateinische Rhythmen, Nachahmungen Catulls, italienische Lieder, Nachahmungen Petrarcas erwarben ihm den unverdienten Ruf eines Dichters und den wohlverdienten eines geistreichen und anmutvollen begabten Menschen.

Der zufällige Aufenthalt Capranicas in Siena, als er im Jahr 1431 vor Eugen flüchtig nach Basel eilte, wurde für den jungen Sienesen schicksalsvoll; denn der Kardinal nahm ihn mit sich als seinen Sekretär. Das XV. Jahrhundert war die Blütezeit der Geheimschreiber: geistreiche Humanisten arbeiteten als solche in den Kanzleien von Päpsten, Fürsten und Kardinälen, wo sie in einem Labyrinth von Ränken als Gunstbuhler ihr Glück erjagten. Piccolomini verließ als ein dürftiger, aber lebenslustiger Poet Italien und gelangte unter vielen Gefahren zur See, dann über den St. Gotthard reisend, nach Basel, um seither zweiundzwanzig Jahre lang ein rastloses Wanderleben in Deutschland fortzusetzen. Dies Land, auf dessen Städten und kräftigen, aber rauhen Menschen damals für einen Italiener noch tiefe Barbarei lag, hat Piccolomini als der erste Fremde mit Anteil betrachtet und seiner Geschichte wie Geographie einige Schriften gewidmet. Er selbst verdankte Deutschland sein Glück und vergalt ihm dieses, wie die Deutschen nachher klagten, durch den Verkauf seiner Kirchenreformation an Rom.

Piccolomini diente in kurzer Zeit vielen Herren als Sekretär, immer Welt und Menschen voll neugieriger Wissenslust beobachtend und mit gewandtem Geist Erlebtes in Schriften des Augenblicks niederlegend. Es war das Leben, welches ihn bildete und ihm, wie wenigen Menschen seiner Zeit, Erfahrungen und Stoffe des Wissens zuführte. Es machte ihn nicht zu einem Charakter von festem Gepräge; es drängte ihn nicht in die Bahn großer Taten oder erhabener Ziele: es schuf aus ihm einen Universalmenschen und Virtuosen humanistischer Lebenskunst. Aus der Kanzlei Capranicas kam er in die Dienste des Bischofs von Novara, mit dem er nach Florenz zu Eugen IV. ging. Der arglistige Prälat wurde dort in einen Majestätsprozeß verwickelt, aus welchem sich Aeneas selbst nur durch die Flucht erst in eine Kirche, dann in den Palast Albergatis rettete. Er folgte diesem Kardinallegaten als sein Schreiber nach Basel und Frankreich. In seinem Auftrage ging er selbst nach England und Schottland. Wanderlust trieb ihn durch die Welt; bis zu den Orkaden wollte er schiffen. Im Seesturm gelobte er, wenn er die schottische Küste erreichte, barfuß im Winterfrost eine Wallfahrt nach der nächsten Kapelle zu tun, und die Erfüllung dieses romantischen Schwurs büßte er sein Leben lang durch podagrische Leiden.

Er trennte sich von Albergati, um in Basel zu bleiben, und bald wurde er im Konzil bemerkbar, dessen Prinzip er gegen das Papsttum in seinen »Dialogen« verfocht. Er ward Scriptor des Konzils, sodann Sekretär des Gegenpapsts. Als einer von dessen Gesandten kam er nach Frankfurt. Friedrich III., dem er durch Jakob von Trier empfohlen wurde, krönte ihn dort zum Poeta Laureatus und zog ihn in die Reichskanzlei. Als Eindringling seinen Amtsgenossen verhaßt, besiegte Piccolomini deren Neid durch seine Kunst und seinen Geist, und bald wurde er der Vertraute des berühmten Kanzlers Kaspar Schlick. So begann in der Wiener Kanzlei das dritte Stadium seiner Laufbahn als kaiserlicher Sekretär und Diplomat in Geschäften mit dem Reich und der römischen Kurie, wobei er unermüdlich nach Pfründen suchte, sich aus seiner Armut zu befreien. Den Trieb zur Tugend besaß Piccolomini; die Flamme des Genies einer hohen Natur brannte in ihm nicht; nichts war groß, nichts Leidenschaft an diesem geistreichen Menschen; alles war bezauberndes Talent. Man konnte nicht einmal sagen, daß er ein Ziel verfolgte außer dem des Glücks. Er ging auf vielen Wegen ohne Frevel, ohne Tücke, doch ohne strenges Gewissen, mit schmeichelnder Anmut gewinnend, nicht mit Kraft erobernd. Seine feinorganisierte Natur und ein ästhetischer Sinn für Form bewahrten ihn vor der Versunkenheit in niedrige Laster.

