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Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter

Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter - Kapitel 347
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
authorFerdinand Gregorovius
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-05960-5
titleGeschichte der Stadt Rom im Mittelalter
created20011006
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1859
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4. Calixt III. Papst 1455. Tumulte der Orsini und des Grafen Eversus. Rüstungen zum Türkenkrieg. Der Kardinal Scarampo Admiral. Alfonso von Neapel stirbt, Don Ferrante wird König 1458. Calixt verweigert ihm die Investitur. Nepotismus. Die Borgia am päpstlichen Hof: die Kardinäle Don Luis de Mila und Roderich Borgia. Don Pedro Luis Stadtpräfekt. Calixt III. stirbt 1458. Erster Sturz der Borgia.

Im vatikanischen Konklave ging die Papstkrone am Haupte Capranicas vorüber, um eine Nacht lang über Bessarion zu schweben. Alain von Avignon erhob sich und sprach: »Sollen wir der lateinischen Kirche einen Neophyten und Griechen zum Papste geben? Bessarion hat noch nicht seinen Bart abgeschnitten, und er sollte unser Oberhaupt sein?« Der gelehrte Bischof von Nicaea war einsichtig genug, gegen sich selbst zu protestieren; er gab seine Stimme dem Kardinal der Vier Gekrönten, und am 8. April 1455 wurde dieser Spanier als Calixt III. ausgerufen.

Alfonso Borgia, welchem einst der heilige Vincenz Ferrer die Tiara prophezeite, hatte sie zuversichtlich erwartet. Er stammte aus Xativa bei Valencia. In seiner Jugend war er Professor zu Lerida gewesen, wo ihn noch der Gegenpapst Pedro de Luna zum Kanonikus gemacht hatte. Er galt als der erste Jurist seiner Zeit. Als Geheimschreiber Alfonsos von Aragon hatte er seine größere Laufbahn angetreten und war unter Martin V. Bischof von Valencia, unter Eugen IV. im Jahre 1444 Kardinal geworden. Ein Leben voll Mäßigkeit und Würde, tiefe Gelehrsamkeit, geschäftliche Gewandtheit und die Verbindung mit dem Könige Alfonso machten ihm einen guten Namen in der Kurie. Die Kardinäle wählten ihn endlich zum Papst in der Voraussetzung, daß ein Greis von 77 Jahren dies nicht lange bleiben werde.

Sein Krönungsfest am 20. April störte ein Tumult der Orsini auf Grund der Feindschaft zwischen Napoleon und Eversus von Anguillara. Dieser tuszische Tyrann war selbst ein Orsini, Enkel Pandolfs, Sohn des Grafen Dolce und der Baptista Orsini von Nola. Streit um den Besitz der Grafschaft Tagliacozzo verfeindete ihn mit seinen Vettern. So groß war noch die Macht dieses Geschlechts, daß sich auf den Ruf »Orsini!« dreitausend Bewaffnete auf Monte Giordano versammelten. Sie wollten nach dem Lateran aufbrechen, um dort dem Grafen von Anguillara mitten unter dem Pomp der Krönung des Heiligen Vaters eine Schlacht zu liefern. Boten des Papsts und der Bruder Napoleons, der Kardinal Latinus, beschwichtigten den Grimm der Orsini, und der schwache Greis Calixt, froh, nicht von einem Kampfgewühl umgerissen zu sein, konnte sich endlich beruhigt auf dem Päpstlichen Stuhle niederlassen.

Seine kurze Regierung war bedeutungslos. Der Vatikan glich einem Krankenhause, wo der gichtbrüchige Papst bei Lampenlicht meist auf seinem Bette ruhte, von Bettelmönchen oder von Nepoten umringt. Die glänzenden Neigungen seines Vorgängers widerten ihn an: er blickte mit Geringschätzung auf die begonnenen Prachtbauten, die schon in ihren Grundrissen Ruinen blieben. Er ehrte die Wissenschaft nur, wo sie praktisch war; er tadelte die Verschwendung Nikolaus' V., der an Handschriften und Kleinode das Geld gewendet habe, welches zum Türkenkrieg hätte dienen sollen.

In Rom stiftete Calixt Versöhnung durch einen Waffenstillstand, welcher von Zeit zu Zeit erneuert wurde; denn der Streit der Orsini mit Eversus brach immer wieder aus, während die Stadt selbst dem päpstlichen Regiment gehorchte. Nach wie vor wurden sechsmonatlich Senatoren ernannt, unter ihnen im Mai 1455 Arano Cibò von Genua, der Vater eines nachmaligen Papsts.