Im Dienste Friedrichs III. verfocht er die deutsche Neutralität. Die emporsteigende Sonne Eugens IV. klärte ihn sodann über seine eigenen Wege auf, und der Einfluß des zu jenem übergetretenen Cesarini, wie der Carvajals wirkten auf seine Ansichten ein: so ward er zum Apostaten sowohl von den Grundsätzen des Konzils als von denen der Neutralität. Er gewann Friedrich III. allmählich für Rom, wohin er selbst als dessen Unterhändler im Jahre 1445 über Siena reiste. Seine besorgten Freunde mahnten ihn ab, vor den düstern Papst zu treten, der ihm die Basler Schriften und Reden nicht verzeihen werde. Er ging und vertraute auf seine Beredsamkeit. Niemals sonst beherrschte, außer im alten Athen, die Göttin der Überredung so sehr die Menschen als im Zeitalter der Renaissance. Piccolomini entwaffnete Eugen; er legte ein geistreiches Bekenntnis seiner Basler Irrtümer ab und trat dann offen zum römischen Papst über, welcher seine Brauchbarkeit sehr wohl erkannte und ihn zu seinem Sekretär machte. Nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete dann Piccolomini mit diplomatischer Kunst als Agent der römischen Kurie wider das Reich und die Kurfürsten, bis er dem sterbenden Eugen die Obedienzerklärung seines Herrn überbringen konnte.

Schon war er Subdiaconus geworden; nach langem Sträuben, der Weltlust zu entsagen, erleichterten ihm diesen Kampf Erschöpfung und beginnendes Siechtum. Nikolaus V. gab ihm im Jahre 1447 das Bistum Triest, und der Bischof Aeneas Sylvius veröffentlichte die erste Selbstverurteilung der reformatorischen Anwandlungen seiner Jugend wie seiner zuchtlosen und antipäpstlichen Schriften. Nun wurde er Papist mit der Aussicht auf den roten Hut; aber Nikolaus V. gab ihm trotz alter und freundlicher Beziehungen denselben nicht. Noch immer lebte Piccolomini in Deutschland als Diplomat Friedrichs in Angelegenheiten des Reichs und Böhmens, selbst Mailands tätig, welches er dem Reiche zu erhalten suchte. Im Jahre 1450 war er Bischof von Siena geworden, worauf ihm die Romfahrt Friedrichs eine erhöhte Bedeutung gab. Von immer heißerer Sehnsucht nach seinem Vaterlande gequält, verließ er endlich Deutschland im Jahre 1455, wo er die Obedienzerklärung des Kaisers an den neuen Papst Calixt III. zu überbringen eilte, denn die um die Kirchenreform betrogenen Deutschen sprachen immer wieder von der Notwendigkeit der Beschränkung der päpstlichen Gewalt. Am 18. Dezember 1456 machte Calixt Piccolomini zum Kardinal aus Erkenntlichkeit dafür, daß er Alfonso zum Frieden mit Siena vermocht hatte, und der beglückte Emporkömmling dankte seinem Gönner Friedrich III. für diese Erhöhung. Der Purpur war der heiß errungene Lohn einer langen, fast fieberhaften Tätigkeit voll von Wechselfällen, Gefahren und Mühen auf meist fremder Erde, wie sie unermüdlicher und gewandter kaum ein Condottiere Italiens durchkämpft hatte. Sein Lohn war bisher geringer als sein Ruhm; und selbst als Kardinalpriester der Santa Sabina war Piccolomini so arm, daß er im Bündnis mit den Borgia seine Bemühung um Benefizien eifrig fortsetzte.

Er befand sich in den Bädern Viterbos, wo er den Sommer zuzubringen pflegte, beschäftigt, die Geschichte Böhmens zu schreiben, als er zum Konklave nach Rom gerufen wurde. Hier war der würdigste Kandidat des Papsttums Capranica, der erste Wohltäter Piccolominis, und mit diesem würde jener edle, greise Kardinal um die Papstkrone haben ringen müssen, wenn ihm das nicht der Tod am 14. August erspart hätte. Am 16. versammelten sich achtzehn Kardinäle im Vatikan. Nach der Tiara strebten der mächtige Barbo, der reiche Estouteville, Erzbischof von Rouen, mit französischem Hochmut und seines königlichen Blutes sich bewußt, endlich der feine, doch machtlose Piccolomini. Er besaß Anhänger: seine Talente, seine diplomatische Vergangenheit und die Verbindung mit Kaiser und Reich hatten ihn zum berühmtesten Manne unter den Kardinälen gemacht. Man bezeichnete ihn als künftigen Papst. Estouteville sah sich nahe an der Wahl; doch die Furcht, einen französischen Papst zu machen, brachte ihn zu Fall. Der kurze Kampf der Konklaveparteien war spannend; da sich keine Stimmenmehrheit ergab, wählte man den Weg des Accessus. Schweigend und bleich saßen die Kardinäle da; niemand wagte das erste Wort, bis sich Rodrigo Borgia zuerst erhob und sprach: ich trete zum Kardinal von Siena. Das Beispiel wirkte; die Stimmen vereinigten sich auf Piccolomini am 19. August. Er brach in Tränen aus, als sich dieser überraschende Erfolg ergab.

Daß ein Mann gleich ihm Papst wurde, war eine Neuerung einer vollkommen neuen Zeit; denn seine Laufbahn war ganz eigentlich die eines wandernden Sekretärs gewesen. Er kam nicht aus einem Kloster, nicht aus einer bestimmten kirchlichen Richtung oder kirchenfürstlichen Stellung, nicht aus einer Partei, sondern aus einem vielbewegten diplomatischen Weltleben hervor. Alle jene Humanisten und Rhetoren, die Vaganten des XV. Jahrhunderts, deren Ideal von Glück in einer Bischofspfründe endete, sahen jetzt mit Entzücken, daß auch ein zuchtloser Poet und Schreiber ihrer Zeit sich ebensowohl auf den Papstthron schwingen konnte wie ein heiliger Asket im gläubigen Mittelalter. Als die literarischen Freunde seiner Vergangenheit vernahmen, daß sich Piccolomini Pius II. nannte, mochten sie glauben, daß er diesen Namen wählte, nicht weil er das Prädikat eines edlen Kaisers, sondern das des Aeneas im Virgil gewesen war. Wenn Nepotismus als Pietät gelten dürfte, so würde sicherlich im Katalog der Päpste kein Name häufiger als der des Pius anzutreffen sein. Piccolomini selbst besaß ihn im hohen Grade, aber auch eine wirkliche Pietät gegen seine Eltern und seinen Geburtsort überhaupt.

Mit Nikolaus V. war die humanistische Gelehrsamkeit auf den Papstthron gestiegen, mit dem gewandten Weltmanne Pius II. bestieg ihn der ästhetisch-rhetorische Geist des Zeitalters moderner Universalität. Das mit dem Stoffe des Altertums belebte Talent erschien in Piccolomini als die Virtuosität einer gebildeten und geistreichen Persönlichkeit. Päpste der Vergangenheit, ein Gregor VII., Alexander und Innocenz III. sahen damals aus dem Halbdunkel des Mittelalters schon wie mythische Gestalten hervor. Neben ihnen steht das Bild eines Menschen wie Pius II. sehr klein und profan da, aber es ist wenigstens das Porträt aus einer Welt, die in allen ihren Schichten schon menschlicher und freier geworden ist, als es diejenige war, welche jene einsamen Halbgötter beherrscht hatten. Heilige freilich mochten seufzen: denn jenes mystische Ideal des Mittelalters sank mit der schauerlichen Größe seiner christlichen Tugenden – sie waren oft genug durch gleich große Laster entstellt gewesen – unrettbar in den Strom der neuen klassisch profanen Zeit hinab.

Die Wahl Piccolominis befriedigte die Römer, denn er war als Kardinal beliebt gewesen und hatte keiner Faktion angehört. Rom, welches in Waffen stand, legte diese ab. Die Magistrate und Barone brachten dem Gewählten einen Fackelzug dar. Draußen beglückwünschte man ihn an jedem Hof; der Kaiser zumal war sehr erfreut. Am 3. September nahm Pius II. Besitz vom Lateran, wobei ihn die rohe Habgier derer, die sein Pferd sich aneignen wollten, in Gefahr brachte, erstickt zu werden.