Nur zwei Leidenschaften erfüllten die Seele Calixts: der Türkenkrieg und seine Liebe zu den Nepoten. Jenen hatte er gleich nach seiner Wahl als seine höchste Pflicht beschworen, ja schon als Kardinal ein solches Gelübde niedergelegt und vorweg mit seinem Papstnamen bezeichnet. Der Kampf gegen die Ungläubigen war eine national-spanische Leidenschaft in ihm. Das Papsttum, unter Eugen in die italienische Staatenpolitik, unter Nikolaus in literarische Aufgaben versenkt, fühlte unter Calixt III. den Fall Konstantinopels als Gewissensbiß, und wie zur Zeit Urbans II. sah es jetzt im Osten eine welthistorische Aufgabe vor sich, deren Lösung ihm neue Lebenskraft verleihen konnte. Alt-Rom, so sagte der fromme Bischof Antonin als Redner der Florentiner vor dem Papst, hat die Pflicht, Neu-Rom zu befreien, und er mahnte an Constantin, welcher einst Rom dem Papst geschenkt, wie an Justinian, der diese Stadt von den Goten befreit habe.

Calixt betrieb den Türkenkrieg mit rastlosem Eifer. Seine Bullen riefen die Völker zu dieser heiligen Sache auf, und Schwärme von Bettelmönchen ergossen sich kreuzpredigend über Europa. Unter den Ungarn und Kumanen versuchte Fra Capistrano, ein römischer Minorit, die erloschene Zauberkraft Peters von Amiens wiederzugewinnen. Nuntien wanderten an alle Höfe und Agenten in alle Länder der Christenheit, den Türkenzehnten und Ablaßgelder einzutreiben. Calixt selbst rüstete Schiffe aus. Er leerte den Kirchenschatz, in welchem Nikolaus V. trotz aller seiner kostspieligen Liebhabereien 200 000 Dukaten niedergelegt hatte. Er veräußerte viele Kleinode, ließ selbst von den Prachtbänden der vatikanischen Bibliothek das Gold und Silber abreißen, versetzte die kostbarste der Tiaren und verkaufte sogar Kirchengüter, um Schiffe auf der Werft der Ripa Grande zu bauen. So konnte im Frühjahr 1456 wieder eine päpstliche Flotte von sechzehn Dreirudern aus Ostia auslaufen. Den Befehl über dieses Geschwader erhielt der kraftvolle Scarampo, der Günstling Eugens, welchen die borgianische Hofpartei und mit ihr der Kardinal Pietro Barbo haßte und so aus Rom entfernte. Der Patriarch und Admiral wurde mit den pomphaften Titeln eines Legaten in Sizilien, Dalmatien, Makedonien, ganz Griechenland, den ägäischen Inseln und den Ländern Asiens ausgestattet, aber die Taten dieses priesterlichen Pompeius beschränkten sich auf einen Sieg über die Türkenflotte bei Metelino und die Plünderung einiger Inseln im Archipel.

Nur die große Schlacht am 14. Juli 1456, wo der Ungarheld Johann Hunyadi den Eroberer Konstantinopels von den Mauern Belgrads abschlug, zeigte dem Abendlande, daß die Kraft der Christen jene furchtbare Türkenmacht nach Asien zurückwerfen konnte, wenn sie vereinigt war. Daß dies nicht geschah, war nicht die Schuld des Papsts. Die Fürsten hatten nur Worte. Die ganze Christenheit erscholl auf Calixts Gebot dreimal täglich vom Klange der Glocken, doch nicht von dem der Kreuzzugsschwerter. Frankreich weigerte aus Furcht vor dem Einbruch der Engländer den Kreuzzug und verbot sogar die Veröffentlichung der päpstlichen Bullen; England weigerte sich nicht minder; der Kaiser regte sich nicht, und die Deutschen erklärten, daß ihr Land unter dem Vorwande der Türkenzehnten schon hinreichend ausgesogen sei. Der König Alfonso verwendete die Zehnten zur Ausrüstung einer Flotte, die er statt nach dem Bosporus gegen Genua aussandte, um dort seinen Feind, den Dogen Pietro Campofregoso, zu stürzen und die Adorni, seine Freunde, zu erheben. Erbittert über die Republik Siena, weil sie der Liga seiner Gegner beigetreten war, unterstützte Alfonso Jacopo Piccinino im Kriege gegen diese Stadt, während er zugleich die Absichten dieses Bandenführers förderte, welcher, auf das Glück Sforzas eifersüchtig, in Umbrien oder Etrurien ein Fürstentum zu erbeuten hoffte.