Mit 53 Jahren bestieg er den Heiligen Stuhl, und doch war er bereits ein zerstörter Mann: von der Gicht, der familiären Krankheit der Päpste, gequält, klein und schwächlich von Gestalt, schon kahlhäuptig, bleich und alt aussehend; nur die Augen blitzten von heiterem Geist. Sechs Jahre lang trug er die Tiara; jedoch es ist nicht die Zeit seines Pontifikats, wodurch die Lebensgeschichte Piccolominis so anziehend geworden ist. Das Papsttum war noch der Gipfel der Ehren, nicht mehr der Macht. Im XV. Jahrhundert würde weder Hildebrand noch Innocenz III. die Welt mehr bewegt haben. Die Päpste wachten nur noch über die Einheit der kirchlichen Verfassung, die sie noch ein Jahrhundert lang bewahrten, und mit Eifersucht über ihre apostolische Autorität, welche sie dem Reich, den Königen, den Landesbischöfen, endlich den Konzilien abgekämpft hatten. Die tiefe Verderbnis in der Kirche selbst, der Mißbrauch ihrer ehrwürdigen Heilsgaben, Gesetze und Anstalten zu Zwecken des Eigennutzes und der Widerspruch, in welchen die Dekretalen zu der vorwärtsschreitenden Wissenschaft und Staatsgesellschaft gekommen waren, hätten wohl ein apostolisches Genie zur Reformation dieser Kirche an Haupt und Gliedern drängen müssen; aber dies Genie fand sich nicht. Die Päpste, welche das Konstanzer Parlament zur Reform verpflichtet hatte, entzogen sich alle dieser Pflicht. In der Wahlkapitulation, die Pius II. beschwor, stand in erster Linie der Türkenkrieg, in zweiter die stets wiederholte Phrase von der Reformation nicht der Kirche, sondern der römischen Kurie, und diese bedurfte als der Mittelpunkt der gesamten kirchlichen Verwaltung freilich vor allem andern der Reform. Ihre Verdorbenheit hatte er gründlich kennengelernt und, ehe er Papst geworden war, dies Urteil von ihr gefällt: »Es gibt nichts, was von der römischen Kurie ohne Geld zu erlangen ist. Denn selbst die Priesterweihen und die Geschenke des Heiligen Geistes werden verkauft. Verzeihung der Sünden wird nur für Geld erteilt.«

Zunächst erwartete die literarische Welt in Pius II. einen großen Mäzen. Filelfo und seine Genossen versprachen sich ein augusteisches Zeitalter, doch bald wendeten sie sich getäuscht von einem Papste ab, der nichts von ihnen wissen wollte. Wie manche Menschen, welche, zur Macht gelangt, ihre Vergangenheit verleugnen, wies Pius II. das Literatentum von sich, und dies war unter seinen Apostasien die verzeihlichste. Der Gedanke an sein früheres Leben und seine Grundsätze, welche im Widerspruch zum Papsttum standen, beunruhigte ihn noch hie und da. Er hätte Schätze hingegeben, wenn er die Erinnerung an seine Basler Epoche in der Welt auszulöschen oder einige seiner Schriften, zumal die Dialoge, die Liebesbriefe und anderes, zu vertilgen vermochte. Selbst noch im Jahre 1463 wiederholte er seine »Retraktion«. Er verglich sich darin mit St. Paul und St. Augustin. »Verwerft«, so sagte er, »Aeneas und behaltet Pius.« Diese Selbstabschwörung, die er an die grämlichen Theologen in Köln richtete, zeigt keine Spur weder von Heuchelei noch von der Zerknirschung eines jammernden Betbruders. Sie ist das rednerisch schön geschriebene Bekenntnis des weltkundigen Mannes, der sich mit dem Spruche tröstet, daß Irren menschlich sei. Fromme Christen mögen sonst beurteilen, ob St. Paul oder Augustin den Papst Piccolomini als ihresgleichen, als einen Helden der Überzeugung aus dem Irrtum würden anerkannt haben. Es gab sowohl wirkliche Fromme als Pedanten und Spötter, welche Pius entgelten ließen, was Aeneas gesündigt hatte. Doch war er nicht der Sohn seines Jahrhunderts? Die Erinnerung an seine Vergangenheit, welche übrigens kein Frevel geschändet hat, verlor sich bald in der heitern Menschlichkeit, vielleicht auch in der allgemeinen Sittenlosigkeit seiner Zeit, und wenn je die Irrtümer der Jugend dem Alter zu vergeben sind, so konnte Pius II. darauf Ansprüche machen. Sein Leben als Papst war fleckenlos; er war mäßig, mild, menschenfreundlich und nachsichtig. Man liebte ihn.

Von jeder kriegerischen Politik wendete er sich ab. Nichts befähigte ihn zum Monarchen, auch nur des Kirchenstaats. Sein gebildeter Geist hatte einen weiteren Horizont. Aber eine große europäische Tätigkeit mußte sein Papsttum ausfüllen, wenn dies nicht bei dem Mangel aller weltgeschichtlichen Aufgaben namenlos bleiben sollte. Die Befreiung Konstantinopels wurde sein Ideal, und dies Ziel war erhaben und zeitgemäß; der Grieche Bessarion bemühte sich dafür mit Leidenschaft. Niemand wird in der Seele Piccolominis jene Glaubensschwärmerei suchen, welche einst Urban II. begeistert hatte oder noch den einfältigen Mönch Capistran bewegte; Ruhmbegierde, dichterische Phantasie, aber sicherlich auch religiöses Gefühl, zumal das Bewußtsein der päpstlichen Pflicht waren die Triebfedern seines Tuns. Mit dem Türkenkriege nahm er es ernst; er selbst blieb sich in dieser Leidenschaft getreu, denn schon bevor er Kardinal geworden war, hatte er in Deutschland auf vielen Reichstagen für den Türkenkrieg gesprochen und geschrieben.

Schon am 13. Oktober 1458 lud er alle Fürsten der Christenheit nach Mantua zur Beratung eines Kreuzzuges ein. Um die Kirche aus diesen Drangsalen zu erretten, habe ihn Gott, so sagte er, zum Papst eingesetzt.

Für dies Unternehmen mußten alle Hindernisse erst in Italien selbst fortgeräumt werden. Weiser als Calixt III., bewilligte Pius am 10. November 1458 dem König Neapels die Investitur; dafür verpflichtete sich Ferrante, Benevent sogleich und Terracina nach zehn Jahren zurückzugeben, den schuldigen Census zu zahlen, dem Papst Truppen gegen jeden Feind zu stellen. Hierauf wurde er durch den Kardinal Latino Orsini in Barletta gekrönt. Die Freundschaft Neapels kostete dem Papst jene Frankreichs, dessen Gesandte Einspruch erhoben, doch sie war für ihn notwendig, nicht allein um des Türkenkriegs willen, sondern auch um sich der kleinen Tyrannen zu erwehren, welche, wie Eversus, Malatesta und Piccinino, den Kirchenstaat in Aufruhr hielten. Jacopo Piccinino stand im Dienste Ferrantes gerade in den Marken, wo er Sigismondo Malatesta bekriegte, als durch den Tod Calixts die Borgia zu Falle kamen. Don Pedro Luis war Herzog von Spoleto gewesen, und in vielen Burgen dieses Landes lagen seine katalanischen Vögte. Alsbald erkaufte Piccinino von diesen Assisi; andere Städte nahm er mit Gewalt. Pius II. nun fand sich ohne Waffenmacht und ohne Geld, da sein Vorgänger viele Einnahmen der Kirche an die Borgia gebracht hatte; er mußte jetzt stärkere Geldsummen auftreiben, um Piccinino zu überbieten, und so löste er Spoleto, Narni, Soriano, Viterbo, Civita Castellana, selbst Civitavecchia von den Vögten der Borgia ein. Piccinino, welchen der Graf Eversus aufstachelte, war trotzig nach Umbrien gerückt; aber die drohenden Vorstellungen Sforzas und auch der Befehl Ferrantes vermochten ihn, umzukehren und endlich am 2. Januar 1459 Assisi und andere Schlösser dem Papst für 30 000 Dukaten herauszugeben.

In Rom selbst verbündete sich Pius II. die mächtigste der städtischen Parteien, indem er am 16. Dezember 1458 den Bruder des Kardinals Prospero, Antonio Colonna, Fürsten von Salerno, zum Präfekten ernannte. Die Römer, selbst manche Kardinäle, murrten über die bevorstehende Abreise des Papsts nach Mantua. Sie erinnerten sich nur zu wohl an die Folgen des langen Exils Eugens, und sie fürchteten dessen Wiederholung. Pius beruhigte sie durch ein Dekret, welches befahl, daß im Falle seines Todes außerhalb der Stadt die Wahl seines Nachfolgers nur in Rom erfolgen solle. Er ließ die Barone schwören, während seiner Abwesenheit Frieden zu halten; den Richterkollegien befahl er, auf ihrem Posten zu bleiben; den Bevollmächtigten aller Orte des Kirchenstaats bestätigte er deren Freiheiten und einen Steuererlaß. Zum Senator ernannte er Gianantonio Leoncilli von Spoleto, zu seinem geistlichen Vikar den Kardinal von S. Pietro in Vincoli, den berühmten deutschen Philosophen Nikolaus von Cusa. Ganz von romantischen Ideen des Kreuzzuges erfüllt, stiftete er noch wenige Tage vor seiner Abreise, am 18. Januar 1459, einen neuen Ritterorden der heiligen Maria zu Bethlehem, welchem er die vom Kardinal Scarampo eroberte Insel Lemnos zum Sitze anwies; doch dieser Orden trat nie ins Leben.

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