Eine tiefe Spannung verfeindete schon um des Türkenkrieges willen den Papst und jenen König. Calixt war mit ihm nach Italien gekommen, durch ihn groß geworden; nun trat er allen Absichten desselben entgegen. Er suchte die Verbindung Aragons mit Sforza zu hindern, denn infolge des Friedens beider zu Neapel hatte der Herzog seine Tochter Hippolyta Maria dem Don Alfonso, einem Enkel des Königs und Sohne Ferrantes von Kalabrien, verlobt, während Leonora von Aragon, die Tochter Ferrantes, mit Sforza Maria, dem dritten Sohne des Mailänder Herzogs, im Jahre 1456 vermählt ward. Eugen und Nikolaus hatten die Investitur Neapels nebst dem Rektorat in Benevent und Terracina dem König erteilt, indem sie zugleich seinen Bastard Ferrante legitimierten, aber Calixt weigerte sich, diesen einzigen Erben Alfonsos in der Nachfolge zu bestätigen.

Als dieser ruhmvolle Fürst am 27. Juni 1458 starb, erbte Aragon und Sizilien sein Bruder Johann, und bestieg sein Bastard Don Ferrante jenen Thron Neapels, welchen die Kraft seines Vaters dem Hause Aragon errungen hatte. Die Boten des neuen Königs flehten in Rom um Anerkennung, aber Calixt behauptete, daß Ferrante nicht einmal der natürliche Sohn Alfonsos, sondern untergeschoben sei, und er beanspruchte Neapel als heimgefallenes Kirchenlehen. So wurde dies alte Vasallenland der Kirche das ganze XV. Jahrhundert hindurch in die Politik der Päpste hineingezogen. Sie trachteten darnach, es mit dem Kirchenstaat zu vereinigen und nutzten das Königreich für ihre Nepoten aus. Ihre Unfähigkeit, Neapel in der Machtsphäre der Kirche festzuhalten, zwang sie endlich, fremde Großmächte in das Land eindringen zu lassen, wodurch die Grundlage der Unabhängigkeit Italiens zerstört ward. Ein neuer Thronstreit in Neapel drohte Italien zu verwirren; denn als Prätendenten standen bereit Karl von Viana, Neffe Alfonsos, Sohn des Königs Johann von Navarra, welcher dem Testament gemäß in Aragon und Sizilien nachfolgen sollte, und Johann von Anjou, der Sohn Renés. Der Herzog Sforza ermahnte den Papst, den Frieden Italiens nicht zu stören, fremden Mächten nicht Gelegenheit zu Einfällen zu geben. Man ahnte freilich die Gründe des Verfahrens Calixts: er hoffte, einem seiner Nepoten die Krone Neapels geben zu können, und ein solcher Plan war in der Hauspolitik der Päpste nicht neu.

Unmäßige Liebe zu seinen Verwandten verdunkelte die besseren Eigenschaften des greisen Papsts. Nachdem seine beiden Vorgänger durch ihre Absagung vom Nepotismus so preiswürdig gewesen waren, kehrte dieser Spanier unglücklicherweise zu der Familienpolitik Martins V. zurück. Wenn er geahnt hätte, daß seine blinde Nepotenliebe seinen unbescholtenen Familiennamen in der Geschichte der Kirche zum Symbol aller Verworfenheit machen sollte, so würde er wohl die Söhne seiner vier Schwestern in die tiefsten Verliese Spaniens verbannt haben. Die Borgia von Valencia waren ein Stamm, ähnlich den Claudiern im alten Rom; fast alle starklebig von Natur, schön von Körper, wollüstig und hochfahrend: ihr Wappen ein Stier. Durch Calixt III. kamen sie empor. Schon am 20. Februar 1456 hatte er, der von ihm beschworenen Wahlkapitulation zum Trotz, zweien seiner Schwestersöhne, jungen und unreifen Menschen, den Purpur zuerkannt. Der eine war Luis Juan del Mila, der andere Rodrigo Lançol, ein junger Mann von 25 Jahren. Die Nepoten wurden wie über Nacht proklamiert, und der schwache Oheim adoptierte sie, indem er ihnen den Namen Borgia gab. Er überhäufte sie mit Benefizien: der unfähige Mila wurde Legat von Bologna, Rodrigo Legat der Marken und im Jahre 1457 Vizekanzler der Kirche.

Ein dritter Nepot, Don Pedro Luis, Rodrigos Bruder, blieb Laie, um die höchsten weltlichen Ehren zu erhalten; er war um ein Jahr älter als sein Bruder, gleich schön und sinnlich, nach großen Dingen trachtend, der erklärte Günstling des Oheims, welcher nach Kronen für diesen Knaben suchte in Neapel, in Cypern oder gar in Byzanz. Calixt machte ihn zum Bannerträger der Kirche und im August 1457 zum Präfekten der Stadt. Bei dieser Gelegenheit scheint der Gebrauch aus der Zeit Ottos III. erneuert worden zu sein, denn Dort Pedro wurde mit dem Stirnreifen des Präfekten vom Papst gekrönt. Es war infolge dieses Amts, daß er seinem Neffen die Kastelle übergab, welche seit alters das Präfekturlehen ausgemacht hatten. Sodann ernannte er ihn auch zum Dux von Spoleto. Die Erhebung eines Nepoten zum Herzog eines großen kirchlichen Landgebietes war unerhört: mutig erhob Capranica Protest, doch er zog sich nur den Haß der Borgia zu. Die Nepoten herrschten im Vatikan: ihr größter Gegner Scarampo war nach den Meeren Asiens entfernt worden, ihr anderer Feind, der fürstlich reiche Latino Orsini, mußte Rom verlassen, weil Prospero Colonna auf seiten der Borgia stand. Im Kardinalskollegium war auch Barbo ihr Anhänger und der im Dezember 1456 mit dem Purpur beglückte Piccolomini, ein feiner Höfling, welcher jeder tatsächlichen Macht huldigte. Unter dem Einfluß der Borgia erlitt Rom eine spanische Invasion: denn massenweise strömten Sippen und Anhänger dieses Hauses und Glücksjäger aus Spanien in die Stadt. Seit dieser Zeit drangen spanische Sitten und Moden, selbst Sprachlaute auch in Rom ein. Man nannte die ganze Faktion der Borgia die »Katalanen«. Da in ihren Händen alle militärische und polizeiliche Gewalt lag, übten sie eine völlige Despotie aus. Die Justiz war willkürlich; man raubte und mordete ungestraft. Die Engelsburg und manche andere Festung hatte der Papst Dort Pedro übergeben; endlich wagte er es sogar, diesem unwürdigen Nepoten am 31. Juli 1458 den Vikariat in Benevent und Terracina zu erteilen. Weil nämlich Eugen IV. die Regierung dieser Städte Alfonso nur auf Lebenszeit überlassen hatte, waren sie nach des Königs Tode an die Kirche rechtlich zurückgefallen. Dort Pedro stieg jetzt zur Größe auf, von Jugend und Glück strahlend, in fürstlichem Reichtum schwelgend, der glänzendste Ritter, den man sah.

Da zertrümmerte der Tod plötzlich die ehrgeizigen Pläne der Borgia: am Anfange des August legte sich der Papst zum Sterben nieder. Alsbald erhoben sich die Orsini, um die Colonna und die Katalanen niederzuwerfen. Der für sein Leben zitternde Don Pedro übergab den Kardinälen die Engelsburg um den Preis von 20 000 Dukaten, und er selbst entfloh mit wenigen Begleitern am 5. August. Die Orsini besetzten alle Wege, die der Nepot mutmaßlich einschlagen konnte, und nur den Bemühungen seines Bruders Rodrigo, vor allem der aufopfernden Freundschaft des Kardinals Barbo verdankte er seine Rettung. Nachts geleitete ihn dieser nebst dem Protonotar Georg Cesarini auf Umwegen über Ponte Molle nach dem Tiber, wo Don Pedro ein Schiff bestieg und nach Civitavecchia entrann. Hier ergriff ihn alsbald ein tödliches Fieber; er starb im Dezember in der Burg jenes Hafens, und seine Reichtümer vermehrten die Schätze seines Erben und Bruders, der ihn schwärmerisch geliebt hatte. Am 6. August starb Calixt III., unbeweint von den Römern, welche sein Tod von dem Joch der verhaßten Katalanen erlöste. Die Orsini erhoben ein Freudengeschrei; man plünderte die Häuser der Borgia.

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